Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zweites Buch.
Die Schulzeit

Erster Abschnitt.
Tom's erstes Semester

Die ersten Monate hatte Tom Tulliver in der ausgezeichneten Pension des Doktor Stelling viel zu leiden. In der Akademie beim alten Jacobs war ihm das Leben noch leicht erschienen; er hatte da eine Menge Spielkameraden, und da er bei allen körperlichen Uebungen und wilden Knabenspielen gut zu gebrauchen war, so stand er unter ihnen in einem Ansehen, wie es sich nach seiner Meinung für die Person Tom Tulliver's nicht anders gebührte. Der alte Jacobs selbst imponirte den Jungens nicht grade, und wenn es zu solchen alten Bücherwürmern, wie er war, gehörte, zu schreiben wie gestochen und seine Unterschrift mit einem Schnörkel zu machen, ohne langes Besinnen richtig orthographisch zu schreiben und das längste Gedicht ohne Anstoß hersagen zu können, so war Tom seinerseits recht froh, daß ihm diese gemeinen Künste abgingen. Er wollte ja kein alter Bücherwurm werden, sondern ein stattlicher Mann wie sein Vater, der in jüngeren Jahren auf die Jagd zu gehen pflegte und eine prächtige schwarze Stute ritt, ein Prachtstück von einem Pferde, wie man nur eins sehen konnte, dessen Leben und Thaten Tom oft genug gehört hatte. Er wollte auch mal auf die Jagd gehen und ein angesehener Mann werden. Bei großen Leuten, meinte er, frage niemand nach Handschrift und Orthographie, und wenn er erst ein Mann sei, dann sei er sein eigener Herr und wolle thun was ihm beliebe. Es war ihm sehr schwer geworden, sich an den Gedanken zu gewöhnen, er solle noch länger in die Schule gehen und etwas anderes werden als sein Vater, dessen Lebensweise er immer höchst angenehm gefunden hatte, da er nichts that, als herum reiten, Befehle ertheilen und nach dem Markte gehen; auch befürchtete er, bei einem Pastor werde er sehr viel Bibelstunden haben und jeden Sonntag das Evangelium und die Epistel auswendig lernen müssen. Da ihm aber niemand genau sagen konnte, was ihm eigentlich bevorstand, so konnte er sich unmöglich denken, seine neue Pension und sein neuer Lehrer würden ganz anders sein, als die Akademie beim alten Jacobs. Er hatte sich daher für alle Fälle eine kleine Schachtel voll Zündhütchen mitgenommen, nicht um was besonderes damit anzufangen, sondern nur um seinen neuen Spielkameraden gleich zu beweisen, daß er sich schon auf Schießgewehr verstehe. Der arme Tom! Die Illusionen seiner kleinen Schwester durchschaute er recht gut; aber er war selbst nicht frei von eigenen Illusionen und diese sollten ihm nun in King's Lorton gründlich ausgetrieben werden.

Er war noch keine vierzehn Tage da, als er deutlich erkannte, daß das Leben durch den Zusatz nicht blos von lateinischer Grammatik, sondern auch von einer ganz neuen Art, das englische auszusprechen, eine höchst verwickelte Geschichte werde, und daß ihm besonders ein dicker Nebel von Blödigkeit dieselbe noch mehr verdunkele. Wie wir gesehen haben, konnte sich Tom unter seinesgleichen ganz frei bewegen, aber in Gegenwart von Doktor oder Frau Stelling wurde ihm selbst ein einsilbiges Wort so schwer, daß er sich bei Tische kaum zu sagen getraute, er bitte noch um etwas Pudding. Die Zündhütchen hätte er in der Bitterkeit seines Herzens beinahe in einen Teich geworfen, da er der einzige Schüler des Pastors war; ja, er fing sogar an, überhaupt an Schießgewehren zu zweifeln und zu verzweifeln, und ein allgemeines Gefühl überkam ihn, als ob seine ganze Lebensanschauung einen Stoß bekommen habe. Doktor Stelling hielt nämlich von Gewehren offenbar nichts, und von Pferden eben so wenig, und doch war es für Tom unmöglich, ihn so zu verachten wie den alten Jacobs. Wenn an dem Doktor etwas nicht ganz ächt war, so ging es gänzlich über Tom's Kräfte, es zu entdecken; dazu hätte er schon viel mehr Erfahrung haben müssen.

Doktor Stelling war ein untersetzter breitschultriger Mann von nicht ganz dreißig Jahren; sein Flachshaar stand aufrecht in die Höhe, und seine großen hellgrauen Augen waren immer weit offen; er hatte eine volltönende tiefe Stimme und ein Ansehen von trotzigem Selbstvertrauen, welches beinahe an Unverschämtheit grenzte. In die geistliche Laufbahn hatte er sich mit großem Nachdruck hineingeworfen und mit der ausgesprochenen Absicht, einen bedeutenden Eindruck auf seine Mitmenschen zu machen. Seine Ehrwürden, der Herr Walter Stelling, war nicht der Mann, sein ganzes Leben lang auf den untersten Stufen der Hierarchie stehen zu bleiben; er faßte den festen Entschluß eines Engländers, seinen Weg in der Welt zu machen. Zunächst als Lehrer, denn es gab vortreffliche Direktor-Stellen an gelehrten Schulen, und von diesen Stellen wollte er eine haben; daneben wollte er aber auch als Prediger immer einen bedeutenden Eindruck machen, damit seine Kirche auch aus andern Gemeinden Zulauf hätte und es immer großes Aufsehen gebe, wenn er mal auswärts einen andern vertrete. Er legte sich auf's Improvisiren, was in Landgemeinden immer für etwas wunderbares gilt. Er konnte viele Stellen aus Massillon und Bourdaloue auswendig, und wenn er diese in den tiefsten Tönen daherrollte, so thaten sie außerordentliche Wirkung, und da er verhältnißmäßig schwächliche Sätze von seiner eigenen Mache ganz eben so laut und eindringlich vertrug, so fanden seine Zuhörer diese oft eben so eindrucksvoll. Kurz, Doktor Stelling war ein Mann, der in seinem Beruf vorwärts kommen wollte, und zwar durch eigenes Verdienst, da er auf besondere Fürsprache nicht zu rechnen hatte. Ein Pastor mit so weit gehenden Plänen geräth natürlich zu Anfang etwas in Schulden; man kann von ihm nicht erwarten, daß er auf einem schlechten Fuße lebt, wie so'n armer Vikar, der es sein Leben lang nicht weiter bringt, und wenn die paar hundert Pfund, die sein Schwiegervater zur Aussteuer hergegeben hatte, nicht hinreichten zum Ankauf von schönen Möbeln, einem leidlichen Weinvorrath, einem großen Flügel und der Anlage eines hübschen Blumengartens, so folgte daraus mit unerbittlicher Nothwendigkeit, daß die genannten Gegenstände aus andern Mitteln beschafft werden mußten, oder daß der Herr Doktor sich ganz ohne sie behelfen mußte, und durch die letzte Alternative hätte der Erfolg seiner Bemühungen einen sehr thörichten Aufschub erlitten. Stelling war so breitschultrig und so entschlossen, daß er jeder Lage gewachsen war; er wollte berühmt werden, indem er seinen Zuhörern mächtig in's Gewissen redete, und mit der Zeit wollte er auch ein griechisches Drama herausgeben und mit kritischen Anmerkungen begleiten. Nur das Stück hatte er noch nicht gewählt, da er seit stark zwei Jahren verheirathet war und seine Zeit durch die Aufmerksamkeit für seine Frau sehr in Anspruch genommen wurde; aber seine Absicht hatte er ihr schon mitgetheilt und sie hegte großes Vertrauen zu ihrem Manne, der doch wirklich alles verstände.

