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Dritter Abschnitt.
Herr Riley giebt seinen Rath

Der Herr in dem großen weißen Halstuch mit dem Jabot, der so vergnüglich mit seinem Freunde Tulliver Cognac mit Wasser trinkt, ist Herr Riley, ein Mann mit einer Gesichtsfarbe wie Wachs und fleischigen Händen, für einen Auktionator und Taxator sehr gebildet, aber hochherzig genug, um gegen einfache gastfreie Landleute von seiner Bekanntschaft recht liebenswürdig freundlich zu sein. Von solchen Bekanntschaften pflegte Herr Riley herablassend zu sagen, es seien Leute von der guten alten Schule.

Das Gespräch stockte grade. Tulliver hatte sich – nicht ohne besonderen Grund – enthalten, die kaltblütige Abfertigung zum siebenten Male zu erzählen, mit der Riley es dem Dix so gut gegeben habe, und auch die andern Geschichten hatte er erledigt, wie dem hochnäsigen Wakem doch einmal in seinem Leben ordentlich über's Maul gefahren sei, und wie die Sache mit dem Deiche durch gütlichen Vergleich beigelegt worden, bei der es überhaupt nie zum Streit gekommen sein würde, wenn jedermann so wäre wie er sein sollte, und wenn der Teufel nicht die Advokaten in die Welt gesetzt hätte.

Tulliver war im Ganzen und Großen ein Mann, der sich auf der sicheren Heerstraße hergebrachter Meinungen hielt, aber über einige wenige Dinge hatte er sich doch selbst eine Ansicht gebildet und war dabei zu etwas bedenklichen Schlüssen gekommen; unter anderm meinte er, Ratten, Kornwürmer und Advokaten seien vom Teufel geschaffen, und da ihm unglücklicherweise keiner sagen konnte, das sei starke Ketzerei, so beharrte er leider in seinem Irrthum. Heute aber war dem Teufel offenbar sein Werk nicht gelungen; die Geschichte mit der Wasserkraft hatte zwar ihre Rücken und Tücken gehabt, so einfach sie auch erschien, wenn man sie von der rechten Seite ansah; aber so verwickelt sie sein mochte, Riley war doch damit fertig geworden. Tulliver trank daher heute seine Mischung von Cognac und Wasser etwas stärker als gewöhnlich und sprach für einen Mann, der muthmaßlich ein paar hundert Pfund bei seinem Bankier liegen hatte, seine hohe Achtung vor dem geschäftlichen Talente seines Freundes mit etwas unvorsichtiger Offenheit aus.

Aber der Deich blieb ihm ja immer zur Unterhaltung; darüber konnte er ja immer wieder von vorn sprechen, und wie wir wissen, hatte er etwas anderes auf dem Herzen, worüber er Riley's Rath viel dringender wünschte. Das war der besondere Grund, weshalb er nach dem letzten Trunke eine kurze Zeit still schwieg und sich nachdenklich die Kniee rieb. Er liebte keine schroffen Uebergänge. Eine schlimme Welt das, pflegte er oft zu sagen, und wer zu schnell fährt, fährt gar leicht gegen den Prellstein. Riley seinerseits hatte Zeit und Geduld. Warum auch nicht? Die Füße am warmen Kamin, dann und wann eine tüchtige Prise Tabak, und billigen Cognac mit Wasser zum schlürfen – da hätte selbst Heißsporn ruhig gesessen.

»Da geht mir was im Kopfe 'rum«, sagte Tulliver endlich mit etwas gedrückter Stimme, indem er den Kopf erhob und seinem Freunde fest in's Gesicht sah.

»Ach so«, erwiderte Riley im Tone wohlwollender Theilnahme. Mit seinen schweren Augenlidern und hochgewölbten Augenbrauen hatte er unter allen Verhältnissen immer dasselbe Aussehen, und durch diese Unbeweglichkeit seines Gesichtsausdrucks, sowie durch die Gewohnheit, vor jeder Antwort erst eine Prise zu nehmen, erschien er dem Müller doppelt und dreifach wie ein Orakel.

