F. M. Dostojewski
Erniedrigte und Beleidigte
F. M. Dostojewski

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F. M. Dostojewski

Erniedrigte und Beleidigte

Roman in vier Teilen mit einem Epilog

Deutsch von Hermann Röhl
1921

Erster Teil

Erstes Kapitel

Im vorigen Jahre, am Abend des zweiundzwanzigsten März, erlebte ich etwas sehr Seltsames. Ich war den ganzen Tag über in der Stadt umhergelaufen, um mir eine Wohnung zu suchen. Meine bisherige Wohnung war sehr feucht, und ich begann schon damals häßlich zu husten. Ich hatte bereits im Herbst umziehen wollen, aber die Sache hatte sich dann bis zum Frühling hingezögert. Den ganzen Tag über hatte ich nichts mir Zusagendes finden können. Erstens wollte ich eine eigene Wohnung haben, nicht eine in Aftermiete; und zweitens wollte ich mich zwar nötigenfalls mit einem einzigen Zimmer begnügen, dieses sollte aber unbedingt groß sein, selbstverständlich gleichzeitig auch möglichst billig. Ich hatte die Beobachtung gemacht, daß in einem engen Zimmer sich sogar die Gedanken beengt fühlen. Ich für meine Person habe, wenn ich meine künftigen Novellen durchdachte, es immer geliebt, im Zimmer auf und ab zu gehen. Beiläufig bemerkt: das vorherige Durchdenken meiner literarischen Produktionen und die Überlegung, wie ich sie niederschreiben wollte, machte mir von jeher mehr Vergnügen als das wirkliche Niederschreiben, und das rührte wirklich nicht etwa von Trägheit her. Woher es eigentlich kam, vermag ich nicht zu sagen.

Schon am Morgen hatte ich mich nicht wohl gefühlt, und gegen Abend wurde mir sogar recht schlecht; es bildete sich eine Art Fieber heraus. Zudem war ich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen und müde geworden. Am Abend, unmittelbar vor Eintritt der Dämmerung, ging ich gerade den Wosnessenskiprospekt entlang. Ich liebe die Märzsonne in Petersburg, besonders den Sonnenuntergang; selbstverständlich muß es ein klarer, kalter Abend sein. Die ganze Straße glänzt auf einmal, von hellem Licht übergossen. Alle Häuser fangen plötzlich an zu leuchten. Ihre grauen, gelblichen, schmutzig-grünen Farben verlieren für einen Augenblick all ihr Düsteres, Unfreundliches; es ist, als werde es in der Seele hell, als schrecke man zusammen oder als stoße einen jemand mit dem Ellbogen an. Und der neue Anblick erweckt neue Gedanken . . . Es ist erstaunlich, welch eine Wirkung ein einziger Sonnenstrahl in der Seele eines Menschen hervorzubringen vermag!

Aber das Licht der Sonne war erloschen; die Kälte nahm zu und kniff einem in die Nase; die Dunkelheit wurde stärker; in den Schaufenstern und Läden blitzten die Gasflammen auf. Als ich der Müllerschen Konditorei gegenüber war, blieb ich plötzlich wie angenagelt stehen und sah nach der anderen Seite der Straße hinüber, als ob ich ahnte, daß ich da alsbald etwas Ungewöhnliches erleben würde, und gerade in diesem Moment erblickte ich dort einen alten Mann mit einem Hund. Ich erinnere mich noch ganz genau, daß sich mir das Herz infolge einer unangenehmen Empfindung krampfhaft zusammenzog, ohne daß ich mir selbst hätte darüber klarwerden können, was das für eine Empfindung war.

Ich neige nicht zum Mystizismus, und an Ahnungen und Wahrsagerei glaube ich so gut wie gar nicht, obwohl mir, wie vielleicht allen Menschen, im Leben einige ziemlich unerklärliche Begebnisse vorgekommen sind. So zum Beispiel gleich dieser alte Mann: woher hatte ich bei meiner damaligen Begegnung mit ihm sofort das Gefühl, daß ich gleich an diesem Abend etwas recht Ungewöhnliches erleben würde? Übrigens war ich krank, und krankhafte Gefühle sind fast immer trügerisch.

Der Alte näherte sich der Konditorei mit langsamem, müdem Gang; er setzte ein Bein vor das andere, als ob er sie nicht biegen könne, als ob es Stöcke wären; seine Haltung war gebeugt, und er stieß leicht mit dem Stock auf die Trottoirplatten. In meinem ganzen Leben bin ich keiner so seltsamen, wunderlichen Gestalt begegnet. Auch früher schon, vor dieser Begegnung, hatte er jedesmal, wenn ich mit ihm bei Müller zusammentraf, eine peinliche Empfindung bei mir erweckt. Sein hoher Wuchs, sein gebeugter Rücken, sein totenbleiches, achtzigjähriges Gesicht, sein alter, in den Nähten aufgerissener Mantel, der verbeulte, wohl zwanzig Jahre alte Zylinderhut, der seinen kahlen Kopf bedeckte, auf welchem nur ganz im Nacken ein Büschel nicht mehr grauer, sondern gelblich-weißer Haare übrig war, alle seine Bewegungen, die gewissermaßen unbewußt, wie durch einen leblosen Mechanismus zu erfolgen schienen: alles dies machte unwillkürlich einen starken Eindruck auf jeden, der ihm zum ersten Male begegnete. In der Tat, es war ein seltsamer Anblick, dieser völlig abgelebte Greis, so ganz allein, ohne jeden Begleiter, um so mehr, da er einem Irrsinnigen glich, der seinen Aufsehern davongelaufen war. Es überraschte mich auch seine außerordentliche Magerkeit: es war, als hätte er fast gar kein Fleisch mehr auf dem Leib, als wäre über die Knochen einfach nur die Haut gespannt. Seine großen, trüben, in blauen Ringen liegenden Augen blickten immer gerade vor sich hin, nie zur Seite, und sahen überhaupt nie etwas; davon bin ich überzeugt. Wenn er einen auch ansah, so ging er doch auf den Betreffenden gerade los, wie wenn er leeren Raum vor sich hätte. Das habe ich mehrmals beobachtet. Zu Müller zu kommen hatte er erst vor kurzem angefangen, und immer mit seinem Hund. Keiner der Besucher der Konditorei wußte, woher er kam; keiner hatte Lust, mit ihm zu reden, und er selbst knüpfte mit keinem von ihnen ein Gespräch an.

›Warum schleppt er sich nur zu Müller, und was hat er da zu suchen?‹ dachte ich, während ich auf der anderen Seite der Straße stand und mich von seinem Anblick nicht losreißen konnte. Eine Art von Ärger, die Folge meiner Krankheit und Müdigkeit, stieg in mir auf. ›Woran mag er nur denken?‹ fuhr ich in meinem Selbstgespräch fort; ›was mag er im Kopf haben? Ob er wohl überhaupt noch an etwas denkt? Sein Gesicht ist dermaßen tot, daß es gar keinen Ausdruck mehr aufweist. Und woher hat er diesen garstigen Hund, der ihm so ähnlich ist und nicht von ihm weicht, als ob er mit ihm ein untrennbares Ganzes bildet?‹

Dieser unglückliche Hund war, wie es schien, ebenfalls achtzig Jahre alt; ja, so mußte es jedenfalls sein. Erstens war er dem Ansehen nach so alt, wie Hunde es sonst nie werden, und zweitens, woher kam mir nur gleich beim erstenmal, als ich ihn erblickte, der Gedanke, dieser Hund könne nicht von derselben Art sein wie alle Hunde; er sei ein ungewöhnlicher Hund; es stecke in ihm jedenfalls etwas Gespenstiges, Zauberisches; er sei vielleicht eine Art von Mephistopheles in Hundegestalt und sein Schicksal sei durch irgendwelche geheimnisvollen, unsichtbaren Bande mit dem Schicksal seines Herrn verknüpft? Wenn man ihn ansah, konnte man gut und gern glauben, daß es wohl schon zwanzig Jahre her war, seit er zum letztenmal gefressen hatte. Er war mager wie ein Skelett oder (welcher Ausdruck ist stärker?) wie sein Herr. Die Haare waren ihm fast vollständig ausgefallen, auch am Schwanz, der wie ein Stock herunterhing und den er immer fest zwischen die Beine kniff. Den langohrigen Kopf ließ er mürrisch hängen. In meinem ganzen Leben habe ich keinen Hund von so abstoßendem Äußerem zu sehen bekommen. Wenn die beiden auf der Straße gingen, der Herr voran, der Hund hinter ihm, so berührte die Nase des letzteren den Rockschoß des Vorangehenden, als ob sie daran festgeklebt sei. Und der Gang der beiden und ihr ganzes Aussehen sagte beinahe mit jedem Schritt: ›O Gott, wie alt sind wir, wie alt!‹

Ich erinnere mich auch, daß mir einmal der Gedanke kam, der Alte und sein Hund seien auf irgendeine Weise aus einer von Gavarni illustrierten Ausgabe von ›Hoffmanns Erzählungen‹ entwischt und gingen nun in der Welt als wandelnde Anzeigen dieses Buches umher.

Ich ging über die Straße hinüber und trat hinter dem Alten in die Konditorei.

In der Konditorei benahm sich der Alte sehr seltsam, und der hinter seinem Ladentisch stehende Herr Müller fing in der letzten Zeit schon an, beim Eintritt des ungebetenen Gastes ein unzufriedenes Gesicht zu machen. Erstens bestellte der sonderbare Gast nie etwas. Er ging jedesmal geradenwegs in die Ecke beim Ofen und setzte sich dort auf einen Stuhl. War aber sein Platz am Ofen besetzt, so blieb er vor dem Herrn, der seinen Platz innehatte, ein Weilchen in gedankenloser Verwunderung stehen und ging dann ganz verstört nach einer anderen Ecke am Fenster. Dort wählte er sich einen Stuhl aus, ließ sich langsam darauf nieder, nahm den Hut ab, legte ihn neben sich auf den Fußboden, den Stock daneben, lehnte sich in den Stuhl zurück und verharrte so drei oder vier Stunden lang, ohne sich zu bewegen. Nie nahm er eine Zeitung in die Hand, nie sagte er ein Wort oder gab einen Laut von sich; er saß nur da und sah mit weitgeöffneten Augen vor sich hin, aber mit einem so trüben, leblosen Blick, daß man hätte darauf wetten mögen, er sehe und höre nichts von seiner ganzen Umgebung. Sein Hund aber drehte sich zwei- oder dreimal auf einem Fleck herum, legte sich dann grämlich zu seinen Füßen hin, steckte seine Schnauze zwischen die Stiefel seines Herrn, stieß einen tiefen Seufzer aus, streckte sich seiner ganzen Länge nach auf dem Fußboden aus und blieb gleichfalls den ganzen Abend über, ohne sich zu rühren, wie tot liegen. Es schien, als hätten diese beiden Wesen den ganzen Tag über tot dagelegen und seien nun bei Sonnenuntergang plötzlich lebendig geworden, einzig und allein um in die Müllersche Konditorei zu gehen und dadurch eine geheimnisvolle, niemandem bekannte Pflicht zu erfüllen. Nachdem der Alte drei, vier Stunden lang dagesessen hatte, stand er endlich auf, nahm seinen Hut und ging fort, doch wohl in seine irgendwo gelegene Wohnung. Auch der Hund erhob sich und folgte seinem Herrn, wieder mit eingeklemmtem Schwanz und herunterhängendem Kopf in dem früheren langsamen Gang. Die Besucher der Konditorei vermieden schließlich jeden Verkehr mit dem Alten und setzten sich nicht einmal in seine Nähe, wie wenn er ihnen Widerwillen einflöße. Er seinerseits bemerkte nichts davon.

Die Besucher dieser Konditorei sind größtenteils Deutsche. Sie kommen hier vom ganzen Wosnessenskiprospekt zusammen, lauter Handwerksmeister verschiedener Berufsarten: Schlosser, Bäcker, Färber, Hutmacher, Sattler, sämtlich patriarchalische Leute im deutschen Sinn dieses Wortes. Bei Müller herrschte überhaupt ein patriarchalischer Ton. Oft trat der Wirt zu den ihm bekannten Gästen und setzte sich zu ihnen an den Tisch, wobei dann gewaltige Mengen Punsch getrunken wurden. Die kleinen Kinder des Wirtes und seine Hunde gesellten sich ebenfalls manchmal zu den Gästen und wurden von diesen geliebkost. Alle waren miteinander bekannt und hatten einander gern. Und während die Gäste sich in die Lektüre der deutschen Zeitungen vertieften, ertönte in der anstoßenden Wohnung des Wirtes die Melodie des »Lieben Augustin«, auf einem klapprigen Klavier von der ältesten Tochter des Wirtes gespielt, einem blondlockigen deutschen Mädchen, das die größte Ähnlichkeit mit einem weißen Mäuschen hatte. Dieser Walzer wurde von den Gästen mit Vergnügen aufgenommen. Ich ging zu Müller immer in den ersten Tagen des Monats, um die russischen Monatsschriften, die er hielt, zu lesen.

Als ich in die Konditorei trat, sah ich, daß der Alte bereits am Fenster saß und der Hund wie gewöhnlich ausgestreckt zu seinen Füßen lag. Schweigend setzte ich mich in eine Ecke und legte mir in Gedanken die Frage vor: ›Warum bin ich hierhergekommen, wo ich doch absolut nichts zu tun habe? Ich bin krank und täte am besten, mich schnell nach Hause zu begeben und mich ins Bett zu legen. Bin ich wirklich nur hier, um diesen alten Mann anzusehen?‹ Ein Gefühl des Ärgers ergriff mich. ›Was geht er mich eigentlich an?‹ dachte ich in Erinnerung an die sonderbare peinliche Empfindung, mit der ich ihn schon auf der Straße angesehen hatte. ›Und was gehen mich alle diese langweiligen Deutschen an? Wozu diese sentimentale Stimmung? Wozu diese wohlfeile Aufregung über allerlei Unwichtiges, die ich in der letzten Zeit an mir bemerke und die mich an einer vernünftigen Lebensführung hindert und mir den klaren Blick für das Leben nimmt? Hat mir das doch schon ein scharfsinniger Rezensent aufgemutzt, als er meine letzte Novelle mißbilligend kritisierte.‹ Trotz dieser Gedanken und Selbstvorwürfe blieb ich jedoch auf meinem Platz sitzen; meine Krankheit aber steigerte sich immer mehr und mehr, und ich empfand schließlich eine wahre Scheu davor, das warme Zimmer zu verlassen. Ich nahm die ›Frankfurter Zeitung‹ zur Hand, las darin zwei Zeilen und schlief ein. Die Deutschen störten mich nicht. Sie lasen, rauchten und teilten einander nur selten, alle halbe Stunde einmal, kurz und halblaut irgendeine Neuigkeit aus Deutschland mit oder auch einen Witz oder eine geistreiche Bemerkung des berühmten deutschen Witzboldes Saphir, worauf sie sich dann mit verdoppeltem nationalem Stolz von neuem in ihre Lektüre vertieften.

Nachdem ich etwa eine halbe Stunde geschlummert hatte, kam ich infolge eines heftigen Fieberschauers wieder zu Bewußtsein. Es war entschieden nötig, daß ich mich nach Hause begab. Aber in diesem Augenblick hielt eine stumme Szene, die sich im Zimmer abspielte, mich noch einmal zurück. Ich habe bereits gesagt, daß der Alte, sobald er sich auf seinen Stuhl niedergelassen hatte, seinen Blick sogleich starr irgendwohin zu richten und dann den ganzen Abend über nicht mehr auf einen anderen Gegenstand zu lenken pflegte. Auch mir war es einige Male begegnet, das Ziel dieses gedankenlosen, nichts unterscheidenden Blickes zu werden; es war das eine unangenehme, ja geradezu unerträgliche Empfindung, und ich wechselte gewöhnlich so schnell wie möglich den Platz. In diesem Augenblick war ein anderer das Opfer des Alten geworden: ein sehr kleiner, rundlicher, außerordentlich sauberer Deutscher mit einem steif gestärkten Stehkragen und mit einem ungewöhnlich roten Gesicht, ein von auswärts gekommener Gast, ein Kaufmann aus Riga namens Adam Iwanowitsch Schulz, wie ich später erfuhr; er war mit Müller eng befreundet, kannte aber den Alten und viele der übrigen Gäste noch nicht. Er las mit Genuß den ›Dorfbarbier‹ und trank seinen Punsch dazu; da bemerkte er auf einmal, als er den Kopf in die Höhe hob, daß der unbewegliche Blick des Alten auf ihm ruhte. Das befremdete ihn. Adam Iwanowitsch war ein sehr empfindlicher, reizbarer Mensch, wie überhaupt alle Deutschen besseren Standes. Es schien ihm seltsam und beleidigend, daß ihn jemand so starr und ungeniert fixierte. Aber seinen Unwillen unterdrückend, wandte er seine Augen von dem taktlosen Gast ab, murmelte etwas vor sich hin und verbarg sich schweigend hinter seiner Zeitung. Indessen konnte er sich doch nicht bezwingen und spähte ein paar Minuten darauf argwöhnisch hinter der Zeitung hervor: derselbe starre Blick, dasselbe gedankenlose Fixieren. Auch diesmal schwieg Adam Iwanowitsch noch. Aber als derselbe Vorgang sich zum drittenmal wiederholte, fuhr er auf und hielt es für seine Pflicht, seine Würde zu wahren und nicht angesichts eines anständigen Publikums die schöne Stadt Riga beleidigen zu lassen, als deren Repräsentanten er sich wahrscheinlich betrachtete. Mit einer Gebärde der Ungeduld warf er die Zeitung auf den Tisch und klopfte energisch mit dem Stock auf, an dem sie befestigt war; von dem Gefühl der eigenen Würde entflammt und dunkelrot im Gesicht von dem genossenen Punsch und von der Ehrenkränkung, richtete er nun seinerseits seine kleinen funkelnden Augen auf den lästigen alten Mann. Es schien, als ob sie beide, der Deutsche und sein Gegner, einander durch die magnetische Kraft ihrer Blicke überwältigen wollten und nun abwarteten, wer zuerst in Verlegenheit geraten und die Augen niederschlagen werde. Das Klopfen mit dem Stock und Adam Iwanowitschs ungewöhnliche Körperhaltung erregten die Aufmerksamkeit aller Gäste. Alle ließen sofort von ihrer Beschäftigung ab und beobachteten mit ernster, stummer Neugier die beiden Gegner. Die Szene gestaltete sich sehr komisch. Aber der Magnetismus der herausfordernden Blicke des geröteten Adam Iwanowitsch blieb ganz wirkungslos. Ohne sich um irgend etwas zu kümmern, fuhr der Alte fort, den wütenden Herrn Schulz gerade anzusehen; als wäre er auf dem Mond und nicht auf der Erde, bemerkte er offenbar gar nicht, daß er der Gegenstand der allgemeinen Neugier geworden war. Schließlich verlor Adam Iwanowitsch die Geduld und brach los.

»Warum fixieren Sie mich denn in dieser Weise?« schrie er auf deutsch mit scharfer, durchdringender Stimme und mit drohender Miene.

Aber sein Gegner schwieg weiter, als hätte er die Frage nicht verstanden und überhaupt nicht gehört. Adam Iwanowitsch entschloß sich, russisch zu reden.

»Ich frage Sie, warum Sie mich so fixieren?« schrie er mit verdoppeltem Zorn in mangelhaftem Russisch. »Ich bin bei Hofe bekannt, was Sie von sich nicht werden sagen können!« fügte er hinzu, indem er vom Stuhl aufsprang.

Aber der Alte rührte sich noch immer nicht. Unter den Deutschen erhob sich ein unwilliges Gemurmel. Durch den Lärm herbeigerufen, trat Müller selbst ins Zimmer. Als er erfahren hatte, worum es sich handelte, glaubte er, der Alte sei taub, und beugte sich ganz nahe zu seinem Ohr hinab.

»Herr Schulz bittet Sie, ihn nicht so scharf anzusehen«, sagte er möglichst laut auf russisch und betrachtete den seltsamen Gast aufmerksam.

Der Alte blickte Müller mechanisch an, und auf einmal zeigten sich in seinem bis dahin regungslosen Gesicht Anzeichen einer ängstlichen Gedankenarbeit, einer unruhigen Erregung. Er geriet in hastige Bewegung, räusperte sich, bückte sich nach seinem Hut und ergriff ihn eilig mitsamt dem Stock; mit einem kläglichen Lächeln, dem demütigen Lächeln eines armen Teufels, der von dem irrtümlich eingenommenen Platz vertrieben wird, schickte er sich an, das Zimmer zu verlassen. In dieser ergebenen, unterwürfigen Eile des armen, gebrechlichen Greises lag soviel Mitleiderweckendes, soviel Herzergreifendes, daß das ganze Publikum, und Adam Iwanowitsch voran, sofort seine Anschauung über die Sache änderte. Es war klar, daß der Alte niemanden beleidigen konnte, ja sich sogar selbst jeden Augenblick bewußt war, daß man ihn wie einen Bettler fortjagen könne.

Müller war ein gutherziger, mitleidiger Mensch.

»Nein, nein«, sagte er und klopfte dem Alten ermutigend auf die Schulter, »bleiben Sie nur sitzen! Aber Herr Schulz hat Sie sehr gebeten, ihn nicht so scharf anzusehen. Er ist bei Hofe bekannt.«

Aber der alte Mann begriff auch dies nicht; er hastete noch mehr als vorher, beugte sich nieder, um sein Taschentuch aufzuheben, ein altes, zerrissenes, blaues Taschentuch, das ihm aus dem Hut herausgefallen war, und rief seinen Hund, der, ohne sich zu regen, auf dem Fußboden lag und, mit der Schnauze zwischen den beiden Vorderpfoten, anscheinend fest schlief.

»Asorka, Asorka!« rief er mit zitternder, greisenhafter Stimme; »Asorka!«

Asorka rührte sich nicht.

»Asorka, Asorka!« sagte der Alte noch einmal traurig und berührte den Hund mit dem Stock; aber das Tier verharrte in seiner bisherigen Haltung.

Der Stock entsank den Händen des alten Mannes. Er bückte sich, ließ sich auf beide Knie nieder und hob mit beiden Händen Asorkas Schnauze in die Höhe. Der arme Asorka! Er war tot! Er war, ohne einen Laut von sich zu geben, zu den Füßen seines Herrn gestorben, vielleicht an Altersschwäche, vielleicht aber war er auch verhungert. Der Alte blickte ihn ein Weilchen an, wie wenn er völlig bestürzt wäre und nicht begriffe, daß Asorka schon gestorben war; dann beugte er sich still zu seinem bisherigen Diener und Freund herab und drückte sein blasses Gesicht an dessen tote Schnauze. So verging eine Minute unter allseitigem Stillschweigen. Wir alle waren gerührt. Endlich erhob sich der arme Mensch. Er war sehr blaß und zitterte wie in einem heftigen Fieberanfall.

»Man kann ihn ausstopfen«, sagte der mitleidige Herr Müller in dem Wunsch, den Alten irgendwie zu trösten. »Fjodor Karlowitsch Krüger versteht das ausgezeichnet; er ist ein Meister in dieser Kunst«, versicherte Müller, hob den Stock vom Boden auf und reichte ihn dem Alten.

»Ja, ich stopfe ausgezeichnet aus«, fiel Herr Krüger selbst bescheiden ein, indem er in die vordere Reihe trat.

Dies war ein langer, hagerer, tugendhafter Deutscher mit rotem, buschigem Haar und mit einer Brille auf der gebogenen Nase.

»Fjodor Karlowitsch Krüger besitzt ein großes Talent im Ausstopfen«, fügte Müller hinzu, der sich in seine schöne Idee zu verlieben begann.

»Ja, ich besitze ein großes Talent im Ausstopfen«, bestätigte Herr Krüger von neuem, »und ich werde Ihnen Ihren Pudel umsonst ausstopfen«, fügte er in einem Anfall hochherziger Selbstverleugnung hinzu.

»Nein, ich werde Ihnen das Ausstopfen bezahlen!« rief Adam Iwanowitsch Schulz ordentlich grimmig und errötete aus zwiefachem Grunde: sowohl wegen seiner eigenen Großmut, als auch weil er sich schuldloserweise für die Ursache des ganzen Unglücks hielt.

Der Alte hörte das alles mit an, verstand aber offenbar nichts davon und zitterte wie vorher am ganzen Leib.

»Warten Sie! Trinken Sie ein Gläschen guten Kognak!« rief Müller, als er sah, daß der rätselhafte Gast dem Ausgang zustrebte.

Der Kognak wurde gebracht. Der Alte nahm mechanisch das Gläschen; aber seine Hand zitterte, und bevor er es an die Lippen brachte, verschüttete er die Hälfte und stellte es, ohne einen Tropfen getrunken zu haben, wieder auf das Tablett. Darauf lächelte er in einer sonderbaren, gar nicht zur Situation passenden Art und verließ mit beschleunigten, ungleichmäßigen Schritten die Konditorei; den Hund ließ er auf seinem Platz liegen. Alle standen, erstaunt; Ausrufe der Verwunderung wurden laut.

»Schwerenot, was ist das für eine Geschichte?« sagten die Deutschen, einander mit großen Augen anblickend.

Ich aber eilte dem Alten nach. Wenn man sich von der Konditorei nach rechts wendet, so biegt nach einigen Schritten eine schmale, dunkle, von gewaltig großen Häusern eingefaßte Gasse ab. Eine Art von Ahnung sagte mir, daß der Alte sich gewiß dahin gewandt habe. Hier war das zweite Haus rechter Hand im Bau begriffen und ganz mit Gerüststangen umgeben. Der Bauzaun reichte beinahe bis in die Mitte der Gasse; am Zaun entlang war ein hölzerner Steig für Fußgänger angelegt. In einem dunklen Winkel, der von dem Zaun und dem Hause gebildet wurde, fand ich den Alten. Er saß auf der Stufe des hölzernen Trottoirs, hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und hielt seinen Kopf in beiden Händen. Ich setzte mich neben ihn.

»Hören Sie«, sagte ich und wußte nicht recht, wie ich anfangen sollte, »grämen Sie sich nicht um Ihren Asorka! Kommen Sie, ich werde Sie zu Ihrer Wohnung bringen. Beruhigen Sie sich! Ich werde gleich eine Droschke holen. Wo wohnen Sie denn?«

Der Alte gab keine Antwort. Ich wußte nicht, was ich machen sollte. Passanten waren nicht da. Auf einmal faßte er mich bei der Hand. »Mir ist so beklommen!« sagte er mit heiserer, kaum hörbarer Stimme; »so beklommen!«

»Kommen Sie zu Ihrer Wohnung!« rief ich, indem ich mich aufrichtete und auch ihn mit Gewalt aufzurichten suchte. »Da sollen Sie Tee trinken und sich ins Bett legen . . . Ich werde sofort eine Droschke holen. Ich werde einen Arzt rufen; ich bin mit einem bekannt.«

Ich erinnere mich nicht mehr, was ich sonst noch zu ihm sagte. Er wollte sich erheben; aber nachdem er sich ein klein wenig aufgerichtet hatte, fiel er wieder auf die Erde zurück und begann erneut mit derselben heiseren, erstickten Stimme etwas zu murmeln. Ich beugte mich noch näher zu ihm herab und horchte.

»Auf der Wassili-Insel«, flüsterte der Alte, »in der Sechsten Linie . . . in der Sech-sten Li-nie . . .«

Er verstummte.

»Wohnen Sie auf der Wassili-Insel? Aber dann sind Sie falsch gegangen; Sie mußten sich nach links wenden, nicht nach rechts. Ich will Sie gleich hinbringen . . .«

Der Alte rührte sich nicht. Ich faßte ihn an der Hand; die Hand fiel wie tot herab. Ich sah ihm ins Gesicht und berührte es – er war bereits tot. Mir war, als ob mir das alles nur träumte.

Dieses Begebnis hatte für mich eine längere mühevolle Tätigkeit zur Folge, während der mein Fieber ganz von selbst verging. Es gelang mir, die Wohnung des alten Mannes ausfindig zu machen. Er wohnte jedoch nicht auf der Wassili-Insel, sondern wenige Schritte von der Stelle, wo er gestorben war, in dem Hause eines Herrn Klugen dicht unter dem Dach im fünften Stockwerk in einer eigenen Wohnung, die aus einem kleinen Vorzimmer und einem großen, sehr niedrigen Zimmer mit drei ganz schmalen Fenstern bestand. Er hatte äußerst ärmlich gewohnt. Das Mobiliar bestand nur aus einem Tisch, zwei Stühlen und einem uralten, steinharten Sofa, aus dem überall die Bastpolsterung hervorsah; und auch diese Möbelstücke gehörten, wie sich herausstellte, dem Wirt. Der Ofen schien seit langer Zeit nicht geheizt zu sein; auch Kerzen fanden sich nicht. Ich glaube jetzt allen Ernstes, daß der Alte zu Müller einzig und allein in der Absicht ging, bei Licht zu sitzen und sich zu wärmen. Auf dem Tisch stand ein leerer irdener Krug; daneben lag eine alte, harte Brotrinde. An Geld fand sich auch nicht eine Kopeke vor. Nicht einmal Wäsche zum Wechseln war vorhanden, in der er hätte beerdigt werden können; jemand gab zu diesem Zweck ein Hemd von sich her. Es war klar, daß er nicht in dieser Weise, so völlig allein, hatte leben können; gewiß hatte ihn jemand, wenn auch nur selten, besucht. Im Tischkasten fand sich sein Paß. Der Verstorbene war Ausländer gewesen, aber russischer Untertan, Jeremija Smith, Maschinenbauer, achtundsiebzig Jahre alt. Auf dem Tisch lagen zwei Bücher: eine kurzgefaßte Geographie und ein russisches Neues Testament, in welchem einzelne Stellen am Rand mit Bleistift angestrichen oder mit Nagelkrellen bezeichnet waren. Diese Bücher erwarb ich für mich. Man befragte die anderen Mieter und den Hauswirt, aber sie wußten fast nichts über ihn zu sagen. Mieter gab es in diesem Haus eine große Menge, fast lauter Handwerker und deutsche Zimmervermieterinnen, welche Zimmer mit Beköstigung und Bedienung abließen. Der Verwalter des Hauses, ein Adliger, wußte ebenfalls nur sehr wenig von seinem früheren Mieter zu sagen, außer daß die Wohnung sechs Rubel monatlich kostete, daß der Verstorbene sie vier Monate lang innegehabt, aber für die beiden letzten Monate keine Kopeke bezahlt hatte, so daß er eigentlich schon hätte hinausgesetzt werden sollen. Man fragte, ob nicht manchmal jemand zu ihm gekommen sei. Aber niemand konnte darüber befriedigende Auskunft geben. »Das Haus ist groß«, hieß es; »was gehen in einer solchen Arche Noah nicht alles für Leute ein und aus? Wie soll man die alle im Kopf behalten?« Der Hausknecht, der in diesem Haus schon fünf Jahre diente und wahrscheinlich wenigstens etwas, wenn auch noch so wenig, hätte mitteilen können, war vor zwei Wochen zu Besuch in seine Heimat gereist und hatte als Vertreter seinen Neffen dagelassen, einen jungen Burschen, der bisher kaum die Hälfte der Mieter von Gesicht kennengelernt hatte. Ich weiß nicht mehr genau, welches damals das Endresultat all dieser Nachforschungen war; aber schließlich wurde der alte Mann begraben. In diesen Tagen ging ich, unter anderen Laufereien und Bemühungen, auch einmal nach der Wassili-Insel zur Sechsten Linie, und erst als ich hingekommen war, lachte ich über mich selbst: was konnte ich in der Sechsten Linie sehen außer eine Reihe gewöhnlicher Häuser? ›Aber warum‹, dachte ich, ›hat der Alte im Sterben von der Sechsten Linie und von der Wassili-Insel gesprochen? Hat er nur phantasiert?‹

Ich besah mir Smiths leergewordene Wohnung, und sie gefiel mir. Ich mietete sie für mich. Die Hauptsache war mir das große Zimmer, obwohl es so niedrig war, daß es mir in der ersten Zeit immer so vorkam, als würde ich mit dem Kopf die Decke streifen. Übrigens gewöhnte ich mich bald daran. Für sechs Rubel monatlich war auch nichts Besseres zu bekommen. Was mich lockte, war, daß ich die Wohnung direkt vom Hauswirt mietete; ich mußte mich nur noch um eine Bedienung bemühen, da ich ganz ohne Bedienung denn doch nicht hausen konnte. Der Hausknecht versprach, für die erste Zeit wenigstens einmal täglich zu mir zu kommen und mir die allernotwendigsten Dienste zu leisten. ›Wer weiß‹, dachte ich, ›vielleicht erkundigt sich auch jemand nach dem alten Mann!‹ Indessen waren bei meinem Einzug schon fünf Tage seit seinem Tod vergangen, und es war noch niemand gekommen.

Zweites Kapitel

Zu jener Zeit, nämlich vor einem Jahr, war ich noch Mitarbeiter an mehreren Journalen, schrieb Artikel für dieselben und glaubte bestimmt, es werde mir einmal gelingen, etwas Großes, Schönes zu schreiben. Ich war damals mit einem großen Roman beschäftigt; aber das Ende vom Lied ist gewesen, daß ich jetzt im Krankenhaus bin und voraussichtlich bald sterben werde. Wenn ich aber bald sterben werde, was hat es dann für einen Zweck, möchte man sagen, diese Erinnerungen aufzuzeichnen?

Unwillkürlich und ununterbrochen denke ich an dieses ganze schwere, letzte Jahr meines Lebens. Ich will jetzt alles niederschreiben, und wenn ich mir nicht diese Beschäftigung geschaffen hätte, so würde ich, wie mir scheint, vor Langerweile sterben. All diese vergangenen Empfindungen regen mich manchmal in schmerzhafter, geradezu qualvoller Weise auf. Unter der Feder nehmen sie einen ruhigeren, ordentlicheren Charakter an; sie gleichen dann weniger einem Fieberwahn, einem beängstigenden Traum. So scheint es mir wenigstens. Schon allein die mechanische Tätigkeit des Schreibens übt eine gute Wirkung aus: sie hat etwas Beruhigendes, Abkühlendes, macht bei mir wieder die früheren schriftstellerischen Gewohnheiten lebendig und verwandelt meine Erinnerungen und krankhaften Träumereien in aktive Handlung . . . Ja, das war ein guter Einfall von mir. Außerdem ergibt sich dadurch auch eine Erbschaft für den Krankenwärter; wenigstens kann er, wenn er zum Winter die Doppelfenster einsetzt, mit meinen Memoiren die Ritzen verkleben.

Aber ich habe meine Erzählung, ich weiß nicht warum, in der Mitte begonnen. Wenn ich denn einmal alles niederschreiben will, so muß ich vom Anfang an beginnen. Nun, fangen wir also an! Übrigens wird meine Selbstbiographie nicht lang sein.

Ich bin nicht hier geboren, sondern weit von hier, im Gouvernement S. Es ist anzunehmen, daß meine Eltern gute Menschen waren; aber sie ließen mich, als ich noch ein Kind war, als Waise zurück, und ich wuchs im Hause eines kleinen Gutsbesitzers, Nikolai Sergejewitsch Ichmenew, auf, der mich aus Mitleid aufgenommen hatte. Er hatte nur eine Tochter, die Natascha hieß und drei Jahre jünger war als ich. Wir wuchsen zusammen auf wie Bruder und Schwester. O du meine schöne Kindheit! Wie dumm ist es, im Alter von fünfundzwanzig Jahren sich mit schmerzlichem Bedauern nach dir zurückzusehnen und, dem Tode nah, nur deiner mit Entzücken und Dankbarkeit zu gedenken! Damals hatten wir eine so helle Sonne über uns am Himmel, eine Sonne, so ganz unähnlich der Petersburger Sonne, und unsere kleinen Herzen schlugen so munter und fröhlich. Damals waren Felder und Wälder um uns herum und nicht ein Haufen von toten Steinen wie jetzt. Wie wundervoll war der Garten und Park in Wassiljewskoje, wo Nikolai Sergejewitsch Verwalter war; in diesem Garten ging ich mit Natascha spazieren, und hinter dem Garten war ein großer, feuchter Wald, in dem wir Kinder uns beide einmal verirrten . . . O du goldene, schöne Zeit! Das Leben tat sich zum erstenmal vor uns auf, geheimnisvoll und lockend, und es war so süß, es kennenzulernen. Damals hatten wir noch die Vorstellung, daß hinter jedem Strauch, hinter jedem Baum ein für uns geheimnisvolles, unsichtbares Wesen lebe; die Märchenwelt floß mit der wirklichen zusammen, und wenn manchmal in den tiefen Tälern sich der Abendnebel verdichtete und sich in grauen, gewundenen Streifen an das Gebüsch hängte, das an den steinernen Rippen unserer großen Schlucht wuchs, dann blickten Natascha und ich, uns an den Händen haltend, mit ängstlicher Neugier von dem oberen Rand in die Tiefe und erwarteten jeden Augenblick, daß jemand vom Boden der Schlucht aus dem Nebel zu uns heraufsteigen oder uns anrufen werde und daß die Märchen der Kinderfrau sich als richtige, echte Wahrheit erweisen würden. In späteren Jahren, lange nachher, erinnerte ich einst zufällig Natascha daran, wie man uns damals einmal die ›Kinderlektüre‹›Kinderlektüre für Herz und Verstand‹, ein in den Jahren 1785 bis 1789 von Karamsin und Petrow herausgegebenes Journal. in die Hände gegeben hatte und wir sofort in den Garten zum Teich gelaufen waren, wo unter einem alten, dichtbelaubten Ahornbaum unsere grüne Lieblingsbank stand, uns dort hingesetzt und ›Alfons und Dalinda‹, ein Zaubermärchen, zu lesen begonnen hatten. Noch heute kann ich an diese Erzählung nicht ohne eine sonderbare Erregung des Herzens zurückdenken, und als ich vor einem Jahr Natascha an die beiden ersten Zeilen erinnerte: »Alfons, der Held meiner Erzählung, wurde in Portugal geboren; Don Ramir, sein Vater« usw., da fing ich beinahe an zu weinen. Das sah gewiß schrecklich dumm aus, und dies war wahrscheinlich der Grund, weshalb Natascha damals so seltsam über mein Entzücken lächelte. Übrigens bezwang sie sich sofort (darauf besinne ich mich) und begann nun, um mir eine Freude zu machen, selbst von der alten Zeit zu reden. Ein Wort gab das andere, und zuletzt wurde auch sie ganz weich. Es war ein herrlicher Abend; wir holten all die alten Erinnerungen hervor, auch wie ich nach der Gouvernementsstadt geschickt wurde, um dort ein Alumnat zu besuchen (o Gott, wie hatte sie damals geweint!), auch wie wir uns zum letzten Male trennten, als ich für immer von Wassiljewskoje Abschied nahm. Ich hatte damals die Schule schon durchgemacht und ging nach Petersburg, um mich zum Eintritt in die Universität vorzubereiten. Ich war damals siebzehn Jahre alt und sie fünfzehn. Natascha sagte, ich sei damals ein lang aufgeschossener, ungeschickter Bursche gewesen und man habe mich gar nicht ansehen können, ohne zu lachen. In der Abschiedsstunde führte ich sie beiseite, um ihr etwas furchtbar Wichtiges zu sagen; aber meine Zunge wurde auf einmal unbeweglich und stumm. Natascha hatte noch in der Erinnerung, daß ich mich in gewaltiger Aufregung befand. Natürlich kam unser Gespräch nicht in Gang. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, und sie hätte mich vielleicht gar nicht verstanden. Ich fing nur bitterlich an zu weinen und reiste ab, ohne etwas gesagt zu haben. Wir sahen uns erst sehr lange Zeit nachher wieder, in Petersburg. Das war vor zwei Jahren. Der alte Ichmenew war hierhergefahren, um seinen Prozeß zu betreiben, und ich hatte soeben meine schriftstellerische Laufbahn begonnen.

Drittes Kapitel

Nikolai Sergejewitsch Ichmenew stammte aus einer guten, aber schon lange verarmten Familie. Indessen hatten ihm seine Eltern doch noch ein hübsches Besitztum mit hundertundfünfzig Seelen hinterlassen. Als er zwanzig Jahre alt war, trat er bei den Husaren ein. Alles ging gut; aber in seinem sechsten Dienstjahr passierte es ihm an einem unglücklichen Abend, daß er sein ganzes Vermögen verspielte. Er konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Am folgenden Abend erschien er von neuem am Kartentisch und setzte auf eine Karte sein Pferd, das letzte Besitzstück, das ihm geblieben war. Die Karte gewann, und so auch die zweite und dritte, und nach Verlauf einer halben Stunde hatte er etwas von seinen Besitzungen zurückgewonnen, das Dörfchen Ichmenewka, in welchem bei der letzten Revision fünfzig Seelen gezählt worden waren. Er hörte auf zu spielen und reichte gleich am andern Tag sein Abschiedsgesuch ein. Hundert Seelen waren unwiederbringlich verloren. Zwei Monate darauf erhielt er seinen Abschied als Leutnant und begab sich auf sein Dorf. Von seinem Spielverlust redete er in seinem späteren Leben niemals, und trotz seiner notorischen Gutherzigkeit hätte er sich doch unfehlbar mit jedem verfeindet, der sich erlaubt hätte, zu ihm davon zu sprechen. Auf dem Dorf beschäftigte er sich fleißig mit der Wirtschaft und heiratete im Alter von fünfunddreißig Jahren ein armes Edelfräulein, Anna Andrejewna Schumilowa, die gar keine Mitgift bekam, aber ihre Bildung in einer vornehmen Pension der Gouvernementsstadt bei der Emigrantin Mont Revèche erhalten hatte, worauf Anna Andrejewna ihr ganzes Leben lang stolz war, obgleich nie jemand erraten konnte, worin diese Bildung eigentlich bestand. Nikolai Sergejewitsch war ein ausgezeichneter Landwirt geworden. Die benachbarten Gutsbesitzer lernten von ihm auf wirtschaftlichem Gebiet. So vergingen mehrere Jahre, als plötzlich auf dem Nachbargut, dem Dorf Wassiljewskoje, in welchem neunhundert Seelen gezählt worden waren, der Besitzer, Fürst Pjotr Alexandrowitsch Walkowski, aus Petersburg eintraf. Seine Ankunft erregte in der ganzen Gegend sehr starkes Aufsehen. Der Fürst war, wenn er auch die erste Jugend bereits hinter sich hatte, doch noch ein junger Mann, besaß einen hohen Dienstrang, bedeutende Konnexionen, ein schönes Äußeres, ein beträchtliches Vermögen und war, um dies zuletzt zu erwähnen, Witwer, was ihn den Frauen und Mädchen des ganzen Kreises besonders interessant machte. Man erzählte von der glänzenden Aufnahme, die er in der Gouvernementsstadt bei dem Gouverneur gefunden hatte, mit dem er entfernt verwandt war; es wurde hinzugefügt, alle Damen des Gouvernements seien ›von seiner Liebenswürdigkeit ganz bezaubert‹ usw. usw. Kurz, es war dies einer der glänzendsten Repräsentanten der höchsten Petersburger Gesellschaft, die nur selten in der Provinz erscheinen und, wenn sie dort erscheinen, außerordentliche Sensation machen. Der Fürst war indessen keineswegs liebenswürdig, namentlich nicht denjenigen gegenüber, die er nicht notwendig brauchte und die nach seiner Ansicht unter ihm standen, selbst wenn der Abstand nur gering war. Mit seinen Gutsnachbarn sich bekannt zu machen, hielt er nicht für erforderlich und machte sich dadurch gleich von vornherein eine Menge Feinde. Daher wunderten sich alle außerordentlich, als es ihm auf einmal einfiel, bei Nikolai Sergejewitsch einen Besuch zu machen. Allerdings war Nikolai Sergejewitsch einer seiner nächsten Nachbarn. In dem Ichmenewschen Hause machte der Fürst starken Eindruck. Er bezauberte sogleich die beiden Ehegatten; besonders war Anna Andrejewna von ihm entzückt. Bald darauf verkehrte er mit ihnen schon völlig intim, kam jeden Tag zu ihnen herübergefahren, lud sie zu sich ein, machte Witze, erzählte Anekdoten, spielte auf ihrem schlechten Klavier und sang dazu Lieder. Ichmenews konnten sich nicht genug darüber wundern, wie die Leute von einem so prächtigen, liebenswürdigen Menschen sagen konnten, er sei ein stolzer, hochmütiger, trockener Egoist; denn als solchen verschrien ihn alle Nachbarn einhellig. Man mußte glauben, Nikolai Sergejewitsch habe als ein schlichter, offenherziger, uneigennütziger, vornehm denkender Mensch dem Fürsten tatsächlich gefallen. Indessen klärte sich bald alles auf. Der Fürst war nach Wassiljewskoje gekommen, um seinen Verwalter wegzujagen, einen unmoralischen Deutschen, der ein großes Selbstgefühl besaß, sich Agronom nannte, mit grauen, Achtung heischenden Haaren, einer Brille und einer Hakennase ausgestattet war, aber trotz all dieser Vorzüge in einer scham- und maßlosen Weise gestohlen und überdies mehrere Bauern zu Tode gequält hatte. Dieser Iwan Karlowitsch war endlich auf frischer Tat ertappt und überführt worden; er redete zwar viel von deutscher Ehrlichkeit, wurde aber trotz alledem weggejagt, und sogar in ziemlich schimpflicher Weise. Der Fürst brauchte einen Verwalter, und seine Wahl fiel auf Nikolai Sergejewitsch, einen vortrefflichen Landwirt und durchaus ehrenhaften Menschen, worüber nicht der geringste Zweifel bestehen konnte. Es scheint, daß der Fürst sehr wünschte, Nikolai Sergejewitsch möchte sich ihm selbst als Verwalter anbieten; aber das geschah nicht, und so machte ihm denn eines schönen Tages der Fürst dieses Anerbieten, und zwar in Form einer sehr freundschaftlichen, höflichen Bitte. Ichmenew lehnte es zunächst ab; aber auf Anna Andrejewna übte das bedeutende Gehalt eine verführerische Wirkung aus, und die verdoppelte Liebenswürdigkeit des Bittenden zerstreute alle noch übrigen Bedenken. Der Fürst erreichte seinen Zweck. Man muß annehmen, daß er ein großer Menschenkenner war. In der kurzen Zeit seiner Bekanntschaft mit Ichmenew hatte er vollständig erkannt, mit wem er es zu tun hatte, und eingesehen, daß er Ichmenew durch freundschaftliches, herzliches Benehmen bezaubern und sein Herz gewinnen müsse und daß ohne dieses Mittel Geld nicht viel vermöge. Er aber brauchte gerade einen solchen Verwalter, dem er blind und für immer vertrauen konnte, damit er, wie er das tatsächlich beabsichtigte, nie wieder nach Wassiljewskoje zu kommen brauche. Der bezaubernde Eindruck, den er bei Ichmenew hervorrief, war so stark, daß dieser aufrichtig an die Freundschaft des Fürsten glaubte. Nikolai Sergejewitsch war einer jener gutherzigen, naiv-romantischen Menschen, die bei uns in Rußland, was man auch von ihnen sagen mag, eine so prächtige Menschenklasse bilden und die, wenn sie einmal (manchmal Gott weiß warum) jemanden liebgewinnen, sich ihm mit ganzer Seele hingeben, so daß ihre Anhänglichkeit mitunter geradezu komisch wird.

Viele Jahre waren vergangen. Das Gut des Fürsten war zu hoher Blüte gelangt. Die Beziehungen zwischen dem Besitzer von Wassiljewskoje und seinem Verwalter erfuhren weder von der einen noch von der andern Seite auch nur die geringste Trübung und beschränkten sich auf einen trockenen geschäftlichen Briefwechsel. Der Fürst mischte sich in keiner Weise in Nikolai Sergejewitschs Anordnungen ein, erteilte ihm aber mitunter Ratschläge, die einen vortrefflichen praktischen Blick und gute Sachkenntnis bekundeten und diesen dadurch in Erstaunen versetzten. Offenbar war der Fürst nicht nur der Verschwendung abgeneigt, sondern er verstand sich auch darauf, etwas hinzuzuerwerben. Etwa fünf Jahre nach seinem Besuch in Wassiljewskoje schickte er seinem Verwalter Nikolai Sergejewitsch eine Vollmacht zum Ankauf eines anderen vorzüglichen Gutes mit vierhundert Seelen, das in demselben Gouvernement gelegen war. Nikolai Sergejewitsch war entzückt; die Erfolge des Fürsten, die Gerüchte von seiner glücklichen Karriere und seinem Avancement machten ihm soviel Freude, als ob es sich um seinen eigenen Bruder handele. Aber sein Entzücken stieg auf den höchsten Grad, als der Fürst ihm tatsächlich in einem Fall ein ganz außerordentliches Vertrauen erwies. Das ging folgendermaßen zu . . .

Aber hier finde ich es nötig, einige Einzelheiten aus dem Leben dieses Fürsten Walkowski anzuführen, der eine der wichtigsten Personen meiner Erzählung ist.

Viertes Kapitel

Ich habe schon früher erwähnt, daß er Witwer war. Geheiratet hatte er schon als ganz junger Mensch, und zwar war es eine Geldheirat gewesen. Von seinen Eltern, die sich in Moskau vollständig ruiniert hatten, hatte er so gut wie nichts geerbt. Wassiljewskoje war mit enormen Hypotheken belastet. Dem zweiundzwanzigjährigen Fürsten, der damals genötigt war, in Moskau in irgendeinem Büro eine Stelle zu verwalten, war auch nicht eine Kopeke geblieben, und er trat in das Leben als »der verarmte Sprößling eines altadligen Geschlechts«. Seine Verheiratung mit der überreifen Tochter eines Kaufmanns und Branntweinpächters rettete ihn. Der Branntweinpächter betrog ihn allerdings bei der Mitgift; aber der Fürst konnte doch mit dem Geld seiner Frau sein Stammgut von der Hypothekenlast befreien und sich auf die Beine helfen. Die Kaufmannstochter, die er zur Frau bekommen hatte, konnte kaum schreiben und nicht zwei vernünftige Worte reden, war häßlich und besaß nur eine wichtige, gute Eigenschaft: sie war gutmütig und fügsam. Diese gute Eigenschaft nutzte der Fürst in hohem Maße aus; nach dem ersten Jahr der Ehe ließ er seine Frau, die ihm um diese Zeit einen Sohn geboren hatte, in den Händen ihres Vaters, des Branntweinpächters, in Moskau und siedelte selbst nach dem Gouvernement P. über, wo er sich durch die Protektion eines hochgestellten Petersburger Verwandten eine ziemlich ansehnliche Stellung im Staatsdienste verschafft hatte. Er dürstete nach Avancement, nach Auszeichnungen, nach einer glänzenden Karriere, und da er sich sagte, daß er mit seiner Frau weder in Petersburg noch in Moskau leben könne, so entschloß er sich, in Erwartung von etwas Besserem, seine Karriere in der Provinz zu beginnen. Es hieß, er habe schon im ersten Jahr seines Zusammenlebens mit seiner Frau diese durch die grobe Manier, in der er sie behandelt habe, beinahe zu Tode gequält. Über dieses Gerücht geriet Nikolai Sergejewitsch immer in Empörung, und er trat mit Wärme für den Fürsten ein, indem er beteuerte, der Fürst sei eines unedlen Benehmens unfähig. Aber nach sieben Jahren starb die Fürstin endlich, und der Witwer zog nun sogleich wieder nach Petersburg. Dort machte er sogar einigen Eindruck. Noch jung, von schönem Äußeren, vermögend und mit vielen glänzenden Eigenschaften, darunter mit Witz, mit Geschmack und mit einem unerschöpflichen Humor begabt, benahm er sich nicht, als ob er sein Glück machen wolle und Protektion suche, sondern als stehe er schon fest auf eigenen Füßen. Man erzählte, er habe wirklich etwas Bezauberndes, Kraftvolles, Siegreiches an sich gehabt. Den Frauen gefiel er außerordentlich, und eine Liaison mit einer schönen Dame aus den höchsten Gesellschaftskreisen verhalf ihm zu einer skandalösen Berühmtheit. Trotz der ihm angeborenen Sparsamkeit, die sogar an Geiz streifte, streute er mit dem Geld, ohne dasselbe zu bedauern, um sich, verlor im Kartenspiel an solche Herren, bei denen das zweckmäßig war, und verzog selbst bei großen Verlusten keine Miene. Aber nicht um Vergnügen zu suchen, war er nach Petersburg gekommen: er wollte seine Karriere definitiv in Gang bringen und sicherstellen. Und das erreichte er. Graf Nainski, sein hochgestellter Verwandter, der ihm keine Beachtung geschenkt hätte, wenn er als gewöhnlicher Bittsteller aufgetreten wäre, ließ sich durch seine Erfolge in der Gesellschaft imponieren, hielt es für möglich und passend, ihm seine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, und erwies ihm sogar die Ehre, seinen siebenjährigen Sohn zur Erziehung in sein Haus zu nehmen. In diese Zeit fiel auch die Fahrt des Fürsten nach Wassiljewskoje und seine Bekanntschaft mit Ichmenews. Endlich erhielt er durch Vermittlung des Grafen eine angesehene Stellung bei einer der bedeutendsten Gesandtschaften und begab sich ins Ausland. Weiterhin wurden die Gerüchte über ihn etwas unklar: man sprach von einem unangenehmen Erlebnis, das er im Ausland gehabt habe; aber niemand vermochte anzugeben, worin dieses bestanden habe. Man wußte nur, daß er vierhundert Seelen hinzugekauft habe, was ich schon erwähnte. Erst viele Jahre später kehrte er in hoher dienstlicher Stellung aus dem Ausland zurück und erhielt sofort in Petersburg ein sehr bedeutendes Amt. Nach Ichmenewka gelangten Gerüchte, er werde eine zweite Ehe eingehen und dadurch mit einem sehr vornehmen, reichen, mächtigen Geschlecht verwandt werden. »Er wird noch einmal einer der höchsten Würdenträger werden!« sagte Nikolai Sergejewitsch, sich vor Vergnügen die Hände reibend. Ich war damals in Petersburg auf der Universität und erinnere mich, daß Ichmenew expreß an mich schrieb und mich bat, Erkundigungen darüber einzuziehen, ob die Gerüchte über die Wiederverheiratung zutreffend seien. Er schrieb auch an den Fürsten und bat ihn, mir seine Protektion zukommen zu lassen; aber der Fürst ließ diesen Brief unbeantwortet. Ich wußte nur, daß sein Sohn, der zuerst bei dem Grafen und dann auf einem Lyzeum erzogen worden war, damals den Universitätskursus im Alter von neunzehn Jahren beendet hatte. Ich schrieb dies sogleich an Ichmenews und auch, daß der Fürst seinen Sohn sehr liebe, ihn verwöhne und schon jetzt Pläne über seine Zukunft entwerfe. Alles dies hatte ich von Kommilitonen erfahren, die mit dem jungen Fürsten bekannt waren. In dieser Zeit erhielt Nikolai Sergejewitsch eines Tages von dem Fürsten einen Brief, der ihn in das größte Erstaunen versetzte.

Der Fürst, der sich bisher, wie ich schon gesagt habe, in seinem Verkehr mit Nikolai Sergejewitsch auf eine trockene geschäftliche Korrespondenz beschränkt hatte, schrieb ihm jetzt in der eingehendsten, offenherzigsten und freundschaftlichsten Weise über seine Familienverhältnisse: er beklagte sich über seinen Sohn, schrieb, daß ihm dieser durch seine schlechte Aufführung Kummer mache; allerdings dürfe man die mutwilligen Streiche eines so jungen Menschen nicht allzu tragisch nehmen (er suchte ihn offenbar zu entschuldigen); aber er habe beschlossen, den Sohn zu bestrafen und ihm eine heilsame Furcht einzuflößen, nämlich dadurch, daß er ihn für einige Zeit auf das Land schicke und unter Ichmenews Aufsicht stelle. Der Fürst schrieb, er setze auf »seinen gutherzigen, edelgesinnten Nikolai Sergejewitsch und besonders auf Anna Andrejewna« volles Vertrauen, bat sie beide, seinen Leichtfuß in ihre Familie aufzunehmen, ihn in der ländlichen Einsamkeit Mores zu lehren, ihn, wenn möglich, liebzuhaben und vor allen Dingen seinen leichtsinnigen Charakter zu bessern und ihm strenge Grundsätze beizubringen, die ja für das menschliche Leben so unumgänglich notwendig seien. Selbstverständlich übernahm der alte Ichmenew diese Aufgabe mit Entzücken. Der junge Fürst erschien und wurde wie ein leiblicher Sohn aufgenommen. In kurzer Zeit gewann ihn Nikolai Sergejewitsch ebenso lieb, wie er seine Natascha liebte; sogar später, nachdem es bereits zwischen dem fürstlichen Vater und Ichmenew zum endgültigen Bruch gekommen war, dachte der alte Mann manchmal heiteren Sinnes an ›seinen lieben Aljoscha‹, wie er den jungen Fürsten Alexei Petrowitsch zu nennen pflegte. Dieser war in der Tat ein sehr liebenswürdiger junger Mensch; von hübschem Äußeren, schwach und nervös wie ein Frauenzimmer, zugleich aber heiter, offenherzig und der edelsten Empfindungen fähig, mit einem liebevollen, biederen, dankbaren Gemüt: so wurde er der Abgott in dem Ichmenewschen Haus. Trotz seiner neunzehn Jahre war er noch ein vollständiges Kind. Man konnte sich schwer vorstellen, weswegen ihn der Vater verbannt hatte, der ihn doch, wie man sagte, sehr liebte. Es hieß, der junge Fürst habe in Petersburg ein müßiges, leichtfertiges Leben geführt, nicht in den Staatsdienst eintreten wollen und dadurch seinen Vater aufgebracht. Nikolai Sergejewitsch befragte den jungen Mann nicht darüber, da Fürst Pjotr Alexandrowitsch in seinem Brief den wahren Grund der Verbannung seines Sohnes augenscheinlich verschwiegen hatte. Übrigens waren Gerüchte von unverzeihlichen leichtsinnigen Streichen Aljoschas im Umlauf: von einer Liaison mit einer verheirateten Dame, von einer Forderung zum Duell, von einem gewaltigen Verlust am Kartentisch; es wurde sogar davon gesprochen, daß er fremdes Geld vergeudet habe. Es ging auch ein Gerücht, der Fürst habe gar nicht wegen irgendeines Verschuldens seines Sohnes diesen zu entfernen beschlossen, sondern infolge gewisser besonderer egoistischer Erwägungen. Diesem Gerücht trat Nikolai Sergejewitsch mit Entrüstung entgegen, um so mehr, da Aljoscha seinen Vater außerordentlich liebte, den er während seiner Kindheit und seiner ersten Jugend nicht gekannt hatte; er sprach von ihm mit Entzücken und Begeisterung; es war klar, daß er sich seinem Willen völlig unterordnete. Aljoscha erzählte manchmal auch von einer Gräfin, der er und sein Vater gleichzeitig die Cour gemacht hätten; aber er, Aljoscha, habe seinem Vater dabei den Rang abgelaufen, worüber dieser furchtbar böse geworden sei. Er trug diese Geschichte immer mit Entzücken, mit kindlicher Offenherzigkeit und mit hellem, fröhlichem Gelächter vor; aber Nikolai Sergejewitsch unterbrach ihn jedesmal sogleich. Aljoscha bestätigte auch das Gerücht, daß sein Vater sich wieder verheiraten wolle.

Er hatte bereits fast ein Jahr in der Verbannung gelebt, zu bestimmten Terminen an seinen Vater respektvolle, vernünftige Briefe geschrieben und sich schließlich in Wassiljewskoje dermaßen eingelebt, daß, als der Fürst im Sommer selbst nach dem Gute kam (wovon er Ichmenews vorher benachrichtigt hatte), der Verbannte den Vater selbst bat, er möchte ihm erlauben, noch möglichst lange in Wassiljewskoje zu bleiben; das Landleben, so versicherte er, sei sein wahrer Beruf. Alle Entschlüsse und Wünsche Aljoschas entsprangen seiner übergroßen nervösen Empfänglichkeit, seinem heißen Herzen, seinem Leichtsinn, der mitunter bis zum Unverstand ging, seiner außerordentlichen Fähigkeit, sich jedem äußeren Einfluß unterzuordnen, und dem völligen Mangel an Willenskraft. Aber der Fürst hörte diese Bitte mit einem gewissen Mißtrauen an. Überhaupt erkannte Nikolai Sergejewitsch seinen früheren ›Freund‹ kaum wieder: Fürst Pjotr Alexandrowitsch hatte sich sehr, sehr verändert. Er war auf einmal Nikolai Sergejewitsch gegenüber äußerst händelsüchtig geworden sei; bei der Prüfung der Gutsrechnungen zeigte er eine widerwärtige Habgier, Knauserei und ein unbegreifliches Mißtrauen. All das betrübte den braven Ichmenew schrecklich; lange wollte er nicht glauben, was er doch sah und hörte. Diesmal gestaltete sich alles ganz anders als bei dem ersten Besuch des Fürsten in Wassiljewskoje vor vierzehn Jahren: diesmal knüpfte der Fürst mit allen Nachbarn Bekanntschaften an, selbstverständlich nur mit den vornehmsten; aber zu Nikolai Sergejewitsch kam er nie mehr herübergefahren und behandelte ihn ganz wie einen Untergebenen. Auf einmal trug sich ein unbegreiflicher Vorfall zu: ohne jede erkennbare Ursache erfolgte ein schroffer Bruch zwischen dem Fürsten und Nikolai Sergejewitsch. Von beiden Seiten fielen heftige, beleidigende Ausdrücke. Empört entfernte sich Ichmenew aus Wassiljewskoje; aber damit war die häßliche Geschichte noch nicht zu Ende. In der ganzen Umgegend verbreitete sich die widerwärtigste Klatscherei. Es wurde behauptet, Nikolai Sergejewitsch, der über den Charakter des jungen Fürsten völlig ins klare gekommen sei, habe beabsichtigt, die Fehler desselben zu seinem Vorteil auszunutzen; seine Tochter Natascha (die damals schon siebzehn Jahre alt war) habe es verstanden, den zwanzigjährigen Jüngling in sich verliebt zu machen; sowohl der Vater als auch die Mutter hätten diese Liebschaft begünstigt, obwohl sie sich gestellt hätten, als bemerkten sie nichts davon; die schlaue, ›sittenlose‹ Natascha habe schließlich den jungen Mann vollständig behext, der das ganze Jahr über infolge ihrer Bemühungen fast kein wirklich anständiges junges Mädchen zu sehen bekommen habe, deren es doch in den achtbaren Häusern der benachbarten Gutsbesitzer so viele gebe. Man behauptete endlich, die beiden Liebesleute hätten schon verabredet gehabt, sich in dem Dorfe Grigorjewo, fünfzehn Werst von Wassiljewskoje entfernt, trauen zu lassen, anscheinend heimlich vor Nataschas Eltern, die aber in Wirklichkeit alles bis auf die kleinsten Einzelheiten gewußt und die Tochter durch ihre schändlichen Ratschläge geleitet hätten. Kurz, in einem dicken Buche hätte all das nicht Platz gefunden, was die Klatschbasen beiderlei Geschlechts anläßlich dieses Vorfalls im ganzen Kreis schwatzten. Aber das Erstaunlichste war, daß der Fürst all diesem Gerede völligen Glauben schenkte und sogar einzig und allein aus diesem Grunde nach Wassiljewskoje gekommen war; er hatte nämlich in Petersburg eine anonyme Denunziation aus der Provinz erhalten. Allerdings hätte, wie es scheint, niemand, der Nikolai Sergejewitsch auch nur ein wenig kannte, ein Wort von all den gegen ihn vorgebrachten Beschuldigungen glauben können; aber wie das so zu gehen pflegt, machten sich alle trotzdem eifrig über die Sache her, redeten, schüttelten die Köpfe und – fällten ein Verdammungsurteil. Ichmenew seinerseits war zu stolz, um seine Tochter vor dem Tribunal der Klatschbasen zu verteidigen, und verbot auch seiner Frau streng, sich mit den Nachbarn auf irgendwelche Erörterungen einzulassen. Die so arg verleumdete Natascha selbst aber wußte sogar ein ganzes Jahr darauf noch so gut wie nichts von all diesem Gerede und Geschwätze: ihre Eltern hielten die ganze Geschichte sorgfältig vor ihr verborgen, und sie war heiter und unschuldig wie ein zwölfjähriges Kind.

Inzwischen nahm der Streit mit dem Fürsten seinen Fortgang. Dienstfertige Leute zeigten sich geschäftig. Angeber und Zeugen traten auf und brachten den Fürsten schließlich zu der Überzeugung, daß Nikolai Sergejewitsch bei seiner langjährigen Verwaltung von Wassiljewskoje sich keineswegs durch musterhafte Ehrlichkeit ausgezeichnet habe. Ja noch mehr: vor drei Jahren habe Nikolai Sergejewitsch bei dem Verkauf eines Waldes eine Summe von zwölftausend Rubeln unterschlagen, was sich durch klare, vollgültige Beweise vor Gericht nachweisen lasse; und dabei habe er zu dem Verkauf des Waldes nicht einmal eine gesetzliche Vollmacht vom Fürsten besessen, sondern nach seinem eigenen Kopf gehandelt, den Fürsten erst nachträglich von der Notwendigkeit des Verkaufs überzeugt und für den Wald eine sehr viel geringere Summe als die tatsächlich empfangene abgeliefert. Selbstverständlich waren das alles nur Verleumdungen, wie es sich auch in der Folge herausstellte; aber der Fürst glaubte alles und nannte Nikolai Sergejewitsch vor Zeugen einen Dieb. Ichmenew nahm das nicht so hin, sondern antwortete mit einer ebenso schweren Beleidigung: es war eine schreckliche Szene. Sofort begann ein Prozeß. Nikolai Sergejewitsch war sehr bald nahe daran, diesen zu verlieren, einerseits weil er keine schriftlichen Belege vorzeigen konnte, besonders aber weil er keine Gönner hatte und in solchen Gerichtssachen keine Erfahrung besaß. Sein Gut wurde gerichtlich mit Beschlag belegt. Der aufgebrachte alte Mann ließ alles stehen und liegen und entschloß sich, nach Petersburg zu ziehen, um persönlich für seine Sache tätig zu sein; im Gouvernement aber übertrug er die Verwaltung seines Gutes einem erfahrenen Bevollmächtigten. Der Fürst erkannte, wie es scheint, bald, daß er Ichmenew grundlos beleidigt hatte. Aber die Beleidigung war von beiden Seiten eine so schwere gewesen, daß eine Aussöhnung ein Ding der Unmöglichkeit war, und so machte denn der Fürst in seinem Grimm alle Anstrengungen, um den Prozeß zu gewinnen, das heißt, in Wirklichkeit seinem früheren Verwalter das letzte Stück Brot wegzunehmen.

Fünftes Kapitel

So war also die Familie Ichmenew nach Petersburg gezogen. Ich beabsichtige nicht, mein Wiedersehen mit Natascha nach einer so langen Trennung zu schildern. Diese ganzen vier Jahre über hatte ich immer an sie gedacht. Allerdings war ich mir über das Gefühl, mit dem ich an sie gedacht hatte, selbst nicht ganz klar gewesen; aber als wir uns nun wiedererblickten, erkannte ich bald, daß sie mir vom Schicksal bestimmt sei. Anfangs, in den ersten Tagen nach der Ankunft der Familie, schien es mir immer, als habe Natascha sich in diesen Jahren nur wenig weiterentwickelt, als habe sie sich nicht verändert und sei noch dasselbe Mädchen geblieben, das sie vor unserer Trennung gewesen war. Aber dann entdeckte ich Tag für Tag an ihr etwas Neues, mir bisher ganz Unbekanntes, gerade als ob das Mädchen es absichtlich vor mir verheimlicht und verborgen habe – und welchen Genuß gewährten mir diese Entdeckungen! Der Alte war in der ersten Zeit nach der Übersiedlung nach Petersburg sehr reizbar und verbittert. Seine Sache ging schlecht; er war entrüstet, ganz außer sich, quälte sich mit Prozeßakten ab und war nicht in der Stimmung, sich mit uns abzugeben. Anna Andrejewna aber ging wie betäubt umher und konnte anfangs keinen klaren Gedanken fassen. Petersburg beängstigte sie. Sie seufzte, fühlte sich bedrückt, dachte mit Tränen an ihr früheres Leben und an Ichmenewka zurück und war traurig darüber, daß Natascha nun erwachsen sei und niemand sie beachte. Über diesen letzten Punkt ließ sie sich mit mir in Gespräche von seltsamer Offenherzigkeit ein, wohl in Ermangelung eines andern, der zu vertraulichen Mitteilungen geeigneter gewesen wäre.

Gerade zu dieser Zeit, nicht lange vor der Ankunft der Familie Ichmenew, hatte ich meinen ersten Roman beendet, eben den, mit welchem meine Laufbahn begann, und wußte als Neuling zuerst nicht, wo ich ihn unterbringen sollte. Bei Ichmenews hatte ich davon keine Silbe gesagt; sie hatten sich mit mir beinahe schon verfeindet, weil ich ein Müßiggänger sei, das heißt nicht in den Staatsdienst träte und mir keine Mühe gäbe, eine Stelle zu finden. Der Alte hatte mich ernstlich und sogar in recht scharfen Ausdrücken ausgescholten, natürlich aus väterlicher Anteilnahme an meinem Ergehen. Ich aber hatte mich geradezu geschämt, ihnen zu sagen, womit ich mich beschäftigte. Und in der Tat, wie konnte ich ihnen geradeheraus sagen, daß ich gar kein Amt übernehmen, sondern Romane schreiben wolle? Deswegen hatte ich sie einstweilen getäuscht und gesagt, ich hätte noch keine Stelle bekommen können, sei aber eifrig auf der Suche. Der alte Ichmenew hatte keine Zeit gehabt, die Wahrheit meiner Angaben nachzuprüfen. Als Natascha einmal unsere Gespräche mit angehört hatte, hatte sie mich insgeheim beiseite geführt und mich unter Tränen angefleht, doch an meine Zukunft zu denken; sie hatte mich dringlich befragt, was ich eigentlich täte, und als ich mich auch ihr nicht entdeckte, hatte sie mir darauf den Eid abgenommen, daß ich mich nicht durch Faulheit und Müßiggang zugrunde richten würde. Ich hatte ihr nicht bekannt, womit ich mich beschäftigte, und doch wäre ein einziges beifälliges Wort von ihr über meine Arbeit, über meinen ersten Roman, mir wertvoller gewesen als alles, was ich später an schmeichelhaften Äußerungen der Kritiker und anderer Beurteiler zu hören bekam. Und nun war mein Roman endlich erschienen! Schon lange vor seinem Erscheinen hatte er in der literarischen Welt Aufsehen erregt. Der Kritiker B. hatte sich gefreut wie ein Kind, als er mein Manuskript las. Aber wenn ich jemals glücklich gewesen bin, so war ich es nicht in den ersten berauschenden Augenblicken des Erfolges, sondern damals, als ich mein Manuskript noch niemandem vorgelesen und gezeigt hatte, in jenen langen Nächten inmitten entzückter Hoffnungen und Zukunftsträumereien und leidenschaftlicher Liebe zur Arbeit, als ich mit meinen Phantasiegebilden zusammenlebte, mit den Personen, die ich selbst geschaffen hatte, verkehrte, als ob sie meine Verwandten und wirklich existierende Wesen wären, sie liebte, mich mit ihnen freute und mit ihnen trauerte und manchmal sogar die aufrichtigsten Tränen über das Schicksal meines schlichten Helden vergoß. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sich die beiden alten Leute über meinen Erfolg freuten, obgleich sie zuerst furchtbar erstaunt waren; es war doch eine gar zu seltsame Überraschung für sie! So wollte Anna Andrejewna es absolut nicht glauben, daß der neue, allgemein gerühmte Schriftsteller dieser selbe Wanja sei, der . . . und schüttelte immer nur mit dem Kopfe. Der Alte wollte sich lange Zeit nicht überwunden geben und bekam anfangs, bei den ersten Gerüchten, sogar einen Schreck; er begann von der zerstörten dienstlichen Karriere und von der unordentlichen Lebensweise aller Schriftsteller in Bausch und Bogen zu reden. Aber die unaufhörlichen neuen Gerüchte, die Artikel in den Zeitschriften und endlich einige lobende Worte, die er über mich von Leuten gehört hatte, denen er respektvoll Glauben schenkte, veranlaßten ihn, seine Meinung über die Sache zu ändern. Als er aber wahrnahm, daß ich auf einmal zu Geld gelangt war, und erfuhr, welche Bezahlung man für schriftstellerische Arbeit erhalten kann, da schwanden auch seine letzten Bedenken. Schnell vom Zweifel zu vollem, entzücktem Glauben übergehend, freute er sich wie ein Kind über mein Glück und gab sich auf einmal den ausschweifendsten Hoffnungen, den zügellosesten Phantasien über meine Zukunft hin. Alle Tage entwarf er neue Pläne für meine Karriere, und was war nicht alles in diesen Plänen enthalten! Er begann sogar, mir eine besondere Art von Achtung zu bezeigen, die er mir bis dahin nicht erwiesen hatte. Aber doch stürmten manchmal wieder die alten Zweifel plötzlich auf ihn ein, oft mitten im entzücktesten Phantasieren, und machten ihn wieder in seinem Glauben irre.

»Autor, Dichter! Wie sonderbar das klingt . . . Aber wann sind Dichter zu Rang und Würden gelangt? Sie bleiben doch immer nur so ein tintenklecksendes Völkchen mit unsicherer Existenz!«

Ich machte die Beobachtung, daß derartige Zweifel und all solche heiklen Überlegungen ihm am häufigsten in der Dämmerung in den Sinn kamen (so fest haften mir alle Einzelheiten aus jener goldenen Zeit im Gedächtnis!). In der Dämmerstunde wurde unser guter Alter immer besonders nervös, ängstlich und mißtrauisch. Natascha und ich wußten das schon und machten uns im voraus darüber lustig. Ich erinnere mich, daß ich ihn durch den Hinweis auf interessante Tatsachen zu ermutigen suchte: wie Sumarokow den Generalsrang, Dershawin eine mit Dukaten gefüllte Tabatiere erhalten habe, wie die Zarin selbst bei Lomonossow einen Besuch gemacht habe; ich redete von Puschkin, von Gogol.

»Ich weiß, lieber Freund, ich weiß das alles«, erwiderte der alte Mann, der vielleicht zum erstenmal in seinem Leben von all diesen Dingen hörte. »Hm! Hör mal, Wanja, ich bin doch froh, daß du dein Dingrich da nicht in Versen geschrieben hast. Verse, lieber Freund, sind Unsinn; da sage du kein Wort dawider, sondern glaube mir altem Mann; ich wünsche nur dein Bestes; der reine Unsinn, müßige Zeitvergeudung! Gymnasiasten mögen Verse schreiben, immerhin; aber junge Männer bringt das Verseschreiben ins Irrenhaus. Gewiß, Puschkin war ein bedeutender Mensch; wer bestreitet das? Aber er hat doch nur Verse geschrieben und weiter nichts, so etwas Kurzlebiges . . . Ich habe übrigens wenig von ihm gelesen . . . Prosa, das ist doch eine andere Sache! Da kann der Autor seine Leser sogar belehren; na ja, er kann von der Liebe zum Vaterland sprechen oder so im allgemeinen von Tugenden, ja! Ich weiß mich nur nicht auszudrücken, lieber Freund, aber du wirst mich schon verstehen; ich sage das, weil ich es mit dir gut meine. Aber nun zu, nun zu, lies vor!« schloß er mit einer Art von Gönnermiene, als ich endlich eines Abends das Buch mitgebracht hatte und wir alle nach dem Tee um den runden Tisch herum saßen; »lies vor, was du da geschrieben hast; die Leute machen ja von dir soviel Geschrei! Wir wollen mal sehen, wir wollen mal sehen!«

Ich schlug das Buch auf und schickte mich an zu lesen. An diesem Abend war mein Roman eben erst aus der Druckerei gekommen, und nachdem ich endlich ein Exemplar erhalten hatte, war ich gleich zu Ichmenews gelaufen, um ihnen mein Erzeugnis vorzulesen.

Es hatte mich sehr geschmerzt und geärgert, daß ich ihnen meinen Roman nicht schon früher aus dem Manuskript hatte vorlesen können; aber dieses hatte sich ja in den Händen des Verlegers befunden. Natascha hatte sogar geweint vor Verdruß, mit mir gezankt und mir Vorwürfe gemacht, daß fremde Leute meinen Roman früher zu lesen bekämen als sie. Aber nun saßen wir endlich am Tisch. Der Alte setzte eine ungewöhnlich ernste, richterliche Miene auf. Er wollte ganz streng zu Gericht sitzen, »sich eine eigene Überzeugung bilden«. Die alte Frau sah ebenfalls höchst feierlich aus; beinahe hätte sie sich zu der Vorlesung eine neue Haube aufgesetzt. Sie hatte schon längst wahrgenommen, daß ich ihre prächtige Natascha mit grenzenloser Liebe anschaute, daß mir der Atem stockte und es mir dunkel vor den Augen wurde, wenn ich mit ihr sprach, und daß auch Natascha mich mit helleren Blicken als früher ansah. Ja! endlich war nun auch für unsere Liebe die Zeit gekommen; sie war gekommen gerade im Augenblick der Erfolge, der goldenen Hoffnungen und des vollkommensten Glückes; alles war zugleich gekommen, alles auf einmal! Die alte Frau hatte ferner bemerkt, daß auch ihr Mann schon angefangen hatte, mich sehr zu loben, und mich und die Tochter mit eigentümlichen Blicken ansah – und da bekam sie es plötzlich mit der Angst: ich war ja doch kein Graf, kein Fürst, kein regierender Herr, nicht einmal ein junger, juristisch gebildeter Kollegienrat mit ein paar Orden und einem schönen Äußeren! Anna Andrejewna pflegte mit ihren Wünschen nicht auf halbem Weg stehenzubleiben. »Da loben sie diesen Menschen nun«, dachte sie mit Bezug auf mich; »aber warum eigentlich, das weiß man nicht. Autor, Dichter . . . Was ist das nur, ein ›Autor‹?«

Sechstes Kapitel

Ich las ihnen meinen Roman an einem einzigen Abend vor. Wir fingen gleich nach dem Tee an und saßen bis zwei Uhr morgens zusammen. Der Alte machte anfangs ein finsteres Gesicht. Er hatte etwas unfaßbar Hohes erwartet, etwas von der Art, daß er es vielleicht selbst nicht verstehen könne, aber unter allen Umständen etwas Hohes; und nun bekam er statt dessen ganz alltägliche, allgemein bekannte Dinge zu hören; das war ja alles ganz genauso wie das, was gewöhnlich um einen herum vorgeht. Und wenn der Held noch ein großer, interessanter Mann wäre oder eine historische Persönlichkeit von der Art wie Roslawlew oder Juri Miloslawski;Romane von Michail Nikolajewitsch Sagoskin, erschienen 1829 bzw. 1830. aber hier wurde ein kleiner, schüchterner und sogar ein bißchen dummer Beamter geschildert, an dessen Uniform sogar die Knöpfe zerfasert waren; und alles war in so einfachem Stil geschrieben, genau wie wir selbst reden!Dies bezieht sich auf Dostojewskis eigenen Erstlingsroman ›Arme Leute‹. Sonderbar! Die alte Frau blickte ihren Mann fragend an und warf sogar die Lippen ein bißchen schmollend auf, wie wenn sie sich durch etwas gekränkt fühlte: ›Na, verdient denn solch dummes Zeug wirklich, daß es gedruckt wird und daß man es anhört? Und dafür bezahlen die Leute noch Geld!‹ stand auf ihrem Gesicht geschrieben. Natascha war ganz Ohr, hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu, wandte kein Auge von mir, blickte nach meinen Lippen, wie ich jedes Wort aussprach, und bewegte selbst ihre schönen Lippen in unbewußter Nachahmung. Und was geschah? Ehe ich noch bis zur Mitte gelangt war, strömten meinen Zuhörern die Tränen aus den Augen. Anna Andrejewna weinte aufrichtig, bemitleidete meinen Helden von ganzem Herzen und hegte (was ich aus ihren Ausrufen schließen konnte) den recht naiven Wunsch, ihm irgendwie in seinem Unglück zu helfen. Der Alte hatte alle Gedanken an großartige Stoffe bereits über Bord geworfen. »Man sieht gleich von vornherein«, sagte er, »daß dem Verfasser die Flügel noch nicht gewachsen sind; er ist nur so ein ganz einfacher Erzähler; aber dafür greift er einem ans Herz; dafür wird einem das, was um einen herum vorgeht, verständlich und begreiflich; man sieht ein, daß der armseligste, geringste Mensch doch auch ein Mensch und unser Bruder ist.«

Natascha hörte zu, weinte und drückte mir unter dem Tisch heimlich, aber kräftig die Hand. Die Vorlesung war zu Ende. Natascha stand auf; ihre Wangen glühten; die Tränen standen ihr in den Augen; auf einmal ergriff sie meine Hand, küßte sie und lief aus dem Zimmer. Der Vater und die Mutter wechselten einen Blick miteinander.

»Hm! Wie gerührt sie ist!« sagte der Alte, erstaunt über das Benehmen der Tochter. »Aber das schadet nichts; das ist ganz gut, ganz gut, der Ausbruch eines edlen Gefühls! Sie ist ein braves Mädchen«, murmelte er und sah dabei flüchtig seine Frau an, als wolle er Natascha und gleichzeitig eigentümlicherweise auch mich entschuldigen.

Aber Anna Andrejewna machte, obgleich sie während der Vorlesung selbst recht aufgeregt und gerührt gewesen war, jetzt doch ein Gesicht, als ob sie sagen wollte: »Freilich ist Alexander von Makedonien ein Held; aber muß man deshalb gleich Stühle zerschlagen?«

Natascha kehrte bald zurück; sie war heiter und glücklich und kniff mich heimlich, als sie an mir vorbeiging. Der Alte wollte sich wieder daranmachen, meinen Roman »ernsthaft« zu kritisieren; aber vor Freude blieb er seiner Rolle nicht treu, sondern ließ sich hinreißen:

»Na, Wanja, lieber Freund, das ist ja schön, sehr schön! Es hat mir gefallen! Es hat mir so gut gefallen, wie ich es gar nicht erwartet hatte. Es ist ja nichts Hohes, nichts Großartiges; das ist klar. Da habe ich ein Buch liegen: »Die Befreiung Moskaus«; es ist auch in Moskau selbst verfaßt – na, da sieht man gleich bei der ersten Zeile, lieber Freund, daß der Verfasser sich sozusagen auf Adlersfittichen in die Höhe schwingt. Aber weißt du, Wanja, bei dir ist alles einfacher, verständlicher. Eben deshalb sagt es mir zu, weil es verständlicher ist! Es steht einem gewissermaßen näher; es ist mir, als hätte ich es selbst erlebt. Und was hat man von etwas Großartigem? Ich hätte es selbst nicht einmal verstanden. Den Stil würde ich an deiner Stelle verbessern; ich lobe ihn ja, aber man muß doch sagen, er ist etwas niedrig. Na, aber jetzt ist es dazu zu spät: nun ist es gedruckt. Vielleicht bei der zweiten Auflage? Es wird ja doch wohl zu einer zweiten Auflage kommen? Dann erhältst du auch wieder Geld . . . Hm!«

»Und hast du wirklich so viel Geld dafür erhalten, Iwan Petrowitsch?« sagte Anna Andrejewna. »Ich sehe dich an und kann es immer noch nicht recht glauben. Ach du mein Gott, wofür die Leute nicht alles jetzt Geld ausgeben!«

»Weißt du, Wanja«, fuhr der Alte, immer eifriger werdend, fort, »das ist ja zwar kein Staatsdienst, aber eine Art Karriere ist es doch. Auch hochgestellte Persönlichkeiten werden es lesen. Du hast uns gesagt, Gogol habe eine jährliche Beihilfe bekommen und sei ins Ausland geschickt worden. Nun, wenn dir das auch zuteil würde? Wie? Oder ist es dazu noch zu früh? Mußt du noch etwas anderes schreiben? Nun, dann tu das, lieber Freund, tu das so schnell wie möglich! Ruhe nicht aus auf deinen Lorbeeren! Worauf willst du warten?«

Er sagte das alles in einem solchen Tone der Überzeugung und mit soviel Gutherzigkeit, daß ich nicht den Mut fand, seine phantastischen Vorstellungen zu hemmen und abzukühlen.

»Oder vielleicht gibt man dir auch eine Tabatiere, wie? Gnadenbeweise sind an keine Regeln gebunden. Man wird dich aufmuntern wollen. Und wer weiß, vielleicht kommst du auch an den Hof«, fügte er flüsternd mit einem bedeutsamen Blick hinzu; »oder geht das nicht? Das ist wohl noch zu früh?«

»Na, am Ende gar an den Hof!« sagte Anna Andrejewna, wie wenn sie sich gekränkt fühlte.

»Es fehlt nicht viel, so werden Sie mich noch zum General befördern!« antwortete ich, herzlich lachend.

Der Alte lachte ebenfalls. Er war außerordentlich zufrieden.

»Exzellenz, belieben Sie nicht zu speisen?« rief die übermütige Natascha, die unterdessen für uns das Abendbrot zurechtgemacht hatte.

Sie kicherte, lief zu ihrem Vater, umarmte ihn innig und streichelte ihn mit ihren heißen Händen.

»Gutes, gutes Papachen!«

Der Alte wurde gerührt.

»Nun, nun, laß nur gut sein, laß nur gut sein! Ich rede das ja alles nur so harmlos hin. Lassen wir den General beiseite und gehen wir zum Abendessen! Ach, was bist du für ein empfindsames Ding!« fügte er hinzu und klopfte seiner Natascha auf das gerötete Bäckchen, was er bei jeder passenden Gelegenheit zu tun pflegte. »Siehst du, Wanja, ich rede so, weil ich es gut mit dir meine. Na, wenn du auch kein General bist (bis dahin hast du es allerdings noch weit!), so bist du doch eine bekannte Persönlichkeit, ein Autor.«

»Heutzutage sagt man ›Schriftsteller‹, Papachen.«

»Nicht Autor? Das habe ich nicht gewußt. Na, meinetwegen auch ein Schriftsteller; aber was ich noch sagen wollte: zum Kammerherrn werden sie dich für deinen Roman freilich nicht befördern, daran ist nicht zu denken; aber Karriere kannst du trotzdem machen; du könntest zum Beispiel Attaché werden. Man kann dich ins Ausland schicken, nach Italien, zur Wiederherstellung deiner Gesundheit oder zur Vervollkommnung in den Wissenschaften, ja; man kann dir eine pekuniäre Beihilfe geben. Natürlich ist erforderlich, daß auch von deiner Seite alles anständig zugeht und daß du für deine Leistungen, für wirkliche Leistungen Geld und Ehren einerntest und nicht infolge von Protektion . . .«

»Und werde dann nur nicht stolz, Iwan Petrowitsch!« fügte Anna Andrejewna lachend hinzu.

»Verleihe ihm nur recht schnell einen hohen Orden, Papachen; denn bloß Attaché ist doch ein bißchen wenig.«

Dabei kniff sie mich wieder in den Arm.

»Dieses Mädchen muß sich doch immer über mich lustig machen!« rief der Alte und blickte entzückt seine Natascha an, deren Bäckchen brannten und deren Äuglein wie zwei Sternchen lustig glänzten. »Ich bin, wie es scheint, wirklich etwas zu weit gegangen, Kinder; ich habe mich in die Wolken verstiegen; ich bin immer so gewesen . . . Aber weißt du, Wanja, sehe ich dich so an: was bist du für ein einfacher Mensch . . .«

»Ach, mein Gott! Wie soll er denn sein, Papachen?«

»Nein, nein, ich drücke mich falsch aus. Ich meine nur, Wanja, du hast so ein Gesicht . . . das heißt sozusagen ein ganz unpoetisches Gesicht. Weißt du, man sagt, die Dichter, das sind solche blassen Menschen, und sie haben solche Haare, und es liegt so etwas in ihren Augen. Weißt du, ich denke da an Goethe und andere; ich habe das im ›Abbadona‹ gelesen. Aber wie ist's? Habe ich da wieder etwas Dummes geschwatzt? Nun sieh einer die Schelmin; sie will sich ordentlich ausschütten vor Lachen über mich! Ich bin kein Gelehrter, meine Lieben: ich kann nur meinem Gefühl folgen. Na, lassen wir dein Gesicht; was man für ein Gesicht hat, das ist schließlich kein Unglück; mir ist deins hübsch genug, und es gefällt mir sehr. In dem Sinn habe ich es nicht gesagt. Sei nur ein ehrenhafter Mensch, Wanja, ein ehrenhafter Mensch, das ist die Hauptsache; lebe ehrenhaft; überhebe dich nicht! Du hast freie Bahn vor dir. Diene ehrenhaft deinem Beruf; das ist's, was ich sagen wollte; das ist's, was ich eigentlich sagen wollte!«

Es war eine wundervolle Zeit! Alle meine freien Stunden, alle Abende verlebte ich bei ihnen. Dem Alten brachte ich Nachrichten aus der literarischen Welt, über alle möglichen Schriftsteller; denn er hatte auf einmal aus nicht recht verständlichem Grund angefangen, sich für diese lebhaft zu interessieren; er hatte sogar angefangen, die kritischen Artikel B.s zu lesen, über den ich ihm vieles mitgeteilt hatte; er verstand sie fast gar nicht, lobte ihn aber begeistert und schalt grimmig auf seine Feinde, die in der »Nordischen Biene« schrieben. Die alte Frau hatte ein scharfes Auge auf mich und Natascha, konnte uns aber doch nicht immer beaufsichtigen! Wir hatten schon ein wichtiges kleines Gespräch miteinander gehabt, und ich hatte endlich gehört, wie Natascha mit gesenktem Köpfchen und nur halb geöffneten Lippen fast flüsternd zu mir »ja« sagte. Aber auch die Eltern erfuhren dies: sie errieten es, sie dachten es sich. Anna Andrejewna schüttelte lange den Kopf. Eine seltsame Bangigkeit überkam sie; sie setzte auf mich kein rechtes Vertrauen.

»Solange du Erfolg hast, ist ja alles schön und gut, Wanja«, sagte sie. »Aber wenn nun eines Tages der Erfolg ausbleibt oder sonst etwas passiert, was dann? Wenn du doch irgendwo im Staatsdienst eine Anstellung hättest!«

»Hör mal zu, was ich dir sagen werde!« ließ sich der Alte nach einigem Nachdenken vernehmen. »Ich habe es auch selbst gesehen, es bemerkt und, offen gestanden, mich sogar darüber gefreut, daß du und Natascha . . . na, was ist da weiter zu sagen! Siehst du, Wanja, ihr seid beide noch sehr jung, und meine Anna Andrejewna hat ganz recht. Warten wir noch ein Weilchen! Du besitzt allerdings Talent, sogar ein bemerkenswertes Talent . . . na, ein Genie bist du nicht, wie die Leute zuerst schrien; du hast eben einfach Talent (ich habe da gerade heute eine Kritik über dich in der »Nordischen Biene« gelesen; da haben sie dir sehr übel mitgespielt; aber was ist das auch für ein Schandblatt!). Ja! Also siehst du: wenn man Talent hat, so hat man darum noch nicht ein hübsches Kapital bei der Bank; ihr seid beide arm. Warten wir noch so anderthalb Jahre oder wenigstens ein Jahr: wenn du deinen Weg machst und festen Ganges auf deiner Bahn vorwärtsschreitest, so ist Natascha die Deine; gelingt es dir nicht, so wirst du dir das Nötige selbst sagen! Du bist ein ehrenhafter Mensch; denk über die Sache nach!«

Dabei blieb es. Aber nach einem Jahr stand die Sache folgendermaßen:

Ja, es war fast genau ein Jahr darauf! Am Spätnachmittag eines hellen Septembertages kam ich, krank und voll tiefen Herzwehs, zu dem alten Ehepaar und sank beinah ohnmächtig auf einen Stuhl, so daß sie mich ganz erschrocken ansahen. Aber nicht deshalb war mir der Kopf so schwindlig und das Herz so beklommen, daß ich zehnmal an ihre Tür herangekommen und zehnmal wieder umgekehrt war, nicht deshalb, weil meine Karriere mir nicht geglückt war und ich immer noch weder Ruhm noch Geld besaß; nicht deshalb, weil ich noch nicht »Attaché« geworden war und viel daran fehlte, daß man mich zur Wiederherstellung meiner Gesundheit nach Italien geschickt hätte; sondern deshalb, weil man in einem einzigen Jahr zehn Jahre durchleben kann und meine Natascha wirklich in diesem einen Jahr zehn Jahre durchlebt hatte. Ein unendlicher Raum lag zwischen uns. Und so saß ich denn damals dem alten Ichmenew gegenüber, schwieg und zerknickte in meiner Zerstreuung mit der Hand die Krempe meines Hutes, die auch ohnehin schon arg zerbrochen war; ich saß da und wartete, ohne zu wissen warum, darauf, daß Natascha hereinkäme. Mein Anzug war kläglich und saß mir schlecht; im Gesicht war ich mager und gelb geworden, war aber dennoch einem Dichter nicht im entferntesten ähnlich, und in meinen Augen lag nichts Großartiges, worüber sich der gute Nikolai Sergejewitsch einstmals seine Sorgen gemacht hatte. Die alte Frau sah mich mit unverhohlenem und gar zu eiligem Mitleid an und dachte im stillen:

»Und der wäre beinah Nataschas Bräutigam geworden! Gott behüte und bewahre uns!«

»Wie ist's, Iwan Petrowitsch?« sagte sie. »Willst du nicht Tee trinken?« (Der siedende Samowar stand auf dem Tisch.) »Wie ist denn dein Befinden, lieber Freund? Du siehst ganz krank aus«, fügte sie in klagendem Ton hinzu; ich höre sie, als ob es heute wäre.