Der erste Schritt zu künftigen Erfolgen war nun, Tom Tulliver in seinem ersten Semester tüchtig vorwärts zu bringen; denn durch ein sonderbares Zusammentreffen war ihm aus derselben Gegend ein zweiter Schüler halb und halb angeboten, und wenn es nun hieß, der junge Tulliver, der doch nach einer vertraulichen Mittheilung des Doktors an seine Frau nur ein ungeleckter Bär war, habe in kurzer Zeit riesige Fortschritte gemacht, so konnte das die Entscheidung zu Stelling's Gunsten neigen. Aus diesem Grunde nahm er es mit Tom's Unterricht sehr ernst; offenbar konnten seine Kräfte auf keinen Fall durch die lateinische Grammatik allein entwickelt werden, man mußte tüchtigen Ernst dazu thun. An sich war Doktor Stelling durchaus kein böser oder unfreundlicher Mann, – ganz im Gegentheil; er scherzte bei Tische mit Tom und verbesserte seine Aussprache und sein Benehmen in der lustigsten Weise, aber leider wurde der arme Tom dadurch nur immer konfuser und gedrückter, da er an solche Scherze von früher garnicht gewohnt war, und so hatte er zum ersten Male in seinem Leben die peinliche Empfindung, bei ihm sei alles verkehrt. Wenn z. B. Roastbeef aufgetragen wurde und der Doktor fragte: »nun Tulliver, wohin inklinirst Du weniger? zu Roastbeef oder zum Latein?« so gerieth der arme Tom, für den ein Wortspiel Das englische Wortspiel ist: to decline – decliniren und ablehnen. in seinen ruhigsten Augenblicken eine harte Nuß gewesen wäre, in einen Zustand von Schrecken und Verwirrung, worin ihm alles unklar wurde, außer daß er mit dem Latein möglichst wenig zu thun haben wollte, und er antwortete natürlich: »Zum Roastbeef«, worauf denn ein lautes Gelächter erfolgte, aus welchem Tom schloß, er habe ohne recht zu wissen wie, für Roastbeef gedankt und sich zum Narren gemacht. Hätte er einen Mitschüler gehabt, der dieselben Geschichten vergnügt durchgemacht hätte, so würde er sie auch wohl ruhiger hingenommen haben. Aber wenn ein Vater seinen Sohn als einzigen Schüler zu einem Pastor giebt, so erlangt er für ihn eine von zwei kostspieligen Formen der Erziehung: die eine ist die, wo der Knabe sich der ungetheilten Vernachlässigung des ehrwürdigen Herrn erfreut; die andre die, wo er die ungetheilte Aufsicht des ehrwürdigen Herrn zu ertragen hat. Die letztere Auszeichnung war es, welche Tulliver in den ersten Monaten, die sein Sohn in King's Lorton zubrachte, mit schwerem Gelde bezahlte.

Unser würdiger Mühlenbesitzer hatte seinen Sohn selbst hingebracht und war höchlich befriedigt zurückgekehrt. Er erkannte es für ein rechtes Glück, daß er sich an Riley gewandt habe. Doktor Stelling war ein kluger Mann und sprach so von der Leber weg, so durchaus zur Sache, hatte auf jede langsame und unklare Bemerkung Tulliver's eine freundliche Wendung: »begreife vollkommen, mein guter Herr«, oder »sehr richtig«, oder auch »ich sehe schon, Ihr Sohn soll ein Mann werden, der mal seinen Weg in der Welt macht«, – so daß Tulliver ganz entzückt war, in ihm einen Pastor zu finden, der in den alltäglichen Angelegenheiten des gewöhnlichen Lebens so zu Hause war. Nächst dem Oberrichter, der bei den letzten Assisen den Vorsitz geführt hatte, war Doktor Stelling in Tulliver's Augen der gescheuteste Kerl, der ihm je vorgekommen; hatte auch eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Oberrichter, steckte die Daumen grade so in die Armlöcher seiner Weste. Tulliver war durchaus nicht der einzige, welcher Unverschämtheit fälschlich für Gescheutheit nahm. Die meisten Leute hielten Stelling für einen gescheuten und vorzüglich begabten Mann, nur bei seinen geistlichen Mitbrüdern galt er für einen sehr langweiligen Herrn. Aber er erzählte Tulliver einige Geschichten über Spitzbuben und Mordbrenner und fragte ihn wegen der Schweinefütterung um Rath und hatte dabei etwas so durchaus schlicht bürgerliches und verständiges und eine so höfliche und glatte Art, daß der Mühlenbesitzer sich überzeugte, hier sei Tom durchaus am rechten Orte. Unzweifelhaft mußte dieser ausgezeichnete Mann auf allen Gebieten der Wissenschaft zu Hause sein und genau wissen, was Tom zu lernen habe, um es später mit den Advokaten aufnehmen zu können. Der arme Tulliver selbst wußte es nämlich nicht und mußte sich daher nothwendig auf weit ausholende Schlüsse verlassen. Man braucht ihn darum nicht auszulachen. Ich habe weit besser unterrichtete Leute gekannt, die eben so weit ausholende und durchaus nicht weisere Schlüsse machten.

Frau Tulliver ihrerseits hatte gefunden, daß die Ansichten der Frau Pastorin über das Lüften des Bettzeugs und den gesunden Appetit eines Jungen, der im Wachsen sei, vollkommen mit den ihrigen übereinstimmten, und hatte ferner gefunden, daß die Frau Pastorin, obschon sie noch eine junge Frau war und erst ein Kindbett durchgemacht hatte, über das Benehmen und den Charakter der Ammen ziemlich dieselben Erfahrungen durchgemacht hatte wie sie selbst. Auch sie äußerte sich daher auf dem Rückwege sehr befriedigt, daß ihr Tom bei einer Frau im Hause sei, die trotz ihrer Jugend ganz verständig und liebevoll wie eine Mutter zu sein scheine und so nett guten Rath annehme wie was sein könne.

