Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Achter Abschnitt.
Auf dem Wrack wird's Tag

Es war ein klarer kalter Januartag, als Tulliver zuerst hinunter kam; der helle Sonnenschein auf den Zweigen des Kastanienbaumes und den Dächern seinem Fenster gegenüber hatte ihn ungeduldig gemacht, und er erklärte, er wolle nicht länger im Käfig sitzen; er glaubte, überall sonst wäre es lustiger in diesem Sonnenschein, als in seiner Schlafkammer; denn er hatte keine Ahnung, wie kahl es unten war und wie lästig der Strom des Lichtes da hineindrang, als hätte es eine grausame Freude daran, die leeren Stellen zu zeigen und die großen Flecke an den Wänden, wo sonst altbekannter Hausrath gewesen war. Er dachte in seinem Sinn, es sei erst gestern gewesen, als er den Brief von seinem Advokaten Gore erhielt, und jeder Versuch, ihm beizubringen, daß seitdem schon manche Woche vergangen und manches vorgefallen sei, war an seiner unaufhörlichen Vergeßlichkeit so erfolglos gescheitert, daß selbst der Arzt daran verzweifelte, ihn auf eine Erkenntniß seiner neuen Lage vorzubereiten. Er mußte diese Lage allmälich selbst erleben; die Worte waren schwächer als die Eindrücke früherer Erlebnisse. Seine Frau und Kinder hörten von seinem Entschlusse, unten im Hause einen Besuch zu machen, mit Zittern und Zagen. Die Mutter sagte, Tom dürfe nicht zur gewöhnlichen Stunde nach der Stadt gehen, sondern müsse noch warten, bis der Vater unten sei, und Tom gab nach, obschon er vor der peinlichen Scene krampfhaft zurückbebte. Alle drei waren in den letzten paar Tagen tiefer niedergeschlagen gewesen als je. Denn nicht Guest und Comp. hatten die Mühle erstanden, sondern alles, die Mühle und die Ländereien waren Wakem zugeschlagen, der bald darauf die ganze Besitzung in Augenschein genommen und in Frau Tulliver's Gegenwart sich gegen die beiden Schwäger Deane und Glegg bereit erklärt hatte, Tulliver als Geschäftsführer anzunehmen, falls er wieder hergestellt würde. Dieser Vorschlag wurde natürlich in der Familie lebhaft besprochen. Die Onkel und Tanten waren fast einstimmig der Ansicht, ein solches Anerbieten dürfe man nicht ausschlagen, da nichts dagegen spreche als Tulliver's Gefühl, und da weder Tanten noch Onkel es theilten, so galt es für lediglich unverständig und kindisch, ja im Grunde für eine Uebertragung desjenigen Aergers und Hasses auf Wakem, den Tulliver wegen seiner Händelsucht im allgemeinen und seiner thörichten Prozeßwuth im besondern eigentlich gegen sich selbst hätte wenden sollen. Tante Glegg vor allen war der Ansicht, wenn Tulliver wieder zu Verstande käme, so müsse man ihn fühlen lassen, daß er sich nie genug demüthigen könne, denn nun sei das eingetreten, was, wie sie immer vorausgesagt habe, von seiner Unverschämtheit gegen die, die jetzt seine besten und einzigen Freunde seien, hätte kommen müssen. Onkel Glegg und Onkel Deane waren weniger hart in ihren Ansichten, glaubten aber doch beide, Tulliver habe genug Unheil gestiftet durch seine heißblütigen Launen und müsse sie jetzt überwinden, wo es sich um eine Stelle handle, von der er leben könne; er solle sich an Wakem ein Beispiel nehmen, der zeige das rechte Gefühl, der habe auf Tulliver keinen Groll.