Und als ob es heute wäre, sehe ich sie: sie redete so mitleidig zu mir; aber in ihren Augen war noch eine andere Sorge sichtbar, ebendieselbe Sorge, die auch ihren Mann bedrückte, so daß er jetzt vor seiner kalt gewordenen Tasse Tee saß und in Gedanken versunken war. Ich wußte, daß ihnen jetzt der übel verlaufende Prozeß mit dem Fürsten Walkowski Sorge bereitete und daß ihnen noch andere Unannehmlichkeiten zugestoßen waren, die den alten Nikolai Sergejewitsch hart angegriffen und ordentlich krank gemacht hatten. Der junge Fürst, um dessentwillen diese ganze häßliche Prozeßgeschichte entstanden war, hatte vor fünf Monaten eine Gelegenheit gefunden, zu Ichmenews ins Haus zu kommen. Der Alte, der »seinen lieben Aljoscha« wie einen eigenen Sohn liebte und fast täglich an ihn gedacht hatte, nahm ihn mit Freuden auf. Anna Andrejewna mußte wieder an Wassiljewskoje denken und zerfloß in Tränen. Aljoscha kam nun immer häufiger zu ihnen, ohne Wissen seines Vaters; Nikolai Sergejewitsch, als ehrlicher, gerader, offenherziger Mann, wies entrüstet alle Vorsichtsmaßregeln zur Verheimlichung dieser Besuche zurück. In edlem Stolz kümmerte er sich nicht darum, was der Fürst sagen werde, wenn er erführe, daß sein Sohn wieder bei Ichmenews verkehre, und verachtete im stillen den törichten Verdacht, den der Fürst hegen könnte. Aber der Alte hatte nicht bedacht, ob auch seine Kraft dazu ausreichen werde, neue Beleidigungen zu ertragen. Bald kam der junge Fürst täglich zu ihnen. Das Zusammensein mit ihm machte sie heiter und fröhlich. Die ganzen Abende und bis lange nach Mitternacht saß er bei ihnen. Natürlich erfuhr der Vater schließlich dies alles in Form einer widerwärtigen Klatscherei. Er beleidigte Nikolai Sergejewitsch durch einen abscheulichen Brief über dasselbe Thema wie früher und untersagte dem Sohn auf das strengste den weiteren Verkehr mit Ichmenews. Dies hatte sich zwei Wochen vor dem Besuch, den ich ihnen machte, zugetragen. Der alte Mann war furchtbar traurig. Wie! seine Natascha, seine unschuldige, edle Tochter, sollte wieder in diese schmutzige Verleumdung, in diese Gemeinheit hineingezogen werden! Ihr Name wurde in beleidigender Weise von dem Menschen ausgesprochen, der ihn auch früher schon verunehrt hatte! Und hierfür keine Genugtuung erlangen zu können! In den ersten Tagen hatte er sich vor Verzweiflung ins Bett gelegt. All dies wußte ich. Die ganze häßliche Geschichte war mir in allen Einzelheiten bekannt geworden, obgleich ich, krank und niedergeschlagen, die letzte Zeit über, drei Wochen lang, mich bei ihnen nicht hatte blicken lassen und in meiner Wohnung bettlägerig gewesen war. Aber ich wußte auch (nein! ich ahnte es damals nur erst, oder vielmehr ich wußte es, wollte es aber nicht glauben), daß es außer dieser unangenehmen Sache noch etwas gab, was sie mehr als alles andere beunruhigen mußte, und ich beobachtete sie mit qualvoller Sorge. Ja, ich litt Qualen; ich fürchtete mich, die Wahrheit zu erraten; ich fürchtete mich, sie zu glauben, und suchte aus aller Kraft, den verhängnisvollen Augenblick hinauszuschieben. Und doch war ich um dieses Augenblicks willen hingegangen. Es hatte mich an diesem Abend unwillkürlich zu ihnen hingezogen!

»Ja, Wanja«, fragte auf einmal der Alte, wie wenn er aus seiner Versunkenheit erwachte, »bist du vielleicht krank gewesen? Weil du so lange nicht zu uns gekommen bist. Ich muß dich um Entschuldigung bitten: ich wollte dich schon längst besuchen, aber immer . . . hm . . .«

Er versank wieder in seine Gedanken.

»Ich bin unwohl gewesen«, antwortete ich.

»Hm! Unwohl!« wiederholte er fünf Minuten darauf. »So so, unwohl! Ich habe es dir damals gesagt und dich gewarnt; aber du hast nicht auf mich gehört! Hm! Nein, Wanjuscha: solange die Welt steht, hat die Muse hungernd im Dachkämmerchen gesessen, und das wird auch immer so bleiben. So ist das!«

Ja, der Alte war in übler Stimmung. Hätte er nicht eine so tiefe Wunde im Herzen gehabt, so würde er nicht zu mir von der hungernden Muse gesprochen haben. Ich blickte ihm ins Gesicht: es war gelb geworden, und in seinen Augen lag der Ausdruck eines verständnislosen Zweifels, einer Frage, die er nicht zu beantworten vermochte. Er zeigte eine gewisse Schroffheit und eine ungewöhnliche Verbitterung. Seine Frau sah ihn beunruhigt an und schüttelte den Kopf. Als er sich einmal umwendete, machte sie mir nach ihm hin verstohlen mit dem Kopf ein Zeichen.

»Wie befindet sich Natalja Nikolajewna? Ist sie zu Hause?« fragte ich die bekümmerte Anna Andrejewna.

»Ja, sie ist zu Hause, lieber Freund«, erwiderte sie in einem Ton, als ob ihr meine Frage unangenehm sei. »Sie wird gleich selbst hereinkommen, um dich zu begrüßen. Es ist keine Kleinigkeit, einander drei Wochen lang nicht zu sehen! Und sie ist in der letzten Zeit eine ganz andere geworden; man wird gar nicht aus ihr klug, ob sie gesund ist oder krank; Gott helfe ihr!«

Sie sah ihren Mann schüchtern an.

»Was redest du da? Es fehlt ihr nichts«, versetzte Nikolai Sergejewitsch mißmutig und kurz abgebrochen; »sie ist gesund. Das Mädchen kommt einfach in die Jahre; sie ist kein Kind mehr; das ist das Ganze. Wer kann diesen Mädchenkummer und diese Mädchenlaunen genau verstehen!«

»Na, am Ende gar Launen!« erwiderte Anna Andrejewna gekränkt.

Der Alte schwieg und trommelte mit den Fingern auf dem Tische. ›Mein Gott, ob denn wirklich schon etwas zwischen ihnen vorgefallen ist?‹ dachte ich voller Angst. »Nun, und wie steht es bei euch?« begann der Alte von neuem. »Schreibt B. immer noch Kritiken?«

»Ja, das tut er«, antwortete ich.

»Ach, Wanja, Wanja!« schloß er mit einer resignierten Handbewegung. »Was kümmern uns jetzt die Kritiken!«

Die Tür öffnete sich, und Natascha kam herein.

Siebentes Kapitel

Sie trug ihren Hut in der Hand und legte ihn beim Eintritt auf das Klavier; dann trat sie auf mich zu und reichte mir schweigend die Hand. Ihre Lippen bewegten sich ein wenig; es schien, daß sie mir etwas sagen wollte, ein Wort der Begrüßung; aber sie brachte keinen Laut heraus.

Drei Wochen waren es, daß wir uns nicht gesehen hatten. Ich betrachtete sie mit Staunen und mit Angst. Wie hatte sie sich in diesen drei Wochen verändert! Mein Herz zog sich vor Kummer zusammen, als ich diese eingefallenen, blassen Wangen, diese fieberhaft trockenen Lippen und diese Augen sah, die hinter den langen, dunklen Wimpern hervor in heißer Glut und leidenschaftlicher Entschlossenheit brannten.

Aber, o Gott, wie schön war sie! Niemals, weder vorher noch später, habe ich sie so gesehen, wie sie an diesem verhängnisvollen Tag aussah. War das jene selbe Natascha, die vor kaum einem Jahr, kein Auge von mir verwendend und ihre Lippen nach den meinigen bewegend, meinen Roman angehört und so heiter und sorglos beim Abendessen mit dem Vater und mir gelacht und gescherzt hatte? War das jene selbe Natascha, die dort in jenem Zimmer mit gesenktem Köpfchen, ganz von roter Glut übergossen, zu mir »ja« gesagt hatte?

Es erscholl das dumpfe Geläut der Glocke, die zur Abendmesse rief. Natascha fuhr zusammen; die Mutter bekreuzigte sich.

»Du wolltest zur Messe gehen, Natascha«, sagte sie; »da wird schon geläutet. Geh hin, Nataschenka, geh hin und bete; das Heil ist nahe! Und mache einen kleinen Spaziergang! Warum sitzt du immer in der Stube! Sieh nur, wie blaß du bist; gerade als ob dich jemand behext hätte.«

»Ich werde . . . vielleicht . . . heute nicht hingehen«, erwiderte Natascha langsam und leise, fast flüsternd. »Ich . . . bin nicht wohl«, fügte sie hinzu und wurde blaß wie Leinwand.

»Du solltest doch lieber hingehen, Natascha; du wolltest es doch vorhin selbst und hast ja deinen Hut mitgebracht. Bete, Nataschenka, bete, daß dir Gott deine Gesundheit wiedergeben möge!« redete Anna Andrejewna ihrer Tochter zu und blickte sie schüchtern an, als ob sie sich vor ihr fürchte.

»Ja, ja, geh hin; da hast du auch gleichzeitig einen Spaziergang«, fügte der Alte hinzu und musterte ebenfalls beunruhigt das Gesicht der Tochter. »Deine Mutter hat recht. Wanja wird dich begleiten.«

Es kam mir so vor, als ob ein bitteres Lächeln über Nataschas Lippen huschte. Sie trat ans Klavier, nahm ihren Hut und setzte ihn auf; die Hände zitterten ihr. Alle ihre Bewegungen vollzogen sich wie bewußtlos, gerade wie wenn sie nicht wüßte, was sie tat. Der Vater und die Mutter beobachteten sie unverwandt.

»Lebt wohl!« sagte sie kaum hörbar.

»Aber, mein Engel«, erwiderte die Mutter, »wozu sollen wir in dieser Weise Abschied nehmen; es ist ja doch kein weiter Weg! Aber wenigstens wird dich der Wind ein bißchen anwehen; sieh nur, wie blaß du bist! Ach, das hatte ich ganz vergessen (ich vergesse aber auch alles!): ich habe dir ja ein Amulett zurechtgemacht; ich habe ein Gebet hineingenäht, mein Engel; eine Nonne aus Kiew hat es mich im vorigen Jahr gelehrt; es ist ein wirksames Gebet; ich habe es erst vorhin hineingenäht. Lege es an, Natascha! Vielleicht macht dich Gott der Herr wieder gesund. Du bist ja unsere Einzige.«

Sie zog aus ihrem Arbeitskörbchen Nataschas goldenes Brustkreuz heraus; an demselben Bändchen, an dem das Kreuz hing, war das soeben genähte Amulett befestigt.

»Trage es mit Gesundheit!« fügte sie hinzu, indem sie der Tochter das Kreuz umhängte und sie bekreuzte: »Früher bekreuzte ich dich jeden Abend so beim Schlafengehen und sprach ein Nachtgebet, und du sprachst es mir nach. Aber jetzt bist du eine andere geworden, und Gott vergönnt dir keine Ruhe des Gemütes. Ach, Natascha, Natascha! Auch meine mütterlichen Gebete vermögen dir nicht zu helfen!«

Die alte Frau fing an zu weinen.

Natascha küßte ihr schweigend die Hand und tat einen Schritt auf die Tür zu; aber plötzlich kehrte sie schnell wieder um und trat zu ihrem Vater. Ihre Brust ging in heftiger Bewegung auf und nieder.

»Papachen, bekreuzen auch Sie Ihre Tochter!« bat sie mit versagender Stimme und ließ sich vor ihm auf die Knie nieder.

Wir standen alle ganz erstaunt da über ihr unerwartetes, allzu feierliches Benehmen. Eine kleine Weile blickte der Vater sie ganz bestürzt an.

»Natascha, mein Kind, mein liebes Töchterchen, was ist dir?« rief er endlich, und die Tränen stürzten ihm aus den Augen. »Worüber grämst du dich? Worüber weinst du Tag und Nacht? Ich sehe es ja alles; in der Nacht schlafe ich nicht; ich stehe auf und horche an deinem Zimmer! Sage mir alles, Natascha; öffne mir altem Manne dein ganzes Herz, und wir . . .«

Er sprach nicht zu Ende, hob sie auf und schloß sie innig in seine Arme. Sie drückte sich krampfhaft gegen seine Brust und verbarg ihren Kopf an seiner Schulter.

»Es ist nichts, es ist nichts, es hat keine Ursache . . . ich bin nicht wohl«, versicherte sie, beinah erstickend an innerlichen, unterdrückten Tränen.

»Gott segne dich, wie ich dich segne, mein liebes Kind, mein teures Kind!« sagte der Vater. »Er verleihe dir für alle Zeit den Frieden der Seele und halte alles Leid von dir fern! Bitte Gott, mein Kind, daß mein sündiges Gebet zu ihm dringen möge!«

»Nimm auch meinen Segen, auch meinen Segen!« fügte die Mutter, in Tränen zerfließend, hinzu.

»Lebt wohl!« flüsterte Natascha.

An der Tür blieb sie stehen, blickte noch einmal alle an, wollte noch etwas sagen, konnte es aber nicht und verließ schnell das Zimmer. Ich eilte ihr, Schlimmes ahnend, nach.

Achtes Kapitel

Schweigend ging sie dahin, schnellen Schrittes, mit gesenktem Kopf und ohne mich anzusehen. Aber als wir die Straße hinuntergegangen und in die Uferstraße gelangt waren, blieb sie auf einmal stehen und ergriff meine Hand.

»Ich ersticke!« flüsterte sie. »Ich habe solche Herzbeklemmung! . . . Ich ersticke!«

»Kehre um, Natascha!« rief ich erschrocken.

»Siehst du denn nicht, Wanja, daß ich ganz weggegangen bin, daß ich sie verlassen habe und nie wieder zurückkehre?« sagte sie und sah mich dabei mit unbeschreiblichem Kummer an.

Mein Herz krampfte sich zusammen. Das alles hatte ich schon, als ich zu ihnen hinging, geahnt; das alles hatte ich wie in einem Nebel vielleicht schon lange vor diesem Tag vorhergesehen; aber dennoch trafen mich ihre Worte jetzt wie ein Donnerschlag.

Wir gingen traurig die Uferstraße entlang. Ich konnte nicht reden; ich dachte hin und her und wurde ganz wirr im Kopf. Mir war ganz schwindlig. Die Sache erschien so ungeheuerlich, so unmöglich!

»Du verurteilst mich, Wanja?« sagte sie endlich.

»Nein, aber . . . aber ich glaube es nicht; es kann nicht sein!« erwiderte ich, ohne zu wissen, was ich redete.

»Doch, Wanja; es ist so! Ich habe sie verlassen und weiß nicht, was aus ihnen werden wird . . . ich weiß auch nicht, was aus mir werden wird!«

»Gehst du zu ihm, Natascha? Ja?«

»Ja!« antwortete sie.

»Aber das ist unmöglich!« rief ich ganz außer mir. »Siehst du nicht ein, daß das unmöglich ist, meine arme Natascha? Das ist ja Wahnsinn! Du tötest ja deine Eltern und richtest dich selbst zugrunde! Siehst du das nicht ein, Natascha?«

»Ich sehe es ein; aber was kann ich tun? Es hängt nicht von meinem Willen ab!« antwortete sie, und aus ihren Worten klang eine solche Verzweiflung heraus, als ob sie zur Richtstätte ginge.

»Kehre um, kehre um, solange es noch nicht zu spät ist!« flehte ich sie an, und ich flehte um so dringender und um so inständiger, je mehr ich mir selbst bewußt war, daß meine Bitten in diesem Augenblick völlig zwecklos und töricht waren. »Verstehst du auch wohl, Natascha, was du deinem Vater antust? Hast du das auch bedacht? Sein Vater ist deines Vaters Feind; der Fürst hat ja deinen Vater beleidigt, ihn der Unterschlagung beschuldigt, ihn einen Dieb genannt. Sie prozessieren miteinander . . . Und was rede ich? Das ist noch das wenigste; aber weißt du auch, Natascha (o Gott, du weißt das ja alles!), weißt du auch, daß der Fürst deinen Vater und deine Mutter verdächtigt hat, sie selbst hätten dich absichtlich mit Aljoscha zusammengebracht, als Aljoscha bei euch auf dem Land wohnte. Bedenke doch, stelle dir doch nur vor, wie dein Vater damals unter dieser Verleumdung gelitten hat! Er ist ja in diesen zwei Jahren ganz grau geworden; sieh ihn doch nur an! Aber die Hauptsache ist: du weißt das ja alles, Natascha, o du mein Gott! Ich rede gar nicht einmal davon, welch ein Schmerz es für sie beide sein wird, dich für immer zu verlieren! Du bist ja ihr größter Schatz; du bist alles, was ihnen für die Tage des Alters geblieben ist. Ich will davon gar nicht reden, denn du mußt das ja selbst wissen; aber denke daran, daß dein Vater überzeugt ist, du seiest von diesen hochmütigen Leuten grundlos verleumdet und beleidigt, ohne daß ihr dafür Rache nehmen könntet. Jetzt aber, gerade jetzt ist das alles von neuem aufgeflammt, und diese ganze alte, schmerzliche Feindschaft ist dadurch noch gesteigert worden, daß ihr Aljoscha bei euch aufgenommen habt. Der Fürst hat deinen Vater noch einmal beleidigt; in dem Herzen des alten Mannes kocht noch der Grimm über diese neue Kränkung, und da werden auf einmal all diese Beschuldigungen jetzt als gerechtfertigt erscheinen! Jeder, dem die Sache bekannt ist, wird jetzt dem Fürsten recht geben und dich und deinen Vater verurteilen. Was wird jetzt aus ihm werden? Das wird ihn mit einem Schlag töten! Schmach und Schande kommen über ihn, und durch wen? Durch dich, seine Tochter, sein einziges, teures Kind! Und deine Mutter? Sie wird ihren Gatten nicht überleben . . . Natascha, Natascha! Was tust du? Kehre um! Komm zur Besinnung!«

Sie schwieg; endlich blickte sie mich wie mit stillem Vorwurf an, und es lag in diesem Blick ein so tiefer Schmerz, ein so schweres Leid, daß ich erkannte, wie sehr ihr auch ohne meine Worte das wunde Herz blutete. Ich erkannte, wie schwer ihr dieser Entschluß geworden war und wie sehr ich sie durch meine nutzlosen, zu spät kommenden Bitten quälte und marterte; ich sah das alles ein; dennoch konnte ich mich nicht halten und sprach weiter.

»Du hast doch selbst noch soeben zu Anna Andrejewna gesagt, du würdest vielleicht nicht zum Abendgottesdienst gehen. Also wolltest du doch dableiben und warst noch nicht völlig entschlossen?«

Sie antwortete nur mit einem bitteren Lächeln. Wozu hatte ich auch diese Frage gestellt? Ich konnte ja doch wissen, daß alles schon unwiderruflich entschieden war. Aber freilich war ich ebenfalls meiner nicht mächtig.

»Hast du ihn denn wirklich so liebgewonnen?« rief ich und blickte sie voll Entsetzen an; ich wußte selbst kaum, was ich fragte.

»Was soll ich dir darauf antworten, Wanja? Du siehst ja, wie es steht: er hat mir befohlen zu kommen, und da bin ich nun hier und warte auf ihn«, erwiderte sie mit demselben bitteren Lächeln.

»Aber höre doch, höre doch nur«, begann ich, nach einem Strohhalm greifend, wieder zu bitten, »das läßt sich alles noch in Ordnung bringen; das läßt sich auf eine andere Weise einrichten, auf eine ganz andere Weise! Dabei brauchst du nicht von zu Hause fortzugehen. Ich will dir sagen, wie es zu machen ist, Nataschenka. Ich übernehme es, alles für euch zu bewerkstelligen, alles, auch die Zusammenkünfte und alles . . . Nur geh nicht von zu Hause fort! Ich werde eure Korrespondenz vermitteln; warum sollte ich das nicht tun? Es wird immer noch besser sein als der jetzige Zustand. Ich werde das einzurichten verstehen; ich werde euch beiden Dienste erweisen; ihr sollt sehen, daß ich das tun werde . . . Und du wirst dich nicht zugrunde richten, Nataschenka, wie du es jetzt vorhast . . . Denn so richtest du dich vollständig zugrunde, vollständig! Sag ›ja‹, Natascha, und alles wird schön und glücklich gehen, und ihr werdet einander lieben, soviel ihr wollt . . . Und wenn die Väter aufhören werden, miteinander zu streiten (denn dahin wird es mit Sicherheit kommen), dann . . .«

»Laß es gut sein, Wanja, hör auf!« unterbrach sie mich, indem sie mir kräftig die Hand drückte und unter Tränen lächelte. »Du guter, guter Wanja! Du guter, ehrlicher Mensch! Und von dir selbst sagst du kein Wort! Ich bin es gewesen, die unser Verhältnis gelöst hat, und dabei hast du mir doch alles verziehen und denkst nur an mein Glück. Du willst unsere Korrespondenz vermitteln . . .«

Sie brach in Tränen aus.

»Ich weiß ja, Wanja, wie du mich geliebt hast, wie du mich immer noch liebst, und nicht einen Vorwurf hast du mir in dieser ganzen Zeit gemacht, nicht ein bitteres Wort zu mir gesagt! Aber ich, ich! O Gott, wie schwer habe ich mich gegen dich vergangen! Denkst du wohl noch an die Zeit, Wanja, an die Zeit, als du und ich zusammengehörten? Ach, wäre ich ihm nie begegnet, hätte ich ihn nie kennengelernt! Dann würde ich mit dir zusammen leben, Wanja, mit dir, du mein Guter, Lieber! . . . Nein, ich bin deiner nicht wert! Du siehst ja, was für eine ich bin: in einem solchen Augenblick erinnere ich dich an unser früheres Glück, und du leidest doch ohnehin schon genug! Drei Wochen lang bist du nicht zu uns gekommen; aber ich schwöre dir, Wanja, auch nicht ein einziges Mal kam mir der Gedanke in den Kopf, daß du mir vielleicht fluchtest und mich haßtest. Ich wußte, weshalb du fortbliebst: du wolltest uns nicht stören und für uns ein lebendiger Vorwurf sein, und auch dir selbst mußte es ja peinlich sein, uns anzusehen. Aber wie habe ich auf dich gewartet, Wanja, wie habe ich auf dich gewartet! Höre, Wanja, obwohl ich Aljoscha wie eine Irre, wie eine Wahnsinnige liebe, so liebe ich dich als meinen Freund vielleicht doch noch mehr. Ich fühle schon, ich weiß schon, daß ich ohne dich nicht leben kann; du bist mir notwendig; dein Herz ist mir notwendig, dein goldenes Herz . . . Ach, Wanja! Was für eine bittere, schwere Zeit kommt jetzt!«

Sie zerfloß in Tränen. Ja, es war ihr schwer ums Herz!

»Ach, wie ich mich danach sehnte, dich zu sehen!« fuhr sie, ihre Tränen unterdrückend, fort. »Wie du abgemagert bist, und wie krank und blaß du aussiehst; bist du wirklich krank gewesen, Wanja? Und ich habe noch gar nicht danach gefragt! Ich rede immer nur von mir. Nun, wie steht es jetzt mit deinen schriftstellerischen Angelegenheiten? Was macht dein neuer Roman? Kommst du gut mit ihm voran?«

»Was kommt es jetzt auf meine Romane und auf mich an, Natascha! Und was ist von meinen Angelegenheiten zu sagen? Es geht einigermaßen damit, so leidlich; lassen wir das beiseite! Was ich noch sagen wollte, Natascha: hat er das denn selbst verlangt, daß du zu ihm kommen möchtest?«

»Nein, nicht er allein; größtenteils ist es mein Gedanke. Allerdings hat er es gesagt; aber auch ich selbst . . . Siehst du, lieber Freund, ich werde dir alles erzählen: sein Vater hat ihm eine Frau ausgesucht, ein reiches, sehr vornehmes Mädchen, und sie ist auch mit sehr vornehmen Leuten verwandt. Sein Vater will durchaus, daß Aljoscha sie heiratet, und er ist, wie du weißt, ein sehr geschickter Intrigant; er hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, denn er sagt, eine so günstige Gelegenheit komme in zehn Jahren nicht wieder; solche Konnexionen und ein solches Vermögen . . . Sie soll auch sehr schön sein und gebildet und von gutem Charakter, kurz, ein in jeder Hinsicht ausgezeichnetes Mädchen; Aljoscha ist schon ganz entzückt von ihr. Außerdem möchte sein Vater im eigenen Interesse ihn so bald wie möglich loswerden, um sich selbst wieder zu verheiraten, und hat sich darum vorgenommen, unter allen Umständen und um jeden Preis unsere Verbindung zu zerreißen. Er fürchtet mich und meinen Einfluß auf Aljoscha . . .«

»Aber weiß denn der Fürst von eurer Liebe?« unterbrach ich sie erstaunt. »Er hatte ja doch nur einen Verdacht, der nicht einmal sicher war.«

»Er weiß es, er weiß alles.«

»Wer hat es ihm denn gesagt?«

»Aljoscha hat ihm vor kurzem alles erzählt. Er hat mir selbst gesagt, daß er seinem Vater alles erzählt habe.«

»Herrgott, was ist das für ein Verhalten! Er selbst hat alles erzählt und noch dazu unter solchen Verhältnissen?«

»Verurteile ihn nicht, Wanja«, unterbrach mich Natascha; »lache nicht über ihn! Man kann ihn nicht so richten wie alle anderen Menschen. Sei gerecht! Er ist eben ein andersgearteter Mensch als du und ich. Er ist ein Kind; und er ist anders erzogen als wir beide. Versteht er denn, was er tut? Der erste beste Eindruck, der erste beste fremde Einfluß ist imstande, ihn von jedem loszureißen, dem er einen Augenblick vorher Treue geschworen hat. Er hat keine Charakterfestigkeit. Er schwört einem Treue und gibt sich an demselben Tag ebenso wahr und aufrichtig einem andern hin; und dabei kommt er noch selbst aus freien Stücken, um es zu erzählen. Er wird vielleicht auch eine schlechte Handlung begehen; und doch wird man ihn wegen dieser schlechten Handlung vielleicht nicht verurteilen können, sondern ihn höchstens bedauern müssen. Auch zur Aufopferung ist er fähig; sogar zu weitgehendster, weißt du! Aber nur, bis ein neues Gefühl sich seiner bemächtigt; dann wird er wieder alles vergessen. So wird er auch mich vergessen, wenn ich nicht beständig um ihn bin. So ein Mensch ist er!«

»Ach, Natascha, vielleicht ist das mit der zukünftigen Frau alles nicht wahr, sondern nur ein bloßes Gerücht. Wie kann er denn, wenn er noch ein solcher Knabe ist, überhaupt heiraten!«

»Der Vater hat seine besonderen Pläne, sage ich dir.«

»Aber woher weißt du, daß sie ein so prächtiges Mädchen ist und daß er von ihr schon entzückt ist?«

»Er hat es mir ja selbst gesagt.«

»Wie? Er hat dir selbst gesagt, daß er eine andere lieben könne, und hat trotzdem jetzt von dir ein solches Opfer verlangt?«

»Nein, Wanja, nein! Du kennst ihn nicht, du bist nur wenig mit ihm zusammengekommen; man muß ihn genauer kennenlernen, erst dann kann man sein Richter sein. Es gibt auf der ganzen Welt kein redlicheres, reineres Herz als das seinige! Wäre es denn etwa besser, wenn er mich belöge? Aber er läßt sich leicht hinreißen; er braucht mich nur eine Woche lang nicht zu sehen, und er wird mich vergessen und eine andere liebgewinnen; und nachher, wenn er mich wiedersieht, wird er von neuem zu meinen Füßen liegen. Nein, es ist gut, daß ich es weiß und er es nicht vor mir verheimlicht; sonst würde ich vor Argwohn sterben. Ja, Wanja, darüber bin ich mir ganz klar: wenn ich nicht immer, beständig, jeden Augenblick bei ihm bin, wird er aufhören, mich zu lieben, er wird mich vergessen und im Stich lassen. Das liegt nun einmal in seiner Natur; er läßt sich von jeder andern fesseln. Und was werde ich dann machen? Dann werde ich sterben . . . Und das wäre noch nicht das Schlimmste; ich würde auch jetzt gern sterben! Denn was hätte ich für ein Leben ohne ihn? Das wäre schlimmer als der Tod, schlimmer als alle sonst erdenkbaren Qualen! O Wanja, Wanja! Ich habe nicht anders gekonnt, als jetzt um seinetwillen Vater und Mutter verlassen! Suche mich nicht zu überreden; mein Entschluß steht fest! Aljoscha muß jede Stunde, jeden Augenblick um mich sein; ich kann nicht zurück. Ich weiß, daß ich mich und andere zugrunde gerichtet habe . . . Ach, Wanja!« schrie sie auf einmal und zitterte am ganzen Leib; »wenn er mich nun nicht mehr liebt? Wenn du recht gehabt hast, als du eben sagtest« (ich hatte das nie gesagt), »daß er mich nur täusche und nur so redlich und aufrichtig scheine, während er in Wirklichkeit ein schlechter, eitler Mensch sei! Da verteidige ich ihn nun dir gegenüber, und er sitzt vielleicht in diesem selben Augenblick bei einer andern und lacht sich ins Fäustchen . . . und ich, ich Schändliche, habe alles im Stich gelassen und laufe auf den Straßen umher und suche ihn . . . Oh, Wanja!«

Dieses Stöhnen, das aus ihrer tiefsten Seele herausdrang, klang so schmerzvoll, daß mir das Herz vor Gram brechen wollte. Ich sah, daß Natascha schon alle Herrschaft über sich verloren hatte. Nur eine ganz blinde, sinnlose Eifersucht hatte sie zu einem so wahnsinnigen Entschluß bringen können. Aber auch in meinem eigenen Herzen flammte die Eifersucht auf und kam unhemmbar zum Ausbruch. Ich konnte mich nicht halten: ich ließ mich durch dieses häßliche Gefühl fortreißen.

»Natascha«, sagte ich, »nur eins verstehe ich nicht: wie kannst du ihn lieben nach allem, was du soeben selbst über ihn gesagt hast? Du achtest ihn nicht, du glaubst nicht einmal an seine Liebe, und dennoch gehst du zu ihm ohne die Möglichkeit einer Rückkehr und machst um seinetwillen alle unglücklich! Was ist das für eine Handlungsweise? Er wird dir lebenslänglich Qualen bereiten und du ihm ebenfalls. Du liebst ihn im Übermaß, Natascha, im Übermaß! Ich habe kein Verständnis für eine solche Liebe.«

»Ja, ich liebe ihn wie eine Wahnsinnige«, antwortete sie und wurde dabei blaß wie von heftigem körperlichem Schmerz. »Dich habe ich nie so geliebt, Wanja. Ich weiß ja selbst, daß ich den Verstand verloren habe und nicht so liebe, wie ich sollte. Ich liebe ihn in tadelnswerter Weise . . . Höre, Wanja, ich wußte es auch früher schon und ahnte es sogar in unseren glücklichsten Augenblicken, daß er mir nur Qualen bereiten werde. Aber was soll ich machen, wenn jetzt sogar die Qualen, die ich von ihm erleide, mein Glück bilden? Geh ich denn etwa zu ihm, weil ich da Freude erhoffe? Weiß ich denn nicht im voraus, was mich bei ihm erwartet und was ich von ihm zu erleiden haben werde? Er hat mir ja geschworen, mich immer zu lieben, und mir alle möglichen Versprechungen gemacht; aber ich glaube an seine Versprechungen nicht, ich messe ihnen keinen Wert bei und habe das auch früher nicht getan, obgleich ich wußte, daß er mich nicht belog und überhaupt nicht fähig ist zu lügen. Ich selbst, ich selbst habe ihm gesagt, daß ich ihn in keiner Weise binden wolle. Für ihn ist es so am besten: Fesseln liebt niemand, und ich am wenigsten. Und doch freue ich mich, seine Sklavin zu sein, seine freiwillige Sklavin, alles von ihm zu ertragen, alles, wenn er nur bei mir ist, wenn ich ihn nur anschauen kann! Mag er auch eine andere lieben, wenn es nur in meiner Gegenwart geschieht, damit auch ich dabei bin . . . Ist das nicht eine unwürdige Denkart, Wanja?« fragte sie plötzlich, indem sie mich mit einem heißen, brennenden Blick ansah; einen Augenblick lang schien es mir, daß sie im Fieber irrerede. »Es ist doch unwürdig, so etwas zu wünschen! Nicht wahr? Ich sage selbst, daß es unwürdig ist; aber wenn er sich von mir lossagt, so laufe ich ihm nach bis ans Ende der Welt, mag er mich auch zurückstoßen, mag er mich auch von sich jagen. Da redest du mir jetzt zu, ich möchte umkehren; aber was wird die Folge sein? Wenn ich umkehre, werde ich gleich morgen wieder weggehen; wenn er es befiehlt, so gehe ich weg; wenn er mir pfeift, mich ruft wie ein Hündchen, so laufe ich ihm nach . . . Qualen! Ich fürchte von ihm keine Qualen! Ich werde wissen, daß ich durch ihn leide . . . Ach, das läßt sich alles gar nicht aussprechen, Wanja!«

»Und der Vater und die Mutter?« dachte ich. An diese schien sie gar nicht mehr zu denken.

»Also wird er dich gar nicht heiraten, Natascha?«

»Er hat es versprochen, er hat alles Mögliche versprochen. Er hat mich ja eben deswegen jetzt herbestellt, damit wir uns gleich morgen im stillen außerhalb der Stadt trauen lassen; aber er weiß ja gar nicht, was er tut. Er weiß vielleicht nicht einmal, wie man sich trauen läßt. Und was wird er für ein Ehemann sein! Wirklich, eine lächerliche Vorstellung! Wenn er sich aber mit mir verheiratet, so wird er unglücklich werden und anfangen, mir Vorwürfe zu machen. Ich will aber nicht, daß er mir jemals irgendwelche Vorwürfe macht. Ich will ihm alles geben, er aber soll mir nichts geben. Wenn er also durch die Heirat mit mir unglücklich wird, warum soll ich ihn dann unglücklich machen?«

»Nein, das ist Wahnwitz, Natascha«, sagte ich. »Gehst du jetzt geradenwegs zu ihm?«

»Nein, er hat versprochen, hierherzukommen und mich abzuholen; so haben wir es verabredet.«

Sie spähte mit gespanntem Blick in die Ferne, aber es war noch niemand zu sehen.

»Und er ist noch nicht da! Und du bist zuerst gekommen!« rief ich empört.

Natascha taumelte wie von einem Schlag getroffen. Ihr Gesicht verzog sich schmerzlich.

»Vielleicht kommt er überhaupt nicht«, sagte sie mit einem bitteren Lächeln. »Vorgestern schrieb er mir, wenn ich ihm nicht verspräche zu kommen, so müsse er notgedrungen seine Absicht, sich mit mir trauen zu lassen, aufschieben; dann werde ihn aber sein Vater zu jener jungen Dame mitnehmen. Und das schrieb er so einfach und harmlos, als ob das weiter nichts zu bedeuten hätte . . . Wie nun, wenn er wirklich zu ihr hingefahren ist, Wanja?«

Ich antwortete nicht. Sie drückte fest meine Hand; ihre Augen funkelten.

»Er ist bei ihr«, sagte sie kaum hörbar. »Er hoffte auf mein Ausbleiben, um zu ihr fahren und dann sagen zu können, er sei im Recht; er habe mich vorher auf die Folgen hingewiesen, und ich sei trotzdem fortgeblieben. Ich bin ihm langweilig geworden; darum kommt er nicht . . . O Gott! Ich Wahnsinnige! Er hat mir ja das letztemal selbst gesagt, daß ich ihm langweilig geworden sei . . . Wozu warte ich noch?«

»Da ist er!« rief ich, da ich ihn plötzlich in der Ferne in der Uferstraße erblickte.

Natascha fuhr zusammen, schrie auf, erspähte den sich nähernden Aljoscha, ließ auf einmal meine Hand los und eilte ihm entgegen. Auch er beschleunigte seine Schritte, und einen Augenblick darauf lag sie schon in seinen Armen. Außer uns befand sich fast niemand auf der Straße. Sie küßten sich und lachten; Natascha lachte und weinte, alles durcheinander, als ob sie einander nach einer wer weiß wie langen Trennung wiedersähen. Eine helle Röte überzog ihre blassen Wangen; sie war in einer Art von Verzückung . . . Aljoscha bemerkte mich und trat sogleich zu mir.

Neuntes Kapitel

Ich musterte ihn mit gespannter Aufmerksamkeit, obgleich ich ihn vorher schon oft gesehen hatte; ich schaute ihm in die Augen, als ob sein Blick alle meine Zweifel lösen und mir die Frage beantworten könnte, wodurch und auf welche Weise dieses Kind sie hatte bezaubern und in ihr eine so sinnlose Liebe hatte erwecken können, daß sie darüber ihre erste Pflicht vergaß und ohne Bedenken alles zum Opfer brachte, was ihr bisher das Heiligste gewesen war. Der Fürst ergriff meine beiden Hände und drückte sie kräftig; sein milder, klarer Blick drang mir tief ins Herz.

Ich fühlte, daß ich mich in meinem Urteil über ihn schon allein deswegen hatte irren können, weil er mein Feind war. Ja, ich liebte ihn nicht, und ich muß bekennen: ich habe ihn niemals liebgewinnen können, vielleicht als der einzige Mensch unter allen, die ihn kannten. Vieles an ihm mißfiel mir entschieden, sogar sein elegantes Äußeres, und vielleicht gerade deswegen, weil es gewissermaßen allzu elegant war. In der Folge habe ich eingesehen, daß ich in diesem Punkte parteiisch urteilte. Er war hochgewachsen, wohlgestaltet und schlank, hatte ein längliches, immer blasses Gesicht, blondes Haar und große, blaue, sanfte, nachdenkliche Augen, in denen manchmal plötzlich die gutherzigste, kindlichste Heiterkeit aufleuchtete. Seine vollen, kleinen, roten, sehr schön geschnittenen Lippen zeigten fast immer einen ernsten Zug; um so überraschender und bezaubernder wirkte ein plötzlich auf ihnen erscheinendes Lächeln, das so naiv und gutmütig war, daß der andere, in welcher Gemütsstimmung er sich auch befinden mochte, ein unmittelbares Bedürfnis empfand, zur Erwiderung ganz ebenso zu lächeln wie er. Er kleidete sich nicht auffallend, aber immer elegant; es war deutlich zu sehen, daß ihn diese Eleganz in allen Dingen nicht die geringste Mühe kostete, sondern ihm angeboren war.

Allerdings besaß er auch einige üble Eigenschaften, einige schlechte Gewohnheiten des guten Tons: Leichtsinn, Selbstgefälligkeit, höfliche Dreistigkeit. Aber er hatte ein klares, schlichtes Gemüt und war selbst der erste, diese Gewohnheiten an sich zu erkennen, sie zu bereuen und sich darüber lustig zu machen. Mir scheint, dieses Kind hätte niemals, nicht einmal im Scherze, lügen können, und selbst wenn er es getan hätte, so doch ohne zu ahnen, daß das etwas Schlechtes sei. Sogar sein Egoismus hatte etwas Reizvolles, vielleicht besonders deswegen, weil er ganz offen und nicht versteckt war. Verstecktes war überhaupt nicht an ihm. Er war schwach, zutraulich und schüchtern; an Willenskraft mangelte es ihm durchaus. Ihn zu kränken, zu betrügen wäre sündhaft und unwürdig gewesen, geradeso wie es sündhaft ist, ein Kind zu betrügen und zu kränken. Er war von einer Naivität, die zu seinem Lebensalter wenig stimmte, und verstand fast nichts vom wirklichen Leben; übrigens meine ich, daß er auch im Alter von vierzig Jahren noch nichts davon verstanden hätte. Solche Menschen sind sozusagen zu lebenslänglicher Unmündigkeit verurteilt. Ich glaube, es mußte ihn jeder Mensch liebgewinnen; er schmeichelte sich bei einem ein wie ein Kind. Natascha hatte die Wahrheit gesagt: er wäre imstande gewesen, auch eine schlechte Handlung zu begehen, wenn der starke Einfluß eines andern ihn dazu veranlaßt hätte; aber sobald er die Folgen einer solchen Handlung erkannt hätte, wäre er, meine ich, vor Reue gestorben. Natascha fühlte instinktiv, daß sie seine Herrin und Gebieterin sein werde, ja sogar er ihr Opfer. Sie kostete im voraus die Wonne, sinnlos zu lieben und den Geliebten gerade zur Strafe dafür, daß man ihn liebt, grausam zu quälen, und eilte vielleicht eben deswegen, sich ihm zuerst zum Opfer zu bringen. Aber auch in seinen Augen glänzte Liebe, und er schaute sie voll Entzücken an. Sie warf mir einen triumphierenden Blick zu. Sie hatte in diesem Augenblick alles vergessen: die Eltern und den Abschied und die Verdächtigungen . . . Sie war glücklich.

»Wanja«, rief sie, »ich habe ihm unrecht getan und bin seiner nicht wert! Ich dachte, du würdest nicht mehr kommen, Aljoscha. Vergiß meine schlechten Gedanken, Wanja! Ich werde es wiedergutmachen!« fügte sie, ihn mit grenzenloser Liebe anblickend, hinzu.

Er lächelte, küßte ihr die Hand und sagte, ohne ihre Hand loszulassen, zu mir gewendet:

»Denken Sie auch von mir nicht schlecht! Schon längst hatte ich gewünscht, Sie wie einen Bruder zu umarmen; sie hat mir soviel von Ihnen erzählt! Wir sind ja bisher kaum miteinander bekannt geworden und einander noch nicht nähergetreten. Wir werden Freunde sein, und . . . verzeihen Sie uns!« fügte er halblaut, ein wenig errötend, hinzu, aber mit einem so prächtigen Lächeln, daß ich nicht anders konnte, als seine Begrüßung von ganzem Herzen zu erwidern.

»Ja, ja, Aljoscha«, sagte Natascha, »er ist der Unsrige; er ist unser Bruder; er hat uns schon verziehen, und ohne ihn können wir nicht glücklich sein. Das habe ich dir schon gesagt . . . Ach, wir sind schlimme Kinder, Aljoscha! Aber wir werden zu dreien leben . . . Wanja«, fuhr sie fort, und ihre Lippen bebten, »kehre du jetzt gleich zu ihnen nach Hause zurück; du hast ein so goldenes Herz: wenn sie sehen, daß du mir verziehen hast, werden auch sie vielleicht, wenn sie mir auch nicht verzeihen, doch wenigstens etwas milder gegen mich gestimmt werden. Erzähle ihnen alles, alles, in deiner eigenen, herzlichen Ausdrucksweise; du wirst schon die richtigen Worte finden . . . Verteidige mich, rette mich; teile ihnen alle Gründe mit; lege ihnen alles so dar, wie du es selbst verstanden hast. Weißt du, Wanja, ich hätte mich zu diesem Schritt vielleicht nicht entschlossen, wenn es sich nicht zufällig so getroffen hätte, daß du heute mit mir gingst! Du bist meine Rettung: ich habe gleich auf dich meine Hoffnung gesetzt, daß du verstehen würdest, ihnen die Sache so mitzuteilen, daß ihnen wenigstens der erste Schreck etwas gemildert wird. O mein Gott, mein Gott! . . . Bestelle ihnen von mir, ich wüßte, daß ich jetzt keine Verzeihung mehr finden kann und daß, wenn sie mir auch verziehen, Gott mir nicht verzeihen wird; aber wenn sie mich auch verfluchten, so würde ich sie doch mein Leben lang segnen und für sie beten. Mein ganzes Herz ist bei ihnen! Ach, warum können wir nicht alle glücklich sein! Warum nicht, warum nicht! . . . O Gott, was habe ich getan!« rief sie plötzlich, als ob sie zur Besinnung käme, und am ganzen Leib vor Angst zitternd, verbarg sie das Gesicht in den Händen.

Aljoscha umarmte sie und drückte sie, ohne zu reden, fest an seine Brust. Eine Weile schwiegen wir alle.

»Wie konnten Sie nur ein solches Opfer von ihr verlangen!« sagte ich, indem ich ihn vorwurfsvoll anblickte.

»Schelten Sie mich nicht!« versetzte er; »ich versichere Ihnen, daß alle diese Leiden, so drückend sie jetzt auch sind, doch nur einen Augenblick dauern werden. Ich bin davon fest überzeugt. Man muß nur die nötige Festigkeit besitzen, um diesen Augenblick zu ertragen; dasselbe hat auch sie mir gesagt. Sie wissen wohl: schuld an alledem ist dieser Familienstolz, dieser ganz unnötige Streit und dann noch dieser Prozeß! . . . Aber (ich habe lange darüber nachgedacht, versichere ich Sie) . . . all das wird in Bälde ein Ende finden. Wir alle werden wieder einig werden und dann völlig glücklich sein; sogar die Väter werden sich versöhnen, wenn sie uns junges Paar ansehen. Wer kann's wissen, vielleicht wird gerade unsere Verheiratung den Ausgangspunkt für ihre Versöhnung bilden. Ich glaube, es kann gar nicht anders sein. Was meinen Sie?«

»Sie sagen Verheiratung. Wann werden Sie sich denn trauen lassen?« fragte ich und blickte dabei zu Natascha hin.

»Morgen oder übermorgen; spätestens übermorgen, bestimmt. Sehen Sie, ich weiß es selbst noch nicht genau und habe, die Wahrheit zu sagen, noch keine Veranstaltungen dazu getroffen. Ich dachte, Natascha würde heute vielleicht noch gar nicht kommen. Außerdem wollte mich mein Vater heute durchaus zu einer jungen Dame führen (er möchte, daß ich sie heirate; Natascha hat Ihnen wohl davon gesagt; aber ich will nicht). Na also, darum habe ich alles noch nicht bestimmt in Aussicht nehmen können. Aber dennoch werden wir uns bestimmt übermorgen trauen lassen. Wenigstens ist das meine Ansicht, weil es ja auch nicht anders sein kann. Gleich morgen wollen wir auf der Pskower Chaussee wegfahren. Da habe ich nicht weit von hier auf einem Gut einen Schulkameraden vom Lyzeum her, einen sehr guten Menschen; vielleicht kann ich Sie mit ihm bekannt machen. Dort in dem Dorf ist auch ein Geistlicher; übrigens weiß ich nicht genau, ob einer da ist. Ich hätte mich vorher erkundigen sollen, aber ich bin nicht dazu gekommen. Aber im Grunde sind das Kleinigkeiten. Man muß nur die Hauptsache im Auge behalten. Man kann ja auch aus irgendeinem benachbarten Kirchdorf einen Geistlichen holen lassen; was meinen Sie? Es wird ja doch da in der Nachbarschaft Kirchdörfer geben! Schade ist nur, daß ich bisher nicht dazu gekommen bin, ein paar Zeilen dorthin zu schreiben; ich hätte meinen Freund vorher benachrichtigen sollen. Vielleicht ist er jetzt gar nicht zu Hause . . . Aber das ist alles nicht von Wichtigkeit! Wenn man nur Entschlossenheit besitzt, dann macht sich das alles ganz von selbst, nicht wahr? Inzwischen aber, bis morgen oder höchstens bis übermorgen, wird sie hier bei mir bleiben. Ich habe eine eigene Wohnung gemietet, in der wir nach unserer Rückkehr wohnen wollen. Bei meinem Vater möchte ich nicht mehr wohnen; habe ich nicht recht? Ich hoffe, Sie werden uns da besuchen. Ich habe die Wohnung allerliebst eingerichtet. Meine früheren Schulkameraden werden auch hinkommen; ich werde Abendgesellschaften geben . . .«

Ich blickte ihn erstaunt und kummervoll an. Natascha flehte mich mit einem Blick an, ihn nicht zu streng zu richten und mit ihm Nachsicht zu haben. Sie hörte sein Gerede mit einem traurigen Lächeln an und betrachtete ihn gleichzeitig mit einer Art von liebevollem Wohlgefallen, wie man ein liebenswürdiges, heiteres Kind ansieht und sein unverständiges, aber nettes Geplauder anhört. Ich warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Das Herz wurde mir unerträglich schwer.

»Aber Ihr Vater?« fragte ich. »Sind Sie denn so fest davon überzeugt, daß er Ihnen verzeihen wird?«

»Unbedingt; was soll er denn sonst tun? Das heißt, zuerst wird er mich selbstverständlich verfluchen; davon bin ich sogar überzeugt. Das liegt eben in seinem Wesen; und er ist überhaupt streng gegen mich. Kurz, er wird seine väterliche Gewalt zur Anwendung bringen. Aber all das braucht man nicht ernst zu nehmen. Er liebt mich sinnlos; er wird ein bißchen zürnen und dann verzeihen. Dann werden sich alle versöhnen, und wir werden alle glücklich sein. Auch Nataschas Vater.«

»Aber wenn er Ihnen nun nicht verzeiht? Haben Sie auch diesen Fall in Erwägung gezogen?«

»Er wird mir unfehlbar verzeihen, nur vielleicht nicht so bald. Nun wohl, dann werde ich ihm zeigen, daß auch ich Charakterfestigkeit besitze. Er schilt mich immer, ich hätte keine Charakterfestigkeit, ich sei leichtsinnig. Jetzt soll er einmal sehen, ob ich leichtsinnig bin oder nicht. Ehemann zu werden, das ist ja kein Spaß; dann werde ich kein Knabe mehr sein . . . das heißt, ich wollte sagen: ich werde dann ebenso ein Mensch sein wie die andern . . . wie die Ehemänner. Ich werde von meiner Arbeit leben. Natascha sagt, daß das viel besser ist, als aus fremder Tasche zu leben, wie wir das alle tun. Wenn Sie nur wüßten, wieviel Gutes und Kluges sie zu mir sagt! Ich wäre auf diesen Gedanken niemals gekommen; ich bin in einer anderen Anschauung aufgewachsen und anders erzogen worden. Ich weiß freilich selbst, daß ich leichtsinnig und fast zu nichts tauglich bin; aber wissen Sie, vorgestern ist mir ein wunderbarer Gedanke gekommen. Es ist jetzt allerdings nicht recht Zeit dazu; aber ich will es Ihnen doch mitteilen, weil auch Natascha es hören muß und Sie uns Rat geben sollen. Sehen Sie, ich will Novellen schreiben und sie an die Journale verkaufen, so wie Sie das tun. Sie werden mir bei den Redakteuren der Journale behilflich sein, nicht wahr? Ich habe auf Sie gerechnet und gestern die ganze Nacht über einen Roman nachgedacht, so probeweise, und wissen Sie: er könnte sehr hübsch werden. Den Stoff habe ich einem Scribeschen Lustspiel entnommen . . . Aber das werde ich Ihnen ein andermal erzählen. Die Hauptsache ist, daß man Geld dafür bekommt; Sie bekommen ja doch auch welches!«

Ich konnte mich nicht enthalten zu lächeln.

»Sie lachen«, sagte er, ebenfalls lächelnd. »Nein, hören Sie«, fügte er mit unbegreiflicher Naivität hinzu, »beurteilen Sie mich nicht nach dem äußeren Schein; ich besitze wirklich eine außerordentlich gute Beobachtungsgabe; nun, Sie werden ja selbst sehen. Warum sollte ich nicht den Versuch machen? Vielleicht kommt etwas Hübsches dabei heraus . . . Übrigens, Sie mögen recht haben: ich verstehe ja nichts vom wirklichen Leben; Natascha sagt mir das auch; und das sagen mir alle Leute; was werde ich da als Schriftsteller leisten? Lachen Sie mich aus, lachen Sie mich aus, aber verhelfen Sie mir zur Besserung; Sie werden das ja auch für sie tun, und Sie lieben sie ja. Ich will Ihnen die Wahrheit sagen: ich bin ihrer nicht wert; das fühle ich; das bedrückt mich sehr, und ich weiß nicht, weswegen sie mich so liebgewonnen hat. Aber ich glaube, ich könnte mein ganzes Leben für sie hingeben! Wirklich, ich habe bis auf diesen Augenblick keine Furcht gehabt, aber jetzt habe ich Furcht: was beginnen wir da! O Gott! Wenn ein Mensch sich mit Leib und Seele seiner Pflicht hingibt, ist es dann möglich, daß es ihm unglücklicherweise gerade an der zur Erfüllung dieser seiner Pflicht erforderlichen Klugheit und Charakterfestigkeit mangelt? Helfen wenigstens Sie uns, Sie, unser Freund! Sie sind der einzige Freund, der uns geblieben ist. Ich verstehe ja nichts, wenn ich auf mich allein angewiesen bin! Verzeihen Sie, daß ich in dieser Weise auf Sie rechne; ich halte Sie für einen sehr vornehm denkenden Menschen und glaube, daß Sie weit besser sind als ich. Aber ich werde mich bessern, davon mögen Sie überzeugt sein, und werde Ihrer und Nataschas würdig werden.«

Hier drückte er mir wieder die Hand, und aus seinen schönen Augen leuchtete ein gutes, edles Gefühl. Vertrauensvoll streckte er mir die Hand hin, in der Überzeugung, daß ich sein Freund sei.

»Sie wird mir helfen, mich zu bessern«, fuhr er fort. »Denken Sie übrigens von uns nichts Schlechtes, und ängstigen Sie sich um uns nicht allzusehr! Ich habe doch viele gute Aussichten, und in materieller Hinsicht werden wir völlig gesichert sein. Wenn es mir mit dem Roman nicht gelingen sollte (und um die Wahrheit zu gestehen, ich habe schon vorhin gedacht, daß der Roman eine Dummheit ist, und habe Ihnen jetzt davon nur erzählt, um Ihre Meinung zu hören), wenn es mir mit dem Roman nicht gelingen sollte, so kann ich schlimmstenfalls Musikstunden geben. Sie haben wohl nicht gewußt, daß ich musikalisch bin? Ich werde mich nicht schämen, auch von solcher Arbeit zu leben. Ich bin in diesem Punkt durchaus ein Anhänger der neuen Ideen. Und außerdem besitze ich eine Menge wertvoller Schmucksachen und Toilettengegenstände; was habe ich von denen? Ich werde sie verkaufen, und Sie sollen mal sehen, wie lange wir von dem Erlös leben werden! Schließlich, im allerschlimmsten Fall, werde ich vielleicht wirklich in den Staatsdienst treten. Darüber wird sich mein Vater sogar freuen: er drängt mich immer, ein Amt zu übernehmen, und ich habe mich bisher immer mit Kränklichkeit ausgeredet. (Übrigens werde ich in irgendeinem Ressort bereits in den Listen geführt.) Aber wenn er sehen wird, daß die Heirat mir Vorteil gebracht und mich zu einem gesetzten Menschen gemacht hat und daß ich tatsächlich in den Dienst getreten bin, wird er sich freuen und mir verzeihen . . .«

»Aber, Alexej Petrowitsch, haben Sie auch wohl bedacht, wie schrecklich sich jetzt das Verhältnis zwischen Ihrem und Nataschas Vater gestalten wird? Was meinen Sie, wie es heute abend in Nataschas Elternhaus zugehen wird?«

Ich wies dabei auf Natascha hin, die bei meinen Worten leichenblaß geworden war. Ich war erbarmungslos.

»Ja, ja, Sie haben recht; es ist schrecklich!« antwortete er. »Ich habe schon daran gedacht, und das Herz hat mir weh getan . . . Aber was soll ich tun? Sie haben recht: wenn doch wenigstens ihre Eltern uns verziehen! Wenn Sie wüßten, wie ich sie beide liebe! Haben sie mich doch ganz so behandelt, als ob sie meine Eltern wären, und nun vergelte ich es ihnen so! Ach, diese Streitigkeiten, diese Prozesse! Sie glauben gar nicht, wie unangenehm uns das jetzt ist! Und um was streiten sie sich! Wir alle lieben einander ja so sehr, und doch streiten wir uns! Sie sollten sich versöhnen; dann wäre die Sache erledigt! Wirklich, so würde ich an ihrer Stelle handeln . . . Ihre Worte haben mir einen ordentlichen Schreck eingejagt. Natascha, es ist etwas Schreckliches, was wir beide jetzt vorhaben! Ich habe das auch schon früher gesagt . . . Du bestehst selbst darauf . . . Aber hören Sie, Iwan Petrowitsch, vielleicht kann das alles zum Guten führen; was meinen Sie? Endlich müssen sie sich ja doch versöhnen! Wir werden die Versöhnung herbeiführen. So wird es sein, unfehlbar; sie werden gegen unsere Liebe nicht standhalten . . . Mögen sie uns verfluchen; wir werden doch fortfahren, sie zu lieben, und sie werden nicht standhalten können. Sie glauben gar nicht, was für ein gutes Herz mein Vater manchmal hat! Er sieht ja oft so finster aus; aber zu anderen Zeiten ist er wieder außerordentlich nett. Wenn Sie wüßten, wie freundlich er heute zu mir gesprochen und mich zu überreden gesucht hat! Und gerade heute handle ich seinem Willen zuwider; das macht mich sehr traurig. Und alles wegen dieser abgeschmackten vorgefaßten Meinungen! Es ist der reine Wahnsinn! Wenn er sie nur einmal ordentlich sähe und auch nur eine halbe Stunde mit ihr zusammen wäre! Dann würde er uns sofort alles erlauben.«

Bei diesen Worten blickte Aljoscha zärtlich und leidenschaftlich Natascha an.

»Tausendmal habe ich es mir mit Entzücken vorgestellt«, fuhr er in seinem Geplauder fort, »wie lieb er sie gewinnen wird, wenn er sie kennenlernt, und wie sie alle in Erstaunen versetzen wird. Es hat ja keiner von ihnen jemals ein solches Mädchen gesehen! Mein Vater ist der Überzeugung, daß sie einfach eine Intrigantin ist. Es ist meine Pflicht, ihre Ehre wiederherzustellen, und das werde ich tun! Ach, Natascha! Alle werden sie dich lieben, alle; es gibt keinen Menschen, der es fertigbringen könnte, dich nicht zu lieben«, fügte er entzückt hinzu. »Ich bin deiner zwar unwert, aber liebe mich trotzdem, Natascha; dann werde ich schon . . . du kennst mich ja! Und brauchen wir denn viel zu unserm Glück? Nein, ich glaube, ich glaube fest, daß dieser Abend uns allen Glück und Frieden und Eintracht bringen wird! Gesegnet sei dieser Abend! Nicht wahr, Natascha? Aber was ist dir? Mein Gott, was ist dir?«

Sie war leichenblaß. Die ganze Zeit über, während Aljoscha schwatzte, hatte sie ihn unverwandt angesehen; aber ihr Blick war immer trüber und starrer geworden, ihr Gesicht immer blasser und blasser. Es kam mir vor, als ob sie zuletzt gar nichts mehr vernähme, sondern sich in einem Zustand der Geistesabwesenheit befände. Aljoschas Ausruf schien sie plötzlich aufzuwecken. Sie kam zur Besinnung, blickte um sich und stürzte plötzlich auf mich zu. Schnell und hastig, und wie wenn sie es vor Aljoscha verbergen wollte, zog sie einen Brief aus der Tasche und reichte ihn mir. Der Brief war an ihre Eltern gerichtet und schon am vorhergehenden Abend geschrieben. Während sie ihn mir gab, blickte sie mich starr an, als ob sie ihren Blick nicht von mir losreißen könne. In diesem Blicke sprach sich die vollste Verzweiflung aus; ich werde diesen furchtbaren Blick nie vergessen. Eine namenlose Angst packte mich; ich sah, daß ihr erst jetzt die Tragweite ihres Schrittes in seiner ganzen Furchtbarkeit zum Bewußtsein kam. Sie machte Anstrengungen, mir etwas zu sagen, und begann auch wirklich zu reden, fiel aber auf einmal in Ohnmacht. Ich konnte sie noch auffangen. Aljoscha wurde blaß vor Schrecken; er rieb ihr die Schläfen, küßte ihr die Hände und den Mund. Nach etwa zwei Minuten kam sie wieder zu sich. Nicht weit davon hielt die Droschke, in der Aljoscha gekommen war; er rief sie herbei. Als Natascha einstieg, ergriff sie, wie von Sinnen, meine Hand, und eine heiße Träne brannte auf meinen Fingern. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Ich stand noch lange auf demselben Fleck und folgte ihm mit den Augen. Dieser Augenblick vernichtete mein ganzes Glück und zerstörte mein Leben. Das fühlte ich mit Schmerz . . . Langsam wanderte ich denselben Weg zurück zu den alten Eltern. Ich wußte nicht, was ich ihnen sagen, wie ich zu ihnen hereintreten sollte. Meine Denkkraft war erstorben; die Beine wankten mir . . .

Das ist die ganze Geschichte meines Glückes; so endete und schloß meine Liebe. Jetzt werde ich in der unterbrochenen Erzählung fortfahren.

Zehntes Kapitel

Fünf Tage nach Smith' Tod siedelte ich in seine Wohnung über. Diesen ganzen Tag lang war mir sehr traurig zumute. Das Wetter war trüb und kalt: es fiel ein feuchter, mit Regen gemischter Schnee. Erst gegen Abend brach die Sonne auf einen Augenblick durch, und ein verirrter Strahl blickte, wahrscheinlich aus Neugier, in mein Zimmer. Ich fing schon an zu bereuen, daß ich hierhergezogen war. Das Zimmer war zwar groß, aber sehr niedrig, verräuchert und dumpfig und machte trotz der darinstehenden paar Möbelstücke einen unangenehm leeren Eindruck. Es kam mir gleich damals der Gedanke, daß ich mir in diesem Zimmer unfehlbar den Rest meiner Gesundheit verderben würde. Und das ist denn auch geschehen.

Diesen ganzen Vormittag war ich mit meinen Papieren beschäftigt, die ich sichtete und ordnete. In Ermangelung einer Mappe hatte ich sie in einem Kopfkissenbezug transportiert, und dabei waren sie arg zerknittert und durcheinandergeraten. Dann setzte ich mich hin, um zu schreiben. Ich schrieb damals immer noch an meinem großen Roman; aber ich hörte bald wieder auf; mein Kopf war mit anderen Gedanken erfüllt . . .

Ich warf die Feder hin und setzte mich ans Fenster. Die Dunkelheit brach herein, und meine Stimmung wurde immer trauriger und trauriger. Mancherlei bedrückende Gedanken bemächtigten sich meiner. Ich hatte die Empfindung, daß ich in Petersburg schließlich völlig zugrunde gehen würde. Der Frühling nahte; ich dachte: ›Könnte ich mich nur aus dieser beklemmenden Enge in die freie Natur flüchten und den Geruch der frischen Felder und Wälder einatmen, die ich so lange nicht gesehen habe; dann würde ich wieder aufleben! . . .‹

Es kam mir auch der Gedanke: ›Wie gut wäre es, wenn ich durch irgendwelche Zauberei oder durch ein Wunder alles in den letzten Jahren Geschehene und Erlebte vollständig vergäße, einen frischen Geist bekäme und wieder mit neuer Kraft anfinge!‹ Damals hing ich noch solchen Zukunftsträumereien nach und hoffte auf eine Art von Wiedergeburt. ›Meinetwegen will ich sogar ins Irrenhaus kommen‹, sagte ich mir, ›damit man mir da auf irgendwelche Weise das ganze Gehirn umkehrt und neu einrichtet und ich dann wieder ganz gesund werde!‹ Es steckte noch ein starker Lebensdurst in mir, und ich glaubte noch an das Leben! . . . Aber ich erinnere mich, daß ich damals in ein Gelächter ausbrach. ›Was sollte ich denn nach dem Aufenthalt im Irrenhaus tun?‹ fragte ich mich. ›Etwa wieder Romane schreiben?‹

So überließ ich mich meinen Träumereien und meinem Trübsinn; aber unterdessen rückte die Zeit weiter, und die Nacht kam heran. Für diesen Abend hatte ich Natascha zugesagt, zu ihr zu kommen; sie hatte mich schon tags zuvor durch ein Billett dringend dazu aufgefordert. Ich sprang auf und begann, mich zurechtzumachen. Auch ohnedies war es mir ein Bedürfnis, möglichst schnell aus der Wohnung hinauszukommen, irgendwohin, meinetwegen in den Regen und in den Schmutz.

Je stärker die Finsternis wurde, um so geräumiger schien mein Zimmer zu werden, um so mehr schien es sich auszudehnen. Ich hatte die Vorstellung, ich würde in jeder Nacht in jeder Ecke den alten Smith sehen: er werde dasitzen und mich regungslos anblicken, so wie er in der Konditorei Adam Iwanowitsch angeblickt hatte, und Asorka werde zu seinen Füßen liegen. Und gerade in diesem Augenblick hatte ich ein Erlebnis, das mir einen starken Eindruck machte.

Aber ich muß alles offen bekennen: ob nun infolge meiner Nervenzerrüttung oder infolge der Eindrücke in der neuen Wohnung oder infolge der neuerdings über mich gekommenen Melancholie, kurz, ich war gleich von dem Einbruch der Dämmerung an allmählich und stufenweise in denjenigen Seelenzustand hineingeraten, der jetzt während meiner Krankheit nachts bei mir so häufig vorkommt und den ich ›mystische Angst‹ nenne. Es ist dies eine überaus peinliche, qualvolle Furcht vor etwas, was ich selbst nicht zu definieren vermag, vor etwas Unbegreiflichem, das in der natürlichen Ordnung der Dinge nicht existiert, das aber unfehlbar, vielleicht gleich im nächsten Augenblick, sich verwirklichen, allen Vernunftgründen zum Trotz zu mir kommen und als unwiderlegliche, schreckliche, grauenhafte, unerbittliche Tatsache vor mich hintreten wird. Diese Furcht wächst gewöhnlich immer stärker und stärker heran, ohne sich an irgendwelche Gründe des Verstandes zu kehren, so daß schließlich der Verstand, obwohl er in diesen Augenblicken vielleicht noch größere Klarheit besitzt als sonst, schlechterdings keine Möglichkeit hat, den Empfindungen entgegenzuwirken. Er findet kein Gehör, er ist nutzlos, und durch diese Zwiespältigkeit wird die ängstliche Pein der Erwartung noch vermehrt. Ich glaube, von dieser Art ist die schreckliche Empfindung der Leute, die sich vor Leichen fürchten. Aber bei mir wird die Qual noch durch die Undefinierbarkeit der Gefahr gesteigert.

Ich stand mit dem Rücken nach der Tür und nahm gerade meinen Hut vom Tisch; in diesem Augenblick kam mir plötzlich der Gedanke, wenn ich mich umsähe, würde ich bestimmt den alten Smith erblicken; zunächst werde er sachte die Tür öffnen, auf der Schwelle stehenbleiben und im Zimmer umherschauen; dann werde er leise mit gesenktem Kopf eintreten, sich vor mich hinstellen, mich mit seinen trüben Augen anstarren und mir auf einmal mit seinem zahnlosen Mund gerade ins Gesicht lachen, lange und unhörbar, und sein ganzer Körper werde von diesem Lachen erschüttert werden und lange hin und her schwanken. Diese ganze Vision stand mir auf einmal mit größter Klarheit und Deutlichkeit vor dem geistigen Auge, und gleichzeitig bildete sich bei mir die volle unerschütterliche Überzeugung heraus, daß das alles unfehlbar und unabwendbar geschehen werde, ja, daß es bereits geschehe und ich es nur nicht sähe, weil ich mit dem Rücken nach der Tür stände, und daß sich gerade in diesem Augenblick die Tür vielleicht schon öffne. Schnell drehte ich mich um, und was sah ich? Die Tür öffnete sich wirklich, sachte und unhörbar, ebenso wie ich mir das gerade vorgestellt hatte. Ich schrie auf. Lange Zeit erschien niemand, als ob die Tür sich von selbst geöffnet hätte; auf einmal zeigte sich auf der Schwelle ein seltsames Wesen: seine Augen blickten mich, soweit ich das in der Dunkelheit erkennen konnte, starr und unverwandt an. Ein kalter Schauer lief durch alle meine Glieder. Zu meinem größten Schrecken sah ich, daß es ein Kind, ein Mädchen war, und wenn es sogar der alte Smith selbst gewesen wäre, so wäre ich über ihn vielleicht nicht so erschrocken, wie über die seltsame, unerwartete Erscheinung dieses Kindes in meinem Zimmer zu einer solchen Tageszeit.

Ich habe bereits gesagt, daß die Kleine die Tür so unhörbar und langsam öffnete, als ob sie sich fürchtete hereinzukommen. Als sie in der Tür erschien, blieb sie auf der Schwelle stehen und sah mich lange mit einem an Erstarrung grenzenden Erstaunen an; endlich tat sie sachte und langsam zwei Schritte vorwärts und blieb vor mir stehen, immer noch ohne ein Wort zu sprechen. Ich musterte sie nun aus größerer Nähe. Es war ein Mädchen von zwölf oder dreizehn Jahren, von kleiner Statur, mager und blaß, als ob sie eben erst eine schwere Krankheit durchgemacht hätte. Um so heller funkelten ihre großen schwarzen Augen. Mit der linken Hand hielt sie über der Brust ein altes, zerrissenes Tuch zusammen, das sie um ihren noch von der Abendkälte zitternden Oberkörper geschlagen hatte. Ihren Anzug konnte man geradezu als Lumpen bezeichnen; das dichte, schwarze Haar war ungekämmt und zerzaust. So standen wir ein paar Minuten lang da und blickten einander unverwandt an.

»Wo ist der Großvater?« fragte sie endlich mit kaum hörbarer, heiserer Stimme, wie wenn ihr die Brust oder die Kehle weh täte.

Meine ganze mystische Angst verflog bei dieser Frage. Da fragte jemand nach Smith; also hatte ich unerwartet eine Spur von ihm gefunden.

»Dein Großvater? Aber der ist ja schon gestorben!« erwiderte ich, da ich in keiner Weise darauf vorbereitet war, auf eine solche Frage zu antworten, bereute aber meine Antwort sofort. Eine Weile blieb sie noch in der früheren Haltung stehen; dann aber fing sie auf einmal an am ganzen Leib zu zittern, und zwar so stark, als ob ein gefährlicher nervöser Anfall im Anzug sei. Ich wollte sie schon anfassen und halten, damit sie nicht hinfiele; aber nach einigen Augenblicken wurde ihr besser, und ich sah deutlich, daß sie gewaltsame Anstrengungen machte, um mir ihre Erregung zu verbergen.

»Verzeih mir, verzeih mir, mein Kind!« sagte ich. »Ich habe das so plötzlich ausgesprochen, und vielleicht ist es gar nicht einmal richtig . . . du Ärmste! . . . Wen suchst du denn? Den alten Mann, der hier gewohnt hat?«

»Ja«, flüsterte sie mühsam und sah mich ängstlich an.

»Hieß er Smith? Ja?«

»J-ja!«

»Der ist . . . nun ja, der ist allerdings gestorben . . . Aber gräme dich nicht zu sehr, liebes Kind! Warum bist du denn nicht schon früher einmal hergekommen? Von wo kommst du jetzt? Er ist gestern begraben worden; er war ganz plötzlich und unerwartet gestorben . . . Also du bist seine Enkelin?«

Das Mädchen antwortete auf meine hastigen, ungeordneten Fragen nicht. Schweigend wandte sie sich ab und ging sachte aus dem Zimmer. Ich war so überrascht, daß ich sie nicht zurückhielt und sie nicht weiter fragte. Auf der Schwelle blieb sie noch einmal stehen, wandte sich halb mir zu und fragte:

»Ist Asorka auch gestorben?«

»Ja, Asorka ist auch gestorben«, antwortete ich. Die Frage erschien mir sonderbar; sie klang, als ob die Kleine davon überzeugt wäre, daß Asorka jedenfalls mit dem alten Mann zugleich gestorben sein müsse.

Als das Mädchen meine Antwort vernommen hatte, verließ sie unhörbar das Zimmer und schloß behutsam hinter sich die Tür.

Einen Augenblick darauf lief ich ihr nach; ich ärgerte mich sehr darüber, daß ich sie hatte fortgehen lassen. Sie war so leise hinausgegangen, daß ich nicht hatte hören können, wie sie die nach der Treppe führende Flurtür öffnete. ›Die Treppe kann sie noch nicht hinunter sein‹, dachte ich und blieb stehen, um zu horchen. Aber alles war still, und es waren keine Schritte zu hören. Es klappte nur irgendwo in einem tieferen Stockwerk eine Tür; dann wurde wieder alles still.

Eilig begann ich die Treppe hinunterzusteigen. Die Treppe von meiner Wohnung im fünften Stock nach dem vierten Stock war eine Wendeltreppe; vom vierten Stock an begann eine gerade Treppe. Es war eine jener unsauberen, immer dunklen Treppen, wie man sie gewöhnlich in Mietskasernen mit kleinen Wohnungen findet. In diesem Augenblick war es auf ihr schon völlig dunkel. Tastend stieg ich nach dem vierten Stock hinunter; hier blieb ich stehen und hatte auf einmal ein Gefühl, als ob ich angestoßen und darauf aufmerksam gemacht würde, daß hier jemand auf dem Flur war und sich vor mir versteckte. Ich begann mit den Händen umherzutasten; ganz in einer Ecke stand das Mädchen mit dem Gesicht zur Wand und weinte still und lautlos.

»Höre, mein Kind, warum fürchtest du dich?« sagte ich. »Ich habe dich so erschreckt; es tut mir leid. Dein Großvater hat, als er starb, noch von dir gesprochen; das waren seine letzten Worte . . . Ich habe auch noch Bücher von ihm; wahrscheinlich gehören sie dir. Wie heißt du denn? Wo wohnst du? Er sagte, in der Sechsten Linie . . .«

Aber ich konnte nicht zu Ende sprechen. Sie schrie erschrocken auf, anscheinend darüber, daß ich wußte, wo sie wohnte, stieß mich mit ihren dünnen, mageren Armen zurück und lief die Treppe hinunter. Ich eilte ihr nach; ich konnte noch ihre Schritte unten hören. Auf einmal hörten sie auf . . . Als ich auf die Straße hinausstürzte, war das Mädchen nicht da. Ich lief bis zum Wosnessenskiprospekt und sah, daß all mein Suchen vergeblich war: sie war verschwunden. »Wahrscheinlich hat sie sich schon beim Hinuntersteigen von der Treppe irgendwo vor mir versteckt«, dachte ich.

Elftes Kapitel

Aber kaum hatte ich das nasse, schmutzige Trottoir des Prospektes betreten, als ich mit einem Passanten zusammenstieß, der, anscheinend in tiefen Gedanken, mit gesenktem Kopf eilig dahinging. Zu meinem größten Erstaunen erkannte ich den alten Ichmenew. Dies war für mich ein Abend der unerwarteten Begegnungen. Ich wußte, daß der alte Mann vor drei Tagen ernstlich erkrankt war, und nun traf ich ihn plötzlich bei solchem feuchten Wetter auf der Straße. Zudem war er auch früher abends nie ausgegangen, und seit Natascha das Haus verlassen hatte, das heißt seit beinah einem halben Jahr, war er ein richtiger Stubenhocker geworden. Er freute sich außerordentlich über das Zusammentreffen mit mir, wie jemand, der endlich einen Freund gefunden hat, mit dem er sich aussprechen kann, ergriff meine Hand, drückte sie kräftig und zog mich, ohne zu fragen, wohin ich ginge, mit sich fort. Er war über etwas in Aufregung, hastete und redete abgebrochen. »Wo mag er nur gewesen sein?« dachte ich bei mir. Ihn danach zu fragen wäre unnütz gewesen; er war furchtbar mißtrauisch geworden und witterte manchmal in der harmlosesten Frage oder Bemerkung eine Kränkung, eine beleidigende Anspielung.

Ich blickte ihn von der Seite an: sein Gesicht sah krankhaft aus; er war in der letzten Zeit sehr abgemagert; rasiert hatte er sich seit einer Woche nicht. Sein ganz ergrautes Haar hing unordentlich unter dem verbeulten Hut hervor und lag in langen Strähnen auf dem Kragen seines alten, abgetragenen Mantels. Ich hatte schon früher bemerkt, daß er manchmal wie geistesabwesend war; er vergaß zum Beispiel, daß er nicht allein im Zimmer war, redete mit sich selbst und gestikulierte mit den Händen. Es war peinlich, ihn anzusehen.

»Nun, wie geht's, Wanja, wie geht's?« sagte er. »Wo kommst du her? Ich bin ausgewesen, lieber Freund, in Geschäften. Bist du gesund?«

»Sind Sie selbst gesund?« antwortete ich. »Sie waren ja noch vor kurzem krank, und da gehen Sie aus?«

Der Alte antwortete nicht, als hätte er mich gar nicht verstanden.

»Wie befindet sich Anna Andrejewna?«

»Sie ist gesund, sie ist gesund . . . Übrigens, ein bißchen kränklich ist sie auch. Sie ist so trübsinnig geworden . . . sie hat auch von dir gesprochen, warum du gar nicht zu uns kämest. Aber du warst wohl jetzt gerade auf dem Weg zu uns, Wanja? Oder nicht? Ich habe dich vielleicht gestört und halte dich von etwas ab?« fragte er plötzlich, mich mißtrauisch und argwöhnisch anblickend.

Der alte Mann war dermaßen empfindlich und reizbar geworden, daß, wenn ich ihm jetzt geantwortet hätte, ich sei nicht auf dem Weg zu ihnen, er sich unfehlbar beleidigt gefühlt und sich kalt von mir getrennt hätte. Ich beeilte mich, bejahend zu antworten, daß ich gerade vorhätte, Anna Andrejewna zu besuchen, obwohl ich wußte, daß ich dann bei Natascha zu spät kommen und sie vielleicht überhaupt nicht mehr antreffen würde.

»Nun, das ist ja schön«, erwiderte der Alte, durch meine Antwort beruhigt. »Das ist ja schön . . .«

Auf einmal verstummte er und versank in Gedanken, als ob er noch etwas unausgesprochen gelassen hätte.

»Ja, das ist schön!« wiederholte er mechanisch nach etwa fünf Minuten, wie wenn er nach seiner tiefen Versunkenheit wieder zu sich käme. »Hm! . . . Siehst du, Wanja, wir haben dich immer wie einen eigenen Sohn gehalten; Gott hat mich und Anna Andrejewna nicht mit einem Sohn gesegnet . . . da hat er uns dich gesandt, ich habe es immer so aufgefaßt. Und meine Frau auch . . . ja! Und du hast dich gegen uns immer respektvoll und zärtlich benommen wie ein leiblicher, dankbarer Sohn. Möge dich Gott dafür segnen, Wanja, so wie wir beiden alten Leute dich segnen und lieben . . . ja!«

Seine Stimme fing an zu zittern, er machte eine kleine Pause.

»Ja . . . nun aber, wie geht es dir? Du bist doch nicht krank gewesen? Weil du so lange nicht bei uns warst.«

Ich erzählte ihm die ganze Geschichte von Smith, sagte zu meiner Entschuldigung, diese Angelegenheit habe mich am Kommen gehindert; außerdem sei ich wirklich beinah krank gewesen und hätte wegen all dieser Abhaltungen den weiten Weg nach der Wassili-Insel (da wohnten sie damals) nicht machen können. Ich hätte mich beinah versprochen und gesagt, daß ich trotzdem auch in dieser Zeit die Möglichkeit gefunden hatte, Natascha zu besuchen; aber ich unterdrückte dies noch rechtzeitig.

Die Geschichte von Smith interessierte den alten Mann sehr. Er wurde aufmerksamer. Als er hörte, daß meine neue Wohnung feucht und noch schlechter als die frühere sei und sechs Rubel monatlich koste, wurde er ordentlich hitzig. Er war überhaupt in der letzten Zeit sehr heftig und ungeduldig geworden. Nur Anna Andrejewna verstand es noch, in solchen Augenblicken mit ihm zurechtzukommen, und auch ihr gelang es nicht immer.

»Hm! . . . Das kommt alles von deiner Schriftstellerei, Wanja!« rief er fast zornig. »Die hat dich in die Dachstube gebracht und wird dich noch auf den Kirchhof bringen! Ich habe es dir schon damals gesagt und dich gewarnt! . . . Was macht denn B.? Schreibt er immer noch Kritiken?«

»Der ist ja schon gestorben, an der Schwindsucht. Ich glaube, ich habe es Ihnen schon gesagt.«

»Gestorben, hm! . . . gestorben! Anders konnte es auch nicht kommen. Hat er denn seiner Frau und seinen Kindern etwas hinterlassen? Du sagtest ja wohl, er sei verheiratet, nicht? . . . Wozu solche Leute nur heiraten!«

»Nein, er hat nichts hinterlassen«, antwortete ich.

»Na, da haben wir's!« rief er mit solcher Erregung, wie wenn die Sache ihn als nahen Verwandten anginge, wie wenn der verstorbene B. sein leiblicher Bruder gewesen wäre. »Nichts! Gar nichts! Weißt du, Wanja, ich habe das schon vorhergeahnt, daß es so mit ihm enden werde, schon damals, du erinnerst dich, als du ihn mir so lobtest. Das spricht sich so leicht hin: er hat nichts hinterlassen! Hm! . . . Ruhm hat er sich ja erworben, meinetwegen sogar unsterblichen Ruhm; aber vom Ruhm wird man nicht satt. Und auch was dich betrifft, Wanjuscha, so habe ich schon damals alles vorausgesehen; ich habe dich gelobt, aber im stillen habe ich alles vorausgesehen. Also B. ist gestorben? Wie sollte einer da auch nicht sterben? Ein unerfreuliches Dasein und . . . ein unerfreulicher Wohnort; da sieh!«

Und mit einer schnellen, unwillkürlichen Handbewegung wies er auf die neblige, sich vor uns hinziehende Straße, die die aus dem feuchten Dunst hervorschimmernden Laternen nur schwach beleuchteten, auf die schmutzigen Häuser, auf die von Nässe glänzenden Trottoirplatten, auf die mürrischen, ärgerlichen, durchnäßten Passanten, auf dieses ganze Bild, über welchem sich die schwarze, wie mit Kienruß überzogene Kuppel des Petersburger Himmels wölbte. Wir waren nun schon auf den Marienplatz gelangt; vor uns ragte in der Dunkelheit, von unten her durch die Gasflammen erhellt, das Denkmal des Zaren Nikolaus auf, und noch weiter hin erhob sich die finstere, gewaltige Masse der Isaakskathedrale, die sich nur undeutlich von der dunklen Farbe des Himmels abhob.

»Du hast gesagt, Wanja, er wäre ein guter, edeldenkender, sympathischer Mensch, ein Mensch mit Herz und Gemüt. Na, es ist alles dieselbe Sorte, deine sympathischen Menschen mit Herz und Gemüt! Sie verstehen weiter nichts, als die Zahl der armen Waisen zu vermehren! Hm! . . . Und auch das Sterben, meine ich, wird ihm nicht vergnüglich gewesen sein! Ja, ja! Er hätte von hier wegfahren sollen, irgendwohin, und wenn's nach Sibirien gewesen wäre! . . . Was willst du, Kind?« fragte er auf einmal, als er auf dem Trottoir ein kleines Mädchen sah, das um ein Almosen bat.

Es war ein kümmerliches, mageres Wesen, nicht älter als sieben oder acht Jahre, in schmutzige Lumpen gekleidet; die kleinen Füße steckten ohne Strümpfe in zerrissenen Schuhen. Sie suchte ihr vor Kälte zitterndes Körperchen mit einem alten kurzen Mäntelchen zu schützen, aus dem sie schon längst herausgewachsen war. Ihr hageres, blasses, kränkliches Gesichtchen war uns zugewendet; schüchtern und schweigend, mit einer Art von ergebungsvoller Furcht vor einem abschlägigen Bescheid, streckte sie uns ihr zitterndes Händchen hin. Der Alte fing bei ihrem Anblick am ganzen Leib ordentlich zu zittern an und wendete sich so schnell zu ihr hin, daß er sie sogar erschreckte. Sie fuhr zusammen und schwankte vor ihm zurück.

»Was willst du, Kind? Was willst du?« rief er. »Eine Gabe? Ja? Da hast du etwas, da . . . Nimm, da!«

Hastig und vor Aufregung zitternd, suchte er in seiner Tasche umher und zog zwei oder drei Silbermünzen heraus. Aber das kam ihm noch zuwenig vor; er holte sein Portemonnaie hervor, entnahm ihm einen Rubelschein (alles, was darin war) und legte das Geld in die Hand der kleinen Bettlerin.

»Christus behüte dich, du mein liebes kleines Kind! Gottes Engel mögen um dich sein!«

Er bekreuzte das arme Kind mehrmals mit zitternder Hand; plötzlich aber, als er bemerkte, daß ich ihm zusah, machte er ein finsteres Gesicht und ging mit schnellen Schritten weiter.

»Siehst du, Wanja, ich kann das gar nicht mit ansehen«, begann er, nachdem er ziemlich lange ärgerlich geschwiegen hatte, »wie diese kleinen, unschuldigen Wesen vor Kälte auf der Straße zittern . . . um ihrer verfluchten Mütter und Väter willen. Aber freilich, welche Mutter wird auch ein Kind bei solchem Wetter hinausschicken, wenn sie nicht selbst unglücklich ist! . . . Gewiß hat sie da in ihrem elenden Kämmerchen noch andere vaterlose Waisen sitzen, und dies ist die älteste; sie selbst, die Mutter, ist krank; und . . . hm! Es sind keine Fürstenkinder! Es gibt auf der Welt viele Kinder, Wanja, die keine Fürstenkinder sind! Hm!«

Er schwieg eine Weile, wie wenn es ihm Schwierigkeiten machte, das, was er noch sagen wollte, auszusprechen.

»Siehst du, Wanja«, begann er dann etwas verwirrt und stockend, »ich habe meiner Frau versprochen, das heißt, ich bin mit Anna Andrejewna übereingekommen, ein Waisenmädchen zur Erziehung anzunehmen, ein armes Kind, ein kleines Kind, ins Haus, ganz und gar; du verstehst? Sonst ist es uns alten Leuten doch gar zu langweilig, so allein, hm! . . . Aber, siehst du, Anna Andrejewna ist dagegen. Also rede du mit ihr darüber, weißt du, nicht so, als ob ich dich dazu veranlaßt hätte, sondern als ob du es von selbst tätest . . . überrede sie dazu . . . verstehst du? Ich wollte dich schon längst darum bitten . . . daß du sie überreden möchtest einzuwilligen; sie selbst darum so sehr zu bitten behagt mir nicht recht . . . was soll man über solche Lappalien viel reden! Was habe ich von so einem kleinen Mädchen? Ich bedarf ihrer nicht; es ist nur so zur Erheiterung . . . damit man eine Kinderstimme hört . . . übrigens möchte ich es eigentlich nur um meiner Frau willen tun; es wird ihr vergnüglicher sein, als immer nur so mit mir allein zu sitzen. Aber das ist alles nur dummes Zeug! Weißt du, Wanja, auf die Art wird es lange dauern, bis wir hinkommen; wir wollen eine Droschke nehmen; es ist zu weit zum Gehen, und Anna Andrejewna wartet gewiß schon ungeduldig auf uns . . .«

Es war halb acht, als wir zu Anna Andrejewna kamen.

Zwölftes Kapitel

Die beiden alten Leute liebten einander sehr. Die Liebe und eine langjährige Gewöhnung wirkten zusammen, um sie untrennbar zu verbinden. Aber Nikolai Sergejewitsch benahm sich (und nicht nur jetzt, sondern es war auch früher, in den glücklichsten Zeiten, ebenso gewesen) gegen seine Anna Andrejewna wenig mitteilsam, ja sogar manchmal rauh, namentlich in Gegenwart von Fremden. Bei manchen Naturen findet man, obwohl sie von dem Gefühl warmer Zärtlichkeit erfüllt sind, doch eine gewisse Sprödigkeit, eine Art von keuscher Scheu davor, sich völlig auszusprechen und dem geliebten Wesen selbst gegenüber ihre Zärtlichkeit kundzutun, und zwar nicht nur in Gegenwart von Fremden, sondern auch unter vier Augen; unter vier Augen sogar in noch höherem Grad; nur selten kommt bei ihnen die Zärtlichkeit zum Durchbruch, dann aber um so heißer und heftiger, je länger sie zurückgehalten war. Von dieser Art war auch der alte Ichmenew im Verkehr mit seiner Anna Andrejewna, und zwar schon seit ihrer Jugend. Er verehrte und liebte sie grenzenlos, trotzdem sie einfach nur eine gute Frau war und nichts weiter verstand, als ihn zu lieben, und er ärgerte sich gewaltig darüber, daß sie ihrerseits in ihrer Harmlosigkeit ihm gegenüber manchmal sogar eine übergroße, unvorsichtige Offenheit zeigte. Aber seit Natascha das Elternhaus verlassen hatte, schienen die beiden gegeneinander zärtlicher geworden zu sein; sie fühlten mit tiefem Schmerz, daß sie allein auf der Welt zurückgeblieben waren. Und obgleich Nikolai Sergejewitsch manchmal außerordentlich mürrisch war, so konnten sie doch beide nicht einmal zwei Stunden lang getrennt sein, ohne sich schmerzlich einer nach dem andern zu sehnen. Von Natascha redeten sie wie nach stillschweigender Übereinkunft keine Silbe, als ob sie überhaupt nicht auf der Welt sei. Anna Andrejewna wagte in Gegenwart ihres Mannes nicht einmal eine deutliche Anspielung auf sie, obgleich ihr das sehr schwerfiel. Sie hatte der Tochter in ihrem Herzen schon längst verziehen. Zwischen ihr und mir bestand eine Art von Abmachung, daß ich ihr bei jedem meiner Besuche Nachrichten von ihrem lieben, unvergessenen Kinde bringen sollte.

Die alte Frau wurde krank, wenn sie lange keine Nachrichten erhielt, und wenn ich zu ihnen kam, interessierte sie sich für die geringsten Einzelheiten, fragte mich voll höchster Teilnahme aus, atmete auf, wenn mein Bericht günstig lautete, starb aber einmal beinahe vor Angst, als Natascha erkrankt war; ja, sie war nahe daran, selbst zu ihr hinzugehen. Aber das war ein ganz besonderer Fall gewesen. Anfänglich mochte sie nicht einmal mir gegenüber den Wunsch nach einem Wiedersehen mit der Tochter aussprechen, und am Ende unserer Gespräche, wenn sie alles aus mir herausgefragt hatte, hielt sie es fast immer für notwendig, sich mir gegenüber zu verhärten und sich mit aller Bestimmtheit dahin auszusprechen, sie interessiere sich zwar für das Schicksal ihrer Tochter, aber Natascha habe sich doch so vergangen, daß Verzeihung ein Ding der Unmöglichkeit sei. Aber das war alles nur Verstellung. Es kam vor, daß Anna Andrejewna in meiner Gegenwart sich nach ihrer Tochter fast totsehnte, weinte, ihr die zärtlichsten Namen gab, sich bitter über Nikolai Sergejewitsch beklagte und in seiner Gegenwart, wiewohl nur mit der größten Vorsicht, Andeutungen folgender Art machte: die Menschen seien gar zu stolz und hartherzig; wir verständen nicht, eine Beleidigung zu verzeihen, und denen, die selbst nicht verziehen, werde auch Gott nicht verzeihen. Aber deutlicher sprach sie sich ihm gegenüber nicht aus. In solchen Fällen machte der Alte sofort ein strenges, finsteres Gesicht und schwieg mürrisch, oder aber er begann auf einmal, meist in recht ungeschickter Weise, sehr laut von etwas anderem zu reden, oder endlich er ging auf sein Zimmer, ließ uns allein und gab so seiner Frau die Möglichkeit, mir ihren Kummer rückhaltlos in Tränen und Klagen auszuschütten. Ganz ebenso pflegte er bei meinen Besuchen, sowie er mich begrüßt hatte, alsbald auf sein Zimmer zu gehen, damit ich Zeit hätte, seiner Frau die letzten Neuigkeiten über Natascha mitzuteilen. So machte er es auch jetzt.

»Ich bin ganz durchnäßt«, sagte er zu ihr, gleich nachdem er ins Zimmer getreten war; »ich werde erst einmal auf mein Zimmer gehen, und du, Wanja, bleib hier! Er hat etwas Merkwürdiges mit seiner Wohnung erlebt. Erzähle es ihr; ich komme gleich wieder.«

Und er ging eilig hinaus, wobei er es sogar vermied, uns anzusehen, wie wenn er sich darüber schämte, daß er selbst uns allein zusammen ließ. In solchen Fällen, und besonders wenn er zu uns zurückkehrte, war er immer sehr finster und mürrisch, sowohl mir als auch seiner Frau gegenüber, ja sogar händelsüchtig; es machte den Eindruck, als ärgere er sich über seine eigene Weichheit und Nachgiebigkeit.

»Ja, so ist er nun«, sagte die alte Frau, die in der letzten Zeit im Verkehr mit mir alle Zurückhaltung und Verstellung aufgegeben hatte; »so benimmt er sich immer gegen mich, und dabei weiß er, daß wir seine List alle durchschauen. Wozu sucht er mir etwas vorzumachen? Bin ich ihm denn eine Fremde? Und so benimmt er sich auch, was die Tochter angeht. Er könnte ihr ja verzeihen; vielleicht wünscht er es sogar; Gott mag's wissen. Er weint nachts; das habe ich selbst gehört! Aber nach außen hin spielt er den Unerbittlichen. Der Stolz betört ihn. Lieber Iwan Petrowitsch, erzähle mir schnell: wo ist er gewesen?«

»Nikolai Sergejewitsch? Ich weiß es nicht; ich wollte Sie danach fragen.«

»Ich habe mich halbtot geängstigt, als er wegging. Er ist ja krank, und nun bei solchem Wetter, und wo die Nacht vor der Tür steht! ›Na‹, dachte ich, ›gewiß hat er etwas Wichtiges vor; und was gibt es für uns Wichtigeres als die bewußte Angelegenheit?‹ So dachte ich bei mir, wagte aber nicht, ihn zu fragen. Ich wage ihn ja jetzt überhaupt nach nichts zu fragen. Herrgott, was habe ich mich geängstigt um ihn und um sie! ›Nun‹, dachte ich, ›er wird zu ihr gegangen sein; ob er sich wohl entschlossen hat, ihr zu verzeihen?‹ Er hat ja alles in Erfahrung gebracht; auch die neuesten Nachrichten von ihr kennt er alle; ich glaube bestimmt, daß er sie weiß; aber woher er diese Kenntnis hat, das kann ich nicht erraten. Gestern hat er sich schrecklich gegrämt und heute auch. Aber warum schweigst du denn? Erzähle mir, lieber Freund, was da noch weiter vorgefallen ist! Ich habe auf dich gewartet wie auf einen Engel Gottes; fortwährend habe ich durchs Fenster gesehen. Nun also, verläßt der Bösewicht Natascha?«

Ich erzählte ihr sogleich alles, was ich selbst wußte. Ich war gegen sie immer vollständig offenherzig. Ich teilte ihr mit, daß es zwischen Natascha und Aljoscha in der Tat zum Bruch zu kommen scheine, und daß dies ernster sei als ihre früheren Mißhelligkeiten; daß Natascha mir gestern ein Briefchen geschickt habe, in dem sie mich bitte, heute abend um neun Uhr zu ihr zu kommen und daß ich daher auch gar nicht vorgehabt hätte, heute bei ihnen vorzusprechen; Nikolai Sergejewitsch selbst habe mich hergebracht. Ich setzte ihr eingehend auseinander, daß die Lage jetzt kritisch geworden sei; daß Aljoschas Vater, der vor vierzehn Tagen von einer Reise zurückgekehrt sei, von nichts hören wolle und gegen seinen Sohn mit aller Strenge verfahre und daß, was das Wichtigste sei, Aljoscha anscheinend selbst dem für ihn in Aussicht genommenen Mädchen nicht abgeneigt sei und dem Vernehmen nach sich sogar in sie verliebt habe. Ich fügte noch hinzu, daß Nataschas Brief, soweit man darüber etwas vermuten könne, in großer Aufregung geschrieben sei; sie schreibe, heute abend werde sich alles entscheiden; aber was eigentlich, das sage sie nicht; sonderbar sei auch, daß sie vom gestrigen Tage schreibe, aber mich auffordere, heute zu kommen, und eine bestimmte Stunde, neun Uhr, bezeichnet habe. Deshalb müsse ich unbedingt hingehen, und zwar so bald wie möglich.

