Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Fünfter Abschnitt.
Gretchens zweiter Besuch

Der eben erzählte Bruch zwischen den beiden Knaben wurde nicht sobald geheilt, und eine Zeitlang sprachen sie nur das nothwendigste mit einander. Bei ihrer natürlichen Abneigung war der Uebergang von Zorn zu Haß nicht schwer, und bei Philipp schien dieser Uebergang begonnen zu haben; Bosheit lag nicht in seiner Natur, aber eine Empfindlichkeit, die ihn zu einem starken Gefühl von Abneigung befähigte. Tom hatte ihn an seiner zartesten Stelle verletzt und in der Gradheit seines Angriffs so schmerzhaft gekränkt, als hätte er mit der ausgesuchtesten Bosheit sein Mittel gewählt und dessen Wirkung berechnet. Ihm war nämlich der Gedanke, der alte Wakem sei ein Schuft, seit lange so geläufig, daß die Aeußerung desselben ihm garnicht so schlimm schien, und er meinte daher, dieser letzte Streit mit Philipp werde sich eben so gut beilegen lassen, wie alle früheren. Aber seinen Versuchen zu einer Annäherung kam Philipp so wenig entgegen, daß er rasch um so tiefer in seine ursprüngliche Abneigung zurückfiel und den festen Entschluß faßte, weder beim Zeichnen noch bei den lateinischen Exercitien sich je wieder von Philipp helfen zu lassen. So waren sie denn beide eben nur so weit höflich gegen einander als nöthig war, damit der Pastor ihre Feindschaft nicht merkte, denn der würde mit aller Entschiedenheit dazwischen gefahren sein.

Als aber Gretchen zum Besuch kam, konnte sie es nicht lassen, Tom's neuen Schulkameraden mit steigendem Interesse anzusehen, obschon er der Sohn jenes bösen Advokaten Wakem war, den ihr Vater so haßte. Sie war grade in eine Lehrstunde hineingekommen und hatte zugehört, wie Philipp sich beim Unterrichte machte. Schon einige Wochen vorher hatte ihr Tom geschrieben, Philipp wisse eine Unmasse von Geschichten und zwar nicht so dumme wie sie, und jetzt überzeugte sie sich aus eigener Anschauung, er müsse sehr gescheut sein; hoffentlich, meinte sie, werde er sie auch dafür halten, wenn sie erst mal mit ihm spreche. Ueberdies hatte Gretchen für alle Schwache und Verwachsene eine gewisse Zärtlichkeit; sie zog die schiefhalsigen Lämmer vor, weil sie meinte, die kräftigen und ordentlich gewachsenen Lämmer fragten nicht soviel nach Liebkosungen, und am liebsten verzog sie diejenigen, Thiere wie Menschen, die sich am meisten darüber freuten, von ihr verzogen zu werden. Ihren Bruder Tom liebte sie recht von Herzen, aber doch hätte sie oft gewünscht, er möchte sich aus ihrer Liebe etwas mehr machen.

»Der Philipp scheint mir ein ganz netter Junge zu sein, Tom«, sagte sie, als sie aus dem Arbeitszimmer in den Garten traten, um die Zeit vor Tische noch spazieren zu gehen. »Für seinen Vater kann er doch nicht, und ich habe von sehr schlechten Menschen gelesen, die gute Söhne hatten, und umgekehrt von guten Eltern mit schlechten Kindern. Und wenn Philipp gut ist, dann sollten wir um so mehr Mitleid mit ihm haben, weil sein Vater kein guter Mann ist. Du magst ihn doch auch leiden, nicht wahr?«

»O, er ist ein ganz kurioser Junge«, sagte Tom kurzweg, »und mit mir brummt er gehörig, weil ich ihm gesagt habe, sein Vater wär'n Schuft. Ich hatte aber ganz Recht, daß ich ihm das sagte, denn 's ist doch wahr, und er hatte angefangen und mich zuerst geschimpft. Aber bleib jetzt mal 'nen Augenblick hier, Gretelchen; ich habe oben was zu thun.«

»Darf ich nicht mitkommen?« fragte Gretchen, die am ersten Tage des Wiedersehens ihrem Bruder gern folgte wie sein Schatten.