Tom eiferte auf's entschiedenste gegen den Vorschlag; er wollte es nicht leiden, daß sein Vater unter Wakem stände, und erklärte es für feige und gemein; aber das Hauptleiden seiner Mutter war die vollständige Unmöglichkeit, ihren Mann jemals in Bezug auf Wakem herumzukriegen oder ihn dahin zu bringen, daß er Vernunft annehme; sie fürchtete, sie müßten alle hingehen und in einem Schweinestalle wohnen, und blos Wakem zum Trotz, der doch so anständig handle wie kein andrer. Durch diesen seltsamen Zusammenfluß von unvorhergesehenem Kummer, gegen den sie unaufhörlich die Frage aufwarf: »Du liebe Güte, womit hab' ich's denn nur verdient, daß es mir so viel schlechter geht als andern Frauen?« – war Frau Tulliver in einem solchen Zustande der Verwirrung, daß Gretchen beinahe fürchtete, ihre arme Mutter verlöre ganz den Verstand.

»Tom«, sagte sie, als sie zusammen aus ihres Vaters Zimmer kamen, »wir müssen Vater ein wenig begreiflich zu machen suchen, was passirt ist, ehe er hinunter geht. Aber erst laß uns Mutter entfernen, sonst sagt sie etwas, was nur schadet. Sag' Käthchen, sie möchte sie herunterholen und ihr in der Küche was zu thun geben.«

Käthchen war dieser Aufgabe gewachsen. Nachdem sie einmal erklärt hatte, sie wolle im Hause bleiben, bis der Herr wieder umhergehen könne, und auf Lohn komme es ihr dabei gar nicht an, hatte sie eine gewisse Belohnung darin gefunden, daß sie ihre Herrin streng unter der Zucht hielt und sie ausschalt, weil sie sich so abhetze und den ganzen Tag umherginge ohne die Haube zu wechseln, und überhaupt aussähe wie ein Hausdrache. Alles in allem war diese Zeit der Noth für Käthchen eine kleine Saturnalie; sie konnte mit unbeschränkter Freiheit schelten. In dem vorliegenden Falle mußte trockene Wäsche hereingeholt werden; sie möchte doch wissen, sagte sie, ob denn zwei Hände alle Arbeit thun könnten, im Hause und draußen, und nach ihrer Meinung, fügte sie hinzu, würde es Frau Tulliver ganz gut sein, wenn sie ihren Hut aufsetze und etwas frische Luft schöpfe, indem sie dies bischen nöthige Arbeit thäte. Die arme Frau Tulliver ging denn auch gehorsam hinunter; sich von einer Dienstmagd was befehlen lassen, war das letzte Ueberbleibsel ihrer Würde als Hausfrau; bald hatte sie ja keine Dienstmagd mehr, von der sie ausgescholten werden konnte.

Unterdeß saß Tulliver oben in seinem Lehnstuhl und ruhte von der Mühe des Ankleidens aus; Gretchen und Tom saßen bei ihm, und Lukas kam herein und fragte, ob er dem Herrn die Treppe hinunterhelfen solle.

»Ja, ja, Lukas, aber wartet noch 'nen Augenblick, setzt Euch«, sagte Tulliver und zeigte mit der Hand auf einen Stuhl und sah ihn dabei mit dem starren Blicke an, mit welchem kranke Leute während ihrer Wiedergenesung wohl diejenigen anblicken, die sie gepflegt haben, grade wie ein Kind sich nach seiner Amme umsieht; Lukas hatte nämlich manche liebe Nacht an seines Herrn Bette Wache gehalten.

»Wie ist's mit dem Wasser heute, Lukas?« fragte Tulliver; »Dix hat doch nicht wieder alles gestaut, he?«

»Nein, Herr, 's ist alles in Ordnung.«

»Aha, das könnt' ich mir wohl denken; er thut das sobald nicht wieder; Riley hat's ihm gelegt. Das sagt' ich noch gestern zu Riley … ich sagte …«

Bei diesen Worten legte sich Tulliver vorn über, stützte sich mit den Ellbogen auf die Stuhllehne und blickte zu Boden, als suche er da etwas; er haschte nach entschwindenden Bildern, wie ein Mann, der sich gegen den Schlummer wehrt. In stummem Jammer sah Gretchen Tom an; ihres Vaters Geist war so weit ab von der Gegenwart, die sich seinem irrenden Bewußtsein bald schrecklich genug aufdrängen mußte. Tom wäre am liebsten fortgestürzt; ihn hatte die Ungeduld schmerzlicher Erregung gepackt, die eins der unterscheidenden Merkmale zwischen Knabe und Mädchen, Mann und Frau ist.