»Sie müssen aber doch ziemlich wohlhabend sein«, meinte Frau Tulliver; »es ist alles so nett im ganzen Hause, und das moirirte seidene Kleid, was sie anhatte, muß 'nen hübschen Groschen Geld gekostet haben. Schwester Pullet hat auch so eins.«

»Na«, erwiderte der Mann, »er hat wohl mehr zu verzehren als sein Gehalt. Vielleicht giebt ihm der Schwiegervater was zu. Von Tom kriegt er nun auch seine hundert Pfund, und wie er selbst zugiebt, ohne viel Mühe; er sagt, das Unterrichten gehe ihm nur so von der Hand. 's ist doch ganz wunderbar«, und dabei hielt Tulliver den Kopf nachdenklich zur Seite und gab seinem Pferde einen kleinen Hieb in die Flanke.

Das Unterrichten ging also Stelling nur so von der Hand, und deshalb betrieb er's auch wohl so gänzlich einförmig und ohne Rücksicht auf die jedesmaligen Umstände, wie die Thiere zu handeln pflegen, deren Lehrmeisterin die Natur selbst ist. Es ist eine bekannte Geschichte, daß ein Biber seinen Damm eben so ernsthaft in einem Zimmer im dritten Stock baut, wie in den Gewässern von Ober-Canada; zu bauen ist mal seine Bestimmung; der Mangel an Wasser oder an künftiger Nachkommenschaft ist ein Zufall, für den er nicht kann. Mit demselben sicheren Instinkt betrieb Doktor Stelling seine natürliche Methode, die lateinische Grammatik und die Lehrsätze des Euklid dem neuen Zöglinge einzufiltriren. In seinen Augen waren Grammatik und Mathematik die einzigen Grundlagen einer soliden Bildung; alles andere war Windbeutelei und führte höchstens zur Halbwisserei. Wer auf dieser festen Grundlage stand, konnte es nur mit mitleidigem Lächeln anhören, wenn nicht so gründlich gebildete Leute hie und da auch mal zeigen wollten, daß sie was verständen. In seiner Art mochte das alles ganz gut sein, aber so die rechten Begriffe konnten diese Leute doch unmöglich haben. Bei dieser Ueberzeugung wurde Doktor Stelling nicht etwa durch die außerordentliche Gründlichkeit oder Ausdehnung seiner eigenen Gelehrsamkeit geleitet, wie das bei andern Pädagogen der Fall gewesen ist, und in Beziehung auf Mathematik hätte seine persönliche Unbefangenheit nicht größer sein können. Stelling war sehr weit davon entfernt, sich durch religiösen oder geistigen Enthusiasmus irre führen zu lassen, und andrerseits hielt er im Stillen auch nicht alles für Lug und Trug. Nach seiner Ansicht war die Religion eine ganz ausgezeichnete Sache, Aristoteles eine große Autorität, geistliche Pfründen nützliche Einrichtungen, Großbritannien das von der Vorsehung eingesetzte Bollwerk des Protestantismus, und der Glaube an den Unsichtbaren ein großer Trost für bekümmerte Seelen. An alle diese Dinge glaubte er, wie ein Gastwirth in der Schweiz an die Schönheit seiner Gegend und an die Freude glaubt, welche die Reisenden daran haben. Genau in derselben Weise glaubte Stelling auch an seine Erziehungs-Methode; er war fest überzeugt, er thue für Tom Tulliver sein bestes. Als ihm der Vater in seiner unbestimmten und unsichern Art von Rechnen und Aufnehmen sprach, hatte ihn Stelling natürlich durch die Versicherung beruhigt, er verstehe vollkommen, was er wolle; der gute Mann konnte doch unmöglich eine verständige Ansicht davon haben! Stelling hielt es für seine Pflicht, den Knaben auf die einzig richtige Art zu unterrichten; er kannte gar keine andre Art als diese einzig richtige: er hatte seine Zeit nicht damit verschwendet, sich um das zu bekümmern, was gegen die Regel war.

Es dauerte nicht lange, und der arme Tom war in seinen Augen unrettbar ein ganz dummer Junge; denn wenn er auch mit großer Anstrengung gewisse Deklinationen in den Kopf bekam, so konnte doch etwas so abstraktes wie die Beziehung zwischen Kasus und Endung sich ihm nie so fest einprägen, daß er beim Lesen gleich jeden Genitiv oder Dativ erkannt hätte. Dem Doktor war das höchst auffallend, er fand darin mehr als natürliche Dummheit, vermuthete Eigensinn dahinter oder mindestens Gleichgültigkeit und gab Tom für seinen Mangel an ausdauernder Aufmerksamkeit einen ernsten Verweis. »Du interessirst Dich nicht für das, was Du thust«, sagte er ihm, und der Vorwurf war leider zu begründet. Nie hatte Tom eine Schwierigkeit darin gefunden, einen Hühnerhund von einem Spürhund zu unterscheiden, wenn ihm der Unterscheid einmal gesagt war, und sein Anschauungs-Vermögen war durchaus nicht mangelhaft, ich glaube sogar, es war eben so stark, wie das des Herrn Doktor selbst; denn Tom konnte genau vorhersagen, wie viel Pferde hinter ihm angetrabt kämen, konnte einen Stein grade in die Mitte eines gegebenen Wellenkreises werfen, konnte bis auf einen Bruchtheil berechnen, wie viele Stocklängen sein Spielplatz breit war, und auf seiner Tafel ohne Lineal und Winkelmaß ziemlich genau ein Quadrat zeichnen. Aber für so was hatte Stelling keinen Sinn; er bemerkte nur, daß Tom für die abstrakten Regeln seiner lateinischen Grammatik keinen Kopf hatte und bei dem Beweise für die Gleichheit zweier gegebener Dreiecke halb blödsinnig wurde, obschon er die Thatsache, daß sie gleich seien, außerordentlich rasch und sicher erkannte. Daraus schloß denn Stelling, da Tom's Verstand für Etymologie und mathematische Beweise auffallend unzugänglich sei, so müsse er grade mit diesen Instrumenten besonders stark gepflügt und beackert werden: es war nämlich seine Lieblingswendung, die alten Sprachen und die Mathematik machten den Geist erst fähig, jede spätere Aussaat aufzunehmen. Gegen diese Theorie will ich nichts sagen; wenn es mal ein Reglement für alle jungen Seelen geben soll, dann ist das Stelling'sche vielleicht eben so gut wie jedes andere; aber das weiß ich, daß es dem armen Tom eben so schlecht bekam, als hätte man ihn mit Käse gefuttert, um ihn von einer Schwäche des Magens zu heilen, bei der ihm Käse unverdaulich war. Mit solchen bildlichen Ausdrücken ist's überhaupt eine eigene Sache; es ist erstaunlich, zu wie verschiedenen Resultaten man kommt, wenn man den einen durch einen andern ersetzt. Nennt man z. B. das Gehirn einen geistigen Magen, so ist mit jenem geistreichen Bilde von dem Pflügen und Beackern mittelst der alten Sprachen und der Mathematik schlechterdings garnichts gesagt. Aber dann kommt wieder ein andrer und nennt nach dem Vorgange großer Autoritäten den Geist ein Stück unbeschriebenes Papier oder einen Spiegel, und in diesem Falle hilft einem wieder die Kenntniß von dem Verdauungsprozesse garnichts. Der Einfall, das Kameel das Schiff der Wüste zu nennen, war unstreitig sehr geistreich, aber bei der Pflege und Führung dieses nützlichen Thieres verfängt er doch außerordentlich wenig. Darum, Du würdiger Aristoteles, wenn Du den Vortheil gehabt hättest, einer der kleinsten unter den Neueren zu sein, statt der größte unter den Alten, dann hättest Du in Dein Lob, eine bildliche Redeweise sei ein Zeichen großen Verstandes, gewiß die Klage gemischt, daß sich der Verstand so selten ohne Bild ausdrückt, daß wir so selten sagen können, was eine Sache ist, ohne zugleich zu sagen, sie sei noch etwas anderes!