»Es ist ganz was besondres«, fuhr er fort; »es betrifft meinen Jungen, den Tom.«

Bei diesem Namen fuhr Gretchen, die auf einer Fußbank nahe beim Feuer saß und ein großes Buch auf dem Schooße hielt, leise in die Höhe, warf ihr schweres Haar zurück und horchte begierig auf. Es gab nicht viele Worte, die Gretchen aus ihrer Träumerei weckten, wenn sie über einem Buche saß, aber der hellste Pfiff konnte nicht so wirken wie der Name ihres Bruders Tom; in einem Augenblicke stand sie auf dem Posten und blickte aus ihren glänzenden Augen so scharf um sich, wie ein schottischer Pinscher, der Unheil wittert, – bereit auf jeden loszuspringen, der ihrem Tom etwas anhaben wollte.

»Sehen Sie, Riley, zu Johanni soll er in 'ne andre Schule; Ostern kommt er von der Akademie nach Hause, und dann soll er ein Vierteljahr feiern, aber nachher möcht' ich ihn in so 'ne recht gute Schule thun, wo er gehörig was lernt.«

»Das muß ich loben«, erwiderte Riley; »besser können Sie nicht für ihn sorgen als durch eine gute Erziehung. Nicht als ob ich meinte«, fügte er mit höflicher Herablassung hinzu, »daß einer nicht ein ausgezeichneter Müller und Landwirth sein kann, und ein gescheuter Praktikus obendrein, ohne daß er grade viel beim Schulmeister gelernt hat.«

»Ganz meine Ansicht«, entgegnete Tulliver und nickte mit den Augen und wandte den Kopf auf die andere Seite, »aber das ist grade der Punkt; Tom soll gar nicht Müller und Landwirth werden. Davon halt' ich nicht viel; denn, sehn Sie, wenn ich ihn Müller und Landwirth werden ließe, dann würde er sich darauf spitzen, daß er mal die Mühle und das Ackerland kriegt, und bei Gelegenheit gäb' er mir zu verstehen, es würde doch wohl Zeit für mich, daß ich mich zur Ruhe setzte und an mein Ende dächte. – Nein, nein, das kenne ich, das hab' ich bei Söhnen oft genug erlebt. Ich bin nicht so einer, der seinen Rock auszieht vor Schlafengehen. Ich werde Tom eine gute Erziehung geben und ihm 'n Geschäft einrichten; da kann er sich denn ein warmes Nest machen und braucht nicht darauf zu warten, daß er mich aus meinem wegtreibt. Früh genug, wenn's ihm nach meinem Tode zufällt. Ich lasse mich nicht auf Kinderbrei setzen, so lange ich noch meine Zähne habe – nein, nein, ich nicht, ich nicht.«

Offenbar war Tulliver auf diesem Punkte fest entschlossen, und der Nachdruck, mit dem er diese Rede ungewöhnlich schnell gesprochen hatte, zeigte seine Nachwirkung noch einige Minuten nachher in einem trotzigen Schütteln des Kopfes von einer Seite zur andern und einem gelegentlichen Nein, Nein, das wie ein dumpfes Grollen verhallte.

Diese bösen Zeichen entgingen der kleinen Gretchen nicht und schnitten ihr tief in's Herz. Tom sollte also fähig sein, den Vater aus dem Hause zu verdrängen, sollte so schlecht sein, ihm eine traurige Zukunft zu bereiten! Das war nicht zu ertragen; Gretchen sprang von ihrer Fußbank auf, vergaß ganz ihr schweres Buch, welches laut zur Erde fiel, und sagte, indem sie dicht an den Vater herantrat, halb weinend, halb entrüstet:

»Vater, Tom würde nie schlecht gegen Dich sein, – nie, ganz bestimmt nicht.«

Da Frau Tulliver grade draußen mit dem Abendessen zu thun hatte und Tulliver's Herz gerührt war, so bekam Gretchen diesmal wegen des Buches keine Schelte; Riley nahm es ruhig auf und sah es sich an, während der Vater mit einer gewissen Zärtlichkeit in den harten Zügen sein kleines Töchterchen anlächelte und streichelte, ihre Hände ergriff und sie auf den Schooß nahm.