»Vater«, sagte Gretchen und legte ihre Hand auf seine; »weißt Du denn nicht mehr, daß Riley todt ist?«

»Todt?« fragte der Vater mit scharfem Ton und sah ihr mit einem seltsam forschenden Blicke in's Gesicht.

»Ja wohl, er starb ja vor beinahe einem Jahre am Schlagfluß; ich erinnere mich, daß Du sagtest, Du müßtest Geld für ihn bezahlen; und seinen Töchtern geht's schlecht, eine ist Unterlehrerin in der Schule, wo ich gewesen bin …«

»So?« sagte der Vater bedenklich und sah ihr immer noch in's Gesicht. Aber sobald Tom zu reden anfing, wandte er sich mit demselben forschenden Blicke zu ihm, als sei er einigermaßen überrascht, die beiden jungen Leute da zu sehen. Sobald sein Geist in die ferne Vergangenheit schweifte, überkam ihn dieses Vergessen, und er erkannte ihre Gesichter nicht; so sahen ja der Junge und das kleine Mädel nicht aus, die zu jener Vergangenheit gehörten.

»Es ist schon lange her, seit Du den Streit mit Dix gehabt hast, Vater«, sagte Tom. »Ich erinnere mich, vor drei Jahren sprachst Du davon, ehe ich zu Pastor Stelling in Pension kam. Ich bin drei Jahre bei ihm gewesen, weißt Du das nicht mehr?«

Tulliver warf sich im Stuhle zurück, neue Gedanken stürzten auf ihn ein, und der kindische Blick verlor sich von seinem Gesichte.

»Ja ja«, sagte er nach kurzem Schweigen, »ich hab' ein gut Stück Geld für Dich bezahlt; ich wollte meinem Sohne eine gute Erziehung geben, ich selbst habe keine gehabt, den Mangel hab' ich recht gefühlt. Und sonst braucht mein Sohn kein Vermögen, das ist meine Meinung … wenn Wakem mich wieder unterkriegen sollte …«

Der Gedanke an Wakem regte neue Empfindungen auf, und nach einer kurzen Pause fing er an, auf den Rock zu sehen, den er anhatte, und in der Seitentasche nachzufühlen. Dann wandte er sich an Tom und sagte ganz in seiner alten scharfen Art: »Wo ist der Brief von Gore?«

Da er schon früher oft danach gefragt hatte, so lag der Brief nahebei in einem Auszuge.

»Du weißt doch, was in dem Briefe steht, Vater?« fragte Tom.

»Ja, gewiß weiß ich das«, antwortete Tulliver ärgerlich. »Aber was thut's? Wenn Furley die Geschichte nicht kaufen kann, dann kann's ein andrer; 's giebt Leute genug in der Welt außer Furley. Aber 's ist recht lästig, daß ich nicht wohl bin; geht hin, Lukas, und sagt daß sie mir das Pferd vor das Wägelchen spannen; nach der Stadt kann ich recht gut; Gore erwartet mich heute.«

»Nein, lieber Vater«, brach Gretchen flehend aus, »das ist schon lange her; Du bist viele Wochen krank gewesen, länger als zwei Monate, und in der Zwischenzeit ist alles anders geworden.«

Tulliver sah sie alle drei nach einander ganz erschrocken an; der Gedanke, daß vieles vorgefallen sei, wovon er nichts wisse, hatte ihn schon oft vorübergehend beschäftigt, aber jetzt kam er ihm wieder ganz neu vor.