»Geh hin, geh hin, lieber Freund, geh unbedingt hin!« sagte die alte Frau eifrig. »Sobald mein Mann wieder hereinkommt, trink eine Tasse Tee mit uns! . . . Ach, der Samowar ist ja noch nicht gebracht! Matrjona! Wo bleibt denn der Samowar! Bist du eine nachlässige Person! . . . Na, wenn du also ein Täßchen Tee getrunken hast, dann erfinde einen anständig aussehenden Vorwand und geh weg! Morgen aber komm unter allen Umständen zu mir und erzähle mir alles! Und komm nur ja recht früh! O Gott, wenn nur da kein Unglück vorgefallen ist! Man weiß freilich nicht, was noch schlimmer sein könnte, als wie es jetzt schon ist! Nikolai Sergejewitsch hat offenbar schon alles erfahren; das sagt mir mein Herz. Ich für meine Person erfahre ja vieles durch Matrjona, und die durch Agascha; Agascha aber ist ein Patenkind von Marja Wassiljewna, die bei dem Fürsten im Haus wohnt . . . na, das weißt du ja alles selbst. Heute war mein Nikolai furchtbar zornig. Ich wollte von diesem und jenem zu reden anfangen, aber er fuhr mich ordentlich an. Nachher tat es ihm leid, und er sagte, wir hätten so wenig Geld; er wollte den Anschein erwecken, als habe er mich des Geldes wegen so angefahren. Na, du weißt ja, in welcher Lage wir uns befinden. Nach dem Mittagessen ging er auf sein Zimmer, als wenn er schlafen wollte. Ich blickte durch eine Ritze zu ihm hinein (es ist da so eine Ritze in der Tür, er weiß nichts davon); da lag mein lieber Mann vor dem Heiligenschrein auf den Knien und betete. Als ich das sah, wäre ich fast umgesunken. Ohne geschlafen und ohne Tee getrunken zu haben, nahm er seinen Hut und ging weg. Zwischen vier und fünf ging er. Ich wagte nicht, ihn zu fragen; er hätte mich doch nur angefahren. Er fährt einen jetzt überhaupt häufig an, am meisten Matrjona, aber auch mich; und wenn er mich anfährt, knicken mir immer gleich die Beine ein, und das Herz wird mir schwach. Es ist ja bei ihm nur äußerlich; ich weiß, daß es nur äußerlich ist; aber es ist doch schrecklich. Als er weggegangen war, habe ich eine ganze Stunde lang gebetet, Gott möge ihm gute Gedanken eingeben. – Wo ist denn ihr Brief? Zeig ihn doch her!«

Ich zeigte ihn ihr. Ich wußte, daß Anna Andrejewna einen heißen Wunsch hatte: Aljoscha, den sie bald einen Bösewicht, bald einen gefühllosen, dummen Jungen nannte, möchte endlich Natascha heiraten, und sein Vater, Fürst Pjotr Alexandrowitsch, möchte es ihm erlauben. Sie hatte diesen Wunsch sogar vor meinen Ohren unversehens ausgesprochen, es aber später bereut und ihre Wort geleugnet. Aber um keinen Preis hätte sie gewagt, ihre Hoffnungen in Nikolai Sergejewitschs Gegenwart auszusprechen, obgleich sie wußte, daß der Alte diese ihre Hoffnungen mutmaßte und ihr sogar mehrmals in versteckter Weise deswegen Vorwürfe gemacht hatte. Ich glaube, er hätte Natascha unwiderruflich verflucht und sie für immer aus seinem Herzen gerissen, wenn er erfahren hätte, daß eine solche Ehe möglich sei.

So dachten wir damals alle. Er ersehnte die Rückkehr seiner Tochter von ganzem Herzen; aber sie sollte allein kommen, als eine Reuige, die alle Erinnerungen an ihren Aljoscha aus ihrem Herzen gerissen hatte. Das war die unerläßliche Bedingung der Verzeihung; er sprach diese Bedingung zwar nicht aus, aber wenn man ihn ansah, so erkannte man das in zweifelloser Weise.

»Er ist charakterlos, ein charakterloser Knabe, charakterlos und hartherzig; das habe ich immer gesagt«, begann Anna Andrejewna wieder. »Und sie haben auch nicht verstanden, ihn zu erziehen; da ist er denn ein solcher windiger Patron geworden; zum Dank für soviel Liebe läßt er sie sitzen, Herr du mein Gott! Was soll nur aus der Ärmsten werden? Und was er an der Neuen gefunden hat, das ist mir unbegreiflich!«

»Ich habe gehört, Anna Andrejewna«, erwiderte ich, »daß das junge Mädchen ein entzückendes Geschöpf ist, und auch Natalja Nikolajewna hat von ihr dasselbe gesagt . . .«

»Glaube doch das nicht!« unterbrach mich die alte Frau. »Was wird sie denn für ein entzückendes Geschöpf sein? Für euch Tintenkleckser ist jede ein entzückendes Geschöpf, wenn sie nur ihre Röcke zu schlenkern versteht. Und wenn Natascha sie lobt, so tut sie das nur, weil sie ein so gutes, edles Herz hat. Sie versteht nicht, ihn festzuhalten; alles verzeiht sie ihm, und sie selbst leidet und leidet. Wie oft hat er sie schon betrogen! Was gibt es für hartherzige Bösewichter! Ich lebe in der größten Seelenangst, Iwan Petrowitsch. Der Stolz hat sie alle betört. Wenn nur mein Mann sich bezwingen und meinem lieben Kind verzeihen und sie wieder herholen möchte! Dann würde ich sie endlich wiedersehen und in meine Arme schließen! Ist sie abgemagert?«

»Allerdings, Anna Andrejewna.«

»Ach, mein armes, liebes Kind! Ich habe auch ein Unglück gehabt, Iwan Petrowitsch. Die ganze Nacht und den ganzen Tag habe ich heute geweint; den Grund werde ich dir nachher sagen. Unzählige Male habe ich meinem Mann beiläufig eine Andeutung gemacht, er möchte ihr doch verzeihen; geradezu wage ich es nicht; ich habe nur so ganz von weitem auf eine geschickte Manier die Rede darauf gebracht. Aber mein Herz will ganz verzagen: ich glaube, er wird in Zorn geraten und sie ganz und gar verfluchen! Eine Verfluchung habe ich bis jetzt noch nicht von ihm gehört, aber ich fürchte, daß es doch noch dazu kommt. Und was wird dann geschehen? Wenn der Vater sie verflucht hat, dann wird auch Gott sie strafen. Ist das ein Leben; jeden Tag zittre ich vor Angst. Aber auch du solltest dich schämen, Iwan Petrowitsch; du bist doch in unserem Haus aufgewachsen und hast von uns beiden alle elterliche Liebe erfahren: und da bekommst du es doch fertig, von einem entzückenden Geschöpf zu reden! Wie kannst du nur! Was wird sie denn für ein entzückendes Geschöpf sein? Da redet Marja Wassiljewna viel besser. (Ich habe einmal eine Sünde begangen und sie zum Kaffee eingeladen, als mein Mann den ganzen Vormittag in Geschäften ausgegangen war.) Sie hat mir das ganze Geheimnis enthüllt. Der Fürst, Aljoschas Vater, hat mit der Gräfin ein unerlaubtes Verhältnis unterhalten. Die Gräfin hat ihm schon seit langer Zeit, wie es heißt, Vorwürfe darüber gemacht, daß er sie nicht heirate; aber der Fürst ist immer ausgewichen. Diese Gräfin aber hat damals, als ihr Mann noch lebte, durch ihren schandbaren Lebenswandel Aufsehen erregt. Nach dem Tod ihres Mannes ging sie ins Ausland: da verkehrte sie mit einer Menge italienischer und französischer Barone, und da verstand sie es auch, den Fürsten Pjotr Alexandrowitsch an sich zu ketten. Ihre Stieftochter aber, die Tochter ihres verstorbenen Mannes, eines Branntweinpächters, war inzwischen dem Kindesalter entwachsen. Die Gräfin, die Stiefmutter, brachte ihr eigenes Vermögen vollständig durch; aber Katerina Fjodorowna wuchs unterdessen heran, und die zwei Millionen Rubel, die ihr Vater, der Branntweinpächter, ihr bei der Bank hinterlassen hatte, wuchsen auch heran. Jetzt, sagt man, besitzt sie drei Millionen; und da hat sich nun der Fürst gesagt: ›Die sollte Aljoscha heiraten!‹ (Keine schlechte Spekulation! Er weiß auf seinen Vorteil zu setzen.) Der Graf, der vornehme Herr am Hofe, du erinnerst dich wohl, der Verwandte des Fürsten, war ebenfalls einverstanden; drei Millionen sind keine Kleinigkeit. ›Gut‹, sagte er, ›reden Sie mit dieser Gräfin!‹ Der Fürst teilte der Gräfin seinen Wunsch mit. Aber die widersetzte sich mit Händen und Füßen: sie ist ein Weib ohne Anstand, sagt man, ein rechter Zankteufel! Sie hat hier nicht in allen Familien Zutritt, sagt man; das ist hier anders als im Ausland. ›Nein‹, sagte sie, ›Fürst, du selbst mußt mich heiraten; meine Stieftochter kann nicht Aljoschas Frau werden.‹Wenn der Fürst die Gräfin heiratete, so konnte nach orthodoxem Kirchenrecht sein Sohn nicht mehr die Stieftochter der Gräfin heiraten, und umgekehrt; diese Ehe schloß die andere aus. Das Mädchen aber, die Stieftochter, ist ihrer Stiefmutter sehr ergeben, vergöttert sie beinahe und gehorcht ihr in allen Stücken. Man sagt, sie sei sanft und fügsam wie ein Engel! Der Fürst sah, um was es sich handelte, und sagte: ›Beunruhige dich nicht, Gräfin! Du hast dein Vermögen durchgebracht und Schulden gemacht, die du nicht bezahlen kannst. Aber wenn deine Stieftochter Aljoscha heiratet, so werden die beiden zueinander passen: sie ist naiv, und er ist ein Dummkopf; wir beide werden sie gleich von Anfang an unter unsere Vormundschaft nehmen; dadurch wirst auch du zu Geld kommen. Aber was nützt es dir‹, sagte er, ›mich zu heiraten?‹ So ein Schlaukopf! Der reine Freimaurer! So stand die Sache vor einem halben Jahr; die Gräfin konnte sich damals nicht entschließen; aber jetzt, sagt man, sind sie nach Warschau gefahren und haben sich da miteinander geeinigt. So habe ich das gehört. All das hat mir Marja Wassiljewna erzählt, das ganze Geheimnis; sie selbst hat es von einem zuverlässigen Gewährsmann gehört. Also darum handelt es sich bei diesem Eheprojekt, um das Geld, um die Millionen, nicht darum, daß sie ein entzückendes Geschöpf ist!«

Anna Andrejewnas Erzählung machte auf mich einen starken Eindruck. Sie stimmte vollständig zu alledem, was ich unlängst von Aljoscha selbst gehört hatte. Bei seinen Mitteilungen hatte er sich gerühmt, er werde unter keinen Umständen um des Geldes willen heiraten; er hatte aber gesagt, Katerina Fjodorowna habe ihm außerordentlich gut gefallen. Ich hatte von Aljoscha auch noch gehört, daß sein Vater sich vielleicht selbst wieder verheiraten werde, obgleich er diese Gerüchte als unwahr bezeichne, um die Gräfin nicht vor der Zeit zu reizen. Ich habe schon gesagt, daß Aljoscha seinen Vater sehr liebte, auf ihn stolz war und ihm in allen Stücken wie einem Orakel vertraute.

»Sie ist ja doch auch nicht aus gräflichem Geschlecht, dein entzückendes Geschöpf!« fuhr Anna Andrejewna fort, die über mein Lob des dem jungen Fürsten zugedachten Mädchens höchst aufgebracht war. »Natascha wäre für ihn eine weit bessere Partie. Jene ist die Tochter eines Branntweinpächters, während Natascha aus einer altadligen Familie stammt und ein hochwohlgeborenes Fräulein ist. Mein Mann hat gestern (ich habe vergessen, dir das zu erzählen) seine eisenbeschlagene Truhe aufgemacht (du kennst sie wohl?) und den ganzen Abend mir gegenübergesessen und unsere alten Papiere durchgesehen. So saß er in tiefem Ernst da. Ich strickte einen Strumpf und sah meinen Mann gar nicht an, vor Furcht. Als er merkte, daß ich nichts sagte, wurde er ärgerlich und redete mich selbst an und erklärte mir den ganzen Abend über unseren Stammbaum. Es ergab sich dabei, daß wir, die Ichmenews, schon unter der Regierung Iwan Wassiljewitschs des Schrecklichen Edelleute waren und daß meine Familie, die Schumilows, schon unter der Regierung Alexei Michailowitschs in Ansehen stand; wir haben Dokumente darüber, und es ist auch in Karamsins russischer Geschichte erwähnt. Also sind wir in dieser Hinsicht nicht schlechter als andere Leute, lieber Freund. Als mein Mann anfing, mir das auseinanderzusetzen, da begriff ich gleich, was ihm im Kopf steckte. Es war ihm nämlich kränkend, daß Natascha als minder vornehm angesehen wurde. Nur durch ihren Reichtum ist uns die andere über. Na, mag dieser schändliche Mensch, Fürst Pjotr Alexandrowitsch, nach Reichtum trachten; das ist ja allgemein bekannt, daß er ein hartes, habsüchtiges Herz hat. Es heißt, er sei in Warschau heimlich Jesuit geworden; ob das wohl wahr ist?«

»Ein törichtes Gerücht!« erwiderte ich; aber es interessierte mich unwillkürlich, daß sich dieses Gerücht so hartnäckig hielt.

Aber die Nachricht, daß Nikolai Sergejewitsch seine alten Papiere durchgesehen hatte, erregte meine Aufmerksamkeit. Früher hatte er sich niemals seines Stammbaumes gerühmt.

»Es sind alles hartherzige Bösewichter!« fuhr Anna Andrejewna fort. »Nun, was macht denn mein liebes Kind, grämt sie sich, weint sie? Ach, es wird Zeit, daß du zu ihr gehst! Matrjona, Matrjona! Bist du eine nachlässige Person! Haben sie sie auch nicht gekränkt? So sprich doch, Wanja!«

Was sollte ich ihr antworten? Die alte Frau fing an zu weinen. Ich fragte sie, was sie noch für ein Unglück gehabt habe, von dem sie mir vorhin habe Mitteilung machen wollen.

»Ach, lieber Freund, es ist an dem bisherigen Unglück noch nicht genug gewesen; wir haben offenbar den Becher noch nicht ganz geleert! Du erinnerst dich vielleicht, lieber Wanja, ich hatte ein goldenes Medaillon, ein Souvenir, und darin war ein Bild Nataschas aus ihrer Kinderzeit; acht Jahre war sie damals alt, mein Engelchen. Nikolai Sergejewitsch und ich hatten es von einem durchreisenden Maler machen lassen; du hast das gewiß vergessen, Wanjuscha. Es war ein tüchtiger Künstler; er hatte sie als Amor dargestellt: sie hatte damals so schönes, helles, lockiges Haar; in einem Musselinhemdchen hatte er sie gemalt, so daß das Körperchen durchschimmerte, und sie sah auf dem Bild so hübsch aus, daß ich mich gar nicht daran satt sehen konnte. Ich bat den Maler, ihr auch Flügelchen zu malen, aber das wollte er nicht. Also, lieber Freund, nach unseren damaligen schrecklichen Erlebnissen nahm ich das Medaillon aus der Schatulle heraus und hängte es mir an einem Schnürchen auf die Brust; so trug ich es neben meinem Taufkreuz und fürchtete immer, mein Mann könnte es einmal zu sehen bekommen. Er hatte ja gleich damals befohlen, wir sollten alle ihre Sachen aus dem Haus schaffen oder verbrennen, damit nichts dabliebe, was uns an sie erinnern könnte. Mir aber war es ein Trost, auch nur ihr Bild anzusehen; oft fing ich bei dem Anblick an zu weinen; aber es wurde mir doch leichter ums Herz; und manchmal, wenn ich allein war, konnte ich mich gar nicht satt daran küssen, als ob ich sie selbst küßte; ich gab ihr zärtliche Namen und bekreuzte sie auch jedesmal zur Nacht. Ich redete mit ihr laut, wenn ich allein war, und fragte sie allerlei und stellte mir vor, daß sie mir darauf antwortete, und fragte dann weiter. Ach, Wanjuschka, es macht einen traurig, auch nur davon zu erzählen! Na, ich war nur froh, daß er wenigstens von dem Medaillon nichts wußte und nichts gemerkt hatte; aber auf einmal, gestern früh, war das Medaillon weg, und es hing nur das Schnürchen da; dieses hatte sich jedenfalls durchgescheuert, und da hatte ich das Medaillon verloren. Ich wurde ganz starr vor Schreck. Nun hieß es suchen: ich suchte und suchte – nichts zu finden! Es war verloren und verschwunden! Aber wo konnte ich es verloren haben? ›Wahrscheinlich‹, dachte ich, ›im Bett‹; ich durchwühlte das ganze Bett – nichts da! Wenn es losgerissen und irgendwohin gefallen war, dann hatte es wohl jemand gefunden; aber wer konnte es gefunden haben außer meinem Mann und Matrjona? Na, an Matrjona war überhaupt nicht zu denken; die ist mir mit ganzer Seele ergeben . . . (Matrjona, bringst du nicht bald den Samowar?) ›Na‹, dachte ich, ›wenn er es nun findet, was wird dann geschehen?‹ Ich saß still da und grämte mich und weinte; ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Aber Nikolai Sergejewitsch wurde immer freundlicher und freundlicher gegen mich; er sah mich betrübt an, als ob er wüßte, weshalb ich weinte, und mit mir Mitleid hätte. Da dachte ich bei mir: ›Woher kann er es wissen? Hat er das Medaillon vielleicht wirklich gefunden und aus dem Fenster geworfen? Denn in seinem Zorn ist er dessen fähig; er hat es hinausgeworfen und grämt sich nun selbst; er bereut, daß er es getan hat.‹ Ich ging sogar mit Matrjona hinaus, und wir suchten unter dem Fenster; aber wir fanden nichts. Das Medaillon war wie von der Erde verschwunden. Ich habe die ganze Nacht hindurch geweint. Zum erstenmal konnte ich Natascha nicht zur Nacht bekreuzen. Ach, das bedeutet etwas Schlimmes, das bedeutet etwas Schlimmes, Iwan Petrowitsch, das ist keine gute Vorbedeutung; nun weine ich schon den zweiten Tag, ohne mir je die Augen zu trocknen. Ich habe auf dich gewartet, lieber Freund, wie auf einen Engel Gottes: ich kann mir wenigstens das Herz erleichtern . . .«

Und die alte Frau brach in bittere Tränen aus.

»Ach ja, das habe ich noch vergessen, dich zu fragen,« sagte sie auf einmal, erfreut, daß es ihr noch eingefallen war; »hat er dir etwas von einer Waise gesagt?«

»Ja, Anna Andrejewna, er sagte zu mir, Sie beide wären nach längerem Überlegen übereingekommen, ein armes Waisenmädchen zur Erziehung anzunehmen. Ist das richtig?«

»Ist mir nicht eingefallen, lieber Freund, ist mir nicht eingefallen! Ich will keine Waise haben! Sie würde mich nur an unser trauriges Schicksal, an unser Unglück erinnern. Außer Natascha will ich niemand haben. Sie war unsere einzige Tochter und wird immer unsere einzige Tochter bleiben. Aber was hat das nur zu bedeuten, lieber Freund, daß er auf die Annahme einer Waise verfallen ist? Wie faßt du das auf, Iwan Petrowitsch? Wollte er mich damit trösten, weil er meine Tränen sah, oder wollte er dadurch seine leibliche Tochter ganz aus seinem Gedächtnis vertreiben und seine Zuneigung einem anderen Kind zuwenden? Was hat er dir unterwegs von mir gesagt? Wie ist er dir vorgekommen – finster, zornig? Pst! Er kommt! Sag es mir ein andermal, lieber Freund, ein andermal! . . . Vergiß nicht, morgen herzukommen . . .«

Dreizehntes Kapitel

Der Alte trat ein. Neugierig, und als ob er sich über etwas schämte, sah er uns an, machte dann ein finsteres Gesicht und trat an den Tisch.

»Wie ist's mit dem Samowar?« fragte er. »Konnte der denn noch nicht gebracht werden?«

»Da kommt er schon, lieber Mann, da kommt er; na, siehst du, da ist er schon!« erwiderte Anna Andrejewna und machte sich eifrig mit dem Teetisch zu schaffen.

Matrjona war, sowie sie den Hausherrn erblickt hatte, sofort mit dem Samowar erschienen, als ob sie nur auf seinen Eintritt gewartet hätte, um ihn zu bringen. Es war dies eine alte, erprobte, ergebene Dienerin, aber die eigenwilligste, brummigste von allen Dienerinnen auf der Welt, mit einem hartnäckigen, störrischen Charakter. Vor Nikolai Sergejewitsch hatte sie Furcht und hielt in seiner Anwesenheit immer ihre Zunge im Zaum. Dafür hielt sie sich vollauf an Anna Andrejewna schadlos, benahm sich fortwährend grob gegen sie und erhob offenkundig den Anspruch, über ihre Herrin zu herrschen, obwohl sie gleichzeitig sie und Natascha aufrichtig und von Herzen liebte. Diese Matrjona kannte ich schon von Ichmenewka her.

»Hm! . . . Das ist doch unangenehm, wenn man durchnäßt nach Hause kommt und sie nicht einmal so freundlich gewesen sind, Tee für einen bereitzuhalten«, brummte der Alte halblaut.

Anna Andrejewna blinzelte mir mit Bezug auf ihn sogleich zu. Er konnte solche geheimen Blicke nicht leiden, und obgleich er sich in diesem Augenblick Mühe gab, uns nicht anzusehen, so war ihm doch am Gesicht anzumerken, daß ihm Anna Andrejewnas Blick nicht entgangen war.

»Ich war in Geschäften ausgegangen, Wanja«, begann er auf einmal. »Es ist eine ganz nichtswürdige Geschichte. Habe ich es dir schon gesagt? Ich werde vollständig verurteilt werden. Ich habe keine Beweise, siehst du wohl; es fehlen mir die erforderlichen Belege; meine Auskünfte stellen sich als unrichtig heraus, heißt es . . . Hm!«

Er redete von seinem Prozeß mit dem Fürsten; dieser Prozeß zog sich immer noch hin, hatte aber für Nikolai Sergejewitsch eine sehr üble Wendung genommen. Ich schwieg, da ich nicht wußte, was ich ihm antworten sollte. Er sah mich mißtrauisch an.

»Na, nur zu!« rief er plötzlich, wie wenn unser Schweigen ihn gereizt hätte; »je schneller, um so besser! Zum Schurken können sie mich nicht machen, wenn sie mich auch zur Zahlung verurteilen. Mein Gewissen spricht mich frei; mögen sie ihren Spruch fällen, wie sie wollen! Wenigstens ist dann die Sache zu Ende; der Prozeß ist abgewickelt, und ich bin ruiniert . . . Ich lasse alles im Stich und gehe nach Sibirien.«

»Herrgott, warum sollen wir denn von hier fort? Und warum gleich so weit?« rief Anna Andrejewna, die nicht imstande war, sich zu beherrschen.

»Was haben wir denn hier, das uns fesseln könnte?« fragte er in grobem Ton; er schien sich über den Widerstand seiner Frau zu freuen.

»Nun, wir haben doch wenigstens . . . Menschen um uns . . .«, begann Anna Andrejewna und sah mich bekümmert an.

»Aber was für Menschen!« rief er und ließ seinen zornigen Blick zwischen mir und ihr hin- und hergehen; »was für Menschen! Räuber, Verleumder, Verräter! Solche Menschen gibt es überall in Menge; sei unbesorgt, die wirst du auch in Sibirien finden. Wenn du aber nicht mit mir kommen willst, dann bleib meinetwegen hier; ich zwinge dich nicht.«

»Liebster Nikolai Sergejewitsch! Um welcher Menschen willen werde ich denn ohne dich hierbleiben?« rief die arme Anna Andrejewna. »Ich habe ja auf der ganzen Welt außer dir niem . . .«

Sie sprach nicht zu Ende, verstummte und richtete einen ängstlichen Blick auf mich, wie wenn sie mich um Hilfe und Beistand bäte. Der Alte war in sehr gereizter Stimmung und ereiferte sich über jedes Wort; man durfte ihm nicht widersprechen.

»Lassen Sie es gut sein, Anna Andrejewna«, sagte ich; »in Sibirien ist es gar nicht so schlecht, wie man vielfach glaubt. Wenn ein Unglück eintritt und Sie Ichmenewka verkaufen müssen, so ist Nikolai Sergejewitschs Plan sogar recht gut. In Sibirien kann man leicht eine ordentliche Stellung als Privatangestellter finden, und dann . . .«

»Na, wenigstens du, Wanja, sprichst vernünftig; das hatte ich auch von dir gedacht. Ich lasse alles im Stich und gehe davon.«

»Nein, das hatte ich denn doch nicht erwartet!« rief Anna Andrejewna und schlug die Hände zusammen. »Und auch du, Wanja, haust in denselben Kerb! Das hatte ich von dir nicht erwartet! Du hast doch von uns immer nur Freundlichkeit erfahren, und jetzt . . .«

»Hahaha! Was hattest du denn erwartet? Überlege doch nur: wovon sollen wir denn leben? Das Geld ist zu Ende; wir sind bei der letzten Kopeke angelangt! Verlangst du etwa, daß ich zum Fürsten Pjotr Alexandrowitsch gehe und ihn um Verzeihung bitte?«

Als die alte Frau den Namen des Fürsten hörte, zitterte sie nur so vor Angst. Der Teelöffel, den sie in der Hand hielt, klirrte laut gegen die Untertasse.

»Nein, wirklich«, fuhr Ichmenew fort, der mit boshafter, eigensinniger Freude seinen eigenen Zorn immer mehr entflammte, »wie denkst du darüber, Wanja? Ich sollte wahrhaftig hingehen! Wozu sollen wir nach Sibirien ziehen? Lieber lege ich morgen meinen besten Anzug an und frisiere mich fein, Anna Andrejewna macht mir ein neues Vorhemdchen zurecht (wenn man zu einer so hohen Persönlichkeit geht, ist das unumgänglich notwendig); auch ein Paar Handschuhe kaufe ich mir, wie es der gute Ton verlangt, und dann gehe ich zu Seiner Durchlaucht. ›Durchlaucht‹, sage ich, ›Sie unser gütiger Wohltäter! Verzeihen Sie mir, und erbarmen Sie sich meiner; geben Sie mir das Notwendigste zum Leben; ich habe eine Frau und kleine Kinder . . .‹ Nicht wahr, Anna Andrejewna, das verlangst du?«

»Lieber Mann . . . ich verlange gar nichts! Ich habe das nur so in meiner Dummheit hingeredet; verzeih mir, wenn ich dich durch irgend etwas erzürnt habe, und sprich nur nicht so laut!« antwortete sie, immer heftiger vor Furcht zitternd.

Ich bin überzeugt, daß er beim Anblick der Tränen und der Angst seiner armen Frau den tiefsten Seelenschmerz empfand und sich ihm das Herz in der Brust umdrehte; ich bin überzeugt, daß ihm weit übler zumute war als ihr; aber er konnte sich nicht beherrschen. Es kommt das nicht selten bei durchaus gutherzigen, aber charakterschwachen Leuten vor: trotz all ihrer Herzensgüte lassen sie sich mit einer Art von Genuß durch ihren eigenen Gram und Zorn fortreißen; sie müssen um jeden Preis alles aussprechen, was in ihnen kocht, wenn sie dadurch auch Unschuldigen und gerade denen, die ihnen am nächsten stehen, noch so wehe tun. Frauen zum Beispiel haben manchmal geradezu ein Bedürfnis, sich unglücklich und beleidigt zu fühlen, obwohl weder eine Beleidigung noch ein Unglück vorliegt. Und es gibt viele Männer, die in diesem Punkt mit den Frauen Ähnlichkeit besitzen, darunter sogar solche, die keineswegs schwächlich sind und sonst nicht viel Weibisches an sich haben. Der alte Mann empfand das Bedürfnis, sich zu streiten, obwohl er selbst unter diesem Bedürfnis litt.

Ich erinnere mich, daß mir in diesem Augenblick der Gedanke durch den Kopf ging: hatte er vielleicht wirklich vorher etwas von der Art getan, wie es Anna Andrejewna vermutet? Vielleicht hatte gar Gott ihm das Herz gerührt, und er hatte sich wirklich auf den Weg zu Natascha gemacht, war aber unterwegs anderen Sinnes geworden, oder es war ihm dabei irgend etwas mißglückt, er war nicht zur Ausführung seiner Absicht gelangt (wie es auch nicht anders sein konnte), und nun war er, gereizt und gekränkt und sich der soeben gehegten Wünsche und Gefühle schämend, nach Hause zurückgekommen, suchte jemanden, an dem er seinen Ärger über seine »Schwäche« auslassen könne, und wählte sich dazu gerade diejenigen, bei denen er ebendieselben Wünsche und Gefühle am meisten voraussetzte. Vielleicht hatte er, als er seiner Tochter zu verzeihen wünschte, sich ganz besonders das Entzücken und die Freude seiner armen Anna Andrejewna vorgestellt, und nun, da seine Absicht mißlungen war, war seine Frau selbstverständlich die erste, die er deswegen schalt.

Aber als er sah, wie niedergeschmettert sie war und wie sie aus Furcht vor ihm zitterte, wurde er gerührt. Er schien sich seines Zornes zu schämen und beherrschte sich ein Weilchen. Wir schwiegen alle; ich gab mir Mühe, ihn nicht anzusehen. Aber die gute Regung dauerte nicht lange. Er mußte seinem Ingrimm um jeden Preis Luft machen, sei es durch einen wütenden Ausbruch, sei es auch durch eine Verfluchung.

»Siehst du, Wanja«, sagte er plötzlich, »es tut mir leid, ich wollte eigentlich nicht davon reden; aber der richtige Zeitpunkt ist gekommen, und ich muß mich offen aussprechen, ohne Winkelzüge, wie es sich für jeden ehrlichen Menschen ziemt . . . Du verstehst, Wanja? Ich freue mich, daß du gekommen bist, und darum will ich in deiner Gegenwart laut sagen, damit es auch andere hören, daß all dieser Unsinn, all diese Tränen und Seufzer, all dieses leidvolle Wesen mir schließlich zum Ekel geworden sind. Was ich aus meinem Herzen gerissen habe, wenn auch vielleicht mit Schmerz und blutenden Wunden, das kann nie wieder in mein Herz zurückkehren. So ist das! Ich habe es gesagt, und dabei bleibe ich. Ich rede von dem, was sich vor einem halben Jahr zugetragen hat; du verstehst, Wanja! Und ich rede davon so offen und deutlich eben deshalb, damit du meine Worte in keiner Weise mißverstehen kannst«, fügte er hinzu, indem er mich mit flammenden Augen ansah und offenbar die ängstlichen Blicke seiner Frau vermied. »Ich wiederhole: das ist Unsinn, und ich wünsche es nicht! . . . Was mich besonders empört, ist, daß alle mich wie einen Dummkopf, wie einen ganz gemeinen Schurken einer so niedrigen, so schwächlichen Empfindung für fähig halten . . . und denken, daß ich vor Gram den Verstand verliere . . . Unsinn! Ich habe alle alten Gefühle über Bord geworfen und vergessen! Für mich gibt es keine Erinnerungen mehr . . . nein, nein, nein und nochmals nein! . . .«

Er sprang vom Stuhl auf und schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß die Tassen klirrten.

»Nikolai Sergejewitsch! Haben sie denn wirklich kein Mitleid mit Anna Andrejewna? Sehen Sie nur, was Sie ihr antun!« rief ich; ich konnte mich nicht mehr beherrschen und blickte ihn beinahe mit Entrüstung an. Aber ich goß nur Öl ins Feuer.

»Nein, ich habe kein Mitleid!« schrie er, zitternd und erblassend. »Ich habe kein Mitleid, weil man auch mit mir keins hat! Ich habe kein Mitleid, weil in meinem eigenen Hause Verschwörungen gegen mein entehrtes Haupt zugunsten einer liederlichen Tochter angestiftet werden, die des elterlichen Fluches und aller Strafen würdig ist! . . .«

»Liebster Mann! Nikolai Sergejewitsch! Verfluche sie nicht! . . . Alles, was du willst; nur verfluche deine Tochter nicht!« rief Anna Andrejewna.

»Ich verfluche sie«, schrie der Alte noch viel lauter als vorher, »weil man von mir, dem Beleidigten und Beschimpften, verlangt, ich solle zu dieser Verworfenen hingehen und sie um Verzeihung bitten! Ja, ja, so ist es! Damit quält man mich täglich, Tag und Nacht, in meinem eigenen Haus, mit Tränen, Seufzern und dummen Andeutungen! Man will mich mürbe kriegen . . . Sieh mal, Wanja, sieh mal«, fügte er hinzu, indem er eilig mit zitternden Händen Papiere aus seiner Seitentasche herauszog, »hier sind Exzerpte aus meinen Prozeßakten! Aus diesem Prozeß ergibt sich jetzt, daß ich ein Dieb und Betrüger bin und meinen Wohltäter bestohlen habe! . . . Um ihretwillen bin ich beschimpft und entehrt! Da, da, sieh nur, sieh nur! . . .«

Und er begann aus der Seitentasche seines Rockes allerlei Papiere, eines nach dem anderen, herauszuholen und auf den Tisch zu werfen und suchte unter ihnen ungeduldig nach demjenigen, das er mir zeigen wollte; aber das gewünschte Papier schien sich absichtlich nicht finden lassen zu wollen. In seiner Ungeduld schleuderte er aus der Tasche alles, was er darin mit der Hand faßte, heraus, und plötzlich fiel etwas Schweres mit hellem Klang auf den Tisch . . . Anna Andrejewna schrie auf. Es war das verlorene Medaillon.

Ich wollte kaum meinen Augen trauen. Das Blut stieg dem alten Mann in den Kopf und übergoß seine Wangen mit dunkler Röte; er fuhr zusammen. Anna Andrejewna stand mit gefalteten Händen da und sah ihn flehend an. Ihr Gesicht erstrahlte von einer hellen, freudigen Hoffnung. Diese Röte im Gesicht des alten Mannes, diese seine Verlegenheit uns gegenüber . . . ja, sie hatte sich nicht geirrt; sie begriff jetzt, wie ihr Medaillon verschwunden war!

Sie begriff, daß er es gefunden, sich über seinen Fund gefreut und, vielleicht zitternd vor Wonne, ihn bei sich vor allen Augen verborgen hatte; daß er, sobald er allein war und von niemand gesehen wurde, mit grenzenloser Liebe das Gesichtchen seines geliebten Kindes betrachtet hatte, sich gar nicht daran hatte satt sehen können; daß er vielleicht ebenso wie sie, die arme Mutter, sich allein eingeschlossen hatte, um mit seiner teuren Natascha zu reden, sich ihre Antworten auszudenken und dann wieder selbst darauf zu antworten; daß er nachts in qualvoller Sehnsucht, sein Schluchzen in der Brust unterdrückend, das liebe Bild gestreichelt und geküßt und, statt Verwünschungen auszustoßen, die Verzeihung und den Segen des Höchsten auf die herabgerufen hatte, von der er, wenn andere zugegen gewesen waren, gesagt hatte, er wolle sie nie wiedersehen, er verfluche sie.

»Also liebst du sie doch noch, liebster Mann!« rief Anna Andrejewna, die jetzt dem strengen Vater gegenüber, der einen Augenblick vorher ihre Natascha verflucht hatte, ihre Gefühle nicht mehr zurückhalten konnte.

Aber kaum hatte er ihren Ausruf gehört, als eine sinnlose Wut in seinen Augen aufflammte. Er ergriff das Medaillon, warf es heftig auf den Fußboden und begann wie ein Rasender mit dem Fuß daraufzustampfen.

»Sei für alle Ewigkeit von mir verflucht!« rief er mit heiserer, fast versagender Stimme. »Für alle Ewigkeit, für alle Ewigkeit!«

»O Gott!« rief die alte Frau; »sie, sie, meine Natascha, ihr Gesichtchen tritt er mit Füßen! Mit Füßen! Du Tyrann! Du gefühlloser, hartherziger Barbar!«

Als er das Wehgeschrei seiner Frau hörte, hielt der sinnlose alte Mann, erschrocken über das, was er getan hatte, inne. Auf einmal hob er das Medaillon vom Fußboden auf und wollte aus dem Zimmer stürzen; aber als er zwei Schritte gemacht hatte, fiel er auf die Knie nieder, stützte sich mit den Armen auf das vor ihm stehende Sofa und ließ den Kopf kraftlos sinken.

Er schluchzte wie ein Kind, wie ein Weib. Das Schluchzen beengte ihm die Brust, als wollte es sie zersprengen. Der grimmige Alte war in einem Augenblick schwächer als ein Kind geworden. Oh, jetzt konnte er nicht mehr fluchen; er schämte sich vor keinem von uns mehr, und in einem krampfhaften Ausbruch seiner Liebe bedeckte er nun vor unseren Augen mit zahllosen Küssen dasselbe Bild, das er einen Augenblick vorher mit Füßen getreten hatte. Es schien, als ob seine ganze Zärtlichkeit und Liebe zu seiner Tochter, nachdem er dieses Gefühl so lange in seinem Innern zurückgehalten hatte, nun auf einmal mit unwiderstehlicher Gewalt nach außen hervorbrechen wollte und durch die Gewaltsamkeit dieses Ausbruchs sein ganzes Wesen zerstörte.

»Verzeih ihr, verzeih ihr!« rief Anna Andrejewna schluchzend, beugte sich über ihn und umarmte ihn. »Hole sie in das Elternhaus zurück, liebster Mann, und Gott selbst wird dir beim Jüngsten Gericht deine Friedfertigkeit und Barmherzigkeit als Verdienst anrechnen!«

»Nein, nein, um keinen Preis, niemals!« rief er mit heiserer, erstickter Stimme. »Niemals! Niemals!«

Vierzehntes Kapitel

Als ich zu Natascha kam, war es schon spät, fast zehn Uhr. Sie wohnte damals an der Fontanka, bei der Semjonowbrücke, in einer dem Kaufmann Kolotuschkin gehörenden schmutzigen Mietskaserne, im vierten Stock. In der ersten Zeit nach dem Verlassen des Elternhauses hatte sie mit Aljoscha eine kleine, aber hübsche, behagliche Wohnung im dritten Stockwerk auf dem Litejniprospekt innegehabt. Aber die Hilfsquellen des jungen Mannes waren bald versiegt. Musiklehrer war er nicht geworden; aber er hatte angefangen zu borgen und war in Schulden geraten, die für seine Verhältnisse gewaltig groß waren. Das Geld verwendete er zur Ausschmückung der Wohnung und zu Geschenken für Natascha, die gegen seine Verschwendung Einspruch erhob, ihn schalt und manchmal sogar weinte. Der empfindsame, zartfühlende Aljoscha dachte manchmal eine ganze Woche lang mit Genuß darüber nach, was er ihr wohl schenken könne und wie sie das Geschenk aufnehmen werde, malte es sich als einen richtigen Festtag aus, teilte mir im voraus voller Entzücken seine Erwartungen und Hoffnungen mit und verfiel dann bei ihren Vorhaltungen und Tränen in eine solche Traurigkeit, daß er einem leid tun konnte; in späterer Zeit kam es aus Anlaß solcher Geschenke zwischen ihnen zu ernstlichen Vorwürfen, zu Verstimmung und Streit. Außerdem vergeudete Aljoscha viel Geld hinter Nataschas Rücken; er führte mit seinen Kameraden ein lustiges Leben, war ihr untreu, verkehrte mit leichtfertigen Damen, liebte aber dabei Natascha dennoch sehr. Er liebte sie mit seelischer Pein; oft kam er verstört und traurig zu mir und sagte, er sei nicht Nataschas kleinen Finger wert; er sei gemein und schlecht, unfähig, sie zu verstehen, und ihrer Liebe unwürdig. Er hatte zum Teil recht: es bestand zwischen ihnen eine vollständige Ungleichheit; er fühlte sich ihr gegenüber wie ein Kind, und auch sie betrachtete ihn immer als ein Kind. Mit Tränen beichtete er mir seinen Verkehr mit einer Kokotte und bat mich zugleich, zu Natascha nichts darüber zu sagen; wenn er dann aber nach all diesen offenherzigen Mitteilungen schüchtern und zitternd mit mir zu ihr kam (ich mußte unbedingt dabeisein; er erklärte, nach seinem Vergehen fürchte er sich, sie anzusehen, und ich sei der einzige, der ihm eine Stütze sein könne), dann wußte Natascha schon beim ersten Blick, den sie auf ihn richtete, wie die Sache stand. Sie war sehr eifersüchtig, und ich begreife nicht, wie sie ihm trotzdem immer alle seine Leichtfertigkeiten verzeihen konnte. Der gewöhnliche Gang war dieser: Aljoscha trat mit mir zu ihr ins Zimmer, redete sie zaghaft an und blickte ihr mit schüchterner Zärtlichkeit ins Gesicht. Sie erriet sogleich, daß er etwas begangen hatte; aber sie ließ sich nichts merken, fing nie zuerst davon zu reden an, fragte nach nichts, sondern verdoppelte vielmehr sogleich ihre Freundlichkeit gegen ihn, wurde noch zärtlicher und heiterer – und das war von ihrer Seite nicht etwa ein bloßes Spiel oder durchdachte Schlauheit; nein, für dieses wundervolle Geschöpf war es die höchste Wonne, zu verzeihen und Nachsicht zu üben; wenn sie ihrem Aljoscha verzieh, so war es, als finde sie schon in der Handlung des Verzeihens an sich einen besonderen, feinen Genuß. Allerdings handelte es sich damals nur erst um Damen der Halbwelt. Sobald Aljoscha sie so milde und zur Verzeihung geneigt sah, konnte er sich nicht mehr halten und beichtete sofort alles von selbst, ganz ohne gefragt zu werden, um sein Herz zu erleichtern, und damit, wie er sich ausdrückte, alles wie vorher sei. Nachdem er Verzeihung erlangt hatte, geriet er in Entzücken, weinte manchmal sogar vor Freude und Rührung, küßte und umarmte sie. Dann wurde er sofort ganz heiter und begann mit kindlicher Offenherzigkeit alle Einzelheiten seiner Abenteuer mit dem betreffenden Dämchen zu erzählen, lachte fortwährend, lobte und pries dankbar Natascha, und der Abend verlief glücklich und vergnügt. Als ihm das Geld ausging, begann er, von seinen Sachen zu verkaufen. Auf Nataschas dringendes Verlangen wurde eine kleine, billige Wohnung gesucht und der Umzug nach der Fontanka bewerkstelligt. Der Verkauf von Sachen wurde fortgesetzt; Natascha verkaufte sogar ihre Kleider und suchte sich Arbeit; als Aljoscha dies erfuhr, kannte seine Verzweiflung keine Grenzen; er verfluchte sich selbst, rief, daß er sich selbst verachte, trug aber trotzdem nichts zur Besserung der Lage bei. Gegenwärtig war es auch mit diesen letzten Hilfsmitteln zu Ende; es blieb nur die Arbeit übrig; aber die Entlohnung dafür war eine höchst geringe.

Gleich von Anfang an, schon damals, als Aljoscha noch bei seinem Vater wohnte, hatten Vater und Sohn miteinander heftigen Streit gehabt. Die Absicht des Fürsten, seinen Sohn mit Katerina Fjodorowna Filimonowa, der Stieftochter der Gräfin, zu verheiraten, war damals erst ein bloßes Projekt; aber er verfolgte dieses Projekt hartnäckig, führte Aljoscha zu seiner künftigen Braut hin, redete ihm zu, er möchte sich Mühe geben, ihr zu gefallen, und suchte sowohl durch Strenge als auch durch Vernunftgründe auf ihn einzuwirken; aber die Sache scheiterte an dem Widerstand der Gräfin. Damals begann der Vater auch die Liaison seines Sohnes mit Natascha stillschweigend zu dulden; er stellte alles der Zeit anheim und hoffte, da er Aljoschas Leichtsinn und seine Flatterhaftigkeit kannte, daß seine Liebe bald vergehen werde. Daß sein Sohn Natascha heiraten könne, dies befürchtete der Fürst fast gar nicht mehr. Was die beiden Liebesleute selbst anlangt, so verschoben sie die Heirat bis zur förmlichen Versöhnung mit dem Vater und überhaupt bis zu einem Umschwung der Verhältnisse. Übrigens sprach Natascha offenbar nicht gern darüber. Aljoscha teilte mir im geheimen mit, daß sein Vater sich über dieses Verhältnis sogar ein bißchen zu freuen scheine: was ihm bei dieser ganzen Sache gefiel, war die Demütigung Ichmenews. Der Form wegen fuhr er jedoch fort, dem Sohn seine Unzufriedenheit zu bezeigen: er verringerte dessen ohnehin schon nicht bedeutendes Taschengeld (er war ihm gegenüber außerordentlich knauserig) und drohte, es ihm ganz zu entziehen. Aber bald darauf reiste er der Gräfin nach Polen nach, wo diese damals geschäftlich zu tun hatte, und suchte dabei immer noch unermüdlich sein Heiratsprojekt zu fördern. Allerdings war Aljoscha eigentlich noch zu jung zum Heiraten; aber das junge Mädchen war doch gar zu reich, und eine so günstige Gelegenheit durfte man sich nicht entgehen lassen. Der Fürst gelangte endlich zum Ziel. Es drangen Gerüchte zu uns, daß die Heiratsangelegenheit endlich in Ordnung komme. Zu der Zeit, bei der meine Erzählung angelangt ist, war der Fürst eben erst nach Petersburg zurückgekehrt. Seinem Sohn begegnete er mit Freundlichkeit, war aber unangenehm davon überrascht, daß dessen Verhältnis mit Natascha so festen Bestand hatte. Er begann Zweifel und Besorgnisse zu hegen. Streng und energisch verlangte er den Abbruch dieser Beziehungen, verfiel aber bald auf ein viel wirksameres Mittel, indem er Aljoscha zur Gräfin führte. Die Stieftochter derselben war teils schon eine schöne junge Dame, teils noch ein Backfisch; sie besaß ein prächtiges Herz, eine reine, makellose Seele und war heiter, verständig und voll Empfindung. Der Fürst rechnete so: das halbe Jahr müsse doch seine Wirkung getan haben; Natascha habe wohl für seinen Sohn nicht mehr den Reiz der Neuheit, und dieser werde seine künftige Braut jetzt schon mit anderen Augen ansehen als vor einem halben Jahr. Er hatte damit das Richtige getroffen, wenn auch nur zum Teil . . . Aljoscha fühlte sich zu Katerina Fjodorowna in der Tat hingezogen. Ich füge noch hinzu, daß der Vater auf einmal gegen seinen Sohn außerordentlich freundlich geworden war (Geld gab er ihm allerdings darum doch nicht). Aljoscha fühlte, daß sich hinter dieser Freundlichkeit ein unbeugsamer, unabänderlicher Entschluß verbarg, und war betrübt darüber, übrigens nicht so betrübt, wie er es gewesen wäre, wenn er nicht hätte Katerina Fjodorowna alle Tage sehen können. Ich wußte, daß er sich schon seit fünf Tagen bei Natascha nicht hatte blickenlassen. Während ich von Ichmenews zu ihr ging, suchte ich voller Unruhe zu erraten, was sie mir wohl sagen wolle. Schon von weitem bemerkte ich eine Kerze in ihrem Fenster. Wir hatten schon seit geraumer Zeit die Verabredung getroffen, sie solle eine Kerze ins Fenster stellen, wenn sie mich dringend zu sprechen wünsche, so daß ich, wenn ich zufällig vorbeikam (und das geschah fast täglich), an der ungewöhnlichen Helligkeit des Fensters erkennen konnte, daß sie mich erwartete und meiner benötigte. In der letzten Zeit hatte sie die Kerze recht häufig ins Fenster gestellt.

Fünfzehntes Kapitel

Ich traf Natascha allein. Sie ging in tiefen Gedanken, die Arme vor der Brust verschränkt, leise im Zimmer auf und ab. Der Samowar stand erloschen auf dem Tisch; er hatte schon lange auf mich gewartet. Ohne zu sprechen streckte sie mir lächelnd die Hand entgegen. Ihr Gesicht war blaß und trug einen schmerzlichen Ausdruck. In ihrem Lächeln lag etwas Leidendes, Sanftes, Geduldiges. Ihre klaren, blauen Augen schienen größer geworden zu sein, als sie vorher gewesen waren, und das Haar dichter – all dies schien so infolge ihrer Abmagerung und Krankheit.

»Ich dachte schon, du würdest nicht kommen«, sagte sie, indem sie mir die Hand gab; »ich wollte sogar schon Mawra zu dir schicken, um mich zu erkundigen; ich dachte, du wärest vielleicht wieder krank geworden.«

»Nein, das nicht; ich wurde aufgehalten; ich werde es dir gleich erzählen. Aber wie geht es dir, Natascha? Was ist vorgefallen?«

»Vorgefallen ist nichts«, antwortete sie, als ob sie sich über die Frage wundere. »Wieso?«

»Du schriebst mir . . . schriebst mir schon gestern, ich möchte kommen, und bestimmtest sogar die Stunde, nicht früher, nicht später; das ist doch etwas ungewöhnlich.«

»Ach ja! Ich hatte ihn gestern erwartet.«

»Nun? Ist er immer noch nicht dagewesen?«

»Nein. Ich dachte: wenn er nicht kommt, dann werde ich mich mit dir besprechen müssen«, fügte sie nach kurzem Stillschweigen hinzu.

»Hast du ihn heute abend erwartet?«

»Nein, heute habe ich ihn nicht erwartet: heute abend ist er dort.«

»Was meinst du, Natascha, wird er überhaupt nie mehr kommen?«

»Selbstverständlich wird er kommen«, antwortete sie und blickte mich mit ganz besonderem Ernste an.

Meine raschen Fragen gefielen ihr nicht. Wir verstummten und fuhren fort, im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Ich habe schon lange auf dich gewartet, Wanja«, begann sie lächelnd von neuem; »und weißt du, was ich gemacht habe? Ich bin hier auf und ab gegangen und habe mir Verse auswendig hergesagt. Erinnerst du dich: ›Das Glöckchen, eine Winterreise‹:Gedicht von J. P. Polonski. ›Auf dem eichnen Tische brodelt dienstbereit und blank und rein schon mein Samowar‹ . . . wir haben es noch zusammen gelesen:

›Aufgehört hat nun der Schneesturm: hell ward wieder unsre Bahn,
Und aus tausend trüben Augen blickt die stille Nacht mich an – –‹

Und dann:

›An des braven Trabers Joche hell und klar das Glöckchen klingt,
Und mir ist's, als ob dazwischen eine frohe Stimme singt:
Ach, wann kommt mein trauter Buhle, um an meiner treuen Brust
Alle Sorgen zu vergessen in der Liebe selger Lust?
Ist bei mir nicht wahres Leben? Wenn das prächtge Abendrot
Purpurn schimmernd durch der Fenster eisbedeckte Scheiben loht,
Brodelt auf dem eichnen Tische dienstbereit und blank und rein
Schon mein Samowar; der Ofen knistert, und sein Flackerschein
Spielt auf dem geblümten Vorhang vor dem weißen Bette mein.‹

Wie schön das ist! Was für Verse voll schmerzlicher Sehnsucht, Wanja, und was für ein phantasievolles Bild! Es ist gleichsam ein bloßer Kanevas, auf dem nur das Muster markiert ist; nun kann man hineinsticken, was man will! Da sind zwei Empfindungen: eine frühere und eine spätere. Dieser Samowar, dieser baumwollene Vorhang, das ist einem alles so vertraut! Das ist ganz wie in den kleinbürgerlichen Häusern in unserem Kreisstädtchen; mir ist, als ob ich das Haus mit meinen eigenen Augen sähe: es ist neu, aus Balken gebaut, noch nicht mit Brettern verschalt . . . Und dann das andere Bild:

Plötzlich scheint mir, daß das Glöckchen gar so matt und traurig klingt,
Und dazu dieselbe Stimme voller Wehmut also singt:
'Wo mein alter Freund wohl weilet? Ach, ich Arme! fürchten muß
Jetzt ich, daß zur Tür er eintritt, mich begrüßt mit Scherz und Kuß.
Traurig schlepp ich hin mein Leben. Drückend ist die Luft und schwer
Hier in meinem dunklen Zimmer; kalt, ach, weht's vom Fenster her.
Von des Gartens Bäumen allen blieb ein einzger Kirschbaum stehn;
Doch durch die befrornen Scheiben kann mein Aug auch ihn nicht sehn;
In des Winter scharfem Froste wird auch er wohl bald vergehn.
Welch ein Leben! Auch der Vorhang, der geblümte, bleichte aus;
Krank und unstet zieh umher ich, darf nicht heim ins Elternhaus.
Hier ist niemand, der mich liebhat, niemand selbst, der auf mich schilt;
Nur die Magd brummt, die bejahrte.'‹

Dieses ›Krank und unstet zieh umher ich‹, wie schön ist das gesagt! ›Niemand selbst, der auf mich schilt‹, wieviel zarte, feine Empfindung liegt in diesem Verse, wieviel Pein, die man selbst durch die Erinnerung hervorgerufen hat und mit einer Art von Genuß erleidet . . . O Gott, wie schön das ist! Wie lebenswahr!«

Sie verstummte, als ob sie einen beginnenden Krampf in der Kehle unterdrücken wollte.

»Wanjuschka!« sagte sie zu mir ein Weilchen darauf und schwieg dann wieder; entweder hatte sie selbst vergessen, was sie hatte sagen wollen, oder sie hatte es nur so gedankenlos infolge einer plötzlichen Empfindung hingesagt.

Unterdessen gingen wir immer noch im Zimmer auf und ab. Vor dem Heiligenbild brannte ein Lämpchen. Natascha war in der letzten Zeit noch frömmer und gottesfürchtiger geworden; aber sie hatte es nicht gern, daß man mit ihr darüber sprach.

»Ist denn morgen ein Festtag?« fragte ich. »Du hast ja das Lämpchen brennen.«

»Nein, ein Festtag ist nicht . . . Aber nimm doch Platz, Wanja; du wirst gewiß müde sein. Willst du Tee? Du hast doch wohl noch nicht getrunken?«

»Setzen wir uns, Natascha! Tee habe ich schon getrunken.«

»Von wo kommst du denn jetzt?«

»Von ihnen.« So bezeichneten wir beide im Gespräch miteinander immer ihr Elternhaus.

»Von ihnen? Wie bist du denn hingekommen! Bist du von selbst hingegangen, oder haben sie dich rufen lassen?«

Sie überschüttete mich mit Fragen. Ihr Gesicht war von der Aufregung noch blasser geworden. Ich erzählte ihr eingehend meine Begegnung mit ihrem Vater, das Gespräch mit der Mutter, die Szene mit dem Medaillon; ich erzählte mit allen Einzelheiten und Nebenumständen. Ich pflegte ihr überhaupt nie etwas zu verheimlichen. Sie hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu und haschte mir jedes Wort von den Lippen. Tränen glänzten in ihren Augen. Die Szene mit dem Medaillon ergriff sie stark.

»Warte mal, warte mal, Wanja«, sagte sie wiederholt, indem sie meine Erzählung unterbrach; »erzähle ausführlicher, alles, alles, so ausführlich wie möglich; du erzählst nicht ausführlich genug! . . .«

Ich wiederholte meine Darstellung zum zweiten und zum dritten Male, wobei ich alle Augenblicke auf ihre ununterbrochenen Fragen nach Einzelheiten antworten mußte.

»Und du glaubst wirklich, daß er auf dem Weg zu mir war?«

»Ich weiß es nicht, Natascha, und kann nicht einmal eine Ansicht darüber aufstellen. Daß er sich um dich grämt und dich liebt, das ist klar; aber daß er zu dir gehen wollte, das . . . das . . .«

»Und er hat das Medaillon geküßt?« unterbrach sie mich. »Was hat er gesagt, als er es küßte?«

»Er sprach zusammenhanglos; es waren nur einzelne Ausrufe; er nannte dich mit den zärtlichsten Namen und rief dich zurück . . .«

»Er rief mich zurück?«

»Ja.«

Sie weinte still vor sich hin.

»Die Armen!« sagte sie. »Aber daß er alles weiß«, fügte sie nach einem kurzen Stillschweigen hinzu, »ist nicht verwunderlich. Er hat auch über Aljoschas Vater genaue Nachrichten.«

»Natascha«, sagte ich schüchtern, »laß uns zu ihnen gehen!«

»Wann?« fragte sie, erbleichend und sich ein wenig von ihrem Stuhl erhebend.

Sie glaubte, ich forderte sie auf, sofort mitzukommen.

»Nein, Wanja«, fügte sie mit traurigem Lächeln hinzu, indem sie mir beide Hände auf die Schultern legte, »nein, liebster Freund; das ist deine stetige Rede; aber . . . sprich lieber nicht davon!«

»Also soll diese unselige Entfremdung niemals aufhören, niemals?« rief ich traurig. »Bist du wirklich so stolz, daß du nicht den ersten Schritt tun willst? Dieser erste Schritt kommt dir zu; du mußt diejenige sein, die ihn tut. Vielleicht wartet dein Vater nur darauf, um dir zu verzeihen . . . Er ist der Vater; du hast ihn gekränkt! Achte seinen Stolz; das ist ein berechtigter, ein natürlicher Stolz! Du mußt es tun. Versuche es, und er wird dir bedingungslos verzeihen.«

»Bedingungslos! Das ist unmöglich; und mache mir keine Vorwürfe, Wanja; es ist vergebens. Tag und Nacht habe ich darüber nachgedacht, bis heute. Seit ich sie verlassen habe, ist vielleicht kein Tag gewesen, an dem ich nicht darüber nachgedacht hätte. Und wie oft haben wir beide darüber gesprochen! Du weißt ja selbst, daß es unmöglich ist!«

»Versuche es!«

»Nein, mein Freund, es geht nicht. Wenn ich es versuchte, so würde ich ihn nur noch mehr gegen mich aufbringen. Was unwiederbringlich ist, kann man nicht wieder zurückbringen, und weißt du, was schlechterdings unwiederbringlich ist? Die glücklichen Kinderjahre, die ich mit ihnen zusammen verlebt habe. Selbst wenn mir der Vater verziehe, würde er mich doch jetzt nicht wiedererkennen. Er hat mich geliebt, als ich noch ein Mädchen, ein großes Kind war. Er hatte seine Freude an meiner kindlichen Einfalt; er pflegte mir immer noch liebkosend über den Kopf zu streichen, gerade wie damals, als ich noch ein siebenjähriges Mädchen war und auf seinen Knien saß und ihm meine Kinderliedchen vorsang. Von meiner frühesten Kindheit an bis zum letzten Tag kam er immer an mein Bett und bekreuzte mich zur Nacht. Einen Monat vor unserm Unglück kaufte er mir ein Paar Ohrringe, ohne daß ich etwas davon wissen sollte (aber ich hatte alles erfahren), und freute sich wie ein Kind bei der Vorstellung, wie ich mich über das Geschenk freuen würde, und schalt gewaltig auf alle und ganz besonders auf mich, als er von mir selbst erfuhr, daß ich von seinem Einkauf schon längst gewußt hatte. Drei Tage vor meinem Weggehen merkte er, daß ich traurig war; sogleich wurde er selbst sehr, sehr traurig, und was meinst du wohl? um mir eine Zerstreuung zu machen, kam er auf den Einfall, mir ein Theaterbillett zu kaufen! . . . Wahrhaftig, er wollte mich damit kurieren! Ich wiederhole dir, er kannte und liebte das Mädchen und mochte gar nicht daran danken, daß auch ich jemals eine Frau werden würde. Das kam ihm überhaupt nicht in den Sinn. Jetzt aber würde er, wenn ich nach Hause zurückkehrte, mich gar nicht erkennen. Wenn er mir auch verziehe, wen würde er jetzt vor sich haben? Ich bin eine andere geworden; ich bin kein Kind mehr; ich habe viel erlebt. Wenn ich auch ganz nach seinem Gefallen lebe, so wird er doch nach dem vergangenen Glück seufzen und sich darüber grämen, daß ich so gar nicht mehr dieselbe sei wie in früherer Zeit, als er in mir noch das Kind liebte; und das Vergangene erscheint immer in einer Art von Verklärung! Die Erinnerung daran ist einem ein Schmerz! Oh, wie schön war die Vergangenheit, Wanja!« rief sie; von ihrem Gefühl überwältigt, unterbrach sie sich mit diesem schmerzlichen Ausruf, der aus ihrer tiefsten Seele hervorbrach.

»Was du da sagst, Natascha«, erwiderte ich, »ist alles richtig. Gewiß, er muß dich jetzt erst wieder von neuem kennenlernen und liebgewinnen. Und die Hauptsache ist, daß er dich wieder kennenlernt. Nun, dann wird er dich auch wieder liebgewinnen. Glaubst du denn wirklich, daß er nicht imstande ist, dich wieder kennenzulernen und dich zu verstehen, er mit seinem großmütigen Herzen?«

»Ach, Wanja, sprich nicht so! Was ist denn Besonderes an mir zu verstehen? So hatte ich es nicht gemeint. Aber siehst du, da ist noch ein Punkt: auch die väterliche Liebe ist eifersüchtig. Es ist ihm kränkend, daß mein ganzes Verhältnis zu Aljoscha begonnen und sich bis zum entscheidenden Punkt entwickelt hat, ohne daß er es gewußt oder vorhergesehen hätte. Er ist sich bewußt, daß er es gar nicht geahnt hat, und schreibt die unglücklichen Folgen unserer Liebe, meine Flucht aus dem Elternhaus, meiner ›undankbaren‹ Verschlossenheit zu. Ich bin nicht gleich anfangs zu ihm gekommen; ich habe ihm nicht gleich beim Beginn meiner Liebe jede Regung meines Herzens gebeichtet; im Gegenteil, ich habe alles in mich verschlossen und vor ihm verheimlicht, und ich versichere dich, Wanja, insgeheim ist ihm das noch schmerzlicher und kränkender als die Folgen der Liebe selbst: daß ich von ihnen weggegangen bin und mich ganz meinem Geliebten hingegeben habe. Wenn er mich auch jetzt wie ein Vater mit warmer Freundlichkeit aufnähme, der Same der Feindschaft würde doch bleiben. Am zweiten, dritten Tage würden die Empfindlichkeiten, die Mißverständnisse, die Vorwürfe beginnen. Zudem würde er mir nicht bedingungslos verzeihen. Ich würde ihm ja sagen, und zwar wahrheitsgemäß aus tiefster Seele, daß ich einsähe, wie sehr ich ihn gekränkt und wie schwer ich mich gegen ihn vergangen habe; und ich würde, so schmerzlich es mir auch wäre, wenn er nicht einsehen wollte, was mich selbst dieses ganze Glück mit Aljoscha gekostet hat und welche Leiden ich selbst erduldet habe, doch meinen Schmerz unterdrücken: aber auch dies würde ihm alles nicht genügen. Er wird von mir einen unmöglichen Lohn für seine Verzeihung fordern; er wird fordern, daß ich meine Vergangenheit verfluche und Aljoscha verfluche und meine Liebe zu ihm bereue. Er wird Unmögliches wünschen: daß die Vergangenheit zurückgerufen und das letzte Halbjahr aus unserem Leben ausgestrichen werde. Aber ich werde niemand verfluchen, und ich kann nicht bereuen . . . Es mußte nun einmal so kommen, und so ist es denn auch geschehen . . . Nein, Wanja, jetzt ist meine Rückkehr zu ihnen unmöglich; die Zeit dafür ist noch nicht gekommen.«

»Wann wird denn die Zeit dafür kommen?«

»Das weiß ich nicht . . . Wir müssen uns unser künftiges Glück von neuem durch Leid verdienen, es uns durch neue Qualen erkaufen. Durch Leid wird alles geläutert . . . Ach, Wanja, wieviel Schmerz gibt es im Leben!«

Ich schwieg und blickte sie nachdenklich an.

»Warum siehst du mich so an, Aljoscha – ich wollte sagen Wanja?« fragte sie, indem sie sich versprach und über ihr Versehen lächelte.

»Ich beobachte dein Lächeln, Natascha. Wo hast du das hergenommen? Früher hattest du ein solches Lächeln nicht.«

»Was ist denn an meinem Lächeln Besonderes?«

»Die frühere kindliche Naivität liegt allerdings noch darin; aber wenn du lächelst, so ist es, als ob du gleichzeitig einen heftigen Schmerz im Herzen empfändest. Du bist abgemagert, Natascha, und es sieht aus, als wäre dein Haar dichter geworden . . . Was hast du da für ein Kleid an? Ist das noch gemacht, als du bei ihnen warst?«

»Wie lieb du mich hast, Wanja«, antwortete sie, mich freundlich anblickend. »Nun, und du? Was machst du jetzt? Wie steht es mit deiner Arbeit?«

»Es hat sich nichts geändert; ich schreibe immer noch an meinem Roman; aber es geht schwer, es will nicht recht vom Fleck. Die Inspiration versagt. Ich könnte ja nun vielleicht auch ohne solche schreiben, und es würde doch etwas Interessantes herauskommen; aber es tut mir leid, die gute Idee zu verderben. Das ist eine von meinen Lieblingsideen. Aber zum Termin muß unbedingt etwas in die Zeitschrift. Ich habe schon daran gedacht, den Roman liegenzulassen und so schnell wie möglich eine Novelle auszudenken, so etwas Leichtes, Anmutiges, ganz und gar ohne trübe Tendenz . . . Ganz und gar . . . Alle Leser sollen dabei heiter und vergnügt werden! . . .«

»Du armer Arbeitssklave! Und was macht Smith?«

»Smith ist ja gestorben.«

»Ist sein Geist nicht zu dir gekommen? Ich sage dir ganz im Ernst, Wanja, du bist krank, deine Nerven sind angegriffen, du hast immer solche phantastischen Vorstellungen. Als du mir erzähltest, du habest diese Wohnung gemietet, habe ich das alles an dir bemerkt. Wie ist es? Sagtest du nicht, die Wohnung sei feucht und häßlich?«

»Ja. Es ist mir heute abend noch etwas begegnet . . . Aber ich werde es dir ein andermal erzählen.«

Sie hörte nicht mehr, was ich sagte, und saß tief in Gedanken versunken da.

»Ich begreife nicht, wie ich damals habe von ihnen weggehen können; ich muß im Fieber gewesen sein«, sagte sie endlich und sah mich mit einem Blick an, der deutlich zeigte, daß sie keine Erwiderung erwartete.

Hätte ich in diesem Augenblick zu ihr gesprochen, so hätte sie mich gar nicht gehört.

»Wanja«, sagte sie kaum hörbar, »ich habe dich in einer wichtigen Angelegenheit hergebeten.«

»Was gibt es denn?«

»Ich trenne mich von ihm.«

»Hast du dich schon von ihm getrennt, oder willst du es erst tun?«

»Ich muß diesem Zustand ein Ende machen. Ich habe dich hergebeten, um dir alles auszusprechen, was mich jetzt bedrückt und was ich dir bisher verheimlicht habe.«

Dies war ihre gewöhnliche Einleitung, wenn sie sich anschickte, mir ihre geheimen Absichten anzuvertrauen, und fast immer ergab sich dann, daß ich all diese Geheimnisse schon längst aus ihrem eigenen Mund kannte.

»Ach, Natascha, das habe ich ja schon tausendmal von dir gehört! Gewiß, ihr könnt nicht zusammenleben; eure Verbindung ist zu seltsam; ihr habt nichts Gemeinsames. Aber . . . wird auch deine Kraft dazu ausreichen?«

»Früher hatte ich die Trennung nur in Aussicht genommen, Wanja; aber jetzt bin ich vollständig dazu entschlossen. Ich liebe ihn grenzenlos; aber dabei kommt es so heraus, daß ich seine schlimmste Feindin bin; ich zerstöre ihm seine Zukunft. Ich muß ihn befreien. Heiraten kann er mich nicht; er ist nicht imstande, etwas gegen den Willen seines Vaters zu tun. Ich will ihn auch nicht festhalten. Und darum freue ich mich sogar darüber, daß er sich in das Mädchen verliebt hat, das sein Vater ihm zur Frau geben möchte. Dadurch wird ihm die Trennung von mir erleichtert werden. Ich muß so handeln! Das ist meine Pflicht . . . Wenn ich ihn liebe, so muß ich für ihn alles zum Opfer bringen, muß ihm meine Liebe beweisen; das ist meine Pflicht! Nicht wahr?«

»Aber du wirst ihn nicht dazu überreden können.«

»Überreden werde ich ihn auch gar nicht. Ich werde mich gegen ihn ganz wie früher benehmen, selbst wenn er in diesem Augenblick hereintreten sollte. Aber ich muß ein Mittel finden, damit es ihm leicht wird, sich von mir ohne Gewissensbisse zu trennen. Das ist es, was mich quält, Wanja. Hilf mir! Kannst du mir nicht etwas raten?«

»In solchen Fällen gibt es nur ein Mittel«, erwiderte ich. »Man muß ganz aufhören, den Betreffenden zu lieben, und statt seiner einen andern lieben. Aber schwerlich wird dieses Mittel hier verfangen. Du kennst ja doch seinen Charakter. Da ist er nun fünf Tage lang nicht zu dir gekommen; aber wenn du nun annimmst, daß er sich ganz von dir abgewandt habe, dann brauchst du ihm nur zu schreiben, daß du selbst dich von ihm lossagtest, und er wird sogleich zu dir gelaufen kommen.«

»Warum kannst du ihn nicht leiden, Wanja?«

»Ich?«

»Ja, du, du! Du bist sein Feind, im geheimen und öffentlich! Du kannst von ihm nicht anders als gehässig reden. Ich habe tausendmal beobachtet, daß es dir das größte Vergnügen macht, ihn herabzusetzen und zu verleumden! Jawohl, zu verleumden; ich sage die Wahrheit!«

»Und mir hast du das schon tausendmal gesagt. Hör auf damit, Natascha; lassen wir dieses Thema!«

»Ich möchte gern in eine andere Wohnung ziehen«, begann sie nach einem kurzen Stillschweigen wieder. »Aber sei mir nicht böse, Wanja! . . .«

»Was hat das für Nutzen? Er wird auch in eine andere Wohnung kommen. Böse bin ich dir wirklich nicht.«

»Die Liebe ist stark; eine neue Liebe kann ihn fesseln. Wenn er auch zu mir zurückkommt, so tut er es doch vielleicht nur für einen Augenblick; was meinst du?«

»Ich weiß es nicht, Natascha; bei ihm ist alles im höchsten Grad widerspruchsvoll: er möchte jene heiraten und dabei doch dich lieben. Er wäre fähig, das alles zugleich zu tun.«

»Wenn ich bestimmt wüßte, daß er sie liebt, dann würde ich meinen Entschluß fassen . . . Wanja! Verbirg mir nichts! Weißt du etwas, was du mir nicht sagen willst?«

Sie sah mich mit einem ängstlichen, forschenden Blick an.

»Ich weiß nichts, liebe Freundin; ich gebe dir mein Ehrenwort, ich bin immer aufrichtig gegen dich gewesen. Übrigens noch eins: ich denke mir, vielleicht ist er in die Stieftochter der Gräfin gar nicht so stark verliebt, wie wir glauben. Es ist vielleicht nur so eine Schwärmerei . . .«

»Glaubst du das, Wanja? O Gott, wenn ich das bestimmt wüßte! Ach, könnte ich ihn doch in diesem Augenblick sehen, ihn nur ansehen! Ich würde ihm alles vom Gesicht ablesen! Aber er ist nicht hier! Er ist nicht hier!«

»Erwartest du ihn etwa, Natascha?«

»Nein, er ist bei ihr; ich weiß es; ich habe mich erkundigt. Und wie gern würde ich auch sie sehen! . . . Hör einmal, Wanja, ich rede Unsinn, aber ist es denn wirklich ganz unmöglich, daß ich sie sehe, daß ich irgendwo mit ihr zusammenkomme? Was meinst du?«

Sie wartete unruhig auf meine Antwort.

»Sehen könntest du sie schon. Aber das bloße Sehen hat doch wenig Zweck.«

»Auch wenn ich sie nur sähe, so würde mir das genügen; ich würde dann alles, was ich wissen wollte, selbst erraten. Hör einmal: ich bin ja so dumm geworden; ich gehe hier immer so auf und ab, ganz allein, ganz allein, und denke immer nach; meine Gedanken drehen sich wie im Wirbel umher; es ist ein schrecklicher Zustand! Ich habe mir gedacht, Wanja: könntest du nicht die Bekanntschaft dieser jungen Dame machen? Die Gräfin hat ja deinen Roman gelobt (das hast du mir damals selbst erzählt); du besuchst ja manchmal die Abendgesellschaften beim Fürsten R., bei dem auch sie verkehrt. Veranlasse doch, daß du ihr da vorgestellt wirst! Sonst könnte dich vielleicht auch Aljoscha mit ihr bekannt machen. Und dann könntest du mir alles von der Stieftochter erzählen.«

»Natascha, liebe Freundin, davon ein andermal! Aber ich möchte fragen: glaubst du wirklich im Ernst, daß deine Kraft dazu ausreichen wird, die Trennung zu ertragen? Sieh dich nur in diesem Augenblick an: bist du wirklich ruhig?«

»Sie . . . wird . . . ausreichen!« antwortete sie kaum hörbar. »Für ihn tue ich alles. Mein ganzes Leben gebe ich für ihn hin. Aber weißt du, Wanja, ich kann es nicht ertragen, daß er jetzt bei ihr ist, mich vergessen hat, neben ihr sitzt und plaudert und lacht, so wie er oft hier gesessen hat, du erinnerst dich. Er blickt ihr gerade in die Augen; so blickt er einen immer an, und es kommt ihm jetzt gar nicht in den Sinn, daß ich hier bin, mit dir zusammen . . .«

Sie sprach nicht zu Ende und sah mich verzweiflungsvoll an.

»Aber wie hast du denn noch vorhin, erst vorhin eben sagen können, Natascha . . .«

»Wir wollen uns gleichzeitig, beide gleichzeitig voneinander trennen!« unterbrach sie mich mit funkelnden Augen. »Ich selbst werde ihn dafür segnen . . . Aber gar zu schmerzlich ist es, Wanja, wenn er es ist, der mit dem Vergessen den Anfang macht! Ach, Wanja, was ist das für eine Qual! Ich verstehe mich selbst nicht: die Vernunft rät mir das eine, aber ich tue das andre. Was soll noch aus mir werden!«

»Hör auf, hör auf, Natascha! Beruhige dich! . . .«

»Heute sind es schon fünf Tage, daß ich täglich und stündlich . . . Selbst im Traum, immer denke ich an ihn! Weißt du, Wanja, wir wollen hingehen, begleite mich!«

»Hör auf, Natascha!«

»Nein, laß uns hingehen! Ich habe nur auf dich gewartet, Wanja! Ich habe schon drei Tage lang darüber nachgedacht. Das war auch der Grund, weshalb ich an dich geschrieben habe . . . Du mußt mich begleiten; du darfst mir das nicht abschlagen . . . Ich habe auf dich gewartet . . . drei Tage lang . . . Es ist dort heute eine Abendgesellschaft . . . er ist dort . . . laß uns hingehen!«

Sie befand sich in einer Art von Fieberzustand. Im Vorzimmer wurde Geräusch hörbar; Mawra schien mit jemandem zu streiten.

»Warte, Natascha, wer ist da?« fragte ich. »Horch!«

Sie horchte mit einem ungläubigen Lächeln und wurde auf einmal furchtbar blaß.

»Mein Gott, wer ist da?« sagte sie kaum hörbar.

Sie wollte mich zurückhalten; aber ich ging in das Vorzimmer hinaus zu Mawra. Richtig! Es war Aljoscha! Er fragte Mawra nach etwas, und diese wollte ihn zunächst nicht hereinlassen.

»Wo kommen Sie denn jetzt auf einmal her?« sagte sie in befehlshaberischem Tone. »Wo haben Sie sich herumgetrieben? Na, gehen Sie nur wieder, gehen Sie! Mich werden Sie nicht bestechen! Machen Sie, daß Sie fortkommen; was können Sie denn zu Ihrer Verteidigung antworten!«

»Ich fürchte mich vor niemand! Ich gehe hinein!« sagte Aljoscha, der indessen etwas verlegen war.

»Ach, machen Sie, daß Sie fortkommen! Sie sind ein arger Windhund!«

»Ich gehe hinein! Ah, Sie sind auch hier!« sagte er, als er mich erblickte. »Das ist ja schön, daß Sie hier sind! Nun also, da bin ich, sehen Sie; wie soll ich denn jetzt . . .«

»Gehen Sie nur einfach hinein!« antwortete ich; »wovor fürchten Sie sich?«

»Ich fürchte mich vor nichts, kann ich Ihnen versichern; denn ich habe mir, weiß Gott, nichts zuschulden kommen lassen. Sie glauben, daß es doch der Fall ist? Sie werden sehen, ich werde mich sofort rechtfertigen. Natascha, darf ich hereinkommen?« rief er mit gemachter Keckheit, indem er vor der geschlossenen Tür stehenblieb.

Niemand antwortete.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte er beunruhigt.

»Nichts Besonderes, sie war soeben noch da«, antwortete ich. »Vielleicht ist etwas . . .«

Aljoscha öffnete behutsam die Tür und sah sich schüchtern im Zimmer um. Es war niemand da.

Auf einmal erblickte er sie in einem Winkel zwischen einem Schrank und dem Fenster. Sie stand dort, als ob sie sich versteckt hätte, in einem Mittelzustand zwischen Tod und Leben. Wenn ich daran denke, kann ich mich noch heutigentags eines Lächelns nicht erwehren.

»Natascha, was machst du da? Guten Abend, Natascha«, sagte er schüchtern, indem er sie einigermaßen erschrocken anblickte.

»Nun, was denn? Nichts! . . .« antwortete sie in schrecklicher Verlegenheit, als ob sie selbst sich etwas hätte zuschulden kommen lassen. »Du . . . willst du Tee?«

»Natascha, höre mich . . .« sagte Aljoscha, der vollkommen die Fassung verloren hatte. »Du bist vielleicht überzeugt, daß ich schuldig bin . . . Aber ich bin nicht schuldig; ich bin ganz und gar nicht schuldig! Siehst du, ich werde dir sogleich alles erzählen.«

»Aber wozu denn das?« flüsterte Natascha. »Nein, nein, das ist nicht nötig . . . gib mir lieber die Hand, und die Sache ist erledigt . . . wie immer . . .«

Sie trat aus dem Winkel heraus; ihre Wangen begannen sich zu röten. Sie schaute zu Boden, wie wenn sie sich fürchtete, Aljoscha anzusehen.

»O mein Gott!« rief er entzückt; »wenn ich mich schuldig fühlte, so würde ich nach diesem Verhalten von ihrer Seite ja wohl nicht wagen, sie auch nur anzublicken! Sehen Sie, sehen Sie!« rief er, zu mir gewendet; »sie hält mich für schuldig; alles spricht gegen mich, alle Anzeichen sprechen gegen mich! Fünf Tage lang bin ich nicht gekommen! Gerüchte melden, ich sei bei der jungen Dame, mit der man mich verheiraten möchte – und was geschieht? Sie verzeiht mir ohne weiteres! Sie sagt: ›Gib mir die Hand, und die Sache ist erledigt!‹ Natascha, meine Teure, mein Engel! Ich bin nicht schuldig; das sollst du wissen! Ich bin nicht die Spur schuldig! Im Gegenteil! Im Gegenteil!«

»Aber . . . aber du bist doch jetzt dort gewesen . . . Du warst doch jetzt eingeladen . . . Wie kommt es denn, daß du hier bist? Wie spät ist es?«

»Halb elf! Ich bin auch wirklich dort gewesen. Aber ich sagte, ich sei krank, und fuhr weg, und dies ist das erste, allererste Mal in diesen fünf Tagen, daß ich frei bin, daß ich imstande war, mich von ihnen loszumachen und zu dir zu kommen, Natascha. Das heißt, ich hätte auch früher kommen können; aber ich habe es absichtlich nicht getan! Und warum? Das wirst du sogleich hören, ich werde es dir auseinandersetzen; aber, weiß Gott, ich habe mich dieses Mal dir gegenüber in keiner Hinsicht schuldig gemacht, in keiner Hinsicht! In keiner Hinsicht!«

Natascha hob den Kopf in die Höhe und blickte ihn an. Aber der Blick, mit dem er den ihrigen beantwortete, strahlte so von Aufrichtigkeit, und sein Gesicht war so fröhlich, so ehrlich, so vergnügt, daß es schlechterdings unmöglich war, ihm zu mißtrauen. Ich glaubte, die beiden würden aufschreien und einander in die Arme sinken, wie das früher schon mehrmals bei ähnlichen Versöhnungen geschehen war. Aber Natascha ließ, wie überwältigt von ihrem Glück, den Kopf auf die Brust sinken und . . . begann auf einmal leise zu weinen. Da konnte sich Aljoscha nicht mehr beherrschen. Er warf sich ihr zu Füßen; er küßte ihre Hände, ihre Füße; er war wie von Sinnen. Ich schob ihr einen Lehnsessel hin. Sie setzte sich. Die Beine waren ihr schwach geworden.

Zweiter Teil

Erstes Kapitel

Einen Augenblick darauf lachten wir alle wie die Unsinnigen.

»So laßt mich doch erzählen, so laßt mich doch erzählen!« rief Aljoscha, dessen helle Stimme uns alle übertönte. »Ihr denkt, daß es dieselbe Geschichte ist wie früher . . . daß ich bloß mit gleichgültigen Nachrichten hergekommen bin . . . Aber ich sage euch, ich habe etwas höchst Interessantes. So seid doch endlich einmal still!«

Er hatte die größte Lust zu erzählen. Man konnte ihm am Gesicht ansehen, daß er wichtige Neuigkeiten hatte. Aber durch die Art, wie er in dem naiven Stolz auf den Besitz solcher Neuigkeiten sich wichtig tat, war Natascha sofort zum Lachen gebracht worden. Und ich hatte mich unwillkürlich von ihr anstecken lassen. Und je zorniger er über uns wurde, um so mehr lachten wir. Aljoschas Ärger und seine darauffolgende kindliche Verzweiflung brachten uns schließlich auf jenen Grad der Heiterkeit, wo man einem, wie dem Midshipman bei Gogol, nur einen Finger zu zeigen braucht, um ihn sogleich dahin zu bringen, daß er sich vor Lachen wälzt. Mawra, die ihre Küche verlassen hatte, stand in der Tür und sah uns mit ernstlicher Empörung an; sie ärgerte sich darüber, daß diesem Aljoscha nicht durch Natascha eine gehörige Kopfwäsche zuteil wurde, wie sie es diese ganzen fünf Tage her mit Genuß erwartet hatte, und daß wir statt dessen alle so vergnügt waren.

Endlich hörte Natascha auf zu lachen, da sie sah, daß Aljoscha sich durch unser Lachen gekränkt fühlte.

»Nun, was willst du also erzählen?« fragte sie.

»Soll ich den Samowar zurechtmachen?« fragte Mawra, indem sie ohne den geringsten Respekt Aljoscha das Wort nahm.

»Geh nur, Mawra, geh nur!« sagte er und scheuchte sie durch eifrige Bewegungen beider Arme eilig fort. »Ich werde alles erzählen, was war und was ist und was sein wird; denn ich weiß es alles. Ich sehe, meine Teuren, ihr möchtet gern wissen, wo ich diese fünf Tage über gewesen bin; und gerade das will ich euch ja auch erzählen; aber ihr laßt mich nicht dazu kommen. Na, also erstens, ich habe dich diese ganze Zeit über getäuscht, Natascha, diese ganze Zeit über; schon lange, lange Zeit habe ich dich getäuscht, und das ist die Hauptsache.«

»Du hast mich getäuscht?«

»Ja, ich habe dich getäuscht, schon einen ganzen Monat lang; schon vor der Ankunft meines Vaters habe ich damit angefangen; aber jetzt ist die Zeit für vollständige Aufrichtigkeit gekommen. Vor einem Monat, als mein Vater noch nicht angekommen war, erhielt ich auf einmal von ihm einen gewaltig langen Brief und verheimlichte ihn euch beiden. In dem Brief erklärte er mir geradezu (und wohlgemerkt in so ernstem Ton, daß ich ganz erschrocken war), die Angelegenheit meiner Brautwerbung sei nun zum Ende geführt; die mir bestimmte Braut sei der Gipfel der Vollkommenheit; ich sei ihrer selbstverständlich nicht würdig, müsse sie aber doch unbedingt heiraten. Deshalb solle ich mich darauf vorbereiten und mir alle Dummheiten aus dem Kopf schlagen; na, ihr könnt euch schon denken, was er mit den ›Dummheiten‹ meinte. Diesen Brief also habe ich euch verheimlicht.«

»Du hast ihn uns ganz und gar nicht verheimlicht!« unterbrach ihn Natascha. »Solche Prahlerei! Die Wahrheit ist, daß du uns alles sofort erzählt hast. Ich erinnere mich noch, wie du auf einmal so fügsam und zärtlich wurdest und gar nicht von mir weggehen wolltest, als ob du dir einer Schuld bewußt wärest, und wie du uns den ganzen Inhalt des Briefes stückweise erzählt hast.«

»Das ist nicht möglich; die Hauptsache habe ich bestimmt nicht erzählt. Vielleicht habt ihr beide etwas erraten; das ist dann eure Sache; aber erzählt habe ich es nicht. Ich verheimlichte es euch und litt darunter schrecklich.«

»Ich erinnere mich, Aljoscha, daß Sie mich damals fortwährend um Rat fragten und mir alles erzählten, allerdings nur bruchstückweise und als handle es sich nur um Vermutungen«, fügte ich hinzu, indem ich Natascha anblickte.

»Du hast alles erzählt! Bitte, prahle nur nicht!« fiel sie ein. »Was kannst du denn überhaupt verbergen? Kannst du jemanden betrügen? Sogar Mawra hat alles erfahren. Hast du es gewußt, Mawra?«

»Na, wie werde ich es nicht gewußt haben!« versetzte Mawra, die vor der Tür stand und den Kopf zu uns hereinsteckte. »Gleich in den drei ersten Tagen haben Sie alles erzählt. Auf Listen verstehen Sie sich nicht!«

»Ach, wenn man mit euch redet, muß man sich auch immer ärgern! Du tust das alles aus Böswilligkeit, Natascha! Und du, Mawra, irrst dich ebenfalls. Ich erinnere mich, ich war damals wie ein Unsinniger; besinnst du dich wohl noch darauf, Mawra?«

»Wie sollte ich mich nicht darauf besinnen? Sie sind auch jetzt wie ein Unsinniger.«

»Nein, nein, was ich da eben sagte, gehört nicht hierher. Aber du erinnerst dich: wir hatten damals gerade kein Geld, und du gingst, mein silbernes Zigarrenetui zu versetzen; aber was die Hauptsache ist: gestatte mir, Mawra, dich darauf aufmerksam zu machen, daß du dich mir gegenüber in einer schrecklichen Weise vergißt. Das hat dich alles Natascha gelehrt. Na also, gesetzt auch, daß ich euch wirklich gleich damals alles bruchstückweise erzählt habe (jetzt besinne ich mich darauf), so kennt ihr doch den Ton des Briefes nicht, den Ton; und gerade der Ton ist bei einem Brief die Hauptsache. Und davon eben spreche ich.«

»Nun, was war es denn für ein Ton?« fragte Natascha.

»Höre einmal, Natascha, du fragst, wie wenn du darüber scherztest. Aber scherze nicht! Ich versichere dich: die Sache ist sehr ernst. Es war ein solcher Ton, daß mir die Arme schlaff herabsanken. Noch nie hatte mein Vater so mit mir gesprochen. Es klang, wie wenn eher der Himmel einstürzen als sein Wille nicht in Erfüllung gehen sollte, so ein Ton war das!«

»Nun, so erzähle doch: warum wolltest du denn den Brief vor mir verheimlichen?«

»Ach du mein Gott, um dich nicht zu erschrecken. Ich hoffte, ich würde alles selbst in Ordnung bringen können. Na also, zuerst erhielt ich diesen Brief, und als dann mein Vater selbst angekommen war, da begannen meine Leiden. Ich hatte mich darauf vorbereitet, ihm eine feste, klare, ernste Antwort zu geben; aber merkwürdigerweise wollte mir das gar nicht gelingen. Der Schlaufuchs fragte mich überhaupt gar nicht! Er benahm sich im Gegenteil so, als ob die ganze Sache schon entschieden sei und es zwischen uns gar keinen Streit und gar keine Mißhelligkeiten geben könne. Hörst du wohl: als ob es das gar nicht geben könne; ein solches Selbstvertrauen! Gegen mich aber wurde er überaus freundlich und liebenswürdig. Ich war geradezu erstaunt. Wenn Sie wüßten, wie klug er ist, Iwan Petrowitsch! Alles hat er gelesen, alles weiß er, und wenn er jemanden nur ein einziges Mal anblickt, so kennt er all dessen Gedanken so gut wie seine eigenen. Darum hat man ihn auch gewiß einen Jesuiten genannt. Natascha hat es nicht gern, wenn ich ihn lobe. Werde nicht böse, Natascha! Nun also . . . aber apropos: anfangs hat er mir kein Geld gegeben; aber jetzt hat er es getan, gestern. Natascha, mein Engel! Jetzt hat unsere Armut ein Ende! Da, sieh! Alles, was er mir in diesem halben Jahr zur Strafe zuwenig gegeben hatte, das hat er alles gestern nachgezahlt; seht mal, wieviel es ist; ich habe es noch nicht gezählt. Mawra, sieh mal, wieviel Geld! Jetzt brauchen wir keine Löffel und Hemdknöpfe mehr zu versetzen!«

Er zog ein ziemlich dickes Päckchen Banknoten, etwa tausendfünfhundert Rubel, aus der Tasche und legte es auf den Tisch. Mawra betrachtete es erstaunt und lobte Aljoscha. Natascha drängte auf schnelle Fortsetzung der Erzählung.

»Na also . . .«, fuhr Aljoscha fort, »ich dachte: ›Was soll ich tun? Wie soll ich mich seinem Willen widersetzen?‹ Das heißt, ich schwöre euch beiden: wäre er schroff gegen mich gewesen und nicht so gutherzig, so hätte ich mich nicht lange besonnen. Ich hätte ihm geradezu gesagt, daß ich nicht wolle, daß ich bereits selbst ein erwachsener Mensch sei, und damit basta! Und ihr könnt mir glauben, daß ich meinen Willen durchgesetzt hätte. So jedoch, was sollte ich ihm sagen? Aber brecht nicht den Stab über mich! Ich sehe, du machst ein unzufriedenes Gesicht, Natascha. Warum wechselt ihr beide miteinander Blicke? Ihr denkt gewiß: er hat sich gleich einwickeln lassen und besitzt nicht die Spur von Charakterfestigkeit. Aber ich besitze Charakterfestigkeit, wirklich, und mehr als ihr denkt! Und der Beweis dafür ist, daß ich trotz meiner mißlichen Lage mir sogleich sagte: ›Es ist meine Pflicht; ich muß meinem Vater alles sagen, alles!‹ Und so fing ich denn an zu reden und sprach mich aus, und er hörte mich an.«

»Aber was hast du ihm denn gesagt, was?« fragte Natascha beunruhigt.