»Ach so! von Tom darf man nichts böses sagen«, meinte Tulliver und nickte Gretchen zu. Dann, als könnte sie es nicht hören, sagte er etwas leiser zu Riley: »Sie versteht alles, was man sagt; so was hab' ich mein' Lebtage noch nicht gesehen. Und lesen sollten Sie sie hören! Das geht so schlank weg, als wüßte sie alles schon auswendig. Und immer bei ihren Büchern! Aber es ist doch bös, recht bös«, fügte er etwas gedrückt hinzu; »ein Mädchen darf nicht so gescheut sein, das führt zu nichts gutem, fürcht' ich. Aber wahrhaftig!« – hier gewann der natürliche Stolz wieder die Oberhand – »lesen kann sie die Bücher und verstehen, besser als mancher Erwachsene.«

Gretchen hörte das alles und wurde vor Stolz und Freude ganz roth im Gesicht: jetzt, meinte sie, würde Riley wohl Respekt vor ihr haben; vorher hatte er offenbar nichts von ihr gehalten. Er blätterte grade in dem Buche, und sie wußte nicht recht, was sie aus seinem Gesichte mit den hohen Augenbrauen machen sollte; aber nun sah er sie an und sagte:

»Komm, Kleine, und erzähl' mir was aus dem Buche; da sind ein paar Bilder; ich möchte wohl wissen, was die bedeuten.«

Noch tiefer erröthend, aber ohne Zögern stellte sich Gretchen neben Riley und sah in das Buch, faßte es begierig an einer Ecke, warf ihre Mähne zurück und sagte:

»Oh, ich will Ihnen wohl sagen, was das ist. Ein fürchterliches Bild, nicht wahr? Aber ich muß es doch immer wieder ansehen. Die alte Frau im Wasser, das ist 'ne Hexe, und die haben sie in's Wasser gesteckt, weil sie sehen wollen ob's 'ne Hexe ist oder keine, und wenn sie oben schwimmt, denn ist sie eine, und wenn sie untergeht und stirbt, denn ist sie unschuldig und keine Hexe, sondern blos 'ne arme verrückte alte Frau. Aber was soll ihr das wohl helfen, wenn sie mal erst ertrunken ist? Blos, denn kommt sie in den Himmel, und der liebe Gott wird's ihr lohnen. Und der schreckliche Schmied mit den untergeschlagenen Armen, der so lacht – hu, was der häßlich ist! Und wollen Sie wissen, wer's ist? Das ist der leibhaftige Teufel (hier wurde Gretchens Stimme lauter und ausdrucksvoller) und gar kein rechter Schmied, denn der Teufel nimmt die Gestalt von bösen Menschen an und geht umher und bringt die Leute in's Verderben, und er erscheint öfter in Gestalt eines bösen Menschen als sonst wie; denn wenn die Leute sähen, es wäre der Teufel, und er brüllte sie an, dann liefen sie weg, und er könnte nicht mit ihnen machen, was er wollte.«

Tulliver hatte diese Auseinandersetzung Gretchens beinahe starr vor Staunen angehört.

»Aber was für'n Buch hat das Mädchen da in die Hände bekommen?« rief er endlich aus.

»Die Geschichte des Teufels von Daniel Defoe«, erwiderte Riley; »das ist nicht grade ein Buch für kleine Mädchen. Wie kommt das unter Ihre Bücher, Tulliver?«

Gretchen sah ein bischen betrübt aus, während der Vater antwortete: »O, 's ist eins von den Büchern, die ich neulich auf der Auktion gekauft habe; sie haben alle denselben Einband – recht hübsch der Einband, wie Sie sehen – und ich glaubte, es wären lauter gute Bücher. ›Das gottselige Leben und Sterben‹ von Jeremias Taylor war mit dabei; da lese ich des Sonntags oft drin«, (Tulliver fühlte eine gewisse Verwandtschaft mit diesem Schriftsteller, weil er selbst mit Vornamen auch Jeremias hieß) »und noch mehr solche Bücher; ich glaube, meist Predigten; sie haben alle denselben Deckel und darum dachte ich, es stände auch ungefähr dasselbe drin. Aber man darf nicht nach dem Aeußern urtheilen, scheints; 's ist 'ne schlimme Welt.«

»Nun, Kleine«, sagte Riley in väterlich ermahnendem Tone, indem er Gretchen den Kopf streichelte, »von der Geschichte des Teufels bleib lieber fort und lies ein hübscheres Buch. Hast Du denn nichts lustigeres?«

»O doch«, erwiderte Gretchen, angenehm angeregt durch die Aussicht, die Mannigfaltigkeit ihrer Lektüre beweisen zu können, »ich weiß wohl, daß die Geschichte in diesem Buche nicht hübsch ist, aber die Bilder hab' ich gern und zu den Bildern erfind' ich mir selbst Geschichten. Ich hab' aber auch noch andre Bücher, Aesops Fabeln, und ein Buch über Känguruh's und so was, und die Pilgerreise.«

»Ah, das ist 'n schönes Buch«, meinte Riley, »Du kannst kein besseres lesen.«

»Ja, aber da steht auch viel vom Teufel drin«, sagte Gretchen triumphirend, »und ich will Ihnen das Bild zeigen, wo er in seiner wahren Gestalt mit Christian kämpft.«

Damit lief sie in die Ecke des Zimmers, sprang auf einen Stuhl und holte von dem kleinen Bücherbort ein zerlesenes altes Buch herunter, welches ohne weiteres wie von selbst an der Stelle aufklappte, wo das gesuchte Bild war.