»Ja, Vater«, sagte Tom als Antwort auf den Blick, »Du brauchst Dich der Geschäfte wegen nicht zu quälen, bis Du ganz wohl bist; für jetzt ist alles abgemacht, wegen der Mühle und der Ländereien und der Schulden.«

»Was ist denn abgemacht?« fragte der Vater ärgerlich.

»Nehmen Sie sich's nicht zu sehr zu Herzen«, fiel Lukas ein. »Sie hätten alle Leute bezahlt, wenn Sie könnten, – das hab' ich auch unserm jungen Herrn gesagt – ich sagte, Sie hätten gewiß alle Leute bezahlt, wenn Sie könnten.«

Wie alle zufriedenen, bei schwerer Arbeit aufgewachsenen Leute, die ihr ganzes Leben im Dienste anderer zubringen, hatte auch der gute Lukas das natürliche Gefühl der Ehrerbietung vor Höherstehenden, welches ihm den Sturz seines Herrn zu einer Tragödie machte. Er fühlte sich gedrängt, in seiner langsamen Art auch etwas zu sagen, was seine Theilnahme an dem Familien-Unglück ausdrückte, und die eben mitgetheilten Worte, die er immer und immer wieder gegen Tom geäußert hatte, wenn er die Erstattung seiner funfzig Pfund aus dem Gelde der Kinder ablehnen wollte, waren seiner Zunge am geläufigsten. Aber es waren grade die Worte, welche den wirren Sinn seines Herrn am schmerzlichsten trafen.

»Hätte alle Leute bezahlt!« sagte er mit heftiger Aufregung und sein Gesicht brannte und sein Auge leuchtete. »Wie … was … bin ich denn bankrott?«

»O Vater, lieber Vater«, rief Gretchen, welche dies fürchterliche Wort wirklich für zutreffend hielt; »trag's geduldig – weil wir Dich so lieb haben – Deine Kinder werden Dich immer lieb haben. Tom will alles bezahlen, wenn er erst groß ist.«

Sie fühlte, ihr Vater begann zu zittern, und seine Stimme bebte auch, als er nach wenigen Augenblicken erwiderte:

»Ja, mein kleines Mädel, aber ich habe nicht zweimal zu leben.«

»Aber vielleicht erlebst Du's noch, daß ich alles abbezahle, Vater«, sagte Tom, dem vor Anstrengung beinahe die Stimme versagte.

»Ach, mein Junge«, erwiderte Tulliver und schüttelte langsam den Kopf, »was zerbrochen ist, kann nie wieder heil werden; wenn's Dir gelingt, ist's Dein Verdienst, nicht meins.« Dann blickte er zu ihm auf und sagte: »Du bist erst sechzehn – 's geht schwer bergan mit Dir – aber Du mußt die Schuld nicht auf Deinen Vater werfen; die Schurken waren ihrer zu viele gegen Einen. Ich habe Dir eine gute Erziehung gegeben, das wird Dir forthelfen.«

Die letzten Worte blieben ihm fast in der Kehle stecken; die Röthe im Gesicht, die seine Kinder erschreckt hatte, weil sie so oft der Vorbote eines neuen Krampfanfalls gewesen war, hatte nachgelassen, und er sah blaß aus und bebte. Tom sagte nichts; er kämpfte noch immer gegen seine Neigung fortzulaufen. Der Vater blieb einige Minuten ganz still, aber sein Geist schien nicht mehr zu wandern.

»Haben sie mich denn ausgepfändet?« fragte er ruhiger, als hege er blos das Verlangen zu erfahren, was vorgefallen sei.

»Alles ist verkauft, Vater; aber wie es mit der Mühle und den Ländereien geworden ist, wissen wir noch nicht«, sagte Tom, der um alles jede Frage abwenden wollte, die wieder auf Wakem führen konnte.