»Daß ich keine andere Braut will, sondern bereits eine habe, nämlich dich. Das heißt, so geradezu habe ich ihm das bisher noch nicht gesagt; aber ich habe ihn darauf vorbereitet, und morgen werde ich es ihm sagen; dazu bin ich fest entschlossen. Ich begann damit, ihm zu sagen, nach Geld zu heiraten sei unanständig und zeuge von unvornehmer Gesinnung; wenn wir uns für Aristokraten hielten, so sei das einfach eine Dummheit (ich rede mit ihm völlig offenherzig, als ob er mein Bruder wäre). Dann erklärte ich ihm sofort, ich sei ein Angehöriger des tiers-état, und der tiers-état c'est l'essentiel; ich sei stolz darauf, allen ähnlich zu sein, und wolle mich vor niemand auszeichnen . . . kurz, ich setzte ihm alle diese vernünftigen Ideen auseinander. Ich sprach mit Eifer und Enthusiasmus. Ich wunderte mich über mich selbst. Ich bewies es ihm schließlich auch von seinem eigenen Gesichtspunkt aus; ich sagte geradezu: was seien wir denn für Fürsten? Doch nur der Geburt nach; was hätten wir aber in Wirklichkeit Fürstliches an uns? Erstens, besonderen Reichtum besäßen wir nicht, und Reichtum sei doch die Hauptsache. Heutzutage sei der größte Fürst Rothschild. Zweitens, in der richtigen vornehmen Gesellschaft sei von uns schon seit langer Zeit nichts mehr zu hören gewesen. Der letzte sei der Onkel Semjon Walkowski gewesen, und auch der habe nur in Moskau Aufsehen erregt, und nur dadurch, daß er seine letzten dreihundert Seelen durchgebracht habe, und wenn der Vater nicht selbst Geld erworben hätte, so würden seine Enkel vielleicht eigenhändig den Acker pflügen müssen, wie es denn solche Fürsten wirklich gebe. Mithin hätten wir keinen Grund, hochmütig zu sein. Kurz, ich sprach alles aus, was in mir kochte, alles, mit Feuer und Offenherzigkeit; ich fügte sogar noch dies und das hinzu. Er entgegnete mir nichts darauf, sondern machte mir nur Vorwürfe, daß ich den Verkehr in dem Haus des Grafen Nainski eingestellt hätte, und sagte dann, ich müsse mich um die Gunst der Fürstin K., meiner Patin, bemühen; wenn diese mich gut aufnehme, so würde ich überall Zutritt haben, und meine Karriere sei gemacht, was er mir dann näher ausmalte! Das sind alles Anspielungen darauf, daß ich seit der Verbindung mit dir, Natascha, alle anderen Beziehungen abgebrochen habe; er führt das auf deinen Einfluß zurück. Aber geradezu hat er bisher noch nicht von dir gesprochen; er vermeidet es sogar offenbar. Wir sind beide schlau, wir warten ab und belauern einander; aber du kannst überzeugt sein, daß auch für uns der Tag des Glücks kommen wird.«

»Nun, schon gut; wie endete die Sache? Was hat er beschlossen? Das ist doch die Hauptsache. Du bist ein Schwätzer, Aljoscha . . .«

»Meines Vaters Sinn und Gedanken kennt nur Gott; es ist gar nicht daraus klug zu werden, was er eigentlich vorhat. Ein Schwätzer aber bin ich ganz und gar nicht; ich sage nur, was zur Sache gehört. Er hat nichts Bestimmtes gesagt, sondern auf alle meine Darlegungen nur mit einem Lächeln geantwortet, als ob er mich bemitleide. Ich fühle ja, daß das für mich demütigend ist; aber ich schäme mich nicht. Er sagte: ›Ich bin mit dir vollkommen einer Ansicht; aber wir wollen zum Grafen Nainski fahren. Sprich aber dort nichts von dieser Art; ich für meine Person verstehe dich ja; aber die dort würden dich nicht verstehen.‹ Es scheint, daß auch er selbst dort nicht besonders gut aufgenommen wird; man ist aus irgendwelchem Grund auf ihn erzürnt. Überhaupt ist mein Vater in der vornehmen Welt jetzt nicht beliebt. Der Graf behandelte mich zunächst sehr hochmütig und von oben herab, als ob er ganz vergessen hätte, daß ich in seinem Haus aufgewachsen bin. Er zürnt mir wegen Undankbarkeit; aber wahrhaftig, es liegt von meiner Seite keine Undankbarkeit vor; es ist eben in seinem Haus schrecklich langweilig; na, und da bin ich nicht mehr hingegangen. Er empfing auch meinen Vater in sehr nachlässiger Manier, so nachlässig, daß ich gar nicht verstehe, warum mein Vater den Verkehr fortsetzt. Das alles versetzte mich in Empörung. Mein armer Vater krümmte sozusagen den Rücken vor ihm; ich verstehe ja, daß er das alles in meinem Interesse tut; aber ich brauche nichts. Ich wollte nachher meinem Vater schon alle meine Empfindungen aussprechen; aber ich beherrschte mich und schwieg. Wozu auch? Seine Anschauungen würde ich doch nicht umändern; ich würde ihn nur ärgern, und er hat ohnehin schon genug Sorgen. ›Na‹, dachte ich, ›ich will es mit Schlauheit versuchen; ich werde sie alle überlisten; ich werde den Grafen zwingen, mich zu achten!‹ Und was geschah? Ich habe sofort alles erreicht; an einem einzigen Tag hat sich die ganze Lage geändert! Graf Nainski weiß jetzt gar nicht, was er mir für einen Ehrenplatz anweisen soll. Und all das habe ich bewirkt, ich allein, durch meine eigene Schlauheit, so daß mein Vater vor Erstaunen die Hände über dem Kopf zusammenschlug! . . .«

»Hör mal, Aljoscha, du solltest doch lieber zur Sache kommen!« rief Natascha ungeduldig. »Ich hatte geglaubt, du würdest uns etwas über unsere eigene Angelegenheit mitteilen; aber dir macht es nur Spaß, zu erzählen, wie vortrefflich du dich bei dem Grafen Nainski benommen hast. Was geht mich dein Graf an!«

»Was dich der Graf angeht! Hören Sie wohl, Iwan Petrowitsch, sie fragt, was sie der Graf angeht! Aber darin steckt ja gerade der Kern der Sache. Das wirst du selbst sehen; das wird alles am Ende meiner Erzählung klarwerden. Laßt mich nur erzählen . . . Nun ja (denn warum soll ich nicht offen reden?), ihr wißt ja, sowohl du, Natascha, als auch Sie, Iwan Petrowitsch, ich bin vielleicht wirklich manchmal sehr, sehr urteilslos, na, meinetwegen auch einfach dumm (auch das ist ja mitunter vorgekommen). Aber in diesem Fall, das kann ich euch versichern, habe ich viel Schlauheit bewiesen . . . na . . . ich kann wohl sagen, sogar Verstand; ich glaubte daher, ihr würdet euch selbst darüber freuen, daß ich nicht immer . . . unverständig bin.«

»Ach, was redest du nur, Aljoscha; hör doch auf damit, Liebster!«

Natascha konnte es nicht ertragen, wenn Aljoscha für unverständig gehalten wurde. Wie oft war sie, ohne es mit Worten auszusprechen, böse auf mich gewesen, wenn ich, ohne viele Umstände zu machen, ihrem Aljoscha bewies, daß er irgendeine Dummheit begangen habe; dies war ein wunder Punkt in ihrem Herzen. Sie konnte eine Herabsetzung Aljoschas nicht ertragen, und wahrscheinlich um so weniger, da sie seine geistigen Fähigkeiten im stillen selbst nur für beschränkt hielt. Aber sie brachte diese ihre Meinung ihm gegenüber nicht zum Ausdruck und scheute sich, sein Ehrgefühl zu verletzen. Er seinerseits bewies in solchen Fällen einen besonderen Scharfsinn und erriet immer ihre geheimen Gedanken. Natascha merkte dies, betrübte sich sehr darüber und überschüttete ihn sofort mit Schmeichelworten und Liebkosungen. Dies war der Grund, warum sie jetzt seine Worte schmerzlich berührten.

»Rede nicht so, Aljoscha; du bist nur leichtsinnig, aber gar nicht von solcher Art«, fügte sie hinzu. »Warum machst du dich selbst schlecht?«

»Nun gut; dann laßt mich also zu Ende erzählen! Nach dem Besuch bei dem Grafen war mein Vater ordentlich böse auf mich. Ich dachte: ›Warte du nur!‹ Wir fuhren darauf zur Fürstin; ich hatte schon lange gehört, daß sie infolge ihres hohen Alters geistesschwach geworden sei, außerdem sehr schwer höre und eine große Freundin von Stubenhunden sei. Sie hält sich ein ganzes Rudel dieser Tiere und ist in sie ganz vernarrt. Trotz alledem besitzt sie in der vornehmen Welt großen Einfluß, so daß sogar Graf Nainski, le superbe, bei ihr antichambriert. Unterwegs entwarf ich mir einen Plan für alle meine weiteren Aktionen, und was meint ihr wohl, worauf ich dabei baute? Auf den Umstand, daß mich alle Hunde gern haben, bei Gott! Ich habe das beobachtet. Entweder steckt in mir eine Art Magnetismus, oder es kommt daher, daß ich selbst alle Tiere sehr gern habe; ich weiß es nicht; aber die Hunde lieben mich, das ist Tatsache! Apropos, Magnetismus: ich habe dir noch nicht erzählt, Natascha, wir haben neulich Geister zitiert; ich war bei einem Geisterbeschwörer; es war höchst interessant, Iwan Petrowitsch; es hat mich sehr in Erstaunen versetzt. Ich habe Julius Cäsar zitiert.«

»Ach mein Gott! Was wolltest du denn mit Julius Cäsar?« rief Natascha, die sich vor Lachen ausschütten wollte. »Das ist köstlich!«

»Aber wieso denn? . . . Als wäre ich ein . . . Warum soll ich nicht das Recht haben, Julius Cäsar zu zitieren? Was ist denn dabei? Nun sehe bloß einer, wie sie lacht!«

»Natürlich ist gar nichts dabei . . . ach, mein liebster Aljoscha! Nun also, was sagte denn Julius Cäsar zu dir?«

»Gesagt hat er nichts. Ich hielt nur einen Bleistift in der Hand, und der Bleistift fuhr von selbst über das Papier und schrieb. Es wurde gesagt, da schriebe Julius Cäsar. Ich glaube nicht daran.«

»Was hat er denn geschrieben?«

»Er schrieb etwas, das sah aus wie ›Werde naß!‹, wie es bei Gogol heißt . . . Aber so hör doch auf zu lachen!«

»Nun, dann erzähle von der Fürstin!«

»Na ja, aber ihr unterbrecht mich ja immer. Wir kamen also zu der Fürstin, und ich begann damit, ihrer Mimi den Hof zu machen. Diese Mimi ist eine alte, häßliche, greuliche Hündin, dazu noch eigensinnig und bissig. Die Fürstin ist ganz in das Tier vernarrt; ich glaube, die beiden sind Altersgenossinnen. Zuerst fütterte ich Mimi mit Konfekt und brachte ihr in zehn Minuten bei, die Pfote zu geben, was man ihr in ihrem ganzen Leben nicht hatte beibringen können. Die Fürstin geriet geradezu in Entzücken, sie weinte beinahe vor Freude: ›Mimi! Mimi! Mimi gibt das Pfötchen!‹ Wenn ein Besucher kam, so hieß es: ›Mimi gibt das Pfötchen! Hier, mein Patenkind hat es sie gelehrt!‹ Graf Nainski kam; sofort mußte er hören: ›Mimi gibt das Pfötchen.‹ Mich blickte die alte Dame beinahe mit Tränen der Rührung an. Sie ist ein seelengutes Wesen; sie tat mir ordentlich leid. Nach diesem glücklichen Erfolg griff ich zur Schmeichelei: auf ihrer Tabaksdose ist ihr eigenes Bild gemalt, als sie noch ein junges Mädchen war, vor sechzig Jahren. Diese Tabaksdose fiel ihr auf den Fußboden. Ich hob sie auf und sagte, als ob ich nicht erkenne, wen das Bild vorstellt: ›Quelle charmante peinture! Ein ideal schönes Gesicht!‹ Na, da war sie ganz hin; sie redete mit mir von diesem und jenem, und wo ich studiert hätte, und bei wem ich verkehrte, und was ich für schönes Haar hätte, und in dieser Art immer weiter. Ich tat auch das meinige, indem ich sie durch eine Skandalgeschichte, die ich ihr erzählte, zum Lachen brachte. Sie hört so etwas gern: sie drohte mir nur mit dem Finger, lachte aber herzlich. Beim Abschied küßte sie mich, bekreuzte mich und verlangte, ich solle alle Tage zu ihr kommen, um sie zu erheitern. Der Graf drückte mir die Hand und gab seinem Blick einen Ausdruck von besonderer Liebenswürdigkeit; und mein Vater – er ist ja der beste, ehrenhafteste, edelste Mensch, ihr mögt es nun glauben oder nicht –, er weinte beinahe vor Freude, als wir beide nach Hause fuhren; er umarmte mich und schüttete mir sein ganzes Herz aus, all seine geheimen Gedanken über Karriere, Konnexionen, Geld, Heirat, so daß ich vieles davon gar nicht verstand. Und dabei gab er mir auch Geld. Das war gestern. Morgen bin ich wieder bei der Fürstin; aber mein Vater ist doch der edelste Mensch, denkt von ihm nichts Schlechtes; und wenn er mich auch von dir losreißen möchte, Natascha, so will er das doch nur, weil er verblendet ist und nach Katjas Millionen Verlangen trägt, die dir fehlen; und die möchte er einzig und allein für mich haben, und nur weil er dich nicht kennt, ist er gegen dich ungerecht. Aber welcher Vater wünscht nicht das Glück seines Sohnes? Er kann ja nichts dafür, daß er gewohnt ist, das Glück in den Millionen zu sehen. So sind sie eben alle. Man muß ihn nur von diesem Gesichtspunkt aus beurteilen, dann erscheint er sofort als gerechtfertigt. Ich bin absichtlich zu dir hergeeilt, Natascha, um dir das auseinanderzusetzen, weil ich weiß, daß du gegen ihn eingenommen bist, wofür du natürlich nichts kannst. Ich gebe dir keine Schuld . . .«

»Also weiter ist dir nichts begegnet, als daß du dir die Gunst der Fürstin erworben hast? Darin besteht deine ganze Schlauheit?« fragte Natascha.

»Nicht doch! Was redest du da! Das ist nur der Anfang . . . Das von der Fürstin habe ich deswegen erzählt, weil ich durch sie meinen Vater in der Hand habe, verstehst du; aber meine Hauptgeschichte hat noch nicht angefangen.«

»Nun, dann erzähle doch!«

»Heute habe ich noch ein Erlebnis gehabt, sogar ein sehr seltsames Erlebnis, von dem ich noch jetzt ganz ergriffen bin«, fuhr Aljoscha fort. »Ich muß vorausschicken, daß zwar mein Vater und die Gräfin unsere Verheiratung beschlossen haben, daß aber bis jetzt absolut nichts Offizielles stattgefunden hat, so daß wir uns jeden Augenblick trennen könnten, ohne daß irgendwelches Gerede darüber entstände; nur Graf Nainski weiß es; aber der gilt ja als Verwandter und Gönner. Überdies bin ich ja zwar in diesen beiden Wochen sehr viel mit Katja zusammen gewesen, aber doch haben wir bis auf diesen Augenblick keine Silbe von der Zukunft gesprochen, das heißt von der Ehe und . . . na, und von Liebe. Außerdem ist beschlossen worden, vorher noch die Einwilligung der Fürstin K. zu erbitten, von der man bei uns alle mögliche Protektion und einen goldenen Regen erwartet. Was sie sagen wird, das wird auch die vornehme Gesellschaft sagen, denn ihre Verbindungen sind von solcher Art. Und sie wollen mich durchaus in die Gesellschaft einführen und mich protegieren. Wer aber besonders auf diesem Verfahren besteht, das ist die Gräfin, Katjas Stiefmutter. Die Sache ist die, daß die Fürstin der Gräfin vielleicht wegen all der Extravaganzen, die diese im Ausland begangen hat, den Zutritt zu ihrem Salon noch nicht gestatten wird, und wen die Fürstin nicht empfängt, den empfangen wohl auch die andern nicht; daher würde meine Bewerbung um Katja eine gute Gelegenheit zur Annäherung bieten. Und darum hat die Gräfin, die früher gegen diese Partie war, sich heute außerordentlich über meinen Erfolg bei der Fürstin gefreut. Das nur beiläufig; die Hauptsache aber ist dies: ich habe Katerina Fjodorowna zwar schon seit dem vorigen Jahr gekannt, aber damals war ich noch ein Knabe und hatte kein Verständnis und fand daher an ihr nichts Besonderes . . .«

»Die Sache ist einfach die: damals liebtest du mich mehr«, unterbrach ihn Natascha; »darum fandest du an ihr nichts Besonderes; aber jetzt . . .«

»Sprich nicht weiter, Natascha!« rief Aljoscha mit warmer Empfindung; »du bist vollständig im Irrtum und kränkst mich sehr! Ich werde dir nicht einmal etwas darauf erwidern; höre nur weiter, und du wirst alles erkennen, wie es ist. Ach, wenn du Katja kenntest! Wenn du wüßtest, was für ein zartfühlendes, reines, seelengutes Wesen sie ist! Aber das wirst du sogleich erkennen; höre nur zu Ende! Als sie vor zwei Wochen angekommen waren, führte mich mein Vater zu Katja, und ich fing an, sie mir genau anzusehen. Ich merkte, daß auch sie mich musterte. Das erregte nun vollends mein Interesse, ganz abgesehen davon, daß ich die besondere Absicht hatte, sie näher kennenzulernen, eine Absicht, die schon durch jenen Brief meines Vaters angeregt worden war, der mich so überrascht hatte. Ich werde weiter nichts zu ihrem Lob sagen als das eine: sie bildet unter den Damen jenes ganzen Gesellschaftskreises eine glänzende Ausnahme. Sie hat einen so eigenartigen Charakter, eine so starke, redliche Seele, stark eben durch ihre Reinheit und Redlichkeit, daß ich ihr gegenüber geradezu ein Knabe bin, ihr jüngerer Bruder, trotzdem sie nur siebzehn Jahre alt ist. Noch eins bemerkte ich: sie scheint einen schweren, geheimen Kummer zu haben; aber sie ist nicht gesprächig, zu Hause schweigt sie fast immer, wie wenn sie eingeschüchtert wäre. Es ist, als ob sie über etwas nachsänne. Vor meinem Vater scheint sie Furcht zu haben. Zu ihrer Stiefmutter hegt sie keine Liebe, das merkte ich; die Gräfin selbst allerdings sucht in bestimmter Absicht die Meinung zu verbreiten, daß die Stieftochter sie schrecklich liebhabe; aber das ist völlig unwahr. Katja gehorcht ihr nur ohne Widerrede, das ist zwischen ihnen eine Art von Verabredung. Nachdem ich alle diese Beobachtungen gemacht hatte, beschloß ich vor vier Tagen, meine Absicht zur Ausführung zu bringen, und das habe ich heute abend auch wirklich getan. Meine Absicht war nämlich die: Katja alles zu erzählen, ihr alles zu bekennen, sie auf unsere Seite zu bringen und dann mit einem Schlag die ganze Sache zu erledigen . . .«

»Wie! Was denn zu erzählen? Was zu bekennen?« fragte Natascha beunruhigt.

»Alles, schlechterdings alles«, antwortete Aljoscha; »und ich danke Gott, der mir diesen Gedanken eingegeben hat. Aber hört zu, hört zu! Vor vier Tagen faßte ich folgenden Entschluß: mich von euch fernzuhalten und die Sache allein zu erledigen. Wenn ich mit euch zusammengewesen wäre, so wäre ich schwankend geworden, ich hätte auf euch hingehört und wäre zu keinem Entschluß gelangt. Nun aber, da ich allein war und mich expreß in eine Lage versetzt hatte, in der ich mir jeden Augenblick sagen mußte, daß ich die Sache zu Ende bringen müsse, daß es meine Pflicht sei, sie zu Ende zu bringen, da faßte ich Mut, und siehe da: ich habe sie zu Ende gebracht! Ich hatte mir vorgenommen, nicht eher zu euch zurückzukehren, ehe ich nicht die Entscheidung hätte, und da bringe ich nun die Entscheidung!«

»Was denn? Was denn? Was hat denn die Sache für einen Verlauf genommen? So erzähle doch schnell!«

»Es machte sich ganz einfach! Ich wandte mich offen, ehrlich und mutig an sie . . . Aber zuerst muß ich euch etwas erzählen, was ich vorher erlebte und was einen starken Eindruck auf mich machte. Ehe wir hinfuhren, hatte mein Vater einen Brief erhalten. Ich trat in diesem Augenblick gerade in sein Arbeitszimmer und blieb an der Tür stehen. Er sah mich nicht. Er war durch diesen Brief in eine solche Erregung geraten, daß er mit sich selbst sprach, irgendwelche Ausrufe ausstieß, ganz außer sich im Zimmer auf und ab ging und schließlich auf einmal laut auflachte; dabei hielt er immer den Brief in der Hand. Ich fürchtete mich ordentlich, hineinzugehen, wartete noch ein Weilchen und trat dann zu ihm. Mein Vater war über etwas hocherfreut; er begann mit mir in einer ganz seltsamen Art zu reden; dann brach er plötzlich ab und befahl mir, mich sogleich zum Wegfahren fertig zu machen, obgleich es noch sehr früh war. Bei ihnen war heute kein Fremder; die beiden waren allein; du hast mit Unrecht geglaubt, Natascha, daß dort eine Gesellschaft stattfände. Da bist du falsch unterrichtet gewesen.«

»Ach, bitte, schweife nicht ab, Aljoscha; sage, wie du es angefangen hast, Katja alles zu sagen!«

»Es war ein Glück, daß wir ganze zwei Stunden lang allein blieben. Ich erklärte ihr einfach, obwohl man aus uns ein Paar machen wolle, so sei unsere Verheiratung doch ein Ding der Unmöglichkeit; ich empfände eine herzliche Zuneigung zu ihr, und sie allein könne mich retten. Dann entdeckte ich ihr alles. Stelle dir vor: sie wußte nichts von unseren Erlebnissen, von meinen Beziehungen zu dir, Natascha! Wenn du hättest sehen können, wie gerührt sie war; zuerst hatte sie sogar einen Schreck bekommen. Sie war ganz blaß geworden. Ich erzählte ihr den ganzen Hergang: wie du um meinetwillen dein Elternhaus verlassen hättest, wie wir eine Wohnung für uns allein bezogen hätten, von was für Leid und Befürchtungen wir jetzt gequält würden und daß wir jetzt unsere Zuflucht zu ihr nähmen (ich sprach auch in deinem Namen, Natascha); sie möchte selbst unsere Partei ergreifen und ihrer Stiefmutter geradezu sagen, daß sie nicht meine Frau werden wolle; darauf beruhe unsere ganze Rettung, und wir hätten von keiner anderen Seite Hilfe zu erwarten. Sie hörte mit solchem Interesse, mit so herzlicher Teilnahme zu! Was hatte sie in diesem Augenblick für schöne Augen! Ihre ganze Seele kam in ihrem Blick zum Ausdruck. Sie hat ganz himmelblaue Augen. Sie dankte mir, daß ich nicht an ihr gezweifelt hätte, und gab mir ihr Wort darauf, daß sie uns aus aller Kraft helfen wolle. Dann erkundigte sie sich nach dir, sagte, sie wünsche sehr, deine Bekanntschaft zu machen, bat mich, dir zu bestellen, daß sie dich schon jetzt wie eine Schwester liebe und daß auch du sie wie eine Schwester lieben möchtest; und als sie erfuhr, daß ich schon seit fünf Tagen nicht bei dir gewesen sei, schickte sie mich sofort weg, damit ich zu dir ginge.«

Natascha war gerührt.

»Und du konntest vorher von deinen Großtaten bei einer schwerhörigen Fürstin erzählen! Ach, Aljoscha, Aljoscha!« rief sie, ihn vorwurfsvoll anblickend. »Nun, und wie benahm sich Katja? War sie froh und heiter, als sie dich entließ?«

»Ja, sie freute sich darüber, daß sie eine gute Tat tun konnte; aber sie weinte. Denn sie liebt mich ja ebenfalls, Natascha! Sie gestand, daß sie bereits angefangen habe, mich zu lieben; sie komme nur mit wenigen Menschen zusammen, und ich hätte ihr schon längst gefallen; sie schätze mich besonders deswegen hoch, weil um sie herum alles List und Lüge sei, ich ihr aber ein aufrichtiger, ehrlicher Mensch zu sein scheine. Sie stand auf und sagte: ›Nun, Gott stehe Ihnen bei, Alexei Petrowitsch; ich hatte gedacht . . .‹ Sie sprach nicht zu Ende, fing an zu weinen und ging hinaus. Wir haben verabredet, daß sie gleich morgen ihrer Stiefmutter sagen soll, sie wolle nicht meine Frau werden, und daß auch ich gleich morgen meinem Vater alles sagen und mit Mut und Festigkeit sprechen soll. Sie machte mir Vorwürfe, weshalb ich nicht schon früher mit ihm geredet hätte; ›ein rechtschaffener Mensch darf sich vor nichts fürchten!‹ sagte sie. Sie hat eine so edle Denkungsart. Meinen Vater mag sie ebenfalls nicht leiden; sie sagt, er sei listig und trachte nach Geld. Ich suchte ihn zu verteidigen, aber sie glaubte mir nicht. Wenn es mir morgen bei meinem Vater nicht gelingt (und sie hält es für sehr wahrscheinlich, daß es mir nicht gelingen wird), dann ist sie damit einverstanden, daß wir meine Gönnerin, die Fürstin K., um ihren Schutz zu bitten. Wenn sie ihn uns gewährt, dann wird niemand von ihnen wagen, gegen uns anzukämpfen. Wir beide haben einander das Wort darauf gegeben, daß wir zueinander wie Bruder und Schwester sein wollen. Oh, wenn du auch ihre Geschichte kenntest, wie unglücklich sie sich fühlt, mit welchem Widerwillen ihr Leben bei der Stiefmutter und diese ganze Umgebung sie erfüllt! Sie hat mir das nicht geradezu gesagt; es machte den Eindruck, als ob sie sich auch vor mir scheute, das auszusprechen; aber ich habe es aus einigen Worten entnommen. Ach, Natascha, du mein Herz! wie entzückt würde sie von dir sein, wenn sie dich sähe! Und was hat sie für ein gutes Herz! Es verkehrt sich mit ihr so leicht! Ihr beide seid dazu geschaffen, einander Schwestern zu sein, und müßt einander lieben. Ich habe immer darüber nachgedacht. Und wirklich: ich müßte euch beide zusammenführen und würde dann selbst danebenstehen und euch voll Entzücken betrachten. Denke nichts Schlechtes, Nataschenka, und erlaube mir, von ihr zu reden! Es macht mir eine besondere Freude, mit dir von ihr zu sprechen und mit ihr von dir. Du weißt ja, daß ich dich mehr liebe als jeden anderen Menschen, auch mehr als sie . . . Du bist mein ein und alles!«

Natascha blickte ihn, ohne ein Wort zu sagen, freundlich und mit einer Art von stiller Traurigkeit an. Seine Worte schienen sie zu erfreuen und ihr gleichzeitig Pein zu bereiten.

»Und schon seit längerer Zeit, schon vor zwei Wochen, habe ich Katja schätzengelernt«, fuhr er fort. »Ich bin ja jeden Abend bei ihnen gewesen, und wenn ich dann nach Hause zurückgekehrt war, dann habe ich oftmals immerzu an euch beide gedacht und euch miteinander verglichen.«

»Und welche von uns beiden erschien dir dann als die bessere?« fragte Natascha lächelnd.

»Manchmal du, manchmal sie. Aber du trugst doch schließlich immer den Sieg davon. Wenn ich aber mit ihr spreche, so habe ich immer die Empfindung, daß ich selbst gewissermaßen besser, verständiger und edler werde. Aber morgen, morgen wird sich alles entscheiden.«

»Und tut sie dir nicht leid? Sie liebt dich ja; du sagst, daß sie das selbst ausgesprochen habe?«

»Ja, sie tut mir leid, Natascha! Aber wir werden alle drei einander lieben, und dann . . .«

»Und dann lebe wohl!« sagte Natascha leise, wie vor sich hin.

Aljoscha blickte sie erstaunt an.

Aber unser Gespräch wurde auf einmal in einer ganz unerwarteten Weise unterbrochen. Aus der Küche, die zugleich als Vorzimmer diente, wurde ein leichtes Geräusch vernehmbar, wie wenn jemand hereinkäme. Einen Augenblick darauf öffnete Mawra die Tür und winkte mit dem Kopf Aljoscha verstohlen zu, er möchte herauskommen. Wir alle wandten uns zu ihr hin.

»Da fragt jemand nach Ihnen; bitte, kommen Sie heraus!« flüsterte sie geheimnisvoll.

»Wer kann jetzt nach mir fragen?« sagte Aljoscha, sie erstaunt anblickend. »Ich komme!«

In der Küche stand ein Diener des Fürsten, seines Vaters, in Livree. Dieser teilte ihm mit, der Fürst habe auf der Rückfahrt nach Hause die Equipage bei Nataschas Wohnung halten lassen und ihn hinaufgeschickt, um sich zu erkundigen, ob Aljoscha da sei. Nach dieser Mitteilung ging der Diener sogleich wieder fort.

»Sonderbar! Das ist noch nie dagewesen!« sagte Aljoscha, uns verwirrt anblickend. »Was hat das zu bedeuten?«

Auch Natascha sah ihn beunruhigt an. Plötzlich öffnete Mawra wieder die Zimmertür.

»Er kommt selbst, der Fürst!« sagte sie hastig flüsternd und verschwand sofort wieder.

Natascha wurde blaß und erhob sich von ihrem Platz. Ihre Augen fingen auf einmal an zu glühen. Sie stand, sich leicht auf den Tisch stützend, da und blickte aufgeregt nach der Tür, durch die der unerwartete Gast eintreten mußte.

»Natascha, fürchte dich nicht; ich bin bei dir! Ich werde dich nicht beleidigen lassen«, flüsterte Aljoscha, der zwar verwirrt war, aber nicht die Fassung verloren hatte.

Die Tür öffnete sich, und auf der Schwelle erschien Fürst Walkowski in eigener Person.

Zweites Kapitel

Er überschaute uns mit einem schnellen, forschenden Blick. Aus diesem Blick war noch nicht zu entnehmen, ob er als Feind oder als Freund gekommen war. Aber ich will sein Äußeres eingehend beschreiben. Er machte an diesem Abend auf mich einen besonders starken Eindruck.

Ich hatte ihn schon früher gesehen. Er war ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, nicht älter, mit regelmäßigen, außerordentlich schönen Gesichtszügen, deren Ausdruck sich nach den Umständen veränderte, aber in schroffer Art, vollständig und mit auffälliger Schnelligkeit, so daß er von der größten Freundlichkeit zur ärgsten Verdrossenheit und Unzufriedenheit überging, gerade als ob ein innerer Mechanismus in Bewegung gesetzt wäre. Das regelmäßige Oval des etwas gebräunten Gesichtes, die vorzüglichen Zähne, die kleinen, ziemlich schmalen Lippen, die schön geformte, gerade, etwas längliche Nase, die hohe Stirn, auf der noch nicht die kleinste Runzel sichtbar war, die grauen, ziemlich großen Augen: alles dies zusammen ließ ihn beinah als einen schönen Mann erscheinen; aber dabei wirkte sein Gesicht dennoch nicht angenehm. Dieses Gesicht machte dadurch einen abstoßenden Eindruck, daß sein Ausdruck nicht echt, sondern immer erkünstelt, beabsichtigt, angenommen erschien; es bildete sich bei einem die dunkle Vorstellung, daß man niemals den wahren Gesichtsausdruck zu sehen bekommen werde. Wenn man schärfer hinsah, so begann man zu argwöhnen, daß hinter der stets getragenen Maske Bosheit, List und ärgster Egoismus stecken. Besonders zogen die auf den ersten Blick so schönen, offenen, grauen Augen die Aufmerksamkeit auf sich. Sie waren das einzige Stück, das er, wie es schien, durch seinen Willen nicht zu völligem Gehorsam zwingen konnte. Auch wenn er mild und freundlich aussehen wollte, waren die von seinen Augen ausgehenden Strahlen zwiefacher Art, und zwischen milden und freundlichen blitzten strenge, mißtrauische, forschende, böse auf . . . Er war von ziemlich hoher Statur, von elegantem Aussehen, etwas hager und schien jünger zu sein, als er wirklich war. In seinem dunkelblonden, weichen Haar war kaum ein Ansatz von Grau zu bemerken. Seine Ohren, seine Hände, seine Füße waren erstaunlich wohlgebildet. Er war von einer durchaus rassigen Schönheit. Seine Kleidung war stets von auserlesener Eleganz und Frische, hatte aber etwas Jugendliches, was ihm indessen gut stand. Er schien Aljoschas älterer Bruder zu sein. Wenigstens konnte ihn niemand für den Vater eines so erwachsenen Sohnes halten.

Er ging gerade auf Natascha zu und sagte, indem er sie fest anblickte:

»Mein Erscheinen bei Ihnen zu einer solchen Stunde und ohne Anmeldung ist allerdings seltsam und läuft den üblichen Regeln zuwider; aber hoffentlich trauen Sie mir wenigstens zu, daß ich mir des Ungewöhnlichen meiner Handlungsweise in vollem Umfang bewußt bin. Ich weiß auch, mit wem ich es zu tun habe; ich weiß, daß Sie scharfsichtig und hochgesinnt sind. Schenken Sie mir nur zehn Minuten, und ich hoffe, Sie selbst werden mich verstehen und mein Benehmen erklärlich finden.«

Er sagte das alles höflich, aber in kräftigem, energischem Ton.

»Bitte, nehmen Sie Platz!« erwiderte Natascha, die sich von der ersten Verwirrung und einer gewissen Angst noch nicht hatte frei machen können.

Er machte eine leichte Verbeugung und setzte sich.

»Gestatten Sie mir zunächst, ein paar Worte zu ihm zu sagen«, begann er, auf seinen Sohn zeigend. »Aljoscha, als du weggefahren warst, ohne auf mich zu warten und sogar ohne dich von uns zu verabschieden, wurde der Gräfin gemeldet, daß Katerina Fjodorowna sich nicht wohl fühle. Sie wollte zu ihr eilen; aber Katerina Fjodorowna kam plötzlich selbst zu uns herein, ganz verstört und in großer Aufregung. Sie sagte uns geradezu, sie könne nicht deine Frau werden, und fügte hinzu, sie werde in ein Kloster gehen; du habest sie um Hilfe gebeten und ihr selbst bekannt, daß du Natalja Nikolajewna liebst. Diese überraschende Erklärung von seiten Katerina Fjodorownas, und noch dazu in einem solchen Augenblick, war selbstverständlich durch das äußerst sonderbare Gespräch veranlaßt worden, das du mit ihr hattest. Sie war ganz außer sich. Du kannst dir mein Erstaunen und meinen Schreck denken. Als ich jetzt hier vorbeifuhr, bemerkte ich in Ihren Fenstern Licht«, fuhr er, zu Natascha gewendet, fort. »Da gewann ein Gedanke, der mir schon lange im Kopf herumgegangen war, dermaßen Gewalt über mich, daß ich nicht imstande war, mich meinem ersten Impuls zu widersetzen, und zu Ihnen hereinkam. Warum? Das werde ich sogleich sagen, bitte Sie aber im voraus, sich über eine gewisse Schärfe meiner Mitteilung nicht zu wundern. Das alles ist so plötzlich gekommen . . .«

»Ich hoffe, daß ich imstande bin, das, was Sie sagen werden, zu verstehen und . . . gebührendermaßen zu würdigen«, erwiderte Natascha stockend.

Der Fürst blickte sie unverwandt an, wie wenn er in einem Augenblick ihr ganzes Wesen ergründen wolle.

»Ich hoffe auf Ihren klaren Verstand«, fuhr er fort, »und wenn ich mir erlaubt habe, jetzt zu Ihnen zu kommen, so habe ich es namentlich deswegen getan, weil ich wußte, mit wem ich es zu tun habe. Ich kenne Sie schon lange, wiewohl ich ehemals ungerecht gegen Sie gewesen bin und Ihnen unrecht getan habe. Hören Sie zu: Sie wissen, daß zwischen mir und Ihrem Vater seit langer Zeit ein unerfreuliches Verhältnis besteht. Ich will mich nicht rechtfertigen; vielleicht bin ich ihm gegenüber mehr im Unrecht, als ich bisher geglaubt habe. Aber wenn es so ist, so bin ich selbst getäuscht worden. Ich bin mißtrauisch und bin mir dessen bewußt. Ich neige dazu, eher Schlechtes als Gutes zu vermuten, ein unglücklicher Charakterzug, der auf Rechnung meines ausgetrockneten Herzens kommt. Aber ich bin nicht gewohnt, meine Fehler zu verheimlichen. Ich habe allem möglichen Gerede Glauben geschenkt, und als Sie Ihre Eltern verließen, habe ich um Aljoscha gebangt. Aber damals kannte ich Sie noch nicht. Die von mir eingeholten Erkundigungen haben mich allmählich vollständig beruhigt. Ich habe Sie beobachtet, Sie studiert und mich schließlich überzeugt, daß mein Verdacht unbegründet war. Ich erfuhr, daß Sie sich mit Ihren Eltern überworfen haben; ich weiß auch, daß Ihr Vater mit aller Kraft gegen Ihre Ehe mit meinem Sohn ist. Und schon allein der Umstand, daß Sie trotz Ihres Einflusses auf Aljoscha, ja man kann sagen, trotz Ihrer Gewalt über ihn, doch bisher von dieser Gewalt keinen Gebrauch gemacht und ihn nicht veranlaßt haben, Sie zu heiraten, schon allein dieser Umstand zeigt Sie von einer sehr guten Seite. Und doch (ich will Ihnen alles offen bekennen) nahm ich mir damals vor, jede Möglichkeit Ihrer Verheiratung mit meinem Sohn mit aller Kraft zu verhindern. Ich weiß, daß ich mich zu offenherzig ausspreche; aber in diesem Augenblick ist Offenherzigkeit von meiner Seite durchaus notwendig; Sie werden mir darin selbst zustimmen, wenn Sie mich bis zu Ende angehört haben werden. Bald nachdem Sie Ihr Elternhaus verlassen hatten, fuhr ich aus Petersburg weg; aber als ich wegfuhr, war mir um Aljoscha nicht mehr bange. Ich setzte meine Hoffnung auf Ihren edlen Stolz. Ich begriff, daß Sie selbst die Heirat nicht vor der Beendigung unseres Familienzwistes wünschten; daß Sie das gute Einvernehmen zwischen mir und Aljoscha nicht stören wollten, weil ich ihm niemals die Verheiratung mit Ihnen verziehen haben würde; daß Sie auch die üble Nachrede zu vermeiden wünschten, als hätten Sie es auf einen fürstlichen Bräutigam und auf eine Verbindung mit unserem Haus abgesehen gehabt. Im Gegenteil, Sie legten sogar eine gewisse Geringschätzung gegen uns an den Tag und warteten vielleicht auf den Augenblick, wo ich selbst zu Ihnen kommen und Sie bitten würde, uns die Ehre zu erweisen und meinem Sohn Ihre Hand zu reichen. Aber trotzdem blieb ich hartnäckig Ihr Gegner. Ich will mich nicht zu rechtfertigen suchen, möchte Ihnen aber meine Gründe nicht verheimlichen. Es sind folgende: Sie sind nicht von vornehmer Herkunft und nicht reich. Ich meinerseits besitze zwar ein gewisses Vermögen, aber wir brauchen noch mehr. Unsere Familie befindet sich im Verfall. Wir müssen nach Konnexionen und Geld trachten. Die Stieftochter der Gräfin Sinaida Fjodorowna hat zwar keine Konnexionen, aber sie ist sehr reich. Hätte ich gezögert, so wären andere Bewerber auf dem Plan erschienen und hätten uns die Braut weggefischt; wir durften uns aber eine so günstige Gelegenheit nicht entgehen lassen, und obgleich Aljoscha noch sehr jung ist, beschloß ich dennoch, ihn zu verheiraten. Sie sehen, ich verberge Ihnen nichts. Sie können mit Geringschätzung auf einen Vater blicken, der selbst eingesteht, daß er aus Habsucht und Vorurteil seinen Sohn zu einer schlechten Handlung verleiten wollte; denn ein hochgesinntes Mädchen zu verlassen, das ihm alles zum Opfer gebracht hat und demgegenüber sein Vergehen ein so großes ist, das ist in der Tat eine schlechte Handlung. Aber ich will mich nicht zu rechtfertigen suchen. Der zweite Grund für die beabsichtigte Verheiratung meines Sohnes mit der Stieftochter der Gräfin Sinaida Fjodorowna war der, daß dieses junge Mädchen im höchsten Grad liebenswürdig und achtenswert ist. Sie ist schön und besitzt eine ausgezeichnete Bildung, einen vorzüglichen Charakter und einen guten Verstand, obwohl sie in vielen Dingen noch ein Kind ist. Aljoscha ist charakterlos, leichtsinnig, sehr unverständig, mit zweiundzwanzig Jahren noch vollständig Kind und besitzt vielleicht nur einen Vorzug: ein gutes Herz, eine Eigenschaft, die aber neben solchen Mängeln sogar gefährlich ist. Ich hatte schon lange gemerkt, daß mein Einfluß auf ihn im Schwinden begriffen ist: jugendliche Hitze und Schwärmerei machen sich geltend und tragen sogar über manche wirklichen Pflichten den Sieg davon. Ich liebe ihn vielleicht zu sehr; aber ich bin überzeugt, daß meine alleinige Leitung für ihn nicht ausreichend ist. Aber dabei muß er unbedingt unter jemandes beständiger, wohltätiger Einwirkung stehen. Er ist seinem ganzen Wesen nach fügsam, schwach, liebevoll und mag eher lieben und gehorchen als befehlen. Und so wird er sein ganzes Leben lang bleiben. Sie können sich vorstellen, wie ich mich freute, als ich in Katerina Fjodorowna das Ideal des Mädchens fand, das ich meinem Sohn zur Frau wünschte. Aber meine Freude kam zu spät; über ihn herrschte bereits unerschütterlich ein anderer Einfluß, der Ihrige. Ich beobachtete ihn genau, als ich vor einem Monat nach Petersburg zurückkehrte, und bemerkte an ihm mit Erstaunen eine bedeutende Veränderung zum Besseren. Der Leichtsinn und die Kindlichkeit sind bei ihm noch fast dieselben geblieben; aber gewisse edle Instinkte haben in seiner Seele an Kraft gewonnen; er beginnt sich für andere Dinge als für bloße Spielereien zu interessieren, für Hohes, Edles, Ehrenhaftes. Seine Anschauungen sind sonderbar, unsicher und mitunter absurd; aber seine Wünsche, seine Bestrebungen, sein Herz sind besser; und das ist doch die Grundlage für alles; und alles dies, was in seiner Seele Besseres vorhanden ist, rührt unstreitig von Ihnen her. Sie haben ihn umgewandelt. Ich gestehe Ihnen, es huschte mir gleich damals der Gedanke durch den Kopf, daß Sie vielleicht mehr als sonst jemand imstande seien, ihn glücklich zu machen. Aber ich verscheuchte diesen Gedanken; ich mochte derartiges nicht denken. Ich wollte ihn um jeden Preis von Ihnen losreißen; ich begann in diesem Sinn zu operieren und glaubte schon, mein Ziel erreicht zu haben. Noch vor einer Stunde meinte ich, daß der Sieg auf meiner Seite sei. Aber der Vorfall im Haus der Gräfin hat mit einem Male alle meine Annahmen umgestoßen, und vor allem hat mich eine unerwartete Tatsache frappiert: diese auffällige Energie bei Aljoscha, die Festigkeit, Hartnäckigkeit und Lebenskraft seiner Neigung zu Ihnen. Ich wiederhole Ihnen: Sie haben ihn endgültig umgewandelt. Ich sah auf einmal, daß die Veränderung bei ihm noch weiter ging, als ich angenommen hatte. Heute hat er plötzlich mir gegenüber einen Verstand an den Tag gelegt, den ich in keiner Weise bei ihm vorausgesetzt hatte, und gleichzeitig eine außerordentliche Feinfühligkeit, einen Scharfsinn des Herzens. Er hat an die edelste Fähigkeit des Menschenherzens appelliert, nämlich an die Fähigkeit, zu verzeihen und Böses mit Gutem zu vergelten. Er hat sich in die Gewalt eines Wesens gegeben, das er gekränkt hatte, und gerade zu diesem Wesen mit der Bitte um Teilnahme und Hilfe seine Zuflucht genommen. Er hat den ganzen Stolz eines Mädchens aufgeregt, das ihn bereits liebte, indem er ihr geradezu bekannte, daß sie eine Rivalin habe, und hat sie gleichzeitig dahingebracht, für diese Rivalin eine herzliche Teilnahme zu empfinden, ihm selbst aber zu verzeihen und ihm eine selbstlose schwesterliche Freundschaft zu versprechen. Eine solche Auseinandersetzung vorzunehmen und gleichzeitig dabei jede Kränkung und Beleidigung zu vermeiden, dazu sind manchmal selbst die klügsten, gewandtesten Leute nicht fähig, wohl aber gerade ein frisches, reines, gut geleitetes Herz wie das seinige. Ich bin überzeugt, daß Sie, Natalja Nikolajewna, bei seiner heutigen Handlung mit keinem Wort und keinem Rat mitgewirkt haben. Sie haben vielleicht alles erst soeben aus seinem Mund gehört? Ist es nicht so?«

»Sie irren sich nicht«, erwiderte Natascha; ihr ganzes Gesicht glühte, und ihre Augen strahlten wie die einer Begeisterten in einem eigentümlichen Glanz. Die Beredsamkeit des Fürsten begann ihre Wirkung zu tun. »Ich habe Aljoscha fünf Tage lang nicht gesehen«, fügte sie hinzu. »Diesen ganzen Plan hat er allein ausgesonnen und allein zur Ausführung gebracht.«

»Sicherlich ist es so«, stimmte ihr der Fürst bei; »aber trotzdem ist sein unerwarteter Scharfsinn, seine Entschlossenheit, sein Pflichtgefühl und endlich diese seine ganze edle Festigkeit, das alles ist die Folge Ihres Einflusses auf ihn. All dies habe ich soeben auf der Fahrt zu mir nach Hause gründlich erwogen und überlegt; nachdem ich aber diese Überlegung angestellt hatte, fühlte ich plötzlich in mir die Kraft, eine Entscheidung zu treffen. Unsere Brautwerbung im Haus der Gräfin ist zerstört und läßt sich nicht wieder in Gang bringen; aber selbst wenn dies möglich wäre, so soll es doch jetzt nicht mehr geschehen. Habe ich mich doch selbst überzeugt, daß Sie die einzige sind, die ihn glücklich machen kann, daß Sie die richtige Führerin für ihn sind, daß Sie bereits das Fundament zu seinem künftigen Glück gelegt haben! Ich habe Ihnen nichts verheimlicht und will es auch jetzt nicht tun: ich liebe sehr eine gute Karriere, Geld, Vornehmheit, sogar hohen Rang; mit vollem Bewußtsein halte ich vieles davon für Vorurteil; aber ich liebe diese Vorurteile und habe entschieden keine Neigung, mich ihrer zu entäußern. Aber es gibt Situationen, wo man auch andere Erwägungen zur Geltung kommen lassen muß und wo man nicht alles mit demselben Maß messen darf . . . Außerdem liebe ich meinen Sohn von ganzem Herzen. Kurz, ich bin zu dem Resultat gelangt, daß Aljoscha nicht von Ihnen getrennt werden darf, da er ohne Sie zugrunde gehen würde. Und soll ich es gestehen? Es ist vielleicht schon einen ganzen Monat her, daß ich mir das gesagt habe, und erst jetzt habe ich selbst erkannt, daß ich damit das Richtige getroffen hatte. Allerdings hätte ich, um Ihnen dies alles auszusprechen, Sie auch morgen besuchen können, statt Sie fast um Mitternacht zu stören. Aber meine jetzige Eile wird Ihnen vielleicht ein Beweis dafür sein, mit welchem Eifer und vor allen Dingen mit welcher Offenheit ich in dieser Sache vorgehe. Ich bin kein Knabe; es wäre mir in meinen Jahren unmöglich, mich zu einem unüberlegten Schritt zu entschließen. Als ich hier eintrat, war alles schon erwogen und beschlossen. Aber ich fühle, daß ich noch lange werde warten müssen, bis es mir gelingt, Sie völlig von meiner Aufrichtigkeit zu überzeugen . . . Aber zur Sache! Brauche ich Ihnen jetzt erst noch zu erklären, wozu ich hierhergekommen bin? Ich bin gekommen, um Ihnen gegenüber meine Pflicht zu erfüllen, und feierlich und mit unbegrenzter Hochachtung bitte ich Sie, meinen Sohn dadurch glücklich zu machen, daß Sie ihm Ihre Hand reichen. Oh? glauben Sie nicht, daß ich hier wie ein grausamer Vater erschienen bin, der sich endlich entschlossen hat, seinen Kindern zu verzeihen und seine gnädige Zustimmung zu ihrem Glück zu geben. Nein, nein! Sie würden mir unrecht tun, wenn Sie eine solche Gesinnung bei mir annähmen. Glauben Sie auch nicht, daß ich im Hinblick auf alles, was Sie für meinen Sohn zum Opfer gebracht haben, schon im voraus von Ihrer Einwilligung überzeugt war; auch das ist nicht richtig! Ich werde der erste sein, der da laut erklärt, daß mein Sohn Ihrer nicht würdig ist, und . . . (er hat ja ein gutes, reines Herz) er selbst wird das bestätigen. Aber das ist noch nicht alles. Dies ist nicht der einzige Grund, der mich zu solcher Stunde hierhergeführt hat . . . ich bin hergekommen« (hier erhob er sich respektvoll und mit einer gewissen Feierlichkeit von seinem Platz), »ich bin hergekommen, um Ihr Freund zu werden! Ich weiß, daß ich darauf nicht das geringste Recht habe, im Gegenteil! Aber . . . gestatten Sie mir, dieses Recht zu verdienen! Gestatten Sie mir, zu hoffen! . . .«

Er verbeugte sich respektvoll vor Natascha und wartete auf ihre Antwort. Die ganze Zeit über, während er sprach, hatte ich ihn aufmerksam beobachtet. Er hatte dies bemerkt.

Er hatte in kühler Manier gesprochen, mit einer Art von rhetorischer Färbung und an manchen Stellen selbst mit einer gewissen Lässigkeit. Der Ton seiner Rede hatte sogar mitunter nicht zu dem Impuls gepaßt, der ihn zu einer für einen ersten Besuch und namentlich unter solchen Verhältnissen unpassenden Stunde zu uns geführt hatte. Einige Ausdrücke, derer er sich bedient hatte, hatte er sich augenscheinlich vorher zurechtgelegt, und an manchen Stellen seiner langen und durch ihre Länge befremdenden Rede hatte er sich künstlich den Anschein eines wunderlichen Kauzes gegeben, der das hervorbrechende Gefühl unter der Maske des Humors, der Ungeniertheit und des Scherzes zu verbergen sucht. Aber das alles legte ich mir erst später zurecht; damals war es mir noch nicht so klargeworden. Die letzten Worte hatte er mit solcher Lebhaftigkeit und mit so tiefer Empfindung, mit einer solchen Miene der aufrichtigsten Hochachtung vor Natascha gesprochen, daß wir alle davon überwältigt waren. An seinen Wimpern schimmerte sogar etwas wie Tränen. Nataschas edles Herz hatte er vollständig besiegt. Nach ihm erhob auch sie sich von ihrem Platz und streckte ihm schweigend in tiefer Erregung die Hand hin: Er ergriff dieselbe und führte sie zärtlich und gefühlvoll an seine Lippen. Aljoscha war vor Entzücken ganz außer sich.

»Was habe ich dir gesagt, Natascha?« rief er. »Du hast mir nicht geglaubt! Du hast nicht geglaubt, daß er der edelste Mensch der Welt ist! Nun siehst du es selbst, nun siehst du es selbst!«

Er stürzte zu seinem Vater hin und umarmte ihn feurig. Dieser erwiderte die Umarmung ebenso, beeilte sich aber dann, die empfindsame Szene abzukürzen, als ob er sich schäme, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

»Nun genug!« sagte er und griff nach seinem Hut. »Ich gehe jetzt. Ich hatte Sie nur um zehn Minuten gebeten und habe eine ganze Stunde hier gesessen«, fügte er lächelnd hinzu. »Aber ich gehe, voll der heißesten Ungeduld, Sie möglichst bald wiederzusehen. Wollen Sie mir erlauben, Sie so oft wie möglich zu besuchen?«

»Ja, ja!« antwortete Natascha; »so oft wie möglich! Ich möchte Sie recht schnell . . . liebgewinnen . . .«, fügte sie in ihrer Verwirrung hinzu.

»Wie aufrichtig und ehrlich Sie sind!« sagte der Fürst, über ihre Worte lächelnd. »Nicht einmal um eine einfache Höflichkeit zu sagen, mögen Sie sich verstellen. Aber Ihre Aufrichtigkeit ist mehr wert als all diese falschen Höflichkeiten. Ja! Ich bin mir bewußt, daß es lange, lange dauern wird, bis ich Ihre Liebe werde verdient haben!«

»Hören Sie auf, loben Sie mich nicht . . . Lassen Sie es genug sein!« flüsterte Natascha verlegen.

Wie schön sie in diesem Augenblick war!

»Nun gut!« sagte der Fürst abschließend. »Aber noch ein paar Worte zur Sache. Können Sie sich vorstellen, wie unglücklich ich bin! Ich kann nämlich morgen nicht zu Ihnen kommen, weder morgen noch übermorgen. Heute abend habe ich einen für mich außerordentlich wichtigen Brief erhalten; er verlangt meine unverzügliche Mitwirkung bei einer gewissen Angelegenheit, und ich kann mich dem auf keine Weise entziehen. Morgen vormittag reise ich von Petersburg weg. Bitte, glauben Sie nicht, daß ich eben deshalb so spät zu Ihnen gekommen bin, weil ich morgen und übermorgen keine Zeit dazu gehabt hätte. Selbstverständlich glauben Sie das ja auch gar nicht; aber da haben Sie eben gleich ein Pröbchen meines argwöhnischen Wesens! Warum habe ich gedacht, daß Sie das jedenfalls glauben würden? Ja, dieses argwöhnische Wesen ist mir in meinem Leben schon oft hinderlich gewesen, und mein ganzes Zerwürfnis mit Ihrer Familie ist vielleicht nur die Folge dieses meines bedauerlichen Charakterzuges! . . . Heute haben wir Dienstag. Mittwoch, Donnerstag und Freitag werde ich nicht in Petersburg sein. Am Sonnabend aber hoffe ich bestimmt zurückzukehren und werde mich gleich an diesem Tag bei Ihnen einstellen. Sagen Sie, darf ich auf den ganzen Abend zu Ihnen kommen?«

»Gewiß, gewiß!« rief Natascha. »Ich werde Sie Sonnabend abends erwarten! Mit Ungeduld werde ich Sie erwarten!«

»Wie glücklich ich doch bin! Ich werde Sie immer näher kennenlernen! Aber nun gehe ich! Und doch kann ich nicht fortgehen, ohne auch Ihnen die Hand gedrückt zu haben«, fuhr er, sich plötzlich zu mir wendend, fort. »Entschuldigen Sie! Wir reden jetzt alle so ohne rechten Zusammenhang . . . Ich hatte schon mehrmals das Vergnügen, mit Ihnen zusammenzutreffen, und wir sind einander sogar einmal vorgestellt worden. Ich kann nicht von hier fortgehen, ohne es Ihnen auszusprechen, wie angenehm es mir sein würde, die Bekanntschaft mit Ihnen zu erneuern.«

»Ich bin mit Ihnen bereits zusammengetroffen, das ist richtig«, antwortete ich, indem ich seine dargebotene Hand ergriff; »aber, Pardon, ich erinnere mich nicht, mit Ihnen bekannt geworden zu sein.«

»Beim Fürsten R. im vorigen Jahr.«

»Pardon, ich habe es vergessen. Aber ich versichere Sie, dieses Mal werde ich es nicht vergessen. Dieser Abend wird mir ein besonders denkwürdiger sein.«

»Ja, Sie haben recht; auch mir. Ich weiß schon seit langer Zeit, daß Sie Natalja Nikolajewnas und meines Sohnes wahrer, aufrichtiger Freund sind. Ich hoffe, zu Ihnen dreien der vierte zu sein. Nicht wahr?« fügte er, zu Natascha gewendet, hinzu.

»Ja, er ist unser aufrichtiger Freund, und wir müssen alle zusammenbleiben!« antwortete Natascha mit tiefer Empfindung.

Die Ärmste! Sie strahlte nur so vor Freude, als sie sah, daß der Fürst nicht vergessen hatte, sich auch an mich zu wenden. Wie sie mich liebte!

»Ich habe schon viele Verehrer Ihres Talentes getroffen«, fuhr der Fürst fort, »und kenne zwei Damen, welche Ihre aufrichtigen Gönnerinnen sind. Es wird ihnen sehr angenehm sein, Sie persönlich kennenzulernen. Es ist dies die Gräfin, meine beste Freundin, und ihre Stieftochter Katerina Fjodorowna Filimonowa. Lassen Sie mich hoffen, daß Sie mir das Vergnügen gönnen werden, Sie diesen Damen vorzustellen.«

»Es ist mir sehr schmeichelhaft, obwohl ich jetzt nur sehr wenige Bekanntschaften unterhalte . . .«

»Aber mir werden Sie doch Ihre Adresse geben! Wo wohnen Sie? Ich werde das Vergnügen haben . . .«

»Ich empfange bei mir zu Hause keine Besuche, Fürst, wenigstens vorläufig nicht.«

»Wenn ich auch nicht verdiene, daß Sie für mich eine Ausnahme machen, so hoffe ich doch . . .«

»Nun, wenn Sie es denn verlangen, so wird es auch mir sehr angenehm sein. Ich wohne in der . . .-Gasse, im Klugenschen Haus.«

»Im Klugenschen Haus!« rief er, als wenn er durch etwas überrascht wäre. »Soso! Wohnen Sie dort schon lange?«

»Nein, noch nicht lange«, versetzte ich, ihn unwillkürlich schärfer ansehend. »Meine Wohnung hat die Nummer vierundvierzig.«

»Vierundvierzig? Wohnen Sie da allein?«

»Ja, ganz allein.«

»N-ja! Ich frage, weil mir ist, als ob ich dieses Haus kenne. Um so besser . . . Ich werde Sie bestimmt aufsuchen, ganz bestimmt! Ich habe über viele Dinge mit Ihnen zu reden und erwarte von Ihnen viel. Sie können mich in vieler Hinsicht zu Dank verpflichten. Sehen Sie, ich fange ohne weiteres mit einer Bitte an. Aber nun: auf Wiedersehen! Ich bitte noch einmal um Ihre Hand!«

Er drückte mir und Aljoscha die Hand, küßte noch einmal die Hand Nataschas und ging weg, ohne daß er Aljoscha aufgefordert hätte, mit ihm zu kommen.

Wir drei blieben in großer Erregung zurück. All dies hatte sich so plötzlich, so unerwartet begeben. Wir alle hatten die Empfindung, daß sich in einem Augenblick alles verändert habe und nun ein neuer, ganz andersartiger Zustand beginne. Aljoscha setzte sich schweigend neben Natascha und küßte ihr still die Hand. Ab und zu blickte er ihr ins Gesicht, als warte er, was sie nun sagen werde.

»Liebster Aljoscha, fahre gleich morgen zu Katerina Fjodorowna hin!« sagte sie endlich.

»Ich habe selbst schon daran gedacht«, erwiderte er. »Ich will es unter allen Umständen tun.«

»Vielleicht wird es ihr aber peinlich sein, dich zu sehen . . . Wie willst du es anfangen, ihr diese Mitteilung zu machen?«

»Ich weiß es nicht, Liebste. Ich habe auch schon daran gedacht. Ich werde hingehen und sie sehen . . . dann wird es sich finden . . . Aber was sagst du dazu, Natascha? Jetzt hat sich doch bei uns alles geändert!« fuhr er fort, nicht imstande, diesen Ausruf zurückzuhalten.

Sie lächelte und sah ihn mit einem langen, zärtlichen Blick an.

»Und wie zartfühlend er ist! Er sah, was du für eine ärmliche Wohnung hast; aber er hat kein Wort davon gesagt, daß . . .«

»Wovon?«

»Nun . . . daß du in eine andere Wohnung ziehen solltest . . . oder so etwas«, fügte er errötend hinzu.

»Aber ich bitte dich, Aljoscha! Wie hätte er das auch sagen können!«

»Das sage ich ja eben, daß er so zartfühlend ist. Und wie er dich gelobt hat! Ich habe es dir ja gesagt, ich habe es dir gesagt! Nein, er hat für alles Verständnis und vermag alles nachzufühlen! Von mir aber hat er wie von einem Kind gesprochen; alle denken sie so von mir! Nun ja, ich bin ja auch wirklich noch ein Kind.«

»Du bist ein Kind; aber du siehst schärfer als wir alle. Du hast ein gutes Herz, Aljoscha!«

»Aber er hat gesagt, daß mein gutes Herz mir zum Schaden gereicht. Wie soll das zugehen? Das verstehe ich nicht. Aber weißt du was, Natascha: soll ich nicht schnell zu ihm fahren? Morgen in aller Frühe bin ich wieder bei dir.«

»Fahre hin, fahre hin, lieber Aljoscha! Das ist ein guter Gedanke von dir. Und zeige dich ihm jedenfalls heute noch, hörst du wohl? Und morgen komm möglichst früh wieder her! Jetzt wirst du nicht mehr fünf Tage lang von mir fernbleiben?« fügte sie schelmisch mit einem freundlichen Blick hinzu.

Wir waren alle von einem stillen, aber starken Gefühl der Freude erfüllt.

»Kommen Sie mit mir mit, Wanja?« fragte Aljoscha, als er das Zimmer verließ.

»Nein, er bleibt noch hier; ich habe noch mit dir zu reden, Wanja. Vergiß nur nicht: morgen in aller Frühe!«

»Jawohl, in aller Frühe! Adieu, Mawra!«

Mawra befand sich in starker Aufregung. Sie hatte alles gehört, was der Fürst gesagt hatte, alles erlauscht, aber vieles nicht begriffen. Sie hätte jetzt gern gefragt und sich über alles unterrichtet. Aber einstweilen nahm sie eine sehr ernste und sogar stolze Miene an. Auch sie erriet, daß sich vieles geändert hatte.

Wir blieben allein. Natascha ergriff meine Hand und schwieg eine Zeitlang, wie wenn sie überlegte, was sie sagen sollte.

»Ich bin so müde!« sagte sie endlich mit schwacher Stimme. »Höre: du gehst doch wohl morgen zu ihnen?«

»Ja, bestimmt.«

»Sage es Mama, aber ihm nicht!«

»Ich rede ja auch sowieso mit ihm niemals von dir.«

»Nun ja, er wird es auch ohne das erfahren. Achte aber darauf, was er sagen wird, wie er es aufnimmt. O Gott, Wanja! Wird er mich denn wirklich um dieser Ehe willen verfluchen? Nein, es ist nicht möglich!«

»Der Fürst muß alles in Ordnung bringen«, fiel ich eilig ein. »Er muß sich unbedingt mit ihm versöhnen, und dann wird alles gut werden.«

»O mein Gott! Wenn das doch geschähe! Wenn das doch geschähe!« rief sie im Ton inständiger Bitte.

»Beunruhige dich nicht, Natascha; es wird alles gut werden. Es läßt sich so an.«

Sie blickte mich fest an.

»Wanja, wie denkst du über den Fürsten?«

»Wenn er aufrichtig redet, so ist er nach meiner Meinung ein durchaus ehrenhafter Mensch.«

»Wenn er aufrichtig redet? Was heißt das? Ist es denn denkbar, daß er unaufrichtig gesprochen hat?«

»Ich meine es ebenfalls nicht«, antwortete ich und dachte bei mir: ›Also geht ihr doch auch so ein Gedanke durch den Kopf! Sonderbar!‹

»Du sahst ihn immer so unverwandt an . . .«

»Ja, er kam mir etwas seltsam vor.«

»Mir auch. Er redete so eigentümlich . . . Ich bin so müde, lieber Freund. Weißt du was? Geh auch nach Hause! Und komm morgen so früh wie möglich von ihnen zu mir! Noch eins: es war doch keine Beleidigung, als ich zu ihm sagte, ich möchte ihn recht schnell liebgewinnen?«

»Nein . . . was soll das für eine Beleidigung sein?«

»Und . . . es war auch nicht dumm gesagt? Es lag ja doch darin der Gedanke, daß ich ihn jetzt noch nicht liebhätte.«

»Im Gegenteil, es war sehr schön gesagt, naiv und impulsiv. Du warst so schön in diesem Augenblick! Er ist dumm, wenn er in den Manieren der vornehmen Welt so befangen ist, daß er dafür kein Verständnis hat!«

»Du scheinst über ihn aufgebracht zu sein, Wanja? Aber wie schlecht, argwöhnisch und eitel bin ich doch! Lache nicht; ich verheimliche dir ja nichts. Ach, Wanja, mein teurer Freund! Wenn ich wieder unglücklich sein werde, wenn das Leid wieder heranrückt, dann wirst du gewiß bei mir sein und mir zur Seite stehen; du wirst vielleicht mein einziger Helfer sein! Wie soll ich dir das alles vergelten? Fluche mir niemals, Wanja!«

Als ich nach Hause zurückgekehrt war, zog ich mich sogleich aus und legte mich schlafen. In meinem Zimmer war es feucht und dunkel wie in einem Keller. Viele seltsame Gedanken und Gefühle wogten in meinem Innern, und lange Zeit konnte ich nicht einschlafen.

Aber wie mochte in diesem Augenblick ein Gewisser lachen, der sich in seinem bequemen Bett anschickte einzuschlafen; – wenn er uns überhaupt eines Lächelns würdigte! Wahrscheinlich jedoch würdigte er uns dessen nicht.

Drittes Kapitel

Als ich am andern Morgen um zehn Uhr im Begriff war, meine Wohnung zu verlassen, um nach der Wassili-Insel zu Ichmenews zu eilen und von ihnen mich möglichst schnell zu Natascha zu begeben, stieß ich plötzlich in der Tür mit meiner gestrigen Besucherin, der Enkelin des alten Smith, zusammen. Sie wollte zu mir kommen. Ich erinnere mich, daß ich mich über ihr Kommen sehr freute, ohne recht einen Grund für diese Freude zu wissen. War sie mir schon am Abend des vorhergehenden Tages merkwürdig erschienen, wo ich sie nicht genauer hatte betrachten können, so setzte sie mich jetzt bei Tage noch mehr in Erstaunen. Es wäre auch wirklich schwer gewesen, ein seltsameres, originelleres Wesen zu finden, wenigstens was das Äußere anlangt. Von kleiner Statur, mit blitzenden, schwarzen, nicht-russischen Augen, mit dichtem, schwarzem, wirrem Haar und mit einem rätselhaften, stummen, hartnäckigen Blick war sie geeignet, sogar die Aufmerksamkeit eines jeden Passanten auf der Straße zu erregen. Besonders frappierte ihr Blick: in diesem leuchtete ein guter Verstand; zugleich aber lag in ihm eine Art von fragendem Mißtrauen, ja sogar eine gewisse argwöhnische Furcht. Ihr abgetragenes, schmutziges Kleidchen hatte bei Tageslicht noch mehr Ähnlichkeit mit Lumpen als am vorhergehenden Abend. Es schien mir, als ob sie an einer schleichenden, hartnäckigen, chronischen Krankheit leide, die allmählich, aber unerbittlich ihren Organismus zerstöre. Ihr blasses, mageres Gesicht hatte eine unnatürliche, bräunlichgelbe, gallige Färbung. Im ganzen aber konnte man sie trotz aller Verunstaltung durch Armut und Krankheit sogar hübsch nennen. Ihre Augenbrauen waren scharf gezeichnet, fein und edel; besonders schön waren auch ihre breite, etwas niedrige Stirn und die Lippen, die einen stolzen, mutigen Zug aufwiesen, aber blaß und nur ganz schwach gerötet waren.

»Ach, da bist du ja wieder!« rief ich. »Nun, das hatte ich mir schon gedacht, daß du kommen würdest. Komm doch herein!«

Langsam, wie gestern, trat sie über die Schwelle, kam herein und blickte sich mißtrauisch um. Aufmerksam musterte sie das Zimmer, in dem ihr Großvater gewohnt hatte, wie wenn sie feststellen wollte, was sich bei dem neuen Mieter darin geändert habe. ›Na, die Enkelin ist geradeso wie der Großvater‹, dachte ich. ›Ob sie wohl bei vollem Verstand ist?‹ Sie schwieg immer noch; ich wartete.

»Ich wollte die Bücher holen!« flüsterte sie endlich mit niedergeschlagenen Augen.

»Ach ja, deine Bücher; da sind sie, nimm! Ich habe sie absichtlich für dich aufgehoben.«

Sie blickte mich neugierig an und zog den Mund in einer eigentümlichen Weise schief, wie wenn sie mißtrauisch lächeln wollte. Aber der Ansatz zu diesem Lächeln ging vorüber, und der frühere finstere, rätselhafte Ausdruck trat sogleich wieder an seine Stelle.

»Hat vielleicht der Großvater zu Ihnen von mir gesprochen?« fragte sie, mich vom Kopf bis zu den Füßen ironisch ansehend.

»Nein, von dir hat er nicht gesprochen; aber er . . .«

»Aber woher haben Sie dann gewußt, daß ich kommen würde? Wer hat es Ihnen gesagt?« fragte sie, mich schnell unterbrechend.

»Ich dachte, dein Großvater könne doch nicht so ganz allein, so von allen Menschen verlassen hier gelebt haben. Er war so alt und schwach; da meinte ich, es sei manchmal jemand zu ihm gekommen. Nimm; da sind deine Bücher. Du lernst wohl daraus?«

»Nein.«

»Wozu brauchst du sie dann?«

»Der Großvater hat mich daraus unterrichtet, in der Zeit, als ich noch zu ihm kam.«

»Bist du denn nachher nicht mehr zu ihm gekommen?«

»Nein, nachher nicht mehr . . . ich war krank geworden«, fügte sie wie zu ihrer Entschuldigung hinzu.

»Hast du Angehörige, eine Mutter, einen Vater?«

Sie zog plötzlich die Brauen finster zusammen und sah mich sogar ordentlich ängstlich an. Dann schlug sie die Augen nieder, wandte sich schweigend ab und ging, ohne mich einer Antwort zu würdigen, leise aus dem Zimmer, ganz wie am vorhergehenden Tag. Erstaunt folgte ich ihr mit den Augen. Aber auf der Schwelle blieb sie stehen.

»Woran ist er gestorben?« fragte sie kurz, fast ohne sich nach mir umzuwenden, mit ganz derselben Haltung und Bewegung wie tags zuvor, als sie ebenfalls beim Hinausgehen, das Gesicht der Tür zugewandt, stehenblieb und nach Asorka fragte.

Ich trat zu ihr und begann, ihr in kurzen Worten den Hergang zu erzählen. Mir den Rücken zuwendend, hörte sie mit gesenktem Kopf schweigend und aufmerksam zu. Ich erzählte ihr auch, daß der alte Mann im Sterben von der Sechsten Linie gesprochen habe.

»Ich dachte mir«, fügte ich hinzu, »daß dort gewiß einer von seinen Angehörigen wohne, und daher erwartete ich auch, daß jemand kommen und sich nach ihm erkundigen werde. Gewiß hat er dich liebgehabt, da er sich in seinem letzten Augenblick deiner erinnerte.«

»Nein«, flüsterte sie wie unwillkürlich, »er hat mich nicht liebgehabt.«

Sie befand sich in starker Aufregung. Beim Erzählen hatte ich mich zu ihr hinabgebeugt und ihr ins Gesicht gesehen. Ich hatte bemerkt, daß sie große Anstrengungen machte, um ihre Aufregung zu unterdrücken, anscheinend aus Stolz mir gegenüber. Sie wurde immer blasser und blasser und biß sich stark auf die Unterlippe. Aber namentlich fiel mir der sonderbare Schlag ihres Herzens auf. Dieses schlug immer stärker und stärker, so daß man es zuletzt zwei, drei Schritte weit hören konnte, wie bei einem Aneurysma. Ich glaubte, sie würde auf einmal in Tränen ausbrechen wie am vorhergehenden Tag; aber sie bezwang sich.

»Wo ist der Zaun?«

»Was für ein Zaun?«

»An dem er gestorben ist.«

»Ich werde ihn dir zeigen, wenn wir hinauskommen. Sag mal, wie heißt du denn?«

»Es hat keinen Zweck.«

»Was hat keinen Zweck?«

»Es hat keinen Zweck; es ist gleichgültig . . . ich habe keinen Namen«, stieß sie, anscheinend ärgerlich, heraus und machte eine Bewegung, um fortzugehen. Ich hielt sie zurück.

»Warte doch, du wunderliches Kind! Ich meine es ja gut mit dir; du tust mir leid, seit gestern, als du da im Winkel auf der Treppe weintest. Ich kann gar nicht ohne Schmerz daran denken . . . Außerdem ist dein Großvater unter meinen Händen gestorben, und gewiß hat er an dich gedacht, als er von der Sechsten Linie sprach; es war, als wolle er dich meinem Schutz empfehlen. Ich habe sogar von ihm geträumt . . . Und auch die Bücher da habe ich für dich aufgehoben; aber du bist so scheu, als ob du dich vor mir fürchtetest. Du bist gewiß sehr arm und eine Waise und wohnst vielleicht bei fremden Leuten; ist es so?«

Ich hatte herzlich auf sie eingesprochen und weiß selbst nicht, wodurch sie für mich eine solche Anziehungskraft hatte. Es lag in meinem Gefühl noch etwas anderes als bloßes Mitleid. War es nun das Geheimnisvolle der ganzen Sache oder der Eindruck, den der alte Smith auf mich gemacht hatte, oder meine eigene phantastische Gemütsverfassung, ich weiß es nicht, aber es zog mich etwas unwiderstehlich zu ihr hin. Meine Worte schienen sie gerührt zu haben; sie sah mich sonderbar an, aber nicht mehr finster, sondern sanft und lange; dann schlug sie wieder, wie überlegend, die Augen nieder.

»Jelena«, flüsterte sie auf einmal, für mich unerwartet, sehr leise.

»Also du heißt Jelena?«

»Ja . . .«

»Nun, wie ist's? Wirst du manchmal zu mir kommen?«

»Ich kann nicht . . . ich weiß nicht . . . ja, ich werde kommen«, flüsterte sie, wie überlegend und mit sich kämpfend.

In diesem Augenblick schlug irgendwo eine Wanduhr.

Die Kleine fuhr zusammen, sah mich mit unbeschreiblich schmerzlicher Angst an und flüsterte:

»Was hat es da geschlagen?«

»Doch wohl halb elf.«

Sie schrie vor Schreck auf.

»O Gott!« rief sie und stürzte auf einmal davon. Aber auf dem Flur hielt ich sie noch einmal an.

»Ich lasse dich so nicht fort«, sagte ich. »Wovor fürchtest du dich? Hast du dich verspätet?«

»Ja, ja, ich bin heimlich weggegangen! Lassen Sie mich los! Sie wird mich schlagen!« schrie sie. Sie hatte offenbar mehr gesagt, als sie wollte, und riß sich aus meinen Händen los.

»So höre doch und warte; du willst nach der Wassili-Insel und ich ebenfalls, nach der Dreizehnten Linie. Ich habe mich auch verspätet und will eine Droschke nehmen. Willst du mit mir fahren? Ich werde dich hinbringen. Es geht schneller als zu Fuß . . .«

»Sie dürfen nicht dahin, wo ich wohne!« schrie sie, noch heftiger erschrocken. Ihre Gesichtszüge verzerrten sich sogar bei dem bloßen Gedanken, daß ich zu ihrer Wohnung kommen könnte.

»Aber ich sage dir ja, daß ich in meinen eigenen Angelegenheiten nach der Dreizehnten Linie will und nicht zu dir! Ich werde nicht hinter dir hergehen. Mit einer Droschke werden wir bald da sein. Komm!«

Wir stiegen eilig die Treppe hinunter. Ich nahm die erste Droschke, auf die ich stieß; es war ein greuliches Vehikel. Jelena hatte offenbar große Eile, da sie sich entschloß, mit mir einzusteigen. Das Rätselhafteste war mir, daß ich nicht einmal wagen durfte, sie zu fragen. Sie wehrte mit den Armen ab und wäre beinahe aus der Droschke gesprungen, als ich fragte, vor wem sie zu Hause solche Furcht habe. ›Was steckt für ein Geheimnis dahinter?‹ dachte ich.

In der Droschke saß sie sehr unbequem. Bei jedem Stoß griff sie mit ihrer schmutzigen, von Schrunden bedeckten, kleinen Linken nach meinem Mantel, um sich festzuhalten. Mit der andern Hand hielt sie ihre Bücher fest gefaßt; es war aus allem ersichtlich, daß ihr diese Bücher sehr teuer waren. Als sie sich einmal zurechtrückte, wurde einer ihrer Füße sichtbar, und zu meinem größten Erstaunen nahm ich wahr, daß sie nur zerrissene Schuhe, aber keine Strümpfe anhatte. Obgleich ich mir eigentlich vorgenommen hatte, sie nach nichts zu fragen, konnte ich mich doch nicht bezwingen.

»Besitzt du denn keine Strümpfe?« fragte ich. »Wie kann man nur bei so feuchtem, kaltem Wetter mit bloßen Füßen gehen?«

»Nein«, antwortete sie kurz.

»Aber, mein Gott, du wohnst doch gewiß bei jemand! Da solltest du die Leute um Strümpfe bitten, wenn du ausgehen mußt.«

»Ich will es selbst so.«

»Aber du wirst krank werden und sterben!«

»Nun, dann sterbe ich!«

Sie wollte mir offenbar nicht antworten und war über meine Fragen ungehalten.

»Hier ist die Stelle, wo er gestorben ist«, sagte ich und zeigte ihr das Haus, bei dem der alte Mann gestorben war.

Sie betrachtete es aufmerksam, wandte sich dann auf einmal zu mir und sagte im Ton inständigster Bitte:

»Um Gottes willen, gehen Sie mir nicht nach! Aber ich werde zu Ihnen kommen, ich werde zu Ihnen kommen! Sobald es mir möglich sein wird, werde ich kommen!«

»Nun gut; ich habe dir schon gesagt, daß ich dir nicht nachgehen werde. Aber wovor fürchtest du dich denn? Du bist gewiß sehr unglücklich. Es tut mir weh, dich anzusehen . . .«

»Ich fürchte mich vor niemand«, antwortete sie; ihre Stimme klang gereizt.

»Aber du sagtest doch vorhin: ›Sie wird mich schlagen!‹«

»Mag sie mich schlagen!« erwiderte sie mit funkelnden Augen. »Mag sie mich schlagen! Mag sie mich schlagen!« wiederholte sie bitter, und ihre Oberlippe zog sich verächtlich in die Höhe und zitterte.

Endlich kamen wir auf die Wassili-Insel. Die Kleine ließ den Kutscher am Anfang der Sechsten Linie halten und sprang, sich unruhig rings umblickend, aus dem Wagen.

»Fahren Sie weiter; ich werde zu Ihnen kommen, ich werde zu Ihnen kommen«, wiederholte sie in schrecklicher Beängstigung und bat mich flehentlich, ihr nicht nachzugehen. »Fahren Sie recht schnell fort, recht schnell!«

Ich fuhr davon. Aber nachdem ich ein paar Schritte auf der Uferstraße weitergefahren war, lohnte ich den Kutscher ab, kehrte nach der Sechsten Linie zurück und ging schnell auf die andere Seite der Straße hinüber. Ich sah das Mädchen; sie war noch nicht weit weg, obgleich sie sehr schnell ging und sich dabei immer umblickte; einmal blieb sie sogar einen Augenblick stehen, um besser sehen zu können, ob ich auch nicht hinter ihr herkäme. Aber ich versteckte mich in einem Torweg, bei dem ich gerade war, und sie bemerkte mich nicht. Sie ging weiter und ich hinter ihr her, immer auf der anderen Seite der Straße.

Meine Neugier war im höchsten Grad erregt. Ich beabsichtigte zwar nicht, ihr in ihre Wohnung zu folgen, wollte aber für jeden Fall das Haus sehen, in welches sie hineingehen würde. Ich stand unter der Einwirkung eines seltsamen, peinlichen Gefühls, ähnlich demjenigen, das ihr Großvater in der Konditorei bei mir hervorgerufen hatte, als Asorka starb.

Viertes Kapitel

Wir gingen lange, bis dicht an den Kleinen Prospekt. Sie lief beinahe; endlich ging sie in einen Laden. Ich blieb stehen, um zu warten, bis sie wieder herauskommen würde. ›Sie wird doch nicht in dem Laden wohnen‹, dachte ich.

Wirklich kam sie nach einer Minute wieder heraus; aber die Bücher hatte sie nicht mehr bei sich. Statt der Bücher hatte sie eine irdene Schüssel in den Händen. Nachdem sie noch ein wenig weitergegangen war, bog sie in den Torweg eines unansehnlichen Hauses ein. Das Haus war nur klein, aber von Stein gebaut, alt, zweistöckig (aus einem Kellergeschoß und einem Hochparterre bestehend) und mit schmutziggelber Farbe angestrichen. In einem der drei Fenster des Kellergeschosses stand ein kleiner roter Sarg, das Schaustück eines geringen Sargtischlers. Die Fenster des oberen Stockwerkes waren sehr klein und vollständig quadratisch, mit trüben, grünlichen gesprungenen Scheiben, durch welche rosarote baumwollene Vorhänge sichtbar waren. Ich ging über die Straße hinüber, trat an das Haus heran und las auf einem Blechschild über dem Tor: ›Haus der Kleinbürgerin Bubnowa‹.

Aber kaum hatte ich das Schild gelesen, als auf dem Hof bei Frau Bubnowa das durchdringende Kreischen einer Weiberstimme erscholl, worauf eine Flut von Schimpfworten folgte. Ich blickte durch das Pförtchen hinein; auf den hölzernen Stufen vor der Haustür stand ein dickes Weib, in der Tracht einer Kleinbürgerin, mit einem hellfarbigen, seidenen Kopftuch und einem grünen Schal. Ihr Gesicht zeigte eine widerwärtige Purpurfarbe; die kleinen, triefenden, blutunterlaufenen Augen funkelten vor Bosheit. Offenbar war sie, obwohl es erst Vormittag war, nicht mehr nüchtern. Sie kreischte die arme Jelena an, die in einer Art von Erstarrung mit der Schüssel in den Händen vor ihr stand. Von der Treppe, hinter dem Rücken des dunkelroten Weibes stehend, sah ein strubbliges, weiß und rot geschminktes weibliches Wesen heraus. Bald darauf öffnete sich die Tür zu der nach dem Kellergeschoß führenden Treppe, und auf den Stufen dieser Treppe erschien, wahrscheinlich durch das Geschrei herbeigelockt, eine ärmlich gekleidete Frau in mittleren Jahren von angenehmem, bescheidenem Äußeren. Aus der halbgeöffneten Tür sahen auch noch andere Bewohner des Kellergeschosses heraus: ein gebrechlicher Greis und ein Mädchen. Ein großer, stämmiger Mann, wahrscheinlich der Hausknecht, stand mit einem Besen in der Hand mitten auf dem Hof und sah lässig die ganze Szene mit an.

»Ach, du verfluchte Kanaille, ach, du Blutsaugerin, du ekelhafte Laus du!« kreischte die Frau, indem sie sämtliche in ihrem Vorrat vorhandenen Schimpfwörter heraussprudelte, meist ohne Kommata und Punkte und die letzten Buchstaben verschluckend. »So lohnst du mir meine Pflege, du Lumpending? Nach Gurken habe ich sie geschickt, und da ist sie gleich ausgerissen! Schon als ich sie wegschickte, habe ich geahnt, daß sie ausreißen würde. Ich fühlte so einen Schmerz im Herzen, einen dumpfen Schmerz! Gestern abend habe ich ihr für dasselbe Vergehen alle Haare ausgerissen, und heute läuft sie schon wieder weg! Wo gehst du denn hin, du Herumtreiberin, wo gehst du denn hin? Zu wem gehst du, du verfluchtes Götzenbild, du glotzäugiges Scheusal, du Viper, zu wem gehst du? Sprich, du stinkfaules Aas, oder ich erwürge dich auf der Stelle!«

Das wütende Weib stürzte auf das arme Mädchen los; aber beim Anblick der von der Treppentür aus zusehenden, im Kellergeschoß wohnenden Frau hielt sie plötzlich inne und begann, sich zu dieser hinwendend, noch gellender als vorher zu kreischen und mit den Armen herumzufuchteln, wie wenn sie sie zur Zeugin des schrecklichen Verbrechens ihres armen Opfers nehmen wollte:

»Ihre Mutter ist krepiert! Ihr wißt selbst, gute Leute: sie ist ganz allein auf der Welt zurückgeblieben. Ich sah, daß sie euch armen Leuten auf dem Hals lag und ihr selbst nichts zu beißen und zu brechen hattet. ›Na‹, dachte ich, ›ich will dem heiligen Nikolaus zu Ehren ein gutes Werk tun und die Waise annehmen.‹ Das tat ich denn auch. Aber was meint ihr wohl? Da sorge ich nun schon zwei Monate für ihren Unterhalt, und in diesen zwei Monaten hat sie mir geradezu alles Blut aus dem Körper gesogen. Dieser Vampir! Diese Klapperschlange! Dieser verstockte Satan! Wenn man sie noch soviel schlägt, es hilft nichts, sie schweigt immer, als ob sie Wasser in den Mund genommen hätte; immer schweigt sie! Sie zerreißt mir das Herz und schweigt! Wofür hältst du dich denn, du wichtige Person, du grüne Meerkatze? Ohne mich wärst du auf der Straße Hungers gestorben. Die Füße müßtest du mir waschen und das Waschwasser trinken, du Unhold, du schändliche französische Dirne! Ohne mich wärst du verreckt!«

»Aber warum regen Sie sich denn so auf, Anna Trifonowna? Womit hat sie Sie denn wieder geärgert?« fragte respektvoll die Frau, an die die wütende Megäre sich gewendet hatte.

»Womit sie mich geärgert hat, liebe Frau? Ich dulde keine Widersetzlichkeit! ›Schimpf im stillen, aber tu meinen Willen!‹ Das ist nun mein Grundsatz! Sie aber hat mich heute beinahe ins Grab gebracht! Ich hatte sie in den Laden nach Gurken geschickt, und nach drei Stunden kommt sie wieder! Es hat mir schon geahnt, als ich sie wegschickte; ich fühlte so einen Schmerz im Herzen, einen dumpfen Schmerz! Wo ist sie gewesen? Wo ist sie hingegangen? Was hat sie sich für Beschützer gesucht? Habe ich ihr nicht alle möglichen Wohltaten erwiesen? Ihrer schändlichen Mutter habe ich die vierzehn Rubel erlassen, die sie mir schuldig war; ich habe sie auf meine Kosten begraben lassen, habe ihren Teufel von Tochter zur Erziehung angenommen, das weißt du ja, liebe Frau, das weißt du ja selbst! Na, und nach alledem soll ich ihr nichts zu sagen haben? Sie sollte fühlen, daß sie mir Gehorsam schuldig ist; aber statt dessen ist sie widersetzlich! Ich wollte ihr Bestes. Ich wollte die schändliche Krabbe ein Musselinkleid tragen lassen; Stiefelchen habe ich ihr im Kaufhaus gekauft; wie einen Pfau habe ich sie herausgeputzt: sie konnte sich freuen! Aber was meint ihr, gute Leute? In zwei Tagen hat sie das ganze Kleid zerrissen, in Stücke hat sie es zerrissen, in Fetzen, und so geht sie nun, so geht sie nun! Und was meint ihr? Absichtlich hat sie es zerrissen, ich will nicht lügen, ich habe es selbst heimlich angesehen; ›ich will in Zwillich gehen‹, sagte sie. ›Ich will kein Musselinkleid!‹ Na, ich habe mein Mütchen an ihr gekühlt und sie geprügelt, und dann habe ich den Arzt gerufen; dem habe ich noch Geld bezahlt. Totschlagen sollte man dich, du ekelhafte Laus; aber ich habe dir nur Strafen auferlegt! Zur Strafe befahl ich ihr, den Fußboden zu scheuern; und was denkt ihr: sie scheuert ihn, das Aas, sie scheuert ihn! Ganz wütend macht sie mich: sie scheuert ihn! ›Na‹, dachte ich, ›sie wird von mir weglaufen!‹ Und kaum hatte ich es gedacht, siehst du wohl, da war sie auch gestern weggelaufen! Ihr habt es selbst gehört, gute Leute, wie ich sie gestern dafür geschlagen habe; beide Arme habe ich mir müde an ihr geschlagen; die Strümpfe und Schuhe habe ich ihr weggenommen; ›sie wird doch nicht barfuß davongehen‹, dachte ich. Aber heute ist sie wieder weg! Wo bist du gewesen? Sprich! Bei wem hast du dich beklagt, du Brennessel, bei wem hast du mich verpetzt? Sprich, du Zigeunerin, du hergelaufene Dirne, sprich!«

Und wütend stürzte sie sich auf das Mädchen, das vor Angst wie besinnungslos dastand, packte es an den Haaren und warf es zu Boden. Die Schüssel mit den Gurken flog zur Seite und zerbrach; dadurch wurde die Raserei der betrunkenen Megäre noch gesteigert. Sie schlug ihr Opfer ins Gesicht, auf den Kopf; aber Jelena schwieg hartnäckig, und kein Laut, kein Schrei, keine Klage kamen aus ihrem Mund, nicht einmal unter den Faustschlägen.

Ich stürzte auf den Hof, fast von Sinnen vor Empörung, und lief gerade auf das betrunkene Weib zu.

»Was tun Sie da? Wie können Sie es wagen, eine arme Waise so zu behandeln?« rief ich und ergriff die Furie am Arm.

»Was soll das heißen? Was sind Sie für einer?« schrie sie, ließ Jelena los und stemmte die Arme in die Seiten. »Was führt Sie in mein Haus?«

»Ihre Unbarmherzigkeit führt mich her!« rief ich. »Wie können Sie es wagen, das arme Kind so zu tyrannisieren? Sie ist ja nicht Ihr Kind; ich habe selbst gehört, daß sie eine arme Waise ist und Sie sie nur angenommen haben . . .«

»Herr Jesus!« heulte die Furie. »Was sind Sie denn für einer, daß Sie sich hier eindrängen? Sind Sie mit ihr zusammen hergekommen, wie? Ich werde gleich zum Reviervorsteher schicken! Andron Timofejewitsch weiß, daß ich eine anständige Frau bin, und hat vor mir alle Achtung! Wie hängt das zusammen? Sie ist wohl bei Ihnen gewesen? Was sind Sie für einer? Kommt da in ein fremdes Haus und macht Skandal! Hilfe!«

Sie stürzte mit erhobenen Fäusten auf mich los. Aber in diesem Augenblick ertönte plötzlich ein durchdringender, gräßlicher Schrei. Ich blickte hin: Jelena, die wie besinnungslos dagestanden hatte, war auf einmal mit einem furchtbaren, unnatürlichen Schrei zu Boden gestürzt und wand sich in schrecklichen Krämpfen. Ihr Gesicht war verzerrt. Sie hatte einen epileptischen Anfall bekommen. Das Mädchen mit dem strubbligen Haar und die Frau von unten liefen hinzu, hoben sie auf und trugen sie eilig nach oben.

»Meinetwegen kannst du krepieren, du verfluchtes Balg!« schrie ihr das Weib nach. »In einem Monat ist das nun schon der dritte Anfall . . . Hinaus, Sie Intrigant!« Sie stürzte von neuem auf mich los.

»Was stehst du da, Hausknecht? Wofür bekommst du deinen Lohn?«

»Machen Sie, daß Sie rauskommen! Wenn Sie wollen, können Sie eine Tracht Prügel besehen«, ließ sich der Hausknecht lässig in tiefem Baß vernehmen, anscheinend nur der Form wegen. »›Ist ein Liebespaar allein, dräng dich nicht als dritter ein!‹ lautet die Regel. Empfehlen Sie sich, und scheren Sie sich davon!«

Es war nichts zu machen; ich ging aus dem Tor hinaus in der Überzeugung, daß mein Eingreifen völlig fruchtlos gewesen sei. Aber die Empörung kochte in mir. Ich blieb auf dem Trottoir vor dem Tor stehen und sah durch das Pförtchen. Kaum war ich hinausgegangen, als das Weib nach oben lief; auch der Hausknecht entfernte sich irgendwohin, da er mit seiner Arbeit fertig war. Einen Augenblick darauf trat die Frau, welche geholfen hatte, Jelena hinaufzutragen, wieder aus der Haustür, um nach unten in ihre Wohnung zu gehen. Als sie mich erblickte, blieb sie stehen und sah mich neugierig an. Ihr gutes, stilles Gesicht ermutigte mich. Ich trat von neuem auf den Hof und ging gerade auf sie zu.

»Gestatten Sie die Frage«, begann ich, »was es mit diesem Mädchen hier für eine Bewandtnis hat und was dieses abscheuliche Weib mit ihr anfängt. Bitte, glauben Sie nicht, daß ich aus bloßer Neugier frage. Ich bin mit diesem Mädchen bereits anderwärts zusammengetroffen und interessiere mich aus bestimmtem Grunde sehr für sie.«

»Wenn Sie sich für sie interessieren, so würden Sie am besten tun, sie zu sich zu nehmen oder sonstwo eine Stelle für sie ausfindig zu machen, statt sie hier zugrunde gehen zu lassen«, sagte die Frau, anscheinend nur ungern, und machte eine Bewegung, als wolle sie von mir fortgehen.

»Aber wenn Sie mir keine Auskunft geben, was kann ich denn dann tun? Ich sage Ihnen, daß ich nichts weiß. Das war gewiß Frau Bubnowa selbst, die Hauswirtin?«

»Ja, das war die Hauswirtin selbst.«

»Wie ist denn also das Mädchen zu ihr gekommen? Ihre Mutter ist hier gestorben?«

»Ja, so ist sie zu ihr gekommen . . . Uns geht's nichts an . . .«

Sie wollte wieder fortgehen.

»Aber tun Sie mir doch den Gefallen! Ich sage Ihnen ja, daß mich die Sache sehr interessiert. Ich bin vielleicht imstande, etwas für sie zu tun. Wer ist denn dieses Mädchen? Wer war ihre Mutter? Wissen Sie es?«

»Das war eine Art Ausländerin; sie war von auswärts hergekommen. Sie wohnte bei uns unten und war sehr krank; sie ist auch an der Schwindsucht gestorben.«

»Also ist sie wohl sehr arm gewesen, wenn sie als Aftermieterin im Kellergeschoß wohnte?«

»Schrecklich arm! Es schnürte einem das Herz zusammen. Wir schlagen uns nur kümmerlich durch; aber auch uns ist sie in den fünf Monaten, die sie bei uns gewohnt hat, sechs Rubel schuldig geblieben. Wir haben sie auch beerdigt; mein Mann hat noch den Sarg gemacht.«

»Wie kann dann die Bubnowa sagen, sie habe die Beerdigung besorgt?«

»Ach wo! Sie hat nichts dabei getan!«

»Und welchen Familiennamen führte denn die Verstorbene?«

»Ich kann ihn nicht aussprechen, lieber Herr; es war ein schwerer Name, wohl ein deutscher.«

»Smith?«

»Nein, es klang anders. Anna Trifonowna nahm dann die Waise zu sich; wie sie sagt, zur Erziehung. Aber es ist da überhaupt keine schöne Wirtschaft . . .«

»Sie hat sie gewiß in bestimmter Absicht zu sich genommen?«

»Sie treibt ein häßliches Gewerbe«, antwortete die Frau, überlegend und schwankend, ob sie reden solle oder nicht. »Was geht es uns an? Wir haben nichts damit zu tun.«

»Du tätest besser, deine Zunge im Zaum zu halten!« erscholl eine Männerstimme hinter uns.