Tom Tulliver war überhaupt in keiner Redeweise groß und gebrauchte kein Bild, um auszudrücken, was er vom Latein hielt. Er nannte es nie ein Folterinstrument und erst im zweiten Semester war er so weit vorgeschritten, um zu erklären, es sei eine rechte Plage und scheußliches Zeug. So lange man bei den Deklinationen und Konjugationen war, konnte er sich den Grund und die Absicht dieser Quälerei garnicht denken, und so unglaublich es heutzutage gewissen Leuten klingen mag, daß ein zwölfjähriger Junge, der doch nicht grade zu der gewöhnlichen Masse gehörte, die nach heutigen Begriffen das Monopol der Verdummung haben soll, keine klare Vorstellung davon hatte, wie in aller Welt es so'n Ding wie Latein auf der Welt geben könne – bei Tom war das leider wirklich der Fall. Hätte man ihm begreiflich machen wollen, es habe früher einmal ein Volk gegeben, welches in dieser Sprache Ochsen und Schafe kaufte und verkaufte und alle Angelegenheiten des täglichen Lebens verhandelte, so hätte das eine gehörige Zeit erfordert, und noch schwieriger wäre es gewesen, ihm den Grund klar zu machen, warum er diese Sprache lernen sollte, nachdem ihre Beziehung zu jenen Dingen so gänzlich zurückgetreten war. Soweit Tom auf der Akademie mit den Römern Bekanntschaft gemacht hatte, war seine Kenntniß zwar durchaus korrekt, erstreckte sich aber nur auf die Thatsache, daß sie im neuen Testamente vorkamen, und Doktor Stelling war nicht der Mann, den Geist seines Zöglings durch Beispiele und Erläuterungen zu entnerven und zu verweichlichen, oder die stärkende Wirkung der Etymologie durch einen Zusatz von oberflächlicher äußerlicher Belehrung zu mildern, wie man ihn wohl bei Mädchen anwendet.

Indeß, seltsamer Weise wurde Tom bei dieser kräftigen Behandlung mehr einem Mädchen gleich, als er je zuvor in seinem Leben gewesen war. Er hatte ein gut Theil Stolz, und bisher war er dabei in der Welt sehr gut gefahren, hatte Leute wie den alten Jacobs verachtet und in dem Gefühle unbestrittener Rechte sich beruhigt; jetzt aber holte sich dieser selbe Stolz immer nur Stöße und Beulen. Tom war zu gescheut, um nicht einzusehen, daß Stelling die Dinge ganz anders und in den Augen der Welt viel höher auffaßte, als die Menschen unter denen er bisher gelebt hatte, und daß er selbst von diesem Gesichtspunkte aus roh und dumm erschien, und da ihm das durchaus nicht gleichgültig war, so kam sein Stolz stark in's Gedränge, seine knabenhafte Selbstgenügsamkeit fiel ganz zu Boden, und er wurde beinahe so empfindlich wie ein Mädchen. Er war von Natur sehr fest, um nicht zu sagen hartnäckig, aber nicht verstockt und verhärtet, und wenn es ihm eingefallen wäre, er könne in den Stunden rascher begreifen und mithin in Stelling's Gunst steigen, wenn er möglichst – oder unmöglichst – lange auf einem Beine stände oder den Kopf mäßig gegen die Wand stieße oder dergleichen, so hätte er es sicher versucht. Endlich fiel ihm ein, vielleicht könne beten etwas helfen, aber da seine täglichen Abendgebete auswendig gelernte Formeln waren, so hatte er keine rechte Lust zu der Neuerung einer improvisirten Bitte, für die er kein Beispiel kannte. Eines Tages jedoch, als er zum fünften Male beim Supinum der dritten Konjugation stecken geblieben war und der Pastor, in der festen Ueberzeugung, das sei böser Wille, da es über die Grenzen jeder denkbaren Dummheit hinausginge, ihn sehr scharf vorgenommen und darauf hingewiesen hatte, wenn er die jetzige goldene Gelegenheit, die Supina zu lernen, nicht benutze, so werde er das später bitter bereuen – da entschloß sich Tom in seiner tiefen Zerschmetterung, zu dem letzten Mittel zu greifen, und als er den Abend für Vater und Mutter und Schwester und um Kraft, Gottes Gebote zu halten, gebetet hatte, da fügte er mit derselben leisen Stimme hinzu: »und bitte, laß mich mein Lateinisch nicht vergessen.« Dann überlegte er, wie er wegen des Euklid beten solle – ob darum daß er begriffe, was »es« bedeute, oder ob es sich dabei um eine andere geistige Befähigung handle, und endlich faßte er sich kurz dahin: »und bitte, mach' doch, daß Pastor Stelling sagt, ich brauchte keine Mathematik mehr zu lernen. Amen.«