»Nein, 's ist etwas, was Du noch nicht wissen darfst, erst nachher«, sagte Tom und eilte in's Haus.

Am Nachmittage saßen die Knaben im Arbeitszimmer bei ihren Büchern und machten ihre Arbeiten auf morgen, damit sie am Abend zu Ehren von Gretchens Ankunft frei wären. Tom lag mit beiden Ellbogen über seiner lateinischen Grammatik und bewegte unhörbar die Lippen wie ein strenger Katholik, der sein Paternoster abbetet, und Philipp saß am andern Ende des Tisches mit zwei großen Büchern und sah so glücklich bei seinem Fleiße aus, daß Gretchen sich schier verwunderte; man sah es ihm garnicht an, daß er eine Lektion lernte. Gretchen hockte ein wenig seitwärts auf einer Fußbank, ungefähr gleich weit von den beiden Knaben und beobachtete bald den einen bald den andern. Als Philipp einmal von seinen Büchern aufblickte und nach dem Kamin hinsah, begegnete er dem forschenden Blicke ihrer beiden dunkeln Augen, die fest auf ihn gerichtet waren. Diese Schwester von Tulliver, dachte er bei sich, schien ein nettes kleines Ding zu sein, ganz anders als ihr Bruder, und er wünschte sich, er hätte auch eine kleine Schwester.

»Hurrah, Gretelchen«, sagte Tom endlich, indem er sein Buch zumachte und wegstellte – damit ging's immer sehr fix; im Aufhören war er Meister – »mit der Arbeit bin ich fertig. Komm mit mir hinauf.«

»Was hast Du denn?« fragte Gretchen, als sie draußen waren, und bei der Erinnerung an Tom's heimliches Treiben vor Tische stieg ihr ein leiser Verdacht auf. »Du willst mir doch keinen Streich spielen?«

»Nein, nein, Gretchen«, antwortete Tom im allerschmeichelndsten Tone; »'s ist was, da sollst Du recht Deinen Spaß dran haben.«

Damit schlang er seinen Arm ihr um den Hals und sie umfaßte seinen Leib, und so in einander verschlungen gingen sie hinauf.

»Aber hör' mal, Gretchen, Du darfst's auch keinem wiedersagen«, sagte Tom, »sonst krieg' ich funfzig Verse zu lernen.«

»Ist's was lebendiges?« fragte Gretchen, die eben auf den Gedanken gekommen war, Tom halte sich heimlich ein Frettchen.

»Nein, ich sag's Dir noch nicht«, antwortete er. »Stell Dich jetzt in die Ecke und halte Dir das Gesicht zu, während ich's hervorhole«, fügte er hinzu, indem er die Thür des Schlafzimmers hinter sich verschloß. »Ich will Dir schon sagen, wenn Du Dich umdrehen darfst. Daß Du aber nicht schreist!«

»Ja, wenn Du mich aber bange machst, dann schrei' ich doch«, sagte Gretchen, der die Sache etwas ernsthaft zu werden anfing.

»Ich mache Dich aber nicht bange, Du albernes Ding«, erwiderte Tom. »Nun mach, halt' Dir's Gesicht zu und gucke ja nicht zwischen den Fingern durch.«

»Das thu' ich nie«, sagte Gretchen wegwerfend und begrub ihr Gesicht in Tom's Kopfkissen. Aber Tom sah sich doch erst langsam um, während er nach dem Kleiderschranke ging; dann trat er hinein und machte die Thür beinahe ganz hinter sich zu. Gretchen blieb ruhig mit dem Gesicht im Kopfkissen liegen, weniger aus bewußtem Entschluß, als weil sie schon wieder halb im Traum war und fast vergessen hatte, wo sie sich befand; ihre Gedanken weilten bei dem armen verwachsenen Jungen, der so gescheut war; da rief Tom: »nun, Gretchen, guck Dich um!«