Es war ein schon älterer Mann in einem Schlafrock und einem darübergezogenen langschößigen Rock, anscheinend ein Handwerksmeister, der Mann der Frau, mit der ich sprach.

»Wir haben mit Ihnen nichts zu reden, lieber Herr; das sind Dinge, die uns nichts angehen . . .«, sagte er, indem er mir einen schrägen Blick zuwarf. »Und du geh nur weg! Adieu, mein Herr! Ich bin Sargtischler; wenn Sie in meinem Fach etwas nötig haben, so werde ich jeden Auftrag zu Ihrer vollen Zufriedenheit ausführen . . . Sonst aber haben Sie und wir nichts miteinander zu verhandeln . . .«

Ich verließ dieses Haus in tiefen Gedanken und großer Aufregung. Machen konnte ich nichts; aber es war mir eine peinliche Empfindung, daß ich die Sache ihren Gang gehen lassen sollte. Einige Worte der Tischlerfrau beunruhigten mich ganz besonders. Da verbarg sich etwas Häßliches; das ahnte ich.

Ich ging mit gebeugtem Kopf und in Gedanken versunken dahin, als mich auf einmal eine laute Stimme mit meinem Familiennamen anrief. Ich blickte auf – vor mir stand ein Betrunkener, der beinahe schwankte; gekleidet war er ziemlich sauber, nur trug er einen garstigen Mantel und eine schmierige Mütze. Sein Gesicht kam mir sehr bekannt vor. Ich betrachtete ihn genauer.

Er blinzelte mich an und lächelte ironisch.

»Erkennst du mich nicht?«

Fünftes Kapitel

»Ah, du bist es Masslobojew!« rief ich, da ich auf einmal in ihm einen früheren Schulkameraden vom Gymnasium in der Gouvernementsstadt her erkannte. »Na, das ist ein unerwartetes Zusammentreffen!«

»Allerdings! Sechs Jahre lang sind wir einander nicht begegnet. Das heißt, begegnet sind wir uns schon; aber Euer Exzellenz haben mich keines Blickes gewürdigt. Du bist ja jetzt ein vornehmer Mann geworden, das heißt ein vornehmer Schriftsteller! . . .«

Bei diesen Worten lächelte er spöttisch.

»Na, lieber Masslobojew, da redest du töricht!« unterbrach ich ihn. »Erstens pflegen die vornehmen Leute, und wenn es auch nur vornehme Schriftsteller sind, schon äußerlich anders auszusehen als ich; und zweitens gestatte mir die Bemerkung: ich erinnere mich in der Tat, daß ich dir ein paarmal auf der Straße begegnet bin, aber du selbst wichst mir augenscheinlich aus; und ich werde doch nicht an jemand herantreten, wenn ich sehe, daß er mir ausweichen will. Und weißt du, was ich glaube? Wenn du nicht betrunken wärst, würdest du mich auch jetzt nicht angerufen haben. Nicht wahr? Na also, sei bestens begrüßt! Ich freue mich, freue mich sehr, lieber Freund, daß ich dich getroffen habe.«

»Wirklich? Kompromittiere ich dich auch nicht durch meine wenig korrekte äußere Erscheinung? Aber da bedarf es keiner Frage; ich erinnere mich noch recht wohl, Wanjuscha, was du für ein prächtiger Junge warst. Erinnerst du dich wohl noch, wie du für mich vom Lehrer Hiebe bekamst? Du schwiegst und verrietest mich nicht; ich aber, statt dir dankbar zu sein, machte mich eine Woche lang über dich lustig. Du bist eine edle Seele! Sei herzlich begrüßt, mein Teuerster!« (Wir küßten uns.) »Ich führe nun schon so viele Jahre lang ein einsames, mühseliges Leben, Tag und Nacht; aber ich habe die alte Zeit nicht vergessen. Die vergißt sich nicht! Und du, was machst du?«

»Ich? Ich führe auch ein einsames, mühseliges Leben . . .«

Er blickte mich lange an, mit der tiefen Rührung eines Menschen, den der Branntwein in weiche Stimmung versetzt hat. Übrigens war er auch sonst ein sehr gutherziger Mensch.

»Nein, Wanja, du bist ein anderer Mensch als ich«, sagte er endlich in pathetischem Ton. »Ich habe deinen Roman gelesen; ich habe ihn gelesen, Wanja, gelesen! . . . Aber höre mal: laß uns ein Weilchen gemütlich zusammen plaudern! Hast du Eile?«

»Ja, und ich muß dir gestehen, da ist eine Sache, die mich furchtbar aufregt. Aber weißt du, was das Beste ist? Sag mir, wo du wohnst!«

»Das will ich dir sagen; aber das Beste ist das nicht. Soll ich dir sagen, was das Beste ist?«

»Nun, was denn?«

»Was ist das da? Siehst du wohl?« Er zeigte auf ein Schild, zehn Schritte entfernt von der Stelle, wo wir standen. »Siehst du: ›Konditorei und Restaurant‹, das heißt, es ist einfach ein Restaurant, aber ein gutes Lokal. Ich sage dir vorher: ein anständiges Lokal, und ein Schnaps – vorzüglich! Ein Göttertrank! Ich habe ihn getrunken, oft getrunken; ich kenne ihn; und man wagt hier auch nicht, mir etwas Schlechtes vorzusetzen. Man kennt Filipp Filippowitsch. Ich heiße nämlich Filipp Filippowitsch. Nun? Du machst ein Gesicht? Nein, laß mich erst ausreden! Jetzt ist es ein Viertel auf zwölf, ich habe eben nachgesehen; na also, pünktlich um elf Uhr fünfunddreißig werde ich dich loslassen. Und unterdessen wollen wir ein bißchen was trinken. Zwanzig Minuten für einen alten Freund – ist's dir recht?«

»Wenn es nur zwanzig Minuten sind, ist's mir recht; denn, lieber Freund, ich habe da, weiß Gott, eine Sache . . .«

»Nun, wenn es dir recht ist, dann schön! Aber warte mal, zwei Worte vorher: du siehst so verstört aus, als ob du dich eben furchtbar geärgert hättest; ist es so?«

»Ja, es ist so.«

»Das hatte ich doch erraten! Ich habe mich nämlich jetzt auf die Physiognomik gelegt, mein Lieber; das ist auch ein Studium! Nun, dann komm und laß uns plaudern! In zwanzig Minuten kann ich meinen Admiralstrunk zu mir nehmen:Nach Schluß der Sitzungen des Admiralitätskollegiums um elf Uhr pflegten Peter der Erste und die Mitglieder des Kollegiums einen Schnaps zu trinken; daher der geläufige humoristische Ausdruck ›die Admiralsstunde‹. erst einen Birkenlikör, dann einen Liebstöckel, dann einen Pomeranzen, dann einen parfait-amour, und dann wird mir schon noch etwas einfallen. Ich bin Trinker, lieber Freund! Nüchtern bin ich nur an Festtagen vor der Messe. Aber du brauchst meinetwegen nicht zu trinken. Es ist mir nur an deiner Person gelegen. Wenn du aber mittrinkst, so wird das ein besonderer Beweis von Edelmut sein. Nun, dann wollen wir gehen! Laß uns ein paar Worte plaudern, und dann trennen wir uns wieder für zehn Jahre! Ich bin nicht von derselben Art wie du, Wanjuscha!«

»Na, schwatze nicht, sondern laß uns lieber hineingehen! Zwanzig Minuten sollen dir gehören; aber dann laß mich los!«

Um in das Restaurant zu gelangen, mußte man eine aus zwei Absätzen bestehende hölzerne Treppe nach dem zweiten Stockwerk hinansteigen. Aber auf der Treppe stießen wir mit zwei stark angetrunkenen Herren zusammen. Als sie uns sahen, wichen sie schwankend zur Seite aus.

Der eine von ihnen war ein sehr junger und sehr jugendlich aussehender Mensch, noch bartlos, nur mit einem ganz schwachen, eben keimenden Schnurrbart und mit übermäßig dummem Gesichtsausdruck. Er war stutzerhaft gekleidet, wirkte aber dabei komisch: es sah aus, als ob er fremde Kleider anhätte. An den Fingern trug er kostbare Ringe; in der Krawatte steckte eine wertvolle Nadel; seine Frisur, mit einer Art von Tolle, nahm sich recht dumm aus. Er lächelte und kicherte fortwährend. Sein Begleiter war schon ungefähr fünfzigjährig, fett, dickbäuchig, ziemlich nachlässig gekleidet, kahlköpfig; er hatte ebenfalls eine große Nadel in der Krawatte, ein pockennarbiges, vom Trunk aufgedunsenes Gesicht und eine Brille auf der knopfähnlichen Nase. Der Ausdruck dieses Gesichtes war boshaft, sinnlich. Die häßlichen, tückischen, mißtrauischen Augen steckten ganz im Fett und blickten wie aus Ritzen heraus. Beide schienen Masslobojew zu kennen; aber der Dicke schnitt bei der Begegnung mit uns ein ärgerliches Gesicht, allerdings nur für einen Augenblick, und der Jüngere verzog seine Lippen zu einem süßlichen, unterwürfigen Lächeln. Er nahm sogar die Mütze ab. Er trug nämlich eine solche.

»Verzeihen Sie, Filipp Filippowitsch«, murmelte er, ihn gefühlvoll anblickend.

»Aber was denn?«

»Pardon . . . hm . . .« (er knipste an seinem Rockkragen). »Da drinnen sitzt Mitrofan. Er benimmt sich sehr ausfällig, dieser Schurke.«

»Was ist denn los?«

»Ganz arg macht er's . . . Dem hier« (er wies mit dem Kopf auf seinen Begleiter) »haben sie in der vorigen Woche auf Anstiften eben dieses Mitrofan an einem unanständigen Ort das ganze Gesicht voll Sahne geschmiert . . . hihi!«

Sein Begleiter stieß ihn ärgerlich mit dem Ellbogen an.

»Aber wollen Sie nicht mit uns ein Halbdutzend Flaschen trinken, Filipp Filippowitsch? Dürfen wir hoffen?«

»Nein, mein Bester, jetzt habe ich keine Zeit«, antwortete Masslobojew. »Ein Geschäft nimmt mich in Anspruch.«

»Hihi! Ich habe auch noch ein Geschäftchen mit Ihnen zu besprechen . . .«

Der Begleiter stieß ihn wieder mit dem Ellbogen an.

»Ein andermal, ein andermal!«

Masslobojew gab sich offenbar Mühe, die beiden nicht anzusehen. Wir gingen in das erste Zimmer, durch das sich in seiner ganzen Länge ein sehr sauberer Verkaufstisch hinzog, dicht besetzt mit kalten Speisen, mit Fleisch- und Fischpasteten und mit Karaffen voll verschiedenfarbiger Liköre. Kaum waren wir eingetreten, als Masslobojew mich schnell in eine Ecke führte und sagte:

»Der Jüngere ist ein Kaufmannssohn namens Ssisobruchow, der Sohn eines angesehenen Mehlhändlers; er hat von seinem Vater eine halbe Million geerbt und verschwendet sie jetzt. Er war nach Paris gereist, hatte dort schon eine Unmenge Geld vergeudet und hätte dort wohl das ganze vertan; aber da erbte er noch von seinem Onkel und kehrte aus Paris zurück; nun bringt er das übrige hier durch. Nach einem Jahr wird er natürlich betteln gehen. Er ist dumm wie eine Gans, treibt sich in den feinsten Restaurants und in Kellerlokalen und Schenken herum, verkehrt mit Schauspielerinnen und hat sich zum Eintritt als Husar gemeldet; er hat neulich ein Gesuch eingereicht. Der andere, ältere, heißt Archipow; er ist auch so eine Art Kaufmann oder Verwalter, hat sich mit Branntweinpacht abgegeben und ist eine Kanaille, ein Gauner, jetzt Ssisobruchows Gefährte, ein Judas und Falstaff, alles zusammen, ein zweimaliger Bankrotteur und ein abscheulich sinnlicher Patron mit verschiedenen häßlichen Neigungen. In dieser Hinsicht weiß ich von ihm eine kriminelle Geschichte; er hat sich nur noch so zur Not herausgewickelt. In einer Beziehung freue ich mich jetzt sehr darüber, daß ich ihn hier getroffen habe; ich wartete darauf . . . Archipow ist jetzt selbstverständlich dabei, Ssisobruchow auszuplündern. Er kennt eine Menge von Spelunken aller Art, wodurch er für solche Jünglinge wertvoll ist. Ich, lieber Freund, wetze schon lange die Zähne, um ihm einen gehörigen Biß zu versetzen. Und dasselbe tut auch Mitrofan, der forsche junge Mann dort im ärmellosen Wams; er steht da am Fenster, der mit dem Zigeunergesicht. Er beschäftigt sich mit Pferdehandel und ist mit allen hiesigen Husaren bekannt. Ich sage dir, er ist ein solcher Schlaukopf: er wird vor deinen sehenden Augen eine Banknote fälschen, und obgleich du es gesehen hast, wirst du sie ihm dennoch einwechseln. Er trägt ein Wams ohne Ärmel, allerdings von Samt, und sieht wie ein Slawophile aus (was ihm meines Erachtens auch ganz gut steht); aber ziehe ihm auf der Stelle einen eleganten Frack nebst Zubehör an, führe ihn in den Englischen Klub und sage dort: ›Der Großgrundbesitzer Graf Barabanow‹, und sie werden ihn dort zwei Stunden lang für einen Grafen halten, und er wird Whist spielen und wie ein Graf reden, und sie werden nichts merken, und er wird sie betrügen. Er wird einmal ein schlechtes Ende nehmen. Also dieser Mitrofan hat es auf den Dickwanst abgesehen; denn bei Mitrofan ist jetzt Ebbe, und der Dickwanst hat ihm seinen früheren Freund Ssisobruchow abspenstig gemacht, ehe er selbst noch Zeit hatte, ihn ordentlich zu scheren. Wenn sie jetzt in dem Restaurant zusammengetroffen sind, so will Mitrofan dem Dicken gewiß einen Streich spielen. Ich weiß sogar, was für einen, und vermute, daß Mitrofan und kein anderer es gewesen ist, der mich benachrichtigt hat, daß Archipow und Ssisobruchow hier sein werden und sich in dieser Gegend mit irgendwelcher schändlichen Absicht herumtreiben. Mitrofans Haß gegen Archipow will ich mir zunutze machen, weil ich meine eigenen Ursachen habe, und ich bin namentlich deswegen hierhergekommen. Ich will aber tun, als ob ich mit Mitrofan nichts zu schaffen habe, und sieh auch du nicht zu scharf zu ihm hin! Wenn wir aber von hier weggehen werden, so wird er wahrscheinlich von selbst an mich herantreten und mir das Erforderliche sagen . . . Aber jetzt komm, Wanja; wir wollen in jenes andere Zimmer dort gehen. – Na, Stepan«, fuhr er zu dem Kellner gewendet fort, »weißt du, was ich gern möchte?«

»Jawohl, ich weiß.«

»Nun, dann erfülle meinen Wunsch!«

»Sogleich werde ich ihn erfüllen.«

»Tu das! Setz dich, Wanja! Na, warum musterst du mich denn so? Ich sehe ja, daß du mich musterst. Wunderst du dich? Wundere dich nicht! Es kann dem Menschen alles mögliche passieren, was er sich nie hat träumen lassen, namentlich damals nicht . . . na, wenigstens damals nicht, als du und ich am Cornelius Nepos büffelten. Aber das kannst du mir glauben, Wanja: wenn Masslobojew auch vom geraden Weg abgeirrt ist, so ist doch sein Herz dasselbe geblieben, und nur die Umstände haben sich geändert. ›Lieber brav im Dreck und Schmutz als ein Schuft in seinem Putz.‹ Ich fing an, Medizin zu studieren, und wollte Lehrer der vaterländischen Literatur werden und schrieb eine Abhandlung über Gogol und beabsichtigte, unter die Goldgräber zu gehen, und schickte mich an, zu heiraten – ›der Menschenseele Wunsch ist Braten, Schnaps und Punsch‹; und ›sie‹ hatte eingewilligt, obgleich in dem Haus ein solcher Überfluß herrschte, daß man keine Katze durch einen Leckerbissen herauslocken konnte. Ich traf schon die Vorbereitungen zur Trauung und wollte mir ein Paar heile Stiefel borgen, weil die meinigen schon seit anderthalb Jahren zerrissen waren . . . Aber ich habe mich nicht verheiratet. Sie hat einen Lehrer genommen, und ich nahm eine Stelle in einem Kontor an, das heißt nicht in einem Bankkontor, sondern in einem geringeren, andersartigen. Na, damit kam ich in eine andere Richtung hinein. Die Jahre sind dahingegangen, und wenn ich jetzt auch nicht in einer dienstlichen Stellung bin, so verdiene ich mir doch hübsche Summen: ich lasse mir Geld in die Hand drücken und trete für Wahrheit und Recht ein; wie man zu sagen pflegt: ›Klug ist's, Schwache anzugreifen und vor Starken auszukneifen.‹ Ich habe meine Grundsätze und weiß zum Beispiel, daß das Sprichwort recht hat: ›Allein vermag auch der Tapferste wenig‹, und – ich betreibe eifrig meine Geschäfte. Meine Geschäfte aber sind meist von geheimnisvollem Charakter . . . du verstehst?«

»Du bist doch nicht etwa Geheimpolizist?«

»Nein, das nicht eigentlich; aber ich gebe mich mit gewissen Geschäften ab, teils in offiziellem Auftrag, teils auch auf eigene Faust. Siehst du, Wanja, ich trinke zwar Schnaps; aber da ich meinen Verstand noch nicht im Schnaps ersäuft habe, so weiß ich auch, was mir in der Zukunft bevorsteht. Die Zeit, wo etwas Besseres aus mir werden konnte, ist vorüber; einen schwarzen Hund kann man nicht durch Waschen weiß machen. Ich will dir nur eins sagen: wenn ich nicht manchmal noch wie ein anständiger Mensch dächte und fühlte, so hätte ich dich heute nicht angeredet, Wanja. Du hast recht: ich bin dir früher mehrmals begegnet und habe dich gesehen; oftmals wäre ich gern an dich herangetreten; aber ich wagte es nie, sondern schob es immer auf. Ich bin deiner nicht wert. Und du hast ganz richtig gesagt, Wanja, daß, wenn ich dich diesmal angeredet habe, das nur infolge meiner Betrunkenheit geschehen sei. Aber das alles ist dummes Gerede; hören wir auf, von mir zu sprechen, und sprechen wir lieber von dir! Na, lieber Freund: ich habe es gelesen! Ich habe es gelesen, von Anfang bis Ende! Ich rede von deinem Erstlingswerk. Als ich es durchgelesen hatte, wäre ich beinah ein anständiger Mensch geworden, mein Bester! Beinahe, aber ich überlegte es mir doch noch und zog es vor, ein unanständiger Mensch zu bleiben. So ist es . . .«

Noch vieles sagte er zu mir in dieser Art. Seine Betrunkenheit nahm immer mehr zu, und er wurde sehr gerührt, fast zu Tränen. Masslobojew war immer ein prächtiger Bursche gewesen; aber er hatte immer seinen Kopf für sich gehabt und war gewissermaßen übermäßig entwickelt gewesen, schlau, verschmitzt, ein Intrigant und Ränkeschmied schon auf der Schule; aber im Grunde war er ein Mensch mit einem guten Herzen, ein verlorener Mensch. Solche Menschen sind unter den Russen zahlreich zu finden. Sie besitzen oft große Fähigkeiten; aber in ihrem Kopf herrscht die größte Verwirrung, und überdies sind sie aus moralischer Schwäche imstande, mit Bewußtsein gegen ihr Gewissen zu handeln; und sie gehen nicht nur zugrunde, sondern wissen auch selbst voraus, daß sie zugrunde gehen werden. Masslobojew zum Beispiel ertrank im Branntwein.

»Jetzt noch ein Wort, lieber Freund«, fuhr er fort. »Ich habe gehört, wie zuerst überall dein Ruhm erscholl; ich las dann verschiedene Kritiken deines Werkes (wirklich, ich habe sie gelesen; du denkst wohl, ich lese gar nichts mehr?); dann traf ich dich mit schlechten Stiefeln, im Schmutz ohne Überschuhe, mit einem zerknickten Hut und erriet manches. Du schreibst jetzt für Journale?«

»Ja, Masslobojew.«

»Du bist also Postgaul geworden?«

»So etwas Ähnliches.«

»Na, dann höre, lieber Freund, was ich dir mit Bezug darauf sagen will: da ist es schon besser, du legst dich aufs Trinken! Siehst du, ich betrinke mich, lege mich auf mein Sofa (ich habe ein prächtiges Sofa mit Sprungfedern) und denke mir, daß ich zum Beispiel so ein Homer oder Dante oder so ein Friedrich Barbarossa bin – ich kann mir ja alles mögliche vorstellen. Na, aber du kannst dir nicht vorstellen, daß du Dante oder Friedrich Barbarossa bist, erstens, weil du du selbst sein willst, und zweitens, weil dir alles Wollen verboten ist; denn du bist eben ein Postgaul. Ich lebe im Reich der Phantasie und du im Reich der Wirklichkeit. Höre, was ich dir offen und geradezu als guter Kamerad sage (durch eine Ablehnung würdest du mich auf zehn Jahre kränken und beleidigen): brauchst du Geld? Ich habe welches. Mach keine Umstände! Nimm das Geld, zahle deinen Verlegern die Vorschüsse zurück, wirf das Kumt ab, lege dir soviel Geld hin, daß du für ein ganzes Jahr sicher zu leben hast, und dann mach dich an die Ausführung einer Lieblingsidee, schreib ein großes Werk! Nun? Was sagst du?«

»Hör mal, Masslobojew! Deinen kameradschaftlichen Vorschlag weiß ich nach Gebühr zu schätzen; aber ich kann dir jetzt nichts darauf antworten; warum ich es nicht kann, das zu erzählen würde zu lange dauern. Es liegen besondere Umstände vor. Übrigens verspreche ich dir: ich werde dir später alles als Freund erzählen. Für deinen Vorschlag danke ich dir; ich verspreche dir, dich zu besuchen, und ich werde dich oft besuchen. Aber jetzt handelt es sich um folgendes: du bist gegen mich offen, und daher möchte ich dich um Rat fragen, um so mehr, da du, wie es scheint, mit solchen Sachen gut Bescheid weißt.«

Und ich erzählte ihm meine Erlebnisse mit Smith und seiner Enkelin, von dem Vorfall in der Konditorei an. Sonderbar: während ich erzählte, glaubte ich ihm an den Augen anzusehen, daß er von dieser Geschichte schon etwas wußte. Ich fragte ihn danach.

»Nein, das nicht!« antwortete er. »Übrigens, über Smith habe ich einiges gehört: daß da ein alter Mann in einer Konditorei gestorben ist. Aber über Frau Bubnowa weiß ich in der Tat dies und das. Dieser Dame habe ich vor zwei Monaten eine kleine Summe abgenommen. Je prends mon bien, où je le trouve und habe nur hierin mit Molière Ähnlichkeit. Aber obgleich ich ihr hundert Rubel abgezwackt habe, habe ich mir doch gleich damals vorgenommen, nächstens nicht bloß hundert, sondern fünfhundert Rubel aus ihr herauszuschinden. Ein gräßliches Weib! Sie treibt ein unerlaubtes Gewerbe. Und das hätte noch nichts zu besagen; aber manchmal versteigt sie sich zu allzu argen Sachen. Bitte, halte mich nicht für einen Don Quichotte! Die Sache ist die, daß dabei tüchtig etwas für mich abfallen kann, und als ich vor einer halben Stunde Ssisobruchow traf, freute ich mich sehr. Ssisobruchow ist offenbar hierhergeführt worden, und zwar von dem Dickwanst, und da ich weiß, mit was für Geschäften sich dieser Dickwanst besonders abgibt, so schließe ich daraus . . . Na, ich werde ihn schon überrumpeln! Ich freue mich sehr, daß ich von dir etwas über dieses Mädchen gehört habe; ich bin jetzt auf eine andere Spur gekommen. Ich beschäftige mich ja damit, allerlei Privataufträge zu erledigen, lieber Freund, und mit was für Leuten werde ich dabei bekannt! Da habe ich neulich für einen Fürsten Nachforschungen in einer Angelegenheit angestellt, ich kann dir sagen, in einer derartigen Angelegenheit, wie man sie von diesem Fürsten nicht erwartet hätte. Oder wenn du willst, werde ich dir eine andere Geschichte von einer verheirateten Frau erzählen? Besuche mich nur, lieber Freund; da werde ich dir solche Stoffe mitteilen, daß, wenn du sie in deinen Erzählungen behandelst, dir kein Mensch glauben wird . . .«

»Wie heißt denn dieser Fürst?« unterbrach ich ihn, von einer Art Ahnung erfüllt.

»Wozu willst du das wissen? Na, meinetwegen: Walkowski.«

»Pjotr?«

»Ja. Kennst du ihn?«

»Ja, aber nicht näher. Nun, Masslobojew, ich werde mich nach diesem Herrn noch manchmal bei dir erkundigen«, sagte ich und stand auf; »du hast mein Interesse in hohem Grade wachgerufen.«

»Na ja, alter Freund, erkundige dich, soviel du willst! Geschichtchen verstehe ich schon zu erzählen, aber selbstverständlich nur innerhalb gewisser Grenzen, du verstehst? Sonst verliert man seinen Kredit und seine Ehre, das heißt die geschäftliche Ehre, na und so weiter.«

»Nun also, soweit es deine Ehre gestatten wird.«

Ich befand mich in starker Aufregung. Er bemerkte das.

»Nun, was kannst du mir denn jetzt über die Geschichte sagen, die ich dir eben erzählt habe?« fragte ich ihn. »Ist dir ein guter Gedanke gekommen?«

»Über deine Geschichte? Warte einen Augenblick auf mich; ich möchte bezahlen.«

Er trat ans Büfett und traf dort, wie zufällig, auf einmal mit jenem jungen Menschen im ärmellosen Wams zusammen, den man so schlechthin mit dem Vornamen Mitrofan zu nennen pflegte. Es schien mir, daß Masslobojew ihn etwas näher kannte, als er mir gegenüber selbst zugegeben hatte. Wenigstens war deutlich, daß sie jetzt nicht zum erstenmal zusammenkamen.

Mitrofan war dem Aussehen nach ein recht origineller Bursche. In seinem Wams, seinem rotseidenen Hemd, mit seinen scharfen, aber wohlgestalteten Gesichtszügen, noch ziemlich jugendlich, sonnengebräunt, mit kühnem, funkelndem Blick, machte er einen interessanten und durchaus nicht abstoßenden Eindruck. Sein Benehmen hatte etwas gekünstelt Keckes; aber im gegenwärtigen Augenblick legte er sich offenbar Zwang auf und suchte sich vor allem ein geschäftsmäßiges, würdiges, solides Aussehen zu geben.

»Also, Wanjuscha«, sagte Masslobojew, als er zu mir zurückkehrte, »besuche mich heute um sieben Uhr; dann werde ich dir vielleicht etwas sagen können. Siehst du, ich allein vermag nichts zu leisten; früher war das anders, aber jetzt bin ich nur ein Säufer und habe mich von den Geschäften einigermaßen zurückgezogen. Aber ich habe immer noch meine früheren Beziehungen; ich kann über manches Erkundigungen anstellen und im Verein mit allerlei schlauen Leuten dies und das herausschnüffeln; in meiner freien Zeit allerdings, das heißt, wenn ich nüchtern bin, tue ich auch selbst etwas, ebenfalls mit Hilfe von Bekannten . . . meistens auf dem Gebiet der Nachforschungen . . . Na, aber nun genug! Da ist meine Adresse: in der Schestilawotschnaja. Jetzt aber, mein Teuerster, bin ich schon ganz unbrauchbar. Ich will noch ein Gläschen Goldwasser trinken und dann nach Hause. Ich will mich hinlegen. Wenn du kommst, will ich dich mit Alexandra Semjonowna bekannt machen, und wenn wir Zeit haben, wollen wir auch über Literatur reden.«

»Nun, und auch von meiner Angelegenheit?«

»Vielleicht auch von deiner Angelegenheit.«

»Nun gut, ich werde kommen, ich werde bestimmt kommen.«

Sechstes Kapitel

Anna Andrejewna wartete auf mich schon lange. Durch das, was ich ihr tags zuvor über Nataschas Briefchen gesagt hatte, war ihre Neugier stark erregt worden, und sie hatte mich schon viel früher am Morgen erwartet, mindestens schon um zehn Uhr. Als ich aber bei ihr zwischen ein und zwei Uhr mittags erschien, war die Pein des Wartens bei der armen Frau auf den höchsten Grad gestiegen. Außerdem hatte sie auch das dringende Bedürfnis, mit mir von den neuen Hoffnungen zu sprechen, die seit dem vorigen Tag in ihrem Herzen erwacht waren, und von Nikolai Sergejewitsch, der sich seit dem vorigen Tag unwohl fühlte, ein finsteres Gesicht machte, sich dabei aber doch gegen sie besonders zärtlich benahm. Als ich kam, empfing sie mich zunächst mit unzufriedener, kühler Miene, murmelte kaum ein paar undeutliche Worte und zeigte nicht die geringste Neugier, beinah als ob sie sagen wollte: ›Warum bist du denn gekommen? Eine wunderliche Passion von dir, lieber Freund, dich alle Tage bei uns einzustellen!‹ Sie ärgerte sich über mein spätes Kommen. Aber ich hatte Eile und erzählte ihr daher ohne weitere Umschweife die ganze Szene, die sich tags zuvor bei Natascha abgespielt hatte. Sowie die alte Frau von dem Besuch des Fürsten und von seinem feierlichen Antrag hörte, war ihre ganze erkünstelte Verdrossenheit sogleich verflogen. Es fehlt mir an Worten, um zu schildern, wie sie sich freute; sie war ganz fassungslos, bekreuzigte sich, weinte, verbeugte sich mehrmals tief vor dem Heiligenbild, umarmte mich und wollte sogleich zu Nikolai Sergejewitsch laufen, um ihm von ihrer Freude Mitteilung zu machen.

»Weißt du, lieber Freund«, sagte sie zu mir, »sein Unwohlsein rührt nur von den vielerlei Kränkungen und Demütigungen her; wenn er aber jetzt erfährt, daß Natascha volle Genugtuung erhält, so wird er im Augenblick alles vergessen.«

Nur mit großer Mühe redete ich ihr dies aus. Obwohl die gute Alte mit ihrem Mann schon fünfundzwanzig Jahre lang zusammengelebt hatte, kannte sie ihn doch noch immer schlecht. Sie hatte auch die größte Lust, gleich mit mir zu Natascha zu fahren. Ich stellte ihr vor, daß Nikolai Sergejewitsch ihren Schritt vielleicht nicht billigen werde und daß wir dadurch womöglich die ganze Sache verderben würden. Nur schwer ließ sie sich umstimmen; aber sie hielt mich noch eine halbe Stunde länger zurück und redete während dieser ganzen Zeit immer nur allein. »Nun bleibe ich ohne einen Menschen mit meiner großen Freude zurück«, sagte sie, »und sitze hier allein in den vier Wänden!« Endlich überredete ich sie, mich wegzulassen, indem ich ihr vorstellte, daß mich Natascha jetzt ungeduldig erwarte. Die alte Frau bekreuzte mich für meinen Weg mehrmals, trug mir auf, ihrer Tochter ihren besonderen Segen zu überbringen, und fing beinahe an zu weinen, als ich ihr mit aller Entschiedenheit erklärte, ich würde an diesem selben Tag nicht noch einmal am Abend kommen, es müßte denn sein, daß sich mit Natascha etwas Besonderes zutrüge. Den alten Ichmenew bekam ich diesmal nicht zu sehen: er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, über Kopfschmerz und Fieber geklagt und schlief jetzt in seinem Zimmer.

Auch Natascha hatte den ganzen Vormittag über auf mich gewartet. Als ich eintrat, ging sie nach ihrer Gewohnheit mit verschränkten Armen nachdenkend im Zimmer auf und ab. Auch jetzt kann ich, wenn ich an sie zurückdenke, sie mir nicht anders vorstellen, als wie sie immer allein in dem ärmlichen Stübchen, nachdenkend, wartend, mit zusammengelegten Armen und niedergeschlagenen Augen zwecklos hin und her ging.

Leise, und ohne ihre Wanderung zu unterbrechen, fragte sie, warum ich so spät käme. Ich erzählte ihr in Kürze alle meine Erlebnisse, aber sie hörte mir kaum zu. Es war ihr anzumerken, daß sie mit einer Sorge beschäftigt war.

»Was gibt es Neues?« fragte ich.

»Neues gar nichts!« erwiderte sie, aber mit einer Miene, aus der ich sofort erriet, daß sie allerdings etwas Neues hatte und eben deswegen auf mich gewartet hatte, um mir dieses Neue zu erzählen; ich wußte aber, daß sie es mir nach ihrer Gewohnheit nicht sogleich erzählen werde, sondern erst wenn ich mich anschicken würde wegzugehen.

So machte sie es immer. Ich hatte mich schon in diese ihre Besonderheit gefunden und wartete auch diesmal.

Wir begannen unser Gespräch selbstverständlich mit den Ereignissen des vorhergehenden Tages. Besonders überraschte es mich, daß wir beide in unserm Urteil über den alten Fürsten vollständig übereinstimmten: er mißfiel ihr entschieden, und zwar in noch weit höherem Grad als tags zuvor. Und nachdem wir seinen ganzen Besuch Punkt für Punkt durchgesprochen hatten, sagte Natascha plötzlich:

»Hör mal, Wanja, es pflegt ja immer so zu gehen: wenn einem jemand am Anfang mißfällt, so ist das ein Zeichen dafür, daß er einem später bestimmt gefallen wird. Wenigstens ist es mir immer so gegangen.«

»Das gebe Gott, Natascha! Außerdem möchte ich meine Meinung definitiv dahin aussprechen: ich habe alles genau durchdacht und bin zu dem Resultat gelangt, daß der Fürst, wenn auch sein Wesen viel Jesuitenhaftes hat, doch mit eurer Heirat wirklich und im Ernst einverstanden ist.«

Natascha blieb mitten im Zimmer stehen und sah mich finster an. Ihr ganzes Gesicht hatte sich verändert; sogar die Lippen bebten leise.

»Wie sollte er es denn überhaupt bei einer solchen Sache fertigbekommen, sich zu verstellen und . . . zu lügen? fragte sie mit stolzer Verwunderung.

»Nun eben, nun eben!« stimmte ich ihr eilig zu.

»Selbstverständlich hat er nicht gelogen. Ich meine, daran ist überhaupt nicht zu denken. Für eine solche Verstellung läßt sich auch gar kein Anlaß ersinnen. Und schließlich, wofür müßte er mich denn halten, wenn er es fertigbrächte, sich in solcher Weise über mich lustig zu machen? Kann ein Mensch wirklich einer solchen Beleidigung fähig sein?«

»Ganz recht, ganz recht!« fiel ich bestätigend ein, dachte aber im stillen: ›Du hast gewiß jetzt eben, während du im Zimmer hin und her gingst, darüber nachgedacht, mein armes Kind, und zweifelst vielleicht in noch höherem Grad als ich.‹

»Ach, wie sehr wünsche ich, daß er recht bald zurückkäme!« sagte sie. »Er wollte den ganzen Abend bei mir bleiben, und dann . . . Es müssen wohl wichtige Angelegenheiten sein, wenn er alles stehen und liegen ließ und fortfuhr. Weißt du nicht, was für welche, Wanja? Hast du nichts gehört?«

»Gott mag es wissen. Er ist ja immer auf Gelderwerb aus. Ich habe gehört, daß er sich hier in Petersburg an einer Lieferung für den Staat beteiligt. Wir verstehen nichts von Geschäften, Natascha.«

»Gewiß, wir verstehen nichts davon. Aljoscha sprach gestern von einem Brief.«

»Es wird irgendeine Nachricht darin gestanden haben. War denn Aljoscha heute hier?«

»Ja.«

»Frühzeitig?«

»Um zwölf; er schläft ja immer lange. Er hat ein Weilchen hier gesessen. Dann habe ich ihn fortgejagt zu Katerina Fjodorowna; es ging doch nicht anders, Wanja.«

»Wollte er denn nicht selbst dorthin gehen?«

»O doch, er wollte selbst hin . . .«

Sie wollte noch etwas hinzufügen, verstummte aber. Ich sah sie an und wartete. Ihr Gesicht war traurig. Ich hätte sie gern gefragt; aber es mißfiel ihr manchmal sehr, wenn man sie fragte.

»Er ist ein sonderbarer Junge«, sagte sie endlich; sie verzog den Mund ein wenig und vermied es, mich anzusehen.

»Wieso? Gewiß hat es zwischen euch etwas gegeben?«

»Nein, nichts; ich sagte es bloß so . . . Er war übrigens ganz liebenswürdig . . . Nur . . .«

»Nun, jetzt hat ja all sein Kummer und all seine Sorge ein Ende genommen«, sagte ich.

Natascha blickte mich unverwandt und prüfend an. Vielleicht hätte sie selbst Lust gehabt, mir zu antworten: »Er hat auch vorher nur wenig Kummer und Sorge gehabt«; aber sie hatte das Gefühl, daß in meinen Worten dieser selbe Sinn lag. Sie machte deswegen ein finsteres Gesicht.

Indessen wurde sie sofort wieder freundlich und liebenswürdig. Sie war diesmal außerordentlich sanft. Ich saß bei ihr über eine Stunde. Sie beunruhigte sich sehr. Der Fürst ängstigte sie. Ich merkte an manchen Fragen, die sie stellte, daß sie gern erfahren hätte, welchen Eindruck sie gestern auf ihn gemacht habe. Ob sie sich richtig benommen habe; ob sie ihre Freude ihm gegenüber nicht zu stark zum Ausdruck gebracht habe; ob sie nicht zu empfindlich gewesen sei oder im Gegenteil zu demütig. Wenn er doch nichts Schlechtes von ihr dächte; wenn er sich doch nicht über sie lustig machte; wenn er sie doch nicht geringschätzte! . . . Von diesen Gedanken glühten ihre Wangen wie Feuer.

»Wie kann man sich nur so darüber aufregen, was ein schlechter Mensch etwa von einem denken mag!« sagte ich. »Mag er denken, was er will!«

»Warum soll er denn schlecht sein?« fragte sie.

Natascha war argwöhnisch, hatte aber ein reines Herz, eine offene Denkweise. Ihr Argwohn ging aus einer reinen Quelle hervor. Sie besaß ihren Stolz, einen edlen Stolz, und konnte es nicht ertragen, wenn das, was sie hochschätzte, vor ihren Augen der Verspottung preisgegeben wurde. Auf Geringschätzung seitens eines niedrigen Menschen hätte sie sicherlich nur mit Geringschätzung geantwortet; aber doch hätte ihr das Herz weh getan bei einer Verspottung dessen, was sie für ein Heiligtum hielt, mochte der Spötter sein, wer er wollte. Dies war nicht etwa die Folge eines Mangels an Festigkeit. Es war hauptsächlich die Folge davon, daß sie zu wenig Weltkenntnis besaß, nicht gewohnt war, sich unter Menschen zu bewegen, sich immer still für sich in ihrem Winkel gehalten hatte. Sie hatte ihr ganzes Leben in ihrem Eckchen verbracht, fast ohne es je zu verlassen, Und endlich war bei ihr eine Eigenschaft gutmütiger Leute, die vielleicht von ihrem Vater auf sie übergegangen war, in besonders starkem Maße entwickelt: nämlich einen Menschen übermäßig zu loben, ihn hartnäckig für besser zu halten, als er in Wirklichkeit war, und alles Gute an ihm eifrig zu übertreiben. Die Enttäuschung empfinden solche Leute nachher schmerzlich, besonders schmerzlich, wenn sie fühlen, daß sie selbst daran schuld sind. Warum haben sie auch mehr erwartet, als die andern geben konnten? Und eine derartige Enttäuschung erwartet solche Leute in jedem Augenblick. Das beste ist schon, wenn sie ruhig in ihren Winkeln sitzen bleiben und nicht in die Welt hinausgehen; ich habe sogar bemerkt, daß sie tatsächlich ihre kleine Welt dermaßen lieben, daß sie in ihr ganz menschenscheu werden. Übrigens hatte Natascha ja auch viel Leid und viele Kränkungen zu ertragen gehabt. Sie war bereits ein krankes Wesen, und man kann ihr keinen Vorwurf machen, wenn überhaupt in meinen Worten ein Vorwurf liegt.

Aber ich hatte Eile und stand auf, um wegzugehen. Sie war erstaunt darüber, daß ich schon gehen wollte, und fing beinahe an zu weinen, obwohl sie in der ganzen Zeit, während ich bei ihr gesessen hatte, mir keinerlei besondere Zärtlichkeit erwiesen, sondern sich im Gegenteil anscheinend ungewöhnlich kühl gegen mich benommen hatte. Sie küßte mich herzlich und sah mir lange in die Augen.

»Höre«, sagte sie, »Aljoscha war heute sehr komisch und hat mich sogar in Erstaunen versetzt. Er war sehr liebenswürdig und, wie es schien, sehr glücklich; aber er kam hereingeflattert wie ein Schmetterling, wie ein Geck und drehte sich immer vor dem Spiegel herum. «Er benimmt sich jetzt gar zu ungeniert . . . er ist auch nicht lange hiergeblieben. Stelle dir nur vor: er hat mir Konfekt mitgebracht!«

»Konfekt? Nun, das ist doch sehr liebenswürdig und harmlos. Ach, was seid ihr alle beide für Menschen! Da habt ihr nun jetzt angefangen, einander zu beobachten, euch auszuspionieren, einer des andern Gesicht zu studieren, geheime Gedanken darauf zu lesen (und doch versteht ihr nichts von dem, was darauf geschrieben steht!). Und ihm schadet das noch nicht viel; er ist vergnügt und jungenhaft wie früher. Aber du, du!«

Jedesmal, wenn Natascha ihren Ton änderte, um mir entweder eine Klage über Aljoscha vorzutragen oder sich von mir irgendwelche peinlichen Zweifel lösen zu lassen oder mir ein Geheimnis mitzuteilen, wobei sie wünschte, daß ich es aus halben Worten und Andeutungen verstehen möchte, dann blickte sie mich mit halbgeöffnetem Mund an, so daß ihre Zähne sichtbar wurden, und bat gleichsam flehentlich, ich möchte unter allen Umständen eine Antwort geben, von der ihr gleich leichter ums Herz werde. Aber ich erinnere mich auch, daß ich in solchen Fällen immer einen mürrischen, scharfen Ton annahm, als ob ich jemanden ausschölte; das geschah bei mir ganz unwillkürlich, wirkte aber immer gut. Mein finsteres, wichtigtuendes Benehmen war am richtigen Platz und verlieh mir eine gewisse Autorität; und der Mensch verspürt ja manchmal das unwiderstehliche Bedürfnis, sich von jemandem ausschelten zu lassen. Natascha wenigstens war, wenn wir uns dann trennten, meist ganz getröstet.

»Nein, siehst du, Wanja«, fuhr sie fort, indem sie ihre eine Hand auf meiner Schulter behielt, mit der andern meine Hand drückte und mit ihren Augen in meinen zu lesen suchte, »es schien mir, als ob sein Gefühl nicht sehr tief war . . . er kam mir vor wie so ein mari, weißt du, wie ein Mann, der schon zehn Jahre verheiratet ist, sich aber immer noch gegen seine Frau liebenswürdig benimmt. Ist es nicht jetzt noch zu früh dazu? Er lachte und drehte sich hin und her, aber als ob dieses ganze Benehmen gegen mich nur oberflächlich wäre und er sich schon zum Teil zurückzöge; es war nicht so wie früher . . . Er hatte es sehr eilig, zu Katerina Fjodorowna zu kommen . . . Ich redete mit ihm; aber er hörte nicht zu oder fing von etwas anderem an zu sprechen, weißt du, diese häßliche Gewohnheit vornehmer Leute, die wir beide ihm abzugewöhnen gesucht haben. Kurz, er war eigentümlich . . . ordentlich gleichgültig . . . Aber was rede ich! Ich bin ganz ins Anklagen hineingekommen! Ach, Wanja, was sind wir alle für anspruchsvolle, eigensinnige Despoten! Erst jetzt sehe ich es ein! Wir verzeihen einem Menschen nicht einmal eine bloße Veränderung der Miene, und eine solche Veränderung kann doch Gott weiß was für Ursachen haben! Du hast recht, Wanja, daß du mir soeben Vorwürfe gemacht hast! Ich allein bin an allem schuld! Wir schaffen uns selbst Kummer, und dann beklagen wir uns noch! . . . Ich danke dir, Wanja; du hast mich vollständig getröstet. Ach, wenn er doch heute käme! Aber vielleicht ist er noch von vorhin böse.«

»Habt ihr euch denn wirklich schon gezankt?« rief ich erstaunt.

»Nein, ich habe mir nichts merken lassen! Ich war nur ein bißchen traurig; er aber, der zunächst heiter gewesen war, wurde dann nachdenklich und nahm, wie mir schien, von mir etwas trocken Abschied. Aber ich will zu ihm schicken und ihn bitten herzukommen . . . Komm du doch heute auch her, Wanja!«

»Ich komme bestimmt, wenn mich nicht eine andere Sache aufhält.«

»Nun, was ist denn das für eine Sache?«

»Ich habe mir da etwas auf den Hals geladen! Doch glaube ich, daß ich bestimmt kommen werde.«

Siebentes Kapitel

Pünktlich um sieben Uhr war ich bei Masslobojew. Er wohnte in der Schestilawotschnaja, in einem kleinen Haus, in einem Seitengebäude, in einer ziemlich unsauberen Wohnung von drei Zimmern, die übrigens nicht ärmlich möbliert waren. Es war sogar eine gewisse Wohlhabenheit sichtbar, gleichzeitig aber eine sehr mangelhafte Ordnung. Es öffnete mir ein auffallend hübsches Mädchen von ungefähr neunzehn Jahren, einfach, aber nett gekleidet, sehr sauber aussehend und mit überaus gutmütigen, lustigen Augen. Ich erriet sogleich, daß dies eben jene Alexandra Semjonowna sei, deren er heute schon Erwähnung getan und deren Bekanntschaft zu machen er mich aufgefordert hatte. Sie fragte mich, wer ich sei, und als sie meinen Namen hörte, sagte sie, er erwarte mich, schlafe aber jetzt gerade in seinem Zimmer; dorthin führte sie mich denn auch. Masslobojew schlief auf einem schönen, weichen Sofa; zugedeckt hatte er sich mit seinem schmutzigen Mantel; unter dem Kopf hatte er ein abgescheuertes Lederkissen. Sein Schlaf war nicht tief; kaum waren wir eingetreten, als er mich sogleich beim Namen rief.

»Ach, du bist es? Ich habe dich erwartet. Eben habe ich geträumt, daß du kämest und mich aufwecktest. Also, es ist Zeit; wir wollen fahren!«

»Wohin denn?«

»Zu einer Dame.«

»Zu was für einer Dame? Wozu?«

»Zu Frau Bubnowa, um bei ihr gründlich zu kassieren. Ach, was ist das für eine schöne Frau!« sagte er, sich zu Alexandra Semjonowna wendend, in gedehntem Ton und küßte sogar seine Fingerspitzen bei der Erinnerung an Frau Bubnowa.

»Ach, geh doch! Schwindel!« sagte Alexandra Semjonowna, die es für ihre unvermeidliche Pflicht hielt, ein bißchen böse zu werden.

»Du bist mit ihr noch nicht bekannt? Ich will dich vorstellen, lieber Freund. Hier, Alexandra Semjonowna, stelle ich dir einen großen Schriftsteller mit Generalsrang vor; er ist nur einmal im Jahr umsonst zu sehen, die übrige Zeit nur für Geld.«

»Ach, du hältst einen immer nur zum Narren. Bitte, hören Sie nicht auf ihn; er macht sich immer nur über mich lustig. Wie wird denn der Herr ein General sein!«

»Ich sage dir ja, daß er eine besondere Art von General ist. Du aber, Exzellenz, glaube ja nicht, daß sie dumm ist; sie ist viel klüger, als es auf den ersten Blick scheint.«

»Hören Sie nicht auf ihn! Immer redet er vor den Ohren braver Leute Schlechtes von unsereinem, der schamlose Mensch! Dafür sollte er einen lieber mal ins Theater führen!«

»Eine schöne Regel lautet, Alexandra Semjonowna: ›Liebe dein eigenes Heim!‹ Hast du auch den andern Ausdruck für das, was man lieben muß, nicht vergessen? Hast du das Fremdwort behalten? Ich hatte es dir doch so schön beigebracht!«

»Gewiß habe ich es behalten. Es wird wohl irgendwelchen Unsinn bedeuten.«

»Nun, wie hieß das Fremdwort?«

»Na ja, ich werde mich auch gerade vor dem Gast blamieren! Es bedeutet vielleicht etwas Unpassendes. Ich beiße mir lieber die Zunge ab, ehe ich es sage.«

»Also hast du es vergessen?«

»Nein, ich habe es nicht vergessen: ›Penaten‹ . . . ›Liebe deine Penaten!‹ . . . Nein, was er für Einfälle hat! Vielleicht gibt es gar keine Penaten; und warum soll man sie lieben? Immer redet er solchen Unsinn!«

»Dafür wollen wir bei Frau Bubnowa . . .«

»Ach, du mit deiner Frau Bubnowa . . .«

Alexandra Semjonowna lief in der höchsten Entrüstung hinaus.

»Es ist Zeit! Wir wollen uns aufmachen! Adieu, Alexandra Semjonowna!«

Wir gingen hinaus.

»Siehst du, Wanja, erstens wollen wir uns in diese Droschke setzen. So. Zweitens aber habe ich heute mittag, nachdem ich mich von dir getrennt hatte, noch einiges in Erfahrung gebracht, und zwar nicht bloß so vermutungsweise, sondern mit aller Bestimmtheit. Ich bin noch eine ganze Stunde auf der Wassili-Insel geblieben. Dieser Dickwanst ist eine nichtswürdige Kanaille, ein unsauberer, garstiger Patron mit allerlei gemeinen Passionen. Frau Bubnowa ist schon längst durch arge Streiche in diesem Genre berüchtigt. Vor kurzem ist sie bei einer bösen Geschichte mit einem Mädchen aus anständigem Haus beinahe gefaßt worden. Das Musselinkleid, mit dem sie dieses Waisenmädchen herausgeputzt hat, wie du vorhin erzähltest, ließ mir keine Ruhe, weil ich schon etwas damit in Zusammenhang Stehendes gehört hatte. Vorhin habe ich nun noch etwas erfahren, allerdings ganz zufällig, aber, wie es scheint, zuverlässig. Wie alt ist sie?«

»Dem Gesicht nach etwa dreizehn Jahre.«

»Aber der Statur nach weniger. Nun, das paßt ihr gerade. Wenn es nötig ist, sagt sie elf Jahre, und sonst auch fünfzehn. Und da die Ärmste weder Angehörige noch Beschützer hat, so . . .«

»Meinst du wirklich?«

»Aber was hast du denn gedacht? Aus bloßem Mitleid wird Frau Bubnowa die Waise doch nicht aufgenommen haben. Und wenn sich nun gar der Dickwanst dort hat blicken lassen, dann ist die Sache richtig. Er ist heute vormittag bei ihr gesehen worden. Dem Tölpel, dem Ssisobruchow, ist heute eine schöne verheiratete Frau versprochen worden, die Gattin eines Stabsoffiziers. Kaufmannssöhnchen, die sich amüsieren wollen, sind auf so etwas versessen: sie fragen immer nach dem Rang. Es ist wie in der lateinischen Grammatik; du besinnst dich: die Bedeutung wird immer erst durch die Endung bestimmt. Übrigens bin ich, wie mir scheint, noch von vorhin betrunken. Na, aber Frau Bubnowa soll sich nicht erdreisten, sich mit solchen Dingen abzugeben. Sie möchte auch der Polizei ein X für ein U machen; aber das soll ihr nicht gelingen! Vor mir hat sie Angst, weil sie weiß, daß ich noch von früher her manches in Erinnerung habe . . . na, und so weiter, du verstehst?«

Ich bekam einen furchtbaren Schreck. Alle diese Mitteilungen versetzten mich in die größte Aufregung. Ich fürchtete immer, wir könnten zu spät kommen, und trieb den Kutscher zu schnellem Fahren an.

»Beunruhige dich nicht; es sind alle Maßregeln getroffen«, sagte Masslobojew. »Mitrofan ist da. Ssisobruchow soll ihm mit Geld büßen und der schurkische Dickwanst in natura. Das ist schon vorhin festgesetzt worden. Na, und Frau Bubnowa kommt auf mein Teil . . . Sie soll es nicht wagen . . .«

Wir waren hingelangt und ließen bei dem Restaurant halten; aber Mitrofan war nicht da. Nachdem wir dem Droschkenkutscher befohlen hatten, an der Tür des Restaurants auf uns zu warten, gingen wir zu Frau Bubnowa. Mitrofan erwartete uns am Tor. Die Fenster waren hell erleuchtet, und wir hörten das schallende Gelächter des betrunkenen Ssisobruchow.

»Sie sind alle da, seit ungefähr einer Viertelstunde«, meldete Mitrofan. »Es ist gerade die richtige Zeit.«

»Aber wie werden wir hineingelangen?« fragte ich.

»Als Gäste«, erwiderte Masslobojew. »Sie kennt mich und auch Mitrofan. Allerdings ist alles verschlossen, aber nicht für uns.«

Er klopfte leise an das Tor, und dieses wurde sogleich aufgetan. Der Hausknecht, der es geöffnet hatte, tauschte mit Mitrofan einen verständnisvollen Blick. Wir gingen leise hinein; im Haus hörte man uns nicht. Der Hausknecht führte uns die Treppe hinauf und klopfte. Von innen wurde gefragt; er antwortete, er sei allein, und gab die Parole. Es wurde geöffnet, und wir gingen alle zusammen hinein. Der Hausknecht war verschwunden.

»Oh, oh, wer ist da?« rief Frau Bubnowa, die betrunken, mit wirrem Haar, eine Kerze in der Hand, in dem kleinen Vorzimmer stand.

»Wer da ist?« erwiderte Masslobojew. »Erkennen Sie denn Ihre werten Gäste nicht, Anna Trifonowna? Wer anders als ich . . . Filipp Filippowitsch.«

»Ah, Filipp Filippowitsch! Sie sind es . . . ein so werter Gast . . . Aber wie sind Sie nur . . . ich meinte doch . . . nun, es tut nichts . . . bitte, treten Sie näher!«

Sie geriet in eilfertige Bewegung.

»Wo sollen wir eintreten? Dort? Aber da ist ja eine Halbwand . . . Nein, nehmen Sie uns besser auf! Wir wollen bei Ihnen Champagner auf Eis trinken; und sind keine Dämchen da?«

Die Wirtin wurde sofort mutig.

»Für so werte Gäste würde ich welche aus der Erde hervorholen oder aus China kommen lassen.«

»Zwei Worte, liebe Anna Trifonowna: ist Ssisobruchow hier?«

»Ja.«

»Dann möchte ich mit ihm sprechen. Wie kann er wagen, der Schurke, ohne mich zu zechen?«

»Er hat Sie gewiß nicht vergessen. Er hat immer auf jemand gewartet, gewiß auf Sie.«

Masslobojew stieß eine Tür auf, und wir traten in ein kleines, zweifenstriges Zimmer mit Geranientöpfen, Rohrstühlen und einem scheußlichen Klavier; alles, wie es sich gehörte. Aber ehe wir noch hineingingen, schon während wir das Gespräch im Vorzimmer führten, war Mitrofan verschwunden. Ich hörte später, daß er gar nicht in die Wohnung hineingegangen war, sondern vor der Tür gewartet hatte. Ihm öffnete nachher jemand anders. Das strubblige, geschminkte Frauenzimmer, das am Vormittag hinter Frau Bubnowas Schultern hervorgesehen hatte, war eine Gevatterin von ihm.

Ssisobruchow saß auf einem schmalen Sofa von imitiertem Mahagoni an einem runden Tisch, der mit einer Serviette bedeckt war. Auf dem Tisch standen zwei Flaschen mit lauem Champagner, eine Flasche mit schlechtem Rum, ferner Teller mit Konfekt, Pfefferkuchen und drei Sorten Nüssen. An dem Tisch saß, Ssisobruchow gegenüber, ein widerwärtig aussehendes, pockennarbiges, etwa vierzigjähriges Weib in einem schwarzen Taftkleid mit unechten Armbändern und einer unechten Brosche. Dies war die Offiziersdame, offenbar eine nachgemachte. Ssisobruchow war betrunken und sehr zufrieden. Sein dickbäuchiger Gefährte war nicht bei ihm.

»Ja, so machen es die Menschen!« brüllte Masslobojew aus voller Kehle. »Und dabei ladet er einen noch zu Dussaut ein!«

»Filipp Filippowitsch, beglücken Sie mich wirklich?« murmelte Ssisobruchow, indem er sich mit glückseligem Gesicht zu unserer Begrüßung erhob.

»Du trinkst hier?«

»Entschuldigen Sie!«

»Entschuldige dich nicht, sondern lade uns dazu ein! Ich bin hergekommen, um mit dir zu zechen, und habe da noch einen Gast mitgebracht, einen Freund von mir.«

Masslobojew wies auf mich.

»Ich freue mich sehr, das heißt, ich bin ganz glücklich . . . Hihi!«

»Pfui, das nennt sich Champagner? Das schmeckt ja wie saurer Kwas!«

»Sie beleidigen mich.«

»Also bei Dussaut wagst du dich gar nicht zu zeigen, und da ladest du noch andere Leute dorthin ein!«

»Er hat eben erzählt, er wäre in Paris gewesen«, bemerkte die Offiziersdame. »Er schneidet gewiß auf!«

»Fedossija Titischna, beleidigen Sie mich nicht! Wir sind dagewesen. Wir sind hingefahren.«

»Na, was soll denn so ein ungebildeter Mensch in Paris?«

»Wir sind dagewesen. Ich und Karp Wassiljewitsch, wir haben da Aufsehen erregt. Kennen Sie Karp Wassiljewitsch?«

»Wie werde ich denn deinen Karp Wassiljewitsch kennen?«

»Ich meinte nur . . . Wir beide, er und ich, haben da in Paris bei Madam Joubert einen englischen Trüma zerbrochen.«

»Was habt ihr zerbrochen?«

»Einen Trüma. Das war ein Trüma, der ging über die ganze Wand bis an die Decke; und Karp Wassiljewitsch war so betrunken, daß er schon mit Madam Joubert russisch sprach. Er stand da bei dem Trüma und lehnte sich mit dem Ellbogen dagegen. Die Joubert aber schrie ihm zu, das heißt, in ihrer Sprache: ›Der Trüma kostet siebenhundert Franc, wenn du ihn zerbrichst!‹ (Ein Franc, das ist nach unserem Geld ein Viertelrubel.) Er lächelte und sah mich an; ich saß gegenüber auf dem Sofa und eine schöne Dame neben mir; nicht so eine Fratze wie diese hier, sondern mit Schück, kurz gesagt. Er schreit: ›Stepan Terentjewitsch, Stepan Terentjewitsch! Soll es halbpart gelten, wie?‹ Ich sage: ›Es gilt!‹ Da schlägt er mit der Faust gegen den Trüma – klirr! Die Scherben polterten nur so. Die Joubert kreischte auf und fuhr ihm ordentlich ins Gesicht: ›Du Räuber, was fällt dir ein?‹ (Das heißt, sie sagte das in ihrer Sprache.) Aber er antwortete ihr: ›Nehmen Sie Ihr Geld, Madam Joubert; aber stören Sie mir nicht mein Vergnügen!‹ und gab ihr sofort sechshundertfünfzig Franc. Fünfzig handelte er ihr ab.«

In diesem Augenblick erscholl ein furchtbarer, durchdringender Schrei durch mehrere Türen hindurch, zwei oder drei Zimmer entfernt von dem, in welchem wir uns befanden. Ich fuhr zusammen und schrie ebenfalls auf. Ich erkannte diesen Schrei: es war Jelenas Stimme. Sogleich nach diesem kläglichen Schrei ertönten andere Schreie, Schimpfworte, Lärm und zuletzt deutliche, schallende Schläge mit der flachen Hand auf ein Gesicht. Das war wahrscheinlich Mitrofans Tätigkeit in seinem Departement. Plötzlich wurde die Tür heftig aufgerissen, und Jelena stürzte ins Zimmer: blaß, die Augen voll Tränen, in einem weißen Musselinkleid, das völlig zerknittert und zerrissen war, mit gekämmtem, aber wie infolge eines Kampfes zerzaustem Haar. Ich stand der Tür gegenüber, und sie stürzte gerade auf mich los und umschlang mich mit ihren Armen. Alle sprangen erschrocken auf, schrien und kreischten bei ihrem Anblick. Hinter ihr erschien in der Tür Mitrofan, der seinen übel zugerichteten, dickbäuchigen Gegner an den Haaren schleppte. Er zerrte ihn bis zur Schwelle und warf ihn zu uns ins Zimmer.

»Da habt ihr ihn! Nehmt ihn hin!« rief Mitrofan mit sehr zufriedener Miene.

»Höre«, sagte Masslobojew, indem er ruhig an mich herantrat und mir auf die Schulter klopfte, »nimm unsere Droschke und fahre mit dem Mädchen zu deiner Wohnung; hier hast du nichts weiter zu tun. Morgen werden wir auch das übrige erledigen.«

Ich ließ mir das nicht zum zweiten Male sagen, sondern nahm Jelena bei der Hand und führte sie aus dieser Lasterhöhle hinaus. Wie die Sache in diesem Haus endete, weiß ich nicht. Uns beide hielt niemand auf: die Wirtin war vom Schrecken wie gelähmt. Alles hatte sich so schnell abgespielt, daß sie nichts hatte hindern können. Die Droschke hatte auf uns gewartet, und zwanzig Minuten darauf war ich schon in meiner Wohnung.

Jelena war halbtot. Ich öffnete die Haken an ihrem Kleid, bespritzte ihr Gesicht mit Wasser und legte sie auf das Sofa. Sie begann zu fiebern und irrezureden. Ich betrachtete ihr blasses Gesichtchen, die farblosen Lippen, das schwarze zerzauste Haar, das aber vorher sorgfältig gekämmt und pomadisiert gewesen war, ihren ganzen Anzug, diese rosa Schleifen, die noch hier und da am Kleid saßen – und verstand den ganzen abscheulichen Hergang. Das arme Kind! Ihr Zustand wurde immer schlimmer. Ich wich nicht von ihrer Seite und nahm mir vor, an diesem Abend nicht zu Natascha zu gehen. Manchmal schlug Jelena ihre langen Wimpern auf und blickte mich lange unverwandt an, als ob sie mich erkenne. Erst spät, nach Mitternacht, schlief sie ein. Ich schlief neben ihr auf dem Fußboden.

Achtes Kapitel

Ich stand sehr früh auf. Die ganze Nacht über war ich fast jede halbe Stunde aufgewacht, zu meiner armen Kranken herangetreten und hatte sie aufmerksam betrachtet. Sie hatte Fieber und phantasierte ein wenig. Aber gegen Morgen schlief sie fest ein. ›Das ist ein gutes Zeichen‹, dachte ich, beschloß aber, als ich am Morgen aufwachte, möglichst schnell, solange das arme Kind noch schlief, zum Arzt zu laufen. Ich kannte einen Arzt, einen alten, gutherzigen Junggesellen, der seit undenklicher Zeit mit seiner deutschen Haushälterin zusammen auf der Wladimirskaja wohnte. Er versprach, um zehn Uhr zu mir zu kommen. Als ich bei ihm war, war es acht. Ich hatte die größte Lust, im Vorbeigehen bei Masslobojew vorzusprechen; aber ich gab diesen Gedanken auf: er schlief gewiß noch von gestern her, und außerdem konnte Jelena aufwachen und sich vielleicht in meiner Abwesenheit ängstigen, wenn sie sich in meiner Wohnung sah. In ihrem krankhaften Zustand konnte sie vergessen haben, wie, wann und auf welche Weise sie zu mir gekommen war.

Sie erwachte gerade in dem Augenblick, als ich ins Zimmer trat. Ich ging zu ihr hin und fragte vorsichtig, wie sie sich befinde. Sie antwortete nicht, sondern sah mich lange und unverwandt mit ihren ausdrucksvollen schwarzen Augen an. Nach ihrem Blick schien es mir, daß sie alles erkenne und bei vollem Bewußtsein sei. Daß sie mir nicht antwortete, beruhte vielleicht auf ihrer dauernden Gewohnheit. Auch gestern und vorgestern hatte sie mir auf manche meiner Fragen nicht eine Silbe erwidert, sondern mir nur mit ihrem langen, starren Blick in die Augen gesehen, mit diesem Blick, in welchem außer Erstaunen und scheuer Neugier auch noch eine seltsame Art von Stolz gelegen hatte. Jetzt aber bemerkte ich in ihrem Blick etwas Finsteres und sogar ein gewisses Mißtrauen. Ich wollte ihr die Hand auf die Stirn legen, um zu fühlen, ob sie Fieber habe; aber sie schob meine Hand mit ihrem kleinen Händchen schweigend und sacht zurück und wendete sich mit dem Gesicht von mir ab, der Wand zu. Ich ging fort, um sie nicht weiter aufzuregen.

Ich besaß einen großen kupfernen Teekessel. Diesen benutzte ich schon seit längerer Zeit als Samowar und machte in ihm Wasser heiß. Holz hatte ich; das hatte mir der Hausknecht gleich für fünf Tage mit einem Male heraufgebracht. Auf dem Tisch stellte ich mein Teegeschirr zurecht. Jelena wandte sich zu mir und sah alles neugierig mit an. Ich fragte sie, ob sie etwas wünsche; aber sie wandte sich wieder von mir weg und gab keine Antwort.

»Ob sie mir aus irgendeinem Grund böse ist?« dachte ich. »Ein seltsames Mädchen!«

Mein alter Arzt kam, wie er gesagt hatte, um zehn Uhr. Er untersuchte die Kranke mit deutscher Gründlichkeit und beruhigte mich sehr durch seine Äußerung, es liege zwar ein fieberhafter Zustand vor, jedoch sei keine besondere Gefahr vorhanden. Er fügte hinzu, sie müsse eine andere, chronische Krankheit haben, so etwas wie unregelmäßige Herztätigkeit; aber dieser Punkt werde besondere Beobachtung erfordern; zur Zeit sei sie außer Gefahr. Er verschrieb ihr eine Mixtur und irgendein Pulver, mehr gewohnheitsmäßig, als weil es nötig gewesen wäre, und begann dann sogleich, mich auszufragen: auf welche Weise sie zu mir gekommen sei. Gleichzeitig sah er sich erstaunt in meiner Wohnung um. Dieser alte Herr war außerordentlich gesprächig.

Über Jelena war er erstaunt; sie hatte ihm ihre Hand entrissen, als er ihr den Puls fühlen wollte, hatte ihm nicht die Zunge zeigen wollen, auf alle seine Fragen keine Silbe geantwortet, sondern die ganze Zeit über nur unverwandt nach dem großen Stanislausorden gesehen, den er am Hals hängen hatte.

»Sie hat gewiß starke Kopfschmerzen«, bemerkte der Alte; »aber was hat sie für einen Blick, was hat sie für einen Blick!«

Ich hielt es nicht für nötig, ihm über Jelena viel zu erzählen, und machte mich durch die Bemerkung los, das sei eine lange Geschichte.

»Lassen Sie es mich wissen, wenn ich nötig sein sollte«, sagte er beim Weggehen. »Augenblicklich ist keine Gefahr.«

Ich beschloß, den ganzen Tag bei Jelena zu bleiben und sie bis zur völligen Wiederherstellung möglichst selten allein zu lassen. Aber da ich wußte, daß Natascha und Anna Andrejewna sich ängstigen würden, wenn sie mich vergebens erwarteten, so wollte ich wenigstens Natascha brieflich durch die Stadtpost benachrichtigen, daß ich heute nicht zu ihr kommen würde. An Anna Andrejewna dagegen durfte ich nicht schreiben. Sie hatte, als ich ihr einmal während Nataschas Krankheit Nachricht gesandt hatte, mich ein für allemal gebeten, ihr keine Briefe zu schicken. »Der Alte«, sagte sie, »macht ein finsteres Gesicht, wenn er einen Brief von dir sieht; er möchte gern wissen, was drinsteht, der gute Mann, mag aber nicht danach fragen. Dann ist er den ganzen Tag verdrießlich. Außerdem, lieber Freund, ist ein Brief von dir für mich nur eine zwecklose Aufregung. Was habe ich von zehn Zeilen? Ich möchte dann nach allen Einzelheiten fragen, und du bist dann nicht hier.« Darum schrieb ich nur an Natascha und steckte, als ich das Rezept in die Apotheke trug, den Brief gleich in den Kasten.

Inzwischen war Jelena wieder eingeschlafen. Im Schlaf stöhnte sie leise und zuckte zusammen. Mitunter schrie sie leicht auf und erwachte. Dann sah sie mich ordentlich ärgerlich an, wie wenn ihr die Aufmerksamkeit, die ich ihr zuwandte, besonders peinlich wäre. Ich muß gestehen, daß mir das sehr schmerzlich war.

Um elf Uhr kam Masslobojew. Er war mit ernsten Gedanken beschäftigt und anscheinend zerstreut; er war nur auf einen Augenblick gekommen und hatte es sehr eilig, irgendwo anders hinzugehen.

»Na, lieber Freund«, sagte er, sich umblickend, »daß du nicht luxuriös wohnen würdest, hatte ich erwartet; aber ich hatte wirklich nicht gedacht, daß ich dich in einer solchen Kiste finden würde. Das ist eine Kiste und keine Wohnung. Na, darauf kommt ja freilich im übrigen nicht viel an; aber der Hauptschade ist, daß dich all diese äußeren Sorgen von der Arbeit abhalten. Ich habe daran schon gestern gedacht, als wir zu Frau Bubnowa fuhren. Ich, lieber Freund, gehöre ja nach meinem ganzen Wesen und nach meiner gesellschaftlichen Stellung zu den Leuten, die selbst nichts Gescheites leisten, sondern nur andere dazu ermahnen. Nun höre: ich werde vielleicht morgen oder übermorgen zu dir kommen; komm du aber unter allen Umständen Sonntag vormittag zu mir! Bis zu diesem Zeitpunkt wird die Angelegenheit dieses Mädchens, wie ich hoffe, ganz ins reine gebracht sein; gleichzeitig will ich dann auch mit dir ein vernünftiges Wort reden, weil für dich etwas Ernstliches getan werden muß. So darfst du nicht weiterleben. Ich habe dir das gestern nur angedeutet; aber jetzt werde ich es dir logisch auseinandersetzen. Ja, und schließlich sage mal: hältst du es denn für eine Unehre, von mir für einige Zeit Geld anzunehmen?«

»Fang keinen Streit an!« unterbrach ich ihn. »Sage mir lieber, welchen Ausgang die Sache da bei euch gestern genommen hat.«

»Nun, den allerbesten; das Ziel ist erreicht, du verstehst? Jetzt aber habe ich keine Zeit. Ich bin nur für einen Augenblick gekommen, um dir mitzuteilen, daß ich keine Zeit habe, mich dir zu widmen; aber beiläufig möchte ich noch fragen: wirst du sie irgendwo unterbringen, oder willst du sie bei dir behalten? Denn das muß überlegt und entschieden werden.«

»Das weiß ich noch nicht bestimmt, und ich muß gestehen, ich hatte auf dich gewartet, um dich um Rat zu fragen. In welcher Stellung könnte ich sie denn bei mir behalten?«

»Was ist da für eine Schwierigkeit? Etwa als Magd . . .«

»Ich bitte dich nur, leiser zu sprechen. Wenn sie auch krank ist, so ist sie doch vollkommen bei Bewußtsein, und als sie dich erblickte, da bemerkte ich, daß sie zusammenzuckte. Jedenfalls erinnerte sie sich an die gestrigen Erlebnisse . . .«

Nun erzählte ich ihm von ihrem Charakter und berichtete alles, was ich an ihr wahrgenommen hatte. Meine Mitteilungen erregten Masslobojews Interesse. Ich fügte hinzu, daß ich sie vielleicht in einer mir bekannten Familie unterbringen würde, und erzählte ihm einiges wenige von den alten Ichmenews. Zu meiner Verwunderung kannte er Nataljas Geschichte schon teilweise; auf meine Frage, woher er es wisse, antwortete er:

»Ich habe es so zufällig gehört, schon vor längerer Zeit, anläßlich einer anderen Sache. Ich sagte dir ja schon, daß ich den Fürsten Walkowski kenne. Du tust gut daran, daß du sie zu jenen alten Leuten bringen willst. Sonst stört sie dich hier nur. Noch eins: sie braucht irgendein Ausweispapier. Darüber mache dir keine Sorgen; das nehme ich auf mich. Leb wohl, besuche mich recht oft! Wie ist's? Schläft sie jetzt?«

»Es scheint so«, antwortete ich.

Aber kaum war er hinausgegangen, als Jelena mich sofort zu sich rief.

»Wer war das?« fragte sie. Ihre Stimme zitterte; aber sie sah mich immer noch mit demselben starren und abweisenden Blick an. Anders kann ich mich nicht ausdrücken.

Ich nannte ihr Masslobojews Namen und fügte hinzu, daß es mir nur durch seine Hilfe gelungen sei, sie von Frau Bubnowa loszubekommen, und daß diese vor ihm große Furcht habe. Ihre Wangen überzogen sich augenblicklich mit dunkler Glut, wahrscheinlich infolge der Erinnerungen.

»Und sie wird jetzt nie hierherkommen?« fragte Jelena, indem sie mich forschend anblickte.

Ich beeilte mich, sie zu beruhigen. Sie schwieg und ergriff mit ihren heißen Fingerchen meine Hand, ließ sie aber, wie wenn ihr etwas einfiele, sofort wieder fahren. »Es ist doch nicht möglich, daß sie gegen mich wirklich eine solche Abneigung empfinden sollte‹, dachte ich. ›Das ist eben ihre Manier so, oder . . . oder das arme Kind hat soviel Leid erfahren, daß sie zu niemandem mehr auf der Welt Vertrauen hat.‹

Zur bestimmten Stunde ging ich, um die Arznei abzuholen, und gleichzeitig in ein mir bekanntes Restaurant, wo ich manchmal zu Mittag aß und Kredit hatte. Diesmal hatte ich, als ich das Haus verließ, eine Menage mitgenommen und ließ mir in dem Restaurant eine Portion Hühnersuppe für Jelena geben. Aber sie wollte nichts essen, und so stellte ich denn die Suppe vorläufig auf den Ofen.

Nachdem ich ihr die Arznei gereicht hatte, setzte ich mich an meine Arbeit. Ich glaubte, sie schliefe; aber als ich zufällig zu ihr hinblickte, sah ich, daß sie den Kopf in die Höhe gehoben hatte und aufmerksam verfolgte, wie ich schrieb. Ich tat, als ob ich es nicht bemerkte.

Endlich schlief sie wirklich ein, und zwar zu meiner Freude ruhig, ohne Irrereden und ohne Stöhnen. Ich wurde in meinem Entschluß wankend; ich sagte mir, Natascha, die nicht wisse, um was es sich handle, werde mir möglicherweise zürnen, wenn ich heute nicht zu ihr käme, ja sie werde sich sogar bestimmt gekränkt fühlen durch meinen Mangel an Aufmerksamkeit gerade in einer Zeit, wo ich ihr vielleicht am allernötigsten sei. Es könne sehr leicht sein, daß ihr jetzt irgendwelche Sorge und Mühe erwachse und sie mir einen Auftrag zu geben habe, und dann sei ich gerade in einem solchen Augenblick nicht da.

Was Anna Andrejewna anlangte, so wußte ich schlechterdings nicht, wie ich mich am folgenden Tag ihr gegenüber rechtfertigen sollte. Ich überlegte lange und entschloß mich endlich, sowohl hierhin als auch dorthin zu laufen. Meine ganze Abwesenheit brauchte nur zwei Stunden zu dauern. Jelena, meinte ich, schlafe und werde es nicht hören, wenn ich fortginge. Ich sprang auf, zog mir den Mantel an und nahm meinen Hut; aber als ich eben hinausgehen wollte, rief mich Jelena auf einmal an. Ich war erstaunt: hatte sie sich wirklich nur so gestellt, als ob sie schliefe?

Beiläufig bemerke ich: obgleich Jelena so tat, als möge sie nicht mit mir reden, so bewies dieses ziemlich häufige Anrufen, dieses Bedürfnis, sich mit all ihren Zweifeln und Sorgen an mich zu wenden, doch das Gegenteil, und ich muß gestehen, daß mir dies sogar angenehm war.

»Wo wollen Sie mich hingeben?« fragte sie, als ich zu ihr trat.

Sie pflegte ihre Fragen überhaupt plötzlich, und wenn ich es ganz und gar nicht erwartete, zu stellen. Im vorliegenden Fall verstand ich sie nicht einmal sofort.

»Sie sagten vorhin zu Ihrem Bekannten, Sie wollten mich zu einer Ihnen bekannten Familie geben. Aber ich will nirgends hin.«

Ich beugte mich zu ihr hinab. Sie hatte wieder starkes Fieber und machte eine Krisis durch. Ich begann sie zu trösten und zu beruhigen; ich versicherte ihr, wenn sie bei mir bleiben wolle, würde ich sie nirgendshin fortgeben. Während ich das sagte, legte ich Mantel und Hut wieder ab. Sie in einem solchen Zustand allein zu lassen, dazu konnte ich mich nicht entschließen.

»Nein, gehen Sie nur fort!« sagte sie, da sie sogleich erriet, daß ich dableiben wolle. »Ich möchte schlafen; ich werde gleich einschlafen.«

»Aber wirst du auch allein bleiben können?« fragte ich bedenklich. »Ich werde übrigens bestimmt in zwei Stunden zurück sein.«

»Nun, dann gehen Sie doch! Sonst werde ich womöglich ein ganzes Jahr lang krank sein, und Sie könnten dann ein ganzes Jahr lang nicht aus dem Haus gehen.«

Sie machte einen Versuch zu lächeln und sah mich ganz eigentümlich an, wie wenn sie mit einem guten Gefühl ränge, das sich in ihrem Herzen rege. Das arme Kind! Ihr gutes, weiches Herz wurde nach außen hin sichtbar trotz all ihrer Menschenscheu und offenbaren Verbitterung.

Zuerst lief ich zu Anna Andrejewna. Sie wartete auf mich mit fieberhafter Ungeduld und empfing mich mit Vorwürfen; sie befand sich in einer schrecklichen Unruhe: Nikolai Sergejewitsch war gleich nach dem Mittagessen von zu Hause weggegangen, und sie wußte nicht wohin. Ich ahnte, daß die alte Frau sich nicht hatte beherrschen können und ihm nach ihrer Gewohnheit alles ›andeutungsweise‹ erzählt hatte. Übrigens gestand sie es mir beinahe selbst ein, indem sie sagte, sie habe sich nicht enthalten können, ihn an einer so großen Freude teilnehmen zu lassen; aber Nikolai Sergejewitsch sei (dies war ihr eigener Ausdruck) schwarz wie eine Gewitterwolke geworden, habe kein Wort gesagt, immer geschwiegen und nicht einmal auf ihre Fragen geantwortet; nach dem Mittagessen habe er sich auf einmal fertiggemacht und sei davongegangen. Während Anna Andrejewna dies erzählte, zitterte sie vor Angst und bat mich flehentlich, mit ihr zusammen Nikolai Sergejewitschs Rückkehr abzuwarten. Ich entschuldigte mich und sagte ihr beinah in scharfem Ton, ich würde vielleicht auch am folgenden Tag nicht kommen und sei eigentlich jetzt nur hergesprungen, um ihr dies mitzuteilen. Diesmal hätten wir uns fast miteinander gezankt. Sie fing an zu weinen, machte mir heftige, bittere Vorwürfe, und erst als ich schon aus der Tür ging, warf sie sich plötzlich an meine Brust, schlang beide Arme fest um meinen Hals und sagte, ich möchte ihr, ›der armen Verlassenen‹, nicht böse sein und ihr ihre Worte nicht übelnehmen.

Natascha fand ich wider Erwarten allein; merkwürdigerweise schien es mir, als sei sie über mein Kommen diesmal gar nicht so erfreut wie tags zuvor und überhaupt zu anderen Zeiten. Es war, wie wenn ich sie durch irgend etwas ärgerte oder störte. Auf meine Frage, ob Aljoscha heute dagewesen sei, antwortete sie:

»Natürlich ist er dagewesen, aber nicht lange. Er versprach, heute abend herzukommen«, fügte sie wie in tiefen Gedanken hinzu.

»Und ist er gestern abend hiergewesen?«

»N-nein. Er wurde aufgehalten«, fügte sie hastig hinzu. »Nun, und du, Wanja? Wie steht es mit deinen Angelegenheiten?«

Ich merkte, daß sie aus irgendwelchem Grund unser Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu leiten wünschte. Ich sah sie aufmerksamer an: sie war sichtlich verstimmt. Als sie aber wahrnahm, daß ich sie scharf anblickte und beobachtete, warf sie mir plötzlich einen schnellen, gewissermaßen zornigen Blick zu, und zwar mit einer solchen Energie, daß ich ihn ordentlich brennen fühlte. ›Sie hat wieder Kummer‹, dachte ich, ›will es mir aber nicht sagen.‹

In Erwiderung auf ihre Frage nach meinen Angelegenheiten erzählte ich ihr ausführlich das ganze Erlebnis mit Jelena. Meine Erzählung interessierte sie sehr; sie war davon sogar ganz ergriffen.

»Mein Gott! Wie hast du nur die Kranke allein lassen können!« rief sie.

Ich setzte ihr auseinander, daß ich heute eigentlich gar nicht hätte zu ihr kommen wollen, aber gedacht hätte, sie würde es mir übelnehmen und bedürfe meiner vielleicht.

»Bedürfen«, sagte sie nachdenklich vor sich hin, »ich bedarf deiner vielleicht, Wanja; aber lassen wir das lieber auf ein andermal! Bist du bei den Unsrigen gewesen?«

Ich erzählte es ihr.

»Ja, Gott weiß, wie der Vater jetzt all diese Nachrichten aufnehmen wird. Übrigens ist eigentlich nicht viel aufzunehmen . . .«

»Wie kannst du so sprechen?« rief ich. »Ein so gewaltiger Umschwung!«

»Nun ja . . . Wohin mag er wohl wieder gegangen sein? Das vorige Mal glaubtet ihr, er wäre zu mir unterwegs gewesen. Weißt du, Wanja, wenn es dir möglich ist, so komm doch morgen zu mir! Vielleicht werde ich dir etwas mitteilen . . . Es ist mir nur peinlich, dich zu belästigen. Jetzt aber solltest du nach Hause gehen zu deinem Gast. Es sind gewiß schon zwei Stunden, daß du von zu Hause weggegangen bist?«

»Das ist richtig. Leb wohl, Natascha! Nun, wie war denn Aljoscha heute zu dir?«

»Aljoscha? Es ist nichts Besonderes zu sagen . . . Ich wundere mich sogar über deine Neugier.«

»Auf Wiedersehen, liebe Freundin!«

»Leb wohl!«

Sie reichte mir in einer lässigen Weise die Hand und wendete sich von meinem letzten Abschiedsblick weg. Ich verließ sie einigermaßen erstaunt. ›Aber‹, dachte ich, ›sie hat auch allen Grund, nachdenklich zu sein. Es handelt sich um keine Kleinigkeit. Morgen wird sie mir unaufgefordert alles erzählen.‹

In trüber Stimmung kehrte ich nach Hause zurück und bekam, sowie ich in die Tür trat, einen argen Schreck. Es war schon dunkel. Aber ich konnte erkennen, daß Jelena auf dem Sofa saß und wie in tiefem Nachdenken den Kopf auf die Brust herabhängen ließ. Zu mir sah sie gar nicht hin, wie wenn sie ihre ganze Umgebung vergessen hätte. Ich trat an sie heran; sie flüsterte etwas vor sich hin. ›Ob sie wieder phantasiert?‹ dachte ich.

»Jelena, liebes Kind, was ist dir?« fragte ich, indem ich mich neben sie setzte und ihre Hand ergriff.

»Ich will von hier weg . . . Ich will lieber zu ihr gehen«, antwortete sie, ohne den Kopf zu heben und mich anzusehen.

»Wohin? Zu wem?« fragte ich erstaunt.

»Zu ihr, zu Frau Bubnowa. Sie sagt immer, ich sei ihr viel Geld schuldig; sie habe Mama auf ihre Kosten beerdigt . . . Ich will nicht, daß sie auf Mama schimpft . . . Ich will bei ihr arbeiten und die ganze Schuld abarbeiten . . . Dann werde ich von selbst wieder von ihr weggehen. Aber jetzt werde ich wieder zu ihr gehen.«

»Beruhige dich, Jelena; zu ihr kannst du nicht«, sagte ich. »Sie würde dich zu Tode quälen, dich zugrunde richten . . .«

»Mag sie mich zugrunde richten, mag sie mich quälen!« rief Jelena heftig. »Ich bin nicht die erste; andere Mädchen, die besser sind als ich, haben es auch schlecht. Das hat mir eine Bettlerin auf der Straße gesagt. Ich bin arm und will arm sein. Mein ganzes Leben lang werde ich arm sein; das hat mir meine Mutter auf dem Sterbebett befohlen. Ich werde arbeiten . . . Ich will dieses Kleid nicht tragen . . .«

»Ich werde dir gleich morgen ein anderes kaufen. Auch deine Bücher werde ich dir bringen. Du sollst bei mir wohnenbleiben. Ich werde dich zu niemand hingeben, wenn du es nicht selbst wünschst; beruhige dich . . .«

»Ich will mich als Magd vermieten.«

»Gut, gut! Nur beruhige dich, leg dich hin und schlafe!«

Aber das arme Kind begann heftig zu weinen. Das Weinen ging allmählich in ein Schluchzen über. Ich wußte nicht, was ich mit ihr anfangen sollte; ich gab ihr Wasser zu trinken und befeuchtete ihr die Schläfen und den Kopf. Endlich sank sie völlig erschöpft auf das Sofa zurück und bekam wieder Fieberschauer. Ich hüllte sie ein mit dem, was ich zur Hand hatte, und sie schlief ein, aber unruhig; alle Augenblicke fuhr sie zusammen und wachte auf. Obgleich ich an diesem Tag nicht viel gegangen war, war ich doch furchtbar müde und beschloß, mich selbst möglichst früh hinzulegen. Quälende Sorgen wühlten in meinem Kopf umher. Ich ahnte, daß ich mit diesem Mädchen viel Mühe haben würde. Aber die größte Sorge machten mir Natascha und ihre Angelegenheiten. Überhaupt habe ich, wie ich mich jetzt erinnere, mich selten in so gedrückter Stimmung befunden wie an diesem unglücklichen Abend.

Neuntes Kapitel

Ich erwachte erst spät, gegen zehn Uhr vormittags, und fühlte mich krank. Ich hatte Schwindel und Kopfschmerz. Ich blickte auf Jelenas Bett: das Bett war leer. Gleichzeitig drang aus meinem rechts gelegenen Zimmerchen ein Geräusch zu mir, als ob jemand mit einem Besen den Fußboden fege. Ich ging hin, um nachzusehen. Jelena hatte einen Besen in der Hand und fegte aus; mit der anderen Hand hielt sie ihr feines Kleid in die Höhe, das sie seit jenem Abend noch nicht ausgezogen hatte. Das zum Heizen des Ofens heraufgebrachte Holz war in einer Ecke aufgeschichtet, der Tisch abgerieben, der Teekessel gereinigt; kurz, Jelena wirtschaftete.

»Höre einmal, Jelena«, rief ich, »wer hat dich denn geheißen, den Fußboden zu fegen? Ich will das nicht; du bist krank; bist du etwa als Magd zu mir gekommen?«

»Wer soll denn sonst hier ausfegen?« erwiderte sie, sich aufrichtend und mich gerade anblickend. »Ich bin jetzt nicht mehr krank.«

»Aber ich habe dich nicht zur Arbeit hergenommen, Jelena. Du scheinst zu fürchten, ich würde dir Vorwürfe machen wie Frau Bubnowa, wenn du unentgeltlich bei mir wohnst? Und wo hast du diesen häßlichen Besen her? Ich habe keinen Besen gehabt«, fügte ich, sie erstaunt anblickend, hinzu.

»Das ist mein Besen. Ich habe ihn selbst hergebracht. Ich habe auch bei dem Großvater hier ausgefegt. Der Besen hat seitdem hier unter dem Ofen gelegen.«

Nachdenklich kehrte ich in das andere Zimmer zurück. Vielleicht irrte ich mich; aber ich hatte doch das Gefühl, daß ihr meine Gastfreundschaft peinlich war und sie mir auf jede Weise zeigen wollte, daß sie bei mir nicht unentgeltlich wohne. ›Wenn dem so ist‹, dachte ich, ›was ist das dann für ein eigensinniger Charakter?‹ Ein paar Minuten darauf kam sie ebenfalls herein, setzte sich schweigend auf ihren gestrigen Platz auf dem Sofa und sah mich fragend an. Ich hatte unterdessen im Teekessel Wasser heiß gemacht und Tee bereitet, goß ihr eine Tasse ein und reichte sie ihr mit einem Stück Weißbrot. Sie nahm beides schweigend und widerspruchslos hin. Volle vierundzwanzig Stunden lang hatte sie fast nichts gegessen.

»Da hast du auch dein schönes Kleid mit dem Besen beschmutzt«, sagte ich, da ich am Saum ihres Rockes einen großen Schmutzfleck bemerkte. Sie blickte hin, stellte dann auf einmal zu meinem größten Erstaunen die Tasse auf den Tisch, faßte, anscheinend kaltblütig und ruhig, eine Musselinbahn ihres Rockes und riß sie mit einem Zug von oben bis unten entzwei. Nachdem sie das getan hatte, schaute sie auf und blickte mich trotzig mit funkelnden Augen an. Ihr Gesicht war blaß.

»Was tust du, Jelena?« rief ich, überzeugt, daß ich eine Wahnsinnige vor mir hatte.

»Das ist ein häßliches Kleid«, erwiderte sie, keuchend vor Aufregung. »Warum haben Sie es ein schönes Kleid genannt? Ich will es nicht tragen«, schrie sie plötzlich und sprang von ihrem Platz auf. »Ich werde es zerreißen. Ich habe sie nicht gebeten, mich herauszuputzen. Sie hat das von selbst getan, mit Gewalt. Ich habe schon ein Kleid zerrissen und werde auch dieses zerreißen. Zerreißen werde ich es, zerreißen, zerreißen! . . .«

Wütend machte sie sich über das unglückliche Kleid her. In einem Augenblick hatte sie es in Stücke zerrissen. Als sie damit fertig war, war sie so blaß, daß sie kaum auf den Füßen stehen konnte. Verwundert stand ich dieser wilden Heftigkeit gegenüber. Sie aber sah mich gewissermaßen herausfordernd an, als ob auch ich mich irgendwie gegen sie vergangen hätte. Aber ich wußte schon, was ich zu tun hatte.

Ich beschloß, ihr unverzüglich, gleich an diesem Vormittag, ein neues Kleid zu kaufen. Auf dieses scheue, verbitterte Wesen mußte man durch Güte wirken. Sie machte den Eindruck, als wäre sie nie mit guten Menschen zusammengekommen. Wenn sie schon einmal trotz der zu erwartenden strengen Strafe ihr erstes derartiges Kleid in Stücke gerissen hatte, mit welcher Wut mußte sie dann jetzt dieses ansehen, durch das sie an die schrecklichen unlängst durchlebten Augenblicke erinnert wurde!

Auf dem Trödelmarkt konnte man ein hübsches, einfaches Kleid sehr billig kaufen. Das Unglück war nur, daß ich in diesem Augenblick fast gar kein Geld besaß. Aber ich hatte mir schon tags zuvor beim Schlafengehen vorgenommen, mich heute an einen Ort zu begeben, wo ich hoffen konnte, welches zu bekommen, und es traf sich gut, daß ich zu diesem Zweck nach derselben Seite gehen mußte, wo der Trödelmarkt lag. Ich griff nach dem Hut. Jelena beobachtete mich unverwandt, wie wenn sie auf etwas wartete.

»Werden Sie mich wieder einschließen?« fragte sie, als ich den Schlüssel nahm, um wie an den beiden vorhergehenden Tagen die Wohnung hinter mir zuzuschließen.

»Liebes Kind«, sagte ich, zu ihr tretend, »nimm mir das nicht übel! Ich schließe deswegen zu, weil jemand kommen könnte. Du aber bist krank und könntest dich womöglich ängstigen. Und es kann ja auch Gott weiß wer kommen; vielleicht gerät Frau Bubnowa auf den Einfall, sich hierherzubegeben . . .«

Das sagte ich absichtlich zu ihr. In Wirklichkeit schloß ich sie ein, weil ich ihr mißtraute. Ich glaubte, sie könne plötzlich auf den Gedanken kommen, von mir wegzugehen. Ich beschloß, einstweilen möglichst vorsichtig zu sein. Jelena schwieg, und so schloß ich sie denn auch diesmal ein.

Ich kannte einen Verleger, der schon seit mehr als zwei Jahren ein vielbändiges Werk herausgab. Von diesem erhielt ich häufig Arbeit, wenn es mir wünschenswert war, recht bald etwas Geld zu verdienen. Er zahlte pünktlich und anständig. Ich begab mich zu ihm, und es gelang mir, fünfundzwanzig Rubel Vorschuß zu erhalten, mit der Verpflichtung, ihm innerhalb einer Woche einen kompilatorischen Artikel zu liefern. Aber ich hoffte, daneben noch Zeit zur Arbeit an meinem Roman übrigzubehalten. So verfuhr ich oft, wenn ich besonders arg in Not kam.