Am folgenden Tage kam er richtig glücklich durch sein Supinum, und das ermuthigte ihn, mit seinem Zusatze zum Gebet fortzufahren, so bedenklich es ihn andrerseits machte, daß der Pastor immer noch mehr Mathematik verlangte. Aber als ihm bei den unregelmäßigen Zeitwörtern jede Hülfe ausblieb, da sank sein Glaube völlig. Offenbar schien seine Noth bei den Wirrnissen des Präsens der höheren Macht noch keiner Dazwischenkunft werth; da es aber der Gipfel seiner Noth war, was half's ihm da, noch länger zu beten? Zu diesem Schluß kam er an einem seiner langweiligen, einsamen Abende, die er im Studirzimmer mit Vorbereitungen für die Stunden des nächsten Tages verbrachte. Die Augen wurden ihm etwas feucht bei seinem Buche; das Weinen haßte er zwar und schämte sich dessen, aber oft genug mußte er selbst an Spouncer mit Wehmuth denken, mit dem er sich gezankt und geprügelt hatte; wie würde er sich jetzt so glücklich bei Spouncer gefühlt haben und so – überlegen! Und dann traten ihm die Mühle und der Fluß und der treue Yap – er spitzte die Ohren und wartete schon auf das Kommando seines jungen Herrn – wie in einem Traumbilde vor die Seele, während er in Gedanken mit seinem großen Taschenmesser und der Peitschenkordel und andern Reliquien der Vergangenheit in der Tasche spielte. Wie gesagt, Tom hatte bisher noch nie so viel mädchenhaftes gehabt wie jetzt, und in dieser Zeit der unregelmäßigen Zeitwörter war sein Geist noch mehr bedrückt von einem neuen Bildungsmittel, welches für seine Freistunden ausgesonnen war. Die Frau Pastorin war kürzlich ihres zweiten Kindchens genesen, und da für einen Knaben nichts heilsamer sein konnte, als das Bewußtsein, sich nützlich zu machen, so glaubte die Frau Pastorin, sie thue Tom einen Gefallen, wenn sie seiner Obhut den kleinen Engel Laura übergäbe, so oft das Kindermädchen mit dem Kleinsten zu thun hatte. Welch' reizende Beschäftigung für Tom, die kleine Laura an Herbsttagen in den warmen Mittagsstunden hinauszuführen! nun mußte er sich ja ganz zu Hause fühlen in der Pastorei, ganz wie einer von der Familie! Der kleine Engel Laura war für jetzt noch kein besonderer Fußgänger; sie trug daher ein Band um den Leib gebunden, an welchem sie Tom, wenn sie zu gehen beliebte, fest hielt wie einen kleinen Hund; da das aber selten vorkam, so trug er das liebe Kind meistentheils im Garten umher und zwar immer so, daß die Frau Pastorin ihn sehen konnte – das war Vorschrift.

Wäre Tom weniger gutmüthig gewesen, so hätte ihm der kleine Engel Laura verhaßt werden müssen, aber dazu hatte er zu viel Herzensgüte, zuviel von der Ader ächter Mannheit, von dem hochherzigen Mitgefühl für Schwache. Die Frau Pastorin, fürcht' ich, die haßte er und faßte eine dauernde Abneigung gegen blaßblonde Locken und breite Flechten, als die steten Begleiter von Hochmuth und Tadelsucht. Aber mit der kleinen Laura mußte er immer wieder spielen und machte ihr gern Vergnügen; sogar seine Zündhütchen, da er eine höhere Verwendung für sie doch zu finden verzweifelte, opferte er ihr zu Gefallen, damit sie sich an dem bischen Blitzen und Knallen erfreue – was ihm freilich tüchtige Schelte von der Pastorin zuzog; das heiße ja, ihr Kind mit Feuer spielen lehren. Laura war ihm eine Art Spielkamerad, und o! wie verlangte Tom nach Spielkameraden! Im tiefsten Herzensgrunde sehnte er sich nach Gretchen's Gesellschaft und wäre mit Freuden bereit gewesen, ihr das schlimmste von Vergeßlichkeit nachzusehen – wenn er sie nur da gehabt hätte!

So geht's: wenn er zu Haus war, that er immer, als sei es eine große Gunst, daß Gretchen auf seinen Spaziergängen neben ihm her trippeln dürfe.

Und ehe dieses traurige erste Semester zu Ende ging, kam Gretchen wirklich. Frau Stelling hatte sie eingeladen, ihren Bruder zu besuchen, wenn sie wolle, und als ihr Vater in der letzten Hälfte Oktober nach Kings Lorton fuhr, brachte er Gretchen mit, die Wunders glaubte, was sie für eine große Reise mache und wie viel sie von der Welt schon zu sehen bekäme. Es war der erste Besuch, den Tom von seinem Vater erhielt; der Junge mußte sich ja gewöhnen, nicht zu viel nach Hause zu denken.

»Nun, mein Junge«, sagte der Vater, als der Pastor fortgegangen war, um seiner Frau die Ankunft der Gäste zu melden, und Gretchen ihren Bruder mit Küssen überhäufte, »Du siehst prächtig aus, Junge; das Lernen bekommt Dir gut.«

Tom hätte lieber schlecht ausgesehen und antwortete: »ich glaube nicht, daß ich ganz wohl bin; ich wollte, Du bätest Doktor Stelling, er ließe mir den Euklid vom Halse; ich glaube, meine Zahnschmerzen kommen davon her.« Zahnschmerzen waren nämlich das einzige, woran Tom litt.

»Euklid? Was ist denn das, mein Junge?« sagte der Vater.

»Ich weiß selbst nicht recht; es sind Definitionen und Lehrsätze und Dreiecke und solche Geschichten. 's ist ein Buch, wo ich draus lerne, aber's hat keinen Sinn und Verstand.«

»Oho, Tom!« erwiderte der Vater vorwurfsvoll, »so darfst Du nicht sprechen. Du mußt lernen was Dir Dein Lehrer sagt. Er weiß, was Dir gut ist.«

»Ich will Dir helfen, Tom«, sagte Gretchen mit einer ganz komischen Miene freundlichen Patronisirens. »Ich bliebe gern ganz lange hier, wenn Frau Pastorin mich einladet. Mein Nähkästchen und meine Schürzen habe ich mitgebracht, nicht wahr, Vater?«

»Du mir helfen, Du albernes kleines Ding!« rief Tom höchlich belustigt über diese Ankündigung, und im Stillen freute er sich schon bei dem Gedanken, wie er Gretchen in Verlegenheit bringen wolle, wenn er ihr die erste Seite im Euklid zeigte. »Na, das möcht' ich doch mal sehen, wenn Du meine Arbeiten machen solltest! Ich lerne ja auch Latein. Mädchen lernen so was nicht. Dazu sind sie zu dumm.«

»Oh, ich weiß recht gut, was Latein ist«, erwiderte Gretchen mit ruhigem Selbstvertrauen. »Latein ist eine Sprache. Im Lexikon giebt's auch lateinische Wörter, z. B. bonus, das heißt eine Prämie.«

»Bah, da bist Du doch sehr im Irrthum, Fräulein Gretchen!« sagte Tom, im Stillen sehr verwundert. »Du meinst wohl. Du wärest recht gescheut, aber bonus heißt gut, – bonus, bona, bonum.«

»I, das ist gar kein Grund; es kann doch auch Prämie heißen«, antwortete Gretchen tapfer. »Es kann ja verschiedene Bedeutung haben, wie beinahe jedes andre Wort auch. Gut heißt was nicht schlecht ist, und außerdem bedeutet's auch ein Landgut.«

»Bravo, Kleine«, rief der Vater lachend, während Tom von Gretchen's Scharfsinn wenig erbaut war, aber sich doch über die Maßen freute, daß Gretchen eine Zeit lang zum Besuch bleiben sollte; wenn sie erst in seine Bücher geguckt hätte, meinte er, dann würde ihr die Einbildung schon vergehen.