»Da ist der Teufel«, sagte sie, indem sie eilig zu Riley zurückkam; »Tom hat ihn mir in den letzten Ferien angemalt – den Leib ganz schwarz und die Augen roth wie Feuer, weil er inwendig ganz Feuer ist, und aus den Augen scheint es heraus.«

»Stille, stille, Kind!« rief der Vater mit Nachdruck; es fing ihm an unbehaglich zu werden bei diesen rücksichtslosen, persönlichen Bemerkungen über ein Wesen, welches in seinen Augen mächtig genug war, die Advokaten in die Welt zu setzen; – »stille, Kind, mach' das Buch zu und laß uns so was nicht mehr hören. Hab' ich's mir nicht gedacht? Das Kind hat von den Büchern mehr Schaden als Nutzen. Geh fort, Mädchen, und sieh was Deine Mutter macht.«

Etwas beschämt machte Gretchen das Buch zu; nach ihrer Mutter zu sehen hatte sie aber keine Lust, sondern zog sich in eine dunkle Ecke hinter ihres Vaters Stuhl zurück und spielte mit ihrer Puppe, die sie in Tom's Abwesenheit bisweilen mit Ausbrüchen von Zärtlichkeit überhäufte, wobei sie freilich für den Anzug der Puppe nicht sorgte, aber so viele heiße Küsse an sie verschwendete, daß die wächsernen Backen ganz mager und abgezehrt aussahen.

»Haben Sie je so was gehört?« fragte der Vater, als Gretchen sich zurückgezogen hatte. »'s ist doch Schade daß sie nicht der Junge ist; die würde es mit den Advokaten aufgenommen haben. Es ist ganz kurios damit«, fuhr er mit leiserer Stimme fort; »ich habe die Mutter genommen, weil sie kein Ueberflieger war, sie sah recht gut aus, und ihre Familie war wegen ihrer Häuslichkeit berühmt; aber ich zog sie ihren Schwestern vor, grade weil sie nicht die klügste war; denn, sehn Sie, ich wollte mir doch in meinem eigenen Hause nicht drein reden lassen. Aber wenn blos der Mann nicht auf den Kopf gefallen ist, denn kann man nie wissen wie's nachher kommt; so'ne einfache gutmüthige Frau, da werden die Jungens dumm, und die Mädchen gescheut. Reinweg, die verkehrte Welt! 's ist 'ne ganz kuriose Geschichte.«

Riley hatte Mühe, ernsthaft zu bleiben, nahm zur Stärkung eine Prise und erwiderte dann:

»Aber Ihr Junge ist doch nicht dumm? Ich sah ihn, als ich das letzte Mal hier war, beim Fischen; darauf schien er sich doch gut zu verstehen.«

»Nun ja, er ist nicht grade, was man so nennt dumm; er versteht sich auf manches in der Welt und hat 'nen richtigen gesunden Menschenverstand, die Dinge anzufassen. Aber die Zunge ist ihm nicht gut gelöst, und mit dem Lesen geht's schlecht, und zu den Büchern hat er keine Lust, und er schreibt nicht richtig, wie mir die Leute sagen, und bei Fremden ist er immer verlegen, und niemals hat er so gescheute Einfälle wie das kleine Mädel. Nun möcht' ich ihn in 'ne Schule thun, wo er so recht fix würde mit rechnen und schreiben, kurz, so'n rechter fixer Bursch. Ich möchte, daß er's mal den Kerls gleich thäte, die mir in der Welt voran sind, weil sie mehr gelernt haben. Ja, wenn die Welt noch so wäre, wie Gott sie geschaffen hat, dann hätt' ich mir wohl weiter helfen wollen und keiner sollte mir voran sein; aber es ist alles so verdreht in der Welt von den vielen verzwickten Worten, wo man gar nicht weiß, was man sich dabei denken soll, daß ich manch liebes Mal nicht ein noch aus weiß. 's ist 'ne verzwickte Geschichte; je mehr einer grade aus will, desto mehr kommt er in die Irre.«

Und damit nahm Tulliver einen Zug aus seinem Glase, schluckte ihn langsam hinunter und schüttelte melancholisch den Kopf in dem traurigen Bewußtsein, er selbst sei ein rechtes Beispiel für die Wahrheit, daß ein vollkommen gesunder Kopf kaum in dieser ungesunden Welt zu finden ist.