Nachdem ich das Geld erhalten hatte, begab ich mich auf den Trödelmarkt. Dort fand ich schnell eine mir bekannte alte Frau, die mit allerlei Kleiderkram handelte. Ich gab ihr annähernd Jelenas Größe an, und sie suchte mir im Handumdrehen ein helles, sehr haltbares und erst einmal gewaschenes Kattunkleid zu außerordentlich billigem Preis aus. Auch nahm ich gleich noch ein kleines Halstuch. Während ich bezahlte, überlegte ich, daß Jelena auch einen einfachen Pelz, einen Mantel oder etwas Ähnliches nötig habe. Das Wetter war kalt, und sie besaß absolut nichts Derartiges. Aber ich verschob diesen Einkauf auf ein andermal. Jelena war so empfindlich, so stolz. Gott mochte wissen, wie sie schon dieses Kleid aufnehmen würde, obwohl ich absichtlich das einfachste, schlichteste, gewöhnlichste genommen hatte, das zu finden gewesen war. Indes kaufte ich doch noch zwei Paar baumwollene Strümpfe und ein Paar wollene. Diese konnte ich ihr mit der Begründung geben, sie sei krank und es sei im Zimmer kalt. Auch Wäsche brauchte sie. Aber all dies verschob ich bis auf die Zeit, wo ich mit ihr näher bekannt geworden sein würde. Dafür kaufte ich einen alten Vorhang für das Bett, ein notwendiges Requisit, das ihr, wie ich meinte, Freude machen konnte.

Mit all diesen Sachen kehrte ich erst um ein Uhr mittags nach Hause zurück. Mein Türschloß öffnete sich fast geräuschlos, so daß Jelena nicht sogleich hörte, daß ich zurückgekommen war. Ich bemerkte, daß sie am Tisch stand und meine Bücher und Papiere ansah. Als sie mich hörte, klappte sie schnell ein Buch zu, in dem sie gelesen hatte, und trat, tief errötend, vom Tisch weg. Ich warf einen Blick darauf: es war mein erster Roman, der als gebundenes Buch herausgegeben war und auf dessen Titelblatt mein Name stand.

»Es hat hier in Ihrer Abwesenheit jemand geklopft!« sagte sie in einem Ton, als ob sie, um mich zu necken, sagen wolle: ›Warum hast du auch zugeschlossen?‹

»War es der Arzt?« fragte ich. »Hast du auf das Klopfen geantwortet, Jelena?«

»Nein.«

Ich erwiderte nichts, nahm das Bündel, band es auf und nahm das gekaufte Kleid heraus.

»Hier, liebe Jelena«, sagte ich, indem ich zu ihr trat; »in den Fetzen, die du jetzt anhast, kannst du nicht gehen. Ich habe dir ein ganz gewöhnliches, ganz billiges Kleid gekauft, so daß du dich darüber nicht zu beunruhigen brauchst; es kostet nur einen Rubel und zwanzig Kopeken. Trage es auf deine Gesundheit!«

Ich legte das Kleid neben sie hin. Sie wurde dunkelrot und sah mich eine Weile mit weitgeöffneten Augen an.

Sie war außerordentlich erstaunt und schämte sich zugleich, wie es mir vorkam, über irgend etwas sehr. Aber eine sanfte, zärtliche Empfindung leuchtete in ihren Augen auf. Da ich sah, daß sie schwieg, wandte ich mich von ihr ab zum Tisch hin. Meine Handlungsweise hatte sie offenbar überrascht. Aber sie bezwang sich mit Anstrengung und saß still da, die Augen auf den Fußboden gerichtet.

Mein Kopfschmerz und mein Schwindelgefühl waren immer stärker geworden. Die frische Luft hatte mir nicht den geringsten Nutzen gebracht. Indessen mußte ich zu Natascha gehen. Meine Beunruhigung um sie hatte sich seit dem vorhergehenden Tag nicht vermindert, sondern war im Gegenteil immer mehr gewachsen. Auf einmal war es mir, als ob Jelena mich anriefe. Ich wandte mich zu ihr um.

»Schließen Sie mich nicht ein, wenn Sie fortgehen!« sagte sie, indem sie zur Seite blickte und mit dem Finger an der Kante des Sofabezuges zupfte, wie wenn sie ganz in diese Beschäftigung vertieft wäre. »Ich werde nicht von Ihnen fortgehen.«

»Gut, Jelena, ich bin einverstanden. Aber wenn ein Fremder kommt? Es kann ja Gott weiß wer kommen!«

»Lassen Sie mir doch den Schlüssel hier! Ich werde von innen zuschließen, und wenn jemand klopft, werde ich sagen: ›Es ist niemand zu Hause.‹«

Sie sah mich schelmisch an, wie wenn sie sagen wollte: ›Siehst du, so einfach ist das!‹

»Wer wäscht denn Ihre Wäsche?« fragte sie plötzlich, ehe ich ihr etwas hatte antworten können.

»Es ist hier im Haus eine Frau . . .«

»Ich kann waschen. Und wo haben Sie gestern das Essen geholt?«

»Aus einem Restaurant.«

»Ich kann auch kochen. Ich werde Ihnen das Essen kochen.«

»Rede doch nicht, Jelena; was wirst du denn kochen können? Was du da sagst, hat ja keinen Sinn . . .«

Jelena schwieg und ließ den Kopf hängen. Augenscheinlich fühlte sie sich durch meine Bemerkung gekränkt. Es vergingen wenigstens zehn Minuten; wir schwiegen beide.

»Suppe«, sagte sie auf einmal, ohne den Kopf in die Höhe zu heben.

»Was meinst du mit Suppe? Was ist mit Suppe?« fragte ich erstaunt.

»Suppe kann ich kochen. Ich habe für Mama welche gekocht, als sie krank war. Ich bin auch auf den Markt gegangen.«

»Siehst du wohl, Jelena, siehst du wohl, wie stolz du bist!« sagte ich, indem ich zu ihr ging und mich neben sie auf das Sofa setzte. »Ich handle dir gegenüber so, wie es mir mein Herz befiehlt. Du stehst jetzt allein da, ohne Angehörige, und bist unglücklich. Ich will dir helfen. Ebenso würdest auch du mir helfen, wenn es mir schlecht ginge. Aber du willst nicht so denken, und es ist dir peinlich, von mir auch nur das geringste Geschenk anzunehmen. Du willst sogleich dafür bezahlen, es abarbeiten, wie wenn ich Frau Bubnowa wäre und dir Vorwürfe machte. Wenn es so ist, mußt du dich schämen, Jelena.«

Sie antwortete nicht; ihre Lippen zuckten. Sie schien mir etwas erwidern zu wollen; aber sie bezwang sich und schwieg. Ich stand auf, um zu Natascha zu gehen. Diesmal ließ ich Jelena den Schlüssel da und bat sie, wenn jemand komme und klopfe, zu antworten und zu fragen, wer da sei. Ich war fest davon überzeugt, daß bei Natascha etwas sehr Schlimmes vorgefallen sei, was sie mir aber vorläufig verheimliche, wie das schon mehrmals zwischen uns vorgekommen war. Jedenfalls nahm ich mir vor, nur für einen Augenblick zu ihr zu gehen, um sie nicht durch meine Aufdringlichkeit aufzubringen.

So war es denn auch. Sie empfing mich wieder mit unzufriedener, finsterer Miene. Ich hätte daraufhin sofort wieder weggehen sollen; aber die Beine wankten unter mir.

»Ich bin nur auf einen Augenblick zu dir gekommen, Natascha«, begann ich, »um dich um Rat zu fragen, was ich mit dem Mädchen, das jetzt bei mir ist, anfangen soll.« Ich erzählte ihr in Kürze alles, was Jelena betraf. Natascha hörte mir schweigend zu.

»Ich weiß nicht, was ich dir raten soll, Wanja«, antwortete sie. »Aus alledem ist zu ersehen, daß sie ein ganz seltsames Wesen ist. Vielleicht ist sie sehr schlecht behandelt und sehr verschüchtert worden. Laß sie wenigstens erst wieder gesund werden! Du willst sie zu den Unsrigen bringen?«

»Sie sagt immer, sie wolle nicht von mir fortgehen, nirgendshin. Und Gott weiß, wie sie da aufgenommen werden würde; ich wenigstens bin mir darüber nicht klar. Nun, und du, liebe Freundin? Wie geht es dir? Du schienst gestern nicht wohl zu sein?« fragte ich schüchtern.

»Ja . . . und ich habe auch heute Kopfschmerzen«, antwortete sie zerstreut. »Hast du jemand von den Unsrigen gesehen?«

»Nein, ich werde morgen hingehen. Morgen ist ja Sonnabend . . .«

»Nun, und?«

»Am Abend kommt der Fürst . . .«

»Nun, und? Ich habe es nicht vergessen.«

»Ich meinte nur so . . .«

Sie blieb gerade vor mir stehen und sah mir lange unverwandt in die Augen. In ihrem Blick lag eine gewisse Entschlossenheit, eine gewisse Hartnäckigkeit, etwas Aufgeregtes, Fieberhaftes.

»Weißt du was, Wanja«, sagte sie, »sei so gut und verlaß mich jetzt; du störst mich sehr.«

Ich stand von meinem Stuhl auf und sah sie mit unaussprechlichem Erstaunen an.

»Nataschenka! Was ist dir? Was ist geschehen?« rief ich erschrocken.

»Nichts ist geschehen! Morgen wirst du alles, alles erfahren; aber jetzt möchte ich allein sein. Hörst du, Wanja: geh jetzt sogleich fort! Es ist mir peinlich, furchtbar peinlich, dich anzusehen!«

»Aber sage mir wenigstens . . .«

»Morgen sollst du alles erfahren, alles! O mein Gott! Wirst du denn nicht fortgehen?«

Ich ging. Ich war so bestürzt, daß ich ganz von Sinnen war. Mawra kam mir auf den Flur nachgelaufen.

»Nun? Ist sie ärgerlich?« fragte sie mich. »Ich fürchte mich schon, ihr nahe zu kommen.«

»Aber was hat sie denn eigentlich?«

»Der Grund ist: Unserer hat sich schon seit drei Tagen bei uns nicht blicken lassen.«

»Seit drei Tagen, sagst du?« fragte ich erstaunt. »Aber sie hat mir ja gestern selbst gesagt, er sei vormittags dagewesen und wolle abends wiederkommen . . .«

»Gestern abend wiederkommen? Bewahre! Auch am Vormittag war er gar nicht da! Ich sage Ihnen, seit drei Tagen haben wir ihn nicht zu sehen bekommen. Hat sie Ihnen gestern wirklich selbst gesagt, er wäre am Vormittag dagewesen?«

»Ja, das hat sie mir selbst gesagt.«

»Nun«, sagte Mawra nachdenklich, »dann muß es ihr sehr nahegehen, wenn sie sogar Ihnen gegenüber es nicht eingestehen mag, daß er nicht dagewesen ist. Na, er ist schon ein netter Patron!«

»Aber was hat denn das zu bedeuten?« rief ich.

»Ja, es ist arg; ich weiß gar nicht mehr, was ich mit ihr anfangen soll«, fuhr Mawra, die Hände zusammenschlagend, fort . . . »Gestern hat sie mir zweimal befohlen, zu ihm zu gehen, und mich beidemal zurückgerufen, als ich schon unterwegs war. Und heute will sie auch mit mir gar nicht mehr reden. Wenn Sie wenigstens einmal zu ihm gingen! Ich wage schon gar nicht mehr, sie zu verlassen.«

Ganz außer mir lief ich die Treppe hinunter.

»Werden Sie am Abend zu uns kommen?« rief mir Mawra nach.

»Ich will einmal sehen«, antwortete ich, mich umwendend. »Vielleicht werde ich nur bei dir vorbeikommen und fragen, wie die Sache steht. Wenn ich überhaupt selbst noch am Leben sein werde.«

Ich hatte in der Tat eine Empfindung, als ob ich einen tiefen Stich mitten ins Herz bekommen hätte.

Zehntes Kapitel

Ich begab mich geradenwegs zu Aljoscha. Er wohnte bei seinem Vater in der Kleinen Morskaja. Der Fürst hatte eine recht große Wohnung inne, obwohl er allein lebte. Aljoscha hatte in dieser Wohnung zwei schöne Zimmer für sich. Ich kam nur sehr selten zu ihm und war bisher, glaube ich, nur einmal dagewesen. Er dagegen war häufiger bei mir gewesen, besonders anfangs, in der ersten Zeit seiner Verbindung mit Natascha.

Er war nicht zu Hause. Ich ging geradenwegs in seine Zimmer und schrieb ihm folgendes Billett:

»Aljoscha, Sie scheinen den Verstand verloren zu haben. Da Ihr Vater am Dienstagabend Natascha selbst gebeten hat, Ihnen die Ehre zu erweisen, Ihre Frau zu werden, und Sie Ihrerseits über diese Bitte erfreut waren, wovon ich Zeuge war, so werden Sie selbst zugeben müssen, daß Ihr gegenwärtiges Benehmen einigermaßen sonderbar ist. Wissen Sie, was Sie Natascha antun? Jedenfalls wird dieses mein Billett Sie daran erinnern, daß Ihr Verhalten gegen Ihre künftige Frau im höchsten Grad unwürdig und leichtfertig ist. Ich weiß sehr wohl, daß ich keinerlei Recht habe, Ihnen Strafpredigten zu halten; aber darum kümmere ich mich nicht.

P. S. Von diesem Brief weiß sie nichts; sie hat nicht einmal von Ihnen zu mir gesprochen.«

Ich siegelte den Brief und ließ ihn auf seinem Tisch liegen. Der Diener antwortete auf meine Frage, Alexei Petrowitsch sei fast nie zu Hause und werde auch diesmal erst in der Nacht, kurz vor Tagesgrauen, zurückkommen.

Nur mühsam schleppte ich mich nach Hause. Der Kopf war mir schwindlig, die Beine waren mir schwach und zitterten. Die Tür zu meiner Wohnung war nicht verschlossen. Drinnen saß Nikolai Sergejewitsch Ichmenew und wartete auf mich. Er saß schweigend am Tisch und blickte erstaunt Jelena an, die ihn mit nicht geringerem Erstaunen ansah, obgleich sie hartnäckig schwieg. ›Hm‹, dachte ich, ›da muß sie ihm wohl sonderbar vorkommen.‹

»Ich warte schon eine ganze Stunde auf dich, lieber Freund«, sagte er, »und ich muß gestehen, ich hätte nicht erwartet . . . dich so zu finden«, fuhr er fort, indem er sich im Zimmer umsah und mit kaum merklichem Augenzwinkern auf Jelena hindeutete.

In seinen Augen prägte sich sein Erstaunen aus. Aber als ich ihn näher ansah, bemerkte ich an ihm eine starke Unruhe und Traurigkeit. Sein Gesicht war ungewöhnlich blaß.

»Setz dich hin, setz dich hin!« fuhr er mit sorgenvoller, bekümmerter Miene fort. »Ich bin eilig zu dir gekommen, in einer ernsten Angelegenheit. Aber was ist dir? Du siehst ja ganz entstellt aus!«

»Ich bin nicht wohl. Schon seit heute früh habe ich Schwindel.«

»Na, da nimm dich in acht; so etwas darf man nicht vernachlässigen. Du hast dich wohl erkältet?«

»Nein, es ist einfach ein nervöser Anfall. Das kommt bei mir manchmal vor. Und Sie, befinden Sie sich wohl?«

»Es geht, es geht! So leidlich; ein bißchen Fieberhitze. Ich habe mit dir zu reden. Setz dich hin!«

Ich zog einen Stuhl heran und setzte mich ihm gegenüber. Der alte Mann beugte sich zu mir und begann leise, fast flüsternd:

»Sieh nicht zu ihr hin, hörst du wohl? und tu, als ob wir von etwas anderem sprächen! Was hast du denn da für ein fremdes Mädchen sitzen?«

»Ich werde es Ihnen nachher erklären, Nikolai Sergejewitsch. Es ist ein armes, vater- und mutterloses Mädchen, die Enkelin eben jenes Smith, der hier gewohnt hat und in der Konditorei gestorben ist.«

»Ah, der hat also eine Enkelin gehabt! Na, aber ein wunderliches Ding ist sie, lieber Freund! Wie sie einen ansieht, wie sie einen ansieht! Offen gesagt: wenn du noch fünf Minuten länger ausgeblieben wärst, so hätte ich es nicht mehr ausgehalten, hier zu sitzen. Mit Müh und Not habe ich sie dazu gebracht, mir die Tür aufzuschließen, und seitdem hat sie noch nicht eine Silbe gesagt; es ist einem ordentlich unheimlich, mit ihr zusammen zu sein; sie hat ja gar nichts von einem menschlichen Wesen an sich. Und wie ist sie denn hierhergekommen? Ah, ich verstehe: gewiß hat sie zu ihrem Großvater gewollt und nicht gewußt, daß er gestorben ist?«

»Ja, sie war sehr unglücklich. Der alte Mann hat noch im Sterben von ihr gesprochen.«

»Hm, wie der Großvater, so die Enkelin. Das kannst du mir alles nachher erzählen. Vielleicht kann man ihr auch irgendwie helfen, wenn sie so unglücklich ist . . . Na, aber kannst du ihr jetzt nicht sagen, lieber Freund, sie möchte weggehen? Denn ich muß mit dir etwas Ernstes besprechen.«

»Sie kann nirgends hingehen. Sie wohnt hier.«

Ich erklärte dies dem Alten, so gut es ging, in ein paar Worten und fügte hinzu, er könne auch in ihrer Gegenwart reden, da sie noch ein Kind sei.

»Nun ja . . . allerdings, sie ist noch ein Kind. Aber du hast mich wirklich in Erstaunen versetzt, lieber Freund. Sie wohnt hier bei dir? Herr du mein Gott!«

Der Alte sah mich noch einmal höchst verwundert an. Jelena, die merkte, daß von ihr die Rede war, saß schweigend mit gesenktem Kopf da und zupfte mit den Fingern an der Kante des Sofabezuges. Sie hatte bereits das neue Kleid angezogen, das ihr sehr gut paßte. Das Haar hatte sie mit besonderer Sorgfalt glattgekämmt, vielleicht aus Anlaß des neuen Kleides. Überhaupt, hätte sie nicht diesen sonderbar scheuen Blick gehabt, so wäre sie ein recht hübsches Mädchen gewesen.

»Um es kurz und deutlich zu sagen, die Sache ist nämlich die, lieber Freund«, begann der alte Mann wieder, »es ist eine lange Geschichte, eine sehr wichtige Sache . . .«

Er saß mit gesenktem Kopf da, mit wichtiger, nachdenklicher Miene, vermochte aber, trotzdem er es so eilig hatte und trotz seines ›kurz und deutlich‹ nicht die richtigen Worte für den Anfang seiner Mitteilung zu finden. ›Was wird da nur herauskommen?‹ dachte ich.

»Siehst du, Wanja, ich bin mit einer sehr großen Bitte zu dir gekommen. Aber vorher . . . wie ich mir jetzt selbst sage, muß ich dir gewisse Umstände auseinandersetzen, sehr heikle Umstände.«

Er räusperte sich und streifte mich mit einem Blick; darauf errötete er; dann ärgerte er sich über seine eigene Ungeschicklichkeit, und schließlich faßte er einen energischen Entschluß:

»Na, was ist da erst noch auseinanderzusetzen! Du wirst es schon von selbst verstehen! Ich will ganz einfach den Fürsten zum Duell fordern und bitte dich, die Sache zu arrangieren und mein Sekundant zu sein.«

Ich sank gegen die Lehne des Stuhles zurück und blickte ihn, ganz außer mir vor Erstaunen, an.

»Nun, warum siehst du mich so an? Ich habe ja doch nicht den Verstand verloren.«

»Aber erlauben Sie, Nikolai Sergejewitsch! Was haben Sie denn dabei für einen Grund und was für eine Absicht? Und schließlich, wie ist es überhaupt möglich?«

»Grund! Absicht!« schrie der Alte. »Nun, das ist schön! . . .«

»Gut, gut, ich weiß, was Sie sagen werden; aber was werden Sie denn durch diesen auffälligen Schritt erreichen? Was für einen Nutzen bringt Ihnen das Duell? Ich gestehe, daß ich das nicht verstehe.«

»Das hatte ich mir doch gedacht, daß du nichts verstehen würdest! Nun, höre zu: unser Prozeß ist zu Ende (das heißt, er wird in den nächsten Tagen zu Ende sein; es sind nur noch Förmlichkeiten zu erledigen); ich bin verurteilt. Ich muß an die zehntausend Rubel bezahlen; so lautet das Urteil. Für diese Summe haftet mein Gut Ichmenewka. Folglich ist dieser gemeine Mensch jetzt hinsichtlich seines Geldes gesichert; ich aber werde, wenn ich Ichmenewka hingegeben habe, meine Schuld bezahlt haben und wieder ein freier, selbständiger Mensch sein. Nun kann ich wieder den Kopf erheben. ›Soundso, verehrter Fürst‹, werde ich sagen, ›Sie haben mich zwei Jahre lang beleidigt; Sie haben meinen Namen und die Ehre meiner Familie beschimpft, und ich habe das alles ertragen müssen! Ich konnte Sie bisher nicht zum Zweikampf fordern. Sie würden mir geradezu gesagt haben: ‚Ah, du Schlaukopf, du willst mich töten, damit du mir nicht das Geld zu bezahlen brauchst, zu dessen Bezahlung an mich du, wie du voraussiehst, früher oder später verurteilt werden wirst! Nein, zuerst wollen wir einmal sehen, wie der Prozeß entschieden werden wird, und dann fordere mich!‘ Jetzt, verehrter Fürst, ist der Prozeß entschieden; Sie haben Ihre Sicherheit; somit bestehen keine Schwierigkeiten mehr, und darum frage ich Sie, ob es Ihnen nun gefällig ist, an die Barriere zu treten!‹ Darum also handelt es sich. Nun, und da bin ich wohl deiner Ansicht nach nicht berechtigt, schließlich für das alles, für das alles Rache zu nehmen!«

Seine Augen funkelten. Ich blickte ihn lange schweigend an. Ich wollte gern in seine geheimen Gedanken eindringen.

»Hören Sie, Nikolai Sergejewitsch«, erwiderte ich endlich, nachdem ich mich entschlossen hatte, den Hauptpunkt zur Sprache zu bringen, ohne den wir einander nicht hätten verstehen können, »können Sie gegen mich völlig offenherzig sein?«

»Ja, das kann ich«, antwortete er in festem Ton.

»Dann sagen Sie mir aufrichtig: ist es nur der Wunsch, sich zu rächen, der Sie zu dieser Herausforderung treibt, oder haben Sie dabei noch andere Ziele im Auge?«

»Wanja«, antwortete er, »du weißt, daß ich niemandem gestatte, im Gespräch mit mir gewisse Punkte zu berühren; aber diesmal mache ich eine Ausnahme, weil du mit deinem klaren Verstand sogleich erkannt hast, daß es nicht möglich ist, diesen Punkt zu umgehen. Ja, ich habe dabei noch ein anderes Ziel im Auge. Dieses Ziel ist: meine verlorene Tochter zu retten und sie von dem unheilvollen Weg abzulenken, auf den sie durch die letzten Ereignisse getrieben worden ist.«

»Aber wie wollen Sie sie denn durch dieses Duell retten? Das ist die Frage!«

»Indem ich all das verhindere, was dort jetzt geplant wird. Höre: glaube nicht, daß aus mir irgendwelche väterliche Zärtlichkeit oder eine ähnliche Schwäche spricht! Das ist alles dummes Zeug! Mein innerstes Herz zeige ich niemandem. Auch du kennst es nicht. Meine Tochter hat mich verlassen, ist mit ihrem Liebhaber aus meinem Haus davongegangen, und ich habe sie aus meinem Herzen gerissen, ein für allemal, gleich an jenem Abend – erinnerst du dich? Wenn du mich beim Anblick ihres Porträts hast schluchzen sehen, so folgt daraus noch nicht, daß ich den Wunsch hätte, ihr zu verzeihen. Ich habe ihr auch damals nicht verziehen. Ich weinte über ein verlorenes Glück, über ein leeres Traumbild, aber nicht über sie, wie sie jetzt ist. Ich weine vielleicht auch sonst oft; ich schäme mich nicht, das zu bekennen, ebenso wie ich mich nicht schäme zu bekennen, daß ich mein Kind früher mehr als alles in der Welt geliebt habe. All dies steht anscheinend im Widerspruch zu meinem jetzigen auffälligen Schritt. Du kannst mir sagen: ›Wenn dem so ist, wenn Sie gleichgültig gegen das Schicksal derjenigen sind, die Sie nicht mehr für Ihre Tochter halten, warum mischen Sie sich denn dann in das, was jetzt dort geplant wird?‹ Darauf antworte ich: Erstens, weil ich diesen gemeinen, heimtückischen Menschen nicht triumphieren lassen will, und zweitens aus dem Gefühl der allergewöhnlichsten Menschenliebe. Wenn sie auch nicht mehr meine Tochter ist, so ist sie doch ein schwaches, schutzloses, betrogenes Geschöpf, das sie noch mehr betrügen wollen, um sie ganz und gar zugrunde zu richten. Direkt kann ich mich nicht in die Sache einmischen; aber indirekt, durch das Duell, kann ich es. Wenn ich mein Blut vergieße oder getötet werde, wird sie dann über dieses Hindernis, vielleicht über meinen Leichnam, hinwegschreiten und mit dem Sohn meines Mörders zum Traualtar gehen wie jene Königstochter (du erinnerst dich, es war bei uns zu Hause ein Büchelchen, in dem du lesen lerntest), die in ihrer Kutsche über den Leichnam ihres Vaters hinwegfuhr? Und schließlich, wenn es zum Duell kommt, werden der Fürst und sein Sohn die Heirat selbst nicht mehr wollen. Kurz, ich will diese Ehe nicht und wende alle Mittel an, damit sie nicht zustande kommt. Hast du mich jetzt verstanden?«

»Nein. Wenn Sie Natascha Gutes wünschen, wie können Sie es dann darauf anlegen, ihre Ehe zu verhindern, das heißt, gerade das zu verhindern, wodurch ihr guter Name wiederhergestellt werden kann? Sie hat noch lange auf der Welt zu leben; da bedarf sie eines guten Namens.«

»›Was schere ich mich um die Meinung der Welt!‹ so muß sie denken! Sie muß sich bewußt sein, daß die größte Schande für sie in dieser Ehe besteht, gerade in der Verbindung mit diesen gemeinen Menschen, mit dieser jämmerlichen sogenannten vornehmen Welt. Edler Stolz, das muß die Antwort sein, die sie dieser Welt gibt. Dann werde auch ich mich vielleicht bereit finden lassen, ihr meine Hand zu reichen, und dann wollen wir einmal sehen, wer es wagen wird, mein Kind zu beschimpfen!«

Dieser sinnlose Idealismus setzte mich in Erstaunen. Aber ich merkte sofort, daß der alte Mann nicht ganz zurechnungsfähig war, sondern in fieberhafter Erregung sprach.

»Das ist zu ideal gedacht«, antwortete ich ihm, »und infolgedessen grausam. Sie verlangen von ihr eine Kraft, die Sie ihr vielleicht bei der Geburt nicht mitgegeben haben. Und willigt sie denn in diese Ehe etwa deswegen ein, weil sie Fürstin werden möchte? Sie liebt ja; das ist eine Leidenschaft, das ist ein Verhängnis. Und endlich: Sie fordern von ihr, sie solle die Meinung der Welt verachten; aber Sie selbst beugen sich vor dieser Meinung. Der Fürst hat Sie beleidigt, Sie öffentlich verdächtigt, als ob Sie niedrigerweise danach strebten, durch List mit seinem fürstlichen Haus verwandt zu werden, und da spekulieren Sie nun so: wenn Natascha selbst dem Fürsten und seinem Sohn nach deren förmlichem Antrag eine abschlägige Antwort erteilt, so wird das selbstverständlich die vollständigste, deutlichste Widerlegung der früheren Verleumdung sein. Das ist es, was Sie erreichen wollen; Sie beugen sich vor der Meinung des Fürsten selbst; Sie wollen es erreichen, daß er sich seines Irrtums bewußt werde. Es reizt Sie, ihn zu verhöhnen, sich an ihm zu rächen, und diesem Zweck bringen Sie das Glück Ihrer Tochter zum Opfer. Ist das etwa nicht Egoismus?«

Der Alte saß mürrisch und finster da und antwortete lange keine Silbe.

»Du bist ungerecht gegen mich, Wanja«, sagte er endlich, und eine Träne glänzte an seinen Wimpern. »Ich versichere dich, du bist ungerecht; aber lassen wir das! Ich kann nicht mein ganzes Herz vor dir ausschütten«, fuhr er fort, indem er sich erhob und nach seinem Hut griff; »ich will nur eins sagen: du sprachst soeben von dem Glück meiner Tochter. Ich glaube mit aller Entschiedenheit nicht an dieses Glück, ganz abgesehen davon, daß diese Ehe auch ohne mein Eingreifen niemals zustande kommen wird.«

»Wieso! Warum glauben Sie das? Wissen Sie vielleicht irgend etwas?« rief ich gespannt.

»Nein, ich weiß nichts Besonderes. Aber daß dieser verdammte Fuchs sich wirklich dazu sollte entschlossen haben, ist unmöglich. Das sind nur Redensarten, hinterlistige Ränke. Davon bin ich überzeugt; erinnere dich daran, daß ich es vorhergesagt habe! Zweitens, selbst wenn diese Ehe zustande käme (was nur möglich ist, wenn dieser Schurke dabei seine besondere, geheime, niemandem bekannte Spekulation hat und von dieser Ehe für sich einen Nutzen erhofft, eine Spekulation, die ich absolut nicht verstehe), dann überlege selbst und frage dein eigenes Herz: wird sie in dieser Ehe glücklich sein? Sie wird Vorwürfe und Demütigungen zu ertragen haben als Lebensgefährtin eines Jungen, der sich schon jetzt durch ihre Liebe belästigt fühlt und nach der Verheiratung sogleich anfangen wird, sie geringschätzig zu behandeln, sie zu kränken, sie zu erniedrigen; die Leidenschaft wird gleichzeitig auf ihrer Seite in demselben Maß an Kraft zunehmen, in welchem er selbst kühler werden wird; dann folgen Eifersucht, Qualen, ein Höllendasein, Scheidung, vielleicht kommt es sogar zum Verbrechen . . . Nein, Wanja, wenn ihr das ins Werk setzt und du dazu mithilfst, dann sage ich dir vorher: du wirst dich vor Gott deswegen zu verantworten haben; aber dann wird es zu spät sein! Leb wohl!«

Ich hielt ihn zurück.

»Hören Sie, Nikolai Sergejewitsch«, sagte ich, »machen wir es so: warten wir noch ein Weilchen! Seien Sie überzeugt, daß ich diese Sache nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Herzen verfolge; und vielleicht wird sie auf die beste Art ganz von selbst ihre Lösung finden, ohne gewaltsame künstliche Mittel, wie zum Beispiel dieses Duell eins sein würde. Am besten überläßt man solche Entscheidungen der Zeit! Gestatten Sie mir aber zuletzt noch die Bemerkung, daß Ihr ganzes Projekt völlig unausführbar ist. Haben Sie denn wirklich auch nur einen Augenblick lang denken können, daß der Fürst Ihre Forderung annehmen wird?«

»Warum soll er sie nicht annehmen? Was redest du da? Komm zu dir!«

»Ich versichere Sie, er wird sie nicht annehmen; seien Sie überzeugt, er wird einen völlig ausreichenden Grund zur Ablehnung finden; er wird die Sache mit pedantischem Ernst behandeln, und Sie werden dabei Hohn und Spott ernten.«

»Aber ich bitte dich, lieber Freund, ich bitte dich! Du versetzt mich durch deine Bemerkung in das äußerste Erstaunen! Wie soll er denn die Forderung ablehnen? Nein, Wanja, du bist eben ein Dichter, ein richtiger Dichter! Was ist denn nach deiner Meinung dabei unpassend, wenn er sich mit mir schlägt? Ich bin nicht schlechter als er. Ich bin ein alter Mann, ein beleidigter Vater, du ein russischer Schriftsteller und daher ebenfalls eine achtbare Persönlichkeit und kannst Sekundant sein und . . . und . . . Ich verstehe nicht, was du noch mehr verlangst . . .«

»Nun, Sie werden ja sehen. Er wird solche Gründe vorbringen, daß Sie selbst der erste sein werden, der einen Zweikampf zwischen ihm und Ihnen für absolut unmöglich hält.«

»Hm! . . . Nun gut, lieber Freund; machen wir es, wie du gesagt hast! Ich werde warten, natürlich nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Wir wollen sehen, welche Wirkung die Zeit ausüben wird. Aber höre, mein Freund: gib mir dein Ehrenwort, daß du weder dort noch zu Anna Andrejewna etwas von unserem Gespräch sagen wirst!«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.«

»Zweitens, Wanja, tu mir den Gefallen und fang nie mehr mit mir von dieser Sache zu reden an!«

»Gut, ich gebe mein Wort.«

»Und endlich noch eine Bitte: ich weiß, mein Lieber, es ist dir vielleicht bei uns langweilig; aber komm recht oft zu uns, wenn du irgend kannst! Meine arme Anna Andrejewna hat dich so gern, und . . . und . . . sie langweilt sich so ohne dich . . . du verstehst, Wanja?«

Ich drückte ihm kräftig die Hand. Ich versprach es ihm von ganzem Herzen.

»Und jetzt noch eine letzte, delikate Angelegenheit, Wanja: hast du Geld?«

»Geld?« wiederholte ich erstaunt.

»Ja.« (Der alte Mann errötete und schlug die Augen nieder.) »Ich sehe so deine Wohnung, lieber Freund . . . und deine Verhältnisse . . . und da ich glaube, daß du vielleicht noch andere, besondere Ausgaben haben wirst (und gerade jetzt kann das vorkommen), so . . . hier, lieber Freund, sind hundertfünfzig Rubel für den ersten Bedarf . . .«

»Hundertfünfzig Rubel, und noch dazu für den ersten Bedarf, wo Sie doch selbst Ihren Prozeß verloren haben!«

»Wanja, wie ich sehe, verstehst du mich gar nicht! Du wirst vielleicht besondere Ausgaben haben; versteh das doch! In manchen Fällen verhilft Geld zu unabhängiger Lage und ermöglicht unabhängige Entschlüsse. Vielleicht brauchst du es augenblicklich nicht; aber kannst du wissen, ob du es nicht in Zukunft brauchen wirst? Jedenfalls möchte ich dir das Geld hierlassen. Es ist alles, was ich habe zusammenbringen können. Wenn du es nicht ausgibst, kannst du es mir ja nachher zurückgeben. Jetzt aber adieu! Mein Gott, wie blaß du aussiehst! Du bist ja ganz krank . . .«

Ich machte keine Einwendungen und nahm das Geld hin. Es war sehr klar, wozu er es mir übergab.

»Ich kann mich kaum auf den Beinen halten«, antwortete ich ihm.

»Vernachlässige deine Krankheit nicht, Wanjuscha, vernachlässige sie nicht! Geh heute nicht aus! Ich werde meiner Frau sagen, in welchem Zustand du dich befindest. Hast du nicht einen Arzt nötig? Morgen werde ich dich wieder besuchen; wenigstens werde ich mich aus allen Kräften bemühen, es zu tun, wenn ich nur selbst meine Beine schleppen kann. Aber jetzt solltest du dich hinlegen . . . Nun, adieu! Adieu, Kleine! Sie hat sich weggewendet! Hör mal, lieber Freund: da sind noch fünf Rubel; die sind für das kleine Mädchen. Sag ihr aber nicht, daß ich das gegeben habe, sondern verwende es so stillschweigend für sie, na, zu Schuhen, zu Wäsche . . . was braucht so ein Kind nicht alles! Adieu, mein Freund . . .«

Ich begleitete ihn bis zur Haustür. Ich mußte den Hausknecht bitten, Essen zu holen. Jelena hatte noch nichts zu Mittag gegessen.

Elftes Kapitel

Aber kaum war ich in meine Wohnung zurückgekehrt, als mich ein Schwindel überkam und ich mitten im Zimmer hinfiel. Ich erinnere mich nur noch, daß Jelena aufschrie; sie schlug die Hände zusammen und stürzte zu mir hin, um mich zu halten. Das war der letzte Augenblick, der in meinem Gedächtnis haftete . . .

Als ich wieder einigermaßen zur Besinnung kam, lag ich im Bett. Jelena erzählte mir später, sie habe mit dem Hausknecht zusammen, der das Essen brachte, mich auf das Sofa gelegt. Mehrmals wachte ich auf und erblickte jedesmal das sich über mich beugende, mitleidige, sorgenvolle Gesichtchen Jelenas. Aber an all das erinnere ich mich nur wie in einem Dämmerzustand, wie in einem Nebel, und die liebliche Gestalt des armen Mädchens huschte in den lichten Augenblicken an mir vorbei wie eine Vision, wie ein Zauberbildchen; Jelena brachte mir zu trinken, machte es mir auf dem Bett bequem oder saß traurig und ängstlich vor mir und strich mir mit ihren Fingerchen das Haar glatt. Ich erinnere mich auch, daß sie mir einmal einen leisen Kuß auf das Gesicht drückte. Ein andermal, als ich plötzlich in der Nacht zum Bewußtsein gelangte, sah ich beim Schein der schon stark heruntergebrannten Kerze, die vor mir auf einem an das Sofa herangerückten Tischchen stand, daß Jelena mit dem Gesicht auf meinem Kissen lag und mit einem Ausdruck von Angst schlief; die blassen Lippen waren halbgeöffnet, die eine heiße Wange lag in der Handfläche. Aber vollständig zu mir kam ich erst frühmorgens. Die Kerze war ganz heruntergebrannt; die hellen, rosigen Strahlen der beginnenden Morgenröte spielten schon an der Wand. Jelena saß auf einem Stuhl am Tisch; sie hatte ihr müdes Köpfchen auf den linken Arm gelegt, der auf dem Tisch lag, und schlief fest; ich konnte mich gar nicht satt sehen an ihrem Kindergesichtchen: auch im Schlaf zeigte es einen nicht mehr kindlichen Ausdruck von Traurigkeit und eine seltsame, schmerzlich anmutende Schönheit; es war blaß, von pechschwarzem Haar umrahmt, das dicht und schwer in einem nachlässig gebundenen Knoten seitwärts herunterfiel; die langen Wimpern lagen auf den mageren Wangen. Ihr anderer Arm lag auf meinem Kissen. Ich küßte ganz leise dieses magere Händchen; aber das arme Kind erwachte nicht; es schien nur ein Lächeln über ihre blassen Lippen zu gleiten. Ich blickte sie unverwandt an und versank unvermerkt in einen ruhigen, heilsamen Schlaf. Diesmal erwachte ich erst kurz vor zwölf Uhr. Nach dem Aufwachen fühlte ich mich fast ganz genesen. Nur eine Schwäche und Schwere in allen Gliedern zeugte von der soeben überstandenen Krankheit. Ähnliche schnell vorübergehende Nervenanfälle waren bei mir auch schon früher vorgekommen; ich kannte sie gut. Die Krankheit ging gewöhnlich in der Zeit von vierundzwanzig Stunden fast vollständig vorüber, was sie übrigens nicht hinderte, innerhalb dieser Zeit recht stark und unangenehm zu wirken.

Es war schon beinahe zwölf Uhr. Das erste, was ich sah, war der gestern von mir gekaufte Vorhang, der in der Ecke an einer Schnur aufgehängt war. Das hatte sich Jelena zurechtgemacht und sich so im Zimmer ein besonderes Winkelchen geschaffen. Sie saß vor dem Ofen und kochte Tee. Als sie bemerkte, daß ich erwacht war, lächelte sie heiter und trat sogleich zu mir.

»Liebes Kind«, sagte ich, indem ich sie bei der Hand ergriff, »du hast mich die ganze Nacht behütet. Ich habe gar nicht gewußt, daß du ein so gutes Herz hast.«

»Aber woher wissen Sie, daß ich Sie behütet habe? Vielleicht habe ich die ganze Nacht über geschlafen?« fragte sie, mich mit gutmütiger, verschämter Schelmerei ansehend und gleichzeitig über ihre eigenen Worte verlegen errötend.

»Ich bin wiederholt aufgewacht und habe alles gesehen. Du bist erst kurz vor dem Tagwerden eingeschlafen.«

»Wollen Sie Tee?« unterbrach sie mich, wie wenn es ihr peinlich wäre, dieses Gespräch fortzusetzen, wie das bei allen keuschen, streng redlichen Herzen der Fall ist, wenn sie gelobt werden.

»Ja, bitte«, antwortete ich. »Aber hast du gestern zu Mittag gegessen?«

»Nein, aber zu Abend. Der Hausknecht hatte etwas gebracht. Sie sollten übrigens nicht soviel reden, sondern ruhig liegen; Sie sind noch nicht ganz gesund«, fügte sie hinzu, während sie mir den Tee brachte und sich auf mein Bett setzte.

»Ach was, ruhig liegen! Bis zur Dämmerzeit will ich übrigens liegenbleiben; dann aber werde ich ausgehen. Das ist unumgänglich notwendig, liebe Jelena.«

»Ach, wie kann denn das notwendig sein! Zu wem wollen Sie denn gehen? Doch nicht zu dem Herrn, der gestern hier war?«

»Nein, zu dem nicht.«

»Das ist gut, daß Sie nicht zu dem wollen. Der hat Sie gestern sehr aufgeregt. Also gehen Sie wohl zu seiner Tochter?«

»Woher weißt du etwas von seiner Tochter?«

»Ich habe gestern alles gehört«, antwortete sie mit niedergeschlagenen Augen.

Ihr Gesicht verfinsterte sich; die Augenbrauen zogen sich zusammen.

»Er ist ein schlechter alter Mann«, fügte sie dann hinzu.

»Kennst du ihn denn? Im Gegenteil, er ist ein sehr guter Mensch.«

»Nein, nein, er ist ein böser Mensch; ich habe es gehört«, antwortete sie lebhaft.

»Was hast du denn gehört?«

»Er will seiner Tochter nicht verzeihen . . .«

»Aber er liebt sie. Sie hat sich gegen ihn vergangen, und doch sorgt er für sie und grämt sich um sie.«

»Aber warum verzeiht er ihr nicht? Bei dieser jetzigen Art von Verzeihung würde die Tochter gar nicht einmal wieder zu ihm ziehen.«

»Wieso? Warum?«

»Weil er es nicht verdient, daß seine Tochter ihn liebt«, antwortete sie erregt. »Mag sie für immer von ihm weggehen und lieber betteln, und mag er dann sehen, daß seine Tochter bettelt, und sich grämen!«

Ihre Augen funkelten, ihre Wangen glühten. ›Gewiß redet sie so nicht ohne besonderen Grund‹, dachte ich bei mir.

»Und zu dem wollten Sie mich ins Haus geben?« fügte sie nach kurzem Stillschweigen hinzu.

»Ja, Jelena.«

»Nein, lieber verdinge ich mich als Magd.«

»Ach, wie häßlich ist das alles, was du da redest, liebe Jelena! Und was ist das für Torheit: bei wem kannst du dich verdingen?«

»Bei jedem gewöhnlichen Mann«, antwortete sie ungeduldig; sie ließ den Kopf immer tiefer hängen.

Sie war auffallend heftig.

»Ein gewöhnlicher Mann kann eine solche Magd nicht gebrauchen«, erwiderte ich lächelnd.

»Nun, dann bei einer Herrschaft.«

»Mit deinem Charakter willst du bei einer Herrschaft leben?«

»Gewiß.«

Je mehr sie in Erregung geriet, um so schroffer wurden ihre Antworten.

»Aber du wirst es nicht aushalten.«

»Doch, ich werde es aushalten. Sie werden mich schelten, aber ich werde absichtlich schweigen. Sie werden mich schlagen; aber ich werde immer schweigen, immer schweigen; mögen sie mich schlagen, ich werde um keinen Preis weinen. Sie werden sich krank darüber ärgern, daß ich nicht weine.«

»Was redest du, Jelena! Was steckt in dir für eine Verbitterung; und wie stolz bist du! Du hast gewiß viel Leid erfahren . . .«

Ich stand auf und trat an meinen großen Tisch. Jelena blieb auf dem Sofa sitzen, blickte nachdenklich zu Boden und zupfte mit den Fingern an der Kante des Bezugs. Sie schwieg. »Ob sie mir meine Worte übelgenommen hat?« dachte ich.

Am Tisch stehend, schlug ich mechanisch die Bücher auf, die ich tags zuvor zum Zweck der kompilatorischen Arbeit mitgebracht hatte, und ließ mich allmählich durch die Lektüre fesseln. Es geht mir oft so: ich trete heran, schlage ein Buch für einen Augenblick auf, um etwas nachzusehen, und lese mich so fest, daß ich alles um mich herum vergesse.

»Was schreiben Sie da immer?« fragte Jelena, die leise an den Tisch herankam, mit einem schüchternen Lächeln.

»Allerlei, liebe Jelena. Ich bekomme dafür Geld bezahlt.«

»Eingaben?«

»Nein, Eingaben nicht.«

Ich erklärte ihr, so gut ich konnte, daß ich allerlei Geschichten schriebe, von allerlei Leuten; daraus entständen Bücher, die man Novellen und Romane nenne. Sie hörte mit großer Aufmerksamkeit zu.

»Schreiben Sie da immer nur die Wahrheit?«

»Nein, ich sinne mir etwas aus.«

»Warum schreiben Sie denn die Unwahrheit?«

»Lies doch dieses Buch hier; du hast es ja schon einmal angesehen. Du kannst doch lesen?«

»Ja.«

»Nun, dann wirst du ja selbst sehen. Dieses Buch habe ich geschrieben.«

»Sie? Dann werde ich es lesen . . .«

Sie hatte die größte Lust, mir noch etwas zu sagen; aber es machte ihr offenbar Schwierigkeiten, und sie befand sich in der größten Aufregung. Hinter ihren Fragen versteckte sich etwas.

»Bekommen Sie viel dafür bezahlt?« fragte sie schließlich.

»Wie es sich trifft. Manchmal viel, manchmal aber auch gar nichts, wenn die Arbeit nicht vom Fleck kommen will. Es ist eine schwere Arbeit; liebe Jelena.«

»Also sind Sie nicht reich?«

»Nein, reich bin ich nicht.«

»Dann werde ich arbeiten und Ihnen helfen.«

Sie blickte schnell zu mir auf, errötete, schlug die Augen nieder, tat zwei Schritte auf mich zu, schlang plötzlich beide Arme um meinen Hals und drückte ihr Köpfchen ganz fest an meine Brust. Ich sah sie erstaunt an.

»Ich habe Sie lieb . . . ich bin nicht stolz«, sagte sie. »Sie sagten gestern, ich sei stolz. Nein, nein . . . das bin ich nicht . . . ich habe Sie lieb. Sie sind der einzige, der mich liebhat . . .«

Aber die Tränen drohten sie zu ersticken. Einen Augenblick darauf brachen sie aus ihrer Brust mit derselben Gewalt hervor wie tags zuvor bei dem Anfall. Sie fiel vor mir auf die Knie und küßte meine Hände, meine Füße . . . »Sie haben mich lieb! . . .« wiederholte sie; »Sie sind der einzige, der einzige! . . .«

Krampfhaft hielt sie meine Knie mit ihren Armen umfaßt. Ihr ganzes so lange zurückgehaltenes Gefühl brach auf einmal mit unhemmbarer Gewalt nach außen hindurch, und ich verstand nun diesen seltsamen Trotz eines Herzens, das sich lange Zeit keusch verbirgt, und zwar um so hartnäckiger, um so finsterer, je stärker das Bedürfnis wird, sich auszuschütten, sich ganz auszusprechen, bis zum unvermeidlichen Ausbruch, wo sich dann das ganze Wesen auf einmal bis zur Selbstvergessenheit diesem Bedürfnis der Liebe und Dankbarkeit hingibt, sich in Liebkosungen nicht genugtun kann, sich in Tränen ergießt . . .

Sie schluchzte so, daß sie geradezu einen Weinkrampf bekam. Mit Gewalt löste ich ihre Arme, die mich umschlangen. Ich hob sie auf und trug sie auf das Sofa. Noch lange schluchzte sie weiter, das Gesicht in den Kissen verbergend, wie wenn sie sich schämte, mich anzusehen; aber sie drückte meine Hand fest in ihrem kleinen Händchen zusammen und hielt sie immer noch an ihr Herz.

Allmählich wurde sie ruhiger; aber das Gesicht hob sie immer noch nicht zu mir auf. Einige Male huschten ihre Augen schnell über mein Gesicht hin, und es lag in ihnen eine unendliche Weichheit und schüchterne, sich von neuem versteckende Empfindung. Zuletzt errötete sie und lächelte.

»Ist dir nun leichter?« fragte ich, »du meine weiche Jelena, du mein krankes Kind!«

»Nennen Sie mich nicht Jelena, nein . . .«, flüsterte sie, indem sie ihr Gesichtchen immer noch vor mir verbarg.

»Nicht Jelena? Wie soll ich dich denn nennen?«

»Nelly.«

»Nelly? Warum denn gerade Nelly? Nun, meinetwegen; das ist ein sehr hübscher Name. Dann werde ich dich also so nennen, wenn du es selbst wünschst.«

»So hat mich Mama genannt . . . niemand hat mich jemals so genannt als sie . . . Ich wollte selbst nicht, daß mich ein anderer als Mama so nennte . . . Aber Sie sollen mich so nennen; das will ich . . . Ich werde Sie immer liebhaben, immer!«

›Du liebevolles, stolzes Herzchen!‹ dachte ich. ›Wie lange mußte ich mich um dich mühen, bis du für mich Nelly wurdest !‹

Aber jetzt wußte ich bereits, daß ihr Herz sich mir für das ganze Leben ergeben hatte.

»Nelly, höre einmal«, sagte ich, sobald sie sich beruhigt hatte. »Du sagtest eben, nur deine Mama hätte dich liebgehabt, sonst niemand. Aber hat dich denn dein Großvater nicht wirklich liebgehabt?«

»Nein, das hat er nicht . . .«

»Aber du hast hier doch um ihn geweint, erinnerst du dich? Auf der Treppe.«

Sie dachte einen Augenblick nach.

»Nein, er hat mich nicht liebgehabt . . . Er war schlecht.«

Ein schmerzliches Gefühl prägte sich auf ihrem Gesicht aus.

»Man konnte doch nicht mehr viel von ihm verlangen, Nelly. Er war ja schon ganz geistesschwach geworden. Er ist auch wie ein Irrsinniger gestorben. Ich habe dir ja erzählt, wie er gestorben ist.«

»Ja; aber nur im letzten Monat war er so ganz geistesabwesend. Er saß manchmal hier einen ganzen Tag lang, und wenn ich nicht zu ihm gekommen wäre, hätte er auch einen zweiten und dritten Tag so gesessen, ohne zu essen und zu trinken. Früher aber war es mit ihm weit besser.«

»Wann denn früher?«

»Als Mama noch nicht gestorben war.«

»Also du hast ihm etwas zu essen und zu trinken gebracht, Nelly?«

»Ja.«

»Wo hast du es denn herbekommen? Von Frau Bubnowa?«

»Nein, von Frau Bubnowa habe ich nie etwas genommen«, antwortete sie energisch; aus ihrem Ton hörte man einen Schauder heraus.

»Wo hast du es denn dann herbekommen? Du hattest doch nichts?«

Nelly schwieg ein Weilchen und wurde furchtbar blaß; dann sah sie mich mit einem langen, langen Blick an.

»Ich bin auf die Straße gegangen und habe gebettelt . . . Wenn ich fünf Kopeken erbettelt hatte, kaufte ich ihm Brot und Schnupftabak . . .«

»Und das hat er zugelassen? Nelly, Nelly!«

»Anfangs sagte ich ihm nichts davon, daß ich bettelte. Aber als er es erfuhr, da trieb er mich selbst dazu an. Ich stand auf einer Brücke und bat die Vorübergehenden um Almosen, und er ging in der Nähe der Brücke auf und ab; und wenn er sah, daß mir jemand etwas gegeben hatte, dann stürzte er auf mich zu und nahm mir das Geld weg, als ob ich es vor ihm verstecken wollte und nicht für ihn erbettelt hätte.«

Bei diesen Worten trat ein bitteres, trauriges Lächeln auf ihre Lippen.

»Das war alles, nachdem Mama gestorben war«, fügte sie hinzu. »Danach wurde er ganz wie irrsinnig.«

»Also hat er deine Mama sehr liebgehabt? Warum wohnte er denn nicht mit ihr zusammen?«

»Nein, er hatte sie nicht lieb . . . Er war ein böser Mensch und verzieh ihr nicht . . . ebenso wie der böse alte Mann von gestern«, sagte sie leise, fast flüsternd, und wurde dabei immer blasser und blasser.

Ich fuhr zusammen. Das ganze Geflecht eines Romans lag auf einmal offen vor meinem Blick da: diese arme Frau, die in der Kellerwohnung des Sargtischlers starb, ihre als Waise zurückbleibende Tochter, die manchmal den Großvater besuchte, der ihre Mutter verflucht hatte, der geistesschwach gewordene alte Mann, der nach dem Tod seines Hundes in der Konditorei starb! . . .

»Asorka hatte einstmals Mama gehört«, sagte Nelly auf einmal und lächelte wie infolge einer Erinnerung. »Der Großvater hatte Mama früher sehr liebgehabt, und als Mama von ihm wegging, blieb Mamas Asorka bei ihm. Daher hatte er Asorka so lieb. Er hat Mama nicht verziehen; aber als der Hund gestorben war, ist er auch gestorben«, fügte Nelly finster hinzu; das Lächeln war von ihrem Gesicht verschwunden.

»Was war er denn früher, Nelly?« fragte ich, nachdem ich ein Weilchen gewartet hatte.

»Er war früher reich . . . Ich weiß nicht, was er eigentlich war«, antwortete sie. »Er hatte eine Fabrik . . . So hat mir Mama gesagt. Sie dachte anfangs, ich wäre noch zu klein, und sagte mir nicht alles. Sie küßte mich sehr viel und sagte: ›Du wirst alles erfahren, wenn die Zeit kommt; alles wirst du erfahren, du armes, unglückliches Kind!‹ Und immer nannte sie mich arm und unglücklich. Und oft, wenn sie in der Nacht meinte, ich schliefe (aber ich schlief nicht, sondern stellte mich nur absichtlich so), dann beugte sie sich über mich und weinte und küßte mich und sagte: ␢Du armes, unglückliches Kind!‹«

»Woran ist denn deine Mama gestorben?«

»An der Schwindsucht; es ist jetzt sechs Wochen her.«

»Und erinnerst du dich noch an die Zeit, als dein Großvater reich war?«

»Damals war ich ja noch gar nicht geboren. Mama war noch vor meiner Geburt vom Großvater weggegangen. «

»Mit wem war sie denn weggegangen?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Nelly leise und, wie es schien, nachdenklich. »Sie war ins Ausland gegangen, und da wurde ich auch geboren.«

»Im Ausland? Wo denn?«

»In der Schweiz. Ich bin überall gewesen, auch in Italien und in Paris.«

Ich war erstaunt.

»Und du hast das in der Erinnerung, Nelly?«

»Ja, vieles habe ich in der Erinnerung.«

»Wie kommt es denn, daß du so gut Russisch kannst, Nelly?«

»Mama hatte mich schon dort im Ausland Russisch gelehrt. Sie war Russin, weil ihre Mutter eine Russin war; der Großvater war Engländer; aber auch er war so gut wie ein Russe. Und als Mama und ich vor anderthalb Jahren hierher zurückgekehrt waren, da habe ich vollständig Russisch gelernt. Mama war schon damals krank. Da wurden wir ärmer und ärmer. Mama weinte immer. In der ersten Zeit suchte sie hier in Petersburg lange nach dem Großvater und sagte ständig, sie habe sich gegen ihn vergangen, und weinte immer . . . Sie weinte so viel, so viel! Als sie aber erfuhr, daß Großvater arm sei, da weinte sie noch mehr. Sie schrieb auch oft Briefe an ihn; aber er antwortete nie.«

»Warum ist denn deine Mama hierher zurückgekehrt? Wollte sie nur wieder zu ihrem Vater?«

»Das weiß ich nicht. Aber dort hatten wir ein so gutes Leben!« Nellys Augen leuchteten auf. »Mama wohnte allein, nur mit mir zusammen. Sie hatte einen Freund; das war ein so guter Mensch wie Sie . . . Er hatte sie schon gekannt, als sie noch hier war. Aber er starb dort, und da kehrte Mama zurück . . .«

»Also mit dem ist deine Mama auch vom Großvater weggegangen?«

»Nein, mit dem nicht. Mama ging mit einem andern vom Großvater weg, und der verließ sie dann . . .«

»Wer war denn das, Nelly?«

Nelly sah mich an und gab keine Antwort. Sie wußte offenbar, mit wem ihre Mama weggegangen und wer aller Wahrscheinlichkeit nach auch ihr Vater war. Aber es war ihr peinlich, selbst mir seinen Namen zu nennen.

Ich wollte sie nicht mit Fragen quälen. Sie hatte einen seltsamen, nervösen, heftigen Charakter, war aber dabei bemüht, ihre starken Affekte zu unterdrücken; sie hatte viel Sympathisches, verschanzte sich aber mit stolzer Unnahbarkeit. Obwohl sie mich von ganzem Herzen mit der reinsten, wärmsten Liebe liebte, fast ebenso innig, wie sie ihre verstorbene Mutter geliebt hatte, an die sie nicht ohne tiefen Schmerz zurückdenken konnte, war sie doch in der ganzen Zeit, da ich sie kannte, nur selten ganz offen gegen mich und empfand außer an diesem Tag nur selten das Bedürfnis, mit mir von ihrer Vergangenheit zu reden; im Gegenteil, sie suchte sie mir sogar mit finsterer Miene zu verbergen. Aber an diesem Tag teilte sie mir im Verlauf einiger Stunden, oft von qualvollem, krampfhaftem Schluchzen in ihrer Erzählung unterbrochen, alles mit, was sie unter ihren Erinnerungen am meisten aufregte und marterte, und ich werde diese furchtbare Erzählung nie vergessen. Doch ihre ganze Lebensgeschichte steht noch vor uns . . .

Es war eine furchtbare Geschichte; es war die Geschichte einer verlassenen Frau, die ihr Glück überlebt hatte, einer kranken, zermarterten, von allen verlassenen Frau, die sich sogar von dem letzten Wesen zurückgestoßen sah, auf das sie noch hatte hoffen können, von ihrem Vater, den sie einmal gekränkt hatte und der nun seinerseits infolge der unerträglichen Leiden und Demütigungen geistesgestört geworden war. Es war die Geschichte einer Frau, die zur Verzweiflung gelangt war und mit ihrem Töchterchen, das sie noch für ein Kind hielt, durch die kalten, schmutzigen Straßen Petersburgs wanderte und bettelte; die Geschichte einer Frau, die dann monatelang in einer feuchten Kellerwohnung im Sterben lag und der der eigene Vater bis zum letzten Augenblick ihres Lebens seine Verzeihung versagte; erst im letzten Augenblick war er anderen Sinnes geworden und hingeeilt, um ihr zu verzeihen, hatte aber nun nur einen kalten Leichnam statt derjenigen gefunden, die er über alles in der Welt geliebt hatte. Es war eine seltsame Erzählung von den geheimnisvollen, kaum begreiflichen Beziehungen des geistesschwach gewordenen Greises zu seiner kleinen Enkelin, die ihn schon verstand, die trotz ihres kindlichen Lebensalters schon vieles verstand, zu dessen Erkenntnis mancher in seinem gesamten sorglosen, glatt verlaufenden Leben nicht gelangt. Es war eine trübe Geschichte, eine jener trüben, qualvollen Geschichten, wie sie sich so oft und unauffällig, fast im geheimen, unter dem drückenden Petersburger Himmel abspielen, in den dunklen, versteckten Seitengassen der riesigen Stadt, mitten in dem sinnlos brodelnden Leben, dem stumpfsinnigen Egoismus, den einander bekämpfenden Interessen, den düsteren Lastern, den geheimen Verbrechen, mitten in diesem schrecklichen Höllenpfuhl voll unsinnigen, naturwidrigen Lebens . . .

Doch diese Geschichte steht noch vor uns.

Dritter Teil

Erstes Kapitel

Erst als schon längst die Dämmerung eingetreten und es Abend geworden war, erwachte ich wie aus einem schweren Traum und kehrte in die Wirklichkeit zurück.

»Nelly«, sagte ich, »du bist jetzt krank und erregt; aber ich muß dich allein und in Tränen verlassen. Liebes Kind! verzeih es mir und wisse, daß es auch hier ein geliebtes, der Verzeihung entbehrendes Wesen gibt, ein unglückliches, gekränktes, verlassenes Wesen. Sie erwartet mich. Und auch ich selbst fühle mich jetzt nach deiner Erzählung unwiderstehlich zu ihr hingezogen; mir ist, als müßte ich zugrunde gehen, wenn ich sie nicht sogleich, diesen Augenblick, sehe . . .«

Ich weiß nicht, ob Nelly alles verstand, was ich zu ihr sagte. Ich befand mich in heftiger Aufregung, sowohl infolge der Erzählung als auch infolge der soeben durchgemachten Krankheit; aber ich eilte zu Natascha. Es war schon spät, zwischen acht und neun, als ich zu ihrem Haus gelangte.

Schon auf der Straße, am Tor des Hauses, in welchem Natascha wohnte, bemerkte ich eine Equipage, und es schien mir, daß es die des Fürsten sei. Der Eingang zu Nataschas Wohnung war vom Hof aus. Kaum hatte ich angefangen, die Stufen hinaufzusteigen, als ich vor mir, eine Treppe höher, einen Menschen hörte, der offenbar mit der Örtlichkeit unbekannt war und sich vorsichtig tastend hinaufarbeitete. Ich sagte mir, es müsse der Fürst sein, wurde aber alsbald wieder an dieser Meinung irre. Der Unbekannte schimpfte und fluchte beim Hinaufsteigen laut über diese Passage, und zwar in um so kräftigeren, energischeren Ausdrücken, je höher er kam. Gewiß, die Treppe war eng, schmutzig, steil, nirgends beleuchtet; aber solche Schimpfworte, wie sie beim dritten Stockwerk anfingen, hätte ich dem Fürsten nie zuschreiben können: der hinaufsteigende Herr schimpfte wie ein Droschkenkutscher. Aber nach dem dritten Stockwerk wurde es wenigstens hell; denn an Nataschas Tür im vierten Stock brannte ein kleines Lämpchen. Unmittelbar an der Tür holte ich meinen Unbekannten ein, und wie groß war mein Erstaunen, als ich in ihm wirklich den Fürsten erkannte! Es schien ihm sehr unangenehm zu sein, daß er so unerwartet mit mir zusammentraf. Im ersten Augenblick erkannte er mich nicht; aber dann veränderte sich auf einmal sein Gesicht. Sein ursprünglich zorniger, feindseliger Blick wurde auf einmal höflich und heiter, und mit dem Ausdruck außerordentlicher Freude streckte er mir beide Hände hin.

»Ah, Sie sind es! Ich wollte eben auf die Knie fallen und Gott um Rettung meines Lebens bitten. Haben Sie gehört, wie ich geschimpft habe?«

Und er lachte in der gutmütigsten Art. Aber plötzlich nahm sein Gesicht einen ernsten, bekümmerten Ausdruck an.

»Wie hat Aljoscha nur Natalja Nikolajewna in einer solchen Wohnung unterbringen können!« sagte er, den Kopf hin und her wiegend. »Diese sogenannten Kleinigkeiten charakterisieren den Menschen. Ich bin um ihn recht besorgt. Er ist ein guter Mensch und hat ein edles Herz; aber da haben Sie gleich ein Pröbchen: er liebt sinnlos und bringt diejenige, die er liebt, in einem so elenden Quartier unter! Ich habe sogar gehört, daß manchmal kein Brot dagewesen ist«, fügte er flüsternd hinzu, während er den Klingelgriff suchte. »Mir wird angst und bange, wenn ich an seine Zukunft denke und namentlich an Anna Nikolajewnas Zukunft, wenn sie seine Frau sein wird . . .«

Er hatte sich im Vornamen geirrt und es nicht gemerkt, da er sich offenbar darüber ärgerte, daß er den Klingelzug nicht fand. Aber ein Klingelzug war überhaupt nicht da. Ich rüttelte ein wenig an der Türklinke, und Mawra öffnete uns sofort und empfing uns geschäftig. In der Küche, die von dem winzigen Vorzimmer nur durch eine hölzerne Halbwand abgeteilt war, waren durch die offenstehende Tür mancherlei Vorbereitungen zu bemerken; alles war mit besonderer Sauberkeit abgewischt und gereinigt; im Herd brannte Feuer; auf dem Tisch stand etwas neues Geschirr. Es war deutlich, daß wir erwartet worden waren. Mawra nahm uns eifrig die Überzieher ab.

»Ist Aljoscha hier?« fragte ich sie.

»Er ist nicht hier gewesen«, flüsterte sie mir geheimnisvoll zu.

Wir gingen zu Natascha hinein. In ihrem Zimmer waren keine besonderen Vorbereitungen sichtbar; alles war wie gewöhnlich. Übrigens war bei ihr immer alles so sauber und nett, daß nicht erst besonders aufgeräumt zu werden brauchte. Natascha empfing uns an der Tür stehend. Ich erschrak über die krankhafte Magerkeit und außerordentliche Blässe ihres Gesichtes, obgleich für einen Augenblick eine Röte auf ihren totenbleichen Wangen aufflammte. Ihre Augen waren fieberhaft.

Schweigend streckte sie dem Fürsten eilig die Hand hin, in sichtlicher Beängstigung und Verwirrung. Mich sah sie überhaupt nicht an. Ich stand da und wartete schweigend.

»Da bin ich!« begann der Fürst in freundschaftlichem, heiterem Ton. »Erst vor einigen Stunden bin ich zurückgekehrt. Diese ganze Zeit über sind Sie mir nicht aus dem Kopf gekommen« (er küßte ihr zärtlich die Hand); »wieviel, wieviel habe ich an Sie gedacht! Wieviel habe ich Ihnen zu sagen und mitzuteilen! . . . Nun, jetzt wollen wir uns nach Herzenslust aussprechen! Erstens, mein Leichtfuß, der, wie ich sehe, noch nicht hier ist . . .«

»Erlauben Sie, Fürst«, unterbrach ihn Natascha, verlegen errötend; »ich muß ein paar Worte mit Iwan Petrowitsch sprechen. Komm, Wanja . . . nur ein paar Worte . . .«

Sie faßte mich bei der Hand und führte mich hinter den Wandschirm.

»Wanja«, sagte sie flüsternd, indem sie mich in die dunkelste Ecke zog, »verzeihst du mir?«

»Aber ich bitte dich, Natascha, was redest du da!«

»Nein, nein, Wanja, du hast mir ja sehr oft und sehr vieles verziehen; aber jede Geduld hat doch schließlich ein Ende. Du wirst nie aufhören, mich zu lieben, das weiß ich; aber du wirst mich undankbar nennen, und ich war auch gestern und vorgestern gegen dich undankbar, egoistisch, grausam . . .«

Sie brach plötzlich in Tränen aus und drückte ihr Gesicht an meine Schulter.

»Hör auf, Natascha!« suchte ich sie eilig zu beruhigen. »Ich bin die ganze Nacht über sehr krank gewesen und kann mich auch jetzt kaum auf den Beinen halten; das ist der Grund, weshalb ich weder gestern abend noch heute hergekommen bin; und da denkst du nun, ich sei dir böse! Meine teure Freundin, ich weiß ja doch, was jetzt in deiner Seele vorgeht!«

»Nun gut . . . also du hast mir verziehen wie immer«, sagte sie; sie lächelte durch ihre Tränen und drückte mir die Hand, so daß es mich schmerzte. »Das übrige nachher! Ich habe dir viel zu sagen, Wanja. Aber jetzt will ich zu ihm . . .«

»Recht schnell, Natascha; wir haben ihn so plötzlich verlassen . . .«

»Du wirst sehen, du wirst sehen, was geschehen wird«, flüsterte sie mir hastig zu. »Ich weiß jetzt alles; ich habe alles durchschaut. An allem ist er schuld, er allein. Heute abend wird sich vieles entscheiden. Komm!«

Ich verstand sie nicht, hatte aber zum Fragen keine Zeit mehr. Natascha ging mit heiterem Gesicht auf den Fürsten zu. Er stand immer noch mit dem Hut in der Hand da. Sie entschuldigte sich in munterem Ton bei ihm, nahm ihm den Hut ab, rückte ihm selbst einen Stuhl zurecht, und wir setzten uns alle drei um ihr Tischchen.

»Ich fing an, von meinem Leichtfuß zu reden«, fuhr der Fürst fort; »ich habe ihn nur einen Augenblick gesehen, und zwar auf der Straße, als er in den Wagen stieg, um zur Gräfin Sinaida Fjodorowna zu fahren. Er hatte es furchtbar eilig, und denken Sie: er wollte nach vier Tagen der Trennung nicht einmal mit mir in die Wohnung hinaufkommen! Und ich glaube, Natalja Nikolajewna, ich bin selbst daran schuld, daß er jetzt nicht bei Ihnen ist und ich vor ihm hergekommen bin; ich habe nämlich die Gelegenheit benutzt und, da ich selbst heute nicht bei der Gräfin sein konnte, ihm einen Auftrag mitgegeben. Aber er wird jeden Augenblick erscheinen.«

»Hat er Ihnen bestimmt versprochen, heute herzukommen?« fragte Natascha, den Fürsten mit der harmlosesten Miene anblickend.

»Ach, mein Gott, wie sollte er denn nicht herkommen? Wie können Sie nur so fragen!« rief er, sie erstaunt anblickend. »Übrigens, ich verstehe: Sie sind über ihn aufgebracht. Und in der Tat, es ist dumm von ihm, daß er von allen zuletzt kommt. Aber ich wiederhole: ich bin schuld daran. Seien Sie ihm nicht böse! Er ist leichtsinnig, ein Windhund; ich verteidige ihn nicht; aber gewisse besondere Umstände verlangen, daß er die Besuche im Hause der Gräfin und in einigen anderen Familien jetzt nicht einstellt, sondern im Gegenteil sich dort recht oft zeigt. Nun, und da er wahrscheinlich jetzt nicht von Ihrer Seite weicht und alles andere in der Welt vergessen hat, so werden Sie es vielleicht nicht übelnehmen, wenn ich ihn Ihnen manchmal auf ein paar Stunden, nicht für längere Zeit, durch meine Aufträge entziehe. Ich bin überzeugt, daß er seit jenem Abend noch nicht ein einziges Mal bei der Fürstin K. gewesen ist, und ärgere mich, daß ich vorhin keine Zeit gehabt habe, ihn danach zu fragen! . . .«

Ich blickte Natascha an. Sie hörte dem Fürsten mit einem leisen, ein wenig spöttischen Lächeln zu. Aber er sprach so offen, so ungekünstelt. Es war, wie es schien, gar nicht möglich, irgendwelchen Verdacht gegen ihn zu hegen.

»Und Sie haben wirklich nicht gewußt, daß er diese ganzen Tage her auch nicht ein einziges Mal bei mir gewesen ist?« fragte Natascha mit leiser, ruhiger Stimme, als ob sie von einem Vorgang spräche, der ihr vollkommen gleichgültig sei.

»Wie? Er ist kein einziges Mal hier gewesen? Erlauben Sie, was sagen Sie da!« rief der Fürst, anscheinend auf das äußerste überrascht.

»Sie waren am Dienstag spätabends bei mir; am andern Morgen ist er auf eine halbe Stunde zu mir gekommen, und seitdem habe ich ihn kein einziges Mal gesehen.«

»Aber das ist unglaublich!« (Er geriet in immer größeres Erstaunen.) »Und ich glaubte geradezu, er wiche nicht von Ihrer Seite. Entschuldigen Sie, das ist so seltsam . . . einfach unglaublich.«

»Aber doch ist es wahr. Und wie schade: ich hatte gerade auf Sie gewartet, weil ich von Ihnen zu erfahren hoffte, wo er sich eigentlich befindet!«

»Ach, mein Gott! Nun, er wird ja gleich hier sein! Aber das, was Sie mir gesagt haben, hat mich dermaßen überrascht, daß ich . . . ich muß gestehen, ich hätte alles mögliche von ihm erwartet, aber das nicht . . . das nicht!«

»Wie erstaunt Sie sind! Und ich hatte gedacht, Sie würden sich gar nicht wundern, ja Sie hätten sogar im voraus gewußt, daß es so kommen werde.«

»Gewußt! Ich? Aber ich versichere Ihnen, Natalja Nikolajewna, daß ich ihn heute nur einen Augenblick gesehen und mich bei niemand nach ihm erkundigt habe; es befremdet mich, daß Sie mir anscheinend nicht glauben«, fuhr er fort, indem er uns beide abwechselnd ansah.

»Gott behüte!« fiel Natascha ein. »Ich bin vollkommen davon überzeugt, daß Sie die Wahrheit gesagt haben.«

Sie lachte wieder, diesmal dem Fürsten gerade ins Gesicht, so daß er unwillkürlich zusammenzuckte.

»Erklären Sie sich deutlicher!« sagte er in einiger Verwirrung.

»Zu erklären ist hier eigentlich nichts. Ich rede doch einfach und verständlich. Sie wissen ja, wie leichtsinnig und vergeßlich er ist. Nun, und da ihm jetzt volle Freiheit gelassen war, hat er sich eben gehenlassen.«

»Aber sich so gehenzulassen, das ist doch unerhört; da muß irgend etwas dahinterstecken, und sowie er kommt, werde ich ihn veranlassen, die Sache aufzuklären. Aber am meisten wundere ich mich darüber, daß Sie auch mir eine gewisse Schuld beizumessen scheinen, obwohl ich doch gar nicht hier gewesen bin. Übrigens sehe ich, Natalja Nikolajewna, daß Sie auf ihn sehr erzürnt sind, und das ist ja auch begreiflich! Sie haben dazu ein volles Recht, und . . . und . . . selbstverständlich geht es in erster Linie über mich her, wenn auch nur deswegen, weil ich als erster hier erschienen bin, nicht wahr?« fuhr er, sich mit einem gereizten Lächeln an mich wendend, fort.

Natascha fuhr auf und wurde dunkelrot.

»Erlauben Sie, Natalja Nikolajewna«, fuhr er in würdigem Ton fort; »ich gebe zu, daß mich eine gewisse Schuld trifft, aber nur darin, daß ich gleich am nächsten Tag nach unserer Bekanntschaft weggereist bin, so daß Sie bei der Neigung zum Mißtrauen, die ich an Ihrem Charakter wahrnehme, schon Zeit gefunden haben, Ihre Meinung über mich zu ändern, und zwar um so leichter, da die Umstände dazu mitwirkten. Wäre ich nicht weggereist, so hätten Sie mich besser kennengelernt, und auch Aljoscha hätte sich unter meiner Aufsicht nicht so leichtsinnig benommen. Sie werden aber gleich heute hören, was ich ihm sagen werde.«

»Das heißt, Sie werden bewirken, daß er das Verhältnis zu mir als Last zu empfinden anfängt. Unmöglich können Sie bei Ihrer Klugheit wirklich meinen, daß ein solches Mittel mir helfen werde.«

»Wollen Sie etwa damit andeuten, daß ich absichtlich darauf ausginge, zu bewirken, daß er Ihrer überdrüssig werde? Sie beleidigen mich, Natalja Nikolajewna!«

»Ich bemühe mich, möglichst wenig in Andeutungen zu sprechen, wen auch immer ich mir gegenüber habe«, erwiderte Natascha. »Ich bin vielmehr immer bestrebt, mich recht klar auszudrücken, und vielleicht werden Sie sich noch heute davon überzeugen. Beleidigen wollte ich Sie nicht; das ist ausgeschlossen, schon deswegen, weil Sie sich durch meine Worte, mag ich sagen, was ich will, nicht beleidigt fühlen können. Davon bin ich fest überzeugt, da ich unsere wechselseitigen Beziehungen völlig klar erkenne: Sie können ja diese Beziehungen nicht ernst nehmen, nicht wahr? Sollte ich Sie aber wirklich beleidigt haben, so bin ich bereit, um Verzeihung zu bitten, um Ihnen gegenüber alle Pflichten der Gastfreundschaft zu erfüllen.«

Trotz des leichten, ja scherzhaften Tones, in welchem Natascha dies mit einem Lächeln auf den Lippen vorbrachte, hatte ich sie doch noch nie so gereizt gesehen. Erst jetzt begriff ich, wie weh ihr in diesen drei Tagen ums Herz gewesen war. Ihre rätselhaften Worte, daß sie jetzt alles wisse und alles durchschaut habe, erschreckten mich; sie bezogen sich direkt auf den Fürsten. Sie hatte ihre Meinung über ihn geändert und betrachtete ihn als ihren Feind; das war augenscheinlich. Die üble Wendung, die ihre Beziehungen zu Aljoscha genommen hatten, führte sie offenbar auf den Einfluß des Fürsten zurück und hatte vielleicht guten Grund dazu. Ich fürchtete, es könne zwischen ihnen zu einer heftigen Szene kommen. Die wahre Bedeutung ihres scherzhaften Tones lag gar zu offen am Tage, war gar zu wenig verhüllt. Ihre letzten Worte an den Fürsten, er könne ihre wechselseitigen Beziehungen nicht ernst nehmen, die Redensart von der Bitte um Verzeihung wegen der Pflicht der Gastfreundschaft, ihre wie eine Drohung klingende Ankündigung, sie werde ihm noch an diesem Abend den Beweis dafür liefern, daß sie deutlich zu reden verstehe: dies alles war so offensiv und so wenig maskiert, daß der Fürst es unmöglich mißverstehen konnte. Ich sah, daß in seinem Gesicht eine Veränderung vorging; aber er verstand es, sich zu beherrschen. Er stellte sich sogleich, als habe er diese Worte nicht beachtet, ihren wirklichen Sinn nicht verstanden, und half sich selbstverständlich mit einem Scherz heraus.

»Gott soll mich davor bewahren, eine Bitte um Entschuldigung zu verlangen!« erwiderte er lachend. »Das lag überhaupt nicht in meiner Absicht; und von einer Frau zu verlangen, daß sie mich um Entschuldigung bitte, das entspricht nicht meinen Grundsätzen. Schon als wir uns das erstemal sahen, habe ich Ihnen im voraus meinen Charakter geschildert, und deshalb werden Sie mir hoffentlich eine Bemerkung nicht übelnehmen, um so weniger, da sie sich auf die Frauen im allgemeinen bezieht; auch Sie werden dieser Bemerkung wahrscheinlich zustimmen«, fuhr er, sich liebenswürdig zu mir wendend, fort. »Ich habe nämlich beobachtet, daß es im weiblichen Charakter eine bestimmte Eigenheit gibt: wenn eine Frau sich irgendwie schuldig fühlt, so wird sie eher dazu bereit sein, in der Folgezeit ihre Schuld durch tausend Liebenswürdigkeiten wieder gutzumachen, als im gegenwärtigen Augenblick, im Augenblick ihrer evidenten Überführung, ihre Schuld zu bekennen und um Verzeihung zu bitten. Daher wünsche ich, selbst angenommen, daß ich von Ihnen beleidigt bin, dennoch jetzt, im gegenwärtigen Augenblick, absichtlich keine Bitte um Entschuldigung; es ist für mich vorteilhafter zu warten, bis Sie später in Erkenntnis Ihres Fehlers ihn mir gegenüber durch tausend Liebenswürdigkeiten werden wieder gutmachen wollen. Und Sie haben eine so gute, reine, frische, offene Seele, daß der Augenblick, wo Sie bereuen werden, ein ganz entzückender sein wird. Sagen Sie mir, statt um Entschuldigung zu bitten, jetzt lieber: kann ich gleich heute durch irgend etwas Ihnen den Beweis erbringen, daß ich Ihnen gegenüber weit offener und aufrichtiger verfahre, als Sie es von mir glauben?«

Natascha errötete. Auch ich hatte die Empfindung, daß die Antwort des Fürsten in gar zu ungeniertem, sogar lässigem Ton gegeben war, ja, daß darin sogar eine unziemliche Spötterei lag.

»Sie wollen mir beweisen, daß Sie gegen mich offen und ehrlich sind?« fragte Natascha, ihn mit herausfordernder Miene anblickend.

»Ja.«

»Dann erfüllen Sie mir eine Bitte!«

»Ich verspreche es Ihnen im voraus.«

»Meine Bitte ist: Aljoscha meinetwegen mit keinem Wort, mit keiner Andeutung aufzuregen, weder heute noch morgen. Keinen Vorwurf deswegen, weil er mich vergessen hat; keine Strafpredigt! Ich will ihn absichtlich so empfangen, als ob zwischen uns nichts vorgefallen sei; er soll von meinen Gefühlen nichts merken. Darauf lege ich Wert. Geben Sie mir Ihr Wort darauf?«

»Mit dem größten Vergnügen«, antwortete der Fürst; »und erlauben Sie mir, aus tiefster Überzeugung hinzuzufügen, daß ich nur selten bei jemand eine so vernünftige, klare Auffassung auf diesem Gebiet angetroffen habe . . . Aber da ist Aljoscha, wie es scheint.«

Wirklich wurde im Vorzimmer Geräusch vernehmbar. Natascha fuhr zusammen und schien sich auf etwas vorzubereiten. Der Fürst saß mit ernster Miene da und wartete, was nun kommen werde; er betrachtete Natascha unverwandt. Die Tür öffnete sich, und Aljoscha kam zu uns hereingeflogen.

Zweites Kapitel

Ja, er kam geradezu hereingeflogen, mit strahlendem Gesicht, fröhlich und vergnügt. Man sah ihm an, daß er diese vier Tage heiter und glücklich verlebt hatte. Es stand ihm auf dem Gesicht geschrieben, daß er uns etwas mitteilen wollte.

»Da bin ich!« rief er mit schallender Stimme. »Ich, der von allen zuerst hätte hiersein sollen. Aber ihr werdet sogleich alles erfahren, alles, alles! Vorhin, Papa, hatten wir keine Zeit, auch nur ein paar Worte miteinander zu sprechen; und ich hatte dir doch soviel zu sagen. Nur zu Zeiten, wo er in besonders guter Stimmung ist, erlaubt er mir, ihn zu duzen«, unterbrach er sich, zu mir gewendet; »zu anderen Zeiten verbietet er es mir! Und was für einer eigentümlichen Taktik er sich da bedient: er fängt selbst an, zu mir ›Sie‹ zu sagen. Aber vom heutigen Tag an will ich, daß er immer in guter Stimmung sei, und ich werde das bewirken! Überhaupt habe ich mich in diesen vier Tagen verändert, mich völlig, völlig verändert, und ich werde euch alles erzählen. Aber das nachher! Jetzt die Hauptsache: da ist sie, da ist sie wieder! Natascha, Geliebte, guten Abend, mein Engel!« sagte er, setzte sich neben sie und küßte ihr eifrig die Hand. »Wie habe ich mich diese Tage über nach dir gesehnt! Aber was war zu machen! Ich konnte nicht! Ich konnte es nicht ermöglichen. Du meine Liebste! Es sieht aus, als ob du ein bißchen abgemagert wärst, und du bist so blaß geworden . . .«

Voller Entzücken bedeckte er ihre Hände mit Küssen und sah sie glückselig mit seinen schönen Augen an, als könne er sich an ihr gar nicht satt sehen. Ich warf einen Blick auf Natascha und erriet an ihrem Gesicht, daß wir denselben Gedanken hatten: er war völlig schuldlos. Und wann und wie hätte sich dieser Unschuldige auch schuldig machen können? Eine helle Röte ergoß sich auf einmal über Nataschas Wangen, als ob alles Blut, das sich in ihrem Herzen gesammelt hatte, plötzlich nach dem Kopf strömte. Ihre Augen blitzten, und stolz blickte sie den Fürsten an.

»Aber wo . . . bist du denn . . . all diese Tage gewesen?« fragte sie mit mühsam zurückgehaltener, stockender Stimme. Sie atmete schwer und ungleichmäßig. Mein Gott, wie liebte sie ihn!

»Das ist es ja eben, daß ich tatsächlich dir gegenüber schuldig zu sein scheine. Aber was sage ich ›scheine‹? Selbstverständlich bin ich schuldig, und ich weiß das selbst und bin mit diesem Bewußtsein hergekommen. Katja hat gestern und heute zu mir gesagt, es gäbe kein weibliches Wesen, das eine solche Vernachlässigung verzeihen könne (denn sie weiß alles, was sich hier bei uns am Dienstag zugetragen hat; ich habe es ihr gleich am nächsten Tag erzählt). Ich habe mich mit ihr gestritten und ihr bewiesen und gesagt, daß es doch ein solches weibliches Wesen gibt und daß es Natascha heißt und daß ihr auf der ganzen Welt vielleicht nur eines gleichkommt, nämlich Katja; und ich bin selbstverständlich in dem Bewußtsein hierhergefahren, daß ich in dem Streit recht hatte. Kann etwa ein Engel wie du seine Verzeihung verweigern? ›Er ist nicht hiergewesen; also hat ihn jedenfalls etwas gehindert; daß er aufgehört hätte, mich zu lieben, ist ausgeschlossen‹ so wird meine Natascha gedacht haben! Und wie könnte ich auch aufhören, dich zu lieben? Ist das überhaupt möglich? Mein ganzes Herz hat mir weh getan vor Sehnsucht nach dir. Aber doch bin ich schuldig! Wenn du indessen alles erfahren haben wirst, so wirst du die erste sein, die mich für gerechtfertigt erklärt! Sogleich werde ich alles erzählen; es drängt mich, euch allen mein Herz auszuschütten; deshalb bin ich ja auch hergekommen. Ich wollte heute, als ich gerade einen Augenblick freie Zeit hatte, schon zu dir herfliegen, um dich in aller Eile zu küssen; aber auch da kam mir etwas dazwischen: Katja schickte zu mir, ich möchte in einer sehr wichtigen Angelegenheit unverzüglich zu ihr kommen. Das war noch vor der Zeit gewesen, als ich in der Droschke saß, Papa, und du mich sahst; damals fuhr ich schon zum zweitenmal, aus Anlaß eines zweiten Schreibens, zu Katja. Es laufen jetzt den ganzen Tag über zwischen uns Eilboten mit Briefchen von einem Haus zum andern. Iwan Petrowitsch, Ihr Billett habe ich erst gestern in der Nacht zu lesen bekommen, und Sie haben in allem, was Sie da geschrieben haben, vollkommen recht. Aber was war zu machen? Es war eben physisch unmöglich! Daher dachte ich: ›Morgen abend werde ich mich in allen Punkten rechtfertigen‹; denn heute abend mußte ich unter allen Umständen zu dir kommen, Natascha.«

»Was war denn das für ein Billett?« fragte Natascha.

»Er war bei mir, traf mich natürlich nicht zu Hause an und schalt mich in einem Billett, das er mir daließ, tüchtig dafür aus, daß ich nicht zu dir käme. Und er hat vollkommen recht. Das war gestern.«

Natascha sah mich an.

»Aber wenn du Zeit genug hattest, um vom Morgen bis zum Abend bei Katerina Fjodorowna zu sein . . .«, begann der Fürst.

»Ich weiß, ich weiß, was du sagen willst«, unterbrach ihn Aljoscha. »Du willst sagen: ›Wenn du bei Katja sein konntest, dann hattest du noch einmal soviel Grund, bei Natascha zu sein.‹ Ich stimme dir da vollständig bei und füge sogar von mir aus hinzu: nicht noch einmal soviel Grund, sondern tausendmal soviel Grund! Aber erstens gibt es seltsame, unerwartete Ereignisse im Leben, die alles in Verwirrung bringen und das Oberste zuunterst kehren. Nun, so etwas ist auch mir begegnet. Ich habe schon gesagt, daß ich mich in diesen Tagen vollständig verändert habe, vom Kopf bis zu den Füßen; es haben also wirklich wichtige Umstände vorgelegen!«

»Ach mein Gott, was ist dir denn nun eigentlich begegnet? Bitte, martere mich nicht!« rief Natascha, über Aljoschas Eifer lächelnd.

Er war tatsächlich ein bißchen komisch: er überhastete sich; die Worte fielen ihm schnell und ohne Ordnung aus dem Mund; sie polterten nur so heraus. Er wollte immerzu reden, reden, erzählen; aber während des Erzählens ließ er doch Nataschas Hand nicht los und führte sie unaufhörlich an die Lippen, wie wenn er sich gar nicht satt küssen könne.

»Darum handelt es sich eben, was mir begegnet ist«, fuhr Aljoscha fort. »Ach, meine Freunde! Was habe ich alles gesehen, was habe ich alles getan, was für Leute habe ich kennengelernt! Erstens Katja: sie ist geradezu ein Ideal! Ich habe sie bisher gar nicht gekannt, aber auch gar nicht! Auch damals, am Dienstag, als ich mit dir von ihr sprach, Natascha (du erinnerst dich, ich redete noch von ihr mit solchem Entzücken), na, also auch damals kannte ich sie noch so gut wie gar nicht. Sie selbst suchte sich vor mir zu verbergen bis zur jetzigen Zeit. Aber jetzt haben wir einander vollständig kennengelernt. Wir duzen uns jetzt schon. Aber ich will von Anfang an erzählen: erstens, Natascha, wenn du nur hättest hören können, wie sie zu mir von dir gesprochen hat, als ich ihr am andern Tage, am Mittwoch, berichtete, was sich hier zwischen uns zugetragen hatte! . . . Apropos, da fällt mir ein, wie dumm ich mich gegen dich betragen habe, als ich damals, am Mittwochvormittag, zu dir kam! Du empfingst mich voll Entzücken und warst ganz erfüllt von unserer neuen Situation; du wolltest mit mir von all diesen Dingen reden; du warst traurig und scherztest und spaßtest dabei doch mit mir; ich aber wollte den ruhigen, gesetzten Mann spielen! O ich Dummkopf, ich Dummkopf! Ich wollte mich hervortun, damit prahlen, daß ich bald ein Ehemann, ein solider Mensch sein würde, und da mußte ich auch gerade auf dich verfallen, um dir diese Rolle vorzuspielen! Ach, wie hast du damals gewiß über mich gelacht, und wie sehr verdiente ich es, von dir ausgelacht zu werden!«

Der Fürst saß schweigend da und blickte mit einer Art von triumphierendem, ironischem Lächeln Aljoscha an, gerade als freue er sich darüber, daß sein Sohn sich als ein so leichtsinniger, ja sogar komischer Mensch erwies. Diesen ganzen Abend beobachtete ich den Fürsten aufmerksam und gewann die feste Überzeugung, daß er seinen Sohn überhaupt nicht liebe, obgleich die Leute soviel von seiner warmen Vaterliebe sprachen.

»Nach dem Besuch bei dir fuhr ich zu Katja«, fuhr Aljoscha in seiner Erzählung fort. »Ich habe schon gesagt, daß wir erst an diesem Morgen einander vollständig kennenlernten, und das ging in einer ganz merkwürdigen Weise zu . . . ich erinnere mich eigentlich gar nicht mehr, wie . . . Ein paar Worte voll warmen Gefühls, ein paar offen ausgesprochene Gedanken und Empfindungen, und wir waren uns fürs ganze Leben nahegetreten. Du mußt sie kennenlernen, Natascha, mußt sie unbedingt kennenlernen! Wie sie mir dein ganzes Wesen auseinandergesetzt und erläutert hat! Wie sie mir klargemacht hat, was für einen Schatz ich an dir besitze! Allmählich setzte sie mir alle ihre Ideen und ihre ganze Lebensanschauung auseinander; sie ist ein so ernstes, enthusiastisches Mädchen! Sie sprach von unserer Pflicht, von unserer Bestimmung, davon, daß wir alle der Menschheit dienen müßten, und da wir vollständig derselben Ansicht waren, wie sich in einem fünf- bis sechsstündigen Gespräch herausstellte, so endete es damit, daß wir uns geschworen haben, lebenslänglich Freunde zu sein und unser ganzes Leben lang zusammen zu wirken!«

»Auf welchem Gebiet wollt ihr denn wirken?« fragte der Fürst verwundert.

»Ich habe mich so verändert, Vater, daß dich dies alles natürlich in Erstaunen setzen muß; ich sehe sogar alle deine Einwände vorher«, antwortete Aljoscha triumphierend. »Ihr seid sämtlich Leute des praktischen Lebens; ihr habt eine Menge der Erfahrung entstammender ernster, strenger Grundsätze; auf alles Neue, Junge, Frische jedoch blickt ihr mißtrauisch, feindselig und spöttisch herab. Aber jetzt bin ich nicht mehr der, als den du mich noch vor wenigen Tagen gekannt hast. Ich bin ein anderer geworden! Ich blicke allem und allen in der Welt kühn in die Augen. Wenn ich weiß, daß meine Überzeugung die richtige ist, dann bleibe ich ihr treu bis zum Äußersten; und wenn ich nicht vom rechten Wege abirre, dann bin ich ein ehrenhafter Mensch. Das genügt mir. Dann mögt ihr andern reden, was ihr wollt, ich bin meiner Sache sicher.«

»Oho!« sagte der Fürst spöttisch.

Natascha blickte bald mich, bald den Fürsten beunruhigt an. Sie fürchtete für Aljoscha. Es begegnete ihm oft, daß er, sehr wenig zu seinem Vorteil, sich im Gespräch hinreißen ließ, und sie wußte das. Sie wollte nicht, daß Aljoscha sich vor uns, und namentlich vor seinem Vater, in einem komischen Licht zeige.