Die Frau Pastorin hatte ihre Einladung für Gretchen auf eine Woche beschränkt, aber ihr Mann nahm die Kleine auf den Schooß, fragte sie, wem sie ihre schwarzen Augen gestohlen habe, und bestand darauf, sie müsse vierzehn Tage bleiben. Gretchen fand den Pastor allerliebst, und der alte Tulliver war ganz stolz in dem Gedanken, sein kleines Mädel könne jetzt ihr Licht leuchten lassen vor Leuten, die es zu würdigen wüßten. Es wurde also abgemacht, sie sollte erst nach vierzehn Tagen wieder abgeholt werden.

»Nun komm, Gretchen, wir wollen in's Arbeitszimmer«, sagte Tom, sobald der Vater fort war. »Warum schüttelst und wirfst Du noch immer so mit dem Kopfe, Du Närrchen?« fuhr er fort; denn obgleich ihr Haar jetzt glatt hinter's Ohr gekämmt war, hatte sie die alte Gewohnheit beibehalten, als wenn es ihr noch immer in's Gesicht hinge. »Es sieht aus, als wärst Du verrückt.«

»O, ich kann nicht dafür«, erwiderte Gretchen ungeduldig; »quäl' mich nicht, Tom. Himmel, welche Menge Bücher«, rief sie aus, als sie die Bücherbretter im Arbeitszimmer sah. »So viele Bücher möcht' ich auch haben!«

»I, Du kannst keins davon lesen!« sagte Tom triumphirend; »es sind lauter lateinische Bücher.«

»Das sind sie nicht«, erwiderte Gretchen. »Hier ist ein englischer Titel: die Geschichte des Verfalls und Untergangs des römischen Reichs.«

»Aber was bedeutet das? das weißt Du doch nicht«, sagte Tom und schüttelte neckend den Kopf.

»Oh, das wollt' ich bald genug herausbringen«, erwiderte Gretchen verächtlich.

»Na, wie denn?«

»Ich schlüge das Buch auf und sähe nach was drin steht«, und dabei nahm sie das Buch in die Hand.

»Das laß hübsch bleiben, Gretchen«, fuhr Tom auf; »dem Doktor seine Bücher darf man nicht ohne Erlaubniß anfassen, und wenn Du eins herausnimmst, dann krieg' ich die Strafe.«

»Na, denn zeig mir alle Deine Bücher«, erwiderte Gretchen, indem sie Tom umfaßte und ihr kleines rundes Näschen gegen seine Backe rieb.

Tom war so herzensfroh, sein liebes Gretchen wieder bei sich zu haben und sich mit ihr zanken und sie auslachen zu können, daß er sie in den Arm nahm und mit ihr um den großen Tisch herum tanzte. Immer wilder und wilder sprangen sie herum, bis Gretchen's Haar sich löste und wie ein lebendig gewordener Flederwisch herumflog. Ihre Drehungen wurden immer unregelmäßiger, bis sie endlich an Stelling's Lesepult stießen und es mit lautem Gekrache hinwarfen. Glücklicherweise lag das Zimmer zu ebener Erde in einem besondern kleinen Anbau, so daß man das Gepolter nicht weit hörte, aber doch blieb Tom einige Augenblicke ganz entsetzt stehen, weil er fürchtete, der Pastor oder seine Frau könne hereinkommen.

»Um Gotteswillen, Gretchen«, sagte Tom endlich, indem er das Lesepult in die Höhe richtete, »hier müssen wir ganz still sein. Wenn wir was zerbrechen, dann heißt's nachher bei der Pastorin peccavi.«

»Was ist das?« fragte Gretchen.

»O, das heißt auf lateinisch eine gute Tracht Schelte«, erwiderte Tom, einigermaßen stolz auf seine Gelehrsamkeit.

»Wird die Pastorin leicht böse?« sagte Gretchen.

»Sollt's meinen!« antwortete Tom und schüttelte nachdrücklich den Kopf.

»Die Frauen sind alle böser als die Männer, glaub' ich«, meinte Gretchen. »Tante Glegg ist viel schlimmer als der Onkel, und von Mutter krieg' ich viel mehr Schelte als von Vater.«

»I, Du wirst ja selbst mal eine Frau«, erwiderte Tom, »also red' nicht so.«

»Aber ich werd' 'ne kluge Frau«, entgegnete Gretchen und warf den Kopf zurück.

»'ne schöne kluge Frau! ein ekliges eingebildetes Ding wirst Du, das kein Mensch leiden mag.«

»Aber Du darfst mich nicht hassen, Tom, das wäre recht schlecht von Dir, ich bin doch Deine Schwester.«

»Ja, aber wenn Du ein ekliges eingebildetes Ding wirst, dann mag ich Dich auch nicht leiden.«

»Aber Du wirst mich leiden mögen, Tom! Ich werde gewiß nicht eklig, ich werde sehr gut gegen Dich sein und gut gegen alle Leute. Du bleibst mir doch auch gut, nicht wahr, Tom?«

»I, dummes Zeug! Davon sei stille! Jetzt muß ich arbeiten. Komm mal her und sieh was ich zu thun habe!« Mit diesen Worten zog er Gretchen an den Arbeitstisch und zeigte ihr seine mathematischen Aufgaben; sie strich sich das Haar hinter's Ohr und schickte sich an, ihm zu beweisen, daß sie ihm wirklich beim Euklid helfen könne. Zuerst las sie mit vollem Selbstvertrauen, aber bald wurde sie völlig verwirrt, und vor lauter Gereiztheit flammte eine dunkle Röthe über ihr Gesicht. Sie sah, es ging nicht anders: sie mußte ihre Unfähigkeit eingestehen und solche Demüthigungen liebte sie nicht.