»Es darf Dich nicht überraschen, Vater«, bemerkte Gretchen, »wenn das Zimmer unten so leer ist; aber Dein Stuhl und der Schreibsekretair sind noch da, die sind nicht mit verkauft.«

»Laßt uns gehen – helft mir hinunter, Lukas – ich will selbst hin und alles sehen«, sagte Tulliver, indem er sich mit der Rechten auf seinen Stock stützte und die Linke nach Lukas ausstreckte.

»Hier, Herr« sagte Lukas und gab ihm den Arm, »Sie werden sich schon besser drein finden, wenn Sie erst alles gesehen haben; man gewöhnt sich dran. Das sagt meine alte Mutter immer von ihrem kurzen Athem; sie sagt, jetzt habe sie sich ganz gut daran gewöhnt, obgleich sie sich erst bös dagegen wehrte, als es kam.«

Gretchen lief voraus, um nachzusehen, ob alles in dem öden Wohnzimmer in Ordnung sei, wo sogar das Feuer von dem Sonnenlicht überstrahlt wurde und die allgemeine Dürftigkeit zu erhöhen schien. Sie setzte ihres Vaters Stuhl zurecht und schob den Tisch bei Seite, damit er bequemer gehen könne, und wartete dann mit klopfendem Herzen, daß der Vater zum ersten Male herein käme und sich umsähe. Tom ging vor ihm her, brachte die Fußbank herein und stellte sich neben Gretchen an's Kamin. Von diesen zwei Kinderherzen litt Tom's Herz am meisten; denn bei aller Feinheit und Schärfe der Empfindung hatte Gretchen doch das Gefühl, als ob der Kummer Raum schaffe für den Erguß ihrer Liebe und den Flügelschlag ihrer leidenschaftlichen Natur. Dies Gefühl kennt kein ächter Junge; er ginge lieber hin und erlegte den nemeischen Löwen, oder vollführte eine Reihe von Heldenthaten – lieber, als daß er stete Berufungen an sein Mitleid ertrüge, und zwar für Leiden, über die er nicht Herr werden kann.

Grade auf der Schwelle blieb Tulliver stehn, stützte sich auf Lukas und blickte rings alle die leeren Stellen an, die für ihn mit den Schatten verschwundener Gegenstände, mit den Schatten der täglichen Gefährten seines Lebens ausgefüllt waren. Seine geistigen Fähigkeiten schienen durch diese Berufung an seine Sinne neue Kraft zu gewinnen.

»Aha«, sagte er langsam, indem er auf den Lehnstuhl zuging, »das nennt man ausverkauft … wirklich ausverkauft.«

Dann setzte er sich und legte seinen Stock hin, während Lukas hinausging, und sah sich wieder um.

»Die große Bibel haben sie uns gelassen; da steht alles drin, wann ich geboren bin und mich verheirathet habe; gieb sie mir her, Tom.«

Die große Bibel wurde offen vor ihn hingelegt, und während er auf dem ersten beschriebenen Blatte langsam mit den Fingern hin- und herfuhr, trat seine Frau in die Thür, blieb aber stumm vor Ueberraschung stehn, daß ihr Mann schon unten sei und in der großen Bibel lese.

»Aha«, sagte er und hielt mit den Fingern an, »meine Mutter war Margarethe Beaton, sie starb in ihrem siebenundvierzigsten Jahre; sie war aus keiner langlebigen Familie, und wir sind unsrer Mutter Kinder, Margret und ich, wir werden wohl bald zur letzten Ruhe gehen.«

Bei der Geburt und Heirath seiner Schwester schien er länger zu verweilen, als denke er dabei über etwas nach; dann blickte er plötzlich zu Tom auf und sagte wie erschrocken mit scharfem Tone:

»Sie sind dem armen Moß doch nicht zu Leibe gegangen wegen des Geldes, was ich ihm geliehen habe?«

»Nein, Vater«, antwortete Tom, »der Schuldschein ist verbrannt.«

Und wieder blickte Tulliver auf das Blatt nieder und sagte gleich darauf:

»Aha … Elisabeth Dodson … 's sind achtzehn Jahr, daß wir uns heiratheten …«

»Nächste Ostern werden's achtzehn«, sagte Frau Tulliver, indem sie sich neben ihn stellte und ihm in's Buch sah.