»Was redest du nur, Aljoscha! Das ist ja schon sozusagen Philosophie«, sagte sie; »das hat dich gewiß jemand gelehrt. Du solltest lieber erzählen.«

»Aber ich bin ja mitten im Erzählen!« rief Aljoscha. »Siehst du: Katja hat zwei entfernte Verwandte, eine Art von Vettern, Lew und Boris; der eine ist Student und der andere einfach ein junger Mann. Sie unterhält mit ihnen Beziehungen, und das sind geradezu hervorragende Geister! Bei der Gräfin lassen sie sich fast gar nicht blicken, aus Grundsatz. Als ich mit Katja von der Bestimmung des Menschen, von seiner Berufung und all dergleichen sprach, wies sie mich auf diese jungen Männer hin und gab mir sofort ein Empfehlungsschreiben an sie; ich eilte unverzüglich zu ihnen, um ihre Bekanntschaft zu machen. Gleich an demselben Abend wurden wir ein Herz und eine Seele. Es waren da ungefähr zwölf Personen von verschiedener Lebensstellung: Studenten, Offiziere, Künstler; auch ein Schriftsteller war dabei; sie kennen Sie, Iwan Petrowitsch, das heißt, sie haben Ihre Schriften gelesen, und erwarten in der Zukunft viel von Ihnen. Das haben sie mir selbst gesagt. Ich sagte ihnen, daß ich mit Ihnen bekannt sei, und versprach ihnen, Sie mit ihnen bekannt zu machen. Sie nahmen mich alle brüderlich mit offenen Armen auf. Ich sagte ihnen gleich von vornherein, daß ich mich bald verheiraten werde; und daher behandelten sie mich schon wie einen Ehemann. Sie wohnen meist im fünften Stock, unter dem Dach, und kommen möglichst oft zusammen, vorzugsweise mittwochs bei Lew und Boris. Es sind lauter frische, junge Menschen, sämtlich von glühender Liebe zur ganzen Menschheit erfüllt; wir sprachen alle von unserer Gegenwart, von unserer Zukunft, von den Wissenschaften, von der Literatur, und es wurde so schön, so offen und schlicht geredet! Auch ein Gymnasiast kommt hin. Wie hübsch sie miteinander verkehren, und was für eine edle, vornehme Denkweise sie haben! Ich habe solche Menschen noch nie kennengelernt! In welchen Kreisen habe ich denn auch bisher verkehrt? Was habe ich zu sehen bekommen? In welcher Umgebung bin ich aufgewachsen? Du, Natascha, bist die einzige, die mit mir von solchen Dingen gesprochen hat. Ach, Natascha, du mußt unbedingt ihre Bekanntschaft machen; Katja ist schon mit ihnen bekannt. Sie reden von ihr beinah mit Ehrfurcht, und Katja hat schon zu Lew und Boris gesagt, wenn sie die Berechtigung erlangt haben werde, über ihr Vermögen zu verfügen, so werde sie unbedingt sogleich eine Million Rubel für soziale Zwecke spenden.«

»Und die Verwalter dieser Million werden gewiß Lew und Boris und ihre ganze Gesellschaft sein?« fragte der Fürst.

»Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr; schäme dich, Vater, so zu reden!« rief Aljoscha eifrig. »Ich merke, was du meinst! Aber diese Million ist tatsächlich der Gegenstand unseres Gespräches gewesen; wir haben lange überlegt, wie sie verwendet werden solle, und uns endlich dafür entschieden, daß sie vor allen Dingen der allgemeinen Aufklärung dienen soll . . .«

»Ja, ich habe Katerina Fjodorowna bisher wirklich nicht ordentlich gekannt«, bemerkte der Fürst, als ob er nur für sich spräche, immer mit demselben spöttischen Lächeln. »Ich habe ihr übrigens manches zugetraut, aber dies . . .«

»Was ist denn dabei?« unterbrach ihn Aljoscha. »Was erscheint dir daran so sonderbar? Daß das aus eurem gewohnten Rahmen heraustritt? Daß bisher niemand eine Million geopfert hat und Katja es tut? Das ist's wohl, was dich befremdet. Aber was ist dagegen zu sagen, wenn sie nicht auf andrer Leute Kosten leben will? Denn von diesen Millionen leben ist soviel, wie auf andrer Leute Kosten leben; das ist mir erst jetzt klargeworden. Sie will dem Vaterland und allen Menschen nützlich sein und für die Förderung des Gemeinwohls ihr Scherflein darbringen. Von einem Scherflein ist ja schon in unseren Schönschreibevorschriften die Rede gewesen, und wie jenes Scherflein der Witwe eine Million wert war, so wird es doch hier auch der Fall sein. Und worauf gründet sich denn diese ganze gepriesene Vernunft, an die ich so fest geglaubt habe? Warum siehst du mich so an, Vater? Als ob du einen Narren, einen Dummkopf vor dir sähest? Nun, was schadet es, wenn man ein Dummkopf ist? Du hättest hören sollen, Natascha, was Katja darüber sagte: ›Nicht der Verstand ist das Wichtigste, sondern das, was ihn regiert: der Charakter, das Herz, die edlen Eigenschaften, die gesamte geistige Entwicklung.‹ Aber die Hauptsache ist: hierüber hat Besmygin einen genialen Ausspruch getan. Besmygin ist ein Bekannter von Lew und Boris und unser Oberhaupt und wirklich ein genialer Kopf! Erst gestern sagte er im Gespräch: ›Ein Dummkopf, der sich bewußt ist, ein Dummkopf zu sein, ist kein Dummkopf mehr!‹ Welch eine tiefe Wahrheit! Solche Denksprüche gibt er alle Augenblicke von sich. Er schüttelt die Wahrheiten nur so aus dem Ärmel.«

»Wirklich genial!« bemerkte der Fürst.

»Du spottest immer. Aber ich habe von dir nie etwas Derartiges zu hören bekommen und ebensowenig von unsrer ganzen sogenannten guten Gesellschaft. Bei euch sucht man so etwas vielmehr zu verstecken; alles sucht man niederzuhalten, damit alle Leute die gleiche Statur haben; selbst die Nasen sollen von gleicher Länge und Gestalt sein – als ob das möglich wäre! Als ob das nicht tausendmal unmöglicher wäre als das, wovon wir reden und was wir vorhaben! Und dabei nennt man uns Utopisten! Du hättest nur hören sollen, was sie gestern zu mir sagten . . .«

»Aber worüber redet ihr denn nun eigentlich, und was habt ihr vor? Erzähle doch, Aljoscha; bis jetzt verstehe ich noch nichts davon«, sagte Natascha.

»Wir reden überhaupt von allem, was zum Fortschritt und zur Humanität und zur Liebe führt; alles das erörtern wir anhand der neuzeitlichen Fragen. Wir reden von der Publizität, von den beginnenden Reformen, von der Liebe zur Menschheit, von den führenden Geistern; wir kritisieren sie, wir lesen ihre Schriften. Aber die Hauptsache ist: wir haben einander das Wort darauf gegeben, unter uns vollständig aufrichtig zu sein und einander alles über uns selbst offen und ohne falsche Scham zu sagen. Nur Offenheit und Aufrichtigkeit können das Ziel erreichen. Darauf dringt Besmygin ganz besonders. Ich habe Katja davon erzählt, und sie ist durchaus der Ansicht Besmygins. Und darum haben wir alle unter Besmygins Leitung uns das Wort darauf gegeben, unser ganzes Leben hindurch offen und ehrlich zu handeln und, was man auch von uns sagen und wie man auch über uns urteilen mag, uns durch nichts beirren zu lassen, uns unseres Enthusiasmus, unserer Bestrebungen, unserer Fehler nicht zu schämen, sondern geradeaus unseren Weg zu gehen. Wenn du willst, daß man dich achte, so achte zuerst und vor allen Dingen dich selbst; nur dadurch, nur durch Selbstachtung, zwingst du auch andere, dich zu achten. Das sagt Besmygin, und Katja stimmt ihm vollständig bei. Überhaupt sprechen wir jetzt viel von unseren Anschauungen und haben beschlossen, es soll sich jeder für sich allein mit Selbsterkenntnis beschäftigen, und dann sollen alle zusammen sich wechselseitig belehren . . .«

»Was für ein heilloser Unsinn!« rief der Fürst beunruhigt. »Und wer ist dieser Besmygin? Nein, das darf man nicht so weitergehen lassen!«

»Was darf man nicht so weitergehen lassen?« fiel Aljoscha ein. »Höre, Vater, warum setze ich jetzt das alles in deiner Gegenwart auseinander? Weil ich wünsche und hoffe, auch dich für unseren Verein zu gewinnen. Ich habe es dort auch schon versprochen, dich hinzubringen. Du lachst; nun, das habe ich vorher gewußt, daß du lachen würdest! Aber höre! Du bist gut, du bist edel; du wirst mich verstehen. Du kennst ja diese Menschen nicht; du hast sie noch nie gesehen, sie nicht selbst gehört. Gesetzt auch, du habest von alledem schon gehört, denn du hast ja alles studiert und bist furchtbar gelehrt: aber sie selbst hast du noch nicht gehört, du bist noch nicht bei ihnen gewesen; wie kannst du also über sie ein richtiges Urteil haben? Du bildest dir nur ein, daß du sie kennst. Nein, komm zu ihnen hin, höre sie, und dann – und dann verbürge ich mich dafür, daß du einer der Unsrigen werden wirst! Und die Hauptsache ist: ich will alle Mittel anwenden, um dich vom Verderben in deinem Gesellschaftskreis zu retten, an dem du so hängst, und dich von deinen Anschauungen abzubringen.«

Der Fürst hatte Aljoschas pathetische Rede schweigend und mit einem spöttischen Lächeln angehört; sein Gesicht hatte einen boshaften Ausdruck getragen. Natascha hatte ihn mit unverhohlenem Widerwillen beobachtet. Er hatte dies gesehen, aber getan, als bemerke er es nicht. Aber als Aljoscha geendet hatte, brach der Fürst plötzlich in ein Gelächter aus. Er ließ sich sogar gegen die Lehne des Stuhles zurücksinken, als ob er nicht imstande wäre, sich zu halten. Aber dieses Lachen war entschieden gekünstelt. Es war nur zu deutlich, daß er einzig und allein in der Absicht lachte, seinen Sohn möglichst zu kränken und zu demütigen. Aljoscha fühlte sich wirklich beleidigt; sein ganzes Gesicht drückte tiefen Schmerz aus. Aber er wartete geduldig, bis die Heiterkeit seines Vaters aufhörte.

»Vater«, begann er traurig, »warum lachst du denn über mich? Ich habe offen und ehrlich zu dir gesprochen. Wenn ich deiner Meinung nach Dummheiten gesagt habe, so belehre mich, aber lache mich nicht aus! Und worüber lachst du? Über das, was mir jetzt heilig und edel erscheint? Nun, mag ich auch irren, mag das auch alles unrichtig und fehlerhaft sein, mag ich auch ein Dummkopf sein, wie du mich manchmal genannt hast: aber wenn ich auch irre, so tue ich es mit aller Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit; ich habe den Adel meiner Seele nicht eingebüßt. Ich begeistere mich für hohe Ideen. Mögen sie auch irrig sein, so ist doch ihre Grundlage heilig. Ich habe dir ja gesagt, daß du und alle Angehörigen deines Kreises mir noch nichts Derartiges gesagt haben, was mich angezogen hätte und mir als Richtschnur hätte dienen können. Widerlege diese Ideen, sage mir etwas Besseres, und ich werde dir folgen; aber lache nicht über mich; denn das kränkt mich sehr.«

Aljoscha hatte das mit edlem Anstand und mit einer Art von ernster Würde gesagt. Natascha war seinen Worten mit Teilnahme gefolgt. Der Fürst hatte seinem Sohn ganz erstaunt zugehört und änderte nun sogleich seinen Ton.

»Ich wollte dich ganz und gar nicht kränken, lieber Sohn«, antwortete er; »ich bedaure dich vielmehr. Du bereitest dich zu einem Schritt im Leben vor, bei dem es an der Zeit wäre, das leichtsinnige, knabenhafte Wesen abzulegen. Das ist meine Meinung. Ich mußte unwillkürlich lachen und habe dich durchaus nicht kränken wollen.«

»Warum schien es mir dann aber so?« fuhr Aljoscha mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes fort. »Warum scheint es mir schon lange, daß du gegen mich eine feindliche Stellung einnimmst, mich mit kaltem Spott behandelst und nicht so, wie ein Vater seinen Sohn behandeln sollte? Warum scheint es mir, daß ich, wenn ich an deiner Stelle wäre, meinen Sohn nicht in so kränkender Weise auslachen würde, wie du es jetzt mit mir tust? Höre: sprechen wir uns doch jetzt gleich ein für allemal aufrichtig aus, so daß keinerlei Mißverständnisse mehr zurückbleiben! Und . . . ich will die volle Wahrheit sagen: als ich hier eintrat, schien es mir, daß auch hier ein Mißverständnis stattgefunden hatte; ich hatte erwartet, euch in anderer Stimmung hier zusammen zu finden. Ist es so oder nicht? Wenn es so ist, ist es dann nicht besser, daß ein jeder seine Empfindungen frei ausspricht? Wieviel Schaden kann durch Aufrichtigkeit verhütet werden!«

»Sprich nur, sprich nur, Aljoscha!« erwiderte der Fürst. »Was du uns da vorschlägst, ist sehr verständig. Vielleicht hätten wir das von vornherein tun sollen«, fügte er mit einem Blick auf Natascha hinzu.

»Sei also nicht böse über meine vollständige Offenherzigkeit!« begann Aljoscha. »Du wünschst sie selbst, verlangst sie selbst. So höre denn! Du hast deine Einwilligung zu meiner Heirat mit Natascha gegeben; du hast uns dieses Glück gewährt und zu diesem Zweck dich selbst überwunden. Du bist großmütig gewesen, und wir alle haben dein edles Verhalten gebührend gewürdigt. Aber warum deutest du mir denn jetzt fortwährend mit einer Art von Schadenfreude an, daß ich noch ein lächerlicher Knabe und für die Stellung eines Ehemannes ungeeignet sei? Ja noch mehr: du legst es darauf an, mich zu verhöhnen, mich zu demütigen, mich sogar in Nataschas Augen zu verunglimpfen. Es ist dir immer eine große Freude, wenn du mich von einer komischen Seite zeigen kannst; das habe ich nicht erst jetzt bemerkt, sondern schon lange. Als ob du es besonders darauf abgesehen hättest, uns zu beweisen, daß unsere Ehe lächerlich und absurd sei und wir nicht zueinander paßten. Gerade als ob du selbst nicht daran glaubtest, daß das zustande kommen werde, was du doch selbst für uns in Aussicht genommen hast; als ob du das alles nur für einen Scherz, für einen amüsanten Einfall, für ein komisches Vaudeville hieltest . . . Ich schließe das ja nicht nur aus deinen heutigen Worten. Gleich an jenem Abend, am Dienstag, als ich von hier zu dir zurückkehrte, hörte ich aus deinem Mund einige merkwürdige Ausdrücke, die mich verwunderten und geradezu kränkten. Auch als du am Mittwoch abreistest, machtest du einige Anspielungen auf unsere jetzige Lage und sprachst auch von Natascha, zwar nicht in beleidigender Weise, nein, aber doch so, wie ich es aus deinem Mund lieber nicht gehört hätte, gar zu leichtfertig, lieblos, respektlos. Es ist schwer, das darzulegen; aber der Ton war nicht mißverständlich; mein Herz vernahm ihn. Sage mir doch, daß ich mich irre! Belehre mich eines Besseren, beruhige mich und . . . und auch sie; denn du hast auch sie gekränkt. Das merkte ich beim ersten Blick, als ich hier eintrat . . .«

Aljoscha hatte das mit warmer Empfindung und in festem Ton gesprochen. Natascha hatte ihm mit einer Art von Triumph zugehört und in starker Erregung und mit glühendem Gesicht ein paarmal während seiner Rede vor sich hingesagt: »Ja, ja, so ist es!« Der Fürst war verlegen.

»Lieber Sohn«, entgegnete er, »ich kann mich natürlich nicht auf alles besinnen, was ich zu dir gesagt habe; aber es ist sehr sonderbar, wenn du meine Worte in einem solchen Sinn aufgefaßt hast. Ich bin bereit, dich eines Besseren zu belehren, soweit ich nur irgend kann. Wenn ich jetzt gelacht habe, so ist auch das begreiflich. Ich sage dir, daß ich mit meinem Lachen sogar meine schmerzliche Empfindung verhüllen wollte. Wenn ich mir jetzt vorstelle, daß du dich bald anschickst, ein Ehemann zu sein, so erscheint mir das jetzt völlig unmöglich, absurd, ja, nimm es mir nicht übel, sogar lächerlich. Du machst mir dieses Lachen zum Vorwurf; aber ich sage dir, daß es ganz und gar durch dich herbeigeführt ist. Eine gewisse Schuld trage allerdings auch ich: vielleicht habe ich in der letzten Zeit zu wenig auf dich achtgegeben und daher erst jetzt, heute abend, erkannt, was für einer Handlungsweise du fähig bist. Jetzt wird mir geradezu bange, wenn ich an dein künftiges Leben mit Natalja Nikolajewna denke: ich habe mich übereilt; ich sehe, daß ihr sehr wenig zusammenpaßt. Jede Liebe geht vorüber; aber die Disharmonie bleibt lebenslänglich. Ich will gar nicht einmal von deinem eigenen Schicksal reden; aber wenn anders du ehrliche Absichten hast, so bedenke, daß du mit dir zusammen auch Natalja Nikolajewna zugrunde richtest, entschieden zugrunde richtest! Da hast du nun jetzt eine ganze Stunde lang von Liebe zur Menschheit, von Adel der Gesinnung, von hochherzigen Menschen, mit denen du bekannt geworden bist, gesprochen; aber frage Iwan Petrowitsch, was ich vorhin zu ihm gesagt habe, als wir auf dieser abscheulichen Treppe zum vierten Stock hinaufstiegen und hier an der Tür stehenblieben und Gott für die Rettung unseres Lebens und unserer Beine dankten! Weißt du, welcher Gedanke mir da unwillkürlich durch den Kopf ging? Ich wunderte mich, wie du bei deiner großen Liebe zu Natalja Nikolajewna es dulden kannst, daß sie in einer solchen Wohnung lebt. Hast du dir denn gar nicht gesagt, daß, wenn du über keine Mittel verfügst und nicht die Fähigkeit besitzt, deine Pflichten zu erfüllen, daß du dann auch nicht berechtigt bist, ein Ehemann zu sein, nicht berechtigt bist, irgendwelche Pflichten auf dich zu nehmen? Die Liebe allein genügt nicht; die Liebe zeigt sich in Taten; aber so zu denken wie du: ›Magst du auch mit mir leiden; aber lebe dennoch mit mir!‹, das ist nicht human, nicht edel! Von allgemeiner Liebe zu reden, sich für allgemein menschliche Fragen zu begeistern und gleichzeitig Verbrechen gegen die Liebe zu begehen und es gar nicht einmal zu bemerken – ein solches Verhalten ist mir unverständlich! Unterbrechen Sie mich nicht, Natalja Nikolajewna, lassen Sie mich ausreden; es ist mir so weh ums Herz, und ich muß mich ganz aussprechen. Du hast gesagt, Aljoscha, du habest dich in diesen Tagen für alles, was edel, schön und ehrenhaft ist, begeistert und hast es mir zum Vorwurf gemacht, daß in unserem Gesellschaftskreis solche Begeisterung nicht zu finden sei, sondern nur trockene Vernunft. Nun sieh, was du getan hast: du hast dich für das Hohe und Schöne begeistert und hast trotz allem, was hier am Dienstag geschehen ist, vier Tage lang diejenige vernachlässigt, die, wie man meinen sollte, dir teurer sein müßte als alles auf der Welt! Du hast sogar bekannt, daß du in dem Streit mit Katerina Fjodorowna behauptet habest, Natalja Nikolajewna liebe dich so sehr und sei so großmütig, daß sie dir dein Verhalten verzeihen werde. Aber welches Recht hast du, auf eine solche Verzeihung zu rechnen und darauf zu wetten? Hast du denn wirklich kein einziges Mal daran gedacht, wie viele Qualen, wie viele bittere Gedanken, wieviel Zweifel und wieviel Argwohn du in diesen Tagen bei Natalja Nikolajewna hervorriefst? Hattest du deswegen, weil du dich dort für irgendwelche neuen Ideen begeistertest, ein Recht, deine allererste Pflicht zu vernachlässigen? Verzeihen Sie mir, Natalja Nikolajewna, daß ich meinem Wort untreu geworden bin. Aber die gegenwärtige Angelegenheit ist von ernsterer Bedeutung als dieses Versprechen; Sie werden das gewiß selbst einsehen . . . Weißt du wohl, Aljoscha, daß ich Natalja Nikolajewna in so tiefem Leid angetroffen habe, daß mir daraus verständlich wurde, in welche Hölle du diese vier Tage für sie verwandelt hast, die vielmehr die glücklichsten Tage ihres Lebens hätten sein sollen? Eine solche Handlungsweise auf der einen Seite und Worte, Worte und immer wieder Worte auf der anderen – habe ich da nicht recht? Und bei alledem bringst du es fertig, mich zu beschuldigen, während du doch die ganze Schuld trägst?«

Der Fürst war zu Ende. Er war sogar entzückt von seiner rednerischen Leistung und vermochte sein Triumphgefühl vor uns nicht zu verbergen. Als Aljoscha von Nataschas Leid hörte, blickte er sie mit schmerzlichem Kummer an; aber Natascha hatte bereits ihren Entschluß gefaßt.

»Laß es gut sein, Aljoscha, gräme dich nicht!« sagte sie. »Andere sind schuldiger als du. Setz dich hin und höre zu, was ich deinem Vater jetzt gleich sagen werde. Es ist Zeit, ein Ende zu machen!«

»Sprechen Sie sich deutlich aus, Natalja Nikolajewna!« fiel der Fürst ein; »ich bitte Sie dringend darum. Schon zwei Stunden lang höre ich diese rätselhaften Andeutungen. Das wird unerträglich, und ich muß gestehen, daß ich einen solchen Empfang hier nicht erwartet hatte.«

»Das mag sein; denn Sie meinten, Sie würden uns durch Ihre Worte bezaubern, so daß wir Ihre geheimen Absichten nicht merkten. Was soll ich Ihnen denn erst noch deutlich machen? Sie wissen ja selbst alles und verstehen alles. Aljoscha hat recht. Was Sie vor allen Dingen wünschen ist: uns zu trennen. Sie haben alles vorher gewußt, was sich hier nach jenem Dienstagabend ereignen würde, und es sich sozusagen an den Fingern berechnet. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß Sie es mit mir und der von Ihnen in die Wege geleiteten Eheschließung nicht ernst meinen. Sie treiben mit uns Ihren Scherz, Ihr Spiel und haben dabei eine bewußte Absicht. Ihr Spiel ist gut berechnet. Aljoscha hatte recht, als er Ihnen vorwarf, Sie betrachteten diese ganze Angelegenheit wie eine Vaudeville. Sie sollten sich vielmehr über Aljoschas Benehmen freuen, statt ihm Vorwürfe zu machen; denn er hat unwissentlich alles erfüllt, was Sie von ihm erwarteten, vielleicht sogar noch mehr.«

Ich war starr vor Staunen. Ich hatte zwar erwartet, daß sich an diesem Abend eine Katastrophe ereignen werde; aber doch versetzten Aljoschas schroffe Offenherzigkeit und ihr unverhohlen verächtlicher Ton mich in die äußerste Verwunderung! ›Also weiß sie tatsächlich etwas‹, dachte ich, ›und hat sich ohne Verzug zum Bruch entschlossen. Vielleicht hat sie sogar den Fürsten mit Ungeduld erwartet, um ihm mit einemmal alles ins Gesicht zu sagen.‹ Der Fürst wurde ein wenig blaß. Aljoschas Miene drückte naive Furcht und qualvolle Erwartung aus. »Bedenken Sie, was für eine Anschuldigung Sie soeben gegen mich erhoben haben«, rief der Fürst, »und überlegen Sie wenigstens einigermaßen, was Sie sagen! . . . Ich verstehe nichts davon!«

»Ah! Also Sie wollen mich in dieser kurzen Fassung nicht verstehen«, sagte Natascha. »Sogar er, Aljoscha hier, hat Sie ebenso durchschaut wie ich, und doch haben wir beide nicht miteinander gesprochen und uns nicht einmal gesehen! Auch er hat die Empfindung gehabt, daß Sie mit uns ein unwürdiges, beleidigendes Spiel treiben; und doch liebt er Sie und glaubt an Sie wie an eine Gottheit! Sie haben nicht für nötig gehalten, ihm gegenüber größere Vorsicht und List anzuwenden; Sie rechneten darauf, daß er nichts merken werde. Aber er hat ein feinfühliges Herz, und Ihre Worte, Ihr ›Ton‹, wie er sagt, haben ihm einen dauernden Eindruck gemacht.«

»Ich verstehe nichts davon, gar nichts!« wiederholte der Fürst, indem er sich mit einer Miene größter Verwunderung an mich wandte, wie wenn er mich als Zeugen anrufen wollte. Er war gereizt und heftig erregt. »Sie sind argwöhnisch und befinden sich in Aufregung«, fuhr er, zu Natascha gewendet, fort. »Sie sind einfach eifersüchtig auf Katerina Fjodorowna und neigen daher dazu, die ganze Welt und in erster Linie mich anzuklagen. Gestatten Sie, daß ich Ihnen alles frei heraus sage: man muß daraus eine eigentümliche Meinung über Ihren Charakter gewinnen. Ich bin an solche Szenen nicht gewöhnt; ich würde nach dem Vorangegangenen keinen Augenblick länger hierbleiben, wenn es sich nicht um das Interesse meines Sohnes handelte . . . Ich warte immer noch, ob Sie nicht die Gewogenheit haben wollen, sich deutlicher auszusprechen.«

»Also Sie beharren auf diesem Verlangen und wollen mich nicht in dieser kurzen Fassung verstehen, trotzdem Sie alles ganz genau wissen? Sie wollen durchaus, daß ich Ihnen alles offen sage?«

»Das und nichts anderes ist es, was ich wünsche.«

»Gut denn; so hören Sie!« rief Natascha, deren Augen vor Zorn funkelten. »Ich werde alles sagen, alles!«

Drittes Kapitel

Sie stand auf und begann stehend zu reden, ohne dies in ihrer Aufregung zu bemerken. Nachdem der Fürst ein Weilchen zugehört hatte, erhob er sich ebenfalls von seinem Platz. Die ganze Szene wurde sehr feierlich.

»Sie werden sich wohl selbst an Ihre Worte am Dienstag erinnern«, begann Natascha. »Sie sagten: ›Ich brauche Geld, einen gebahnten Weg, eine bedeutende Stellung in der vornehmen Gesellschaft‹; erinnern Sie sich?«

»Ja.«

»Nun also, um dieses Geld und all diese Vorteile zu erlangen, die Ihnen aus den Händen zu entschlüpfen drohten, kamen Sie am Dienstag hierher und veranstalteten diese Verlobung, weil Sie darauf spekulierten, daß dieser Scherz Ihnen behilflich sein werde, das fest zu ergreifen, was Ihnen entglitt.«

»Natascha!« rief ich; »bedenke, was du sprichst!«

»Ein Scherz! Eine Spekulation!« wiederholte der Fürst mit der Miene tief gekränkter Würde.

Aljoscha saß da, von Kummer niedergedrückt, und sah dem Vorgang zu, fast ohne etwas zu begreifen.

»Ja, ja, unterbrechen Sie mich nicht! Ich habe mir fest vorgenommen, alles auszusprechen«, fuhr Natascha in gereiztem Ton fort. »Sie erinnern sich selbst: Aljoscha gehorchte Ihnen nicht. Ein halbes Jahr lang hatten Sie sich mit ihm abgemüht, um ihn von mir abzuziehen. Er fügte sich Ihnen nicht. Und auf einmal trat für Sie der Augenblick ein, wo die Zeit drängte. Wenn Sie die günstige Gelegenheit vorübergehen ließen, so glitten Ihnen die Braut und das Geld, vor allen Dingen das Geld, ganze drei Millionen Mitgift, aus den Fingern. Es blieb nur ein Mittel: Aljoscha mußte diejenige liebgewinnen, die Sie ihm zur Braut bestimmt hatten; Sie sagten sich, wenn er sich in sie verliebe, werde er sich vielleicht von mir lossagen . . .«

»Natascha, Natascha!« rief Aljoscha gramvoll; »was redest du!«

»So verfuhren Sie denn auch«, fuhr sie fort, ohne sich durch Aljoschas Zwischenruf aufhalten zu lassen; »aber da wiederholte sich die alte Geschichte: es hätte sich alles arrangieren lassen; aber ich bildete wieder das Hindernis! Nur ein Umstand konnte bei Ihnen Hoffnung erwecken: als erfahrener, schlauer Mensch hatten Sie vielleicht schon damals bemerkt, daß Aljoscha das bisherige enge Verhältnis zu mir manchmal als drückende Last empfand. Es konnte Ihnen nicht entgehen, daß er anfing, mich zu vernachlässigen, sich bei mir zu langweilen, und daß er mitunter fünf Tage lang nicht zu mir kam. ›Vielleicht wird er ihrer ganz überdrüssig werden und sie sitzenlassen‹, dachten Sie, als plötzlich am Dienstag Aljoschas energischer Schritt Sie vollständig überraschte. Was sollten Sie nun tun?«

»Erlauben Sie«, rief der Fürst, »das Gegenteil ist richtig; diese Tatsache . . .«

»Ich sage«, unterbrach ihn Natascha nachdrücklich, »Sie fragten sich an diesem Abend: ›Was ist jetzt zu tun?‹ und entschieden sich dafür, ihm die Erlaubnis zur Heirat mit mir zu geben, nicht in Wirklichkeit, sondern nur äußerlich, mit Worten, nur um ihn zu beruhigen. Den Hochzeitstermin, meinten Sie, könne man ja beliebig weit hinausschieben; und inzwischen könnte ein neue Liebe keimen; das hatten Sie bemerkt. Und so gründeten Sie denn auf den Beginn dieser neuen Liebe Ihren ganzen Plan.«

»Romane, Romane!« sagte der Fürst halblaut wie für sich. »Das einsame Leben, ein Hang zur Grübelei und das Lesen von Romanen!«

»Ja, auf diese neue Liebe gründeten Sie Ihren ganzen Plan«, wiederholte Natascha, ohne auf die Worte des Fürsten zu hören und sie irgendwie zu beachten; sie war wie im Fieber und verlor immer mehr die Selbstbeherrschung. »Und was für Chancen hatte nicht diese neue Liebe! Sie hatte ja schon damals begonnen, als er noch nicht alle Vorzüge dieses jungen Mädchens kennengelernt hatte! In eben dem Augenblick, als er an jenem Abend diesem jungen Mädchen entdeckte, daß er sie nicht lieben könne, weil seine Pflicht und eine andere Liebe es ihm verböten, in diesem Augenblick bekundete das junge Mädchen auf einmal ihm gegenüber eine so edle Gesinnung, soviel Mitgefühl mit ihm und ihrer Nebenbuhlerin, eine so prächtige Fähigkeit, zu verzeihen! Vorher hatte er zwar schon ihre Schönheit bewundert; aber er hatte bis auf diesen Augenblick nicht gedacht, daß sie eine so herrliche Seele hätte! Und als er damals zu mir kam, redete er nur von ihr; sie hatte ihn vollständig bezaubert. Ja, er mußte gleich am folgenden Tag unbedingt das unabweisbare Bedürfnis empfinden, dieses schöne Wesen wiederzusehen, sei es auch nur aus Dankbarkeit. Ja, und warum hätte er auch nicht zu ihr fahren sollen? Die andere, seine bisherige Geliebte, litt ja jetzt nicht mehr; ihr Schicksal war entschieden; ihr wollte er ja sein ganzes Leben widmen; der neuen sollte nur ein kurzer Augenblick zugedacht sein . . . Und wie undankbar wäre es von dieser Natascha, wenn sie der neuen aus Eifersucht nicht einmal diesen kurzen Augenblick gönnte! Und so wurde dieser Natascha statt eines kurzen Augenblicks unvermerkt ein Tag und ein zweiter, ein dritter entzogen . . . In der Zwischenzeit aber zeigte sich ihm das junge Mädchen von einer ganz unerwarteten, neuen Seite; sie war so edeldenkend, so enthusiastisch und zugleich ein so naives Kind und paßte daher in ihrem Charakter sehr gut zu ihm. Sie schwuren einander Freundschaft und Brüderschaft und wollten sich lebenslänglich nicht voneinander trennen. In einem fünf- bis sechsstündigen Gespräch erschloß sich ihr seine ganze Seele und nahm neue Empfindungen auf, und sein ganzes Herz gab sich ihr hin . . . ›Es wird endlich die Zeit kommen‹, dachten Sie, ›wo er seine frühere Liebe mit seinen neuen, frischen Gefühlen vergleichen wird: dort ist alles längst bekannt, alltäglich; dort ist man so ernst und anspruchsvoll; dort ist man eifersüchtig und schilt und weint; und wenn man selbst anfängt, mit ihm zu scherzen und zu spaßen, so behandelt man ihn dabei nicht wie einen Gleichgestellten, sondern wie ein Kind. Und die Hauptsache ist: alles ist schon so gewöhnlich, ohne den Reiz der Neuheit . . .‹«

Die Tränen und ein schmerzlicher Krampf drohten sie zu ersticken; aber Natascha fand noch für einen Augenblick Kraft.

»Und was dann weiter? Das Weitere konnte man der Zeit überlassen; die Hochzeit mit Natascha war ja nicht auf einen nahen Termin angesetzt; es lag noch viel Zeit dazwischen; da konnte sich alles ändern. Und dazu konnten Ihre Worte, Ihre Anspielungen, Ihre Ausdeutungen, Ihre Redekunst mitwirken. Man konnte diese hinderliche Natascha auch verleumden, sie in ein unvorteilhaftes Licht stellen; wie sich das alles im einzelnen entwickeln werde, war ungewiß; aber der Sieg gehörte Ihnen! Aljoscha, schilt mich nicht, lieber Freund! Sage nicht, daß ich für deine Liebe kein Verständnis hätte, sie nicht zu würdigen wisse. Ich weiß ja, daß du mich auch jetzt noch liebst und in diesem Augenblick meine Klagen vielleicht für unbegründet hältst. Ich weiß, daß ich sehr, sehr übel daran getan habe, jetzt dies alles auszusprechen. Aber was soll ich tun, wenn ich es einsehe und dich dennoch immer mehr liebe . . . mit ganzer Seele . . . bis zum Wahnsinn!«

Sie verbarg das Gesicht in den Händen, sank auf ihren Stuhl und schluchzte wie ein Kind. Aljoscha stürzte aufschreiend zu ihr hin. Er konnte sie nie weinen sehen, ohne daß ihm selbst die Tränen gekommen wären.

Ihr Schluchzen kam dem Fürsten, wie es schien, sehr zustatten: Nataschas ganze Erregung während dieser langen Auseinandersetzung, ihre scharfen Ausfälle gegen ihn, durch die er sich schon anstandshalber hätte beleidigt fühlen müssen, all das konnte jetzt offenbar auf einen Anfall von sinnloser Eifersucht, auf gekränkte Liebe, ja auf Krankheit zurückgeführt werden. Es war sogar schicklich, ihr seine Teilnahme auszusprechen.

»Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, Natalja Nikolajewna!« sagte der Fürst, freundlich zuredend; »das sind alles Hirngespinste, Phantasien, Folgen des Alleinseins. Sein leichtsinniges Benehmen hat Sie in gereizte Stimmung versetzt. Aber es ist ja von seiner Seite eben nur Leichtsinn gewesen. Das wichtigste Faktum, dessen Sie ja auch besonders Erwähnung taten, der Vorgang am Dienstag, müßte Ihnen doch eher als Beweis für seine grenzenlose Anhänglichkeit an Sie dienen; aber Sie haben im Gegenteil gemeint . . .«

»Oh, reden Sie nicht zu mir, quälen Sie mich wenigstens jetzt nicht weiter!« unterbrach ihn Natascha, bitterlich weinend. »Mein Herz hat mir schon alles gesagt, schon längst! Glauben Sie wirklich, ich sähe nicht, daß seine frühere Liebe vergangen ist? Während ich hier in diesem Zimmer allein war, nachdem er mich verlassen und vergessen hatte, habe ich das alles innerlich durchlebt, alles durchdacht! Was konnte ich auch anderes tun? Ich mache dir keine Vorwürfe, Aljoscha . . . Warum suchen Sie mich zu täuschen? Glauben Sie wirklich, daß ich nicht versucht habe, mich selbst zu täuschen? Oh, wie oft, wie oft! Habe ich nicht auf jeden Ton seiner Stimme geachtet? Habe ich nicht gelernt, auf seinem Gesicht, in seinen Augen zu lesen? Alles, alles ist gestorben und begraben . . . O ich Unglückliche!«

Aljoscha lag vor ihr auf den Knien und weinte.

»Ja, ja, daran bin ich schuld! Ich allein . . .«, wiederholte er schluchzend.

»Nein, klage dich nicht selbst an, Aljoscha! . . . Die Schuld tragen andere . . . unsere Feinde . . . Die sind es gewesen, die!«

»Aber erlauben Sie«, begann der Fürst etwas ungeduldig, »ich möchte doch schließlich fragen: aus welchem Grund schreiben Sie mir alle diese Verbrechen zu? Das sind doch von Ihnen nur Vermutungen, die durch nichts bewiesen sind . . .«

»Beweise!« rief Natascha, sich schnell von ihrem Stuhl erhebend. »Beweise verlangen Sie, Sie heimtückischer Mensch? Sie konnten schlechterdings nicht anders handeln, damals, als Sie mit Ihrem Antrag herkamen! Sie mußten Ihren Sohn beruhigen, sein Gewissen einschläfern, damit er sich freier und ruhiger ganz seiner Katja hingeben konnte; ohne das hätte er immer an mich denken müssen und hätte sich Ihnen nicht gefügt; Ihnen aber war das Warten schon langweilig geworden. Nun, habe ich etwa nicht recht?«

»Ich muß bekennen«, erwiderte der Fürst mit einem spöttischen Lächeln, »wenn ich Sie hätte täuschen wollen, so würde ich tatsächlich so spekuliert haben; Sie sind sehr scharfsinnig. Aber eben das bedarf ja des Beweises, ehe Sie es sich erlauben dürfen, Leute mit solchen Vorwürfen zu beleidigen . . .«

»Beweise! Und Ihr ganzes früheres Benehmen, als Sie ihn mir abspenstig zu machen suchten? Wer seinem Sohn zuredet, um weltlicher Vorteile willen, um des Geldes willen solche Verpflichtungen zu vernachlässigen und mit ihnen zu spielen, der demoralisiert ihn! Was haben Sie vorhin über die Treppe und die schlechte Wohnung gesagt? Haben nicht Sie selbst ihm das Taschengeld entzogen, das Sie ihm früher gaben, damit wir durch Not und Hunger gezwungen würden, uns zu trennen? Sie, Sie sind an dieser Wohnung und an dieser Treppe schuld, und nun machen Sie ihm noch Vorwürfe, Sie heuchlerischer Mensch! Und woher kamen bei Ihnen plötzlich damals an jenem Abend so warme Gefühle, so neue, zu Ihrem Wesen gar nicht passende Anschauungen? Wozu hatten Sie mich auf einmal so nötig? Ich bin hier diese vier Tage lang auf und ab gegangen; ich habe alles durchdacht, alles abgewogen, jedes Ihrer Worte, jedes Mienenspiel auf Ihrem Gesicht, und ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß das alles Trug und Scherz war, eine beleidigende, gemeine, unwürdige Komödie. Ich kenne Sie ja, habe Sie schon längst gekannt! Jedesmal wenn Aljoscha von Ihnen zu mir kam, erriet ich aus seinem Gesicht alles, was Sie ihm gesagt, ihm eingeblasen hatten; ich spürte alle Einwirkungen heraus, die Sie auf ihn ausgeübt hatten! Nein, Sie können mich nicht mehr täuschen! Vielleicht haben Sie noch irgendwelche anderen Spekulationen; vielleicht habe ich gerade das Wichtigste jetzt nicht ausgesprochen; aber das gilt mir gleich! Sie haben mich getäuscht – das ist die Hauptsache! Das mußte ich Ihnen gerade ins Gesicht sagen!«

»Weiter nichts? Das sind alle Ihre Beweise? Aber bedenken Sie doch, Sie Rasende: durch meinen Antrag am Dienstag hatte ich mich doch gebunden. Das wäre doch gar zu leichtsinnig von mir gewesen . . .«

»Wodurch hatten Sie sich gebunden? Wodurch? Was kommt es Ihnen darauf an, ein Mädchen wie mich zu täuschen? Und was hat die Kränkung so eines Mädchens zu bedeuten? Ich bin ja ein unglücklicher Flüchtling, von meinem Vater verstoßen, eine Schutzlose, ein Mädchen, das sich selbst entehrt hat, ein unmoralisches Wesen! Da macht man nicht erst viel Umstände, wenn dieser Scherz irgendwelchen, wenn auch noch so geringen Vorteil bringen kann!«

»In was für eine Lage bringen Sie sich selbst, Natalja Nikolajewna? Bedenken Sie das doch nur! Sie behaupten hartnäckig, daß von meiner Seite eine Beleidigung gegen Sie vorliegt. Aber diese Beleidigung wäre so schwerwiegend und so unwürdig, daß ich nicht begreife, wie man sie für denkbar halten und nun gar auf einer solchen Behauptung bestehen kann. Sie müssen wohl an alles mögliche gewöhnt sein, um dergleichen so leichthin vorauszusetzen, nehmen Sie es mir nicht übel! Vielmehr bin ich berechtigt, Ihnen Vorwürfe zu machen, weil Sie meinen Sohn gegen mich aufhetzen: wenn er sich auch jetzt nicht zu Ihren Gunsten gegen mich empört, so ist doch sein Herz gegen mich eingenommen . . .«

»Nein, Vater, nein!« rief Aljoscha; »wenn ich mich nicht gegen dich empört habe, so kommt das daher, daß ich dich einer solchen Beleidigung nicht für fähig halte; und ich halte eine solche Beleidigung überhaupt für ein Ding der Unmöglichkeit!«

»Hören Sie?« rief der Fürst.

»Natascha, an allem bin ich schuld; klage ihn nicht an! Das ist sündhaft und schrecklich!«

»Hörst du wohl, Wanja? Er tritt schon gegen mich auf!« rief Natascha.

»Genug!« sagte der Fürst; »wir müssen dieser peinlichen Szene ein Ende machen. Dieser blinde, wütende Anfall maßloser Eifersucht zeigt mir Ihren Charakter von einer mir ganz neuen Seite. Ich bin nun gewarnt. Wir haben uns übereilt, haben uns tatsächlich übereilt. Sie bemerken es nicht einmal, wie sehr Sie mich gekränkt haben; für Sie ist das gar nichts. Wir haben uns übereilt . . . wir haben uns übereilt . . . mein Wort muß mir allerdings heilig sein; aber . . . ich bin Vater und wünsche das Glück meines Sohnes . . .«

»Sie sagen sich von Ihrem Wort los!« rief Natascha ganz außer sich. »Sie freuen sich über diese günstige Gelegenheit! Wissen Sie aber, daß ich selbst schon vor zwei Tagen, als ich hier allein war, den Entschluß gefaßt habe, ihn von seinem Wort zu entbinden; und jetzt erkläre ich das vor aller Ohren. Ich trete zurück!«

»Das heißt, Sie wollen vielleicht bei ihm die ganze frühere Unruhe, jenes ganze drückende Pflichtgefühl (so ungefähr drückten Sie sich vorhin aus) wieder erwecken, um ihn dadurch von neuem wie ehemals an sich zu fesseln. Das müßte ja nach Ihrer eigenen Theorie der Verlauf sein, und eben deshalb sage ich es. Aber genug; die Zeit wird die Entscheidung bringen. Ich werde einen ruhigeren Augenblick abwarten, um mich mit Ihnen auszusprechen. Ich hoffe, wir werden unsere Beziehungen nicht endgültig abbrechen. Ich hoffe auch, Sie werden mich besser schätzenlernen. Ich wollte Ihnen noch heute einen Plan mitteilen, den ich mir betreffs Ihrer Eltern zurechtgelegt habe und aus dem Sie ersehen würden . . . aber genug! Iwan Petrowitsch!« fügte er hinzu, indem er an mich herantrat, »jetzt wird es mir mehr als je wertvoll sein, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen, ganz abgesehen davon, daß dies schon längst mein Wunsch war. Ich hoffe, Sie werden mich verstehen. Ich werde Sie nächster Tage besuchen; erlauben Sie es mir?«

Ich verbeugte mich. Es schien mir selbst, daß ich jetzt seiner Bekanntschaft nicht mehr aus dem Wege gehen könne. Er drückte mir die Hand, verbeugte sich schweigend vor Natascha und ging mit einer Miene gekränkter Würde hinaus.

Viertes Kapitel

Mehrere Minuten lang sprachen wir alle keine Silbe. Natascha saß, in Nachdenken versunken, traurig und niedergeschlagen da. Ihre ganze Energie war ihr plötzlich abhanden gekommen. Sie blickte gerade vor sich hin, ohne etwas zu sehen, und schien sogar vergessen zu haben, daß sie Aljoschas Hand in der ihrigen hielt. Dieser weinte still seinen Kummer aus und richtete mitunter in ängstlicher Spannung seinen Blick auf sie.

Endlich begann er schüchtern, sie zu trösten; er flehte sie an, nicht böse zu sein; er beschuldigte sich selbst; es war klar, daß er lebhaft wünschte, seinen Vater zu rechtfertigen, und daß ihm dies besonders am Herzen lag; mehrere Male fing er an davon zu sprechen, wagte aber nicht, sich deutlich auszudrücken, da er fürchtete, aufs neue Nataschas Zorn zu erregen. Er schwur ihr ewige, unveränderliche Liebe und verteidigte mit Wärme seine Anhänglichkeit an Katja; fortwährend wiederholte er, er liebe Katja nur wie eine Schwester, wie eine liebe, gute Schwester, die er doch nicht ganz verlassen könne; dies würde sogar roh und grausam von seiner Seite sein; und er versicherte immerzu, wenn Natascha Katja kennenlerne, würden sie beide sogleich so gute Freundinnen werden, daß sie sich nie mehr voneinander würden trennen wollen, und dann werde es keinerlei Mißverständnisse mehr geben. Dieser Gedanke gefiel ihm ganz besonders. Der arme Junge sagte wirklich nichts, was er nicht selbst glaubte. Er hatte kein Verständnis für Nataschas Befürchtungen und hatte überhaupt nicht recht verstanden, was sie vorher zu seinem Vater gesagt hatte. Er verstand nur, daß sie sich entzweit hatten, und das lag ihm wie ein Stein auf dem Herzen.

»Bist du mir wegen deines Vaters böse?« fragte Natascha.

»Kann ich ihn anklagen«, antwortete er traurig, »wenn ich doch selbst die Ursache von allem bin und alles verschuldet habe? Ich habe dich so erzürnt, und da hast du in deinem Zorn auch ihn beschuldigt, weil du mich rechtfertigen wolltest: du suchst mich immer zu rechtfertigen, und ich verdiene das gar nicht. Es mußte ein Schuldiger gefunden werden, und da hast du gemeint, er sei es. Aber wahrhaftig, er ist nicht schuldig, wahrhaftig nicht!« rief Aljoscha in lebhafter Erregung. »Ist er etwa in solcher Gesinnung hergekommen? Hatte er das erwartet?«

Aber als er sah, daß ihn Natascha traurig und vorwurfsvoll anblickte, wurde er sofort ängstlich.

»Nun, ich werde es nicht wieder sagen, ich werde es nicht wieder sagen; verzeih mir«, stammelte er; »ich bin an allem schuld!«

»Ja, Aljoscha«, sagte sie schwermütig, »jetzt ist er zwischen uns getreten und hat uns unsern Frieden fürs ganze Leben zerstört. Du hast immer zu mir mehr Vertrauen gehabt als zu allen andern; aber jetzt hat er in dein Herz Argwohn und Mißtrauen gegen mich hineingeträufelt; du klagst mich an; er hat mir die Hälfte deines Herzens genommen. Eine schwarze Katze ist zwischen uns hindurchgelaufen.«Eine Redensart im Sinne von: Unsere Freundschaft hat ein Loch bekommen.

»Sprich nicht so, Natascha! Warum sagst du: ›eine schwarze Katze‹?«

Er fühlte sich durch diesen Ausdruck gekränkt.

»Durch heuchlerische Güte, durch erlogene Hochherzigkeit hat er dich für sich gewonnen«, fuhr Natascha fort, »und jetzt wird er dich immer mehr gegen mich aufreizen.«

»Ich schwöre dir, daß es nicht so ist!« rief Aljoscha mit noch größerer Wärme. »Er war gereizt, als er sagte: ›Wir haben uns übereilt.‹ Du wirst das selbst sehen: gleich morgen oder in den nächsten Tagen wird er sich besinnen, und sollte er so zornig geworden sein, daß er unsere Ehe wirklich nicht mehr will, so werde ich ihm nicht gehorchen; das schwöre ich dir. Vielleicht wird meine Kraft dazu ausreichen . . . Und weißt du, wer uns helfen wird?« rief er auf einmal, ganz entzückt über seine Idee. »Katja wird uns helfen! Und du wirst sehen, du wirst sehen, was für ein prächtiges Geschöpf sie ist! Du wirst sehen, ob sie deine Nebenbuhlerin sein und uns voneinander trennen will! Und wie ungerecht bist du vorhin gewesen, als du sagtest, ich sei einer von denen, deren Liebe am Tage nach der Hochzeit erkalten könne! Es ist mir äußerst schmerzlich gewesen, das zu hören! Nein, ich bin nicht so, und wenn ich Katja häufig besucht habe . . .«

»Laß gut sein, Aljoscha; besuche sie, sooft du magst! So habe ich es vorhin nicht gemeint. Du hast nicht alles verstanden. Sei glücklich, mit wem du willst! Ich kann doch von deinem Herzen nicht mehr fordern, als es mir zu geben vermag . . .«

Mawra trat ins Zimmer.

»Wie ist's? Soll ich den Tee hereinbringen, ja? Es ist zu ärgerlich: zwei Stunden lang kocht der Samowar schon; es ist elf Uhr.«

Sie fragte in grobem, verdrießlichem Ton; offenbar war sie sehr schlechter Laune und über Natascha aufgebracht. Die Sache war die: Sie war die ganzen Tage her, seit Dienstag, in einem solchen Freudenrausch über die bevorstehende Heirat ihrer jungen Herrin (der sie außerordentlich zugetan war) gewesen, daß sie diese Nachricht schon im ganzen Haus, in der Nachbarschaft, beim Kaufmann und beim Hausknecht verkündigt hatte. Sie hatte geprahlt und triumphierend erzählt, der Fürst, ein vornehmer Herr, ein General, und furchtbar reich, sei selbst hergekommen, um ihr Fräulein um ihre Einwilligung zu bitten; das habe sie, Mawra, mit eigenen Ohren gehört. Und nun war auf einmal alles in die Brüche gegangen. Der Fürst war zornig weggefahren, und der Tee war nicht serviert worden, und an allem war natürlich das Fräulein schuld. Mawra hatte gehört, wie respektlos sie mit dem Fürsten gesprochen hatte.

»Nun gut; bring ihn herein!« antwortete Natascha.

»Soll ich auch den Imbiß bringen?«

»Ja, bring auch den!«

Natascha lachte.

»Da habe ich nun mühsam alles zurechtgemacht«, fuhr Mawra fort. »Seit gestern fühle ich meine Beine nicht mehr. Wegen des Weines bin ich nach dem Newskiprospekt gelaufen, und nun . . .«

Sie ging hinaus und schlug ärgerlich die Tür hinter sich zu.

Natascha errötete und sah mich mit einem eigentümlichen Blick an.

Der Tee wurde gebracht, auch der Imbiß; es war kalter Wildbraten und Fisch da sowie zwei Flaschen guten Weines von Jelisejew. ›Wozu ist denn das alles vorbereitet?‹ dachte ich.

»Ja, siehst du, Wanja, so bin ich nun!« sagte Natascha, indem sie an den Tisch trat; sie war sogar vor mir verlegen geworden. »Ich ahnte ja, daß alles heute den Verlauf nehmen würde, den es wirklich genommen hat; aber doch dachte ich: ›Wer weiß, vielleicht endet es auch nicht so! Aljoscha wird kommen, und wir werden uns versöhnen; mein ganzer Argwohn wird sich als unbegründet herausstellen; ich werde eines Besseren belehrt werden‹, und da bereitete ich für jeden Fall einen Imbiß vor. ›Kann sein‹, dachte ich, ›daß wir länger zusammensitzen und miteinander plaudern . . .‹«

Die arme Natascha! Sie wurde ganz rot, als sie das sagte. Aljoscha geriet in Entzücken.

»Da siehst du's, Natascha!« rief er. »Du bist selbst deiner Sache nicht sicher gewesen; noch vor zwei Stunden hast du deinen Verdacht nicht für wahr gehalten! Nein, das muß alles wieder in Ordnung gebracht werden; ich bin schuld daran, ich bin die Ursache dieses ganzen Mißverständnisses, und ich werde auch alles wieder in Ordnung bringen. Natascha, erlaube mir, daß ich gleich zu meinem Vater gehe! Ich muß mit ihm sprechen; er ist gekränkt und beleidigt; ich muß ihn beruhigen; ich will ihm alles sagen, von mir aus, alles nur von mir aus; dich will ich dabei gar nicht hineinziehen. Und ich werde alles glücklich zurechtbringen . . . Sei mir nicht böse, als ob es mich so zu ihm hinzöge und ich dich verlassen wollte. Es steht ganz anders: er tut mir leid; er wird sich vor dir rechtfertigen; du wirst es sehen . . . Morgen in aller Frühe werde ich wieder zu dir kommen und den ganzen Tag bei dir sein und nicht zu Katja fahren.«

Natascha hielt ihn nicht zurück; sie riet ihm sogar selbst, sich zu seinem Vater zu begeben. Sie fürchtete sehr, Aljoscha werde sich jetzt absichtlich den Zwang antun, ganze Tage bei ihr zu sitzen, und werde sich bei ihr langweilen. Sie bat ihn nur, er möchte nichts in ihrem Namen sagen, und bemühte sich, ihm beim Abschied möglichst heiter zuzulächeln. Er war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als er plötzlich noch einmal an sie herantrat, sie an beiden Händen ergriff und sich neben sie setzte. Er blickte sie mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit an.

»Natascha, meine Geliebte, mein guter Engel, sei mir nicht böse, und wir wollen uns niemals miteinander streiten. Und gib mir dein Wort darauf, daß du mir immer in allen Stücken vertrauen wirst, so wie ich dir. Es ist mir etwas eingefallen, mein Engel, was ich dir jetzt noch erzählen will. Wir hatten uns einmal gestritten; ich erinnere mich nicht mehr, weswegen; aber ich hatte schuld. Wir redeten nicht miteinander. Ich mochte nicht der erste sein, der um Verzeihung bat; aber ich war furchtbar traurig. Ich wanderte durch die Stadt, trieb mich überall umher, ging zu Freunden; aber im Herzen war mir so weh, so weh! Und da kam mir in den Sinn: wenn du nun krank würdest und stürbest? Und als ich mir das vorstellte, da überkam mich auf einmal eine solche Verzweiflung, als ob ich dich wirklich für immer verloren hätte. Meine Gedanken wurden immer schmerzlicher, immer schrecklicher. Und allmählich stellte ich mir vor, ich käme zu deinem Grabhügel, fiele besinnungslos auf ihn nieder, umfinge ihn mit meinen Armen und stürbe beinahe vor Gram. Ich stellte mir vor, daß ich diesen Grabhügel küßte, dich riefe, aus ihm herauszukommen, wenn auch nur für einen Augenblick, und Gott anflehte, er möchte ein Wunder tun und dich wenigstens für einen einzigen Augenblick vor meinen Augen auferstehen lassen; ich stellte mir vor, wie ich dann auf dich zustürzen würde, um dich zu umarmen, wie ich dich küssen und wohl sterben würde vor Seligkeit darüber, daß ich dich, wenn auch nur für einen Augenblick, noch einmal hatte wie früher umarmen können. Und als ich mir das vorstellte, mußte ich plötzlich denken: da bitte ich nun Gott um dich für einen Augenblick, und dabei bist du sechs Monate mit mir zusammen gewesen, und wie oft haben wir uns in diesen sechs Monaten gezankt, wie viele Tage lang haben wir nicht miteinander geredet! Ganze Tage lang haben wir gegrollt und unser Glück verabsäumt, und nun rufe ich dich nur für einen einzigen Augenblick aus dem Grab und bin bereit, diesen einzigen Augenblick mit meinem ganzen Leben zu erkaufen! . . . Als ich mir das alles vorstellte, da konnte ich es nicht mehr aushalten und eilte so schnell wie möglich zu dir und stürzte hier ins Zimmer; du erwartetest mich schon, und als wir uns nun nach unserem Streit umarmten, da drückte ich dich (daran erinnere ich mich noch) so fest an meine Brust, als ob ich dich wirklich verloren gehabt hätte, Natascha. Wir wollen uns niemals streiten! Mir ist dann immer so schwer ums Herz! Und ist es denn überhaupt denkbar, o Gott, daß ich dich jemals verlassen könnte?«

Natascha weinte. Sie hielten sich fest umschlungen, und Aljoscha schwur ihr noch einmal, sie nie zu verlassen. Dann eilte er zu seinem Vater. Er war fest überzeugt, daß es ihm gelingen werde, alles wieder auszugleichen und in Ordnung zu bringen.

»Alles ist zu Ende! Alles ist verloren!« sagte Natascha und drückte mir krampfhaft die Hand. »Er liebt mich und wird nie aufhören, mich zu lieben; aber er liebt auch Katja und wird sie nach einiger Zeit mehr lieben als mich. Diese Schlange aber, der Fürst, wird nicht ruhen, und dann . . .«

»Natascha, ich glaube selbst, daß der Fürst nicht ehrlich handelt; aber . . .«

»Du glaubst nicht alles, was ich zu ihm gesagt habe! Ich habe es an deinem Gesicht gemerkt. Aber warte nur; du wirst selbst sehen, ob ich recht habe oder nicht. Ich habe ja nur das Allgemeinste gesagt; aber Gott weiß, was er sonst noch alles im Schilde führt! Er ist ein schrecklicher Mensch. Ich bin diese vier Tage über hier im Zimmer hin und her gegangen und habe alles enträtselt. Was er wollte, war eben dies: Aljoschas Herz sollte die Traurigkeit loswerden, die ihn hinderte, wahrhaft zu leben; es sollte frei werden von der Pflicht, mich zu lieben. Er hat diese Verlobung auch zu dem Zweck ausgesonnen, um sich mit seinem Einfluß zwischen uns zu drängen und Aljoscha durch seinen Edelmut und seine Hochherzigkeit zu bezaubern. Das ist die Wahrheit, Wanja, die Wahrheit! Gerade einen solchen Charakter hat Aljoscha. Er sollte sich hinsichtlich meiner Person beruhigen; seine Besorgnisse um mich sollten schwinden. Er sollte denken: ›Jetzt ist sie schon so gut wie meine Frau und wird lebenslänglich mit mir zusammen sein‹, und sollte unwillkürlich Katja mehr Aufmerksamkeit zuwenden. Der Fürst hat offenbar den Charakter dieser Katja genau studiert und herausgefunden, daß sie zu ihm paßt und ihn stärker fesseln kann als ich. Ach, Wanja! Auf dir beruht jetzt meine ganze Hoffnung: er will zu irgendwelchem Zweck mit dir zusammenkommen, mit dir bekannt werden. Weise das nicht zurück, liebster Freund, und bemühe dich, recht bald zur Gräfin zu kommen. Mache die Bekanntschaft dieser Katja, sieh sie dir genau an und sage mir, was sie für ein Wesen ist! Es liegt mir viel daran, daß du sie siehst und mir dein Urteil sagst. Niemand versteht mich so gut wie du, und du weißt, was ich gern wissen möchte. Achte auch darauf, in welchem Grad sie miteinander befreundet sind, was für ein Verhältnis zwischen ihnen besteht, worüber sie reden; und vor allen Dingen sieh dir Katja selbst an! Beweise mir noch diesmal, liebster, bester Wanja, beweise mir noch dieses eine Mal deine Freundschaft! Auf dich, nur auf dich setze ich jetzt meine Hoffnung! . . .«


Als ich nach Hause zurückkehrte, war schon Mitternacht vorüber. Nelly öffnete mir mit verschlafenem Gesicht. Sie lächelte und blickte mich erfreut an. Das arme Kind war sehr ärgerlich auf sich selbst, weil sie eingeschlafen war. Sie hatte mich durchaus wachend erwarten wollen. Sie sagte, es habe jemand nach mir gefragt, sich zu ihr gesetzt und einen Zettel für mich auf dem Tisch hinterlassen. Der Zettel war von Masslobojew. Er ersuchte mich darin, morgen mittag zwischen zwölf und eins zu ihm zu kommen. Ich hätte Nelly gern weiter ausgefragt, verschob es aber auf den nächsten Tag und bestand darauf, sie solle sich unverzüglich schlafen legen; das arme Kind war ohnehin schon müde, da sie auf mich gewartet hatte und erst eine halbe Stunde vor meiner Ankunft eingeschlafen war.

Fünftes Kapitel

Am Morgen erzählte mir Nelly von dem gestrigen Besuch ziemlich seltsame Dinge. Übrigens war schon sonderbar, daß Masslobojew auf den Gedanken gekommen war, gerade an diesem Abend bei mir vorzusprechen; er hatte doch sicherlich gewußt, daß ich nicht zu Hause sein würde; ich hatte ihm das, wie ich mich sehr genau erinnerte, bei unserm letzten Zusammensein selbst mitgeteilt. Nelly erzählte, sie habe ihm anfänglich nicht öffnen wollen, weil sie sich gefürchtet habe; es sei schon acht Uhr abends gewesen. Aber er habe sie durch die verschlossene Tür inständig gebeten und versichert, wenn er mir jetzt nicht einen Zettel daließe, so würde ich morgen infolgedessen Unannehmlichkeiten haben. Als sie ihn eingelassen habe, habe er sogleich den Zettel geschrieben, sei dann zu ihr getreten und habe sich neben sie auf das Sofa gesetzt. »Ich stand auf und wollte nicht mit ihm reden«, erzählte Nelly; »ich fürchtete mich sehr vor ihm; er fing an, von der Bubnowa zu sprechen, daß sie jetzt sehr ärgerlich sei, daß sie aber nicht mehr wagen werde, mich zurückzuholen; und dann lobte er Sie und sagte, sie seien sehr gute Freunde und hätten einander schon als Knaben gekannt. Da fing ich an mit ihm zu reden. Er zog Konfekt heraus und bat mich, es zu nehmen; ich wollte nicht; da versicherte er mir, er sei ein guter Mensch und könne Lieder singen und tanzen; er sprang auf und fing an zu tanzen. Da mußte ich lachen. Darauf sagte er, er wolle noch ein Weilchen sitzen bleiben; ›ich will auf Wanja warten‹, sagte er; ›vielleicht kommt er bald nach Hause.‹ Und er bat mich sehr, ich möchte mich nicht fürchten und mich neben ihn setzen. Ich setzte mich neben ihn, wollte aber nicht mit ihm reden. Da sagte er zu mir, er habe meine Mama und meinen Großvater gekannt, und . . . da fing ich an zu reden. Und er saß lange da . . .«

»Wovon habt ihr denn miteinander geredet?«

»Von Mama . . . von der Bubnowa . . . vom Großvater. Er hat wohl zwei Stunden lang hier gesessen.«

Nelly schien mir nicht erzählen zu wollen, wovon sie gesprochen hatten. Ich fragte sie nicht weiter, da ich alles von Masslobojew zu erfahren hoffte. Es schien mir nur, daß Masslobojew absichtlich in meiner Abwesenheit gekommen war, um Nelly allein zu treffen. ›Was mag er dabei für einen Zweck gehabt haben?‹ dachte ich.

Sie zeigte mir die drei Stückchen Konfekt, die er ihr gegeben hatte. Es waren Bonbons in grünem und rotem Papier, gräßliches Zeug, das er wahrscheinlich in einem Kramladen gekauft hatte. Nelly lachte, als sie sie mir zeigte.

»Warum hast du sie nicht gegessen?« fragte ich.

»Ich will nicht«, antwortete sie ernst, mit zusammengezogenen Brauen. »Ich habe sie auch nicht von ihm angenommen; er hat sie selbst aufs Sofa gelegt und liegenlassen.«

An diesem Tag hatte ich viele Gänge vor. Ich begann, mich von Nelly zu verabschieden.

»Langweilst du dich, wenn du allein bist?« fragte ich sie, im Begriff fortzugehen.

»Ja und nein. Ich langweile mich, weil Sie so lange nicht da sind.«

Und bei diesen Worten sah sie mich mit solcher Liebe an! Diesen ganzen Morgen über hatte sie mich mit demselben zärtlichen Blick angesehen und hatte den Eindruck der Fröhlichkeit und Freundlichkeit gemacht; gleichzeitig aber lag in ihrem Benehmen etwas Verschämtes, sogar Ängstliches, als fürchte sie, mich durch etwas zu ärgern, mein Wohlwollen zu verlieren und . . . und zuviel zu sagen, gerade als ob sie sich dessen schäme.

»Und inwiefern langweilst du dich nicht? Du hast ja auf meine Frage, ob du dich langweilst, geantwortet: ›Ja und nein‹«, fragte ich; unwillkürlich lächelte ich ihr zu, so lieb und wert war sie mir geworden.

»Das möchte ich nicht sagen«, erwiderte sie lächelnd und wieder mit dem Ausdruck der Verschämtheit.

Wir sprachen auf der Schwelle, an der geöffneten Tür. Nelly stand vor mir mit niedergeschlagenen Augen; mit der einen Hand hielt sie mich an der Schulter gefaßt, mit der andern zupfte sie am Ärmel meines Rockes.

»Nun? Ist es ein Geheimnis?« fragte ich.

»Nein . . . das nicht gerade . . . ich . . . ich habe, während Sie fort waren, angefangen, Ihr Buch zu lesen«, sagte sie halblaut; sie hob die Augen in die Höhe, richtete einen zärtlichen, fragenden Blick auf mich und errötete über das ganze Gesicht.

»Ah, sieh mal an! Nun, gefällt es dir?«

Ich empfand die Verlegenheit eines Autors, der ins Gesicht gelobt wird; aber ich hätte Gott weiß was darum gegeben, wenn ich sie in diesem Augenblick hätte küssen können. Aber das war eben nicht möglich. Nelly schwieg einen Augenblick.

»Warum, warum ist er gestorben?« fragte sie mit tieftraurigem Gesicht, indem sie mir einen hastigen Blick zuwarf und schnell wieder die Augen niederschlug.

»Wer denn?«

»Nun er, der junge Mann, an der Schwindsucht . . . in dem Buch?«

»Was war zu machen? Es war notwendig, Nelly.«

»Nein, es war durchaus nicht notwendig«, antwortete sie leise, fast flüsternd; aber sie stieß die Worte schroff, beinahe ärgerlich heraus, warf die Lippen auf und richtete die Augen noch hartnäckiger auf den Fußboden.

So verging noch eine Minute.

»Aber die beiden andern . . . das Mädchen und der alte Mann«, flüsterte sie, während sie immer stärker an meinem Ärmel herumzupfte, »werden die nun zusammenleben? Und werden sie nicht so arm bleiben?«

»Nein, Nelly; sie zieht weit fort und heiratet einen Gutsbesitzer; er aber bleibt allein zurück«, antwortete ich mit größtem Bedauern; es tat mir wirklich leid, daß ich ihr nichts Tröstlicheres sagen konnte.

»Ach, Herrgott . . . das ist ja schrecklich! Ach, wie Sie aber auch sind! . . . Nun will ich gar nicht weiterlesen!«

Ärgerlich stieß sie meinen Arm von sich, wandte sich schnell von mir ab, ging zum Tisch und blieb dort stehen, mit dem Gesicht nach der Zimmerecke zu, die Augen auf den Boden geheftet. Sie war dunkelrot geworden und atmete ungleichmäßig, wie wenn jemand sie furchtbar gekränkt hätte.

»Laß gut sein, Nelly; du bist ja ganz böse geworden!« begann ich, zu ihr tretend. »Das ist ja alles nicht wahr, was da geschrieben steht . . . nur ausgesonnen; na, was gibt es da böse zu sein! Was bist du für ein empfindsames Mädchen!«

»Ich bin nicht böse«, sagte sie schüchtern und sah mit einem hellen, liebevollen Blick zu mir auf; dann ergriff sie plötzlich meine Hand, drückte ihr Gesicht an meine Brust und fing an zu weinen.

Aber im selben Augenblick lachte sie auch auf: sie weinte und lachte, alles zugleich. Ich verspürte ebenfalls sowohl Lachlust als auch . . . ein Art von süßem Gefühl. Aber sie wollte um keinen Preis ihren Kopf zu mir in die Höhe heben, und als ich mich anschickte, ihr Gesichtchen von meiner Schulter loszulösen, schmiegte sie sich immer fester und fester daran an und lachte immer stärker.

Endlich endete diese empfindsame Szene. Wir nahmen voneinander Abschied; ich eilte davon. Nelly, deren Gesicht ganz von roter Glut übergossen war und immer noch den Ausdruck der Verschämtheit trug und deren Augen wie Sterne leuchteten, lief mir bis auf die Treppe nach und bat mich, recht bald wieder nach Hause zu kommen. Ich versprach, jedenfalls zum Mittagessen zurück zu sein und, wenn es ginge, noch früher.

Zuerst ging ich zu den beiden alten Leuten. Sie waren beide unpäßlich. Anna Andrejewna war geradezu krank; Nikolai Sergejewitsch befand sich in seinem Zimmer. Er hatte gehört, daß ich gekommen war; aber ich wußte, daß er nach seiner Gewohnheit, um uns Zeit zur Aussprache zu lassen, erst nach einer Viertelstunde zu uns hereinkommen werde. Ich wollte Anna Andrejewna nicht zu sehr aufregen und schwächte darum meinen Bericht über den gestrigen Abend nach Möglichkeit ab, sagte aber doch die Wahrheit; zu meiner Verwunderung nahm aber die alte Frau, wenn sie auch betrübt wurde, doch die Nachricht von einem möglichen Bruch ohne Erstaunen auf.

»Na, lieber Freund, das hatte ich mir schon gedacht«, sagte sie. »Als du damals weggegangen warst, habe ich lange über die Sache nachgedacht und kam zu dem Resultat, daß nichts daraus werden kann. Wir haben es nicht verdient, daß uns Gott eine solche Wohltat erweist; und dann ist das auch ein so gemeiner Mensch; kann man etwa von dem etwas Gutes erwarten? Es ist kein Spaß, daß er uns zehntausend Rubel wegnimmt, die ihm nicht zukommen; er weiß, daß sie ihm nicht zukommen, und nimmt sie uns dennoch weg. Unser letztes Stück Brot raubt er uns; Ichmenewka wird verkauft. Natascha handelt nur gerecht und klug, daß sie ihm nicht getraut hat. Und noch eins, lieber Freund«, fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort, »mein Mann, mein Mann! Er ist durchaus gegen diese Heirat. Er ließ so ein Wort fallen: ›Ich will es nicht‹, sagte er. Ich dachte anfangs, das wäre nur so eine Kaprice von ihm; aber nein, es ist ihm ganz Ernst damit. Was würde dann aus meinem Töchterchen werden? Er würde sie ja ganz und gar verfluchen. Na, und er, dieser Aljoscha, wie stellt er sich dazu?«

Noch lange fragte sie mich aus und stöhnte und wehklagte nach ihrer Gewohnheit bei jeder meiner Antworten. Überhaupt hatte ich bemerkt, daß sie in der letzten Zeit ganz haltlos geworden war. Jede Nachricht erschütterte sie. Der Kummer um Natascha nagte ihr am Herzen und untergrub ihre Gesundheit.

Der Alte kam herein, in Schlafrock und Pantoffeln; er klagte über Fieber, sah aber seine Frau zärtlich an, sorgte die ganze Zeit über, während ich bei ihnen war, wie eine Wärterin für sie, blickte ihr in die Augen und wurde sogar vor ihr verlegen. Eine große Zärtlichkeit lag in seinen Blicken. Er war in Angst über ihre Krankheit; er fühlte, daß er alles im Leben verlieren würde, wenn er sie verlöre.

Ich saß bei ihnen ungefähr eine Stunde lang. Beim Abschied kam er mir bis ins Vorzimmer nach und begann von Nelly zu reden. Er dachte ernstlich daran, sie als Tochter zu sich ins Haus zu nehmen. Er wollte mich um Rat fragen, wie man Anna Andrejewna diesem Plan geneigt machen könne. Mit besonderem Interesse befragte er mich über Nelly, und ob ich über sie noch nichts Neues gehört hätte. Ich erzählte ihm in Kürze das Geschehene. Meine Erzählung machte auf ihn einen großen Eindruck.

»Wir reden noch darüber«, sagte er in resolutem Ton; »inzwischen aber . . . übrigens werde ich selbst zu dir kommen, sobald sich nur meine Gesundheit ein bißchen gebessert haben wird. Dann wollen wir unsere Entscheidung treffen.«

Punkt zwölf war ich bei Masslobojew. Die erste Person, die ich erblickte, als ich bei ihm eintrat, war zu meinem größten Erstaunen der Fürst. Er zog sich im Vorzimmer den Mantel an; Masslobojew half ihm geschäftig dabei und reichte ihm seinen Stock hin. Er hatte mir gegenüber schon seiner Bekanntschaft mit dem Fürsten Erwähnung getan; aber doch überraschte mich diese Begegnung außerordentlich.

Der Fürst schien verlegen zu werden, als er mich erblickte.

»Ah, Sie sind es!« rief er mit übertriebener Herzlichkeit. »Nun sehen Sie, was für ein merkwürdiges Zusammentreffen! Übrigens hatte ich soeben schon von Herrn Masslobojew erfahren, daß Sie mit ihm bekannt sind. Ich freue mich, freue mich außerordentlich, Sie getroffen zu haben; ich habe den lebhaften Wunsch, mit Ihnen zu sprechen, und gedenke, so bald wie möglich einmal zu Ihnen zu kommen; Sie erlauben es mir doch? Ich habe eine Bitte an Sie: helfen Sie mir; erklären Sie mir unsere jetzige Situation! Sie verstehen gewiß, daß ich von den gestrigen Vorgängen rede. Sie sind dort befreundet; Sie haben den ganzen Gang dieser Angelegenheit verfolgt; Sie haben Einfluß . . . Ich bedaure außerordentlich, daß ich mich nicht gleich jetzt mit Ihnen unterreden kann . . . Geschäfte! Aber in einigen Tagen, und vielleicht sogar schon früher, werde ich mir das Vergnügen machen, Sie zu besuchen. Jetzt aber . . .«

Er drückte mir gar zu innig die Hand, wechselte mit Masslobojew einen Blick und ging hinaus.

»Sage mir um Gottes willen . . .« begann ich, indem ich ins Zimmer trat.

»Nichts, gar nichts werde ich dir sagen«, unterbrach mich Masslobojew, der eilig nach seiner Mütze griff und sich nach dem Vorzimmer zu wandte. »Bin geschäftlich verhindert! Ich muß selbst laufen, lieber Freund; ich habe mich schon verspätet! . . .«

»Aber du hast mir doch selbst geschrieben, ich sollte um zwölf Uhr . . .«

»Was folgt daraus, daß ich das geschrieben habe? Gestern habe ich dir das geschrieben, und heute haben andre Leute mir etwas geschrieben, wovon mir der Kopf brummt; so viel habe ich zu tun! Man wartet schon auf mich. Verzeih, Wanja! Alles, was ich dir als Genugtuung anbieten kann, ist die Erlaubnis, mich dafür durchzuprügeln, daß ich dich vergeblich herbemüht habe. Wenn du diese Genugtuung haben willst, so prügle mich, aber um Gottes willen recht schnell! Halte mich nicht auf; ich habe Geschäfte; man wartet auf mich . . .«

»Wozu soll ich dich denn durchprügeln? Wenn dich deine Geschäfte rufen, so eile hin; eine unvorhergesehene Abhaltung kann jedem Menschen vorkommen. Nur . . .«

»Nein, von diesem ›nur‹ werde ich schon noch mit dir reden«, unterbrach er mich, indem er ins Vorzimmer lief und sich den Mantel anzog (ich folgte ihm und zog mich ebenfalls wieder an). »Ich habe auch eine Angelegenheit, die dich angeht; eine sehr wichtige Angelegenheit; um ihretwillen hatte ich dich auch herbestellt; sie betrifft ganz direkt dich und deine Interessen. Aber da ich es dir jetzt in einem Augenblick nicht auseinandersetzen kann, so gib mir, bitte, dein Wort darauf, daß du heute Punkt sieben zu mir kommen wirst, nicht früher und nicht später. Ich werde zu Hause sein.«

»Heute«, erwiderte ich unentschlossen, »weißt du, lieber Freund, heute abend wollte ich eigentlich woanders hingehen . . .«

»Dann geh jetzt gleich dahin, mein Bester, wo du am Abend hingehen wolltest, und komm am Abend zu mir! Denn du kannst dir gar nicht vorstellen, Wanja, was für Dinge ich dir mitzuteilen habe.«

»Nun, meinetwegen, meinetwegen; was kann das nur sein? Ich muß gestehen, du hast mich neugierig gemacht.«

Unterdessen traten wir aus dem Tor des Hauses und blieben auf dem Trottoir stehen.

»Also, wirst du kommen?« fragte er im Ton dringlicher Bitte.

»Ich habe ja schon gesagt, daß ich kommen werde.«

»Nein, gib mir dein Ehrenwort!«

»Nanu! Was bist du für ein wunderlicher Mensch! Nun also, Ehrenwort!«

»Sehr nett und edel von dir! Nach welcher Seite gehst du?«

»Dorthin«, antwortete ich, nach rechts zeigend.

»Na, und ich muß hierhin«, erwiderte er, nach links zeigend. »Adieu, Wanja. Vergiß nicht: um sieben Uhr!«

›Sonderbar!‹ dachte ich, während ich ihm nachsah.

Am Abend hatte ich bei Natascha sein wollen. Aber da ich jetzt Masslobojew mein Wort gegeben hatte, so beschloß ich, mich jetzt gleich zu ihr zu begeben. Ich war überzeugt, daß ich Aljoscha bei ihr finden würde. Er war tatsächlich da und freute sich sehr, als ich eintrat.

Er war gegen Natascha sehr liebenswürdig und außerordentlich zärtlich und wurde infolge meiner Ankunft ganz vergnügt. Natascha suchte zwar heiter zu scheinen, aber es war deutlich, daß sie sich Zwang antat. Ihr Gesicht sah kränklich und blaß aus; sie hatte in der Nacht schlecht geschlafen. Aljoscha gegenüber zeigte sie eine erzwungene Freundlichkeit.

Aljoscha redete und erzählte zwar viel, anscheinend in der Absicht, sie aufzuheitern und ihren unwillkürlich ernst zusammengedrückten Lippen ein Lächeln abzugewinnen, aber er vermied es sichtlich, im Gespräch Katja und seinen Vater zu erwähnen. Wahrscheinlich war ihm sein gestriger Versöhnungsversuch mißlungen.

»Weißt du was?« flüsterte mir Natascha eilig zu, als er für einen Augenblick hinausgegangen war, um Mawra etwas zu sagen. »Er möchte sehr gern von mir weggehen; aber er fürchtet sich. Und ich selbst fürchte mich, ihm zu sagen, daß er fortgehen möchte, weil er dann womöglich absichtlich nicht fortgeht; und am allermeisten fürchte ich, daß er sich unbehaglich fühlt und infolgedessen seine Liebe zu mir ganz erkaltet! Was soll ich nur tun?«

»Mein Gott, in was für eine Lage bringt ihr euch selbst! Und wie argwöhnisch seid ihr; wie paßt ihr einer auf den andern auf! Sprecht euch doch einfach aus, und damit fertig! Diese Situation wird vielleicht zur Folge haben, daß er sich tatsächlich unbehaglich fühlt.«

»Was soll ich nur tun?« rief sie ängstlich.

»Warte, ich werde euch die Sache in Ordnung bringen . . .«

Ich ging in die Küche unter dem Vorwand, Mawra zu bitten, sie möchte mir den einen meiner Überschuhe, der sehr schmutzig geworden war, abwischen.

»Nur recht vorsichtig, Wanja!« rief Natascha mir nach.

Kaum war ich zu Mawra in die Küche gekommen, als Aljoscha, wie wenn er auf mich gewartet hätte, auf mich zustürzte.

»Bester Iwan Petrowitsch, was soll ich nur anfangen? Raten Sie mir: ich habe schon gestern mein Wort gegeben, heute zu Katja zu kommen, gerade zu dieser Tageszeit. Ich kann doch nicht ausbleiben! Ich liebe Natascha unsäglich und bin bereit, für sie durchs Feuer zu gehen; aber sagen Sie selbst, den Verkehr dort ganz aufzugeben, das ist doch unmöglich . . .«

»Nun, dann fahren Sie doch hin!«

»Aber was wird Natascha dazu sagen? Es wird sie sehr kränken. Iwan Petrowitsch, helfen Sie mir irgendwie aus der Verlegenheit! . . .«

»Meiner Ansicht nach ist es das beste, wenn Sie hinfahren. Sie wissen, wie sehr Natascha Sie liebt: sie wird die Empfindung haben, daß Sie sich bei ihr unbehaglich fühlen und nur wider Ihren Willen bei ihr bleiben. Das beste ist, man benimmt sich ganz natürlich. Aber kommen Sie; ich werde Ihnen behilflich sein.«

»Liebster Iwan Petrowitsch! Wie gut Sie sind!«

Wir gingen hinein; einen Augenblick darauf sagte ich zu ihm:

»Ich habe soeben Ihren Vater gesehen.«

»Wo?« rief er erschrocken.

»Auf der Straße, zufällig. Er hielt mich für einen Augenblick an und bat mich nochmals, mit ihm näher bekannt zu werden. Er fragte nach Ihnen: ob ich nicht wüßte, wo Sie jetzt wären; er wünsche sehr, Sie zu sehen, um Ihnen etwas zu sagen.«

»Ach, Aljoscha, fahre doch hin und geh zu ihm!« fiel Natascha ein, die begriff, worauf ich hinauswollte.

»Aber . . . wo werde ich ihn denn jetzt finden? Ist er zu Hause?«

»Nein, ich besinne mich, daß er sagte, er werde die Gräfin besuchen.«

»Nun, wie kann ich dann also . . .«, sagte Aljoscha naiv, indem er Natascha traurig ansah.

»Ach, Aljoscha, was ist denn dabei!« erwiderte sie. »Willst du denn wirklich diese Bekanntschaft ganz abbrechen, um mich zu beruhigen? Das wäre ja kindisch. Erstens ist das unmöglich, und zweitens wäre es von dir geradezu undankbar gegen Katja. Ihr seid Freunde; solche Bande darf man nicht mit rauher Hand zerreißen. Und schließlich beleidigst du mich einfach, wenn du meinst, ich wäre so eifersüchtig. Fahre hin, fahre gleich hin; ich bitte dich darum! Auch deinen Vater wirst du dadurch beruhigen.«

»Natascha, du bist ein Engel, und ich bin nicht deinen kleinen Finger wert!« rief Aljoscha voller Entzücken und voller Reue aus. »Du bist so gut, und ich . . . ich . . . nun höre nur: ich hatte soeben dort in der Küche Iwan Petrowitsch gebeten, er möchte mir dazu verhelfen, daß ich von dir wegfahren könnte. Und da hat er dies ausgesonnen. Aber verurteile mich nicht, gute, liebe Natascha! Meine Schuld ist nicht so überaus schwer; denn ich liebe dich tausendmal mehr als alles auf der Welt. Und da ist mir ein neuer Gedanke gekommen: ich will alles Katja entdecken und ihr unverzüglich alles, was gestern geschehen ist, und unsere ganze jetzige Situation auseinandersetzen. Sie wird schon etwas zu unserer Rettung ersinnen; sie ist uns von ganzer Seele ergeben . . .«

»Nun, dann geh!« antwortete Natascha lächelnd. »Und noch eins, lieber Aljoscha: ich möchte gern selbst Katjas Bekanntschaft machen. Wie läßt sich das wohl einrichten?«

Aljoschas Entzücken kannte keine Grenzen. Er erging sich sofort in Vorschlägen, wie die Bekanntschaft zu ermöglichen sei. Schließlich machte er sich die Sache sehr leicht: Katja werde einen Weg ausfindig machen. Er setzte diesen seinen Gedanken mit Wärme und Eifer auseinander. Er versprach, heute noch Antwort zu bringen, in zwei Stunden, und dann den ganzen Abend bei Natascha zu bleiben.

»Wirst du wirklich kommen?« fragte Natascha beim Abschied.

»Kannst du daran zweifeln? Leb wohl, Natascha, leb wohl, meine Geliebte, du, die ich mein ganzes Leben lang lieben werde! Leb wohl, Wanja! Ach, mein Gott, ich habe Sie aus Versehen mit dem bloßen Vornamen angeredet; hören Sie, Iwan Petrowitsch, ich habe Sie sehr gern – warum duzen wir uns nicht? Wir wollen uns duzen!«

»Schön, duzen wir uns!«

»Gott sei Dank! Das ist mir nämlich schon hundertmal durch den Kopf gegangen; aber ich wagte immer nicht, es Ihnen zu sagen. Sehen Sie, ich sage auch jetzt ›Sie‹. Es ist ja auch sehr schwer, zu jemandem ›du‹ zu sagen. Das wird, glaube ich, irgendwo bei Tolstoi sehr schön dargestellt: zwei sind übereingekommen, zueinander ›du‹ zu sagen, können es aber gar nicht fertigbringen und vermeiden immer solche Ausdrücke, in denen das Fürwort vorkommt! Ach, Natascha, wir wollen einmal ›Kindheit und Knabenalter‹ lesen; das ist wunderschön!«

»Na, nun geh nur, geh nur!« jagte ihn Natascha lachend fort. »Du bist vor Freude ganz ins Plaudern hineingekommen . . .«

»Lebe wohl! In zwei Stunden bin ich wieder bei dir!«

Er küßte ihr die Hand und lief eilig hinaus.

»Da siehst du's, Wanja, da siehst du's!« sagte sie und brach in Tränen aus.

Ich saß noch ungefähr zwei Stunden bei ihr, tröstete sie, und es gelang mir, sie in allen Punkten zu beruhigen. Natürlich hatte sie in allen Punkten, in allen ihren Befürchtungen recht. Das Herz zog sich mir schmerzlich zusammen, wenn ich an ihre jetzige Lage dachte; ich war um sie in großer Besorgnis. Aber was konnte ich tun?

Auch Aljoscha kam mir sonderbar vor: er liebte sie nicht weniger als früher, ja vielleicht noch stärker, schmerzvoller, eine Wirkung der Reue und Dankbarkeit. Aber gleichzeitig schlug die neue Liebe in seinem Herzen feste Wurzeln. Wie das enden werde, das ließ sich unmöglich vorhersehen. Ich selbst war sehr gespannt darauf, Katja zu sehen. Ich versprach Natascha noch einmal, ihre Bekanntschaft zu machen.

Zuletzt schien sie sogar heiter zu werden. Unter anderm erzählte ich ihr alles über Nelly, über Masslobojew, über die Bubnowa, über mein heutiges Zusammentreffen mit dem Fürsten bei Masslobojew und über unsere auf sieben Uhr angesetzte Zusammenkunft. Alles dies interessierte sie sehr. Von den alten Leuten sagte ich ihr nur wenig, und von Ichmenews Besuch schwieg ich vorläufig; die Absicht ihres Vaters, sich mit dem Fürsten zu duellieren, hätte sie erschrecken können. Auch ihr erschienen die Beziehungen des Fürsten zu Masslobojew und sein lebhafter Wunsch, mich näher kennenzulernen, sehr sonderbar, obwohl all dies sich aus der jetzigen Situation hinreichend erklärte . . .

Um drei Uhr kehrte ich nach Hause zurück. Nelly empfing mich mit strahlendem Gesicht . . .

Sechstes Kapitel

Pünktlich um sieben Uhr abends war ich bei Masslobojew. Er empfing mich mit großem Hallo und mit offenen Armen. Selbstverständlich war er halb betrunken. Am meisten aber erstaunten mich die außerordentlichen Vorbereitungen zu meiner Aufnahme. Es war klar, daß ich erwartet wurde. Ein hübscher, rotmessingner Samowar siedete auf einem runden Tischchen, auf dem eine schöne, kostbare Decke lag. Das Teeservice glänzte von Kristall, Silber und Porzellan. Auf einem zweiten Tisch, der mit einer andersartigen, aber nicht minder wertvollen Decke bedeckt war, lagen auf Tellern Konfekt, sehr schönes Kiewer Eingemachtes, flüssiges und trockenes, Marmelade, Pastillen, Gelee, französisches Eingemachtes, Apfelsinen, Äpfel und drei oder vier Sorten Nüsse, kurz, ein ganzer Obstladen. Auf einem dritten, mit einer schneeweißen Serviette gedeckten Tisch standen allerlei kalte Speisen: Kaviar, Käse, eine Pastete, Würstchen, geräucherter Schinken, Fisch und eine ganze Batterie prächtiger Kristallflaschen mit Likören von den verschiedensten Sorten und den lockendsten Farben: grün, rubinrot, braun, golden. Auf einem kleinen Tischchen endlich, das seitwärts stand und ebenfalls mit einer weißen Serviette bedeckt war, standen zwei Kübel mit Champagner. Auf dem Tisch vor dem Sofa prangten drei Flaschen: Sauternes, Lafitte und Kognak; sie stammten aus dem Geschäft von Jelisejew und waren gewiß sehr teuer. Am Teetisch saß Alexandra Semjonowna; ihr Kleid und ihr Kopfputz waren zwar einfach, aber offenbar mit längerer Überlegung ausgesucht, und mit gutem Erfolg. Sie wußte, daß es ihr gut stand, und war sichtlich stolz darauf; zu meiner Begrüßung erhob sie sich mit einer gewissen Feierlichkeit. Zufriedenheit und Heiterkeit glänzten auf ihrem frischen Gesichtchen. Masslobojew saß in schönen chinesischen Pantoffeln, einem kostbaren Schlafrock und frischer, eleganter Wäsche da. An seinem Hemd waren überall, wo es nur möglich war, moderne Zierknöpfchen angebracht. Sein Haar war sorgsam gekämmt, pomadisiert und der Mode gemäß schräg gescheitelt.

Ich war so verblüfft, daß ich mitten im Zimmer stehenblieb und mit offenem Mund bald Masslobojew, bald Alexandra Semjonowna anblickte, bei der die Zufriedenheit sich dadurch bis zur Glückseligkeit steigerte.

»Was stellt das vor, Masslobojew? Ist etwa bei dir heute eine größere Gesellschaft?« rief ich endlich beunruhigt.

»Nein, du bist der einzige Gast«, antwortete er feierlich.

»Aber wozu denn das alles?« (ich wies auf die Speisen) »Daran hat ja ein ganzes Regiment genug zu essen!«

»Und zu trinken! Du hast die Hauptsache vergessen: zu trinken!« fügte Masslobojew hinzu.

»Und das alles für mich allein?«

»Und für Alexandra Semjonowna. Es hat ihr beliebt, das alles so zu arrangieren.«

»Na, da haben wir's! Das hab ich doch gewußt!« rief Alexandra Semjonowna errötend, aber ohne ihre zufriedene Miene zu verlieren. »Ich darf nicht einmal einen Gast anständig aufnehmen; gleich bekomme ich Vorwürfe!«

»Vom frühen Morgen an (kannst du dir das vorstellen?), vom frühen Morgen an, sowie sie nur erfahren hatte, daß du zum Abend herkommen würdest, ist sie geschäftig gewesen; ihr Geist hat in Geburtswehen gelegen, um alles auszusinnen . . .«

»Da hast du wieder gelogen! Nicht vom frühen Morgen an, sondern von gestern abend an. Als du gestern abend nach Hause kamst, da hast du mir gesagt, daß der Herr auf den ganzen Abend zu uns kommen werde . . .«

»Da hast du dich verhört.«

»Ich habe mich nicht verhört; sondern so war es. Ich lüge nie. Und warum sollen wir einen Gast nicht anständig aufnehmen? Da leben wir nun so dahin, und kein Mensch kommt zu uns, und dabei haben wir doch alle möglichen schönen Dinge im Hause. Mögen doch ordentliche Leute sehen, daß auch wir wie Menschen zu leben verstehen!«

»Und mögen sie vor allen Dingen erfahren, was du für eine vorzügliche Wirtin bist und wie gut du alles zu arrangieren verstehst!« fügte Masslobojew hinzu. »Stelle dir nur mal vor, Freundchen, wie es mir selbst, mir selbst gegangen ist! Ein Hemd von holländischer Leinwand hat sie mir über den Leib gezogen und Knöpfchen hineingesteckt, und Pantoffeln und einen chinesischen Schlafrock habe ich anziehen müssen, und das Haar hat sie mir selbst gekämmt und pomadisiert, mit Bergamottenpomade; und mit Parfüm hat sie mich bespritzen wollen, mit crème brûlée; aber das habe ich nicht ertragen, da habe ich revoltiert und meine eheherrliche Macht herausgekehrt . . .«

»Es war gar keine Bergamottenpomade, sondern die beste französische Pomade aus einem buntbemalten Porzellanbüchschen!« fiel Alexandra Semjonowna mit dunkelrotem Gesicht ein. »Urteilen Sie selbst, Iwan Petrowitsch: er läßt mich weder ins Theater noch zu einem Tanzvergnügen; er schenkt mir immer nur Kleider; aber was soll ich mit den Kleidern? Ich putze mich an und gehe allein im Zimmer umher. Neulich hatte ich ihn doch durch Bitten überredet, und wir hatten uns schon fertiggemacht, um ins Theater zu gehen; aber während ich mich einen Augenblick abwandte, um mir eine Brosche anzustecken, geht er an den Likörschrank und trinkt ein Glas nach dem andern, bis er betrunken ist. Da blieben wir denn zu Hause. Kein Mensch, kein Mensch, kein Mensch kommt zu uns zu Besuch; nur vormittags kommen allerlei Leute in Geschäften; dann werde ich hinausgejagt. Und dabei haben wir Samoware und ein Teeservice und schöne Tassen; alles haben wir, alles wird uns geschenkt. Und auch Lebensmittel werden uns als Geschenk ins Haus gebracht; wir kaufen fast nur Wein, und solche Pomade; nun ja, auch den Imbiß da, die Pastete, den Schinken und das Konfekt haben wir für Sie gekauft. Wenn doch jemand sähe, was wir für ein gutes Leben führen! Das ganze Jahr über habe ich gedacht: wenn einmal ein Gast kommt, ein richtiger Gast, dann wollen wir ihm auch das alles zeigen und ihn bewirten; und der Gast wird die Aufnahme loben, und wir selbst werden unsere Freude haben. Daß ich aber ihn, den Dummkopf hier, pomadisiert habe, das ist er gar nicht einmal wert; er würde am liebsten immer schmutzig herumlaufen. Da, was hat er für einen schönen Schlafrock an; das ist auch ein Geschenk; aber ist er eines solchen Schlafrocks würdig? Er möchte sich immer vor allen Dingen volltrinken. Sie werden sehen: er wird Sie noch vor dem Tee zum Schnapstrinken auffordern.«

»Siehst du wohl, da hast du ganz recht; wir wollen ein Gläschen Goldwasser trinken, Wanja, und ein Gläschen Silberwasser und uns dann mit erfrischter Seele an die anderen Getränke heranmachen!«

»Na, habe ich es doch gewußt!«

»Beunruhige dich nicht, liebe Alexandra, wir werden auch Tee trinken, mit Kognak, auf deine Gesundheit.«

»Na, also wirklich!« rief sie und schlug die Hände zusammen. »Es ist Khan-Tee, zu sechs Rubeln; vorgestern hat ihn uns der Kaufmann geschenkt; und den will er mit Kognak trinken! Hören Sie nicht auf ihn, Iwan Petrowitsch; ich werde Ihnen gleich eingießen . . . da werden Sie sehen, da werden Sie selbst sehen, was das für ein Tee ist!«

Sie machte sich eifrig am Samowar zu schaffen.