»Ja, ja, Sie haben ganz recht, Tulliver«, meinte Riley. »Viel besser, Sie verwenden ein paar hundert Pfund auf die Erziehung Ihres Sohnes, als daß Sie ihm das Geld im Testament hinterlassen. Ich für meine Person hätte es gewiß so mit meinem Sohne gemacht, wenn ich einen hätte, obschon ich leider Gottes mit dem Gelde nicht so umspringen kann, wie Sie, Tulliver, und ein halb Dutzend Töchter obendrein habe.«

»Sie sind gewiß der rechte Mann, mir 'ne ordentliche Schule für Tom zu empfehlen«, entgegnete Tulliver, der sich durch keine Theilnahme für Riley's Finanzverhältnisse von seinem Gegenstande abbringen ließ. Riley nahm eine Prise und hielt nachdenklich schweigend Tulliver in gespannter Erwartung; endlich sagte er:

»Ich weiß 'ne recht gute Stelle, aber es gehört Geld dazu, und das haben Sie ja, Tulliver. Die Sache ist die: ich würde keinem Freunde empfehlen, seinen Sohn in eine gewöhnliche Schule zu schicken, wenn er etwas mehr anwenden kann. Wenn aber einer seinem Jungen eine ganz vorzügliche Erziehung und Bildung geben will, wo der Schüler Freund des Lehrers ist und der Lehrer ein ganz ausgezeichneter Mensch – da kann ich dienen. Ich würde die Sache nicht gegen jeden erwähnen, weil sie nicht für jeden beliebigen ist; ich sage es blos für Sie, Tulliver, unter uns – ganz unter uns.«

Der forschende Blick, den Tulliver auf das Gesicht seines Orakels geheftet hatte, belebte sich und wurde sehr neugierig.

»Nun, heraus damit; wer ist der Mann?« sagte er, indem er sich in seinem Stuhle mit dem Wohlbehagen eines Mannes zurechtsetzte, der wichtiger Mittheilungen gewürdigt wird.

»Er hat in Oxford studirt«, sagte Riley sehr gemessen, indem er seine Lippen fest schloß und Tulliver darauf ansah, was für einen Eindruck diese aufregende Mittheilung auf ihn machte.

»Wie, ein Pastor?« rief Tulliver etwas bedenklich.

»Ja wohl, ein Pastor, und ein promovirter. Der Bischof hält große Stücke auf ihn, wie ich höre; der Bischof selbst hat ihm seine jetzige Pfründe gegeben.«

»So?« meinte Tulliver, der von diesen ungewohnten Mittheilungen eine so merkwürdig fand wie die andre. »Aber was kann denn der mit Tom wollen?«

»Nun, Tulliver, die Sache ist die: er hat Freude am Unterrichten und will seine gelehrten Studien wieder auffrischen, und dazu hat ein Geistlicher auf dem Lande in seiner Gemeinde selten Gelegenheit. Er ist daher geneigt, ein oder zwei Knaben als Zöglinge zu nehmen, um seine Zeit nützlich auszufüllen. Die Knaben würden ganz zur Familie gehören; Sie können's nicht besser treffen; immer unter Doktor Stellings Aufsicht.«

»Aber kriegt der arme Junge auch immer zweimal Pudding?« fragte Frau Tulliver, die inzwischen eingetreten war. »Wie der Junge auf Pudding ist, das können Sie sich nicht denken. Und nun ist er grade im Wachsen! Es wär'n schrecklicher Gedanke, wenn er nicht satt zu essen kriegte.«

»Und was würd's kosten?« warf der Mann dazwischen; sein Instinkt sagte ihm, eine Stelle bei diesem unvergleichlichen Pastor müsse ein hübsch Stück Geld kosten.