Ihr Mann sah ihr ernsthaft in's Gesicht.

»Arme Betty, Du warst 'n hübsches Mädchen damals, das sagte jeder, und früher glaubte ich immer, Du hättest Dich recht gut gehalten. Aber nun bist Du schlimm gealtert … sei mir nicht böse drum … ich meinte es gut mit Dir … wir versprachen, einander beizustehen in Freude und Leid …«

»Aber ich hätte doch nie gedacht, daß es so schlimmes Leid geben würde wie jetzt«, erwiderte die arme Frau mit dem seltsamen scheuen Blick, der in der letzten Zeit über sie gekommen war, »und daß es auch so alles auf einmal kommen muß …«

»O Mutter«, fiel Gretchen ein, »sprich doch nicht so.«

»Ihr wollt eure arme Mutter nie sprechen lassen … und so ist's immer gewesen, mein ganzes Leben lang … euer Vater hat sich nie darum gekümmert, was ich sagte … und hätte ich auch gebeten und gefleht, es hätte doch nichts geholfen … und jetzt hilft es wieder nichts, wenn ich auch auf die Kniee sänke …«

»Sag' das nicht, Betty«, fiel ihr Mann ein, dessen Stolz in diesen ersten Augenblicken der Demüthigung durch das Gefühl niedergehalten wurde, daß die Vorwürfe seiner Frau nicht ungerecht seien. »Wenn's was giebt, womit ich Dir Ersatz schaffen kann, ich will's Dir nicht versagen.«

»Dann könnten wir hier bleiben und unser Brod verdienen, und ich hätte doch meine Schwestern in der Nähe … und ich bin immer so 'ne gute Frau gegen Dich gewesen und habe Dir nie zuwider gehandelt, einen Tag wie den andern … und die andern sagen's doch alle, es wäre nicht mehr als recht und billig … blos, Du bist so eingenommen gegen den Wakem.«

»Mutter«, sagte Tom mit strengem Tone, »jetzt ist nicht die Zeit davon zu reden.«

»Laß sie«, sagte der Vater. »Sag', was Du meinst, Betty.«

»Na, die Mühle und die Ländereien gehören doch jetzt alle Wakem; was hilft's Dir da, daß Du so aufsässig bist gegen ihn? Und er sagt doch, wir könnten hier bleiben, und benimmt sich so anständig wie was sein kann, und Du sollst sein Geschäftsführer werden und dreißig Schilling die Woche haben und ein Pferd, um nach dem Markte zu reiten. Wo sollen wir sonst wohl unser Haupt hinlegen? Wir müßten in eine Hütte bei den Bauern zur Miethe gehen … und soweit bin ich mit meinen Kindern nun gekommen … und alles blos, weil Du gegen andre Leute so aufsässig bist, daß Du Dich garnicht mehr herumkriegen läßt.«

Tulliver war in seinen Stuhl zurückgesunken und zitterte am ganzen Leibe.

»Mach' mit mir was Du willst, Betty«, sagte er mit leiser Stimme; »ich hab' Dich an den Bettelstab gebracht … es waren ihrer zu viele gegen einen … ich bin bankrott … da hilft's nichts mehr, daß man sich wehrt.«

»Vater«, rief Tom, »ich denke anders wie Mutter und die Onkel; ich glaube nicht, daß Du nachgeben und bei Wakem in Dienst treten darfst. Ich verdiene jetzt jede Woche ein Pfund, und Du findest gewiß auch was, wenn Du erst besser bist.«

»Sei stille, Tom, sag' nichts weiter; für heute hab' ich genug. Komm, gieb mir 'nen Kuß, Betty, und laß uns vergeben und vergessen; wir werden nie wieder jung … es waren ihrer zu viele gegen einen.«


 << zurück weiter >>