»Das ist Unsinn«, sagte sie; »ganz dummes häßliches Zeug; das braucht kein Mensch zu verstehen.«

»Aha, Fräulein Gretchen, siehst Du?« sagte Tom, indem er ihr das Buch wegnahm und das Gesicht spöttisch verzog, »Du bist doch nicht so klug wie Du meintest.«

»O«, erwiderte Gretchen schmollend, »ich würde es wohl schon verstehen, wenn ich wüßte was vorhergeht, so wie Du.«

»Aber das ist's grade! das würdest Du nie lernen, Fräulein Weisheit«, entgegnete Tom; »wenn man weiß was vorhergeht, denn wird's erst recht schwer, dann muß man wissen, was die dritte Definition ist, und was der fünfte Lehrsatz ist, aber jetzt sei still; ich muß meine Arbeit fertig machen. Da, nimm mal die lateinische Grammatik, ob Du davon was verstehst.«

Nach der mathematischen Niederlage fand Gretchen das Studium der Grammatik sehr angenehm; sie freute sich an neuen Worten und fand bald hinten im Buche englische Erläuterungen, die sie mit geringer Mühe zu einer tüchtigen Lateinerin zu machen versprachen. Die Regeln der Syntax überschlug sie; die Beispiele fesselten sie gar zu sehr. Diese geheimnißvollen, aus allem Zusammenhange gerissenen Sätze kamen ihr vor, wie fremde Hörner von Thieren und Blätter von unbekannten Pflanzen aus fremden Landen; sie eröffneten ihrer Phantasie ein weites Feld und hatten einen um so größeren Zauber, als sie in einer besonderen Sprache ausgedrückt waren, die sie allmälich verstehen lernen konnte. Wirklich, die Grammatik war sehr interessant, und sie war stolz darauf, sie interessant zu finden, schon weil Tom gemeint hatte, Mädchen könnten so was nicht lernen. Die abgerissensten Sätze hatte sie am liebsten. »Der Tod ist allen Menschen gemein« – das war an sich sehr nüchtern, aber auf lateinisch ganz hübsch; der glückliche Vater, dem jeder zu seinem hoffnungsvollen Sohne Glück wünschte, gab ihrer Vermuthung eine angenehme Beschäftigung, und in dem »dichten Haine, wo kein Stern hineindringen konnte«, hatte sie sich eben ganz verloren, als Tom ihr zurief: »Gretchen, ich gebrauche die Grammatik!«

»O Tom, was ist das für ein hübsches Buch!« erwiderte sie, indem sie aufsprang und es ihm reichte. »Das ist viel hübscher als ein Wörterbuch, und nicht ein bischen schwer. Ich glaube, Latein könnt' ich bald lernen.«

»Aha, ich weiß schon, was Du gemacht hast«, sagte Tom; »Du hast hinten das Englische gelesen. Aber das kann jedes Schaf.«

Tom nahm die Grammatik und schlug sie mit Kennermiene auf, als wollte er sagen, seine Aufgabe könne nicht jedes Schaf machen. Gretchen war etwas verdrießlich und betrachtete sich neugierig die Bücher mit den wunderbaren Titeln. Bald darauf fing Tom wieder an: »Gretchen, komm, und überhör mir meine Lektion. Stell' Dich da hinten an den Tisch, wo der Pastor immer sitzt.«

Gretchen gehorchte und nahm das Buch.

»Wo fängt's an, Tom?«

»O, da, bei » Appellativa arborum«; ich muß alles wiederholen, was ich die ganze Woche aufgesagt habe.«

Die ersten drei Zeilen kam Tom ziemlich ohne Anstoß durch und Gretchen fing schon an ihr Amt zu vergessen, indem sie mehr an die Bedeutung der Wörter als an Tom selbst dachte; da blieb er stecken bei Sunt etiam volucrum.

»Sag's mir nicht, Gretchen; Sunt etiam volucrum … Sunt etiam volucrum … ut ostrea, cetus …«

»Nein«, sagte Gretchen und schüttelte den Kopf.

» Sunt etiam volucrum«, wiederholte Tom sehr langsam, als kämen die folgenden Worte vielleicht rascher, wenn er ihnen einen starken Wink gäbe, daß er auf sie warte.

» C, e, u«, sagte Gretchen, die allmälich ungeduldig wurde.

»O, ich weiß schon – halt den Mund!« sagte Tom. » Ceu passer, hirundo; Ferarum … ferarum …« Tom ergriff seinen Bleistift und stieß damit mehrere Male hart auf den Deckel eines Buches … » ferarum …«

»O Du liebe Zeit, Tom«, rief Gretchen; »wie lange Du machst! Ut …«

» Ut ostrea …«

»Nein, nein«, sagte Gretchen; » ut tigris …«

»Richtig, nun kann ich's; ich hatt's blos vergessen; ut tigris, vulpes, et Piscium

Stotternd und sich wiederholend ging's durch die nächsten paar Verse.

»Nun weiter«, sagte Tom, »was jetzt kommt, habe ich eben für morgen gelernt. Gieb mir das Buch noch für 'nen Augenblick her.«

Nach einigem Geflüster, wozu er mit der Hand im Takt auf den Tisch schlug, gab er das Buch wieder zurück.

» Mascula nomina in a«, fing er an.

»Nein, Tom«, sagte Gretchen; »das kommt noch nicht. Erst kommt Nomen non creskens genittivo …«

» Creskens genittivo!« rief Tom höhnisch lachend; ein angehender Student braucht im Lateinischen noch nicht tief oder weit gekommen zu sein, um eine falsche Aussprache langer oder kurzer Silben lächerlich zu finden. » Creskens genittivo! Was Du für'n kleiner Dummbart bist, Gretchen.«

»Darüber brauchst Du mich nicht auszulachen, Tom; Du hast garnichts davon gewußt. Und geschrieben wird's so! Woher soll ich wissen, daß man's anders ausspricht?«

»Etsch, etsch! Hab' ich Dir nicht gesagt, ihr Mädchens könntet kein Latein lernen. Es heißt: Nomen non crescens genitivo

»Na, das kann ich grade so gut sagen als wie Du«, erwiderte Gretchen trotzig. »Und Du achtest garnicht auf die Interpunktionen; Du müßtest doppelt so lange inne halten bei einem Semikolon als bei einem Komma, aber Du machst immer die größte Pause, wo gar keine ist.«

»I, das ist ja einerlei, schwatz nicht so viel; hör' mich zu Ende.«

Gleich darauf gingen sie hinauf zum Thee, und Gretchen unterhielt sich mit dem Pastor, der, wie sie bestimmt meinte, ihre Klugheit bewunderte, so lebhaft, daß Tom über ihre Kühnheit erschrack. Aber als der Pastor plötzlich von einem kleinen Mädchen sprach, das einmal zu den Zigeunern gelaufen sei, wurde sie sofort stille.