»Nun«, erwiderte Riley, »ich kenne einen Geistlichen, der verlangt für den kleinsten Jungen seine hundertfunfzig Pfund und mit Doktor Stelling ist der gar nicht zu vergleichen. Ich weiß aus guter Quelle, daß einer von den ersten Leuten in Oxford gesagt hat, Stelling könnte die besten Stellen an der Universität haben, wenn er nur wollte. Aber daran liegt ihm nichts; er ist mehr für die Ruhe.«

»Da thut er ganz recht«, erwiderte Tulliver, »aber hundertfunfzig Pfund das ist unbändig viel, auf so viel hab' ich nie gerechnet.«

»Aber, Tulliver, für eine gute Erziehung, das muß ich sagen, sind hundertfunfzig Pfund nicht viel. Indeß, Doktor Stelling ist mäßig in seinen Ansprüchen; es ist ihm nicht um's Geld zu thun. Für hundert Pfund nimmt er Ihren Jungen, und das thut nicht jeder Pastor. Wenn Sie wollen, will ich ihm darüber schreiben.«

Tulliver rieb sich das Knie und sah nachdenklich auf den Teppich.

»Aber vielleicht ist er unverheirathet?« bemerkte Frau Tulliver dazwischen, »und von Haushälterinnen halt' ich nicht viel. Mein verstorbener Bruder, Gott hab' ihn selig – der hatte mal 'ne Haushälterin, die nahm ihm die halben Federn aus dem besten Bette und brachte sie aus dem Hause, und wieviel Leinen sie über Seite geschafft hat, das ist gar nicht zu sagen. Stott hieß die Person. Nein, das brächt' ich nicht über's Herz, wenn Tom in ein Haus sollte, wo blos 'ne Haushälterin ist, und hoffentlich denkst Du auch nicht daran, Tulliver.«

»Darüber sein Sie ganz außer Sorge«, beruhigte sie Riley; »Stelling ist verheirathet und hat 'ne allerliebste kleine Frau, so 'ne gute kleine Frau, wie es nur in der Welt giebt; ich kenne ihre Familie recht gut. Sie sieht Ihnen ein bischen ähnlich, hat helles krauses Haar; sie ist von einer recht guten Familie in Mudport, da hätte nicht jeder Freier kommen dürfen. Aber Stelling ist kein gewöhnlicher Mann, er ist eher etwas apart in der Wahl seiner Bekanntschaften. Indeß, ich glaube, gegen Ihren Sohn würde er nichts einzuwenden haben; auf meine Empfehlung, glaube ich, wird er ihn wohl nehmen.«

»Ich wüßte auch nicht, was er gegen den Jungen haben könnte«, erwiderte Frau Tulliver mit einem leisen Anfluge von mütterlicher Entrüstung; »so'n netter frischer Junge, wie man ihn nur sehen kann.«

»Aber eins fällt mir noch ein«, sagte Tulliver und blickte von dem Teppich auf; »ist nicht so'n Pastor beinah zu hoch gelehrt für 'nen Jungen, der Geschäftsmann werden soll? Wie ich mir so die Pastore denke, sind sie meist gelehrt in ganz entlegenen Geschichten, und darauf kommt's mir bei Tom nicht an. Er soll rechnen können und schreiben wie gedruckt, und rasch begreifen, und verstehen was die Leute wollen, und seine Worte so drehen können daß man ihn nicht darum anfassen kann. 's muß doch zu hübsch sein«, so schloß er mit gewichtigem Kopfschütteln, »wenn man einem ordentlich die Wahrheit sagen kann, ohne daß man dafür zu zahlen braucht.« In England wird bei Injurien auf Schadenersatz erkannt. Anm. d. Uebers.

»O mein lieber Tulliver«, sagte Riley, »da sind Sie ganz im Irrthum wegen der Pastore; die besten Lehrer sind immer Pastore. Die Lehrer, welche keine Geistlichen sind, sind meistens sehr gewöhnliche Leute.«

»Ja, der Jakobs wenigstens, der die Akademie hat«, warf Tulliver dazwischen.