Nur durch lange Ueberlegung und sorgfältige Berechnung des Effekts konnte es Tom gelungen sein, sich so überraschend herauszuputzen, wie er jetzt vor Gretchen stand. Nicht zufrieden mit dem friedfertigen Ausdrucke eines Gesichtes, in welchem sich nur die leiseste Andeutung von hellblonden Augenbrauen, ein paar freundliche blaue Augen und runde Backen befanden und welches daher schlechterdings nicht fürchterlich aussehen wollte, er mochte vor dem Spiegel noch so stark die Stirn runzeln, – hatte er zu dem unfehlbaren Mittel, dem angebrannten Kork gegriffen, sich damit ein paar schwarze Augenbrauen gemalt, die über der Nase zusammenliefen, und sich auch unten am Kinn zwar nicht so sorgfältig, doch entsprechend schwarz gemacht. Um die Tuchkappe hatte er sich ein rothes Taschentuch gebunden, daß es aussah wie ein Turban, und um die Hüfte seinen rothen Shawl als Schärpe; kurz, er hatte soviel Roth an sich, daß es zusammen mit den fürchterlichen Runzeln auf der Stirn und der schrecklichen Entschlossenheit, womit er den Säbel, die Spitze nach unten, gefaßt hielt, eine annähernde Vorstellung von seiner grimmigen und blutdürstigen Stimmung gab.

Einen Augenblick stand Gretchen wie bezaubert, und Tom freute sich darüber von Herzen, aber gleich darauf lachte sie, schlug die Hände zusammen und rief: »O Tom, Du bist ja ein ganzer Blaubart!«

Es war klar, den Säbel hatte sie noch nicht bemerkt; er war auch noch in der Scheide. Bei ihrem leichtfertigen Sinn bedurfte es einer stärkeren unmittelbaren Einwirkung, um ihr Angst zu machen, und Tom schickte sich an, auch diesen Meisterstreich auszuführen. Unter verdoppeltem Stirnrunzeln zog er vorsichtig den Säbel aus der Scheide und kehrte die Spitze auf Gretchen.

»O bitte, Tom, laß das!« rief Gretchen mit kaum unterdrückter Angst und wich vor ihm in die andre Ecke des Zimmers; »bitte, bitte! ich schreie sonst, ich muß schreien, ganz bestimmt. O lieber Himmel, wär' ich doch nie mit Dir herauf gekommen!«

Um Tom's Mundwinkel spielte es wie ein freundliches Lächeln, aber er unterdrückte es sofort, weil es sich mit dem strengen Ausdruck eines großen Kriegers nicht vertrug. Langsam und möglichst leise ließ er die Scheide auf die Erde fallen und sagte finster:

»Ich bin der Herzog von Wellington – marsch!« und dabei marschirte er, das rechte Bein ein wenig gebogen, vorwärts, immer mit der Spitze des Säbels auf Gretchen los, die zitternd und mit thränenden Augen auf's Bett sprang, um ihrem wilden Bruder möglichst fern zu sein.

Glücklich über diesen Erfolg seiner militärischen Künste, gab Tom mit äußerster Kraftanstrengung eine solche Reihe von Hieben und Stößen zum besten, wie sie sich für den Herzog von Wellington nothwendig paßten.

»Tom, ich kann's nicht länger ansehen, ich muß schreien«, rief Gretchen bei der ersten Bewegung des Säbels. »Du thust Dir gewiß was zu Leide, Du schlägst Dir noch den Kopf ab!«

»Eins – zwei«, sagte Tom mit fester Stimme, aber bei zwei bebte ihm die Hand etwas, »drei« kam schon etwas langsamer; und dabei entglitt ihm der Säbel und Gretchen stieß einen lauten Schrei aus. Der Säbel war mit der Spitze Tom auf den Fuß gefallen, und sofort sank Tom selbst zu Boden. Gretchen sprang vom Bette herunter und schrie immerfort, und gleich darauf hörte man draußen eilige Tritte. Der Pastor, der den Lärm oben gehört hatte, trat zuerst herein. Er fand beide Kinder am Boden. Tom war ohnmächtig geworden und Gretchen schüttelte ihn am Kragen, schreiend und mit stieren Augen. Die Aermste glaubte, er sei todt, und doch schüttelte sie ihn, als würde ihn das wieder in's Leben bringen. Die Minute darauf schluchzte sie vor Freude, weil Tom die Augen aufgeschlagen hatte; sie dachte nicht mehr dran, daß er sich den Fuß verletzt habe; es war ihr, als sei alles Glück darin enthalten, daß er wieder am Leben sei.


 << zurück weiter >>