»Was für ein komisches kleines Mädchen das sein muß!« meinte Frau Stelling scherzend, aber ein Scherz, bei dem sie als komisch erschien, war durchaus nicht nach klein Gretchens Geschmack. Sie fürchtete, am Ende halte der Pastor doch wohl nicht so viel von ihr, und ziemlich niedergeschlagen ging sie zu Bett. Frau Stelling, meinte sie, sähe sie immer darauf an, daß ihr Haar sehr häßlich sei, weil es hinten glatt hinunter hing.

Trotz alledem waren es doch glückliche vierzehn Tage, welche Gretchen bei Tom zubrachte. Sie durfte dabei sein, wenn Tom Stunden hatte, und kam dadurch ziemlich tief in die Beispiele der lateinischen Grammatik hinein. Der Astronom, der die Weiber sammt und sonders haßte, machte ihr so viel Kopfzerbrechen, daß sie eines Tages den Pastor fragte, ob alle Astronomen die Frauen haßten, oder blos dieser eine. Dabei fügte sie die Antwort gleich selbst hinzu: »ich glaube, alle Astronomen; die leben oben auf 'nem Thurme, und wenn die Frauen dahin kämen, die sprächen zuviel, und dann könnten sie nicht nach den Sternen sehen.«

Der Pastor hatte ihr Geschwätz außerordentlich gern und Gretchen stand mit ihm auf dem besten Fuße. Sie sagte Tom, bei Stelling wolle sie auch gern Unterricht haben und alles lernen was er lernte; mit dem Euklid würde sie schon fertig werden, das wisse sie ganz bestimmt; sie habe sich das Buch wieder angesehen und nun gelernt, was die Buchstaben A, B, C bedeuten; es seien die Namen für die Linien.

»Das würdest Du hübsch bleiben lassen mit dem Euklid«, erwiderte Tom; »da woll'n wir doch den Pastor drum fragen.«

»Meinetwegen«, sagte die kleine eitle Hexe, »ich will ihn selbst darum fragen.«

»Herr Pastor«, sagte sie des Abends, als sie in der Wohnstube zusammen saßen, »könnte ich nicht aus dem Euklid lernen, und aus Tom seinen andern Büchern auch, wenn Sie mich unterrichteten?«

»Nein, das könnt'st Du nicht«, rief Tom entrüstet. »Ihr Mädchen könnt Euklid nicht begreifen, nicht wahr, Herr Pastor?«

»Mädchen können wohl hie und da etwas aufgreifen«, antwortete Stelling salbungsvoll; »sie haben ziemlich viel oberflächlichen Verstand, aber gründlich können sie nichts lernen; schnell von Begriffen sind sie, aber flach.«

Tom war natürlich über diesen Ausspruch entzückt und nickte hinter dem Stuhle des Pastors her Gretchen triumphirend zu. Gretchen ihrerseits war kaum jemals so beschämt gewesen; sie hatte sich immer soviel darauf eingebildet, daß man sie gescheut nannte, und nun erwies sich dieser Vorzug als der schlimmste Mangel. Da wäre sie doch lieber so langsam von Begriffen gewesen wie Tom.

»Aha, Fräulein Gretchen«, sagte Tom, als sie allein waren, »hast Du's nun gehört? mit den schnellen Begriffen ist's nicht weit her. Gründlich kannst Du ja doch nichts lernen« – und Gretchen war durch ihr schreckliches Schicksal so niedergeschmettert, daß sie nichts erwidern konnte.

Als aber das kleine Exemplar von gescheuter Oberflächlichkeit im Wagen wieder abgeholt wurde, und Tom in seinem Arbeitszimmer wieder allein war, da entbehrte er sie doch schmerzlich. Während dieses Besuchs war er wirklich aufgeweckter gewesen und hatte leichter und besser gelernt, und sie hatte den Pastor soviel über das römische Reich gefragt, und ob es wirklich jemals einen Mann gegeben habe, der auf lateinisch sagte: »Ich gebe keinen Heller oder 'ne hohle Nuß darum«, oder ob diese Aeußerung erst in's Lateinische übersetzt sei, daß Tom förmlich eine Ahnung davon aufgegangen war, es habe mal auf Erden ein Volk gegeben, welches so glücklich war, lateinisch zu können, ohne es erst aus der Grammatik zu lernen. Dieser glänzende Gedanke war ein bedeutender Zuwachs seiner geschichtlichen Kenntnisse; sonst nämlich hatte er in diesem ersten Semester nichts gelernt als einen Auszug aus der jüdischen Geschichte.

Und endlich ging dies traurige Semester wirklich zu Ende. Wie freute sich Tom, als er die letzten gelben Blätter im Winde rascheln hörte! Die dunkeln Nachmittage und der erste Dezember-Schnee schienen ihm viel lustiger als der hellste Sonnenschein im August, und um sich die rasche Flucht der Tage, die ihn den Ferien näher brachten, deutlicher zu vergegenwärtigen, steckte er drei Wochen vor Weihnachten einundzwanzig Stöcke im Garten tief in die Erde und zog jeden Tag mit mächtigem Ruck einen heraus und schleuderte ihn weit weg.

Aber wohl war es werth, selbst um den schweren Preis der lateinischen Grammatik erkauft zu werden – das Glück, im Wohnzimmer des Vaterhauses das helle Feuer wieder zu sehen, als der Einspänner lautlos über die beschneite Brücke fuhr, – die Freude, aus der kalten Luft in die warme Stube zu treten und wieder geküßt und freundlich angelacht zu werden an dem altbekannten Kamine, wo jede Kleinigkeit bis auf das Muster des Teppichs und die Knöpfe am Drahtgitter zu jenen »angebornen Ideen« oder ersten Eindrücken gehörte, die sich ebensowenig bestreiten lassen, wie die Schwere und Ausdehnung der Materie. Nirgend in der Welt fühlen wir uns so wohl, als da, wo wir geboren sind, wo uns gewisse Dinge schon theuer wurden, ehe wir noch die Qual des Wählens kannten, wo die Außenwelt uns nur eine Erweiterung unseres eigenen Selbst schien, und wir sie aufnahmen und liebten, wie das Bewußtsein unsrer eigenen Existenz, wie das Gefühl unsrer Gliedmaßen. Sehr gewöhnlich, ja selbst häßlich mögen uns die Möbeln unsrer ersten Heimath erscheinen, und gewiß ist das Streben nach Verbesserung in unsrer Umgebung ein Hauptcharakterzug, der den Menschen vom Thiere unterscheidet, aber Gott weiß, wohin uns dieses Streben führen könnte, wenn nicht unsre Empfindungen so eine kleine Schwäche hätten für diese häßlichen alten Bekannten, wenn nicht das Gefühl der Liebe und Verehrung in unsrer Erinnerung tief festgewurzelt wäre.


 << zurück weiter >>