»Gewiß, gewiß, meist Leute, denen sonst alles mißlungen ist. Ein Pastor aber, der ist durch Beruf und Erziehung ein vornehmer Mann, und außerdem hat er die Kenntnisse um einen Jungen recht gründlich zu bilden, daß er jede Karriere mit Erfolg betreten kann. Es giebt wohl Pastore, die blos Bücherwürmer sind, aber so einer ist Stelling nicht, darauf können Sie sich verlassen – oh, das ist ein offner Kopf, der ist gerieben, bei dem braucht man blos zu winken. Sie sprachen da eben vom Rechnen; nun, zu Stelling brauchen Sie blos zu sagen: ›mein Sohn soll gründlich Mathematik lernen‹, und das weitere wird er schon besorgen.«

Riley hielt einen Augenblick inne, während Tulliver, sichtlich beruhigt über die pädagogische Begabung der Pastore, sich im Geiste mit irgend einem Doktor Stelling darüber unterhielt, daß sein Sohn gründlich Mathematik lernen solle.

»Sie müssen wissen, lieber Tulliver«, fuhr Riley fort, »so'n gründlich gebildeter Mann wie Stelling, der unterrichtet in jedem Zweige der Wissenschaft. Wer sich auf sein Handwerkszeug versteht, der macht Ihnen eben so gut 'ne Thüre wie'n Fenster.«

»Ja, das ist richtig«, sagte Tulliver, allmälich fest überzeugt, die Pastore müßten die besten Lehrer sein.

»Wissen Sie, Tulliver, was ich für Sie thun will?« fing Riley wieder an; »ich thät's nicht für jeden. Ich will mit Stelling's Schwiegervater sprechen, oder ihm einen Brief dalassen, worin ich ihm sage, Sie wollten Ihren Tom zu seinem Schwiegersohne geben; dann wird Stelling wohl selbst an Sie schreiben, denk' ich mir, und Ihnen seine Bedingungen mittheilen.«

»Aber die Sache hat doch nicht so große Eile«, meinte Frau Tulliver; »ich hoffe, Du schickst Tom nicht vor Johanni in die neue Schule. Auf der Akademie fing er auch um Ostern an, und was das geholfen hat, das siehst Du selbst.«

»Schon gut, schon gut, Betty«, antwortete ihr Mann; »diesmal hast Du Recht; so große Eile hat's nicht.«

»Es wäre aber doch gut, die Sache nicht zu lange zu verschieben«, bemerkte Riley; »vielleicht bekommt Stelling noch andre Anerbietungen, und mehr als zwei oder drei Zöglinge nimmt er gewiß nicht, das ist das höchste. An Ihrer Stelle würde ich mich sofort mit Stelling in Verbindung setzen; Sie brauchen ja den Jungen nicht vor Johanni hinzuschicken; aber den Platz für ihn würde ich mir doch sichern.«

»Ja freilich, das hat was für sich«, antwortete Tulliver.

Mittlerweile hatte sich Gretchen unbemerkt wieder an ihres Vaters Seite geschlichen und hörte mit offenem Munde zu, während sie ihre Puppe mit dem Kopfe nach unten hängen ließ und ihr die Nase gegen den Stuhl platt drückte. »Vater«, fiel sie jetzt ein, »ist das weit von hier, wo Tom hin soll? Können wir ihn da besuchen?«

»Ich weiß nicht, Mädel«, antwortete der Vater zärtlich; »frag Herrn Riley, der kann's Dir sagen.«

Sofort stellte sich Gretchen vor Riley hin:

»Bitte, Herr, wie weit ist es?«

»Oh, weit, weit weg«, antwortete dieser Herr; nach seiner Ansicht mußte man mit Kindern, wenn sie nicht unartig waren, immer Spaß machen. »Du mußt Dir die Siebenmeilenstiefeln borgen, wenn Du ihn besuchen willst.«

»So'n Unsinn«, rief Gretchen, warf den Kopf stolz zurück und wandte sich ab, indem ihr die Thränen in die Augen traten; sie mochte den Riley nicht leiden; es war klar, er hielt sie für ein albernes kleines Ding.

»Still doch, Gretchen, schäm' Dich so zu fragen und zu schwatzen«, sagte die Mutter; »komm' her, setz' Dich auf Deine kleine Fußbank und halt den Mund. Aber«, fügte sie aus eigner Sorge hinzu, »ist es so weit, daß ich ihm nicht die Wäsche besorgen kann?«

»Sechs bis sieben Stunden, weiter nicht«, antwortete Riley; »in einem Tage können Sie ganz bequem hin und zurückfahren. Aber Stelling ist so gastfrei und freundlich; er behält Sie gewiß gern über Nacht da.«

»Aber für die Wäsche ist's doch zu weit, fürcht' ich«, entgegnete Frau Tulliver wehmüthig.


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