Es war deutlich, daß sie darauf rechneten, mich den ganzen Abend bei sich zu behalten. Alexandra Semjonowna hatte ein ganzes Jahr lang auf einen Gast gewartet und sich nun vorgenommen, an mir ihr Herz zu erquicken. Aber das paßte nicht in meine Dispositionen hinein.

»Hör mal, Masslobojew«, sagte ich, indem ich mich setzte, »ich bin ja eigentlich überhaupt nicht als Gast zu dir gekommen, sondern in Geschäften; du hast mich selbst herbestellt, um mir etwas mitzuteilen . . .«

»Na, Geschäft hin, Geschäft her; ein freundschaftliches Gespräch will auch sein Recht haben.«

»Nein, mein Bester, daraus wird heute nichts! Um halb neun muß ich mich verabschieden. Ich habe zu tun; ich habe mein Wort gegeben . . .«

»Daraus wird nichts! Ich bitte dich, wie kannst du mir so etwas antun? Und wie kannst du gar Alexandra Semjonowna so etwas antun? Sieh sie nur an: sie ist ganz starr geworden. Wozu hätte sie mich denn dann pomadisiert; ich dufte ja nach Bergamottenpomade; bedenke doch!«

»Du treibst immer Scherz, Masslobojew. Ich werde Alexandra Semjonowna das heilige Versprechen geben, in der nächsten Woche, sagen wir zum Beispiel am Freitag, zum Mittagessen zu euch zu kommen; jetzt aber, lieber Freund, habe ich mein Wort gegeben, oder, richtiger gesagt, ich muß eben notwendig an einen bestimmten Ort. Also sage mir lieber: was wolltest du mir mitteilen?«

»Also wollen Sie wirklich nur bis halb neun hierbleiben?« rief Alexandra Semjonowna mit ängstlicher, kläglicher Stimme, beinahe weinend, und reichte mir eine Tasse vorzüglichen Tees.

»Beunruhige dich nicht, liebe Alexandra; das ist alles Unsinn«, fiel Masslobojew ein. »Er wird hierbleiben; das ist Unsinn. Weißt du, Wanja, sage mir lieber, wohin gehst du eigentlich immer? Was hast du für Geschäfte? Kann man das erfahren? Du läufst ja alle Tage irgendwohin, du arbeitest nicht . . .«

»Wozu willst du das denn wissen? Indessen werde ich es dir vielleicht nachher sagen. Dafür erkläre du mir lieber, warum du gestern zu mir gekommen bist, obwohl ich dir, wie du dich erinnern wirst, selbst gesagt hatte, daß ich nicht zu Hause sein würde.«

»Nachher fiel es mir ein; aber gestern hatte ich es vergessen. Ich wollte wirklich mit dir etwas Geschäftliches besprechen; vor allen Dingen aber wollte ich Alexandra Semjonowna ein Vergnügen bereiten. ›Da ist nun ein Mensch‹, sagte sie, ›der sich als ein Freund von dir herausgestellt hat; warum lädst du ihn nicht ein?‹ Und so hat sie mir deinetwegen vier Tage und vier Nächte zugesetzt, lieber Freund. Für die Bergamottenpomade werden mir gewiß einmal in jener Welt viele Sünden vergeben werden; aber ich dachte so: warum soll ich nicht einen Abend mit dir freundschaftlich zusammensitzen? Und da habe ich eine Kriegslist angewandt: ich habe dir geschrieben, es liege etwas so Wichtiges vor, daß dein Ausbleiben die allerschlimmsten Folgen haben würde.«

Ich ersuchte ihn, in Zukunft nicht wieder so zu handeln, sondern mir gegenüber lieber aufrichtig zu sein. Übrigens befriedigte mich diese Erklärung nicht vollständig. »Nun, und warum bist du heute mittag von mir weggelaufen?« fragte ich ihn.

»Da hatte ich wirklich geschäftlich zu tun; dabei ist nicht das geringste gelogen.«

»Doch nicht mit dem Fürsten?«

»Schmeckt Ihnen unser Tee?« fragte Alexandra Semjonowna in schmeichelndem Ton.

Sie hatte schon fünf Minuten lang darauf gewartet, daß ich ihren Tee loben sollte; aber ich hatte es gar nicht beachtet.

»Er ist ausgezeichnet, Alexandra Semjonowna, ganz vorzüglich! Ich habe noch nie so guten Tee getrunken.«

Alexandra Semjonowna wurde ganz rot vor Vergnügen und beeilte sich, mir noch einmal einzugießen.

»Der Fürst!« rief Masslobojew. »Dieser Fürst, lieber Freund, ist ein solcher Schurke, ein solcher Gauner . . . na! Ich will dir etwas sagen: ich bin ja selbst ein Gauner; aber in dessen Haut zu stecken, das würde doch meinem Anstandsgefühl widerstreiten! Aber genug davon! Schweigen wir darüber! Weiter darf ich über ihn nichts sagen.«

»Und ich bin gerade zu dir gekommen, um mich unter anderem nach ihm zu erkundigen. Aber davon nachher! Warum hast du aber gestern in meiner Abwesenheit Jelena Bonbons gegeben und ihr etwas vorgetanzt? Und wovon hast du denn anderthalb Stunden lang mit ihr reden können?«

»Jelena, das ist ein kleines Mädchen von elf oder zwölf Jahren, das einstweilen bei Iwan Petrowitsch wohnt«, bemerkte Masslobojew erklärend, indem er sich an Alexandra Semjonowna wandte. »Sieh nur, Wanja, sieh nur«, fuhr er fort und zeigte mit dem Finger auf sie, »wie sie aufgefahren ist, sowie sie hörte, daß ich einem unbekannten jungen Mädchen Bonbons gebracht hätte; ganz rot ist sie geworden; ordentlich zusammengezuckt ist sie, wie wenn wir plötzlich einen Pistolenschuß abgefeuert hätten . . . ei, die Äuglein funkeln nur so wie Kohlen. Ja, nun kannst du es nicht mehr verbergen, Alexandra Semjonowna, nun kannst du es nicht mehr verbergen: du bist eifersüchtig! Wenn ich nicht erklärt hätte, daß es sich um ein elfjähriges Mädchen handelt, dann hätte sie mich sogleich an den Haaren gerissen, und die Bergamottenpomade hätte mich nicht gerettet!«

»Sie wird dich auch jetzt nicht retten!«

Bei diesen Worten sprang Alexandra Semjonowna mit einem Satz hinter dem Teetisch hervor zu uns hin, und ehe noch Masslobojew seinen Kopf schützen konnte, hatte sie ihn schon an einem Haarbüschel gepackt und ihn gehörig gezaust.

»Da hast du es, da hast du es! Untersteh dich nicht, in Gegenwart eines Gastes zu sagen, daß ich eifersüchtig wäre; untersteh dich nicht!«

Sie war ganz rot geworden, und obgleich sie lachte, hatte Masslobojew doch tüchtig etwas abbekommen.

»Immer macht er mich schlecht!« fügte sie, zu mir gewendet, in ernstem Ton hinzu.

»Na, siehst du, Wanja, solch ein Leben führe ich! Deshalb muß ich unbedingt ein Schnäpschen trinken!« erklärte Masslobojew, indem er sich die Haare wieder zurechtstrich und, beinahe laufend, zu den Karaffen hineilte. Aber Alexandra Semjonowna kam ihm zuvor; sie sprang zu dem Tisch hin, goß selbst ein Gläschen voll, reichte es ihm und klopfte ihm sogar freundlich auf die Wange. Masslobojew blinzelte mir stolz zu, schnalzte mit der Zunge und trank feierlich sein Gläschen aus.

»Die Geschichte mit den Bonbons ist schwer zu erklären«, begann er, indem er sich zu mir auf das Sofa setzte. »Ich kaufte sie vorgestern in betrunkenem Zustand in einem Kramladen, ich weiß selbst nicht, warum. Übrigens tat ich es vielleicht zur Beförderung des vaterländischen Handels und Gewerbes; ich weiß es nicht genau; ich erinnere mich nur, daß ich damals betrunken auf der Straße ging, in den Schmutz fiel, mir die Haare ausraufte und darüber weinte, daß ich zu nichts tauglich sei. Die Bonbons vergaß ich dann natürlich, so daß sie bis gestern in meiner Tasche blieben, und als ich auf deinem Sofa Platz nahm, setzte ich mich darauf. Was das Tanzen anlangt, so bildet auch hier derselbe Zustand mangelnder Nüchternheit den Grund: ich war gestern tüchtig betrunken, und in betrunkenem Zustand fühle ich mich manchmal mit meinem Schicksal zufrieden und fange an zu tanzen. Das ist alles; nur hat vielleicht außerdem diese kleine Waise mein Mitleid wachgerufen, und außerdem wollte sie nicht mit mir reden, wie wenn sie auf mich böse wäre. Und da fing ich, um sie zu erheitern, an zu tanzen und traktierte sie mit Bonbons.«

»Hast du sie nicht damit erkaufen wollen, um etwas von ihr herauszubekommen? Gestehe offen: bist du nicht absichtlich zu mir zu einer Zeit gekommen, wo du sicher warst, mich nicht zu Hause anzutreffen, um mit ihr unter vier Augen zu sprechen und etwas aus ihr herauszulocken? Ich weiß ja, daß du anderthalb Stunden bei ihr gesessen und ihr versichert hast, du hättest ihre verstorbene Mutter gekannt, und daß du sie nach allerlei gefragt hast.«

Masslobojew kniff die Augen zusammen und lächelte schlau.

»Das wäre keine üble Idee«, sagte er. »Nein, Wanja, es ist nicht so. Das heißt, warum sollte ich sie nicht bei Gelegenheit ausfragen? Aber es ist nicht so. Höre, alter Freund, ich bin zwar jetzt wie gewöhnlich ziemlich betrunken; aber wisse, daß Filipp dich niemals in schlimmer Absicht betrügen wird, das heißt in schlimmer Absicht.«

»Na, aber ohne schlimme Absicht?«

»Na . . . auch ohne schlimme Absicht nicht. Aber hol das alles der Teufel; laß uns trinken und von unserer Angelegenheit reden! Die Sache ist sehr einfach«, fuhr er fort, nachdem er ein Glas hinuntergegossen hatte. »Diese Bubnowa hatte kein Recht, das Mädchen festzuhalten; ich habe alles in Erfahrung gebracht. Es hat keine Adoption oder dergleichen stattgefunden. Die Mutter war ihr Geld schuldig geblieben, und da hat sie die Kleine zu sich genommen. Die Verstorbene hatte einen vollgültigen Paß; folglich ist alles in guter Ordnung. Jelena kann bei dir wohnen bleiben, obwohl es sehr gut wäre, wenn irgendeine wohltätige Familie sie in ernster Absicht zur Erziehung übernähme. Aber einstweilen mag sie bei dir bleiben. Das hat keine Schwierigkeit! Ich werde dir alles erledigen. Die Bubnowa wird nicht wagen, auch nur einen Finger zu rühren. Über die verstorbene Mutter habe ich so gut wie nichts Genaues in Erfahrung bringen können. Sie war Witwe und hieß Salzmann.«

»Ja; das hat mir auch Nelly gesagt.«

»Na, diese Sache ist also abgetan. Jetzt aber, Wanjuscha«, begann er mit einer gewissen Feierlichkeit, »habe ich eine kleine Bitte an dich. Schlage sie mir nicht ab! Erzähle mir möglichst eingehend, was du für Geschäfte hast, wohin du zu gehen pflegst, wo du dich den ganzen Tag über aufhältst. Ich habe zwar einzelnes darüber gehört, möchte aber gern alles mit weit mehr Details wissen.«

Eine solche Feierlichkeit versetzte mich in Erstaunen und beunruhigte mich sogar.

»Aber was ist denn los? Warum willst du das wissen? Du fragst so feierlich . . .«

»Also, Wanja, ohne unnötige Worte: ich will dir einen Dienst erweisen. Siehst du, Freundchen, wenn ich dich überlisten wollte, dann würde ich es verstehen, dich auch ohne Feierlichkeit auszufragen. Du argwöhnst, daß ich dich überlisten will: wegen der Bonbons von neulich; das verstehe ich ja. Aber da ich mit Feierlichkeit rede, so ist daraus zu ersehen, daß ich mich nicht um meinetwillen für die Sache interessiere, sondern um deinetwillen. Also laß du deine Bedenken und sage mir geradeheraus die lautere Wahrheit . . .«

»Was denn für einen Dienst? Hör mal, Masslobojew, warum willst du mir nichts über den Fürsten erzählen? Daran ist mir viel gelegen. Das würde wirklich ein Freundschaftsdienst sein.«

»Über den Fürsten? Hm! . . . Na, meinetwegen, ich will es dir offen sagen: ich befrage dich jetzt gerade in einer den Fürsten betreffenden Angelegenheit.«

»Wie?«

»Die Sache ist die: Ich habe bemerkt, lieber Freund, daß er sich in deine Angelegenheiten einmischt; unter anderem hat er mich über dich befragt. Wie er erfahren hat, daß wir beide miteinander bekannt sind, das geht dich nichts an. Aber die Hauptsache ist: nimm dich vor diesem Fürsten in acht! Das ist so ein Judas Ischariot und sogar schlimmer als der. Und als ich daher sah, daß er sich für deine Angelegenheiten interessierte, fing ich an, für dich zu zittern. Übrigens weiß ich ja nichts; eben darum bitte ich dich, mir alles zu erzählen, damit ich mir ein Urteil bilden kann . . . Und gerade deswegen habe ich dich heute zu mir gebeten. So steht es mit dieser ernsten Angelegenheit; ich rede ganz offen.«

»Du wirst mir doch wenigstens etwas sagen, zum Beispiel, warum ich mich gerade vor dem Fürsten hüten soll.«

»Na gut, meinetwegen! Die Leute bedienen sich meiner manchmal in allerlei Angelegenheiten, lieber Freund; aber du kannst dir wohl selbst sagen: sie schenken mir eben deswegen Vertrauen, weil ich kein Schwätzer bin. Wie soll ich dir also etwas erzählen? Darum nimm fürlieb, wenn ich dir nur im allgemeinen, nur so ganz im allgemeinen etwas erzähle, nur um zu zeigen, was er für ein Schurke ist. Na, nun fange zuerst von dir an!«

Ich sagte mir, daß ich eigentlich keinen Grund hatte, etwas von meinen Angelegenheiten vor Masslobojew zu verbergen. Nataschas Sache war nicht geheim; überdies konnte ich mir von Masslobojew irgendwelchen Nutzen für sie versprechen. Selbstverständlich umging ich in meiner Erzählung einige Punkte nach Möglichkeit. Mit besonderer Aufmerksamkeit hörte Masslobojew alles an, was den Fürsten betraf; an vielen Stellen unterbrach er mich und stellte über vieles neue Fragen, so daß meine Erzählung ziemlich detailliert herauskam. Sie dauerte etwa eine halbe Stunde.

»Hm! Einen klugen Kopf hat dieses Mädchen«, äußerte Masslobojew. »Wenn sie den Fürsten auch vielleicht nicht vollständig durchschaut, so ist doch schon das gut, daß sie gleich von vornherein wußte, mit wem sie es zu tun hat, und alle Beziehungen abbrach. Ein tüchtiges Frauenzimmer, diese Natalja Nikolajewna! Ich trinke auf ihre Gesundheit!« (Er goß ein Glas hinunter.) »Es gehörte nicht nur Verstand, sondern auch Herz dazu, um sich nicht täuschen zu lassen. Und an Herz hat es ihr nicht gefehlt. Selbstverständlich ist ihre Sache verloren, der Fürst wird seinen Willen durchsetzen, und Aljoscha wird sie sitzenlassen. Leid tut mir nur Ichmenew: diesem Schurken zehntausend Rubel zu bezahlen! Aber wer hat seine Sache vor Gericht geführt, wer ist dafür tätig gewesen? Natürlich er selbst! O weh, o weh! So sind sie alle, diese vornehm denkenden Hitzköpfe! Dieses Volk ist zu nichts zu gebrauchen! Mit dem Fürsten muß man anders verfahren. Ich hätte dem alten Ichmenew einen Advokaten verschafft, ei weih!«

Er schlug ärgerlich mit der Faust auf den Tisch.

»Nun, und wie ist es jetzt mit dem Fürsten?«

»Ach, du immer mit deinem Fürsten! Was soll ich von dem sagen? Es tut mir leid, daß ich etwas versprochen habe. Ich wollte dich nur vor diesem Gauner warnen, Wanja, um dich gegen seine Einwirkung sozusagen mit einer Schutzmauer zu umgeben. Wer sich mit ihm einläßt, der ist in Gefahr. Du hattest aber wohl schon gedacht, ich würde dir Gott weiß was für Geheimnisse von Paris mitteilen. Da sieht man, daß du ein Romanschriftsteller bist! Na, was soll ich von dem Schurken sagen? Er ist eben ein Schurke, einfach ein Schurke . . . Na, ich will dir zum Beispiel ein Stückchen von ihm erzählen, ohne Angabe von Städten und Personen, also ohne historiographische Genauigkeit. Du weißt, daß er schon in früher Jugend, als er genötigt war, von seinem Gehalt als Büroangestellter zu leben, eine reiche Kaufmannstochter heiratete. Na, diese Kaufmannstochter behandelte er nicht besonders höflich; um sie handelt es sich jetzt zwar nicht; aber ich bemerke doch, Freund Wanja, daß er sein ganzes Leben lang vorzugsweise auf diese Art seinen Erwerb gesucht hat. Und nun noch so ein Fall! Er war ins Ausland gereist. Dort . . .«

»Warte mal, Masslobojew, von welcher Reise sprichst du da? In welchem Jahr war das?«

»Das war genau vor neunundzwanzig Jahren und drei Monaten. Na also, dort lockte er eine Tochter von ihrem Vater weg und entführte sie nach Paris. Und damit hatte es folgende Bewandtnis. Der Vater war so etwas wie Fabrikbesitzer oder Teilnehmer an einem derartigen Unternehmen. Genau weiß ich das nicht. Was ich dir da erzähle, das beruht auf meinen eigenen Vermutungen und Schlüssen aus anderen Tatsachen. Der Fürst hatte ihn betört und sich in das Unternehmen mit eingedrängt. Er hatte ihn vollständig betört und sich von ihm Geld geliehen. Über das empfangene Geld hatte der Alte natürlich Urkunden. Der Fürst aber wünschte, das Darlehen nie zurückzugeben, also, nach unserer Auffassung, das Geld einfach zu stehlen. Der Alte hatte eine Tochter, und die Tochter war eine Schönheit, und in diese Tochter hatte sich ein ideal gerichteter junger Mann verliebt, so ein Gesinnungsgenosse von Schiller, ein Dichter, gleichzeitig Kaufmann, ein Phantast, kurz, ein richtiger Deutscher, ein gewisser Pfefferkuchen.«

»Das heißt, sein Familienname war ›Pfefferkuchen‹?«

»Na, vielleicht hieß er auch nicht Pfefferkuchen; hol ihn der Teufel; es kommt nicht darauf an. Aber der Fürst machte sich an die Tochter heran und so erfolgreich, daß sie sich ganz unsinnig in ihn verliebte. Der Fürst verfolgte damals zwei Ziele: erstens, sich der Tochter zu bemächtigen, und zweitens, die Urkunden über das dem Alten abgeborgte Geld in seine Gewalt zu bekommen. Die Schlüssel zu allen Schränken und Kästen des Alten waren in den Händen der Tochter. Der Alte liebte seine Tochter maßlos, dergestalt, daß er sie nicht einmal verheiraten wollte. Im Ernst. Auf jeden Freier war er eifersüchtig; er begriff gar nicht, wie es ihm möglich sein sollte, sich von ihr zu trennen, und jagte auch Pfefferkuchen weg; so ein wunderlicher Kauz von Engländer war er . . .«

»Ein Engländer? Aber wo trug sich denn das alles zu?«

»Den Ausdruck ›Engländer‹ habe ich nur so zum Vergleich benutzt, und da klammerst du dich nun gleich daran! Zugetragen aber hat sich das in Santa Fé de Bogotá, vielleicht aber auch in Krakau, am wahrscheinlichsten aber im Fürstentum Nassau, das hier auf der Seltersflasche geschrieben steht, also in der Tat in Nassau; bist du nun zufrieden? Nun also, der Fürst umgarnte das Mädchen und entführte sie ihrem Vater, und auf Verlangen des Fürsten nahm das Mädchen auch einige Urkunden mit. Es gibt ja wirklich solche Liebe, Wanja! Schändlich; aber doch war es ein ehrenhaftes, edeldenkendes, hochgesinntes Mädchen. Allerdings verstand sie von solchen Papieren wohl nicht viel. Ihre einzige Sorge war: der Vater werde sie verfluchen. Aber auch hier wußte der Fürst Rat: er gab ihr ein in gesetzlicher Form abgefaßtes schriftliches Versprechen, daß er sie heiraten werde. Auf diese Art redete er ihr ein, sie würden nur wegfahren und eine Weile vergnügt umherreisen; und wenn dann der Zorn des Alten verraucht sein werde, würden sie als Vermählte zu ihm zurückkehren und ihr lebelang zu dreien leben und Geld verdienen und so weiter in infinitum. Sie lief davon, der Alte verfluchte sie und machte auch Bankrott. Nach Paris folgte ihr auch Frauenmilch nach; er hatte alles im Stich gelassen, auch sein Handelsgeschäft; er war eben furchtbar verliebt.«

»Halt! Was für ein Frauenmilch?«

»Na, jener . . . wie hieß er doch? Feuerbach . . . wie hieß der verdammte Kerl nur? Pfefferkuchen! Na, der Fürst konnte sie natürlich nicht heiraten: was hätte die Gräfin Chlestowa dazu gesagt? Und wie würde sich Baron Pomoikin darüber geäußert haben? Somit mußte er eine Schändlichkeit in Szene setzen. Na, und das tat er denn auch in der unverschämtesten Weise. Erstens prügelte er sie beinahe, und zweitens lud er Pfefferkuchen absichtlich zu ihr ein. Der kam denn auch und wurde der Freund des armen Mädchens; na, sie schluchzten zusammen, saßen ganze Abende allein beieinander, weinten über ihr Unglück, und er suchte sie zu trösten: es waren eben ein paar schöne, edle Seelen. Der Fürst aber arrangierte es absichtlich so, daß er sie einmal spät abends zusammen traf; er behauptete nun, sie seien intim geworden, und machte einen großen Lärm: er habe es, sagte er, mit eigenen Augen gesehen. Er stieß sie also beide aus dem Hause und fuhr selbst auf einige Zeit nach London. Sie aber war schon ihrer Entbindung nahe; bald nachdem er sie von sich gestoßen hatte, gebar sie eine Tochter . . . das heißt nicht eine Tochter, sondern einen Sohn, richtig, ein Söhnchen. Er wurde Wladimir getauft. Pfefferkuchen stand Pate. Na, seitdem reiste sie nun mit Pfefferkuchen. Dieser hatte ein kleines Kapital. Sie bereiste mit ihm die Schweiz, Italien . . . sie war in all diesen poetischen Ländern, wie sich das so gehört. Sie weinte immer, und Pfefferkuchen schluchzte; so vergingen viele Jahre, und das kleine Mädchen wuchs heran. Für den Fürsten wäre nun alles gut gewesen; nur eins war übel: das schriftliche Heiratsversprechen hatte er von ihr nicht zurückbekommen können. ›Du bist ein gemeiner Mensch‹, hatte sie ihm beim Abschied gesagt; ›du hast mich bestohlen und entehrt und verläßt mich nun. Leb wohl! Aber das Heiratsversprechen werde ich dir nicht zurückgeben. Nicht, weil ich die Absicht hätte, dich jemals zu heiraten, sondern weil du dieses Dokument fürchtest. Darum soll es, solange ich lebe, in meinen Händen bleiben.‹ Kurz, sie war hitzig geworden; der Fürst jedoch blieb ruhig. Überhaupt ist es für solche Schurken sehr vorteilhaft, wenn sie es mit sogenannten Idealisten zu tun haben. Die sind so edel, daß sie sich leicht betrügen lassen, und zweitens reagieren sie immer nur mit einer edlen, erhabenen Verachtung statt mit praktischer Anwendung des Gesetzes, auch wo eine solche möglich ist. Na, nimm zum Beispiel gleich diese Mutter: sie begnügte sich mit stolzer Verachtung, und obgleich sie jenes Dokument zurückbehalten hatte, so wußte der Fürst doch, daß sie sich eher aufhängen als dasselbe zu einem Prozeß verwenden werde; na, und so war er denn vorläufig beruhigt. Sie hatte ihm zwar bittere Worte in sein gemeines Gesicht geschleudert; aber die Sorge für ihren kleinen Wladimir lastete doch auf ihr allein, und wenn sie starb, was sollte dann aus ihm werden? Aber das überlegte sie nicht. Brüderschaft sprach ihr wohl Mut ein, stellte aber ebensowenig wie sie vernünftige Überlegungen an; sie hatten Schiller gelesen. Schließlich begann Brüderschaft zu kränkeln und starb . . .«

»Du meinst Pfefferkuchen?«

»Na ja, hol ihn der Teufel! Aber sie . . .«

»Warte! Wie viele Jahre lang waren sie herumgereist?«

»Genau zweihundert Jahre. Na, sie kehrte nun also nach Krakau zurück. Ihr Vater nahm sie nicht auf, verfluchte sie, und sie starb; der Fürst aber bekreuzigte sich vor Freude . . . Trinken wir ein Gläschen, Freund Wanja!«

»Ich vermute, daß du in dieser Sache für ihn tätig bist, Masslobojew.«

»Das möchtest du wohl durchaus wissen?«

»Ich verstehe nur nicht, was du dabei tun kannst!«

»Siehst du, als sie nach zehnjähriger Abwesenheit unter einem fremden Namen nach Madrid zurückkehrte, da mußten über alle diese Dinge Erkundigungen eingezogen werden: über Brüderschaft und über den Alten, und ob sie wirklich zurückgekehrt sei, und über das Kind, und ob sie gestorben sei, und ob sie keine Papiere hinterlassen habe, und so endlos weiter. Und sonst noch über dieses und jenes. Er ist ein ganz nichtswürdiger Mensch; nimm dich vor ihm in acht, Wanja! Was aber Masslobojew anlangt, so will ich dir sagen, wie du über den denken mußt: nenne ihn niemals einen Schurken! Wenn er auch ein Schurke ist (meines Erachtens gibt es keinen Menschen, der nicht ein Schurke wäre), so ist er es doch nicht dir gegenüber. Ich bin tüchtig betrunken; aber höre: wenn es dir jemals, in naher oder in ferner Zeit, jetzt oder im nächsten Jahr, scheinen sollte, daß Masslobojew in irgendwelcher Hinsicht mit List gegen dich verfahren ist (bitte, vergiß diesen Ausdruck nicht: mit List verfahren ist), so wisse, daß keine schlechte Absicht dabei gewesen ist. Masslobojew wacht über dich. Und darum gib keinem Verdacht Raum, sondern komm lieber her und sprich dich offen und freundschaftlich mit Masslobojew selbst aus. Nun, wie ist's? Willst du jetzt trinken?«

»Nein.«

»Essen?«

»Nein, lieber Freund, entschuldige mich . . .«

»Na, dann mach, daß du fortkommst; es ist drei Viertel auf neun. Du bist ein hochmütiger Mensch. Jetzt ist es für dich Zeit, zu gehen.«

»Wie? Was? Er hat sich vollgetrunken, und nun jagt er den Gast davon! Und so ist er immer! Du schämst dich aber auch gar nicht!« rief Alexandra Semjonowna beinahe weinend.

»Ein Fußgänger ist kein Weggenosse für einen Reiter! Alexandra Semjonowna, dann werden wir beide hier zusammenbleiben und uns gegenseitig vergöttern. Er ist ein Herr mit Generalsrang! Nein, Wanja, ich habe gelogen; du bist kein Herr mit Generalsrang; aber ich bin ein Schuft! Sieh nur, wie greulich ich jetzt aussehe! Was bin ich im Vergleich mit dir? Aber verzeih mir, Wanja; brich nicht den Stab über mir; laß mich dir mein Herz ausschütten . . .« Er umarmte mich und brach in Tränen aus. Ich schickte mich an, fortzugehen.

»Ach mein Gott! Und bei uns ist alles zum Abendessen fertig!« sagte Alexandra Semjonowna tiefbetrübt. »Aber am Freitag werden Sie doch zu uns kommen?«

»Ja, ich werde kommen, Alexandra Semjonowna. Mein Wort darauf!«

»Vielleicht schätzen Sie ihn gering, weil er so . . . trunksüchtig ist. Tun Sie das nicht, Iwan Petrowitsch; er ist ein guter, sehr guter Mensch, und wie gern er Sie hat! Er redet jetzt zu mir Tag und Nacht von Ihnen, immer von Ihnen. Er hat mir expreß Ihre Bücher gekauft; ich habe sie noch nicht gelesen; morgen werde ich anfangen. Aber wie werde ich mich freuen, wenn Sie herkommen! Ich bekomme ja keinen Menschen zu sehen; niemand besucht uns. Wir haben alle möglichen guten Dinge; aber wir sitzen immer allein. Jetzt habe ich dagesessen und immer zugehört, immer zugehört, wie Sie beide geredet haben; es war gar zu schön . . . Also auf Freitag!«

Siebentes Kapitel

Ich ging eilig nach Hause: Masslobojews Worte hatten auf mich einen starken Eindruck gemacht. Mir gingen Gott weiß was für Gedanken durch den Kopf . . . Und gerade jetzt mußte mich zu Hause ein Ereignis erwarten, das mich wie ein elektrischer Schlag erschütterte.

Dem Tor des Hauses, in dem ich wohnte, gerade gegenüber stand eine Straßenlaterne. Kaum war ich unter das Tor getreten, als plötzlich von der Laterne eine seltsame Gestalt auf mich zustürzte, so daß ich sogar aufschrie; es war ein geängstigtes, zitterndes, halb wahnsinniges Wesen, das sich mit einem Schrei an meine Arme klammerte. Ich bekam einen furchtbaren Schreck: es war Nelly.

»Nelly! Was ist dir?« rief ich. »Was tust du hier?«

»Da oben . . . er sitzt da . . . bei uns.«

»Wer sitzt da? Komm; komm mit mir mit!«

»Ich will nicht, ich will nicht! Ich werde warten, bis er weggeht . . . auf dem Flur . . . ich will nicht.«

Mit einer seltsamen Ahnung stieg ich zu meiner Wohnung hinauf, öffnete die Tür und erblickte den Fürsten. Er saß am Tisch und las meinen Roman. Wenigstens hatte er das Buch aufgeschlagen vor sich liegen.

»Iwan Petrowitsch!« rief er freudig. »Wie freue ich mich, daß Sie endlich nach Hause kommen! Ich wollte eben schon wegfahren. Ich warte auf Sie schon über eine Stunde. Ich habe heute auf die dringenden, inständigen Bitten der Gräfin mein Wort darauf gegeben, Sie heute abend mitzubringen. Sie hat mich so sehr darum gebeten; sie wünscht so lebhaft, Ihre Bekanntschaft zu machen! Da Sie mir bereits Ihr Versprechen gegeben hatten, so beschloß ich, möglichst früh, ehe Sie noch irgendwohin weggingen, selbst zu Ihnen zu fahren und Sie gleich mitzunehmen. Denken Sie sich meinen Verdruß: ich komme an, und Ihre Dienerin teilt mir mit, daß Sie nicht zu Hause seien. Was sollte ich tun? Ich hatte mein Wort gegeben, Sie mitzubringen; so setzte ich mich denn hin, um auf Sie zu warten, in der Meinung, das werde etwa eine Viertelstunde dauern; aber es ist eine etwas lange Viertelstunde geworden! Ich schlug Ihren Roman auf und habe mich ganz in seine Lektüre vertieft. Iwan Petrowitsch! Das ist ja grandios! Da muß ich wirklich sagen: man weiß Sie noch nicht nach Gebühr zu schätzen. Sie haben mir Tränen entlockt. Ich habe geweint, und ich weine doch nicht häufig . . .«

»Sie wünschen also, daß ich mitfahre? Ich muß Ihnen gestehen, jetzt . . . ich bin zwar durchaus nicht abgeneigt; aber . . .«

»Ich bitte Sie um alles in der Welt: kommen Sie mit! Was wollen Sie mir antun? Ich habe ja anderthalb Stunden auf Sie gewartet! . . . Außerdem muß ich notwendig, ganz notwendig mit Ihnen reden – Sie verstehen, worüber. Sie kennen die ganze Angelegenheit besser als ich . . . Wir werden vielleicht eine Entscheidung treffen, zu einer Abmachung gelangen; bedenken Sie nur! Um des Himmels willen, geben Sie mir keine abschlägige Antwort!«

Ich sagte mir, daß ich früher oder später doch hinfahren müßte. Allerdings war Natascha jetzt allein und bedurfte meiner; aber sie hatte mich ja selbst beauftragt, Katjas Bekanntschaft möglichst bald zu machen. Zudem würde ich vielleicht auch Aljoscha dort treffen . . . Ich wußte, daß Natascha sich nicht eher beruhigt fühlen werde, ehe ich ihr nicht Nachrichten von Katja brächte, und so entschloß ich mich denn, mitzufahren. Aber ich war in Sorge um Nelly.

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick!« sagte ich zum Fürsten und ging auf die Treppe hinaus.

Nelly stand dort in einem dunklen Winkel.

»Warum willst du nicht hereinkommen, Nelly? Was hat er dir getan? Was hat er mit dir geredet?«

»Nichts . . . Ich will nicht, ich will nicht . . .«, wiederholte sie. »Ich fürchte mich . . .«

Alles Zureden half nichts. Ich verabredete mit ihr, sie solle, sobald ich mit dem Fürsten herauskäme, ins Zimmer gehen und sich einschließen.

»Und laß niemanden zu dir herein, Nelly, wenn dich jemand auch noch so sehr bittet.«

»Wollen Sie mit ihm gehen?«

»Ja.«

Sie fing an zu zittern und ergriff meine Hand, wie wenn sie mich bitten wollte, das nicht zu tun; aber sie sagte kein Wort. Ich nahm mir vor, sie am nächsten Tag eingehend zu befragen.

Ich bat den Fürsten um Entschuldigung und begann mich umzukleiden. Er erging sich in Versicherungen, zu einem Besuch dort seien kein besonderer Anzug, keine besondere Toilette erforderlich.

»Höchstens etwas frische Wäsche!« fügte er hinzu, nachdem er mich mit einem inquisitorischen Blick vom Kopf bis zu den Füßen gemustert hatte. »Wissen Sie, diese törichten Anschauungen über äußere Formen . . . man kann sich schlechterdings davon nicht ganz frei machen. Ein vernünftiger Standpunkt wird in unseren Kreisen noch lange nicht zu finden sein«, schloß er, nachdem er mit Vergnügen gesehen hatte, daß ich einen Frack besaß.

Wir gingen hinaus. Aber ich ließ ihn auf der Treppe stehen, ging ins Zimmer zurück, in das Nelly inzwischen bereits hineingeschlüpft war, und nahm noch einmal von ihr Abschied. Sie befand sich in furchtbarer Aufregung. Ihr Gesicht sah ordentlich bläulich aus. Ich ängstigte mich um sie; es wurde mir schwer, sie zu verlassen.

»Sie haben eine sonderbare Dienerin«, sagte der Fürst zu mir, als wir die Treppe hinunter stiegen. »Dieses kleine Mädchen ist ja wohl Ihre Dienerin?«

»Nein . . . sie nimmt keine bestimmte Stellung ein . . . sie wohnt vorläufig bei mir.«

»Ein eigentümliches Mädchen! Ich bin überzeugt, daß sie nicht ganz bei Verstand ist. Stellen Sie sich vor: Anfangs antwortete sie mir ganz vernünftig; aber dann, nachdem sie mich genauer angesehen hatte, stürzte sie auf mich zu, schrie, zitterte und klammerte sich an mich; sie wollte etwas sagen, war aber dazu nicht imstande. Ich muß bekennen, ich bekam es mit der Angst und wollte schon vor ihr flüchten; aber Gott sei Dank, sie lief selbst von mir fort. Ich war höchst erstaunt. Wie bekommen Sie es nur fertig, mit ihr zusammen zu leben?«

»Sie leidet an Epilepsie«, antwortete ich.

»Ah so! Nun, dann ist es nicht weiter auffällig, wenn sie solche Anfälle hat.«

Gleich in diesem Augenblick bildete sich bei mir eine gewisse Ansicht heraus. Der gestrige Besuch Masslobojews bei mir, obwohl er wußte, daß ich nicht zu Hause war, und seine heutige Aufforderung, um sieben Uhr zu ihm zu kommen, und mein Besuch bei ihm und seine Erzählung, die er in trunkenem Zustand, und ohne es recht zu wollen, vorgetragen hatte, und seine Bitte, nicht an ein listiges Verfahren von seiner Seite zu glauben, und endlich der Umstand, daß der Fürst, der vielleicht gewußt hatte, daß ich bei Masslobojew war, auf mich anderthalb Stunden hatte warten mögen, und daß Nelly von ihm weg auf die Straße gelaufen war – alles dies schien mir untereinander in einem gewissen Zusammenhang zu stehen. Dies gab mir Anlaß zu ernstem Nachdenken.

Am Tor erwartete uns die Equipage des Fürsten; wir stiegen ein und fuhren weg.

Achtes Kapitel

Wir hatten nicht weit zu fahren, nach der Torgowy-Brücke. Zunächst schwiegen wir. Ich dachte unterdessen: wie wird er das Gespräch mit mir anknüpfen? Ich meinte, er werde mich sondieren und den Versuch machen, etwas aus mir herauszuholen. Aber er begann ohne alle Umschweife zu reden und kam sogleich zur Sache:

»Es macht mir jetzt eine Frage große Sorge, Iwan Petrowitsch«, hob er an, »und ich möchte darüber vor allen Dingen mit Ihnen Rücksprache nehmen und Sie um Ihren Rat bitten: Ich habe schon vor längerer Zeit beschlossen, auf das Geld, das ich in meinem Prozeß gewonnen habe, zu verzichten und die Streitsumme im Betrag von zehntausend Rubel Herrn Ichmenew zu überlassen. Wie soll ich nun diese Überlassung bewerkstelligen?«

Mir schoß der Gedanke durch den Kopf: ›Es ist doch unmöglich, daß du nicht wüßtest, wie du das anfangen sollst! Willst du dich etwa nur über mich lustig machen?‹

»Das weiß ich nicht, Fürst«, antwortete ich in möglichst harmlosem Ton; »in der anderen Angelegenheit, das heißt, was Natalja Nikolajewna angeht, bin ich bereit, Ihnen alle für Sie und für uns notwendigen Mitteilungen zu machen; aber in diesem Punkt wissen Sie natürlich mehr als ich.«

»Nein, nein, sicherlich weniger. Sie sind mit ihnen bekannt, und vielleicht hat sogar Natalja Nikolajewna selbst Ihnen wiederholt ihre Gedanken über diesen Gegenstand ausgesprochen; und das würde für mich ein wichtiger Fingerzeig sein. Sie können mir dabei viel helfen; die Sache hat ihre sehr großen Schwierigkeiten. Ich bin bereit, ihm das Geld zu überlassen, und habe mir sogar fest vorgenommen, dies zu tun, ohne Rücksicht darauf, welchen Ausgang die andere Angelegenheit nimmt; Sie verstehen? Aber wie und in welcher Form ich diese Überlassung vornehmen soll, das ist die Frage. Der Alte ist stolz und eigensinnig; am Ende wird er mich zum Dank für meine Gutherzigkeit noch beleidigen und mir das Geld vor die Füße werfen . . .«

»Aber erlauben Sie, wie denken Sie über dieses Geld: gehört es Ihnen oder ihm?«

»Selbstverständlich bin ich der Ansicht, daß es mir gehört«, antwortete er, etwas pikiert über meine Ungeniertheit. »Übrigens scheinen Sie den eigentlichen Kernpunkt dieses Prozesses nicht zu kennen. Ich beschuldige den alten Mann nicht des absichtlichen Betruges und habe das, wie ich Sie versichern kann, niemals getan. Es war sein eigener freier Wille, das Vorhandensein einer Beleidigung zu behaupten. Seine Schuld besteht in Unachtsamkeit, in nachlässiger Ausführung der ihm anvertrauten Geschäfte, und nach unserer ursprünglichen Abrede war er für gewisse derartige Geschäfte haftbar. Aber wissen Sie wohl, daß auch das nicht der eigentliche Kern der Sache ist? Der Kern der Sache liegt in unserm Zank, in den wechselseitigen damaligen Beleidigungen, kurz, in dem beiderseitig verletzten Ehrgefühl. Ich hätte mich damals um diese elenden zehntausend Rubel vielleicht gar nicht gekümmert; aber es ist Ihnen selbstverständlich bekannt, weswegen und wie damals dieser ganze Prozeß entstand. Ich gebe zu, ich war argwöhnisch, ich war vielleicht im Unrecht (das heißt: damals); aber ich bemerkte das nicht, und in meinem Ärger, in dem Gefühl der Kränkung über seine Grobheiten wollte ich die Gelegenheit nicht aus der Hand lassen und strengte einen Prozeß an. Es scheint Ihnen vielleicht, daß dieses ganze Verfahren meinerseits nicht sehr anständig war. Ich will mich nicht zu rechtfertigen suchen; ich möchte nur bemerken, daß Jähzorn und Reizbarkeit des Ehrgefühls noch nicht von Mangel an anständiger Gesinnung zeugen, sondern etwas Natürliches und Menschliches sind, und ich wiederhole Ihnen: ich muß bekennen, daß ich damals Ichmenew noch so gut wie gar nicht kannte und all den Gerüchten über Aljoscha und seine Tochter völlig glaubte und somit auch an einen vorsätzlichen Diebstahl von Geld glauben konnte . . . Aber das nur nebenbei. Die Hauptsache ist: was soll ich jetzt tun? Ich möchte auf das Geld verzichten; aber wenn ich dabei sage, daß ich auch jetzt noch meine Sache in dem Prozeß für gerecht halte, so bedeutet das, daß ich ihm das Geld schenke. Und nun nehmen Sie noch die heikle Lage in bezug auf Natalja Nikolajewna hinzu . . . Er wird mir jedenfalls das Geld vor die Füße werfen . . .«

»Nun, sehen Sie, Sie sagen selbst: ›Er wird es mir vor die Füße werfen‹; folglich halten Sie ihn doch für einen ehrenhaften Menschen und können daher auch vollständig davon überzeugt sein, daß er Ihnen Ihr Geld nicht gestohlen hat. Wenn es aber so ist, warum wollen Sie dann nicht zu ihm hingehen und geradezu erklären, daß Sie Ihre Sache nicht für gerecht halten? Das wäre edel gedacht, und Ichmenew würde sich dann vielleicht nicht weigern, das Geld als ihm gehörig anzunehmen.«

»Hm! . . . als ihm gehörig; eben darum handelt es sich. In welche Lage bringen Sie mich dadurch? Ich soll hingehen und ihm erklären, ich hielte meine Sache nicht für gerecht. Aber dann wird mir jeder ins Gesicht sagen: ›Warum hast du denn dann einen Prozeß angestrengt, wenn du wußtest, daß du das Recht nicht auf deiner Seite hattest?‹ Das habe ich aber nicht verdient, da meine Klage rechtlich begründet war; ich habe nie gesagt oder geschrieben, daß er mich bestohlen hätte; aber von seinem Mangel an Vorsicht, von seiner Leichtfertigkeit, von seiner Unkenntnis der Geschäftsführung bin ich auch jetzt noch überzeugt. Dieses Geld gehört zweifellos mir, und daher wäre es mir peinlich, mich selbst zu verleumden. Schließlich, ich wiederhole es Ihnen, ist es eine eigene Erfindung des alten Mannes, daß ihm eine Beleidigung zugefügt sei; und da wollen Sie mich nun veranlassen, ihn wegen dieser Beleidigung um Entschuldigung zu bitten; das ist doch hart.«

»Mir scheint, wenn zwei Menschen sich versöhnen wollen, so . . .«

»So ist das leicht, meinen Sie?«

»Ja.«

»Nein, manchmal ist das sehr schwer, namentlich wenn . . .«

»Namentlich wenn damit noch andere Umstände verknüpft sind. Darin stimme ich Ihnen bei, Fürst. Die Angelegenheit mit Natalja Nikolajewna und Ihrem Sohn muß von Ihnen in allen Punkten, die von Ihnen abhängen, entschieden sein, und zwar in einer für die Familie Ichmenew völlig befriedigenden Weise. Erst dann können Sie sich mit Ichmenew auch über den Prozeß mit völliger Offenheit aussprechen. Jetzt aber, wo noch nichts entschieden ist, gibt es für Sie nur einen Weg: die Ungerechtigkeit Ihrer Klage zuzugeben und sie offen, nötigenfalls sogar vor der Öffentlichkeit, zu bekennen; das ist meine Meinung. Ich spreche zu Ihnen ganz aufrichtig, da Sie selbst mich ja um meine Meinung befragt und doch wohl nicht gewünscht haben, daß ich sie schlau verstecke. Das macht mich so kühn, Sie zu fragen: warum beunruhigen Sie sich denn so sehr um die Rückgabe dieses Geldes an Ichmenew? Wenn Sie bei diesem Prozeß das Recht auf Ihrer Seite zu haben glauben, warum wollen Sie dann das Geld zurückgeben? Verzeihen Sie meine Neugier; aber dies hängt mit den anderen Umständen eng zusammen.«

»Wie denken Sie darüber?« fragte er plötzlich, wie wenn er meine Frage gar nicht gehört hätte. »Sind Sie davon überzeugt, daß der alte Ichmenew die zehntausend Rubel zurückweisen wird, wenn sie ihm ohne alle Entschuldigungen und . . . und . . . ohne all solche Milderungsversuche angeboten werden?«

»Selbstverständlich wird er sie zurückweisen!«

Ich wurde ganz rot und zuckte ordentlich zusammen vor Empörung. Diese unverschämte, zynische Frage wirkte auf mich, wie wenn mir der Fürst geradezu ins Gesicht gespien hätte. Und zu meiner Kränkung trug noch etwas anderes bei: die brutale, vornehme Manier, mit der er, ohne auf meine Frage zu antworten, wie wenn er sie gar nicht gehört hätte, seinerseits eine Frage stellte, wahrscheinlich um mir zu verstehen zu geben, daß ich zu weit gegangen und zu familiär geworden sei, indem ich mich erdreistet hätte, ihm solche Fragen vorzulegen. Diese vornehme Manier war mir widerwärtig, ja geradezu verhaßt, und ich hatte mich früher aus aller Kraft bemüht, sie Aljoscha abzugewöhnen.

»Hm! . . . Sie sind zu hitzig; aber in der Welt werden manche Dinge nicht so behandelt, wie Sie sich das vorstellen«, bemerkte der Fürst ruhig auf meinen Ausruf. »Ich glaube übrigens, daß darüber auch Natalja Nikolajewna mitreden könnte; machen Sie ihr doch Mitteilung davon! Sie könnte einen Rat geben.«

»Fällt mir nicht ein!« erwiderte ich grob. »Sie haben nicht beliebt, zu Ende zu hören, was ich soeben anfing Ihnen zu sagen, und haben mich unterbrochen. Natalja Nikolajewna wird einsehen, daß, wenn Sie das Geld ohne aufrichtige Aussprache und ohne all diese, wie Sie sich ausdrücken, Milderungsversuche zurückgeben, dies nichts anderes bedeutet, als daß Sie dem Vater für die Tochter und ihr für Aljoscha eine pekuniäre Entschädigung zahlen . . .«

»Hm! . . . Also so haben Sie mich verstanden, mein bester Iwan Petrowitsch!« Der Fürst lachte. Warum lachte er? »Indessen«, fuhr er fort, »wir haben noch so vieles, so vieles miteinander zu besprechen. Aber jetzt haben wir keine Zeit. Ich bitte Sie nur, eines im Auge zu behalten: die Sache betrifft direkt Natalja Nikolajewna und ihre ganze Zukunft, und all das hängt zum Teil davon ab, wie wir beide, Sie und ich, darüber befinden und worauf wir uns einigen. Sie sind dabei unentbehrlich; das sehen Sie selbst. Und darum können Sie, wenn Sie auch fernerhin Natalja Nikolajewnas treuer Anhänger bleiben, mir eine Unterredung nicht abschlagen, so unsympathisch ich Ihnen auch sein mag. Aber wir sind am Ziel . . . à bientôt!«

Neuntes Kapitel

Die Gräfin lebte in einer prachtvollen Umgebung. Die Zimmer waren komfortabel und geschmackvoll möbliert, dennoch durchaus nicht luxuriös. Alles trug jedoch den Charakter eines nur provisorischen Domizils; dies war nur ein anständiges Quartier für eine gewisse Zeit, aber nicht der ständige, feste Wohnsitz einer reichen Familie mit aller Großartigkeit des Herrenstandes und mit allen seinen zur Notwendigkeit gewordenen launischen Eigenheiten. Es ging das Gerücht, die Gräfin werde im Sommer auf ihr (sehr heruntergekommenes und mit Hypotheken überlastetes) Gut nach dem Gouvernement Simbirsk fahren, und der Fürst werde sie begleiten. Ich hatte schon davon gehört und mit ernster Sorge gedacht: ›Wie wird sich Aljoscha verhalten, wenn Katja mit der Gräfin wegfährt?‹ Mit Natascha hatte ich noch nicht darüber gesprochen; ich fürchtete mich; aber aus gewissen Anzeichen glaubte ich zu ersehen, daß auch ihr dieses Gerücht bekannt geworden war. Aber sie schwieg und litt im stillen.

Die Gräfin empfing mich sehr freundlich, streckte mir liebenswürdig die Hand entgegen und versicherte, daß sie schon lange gewünscht habe, mich bei sich zu sehen. Sie schenkte selbst den Tee aus einem schönen, silbernen Samowar ein, um den wir uns gruppierten, ich, der Fürst und noch ein sehr vornehmer, schon bejahrter Herr mit einem Ordensstern, einem etwas steifen Benehmen und diplomatischen Manieren. Dieser Gast schien sehr respektiert zu werden. Die Gräfin hatte nach ihrer Rückkehr aus dem Ausland in diesem Winter noch nicht die Möglichkeit gehabt, in Petersburg größere Verbindungen anzuknüpfen und ihre Position zu festigen, wie das ihren Wünschen und Erwartungen entsprochen hätte. Außer diesem Gast war niemand anwesend, und es erschien auch den ganzen Abend über niemand weiter. Ich suchte mit den Augen Katerina Fjodorowna; sie war mit Aljoscha im Nebenzimmer, kam aber, als sie von unserem Kommen hörte, sogleich zu uns herein. Der Fürst küßte ihr liebenswürdig die Hand; die Gräfin aber machte ihr eine auf mich hinweisende Handbewegung, worauf uns der Fürst sofort miteinander bekannt machte. Ich betrachtete sie mit ungeduldiger Aufmerksamkeit: Sie war eine zarte Blondine, weiß gekleidet, von kleiner Statur, mit stillem, ruhigem Gesichtsausdruck, mit unwahrscheinlich blauen Augen, wie Aljoscha gesagt hatte, mit der Schönheit der Jugend, weiter nichts. Ich hatte erwartet, ein Ideal von Schönheit zu sehen; aber eigentliche Schönheit besaß sie nicht. Ein regelmäßiges, fein gezeichnetes Gesichtsoval, sehr regelmäßige Züge, dichtes, wirklich schönes Haar, eine schlichte Frisur fürs Haus, ein stiller, fester Blick – wäre ich ihr irgendwo begegnet, so wäre ich an ihr vorbeigegangen, ohne ihr irgendwelche besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden; aber das war nur der Eindruck beim ersten Blick, und ich lernte sie später, im Verlauf dieses Abends, wesentlich besser kennen. Schon allein die Art, wie sie mir die Hand reichte und mir mit naiver, gespannter Aufmerksamkeit in die Augen sah, ohne ein Wort zu sagen, überraschte mich durch ihre Seltsamkeit, und unwillkürlich lächelte ich sie an. Ich hatte die bestimmte Empfindung, ein Wesen mit wahrhaft reinem Herzen vor mir zu haben. Die Gräfin verwandte kein Auge von ihr. Nachdem Katja mir die Hand gedrückt hatte, ging sie mit einer gewissen Hast von mir weg und setzte sich am anderen Ende des Zimmers mit Aljoscha zusammen hin. Aljoscha hatte mir bei der Begrüßung zugeflüstert: »Ich bleibe hier nur einen Augenblick; dann gehe ich gleich dorthin.«

Der ›Diplomat‹ (ich kenne seinen Familiennamen nicht und nenne ihn daher, um ihn irgendwie zu bezeichnen, den Diplomaten) entwickelte in ruhiger, würdevoller Redeweise irgendeine Idee. Der Fürst lächelte zustimmend in schmeichelhafter Weise; der Redende wandte sich häufig an ihn, wahrscheinlich weil er ihn für einen würdigen Zuhörer erachtete. Es wurde mir Tee gereicht, und dann ließ man mich in Ruhe, womit ich sehr zufrieden war. Inzwischen musterte ich die Gräfin. Mein erster Eindruck war der, daß sie mir sozusagen wider meinen Willen gefiel. Sie war vielleicht in Wirklichkeit nicht mehr jung; aber mir schien sie nicht älter als achtundzwanzig Jahre zu sein. Ihr Gesicht sah noch frisch aus und war früher einmal, in ihrer ersten Jugend, gewiß sehr hübsch gewesen. Das dunkelblonde Haar war noch recht dicht; ihr Blick war außerordentlich gutmütig, hatte aber etwas Flatterhaftes, Mutwilliges, Spöttisches. Jetzt jedoch suchte sie sich aus irgendeinem Grund zu beherrschen. In diesem Blick kam auch viel Verstand zum Ausdruck, aber vor allem Gutherzigkeit und Heiterkeit. Ihre Haupteigenschaften waren, wie es mir schien, ein gewisser Leichtsinn, Vergnügungssucht und ein gutmütiger Egoismus, letzterer vielleicht sogar von bedeutender Dimension. Sie stand ganz unter der Botmäßigkeit des Fürsten, der auf sie einen außerordentlich großen Einfluß ausübte. Ich wußte, daß sie ein Verhältnis miteinander hatten, und hatte auch gehört, daß er, während sie sich beide im Ausland aufhielten, für einen Liebhaber recht wenig eifersüchtig gewesen war; aber es wollte mir immer scheinen (und es scheint mir auch jetzt so), daß es, abgesehen von ihren früheren Beziehungen, noch ein anderes einigermaßen geheimnisvolles Band zwischen ihnen gab, eine Art von wechselseitiger Verpflichtung, die auf irgendwelcher Spekulation beruhte; kurz, etwas in dieser Art mußte vorliegen. Ich wußte auch, daß der Fürst im gegenwärtigen Augenblick ihrer überdrüssig war, daß ihre Beziehungen aber trotzdem nicht abgebrochen worden waren. Vielleicht bildeten das Bindemittel damals besonders gewisse Pläne in bezug auf Katja, Pläne, zu denen die Initiative natürlich auf den Fürsten zurückging. Auf dieser Grundlage war der Fürst auch von einer Heirat mit der Gräfin losgekommen; die Gräfin hatte tatsächlich verlangt, daß er sie heirate; er aber hatte sie überredet, dazu mitzuwirken, daß eine Ehe Aljoschas mit ihrer Stieftochter zustande käme.Wenn der Fürst die Gräfin heiratete, so konnte nach orthodoxem Kirchenrecht sein Sohn nicht mehr die Stieftochter der Gräfin heiraten, und umgekehrt; diese Ehe schloß die andere aus. Das hatte ich wenigstens aus den früheren naiven Mitteilungen Aljoschas geschlossen, der doch etwas davon hatte merken müssen. Es schien mir auch, zum Teil auf Grund ebenderselben Mitteilungen, daß der Fürst, obwohl die Gräfin vollständig unter seiner Herrschaft stand, doch irgendwelchen Grund hatte, sie zu fürchten. Selbst Aljoscha hatte das bemerkt. Ich erfuhr später, daß der Fürst sehr wünschte, die Gräfin mit jemandem zu verheiraten, und daß er mit in dieser Absicht sie zu der Reise nach dem Gouvernement Simbirsk überredet hatte, weil er in der Provinz einen passenden Mann für sie zu finden hoffte.

Ich saß und hörte zu und zerbrach mir den Kopf darüber, wie ich es möglich machen könnte, recht bald mit Katerina Fjodorowna unter vier Augen zu reden. Der Diplomat antwortete auf eine Frage der Gräfin nach dem derzeitigen Stand der Dinge im Staat, nach den beginnenden Reformen und ob man sie fürchten müsse oder nicht. Er redete viel und lange, in ruhigem, autoritativem Ton. Er entwickelte seinen Gedanken scharfsinnig und klug; aber der Gedanke selbst war widerwärtig. Er behauptete namentlich, dieser ganze Geist der Reformen und Verbesserungen werde sehr bald bestimmte Früchte zeitigen; wenn man dann diese Früchte sehe, werde man wieder zur Vernunft kommen, und dieser neue Geist werde nicht nur in der Gesellschaft (selbstverständlich meinte er damit nur einen gewissen Teil derselben) wieder vergehen, sondern man werde auch durch diese Erfahrung den begangenen Irrtum erkennen und dann mit verdoppelter Energie die alten Einrichtungen aufrechterhalten. Das jetzige Experiment, so traurig es an sich sei, werde sich doch als sehr nützlich erweisen; denn es werde lehren, daß man die allein Rettung bringenden alten Einrichtungen aufrechterhalten müsse, und werde dafür neue Mittel an die Hand geben; mithin müsse man sogar wünschen, daß jetzt so bald wie möglich mit den Reformen bis zum äußersten Grad der Unvorsichtigkeit vorgegangen werde. »Ohne uns geht es nicht«, schloß er; »ohne uns hat noch nie ein sozialer Zustand Dauer gehabt. Wir werden nicht verlieren, sondern im Gegenteil noch gewinnen; wir werden wieder obenauf kommen, und unsere Devise muß im jetzigen Augenblick sein: Pire ça va, mieux ça est!« Der Fürst lächelte ihm beifällig zu; es war ein widerliches Lächeln. Der Redner war mit sich völlig zufrieden. Ich war so dumm, daß ich etwas darauf erwidern wollte; denn in mir kochte es. Aber ein boshafter Blick des Fürsten hielt mich zurück; dieser Blick glitt flüchtig nach der Gegend hin, wo ich saß, und es schien mir, als erwarte der Fürst tatsächlich einen absonderlichen, jünglingshaften Gefühlsausbruch von meiner Seite; er wünschte das sogar vielleicht, um sich daran zu ergötzen, wie ich mich bloßstellte. Zugleich war ich fest davon überzeugt, daß der Diplomat unfehlbar meine Erwiderung und vielleicht sogar mich selbst unbeachtet lassen werde. Es wurde mir zu einer wahren Pein, mit diesen Menschen zusammenzusitzen; aber Aljoscha wurde mein Retter.

Er trat sachte zu mir heran, berührte mich an der Schulter und bat mich, auf ein paar Worte mitzukommen. Ich erriet, daß er von Katja geschickt war. So war es auch. Einen Augenblick darauf saß ich bereits neben ihr. Anfangs blickte sie mich nur unverwandt an, wie wenn sie im stillen sagte: ›Also so siehst du aus!‹, und im ersten Augenblick fanden wir beide nicht die richtigen Worte, um das Gespräch zu beginnen. Ich war jedoch überzeugt, daß sie nur anzufangen brauchte, um dann nicht wieder aufzuhören, und wenn es bis zum anderen Morgen dauerte. Es huschte mir ein Gedanke an das ›fünf- bis sechsstündige Gespräch‹ durch den Kopf, das Aljoscha einmal erwähnt hatte. Aljoscha saß bei uns und wartete mit Ungeduld darauf, daß wir anfangen würden zu reden.

»Warum redet ihr denn nicht?« fragte er, indem er uns lächelnd anblickte. »Nun sind sie zusammengekommen und schweigen!«

»Ach, Aljoscha, wie du auch bist . . . wir werden gleich miteinander reden«, antwortete Katja. »Wir haben ja so vieles zusammen zu besprechen, Iwan Petrowitsch, daß ich gar nicht weiß, womit ich anfangen soll. Wir sind sehr spät miteinander bekannt geworden; es hätte schon viel früher geschehen sollen; ich kenne Sie allerdings schon lange. Und ich habe so sehr gewünscht, Sie zu sehen. Ich habe sogar schon daran gedacht, Ihnen einen Brief zu schreiben . . .«

»Worüber denn?« fragte ich, unwillkürlich lächelnd.

»Über alles mögliche«, antwortete sie ganz ernsthaft. »Zum Beispiel darüber, ob es richtig ist, was er von Natalja Nikolajewna erzählt, daß sie es nicht übelnimmt, wenn er sie gerade in dieser Zeit allein läßt. Nun, darf sich denn jemand so benehmen, wie er es tut? Nun, warum sitzt du denn hier, sag doch mal!«

»Ach, mein Gott, ich werde ja gleich hinfahren. Ich habe ja gesagt, daß ich nur noch einen Augenblick hierbleiben und sehen will, wie ihr beide miteinander redet, und dann will ich sofort hin.«

»Aber was tun wir beide denn hier zusammen, was dich so interessiert? Nun, da sitzen wir, hast du es gesehen? Und so ist er immer«, fügte sie, leise errötend, hinzu und wies mit dem Finger auf ihn. »›Ein Augenblickchen,‹ sagt er, ›nur ein Augenblickchen!‹, aber ehe man es sich versieht, hat er bis Mitternacht dagesessen, und dann ist es für andere Besuche zu spät. Er sagt: ›Sie wird nicht böse darüber; sie hat ein gutes Herz!‹ Das ist seine Denkungsweise! Nun, ist das hübsch? Ist das edel?«

»Nun, meinetwegen, ich will hinfahren«, antwortete Aljoscha in kläglichem Ton. »Ich wäre nur so gern noch ein bißchen bei euch geblieben . . .«

»Was hast du denn von uns? Wir müssen vielmehr über viele Dinge unter vier Augen sprechen. Aber höre, nimm das nicht übel; es ist eben notwendig; versteh das wohl!«

»Wenn das notwendig ist, dann will ich sogleich . . . was ist dabei übelzunehmen? Ich will nur noch auf ein Augenblickchen zu Lew und dann gleich zu ihr. Noch eins, Iwan Petrowitsch«, fuhr er fort, während er nach seinem Hut griff, »Sie wissen, daß mein Vater auf das Geld verzichten will, das er in dem Prozeß mit Ichmenew gewonnen hat?«

»Ja, ich weiß es; er hat es mir gesagt.«

»Wie edel er daran handelt! Katja glaubt nicht, daß das edel von ihm gehandelt ist. Setzen Sie ihr das doch auseinander! Leb wohl, Katja, und, bitte, zweifle nicht daran, daß ich Natascha liebe. Und warum gebt ihr alle mir solche Vorschriften und macht mir Vorwürfe und beobachtet mein Tun und Lassen, gerade als stände ich unter eurer Aufsicht? Sie weiß, wie sehr ich sie liebe, und hat Vertrauen zu mir, und ich weiß, daß sie zu mir Vertrauen hat. Ich liebe sie ohne alle Künsteleien, ohne alle Verpflichtungen. Ich weiß nicht, wie ich sie liebe. Ich liebe sie einfach. Und darum ist gar kein Grund vorhanden, mich wie einen Verbrecher ins Verhör zu nehmen. Da, frage nur Iwan Petrowitsch; jetzt ist er hier und wird es dir bestätigen, daß Natascha eifersüchtig ist und daß sie mich zwar sehr liebt, daß aber in ihrer Liebe doch viel Egoismus steckt, weil sie mir nichts zum Opfer bringen will.«

»Wie meinen Sie das?« fragte ich erstaunt; ich traute meinen Ohren nicht.

»Was redest du da, Aljoscha?« rief Katja, beinah schreiend, und schlug die Hände zusammen.

»Nun ja; was gibt's da sich zu wundern? Iwan Petrowitsch weiß es. Sie verlangt immer, daß ich bei ihr bleiben soll. Und wenn sie es auch nicht mit Worten verlangt, so ist doch deutlich, daß sie es gern möchte.«

»Schämst du dich denn nicht? Schämst du dich denn nicht?« sagte Katja, die vor Zorn ganz rot geworden war.

»Warum soll ich mich denn schämen? Aber wirklich, wie du auch bist, Katja! Ich liebe sie ja mehr, als sie glaubt; aber wenn sie mich in der richtigen Art liebte, so wie ich sie liebe, dann brächte sie mir gewiß ihr Vergnügen zum Opfer. Sie schickt mich allerdings selbst weg; aber ich sehe es ihr ja am Gesicht an, daß ihr das schmerzlich ist; also ist es für mich ganz dasselbe, wie wenn sie mich zurückhielte.«

»Nein, da steckt etwas dahinter!« rief Katja, indem sie sich mit zornfunkelnden Augen wieder an mich wandte. »Gestehe, Aljoscha, gestehe sofort: alles das hat dir dein Vater gesagt? Heute gesagt? Und bitte, suche mich nicht zu täuschen: ich bekomme es doch sofort heraus! Ist es so oder nicht?«

»Nun ja, er hat es zu mir gesagt«, antwortete Aljoscha verlegen. »Aber was ist dabei? Er hat mit mir heute so freundlich und herzlich gesprochen; und sie hat er mir gegenüber immer gelobt, so daß ich ordentlich erstaunt war: sie hat ihn beleidigt, und er lobt sie noch!«

»Und Sie, Sie haben ihm geglaubt«, sagte ich, »Sie, dem sie alles gegeben hat, was sie nur geben konnte? Ja selbst jetzt, noch heute, war ihre einzige Sorge, Sie könnten sich bei ihr unbehaglich fühlen und sie könnte Ihnen an dem Besuch bei Katerina Fjodorowna hinderlich sein! Das hat sie mir selbst heute gesagt. Und auf einmal haben Sie diesen Lügenreden Glauben geschenkt! Schämen Sie sich denn nicht?«

»Du Undankbarer! Aber er schämt sich ja nie, über nichts!« sagte Katja mit einer wegwerfenden Handbewegung nach ihm hin, als ob er ein total verdorbener Mensch wäre.

»Aber was wollt ihr denn eigentlich?« fuhr Aljoscha in kläglichem Ton fort. »Und so bist du immer, Katja! Immer findest du an mir nur Schlechtes . . . Von Iwan Petrowitsch will ich schon gar nicht reden! Ihr glaubt, daß ich Natascha nicht liebe. Das mit ihrem Egoismus habe ich anders gemeint. Ich wollte nur sagen, daß sie mich gar zu sehr liebt, in einer maßlosen Weise, und daß sie dadurch sowohl mir als auch sich selbst das Leben schwer macht. Mein Vater aber wird mich nie betrügen, selbst wenn er es wollte. Ich lasse mich nicht betrügen. Er hat überhaupt nicht gesagt, daß sie eine Egoistin wäre, im schlimmen Sinn des Wortes; ich habe ihn ganz gut verstanden. Er hat alles genau so gesagt, wie ich es jetzt wiedergegeben habe: ihre Liebe zu mir sei so groß und übermäßig, daß sie geradezu zum Egoismus werde; sie mache dadurch sowohl mir als auch sich selbst das Leben schwer, und das werde später für mich noch schlimmer werden. Na, damit hat er doch die Wahrheit gesagt, aus Liebe zu mir, und darin liegt doch nichts Beleidigendes für Natascha; im Gegenteil hat er anerkannt, daß ihre Liebe sehr groß ist, ja übermäßig, geradezu sinnlos . . .«

Aber Katja unterbrach ihn und ließ ihn nicht zu Ende reden. Sie machte ihm heftige Vorwürfe und bewies ihm, daß sein Vater nur deswegen Natascha zuerst gelobt habe, um ihn durch seine scheinbare Güte zu täuschen, und nur in der Absicht, heimlich und unmerklich Aljoscha selbst gegen sie aufzuwiegeln und so ihre Verbindung zu zerreißen. Sie setzte ihm mit ebensoviel Wärme als Klugheit auseinander, daß Natascha ihn liebe, daß aber keine Liebe das verzeihen könne, was er ihr antue, und daß der wahre Egoist hierbei er selbst, Aljoscha, sei. Allmählich brachte Katja ihn in einen Zustand schrecklicher Traurigkeit und tiefer Reue; er saß mit niedergeschlagenen Augen und einer Märtyrermiene neben uns, gab keine Antworten mehr und schien völlig vernichtet zu sein. Aber Katja war unerbittlich. Ich betrachtete sie mit größter Spannung. Es war mein lebhafter Wunsch, dieses seltsame Mädchen sobald wie möglich kennenzulernen. Sie war noch vollständig Kind, aber ein merkwürdiges Kind mit bestimmten Ansichten, festen Grundsätzen und einer leidenschaftlichen angeborenen Liebe zum Guten und zur Gerechtigkeit. Wenn man sie wirklich noch ein Kind nennen konnte, so gehörte sie zu der Kategorie der denkenden Kinder, die in unseren Familien ziemlich zahlreich sind. Es war klar, daß sie schon viel nachgedacht hatte. Es mußte interessant sein, in dieses denkende Köpfchen hineinzublicken und zu sehen, wie sich dort rein kindliche Ideen und Vorstellungen mit ernsten, aus eigener Erfahrung gewonnenen Gefühlen und Lebensbeobachtungen (denn Katja hatte schon gelebt) mischten und zugleich auch mit Ideen, die ihr noch unverständlich waren und nicht ihrer Erfahrung entstammten, sondern ihr theoretisch, in Büchern, imponiert hatten; diese letzteren Ideen waren wahrscheinlich sehr zahlreich, und sie bildete sich wohl ein, durch eigene Erfahrung zu ihnen gelangt zu sein. Im Verlauf dieses ganzen Abends und in der Folgezeit habe ich, wie ich glaube, Katja ziemlich gut kennengelernt. Ihr Herz war leicht erregbar und den Affekten zugänglich. In manchen Fällen verschmähte sie gewissermaßen die Kunst der Selbstbeherrschung, stellte die Wahrheit über alles, hielt den gesamten Zwang des gesellschaftlichen Lebens für törichte konventionelle Form und war, wie es schien, auf diese Anschauung stolz, wie man das bei vielen temperamentvollen Menschen findet, sogar bei solchen, die über die Jahre der Jugend schon hinaus sind. Aber gerade das verlieh ihr einen besonderen Reiz. Sie liebte es sehr, nachzudenken und nach der Wahrheit zu forschen, verfuhr aber dabei so frei von aller Pedanterie und mit so kindlicher Munterkeit, daß man gleich beim ersten Blick dieses ihr originelles Benehmen nett fand und sich mit ihm aussöhnte. Ich dachte an Lew und Boris, und es schien mir, daß das alles durchaus in der Natur der Dinge liege. Und merkwürdig: ihr Gesicht, an dem ich beim ersten Blick nichts besonders Schönes wahrgenommen hatte, wurde gleich an diesem Abend mit jedem Augenblick für mich immer schöner und anziehender. Diese naive Verquickung von Kind und denkendem Weib, dieser kindliche und im höchsten Grad aufrichtige Durst nach Wahrheit und Gerechtigkeit und dieser unerschütterliche Glaube an den Erfolg des eigenen Strebens, all dies erleuchtete ihr Gesicht gleichsam von innen heraus mit einem schönen Licht und verlieh ihm eine hohe, geistige Schönheit, und man begriff, daß es einem nicht so schnell gelingen konnte, diese Schönheit, die sich nicht jedem gewöhnlichen, gleichgültigen Blick darbot, in ihrem ganzen Umfang und Inhalt zu erfassen. Und es wurde mir verständlich, daß Aljoscha sich zu ihr leidenschaftlich hingezogen fühlen mußte. Er, der nicht selbst denken und urteilen konnte, liebte gerade diejenigen, die für ihn dachten und dies sogar gern taten; Katja aber hatte ihn schon ganz unter ihre Vormundschaft genommen. Sein Herz war von unerschütterlichem Edelsinn und unterwarf sich allem, was ehrenhaft und schön war; Katja aber hatte schon mit all der Offenheit, die eine Folge ihres kindlichen Wesens und ihrer Sympathie mit ihm war, ihn in ihren Gesprächen vieles von ihrer Seele sehen lassen. Er besaß nicht eine Spur von eigener Willenskraft; sie dagegen hatte einen sehr energischen, kräftigen, feurig aufflammenden Willen; Aljoscha aber konnte sich nur an jemand anschließen, der imstande war, ihn zu beherrschen und ihm geradezu zu befehlen. Dies war es auch zum Teil gewesen, was ihn in der ersten Zeit seiner Verbindung mit Natascha an diese gefesselt hatte; aber Katja hatte etwas sehr Wesentliches vor Natascha voraus: sie war selbst noch Kind, und es war zu erwarten, daß sie noch lange Kind bleiben würde. Diese ihre Kindlichkeit, ihr klarer Verstand und gleichzeitig ein gewisser Mangel an Urteilskraft, alle diese Momente machten sie zu Aljoschas Geistesverwandter. Er fühlte das, und daher übte Katerina auf ihn eine immer stärker werdende Anziehungskraft aus. Ich bin überzeugt, daß, wenn sie miteinander unter vier Augen sprachen, sie neben ernsten Auseinandersetzungen Katjas über »Propaganda« sich auch manchmal über Spielsachen unterhielten. Und obgleich Katja ihn wahrscheinlich sehr oft abkanzelte und ihn schon ganz in ihrer Botmäßigkeit hielt, so fühlte er sich im Verkehr mit ihr doch behaglicher als mit Natascha. Sie waren gleichartiger, und das war die Hauptsache.

»Hör auf, Katja, hör auf; genug davon; das Resultat ist immer, daß du recht hast und ich unrecht. Das kommt daher, daß deine Seele reiner ist als die meine«, sagte Aljoscha, indem er aufstand und ihr zum Abschied die Hand reichte. »Ich will sofort zu ihr, ohne erst zu Lew zu fahren.«

»Bei Lew hast du auch gar nichts zu tun; daß du aber jetzt folgsam bist und zu ihr fährst, das ist sehr liebenswürdig von dir.«

»Und du bist tausendmal liebenswürdiger als alle«, antwortete Aljoscha betrübt. »Iwan Petrowitsoh, ich möchte noch ein paar Worte mit Ihnen reden.«

Wir traten einige Schritte zur Seite.

»Ich habe mich heute unwürdig benommen«, flüsterte er mir zu; »ich habe mich gemein betragen; ich muß mich vor allen Menschen der Welt schämen und habe mich am allermeisten gegen die beiden vergangen. Heute nach dem Mittagessen machte mich mein Vater mit Mademoiselle Alexandrine bekannt, einer Französin, einem entzückenden Weib. Ich . . . ließ mich hinreißen und . . . nun, was soll ich noch weiter sagen, ich bin nicht mehr wert, mit ihnen zu verkehren . . . Leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch!«

»Er ist ein guter, edel denkender Mensch«, sagte Katja eilig, als ich mich wieder zu ihr setzte; »aber über ihn werden wir später noch viel zu sprechen haben; jetzt müssen wir uns vor allen Dingen über einen Punkt einigen: wie denken Sie über den Fürsten?«

»Ich halte ihn für einen sehr schlechten Menschen.«

»Ich ebenfalls. Also sind wir darin einer Meinung; dadurch werden uns die weiteren Erörterungen erleichtert werden. Nun zu Natalja Nikolajewna! . . . Wissen Sie, Iwan Petrowitsch, ich sitze hier sozusagen im Dunkeln und habe auf Sie gewartet wie auf das Licht. Sie müssen mir das alles erklären; denn gerade in diesem Hauptpunkt beruht mein Urteil nur auf Mutmaßungen, auf dem, was mir Aljoscha erzählt hat. Und außer ihm hatte ich bisher niemand, von dem ich hätte etwas erfahren können. Sagen Sie erstens (und das ist die Hauptsache), wie denken Sie darüber: werden Aljoscha und Natascha miteinander glücklich sein? Das muß ich vor allen Dingen wissen, um mir ein endgültiges Urteil zu bilden; erst dann werde ich wissen, wie ich selbst zu handeln habe.«

»Wie kann man aber das mit Sicherheit sagen?«

»Mit Sicherheit kann man es natürlich nicht sagen«, unterbrach sie mich. »Aber was ist Ihre Ansicht? Denn Sie sind ein sehr verständiger Mensch.«

»Meiner Ansicht nach können sie miteinander nicht glücklich sein.«

»Warum denn nicht?«

»Sie sind nicht gleichartig.«

»Das hatte ich mir doch gedacht!«

Sie faltete wie in tiefem Kummer die Hände.

»Setzen Sie mir das eingehender auseinander! Hören Sie: Ich möchte schrecklich gern mit Natascha zusammenkommen; denn ich habe mit ihr vieles zu besprechen und meine, daß wir beide, sie und ich, für alle schwebenden Fragen die richtige Lösung finden werden. Jetzt aber muß ich mir immer nur so im Kopf ein Bild von ihr machen: sie ist gewiß furchtbar klug, ernst, wahrheitsliebend und schön. Nicht wahr?«

»Ja.«

»Davon bin ich überzeugt gewesen. Nun aber, wenn sie so ist, wie hat sie denn Aljoscha, einen solchen Knaben, liebgewinnen können? Das erklären Sie mir! Ich denke oft darüber nach.«

»Das läßt sich nicht erklären, Katerina Fjodorowna; es ist schwer, zu verstehen, warum und wie jemand einen anderen liebgewinnen kann. Ja, er ist ein Kind. Aber wissen Sie wohl, daß man auch ein Kind liebgewinnen kann?« (Das Herz wurde mir ganz weich, während ich sie so ansah und ihr in die Augen blickte, die unverwandt mit tiefer, ernster, ungeduldiger Aufmerksamkeit auf mich gerichtet waren.) »Und je weniger Ähnlichkeit Natascha selbst mit einem Kind hat«, fuhr ich fort, »je ernster sie ist, um so eher konnte sie ihn liebgewinnen. Er ist wahrheitsliebend, aufrichtig, schrecklich naiv und manchmal in seiner Naivität allerliebst. Vielleicht hat sie ihn . . . wie soll ich mich ausdrücken? . . . vielleicht hat sie ihn sozusagen aus Mitleid liebgewonnen. Ein hochgesinntes Herz kann jemanden aus Mitleid liebgewinnen . . . Ich fühle jedoch, daß ich nicht imstande bin, Ihnen in dieser Hinsicht etwas zu erklären; statt dessen möchte ich an Sie selbst die Frage richten: Sie lieben ihn ja doch?«

Ich stellte ihr kühn diese Frage und fühlte, daß ich durch die Eilfertigkeit derselben die völlige, kindliche Reinheit ihrer klaren Seele nicht trüben konnte.

»Ich weiß es wirklich noch nicht«, antwortete sie mir leise, indem sie mir mit hellem Blick in die Augen sah; »aber ich glaube, ich liebe ihn sehr . . .«

»Nun, also sehen Sie! Können Sie aber auseinandersetzen, warum Sie ihn lieben?«

»Er ist ohne Falsch«, antwortete sie nach einigem Nachdenken. »Und wenn er mir gerade in die Augen blickt und dabei redet, so gefällt mir das . . . Hören Sie, Iwan Petrowitsch, da rede ich nun mit Ihnen davon, und ich bin ein Mädchen und Sie ein Mann: ist das nun gut von mir gehandelt oder schlecht?«

»Was kann denn daran schlecht sein?«

»Das meine ich auch. Gewiß, was kann daran schlecht sein? Aber die da« (sie deutete mit den Augen nach der Gruppe hin, die um den Samowar saß), »die würden gewiß sagen, es sei schlecht. Haben sie nun recht oder unrecht?«

»Unrecht! Da Sie in Ihrem Herzen nicht das Gefühl haben, schlecht zu handeln, so . . .«

»Ja, so mache ich es immer«, unterbrach sie mich; sie hatte es offenbar eilig, da sie noch recht vieles mit mir besprechen wollte. »Sobald ich über irgend etwas im unklaren bin, befrage ich sogleich mein Herz, und wenn das ruhig ist, dann bin ich auch selbst ruhig. So muß man es immer machen. Und mit Ihnen rede ich deshalb so ganz offen, als ob ich mit mir selbst spräche, weil Sie erstens ein prächtiger Mensch sind und ich von Ihren früheren Beziehungen zu Natascha weiß, vor dem Verhältnis mit Aljoscha, und ich habe geweint, als ich es hörte.«

»Wer hat Ihnen denn das erzählt?«

»Natürlich Aljoscha, und er weinte selbst dabei: das war sehr gut von ihm und gefiel mir sehr. Mir scheint, daß er Sie mehr liebt als Sie ihn, Iwan Petrowitsch. Sehen Sie, durch solche Züge hat er mir eben gefallen. Nun, und zweitens rede ich mit Ihnen deshalb so aufrichtig wie mit mir selbst, weil Sie ein sehr kluger Mensch sind und mir viele gute Ratschläge geben und mich belehren können.«

»Woher wissen Sie denn, daß ich so klug bin, Sie belehren zu können?«

»Ach, was ist das für eine Frage!«

Sie dachte nach.

»Ich habe ja davon nur so nebenbei angefangen zu reden; lassen Sie uns nun von der Hauptsache sprechen! Belehren Sie mich, Iwan Petrowitsch: Sehen Sie, ich fühle jetzt, daß ich Nataschas Nebenbuhlerin bin; ich weiß das; wie soll ich nun handeln? Aus diesem Grund habe ich Sie auch gefragt, ob die beiden miteinander glücklich sein werden. Ich denke darüber Tag und Nacht nach. Nataschas Lage ist schrecklich, ganz schrecklich! Er hat ja ganz aufgehört, sie zu lieben, und mich liebt er von Tag zu Tag mehr. Es ist doch so?«

»Es scheint allerdings so.«

»Und dabei betrügt er sie nicht. Er weiß selbst nicht, daß er aufhört, sie zu lieben; sie aber weiß es sicherlich. Welche Qualen mag sie da ausstehen!«

»Was wollen Sie nun tun, Katerina Fjodorowna?«

»Ich habe eine ganze Menge Pläne«, antwortete sie ernst, »bin aber in großer Verwirrung. Eben deswegen habe ich Sie mit solcher Ungeduld erwartet, damit Sie mir alle diese Zweifel lösen. Sie kennen die ganze Angelegenheit weit besser als ich. Sie sind für mich jetzt sozusagen ein Gott. Hören Sie, am Anfang hatte ich so gedacht: ›Wenn sie einander lieben, so ist es recht und billig, daß sie glücklich werden, und daher muß ich mich zum Opfer bringen und ihnen helfen.‹ So ist es doch?«

»Ich weiß, daß Sie sich zum Opfer gebracht haben.«

»Ja, ich habe mich zum Opfer gebracht; aber dann später, als er anfing, häufiger zu mir zu kommen und mich immer mehr zu lieben, da wurde ich nachdenklich und denke nun immer: »Soll ich mich zum Opfer bringen oder nicht?« Das ist doch sehr schlecht von mir, nicht wahr?«

»Es ist nur natürlich«, erwiderte ich; »es muß so sein . . . und Sie tragen keine Schuld.«

»Ich bin doch anderer Ansicht; Sie sagen das nur, weil Sie so gut sind. Ich meine aber, daß mein Herz nicht ganz rein ist. Wäre mein Herz rein, so würde ich wissen, wofür ich mich zu entscheiden habe. Aber lassen wir das! Darauf habe ich etwas mehr über ihre gegenseitigen Beziehungen gehört, vom Fürsten, von Mama, von Aljoscha selbst, und habe herausgefühlt, daß sie nicht zueinander passen; und Sie bestätigen mir das jetzt. Da habe ich nun weiter überlegt: ›Wie soll ich mich jetzt verhalten?‹ Denn wenn zu erwarten ist, daß sie miteinander unglücklich sein werden, so ist es für sie das beste, sich zu trennen; und darauf habe ich mir vorgenommen, Sie recht genau nach allem zu befragen und selbst zu Natascha zu fahren und mit ihr die ganze Sache zu erledigen.«

»Aber wie zu erledigen, das ist die Frage.«

»Ich will zu ihr sagen: ›Sie lieben ihn ja über alles; daher müssen Sie auch sein Glück höherstellen als das Ihrige; folglich müssen Sie sich von ihm trennen.‹«

»Ja, aber was meinen Sie, wie sie das aufnehmen wird? Und wenn sie Ihnen zustimmt, wird sie imstande sein, es auszuführen?«

»Das ist's gerade, worüber ich Tag und Nacht nachdenke, und . . . und . . .«

Sie brach plötzlich in Tränen aus.

»Sie glauben gar nicht, wie leid mir Natascha tut«, flüsterte sie mit zuckenden Lippen.

Ich hatte nichts weiter hinzuzufügen. Ich schwieg und hätte, wie ich sie so ansah, am liebsten selbst losgeweint, nicht aus Schmerz, sondern aus einer Art von Liebe. Was war sie für ein liebes, liebes Kind! Ich fragte sie nicht, weshalb sie denn sich selbst für fähig halte, Aljoscha glücklich zu machen.

»Lieben Sie Musik?« fragte sie, nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatte, aber noch wehmütig von den soeben vergossenen Tränen.

»O ja«, antwortete ich etwas verwundert.

»Wenn wir Zeit hätten, würde ich Ihnen das dritte Konzert von Beethoven vorspielen. Ich spiele es jetzt. Darin sind alle diese Gefühle ausgedrückt . . . ganz genau so, wie ich sie jetzt empfinde. So scheint es mir wenigstens. Aber das müssen wir auf ein andermal verschieben; jetzt haben wir noch miteinander zu reden.«

Wir berieten nun darüber, wie ihre geplante Begegnung mit Natascha ins Werk zu setzen sei. Sie teilte mir mit, daß sie streng gehalten werde; wiewohl ihre Stiefmutter gut sei und sie liebe, werde sie ihr doch unter keinen Umständen erlauben, Natalja Nikolajewnas Bekanntschaft zu machen; daher habe sie sich zur Anwendung einer List entschlossen. Vormittags fahre sie manchmal spazieren, aber fast immer mit der Gräfin zusammen. Mitunter jedoch fahre die Gräfin nicht mit, sondern lasse sie mit der Französin allein fahren, die jetzt krank sei. Das geschehe, wenn die Gräfin Kopfschmerzen habe, und daher müsse man abwarten, bis die Kopfschmerzen sich wieder einmal einstellten. Bis dahin aber werde es ihr schon gelingen, ihre Französin (eine alte Dame, so eine Art von Gesellschafterin) auf ihre Seite zu bringen; denn diese Französin sei eine herzensgute Person. Als Resultat ergab sich, daß es schlechterdings unmöglich sei, im voraus den Tag zu bestimmen, an dem der Besuch bei Natascha stattfinden solle.

»Sie werden es nicht bereuen, Nataschas Bekanntschaft gemacht zu haben«, sagte ich. »Sie wünscht selbst lebhaft, Sie kennenzulernen, und das ist auch nötig, schon damit sie weiß, wem sie ihren Aljoscha übergibt. Grämen Sie sich über diese ganze Angelegenheit nicht zu sehr. Die Zeit wird auch ohne Ihre Sorgen die Lösung bringen. Sie fahren ja doch aufs Land?«

»Ja, bald, vielleicht in einem Monat«, antwortete sie; »und ich weiß, daß der Fürst darauf bestehen wird.«

»Was meinen Sie, wird Aljoscha mit Ihnen fahren?«

»Sehen Sie, daran hatte ich soeben auch gedacht!« sagte sie, mich unverwandt anblickend. »Glauben Sie nicht, daß er mitkommen wird?«

»Ganz bestimmt.«

»Mein Gott, was aus alledem noch werden wird, das weiß ich nicht! Hören Sie, Iwan Petrowitsch, ich werde Ihnen von allem, was vorfällt, schreiben; ich werde Ihnen oft und viel schreiben. Ich bin nun einmal Ihr Quälgeist geworden. Werden Sie vorher noch oft zu uns kommen?«

»Das weiß ich nicht, Katerina Fjodorowna; das wird von den Umständen abhängen. Vielleicht werde ich überhaupt nicht wieder herkommen.«

»Warum denn nicht?«

»Das können verschiedene Ursachen bewirken, besonders meine Beziehungen zum Fürsten.«

»Er ist ein unehrlicher Mensch!« erwiderte Katja in entschiedenem Ton. »Aber wissen Sie, Iwan Petrowitsch, wie wär's, wenn ich zu Ihnen käme? Würde das von mir gut gehandelt sein oder nicht?«

»Wie denken Sie selbst darüber?«

»Ich glaube, gut. Ich käme einfach so gelegentlich zu Ihnen hin . . .« fügte sie lächelnd hinzu. »Ich sage das, weil ich Sie nicht nur hochschätze, sondern auch sehr gern habe . . . Und ich kann von Ihnen vieles lernen. Und ich habe Sie sehr gern . . . Ich brauche mich doch nicht darüber zu schämen, daß ich so zu Ihnen spreche?«

»Was gibt's da zu schämen? Auch Sie sind mir lieb und wert wie eine nahe Verwandte.«

»Sie wollen also mein Freund sein?«

»Das will ich, gewiß!« antwortete ich.

»Nun, die da würden bestimmt sagen, daß ich mich schämen müsse und daß sich ein junges Mädchen nicht so benehmen dürfe«, bemerkte sie, indem sie wieder mit den Augen nach der Gesellschaft am Teetisch hindeutete.

Ich schiebe hier die Bemerkung ein, daß der Fürst uns anscheinend absichtlich allein ließ, damit wir uns nach Belieben miteinander aussprechen könnten.

»Ich weiß ja sehr gut«, fügte sie hinzu, »der Fürst hat es auf mein Geld abgesehen. Von mir glauben sie, daß ich noch ein vollständiges Kind sei, und sagen mir das sogar geradezu. Ich jedoch glaube das nicht. Ich bin kein Kind mehr. Sie sind sonderbare Menschen; sie sind ja selbst wie Kinder; wozu machen sie sich nur soviel Mühe und Sorge?«

»Katerina Fjodorowna, ich wollte Sie noch fragen: was sind das für Leute, Lew und Boris, die Aljoscha so oft besucht?«

»Es sind entfernte Verwandte von mir. Sie sind sehr kluge und sehr ehrenhafte Menschen; aber sie reden furchtbar viel . . . Ich kenne sie genau . . .«

Sie lächelte.

»Ist es wahr, daß Sie ihnen zu gegebener Zeit eine Million schenken wollen?«

»Nun, sehen Sie, zum Beispiel gleich diese Million! Da schwatzen sie nun schon so viel von ihr, daß es gar nicht mehr zu ertragen ist. Gewiß, ich gebe mit Freuden für alle nützlichen Zwecke etwas her; wozu hat man denn sonst das viele Geld, nicht wahr? Vorläufig jedoch bin ich ja noch gar nicht in der Lage, etwas herzugeben; sie aber verteilen es jetzt schon und überlegen und schreien und disputieren über die beste Verwendung und zanken sich sogar deswegen; es ist ein ganz wunderliches Benehmen. Sie haben es gar zu eilig. Aber doch sind sie so offenherzige und . . . verständige Menschen. Sie lernen fleißig. Das ist immer besser als die Art, in der manche anderen leben. Nicht wahr?«

So sprachen wir noch über vieles miteinander. Sie erzählte mir beinahe ihre ganze Lebensgeschichte und hörte mit lebhaftem Interesse meine Erzählungen an. Immer verlangte sie, ich solle ihr noch mehr von Natascha und Aljoscha erzählen. Es war schon zwölf Uhr, als der Fürst zu mir trat und mir zu verstehen gab, daß es Zeit sei aufzubrechen. Ich empfahl mich. Katja drückte mir herzlich die Hand und sah mich bedeutsam an. Die Gräfin bat mich, meinen Besuch zu wiederholen; ich ging mit dem Fürsten zusammen hinaus.

Ich kann mich nicht enthalten, eine seltsame und vielleicht gar nicht zur Sache gehörige Bemerkung hier herzusetzen. Aus meinem dreistündigen Gespräch mit Katja hatte ich unter anderem die wunderliche, aber zugleich feste Überzeugung gewonnen, daß sie noch bis zu dem Grad völlig Kind war, daß sie von den besonderen Beziehungen zwischen Mann und Frau keine Kenntnis besaß. Manchen ihrer Darlegungen und überhaupt dem ernsten Ton, mit dem sie über viele sehr wichtige Dinge sprach, verlieh das eine unfreiwillige Komik.

Zehntes Kapitel

»Wissen Sie was?« sagte der Fürst zu mir, als er sich mit mir in den Wagen setzte, »wie wär's, wenn wir jetzt soupierten? Wie denken Sie darüber?«

»Ich weiß wirklich nicht, Fürst«, antwortete ich unentschlossen. »Ich esse nie zu Abend . . .«

»Nun, selbstverständlich wollen wir beim Abendessen auch miteinander reden«, fügte er hinzu, indem er mir unverwandt und listig gerade in die Augen sah.

Das war nicht mißzuverstehen! »Er will sich mit mir aussprechen« dachte ich; »und mir ist das gerade sehr erwünschte.« Ich willigte ein.

»Also abgemacht. Nach der Großen Morskaja zu B.!«

»Ein Restaurant?« fragte ich, etwas unangenehm berührt.

»Ja. Was ist dabei? Ich soupiere nur selten zu Hause. Erlauben Sie mir denn nicht, Sie einzuladen?«

»Aber ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich nie zu Abend esse.«

»Nun, einmal können Sie schon eine Ausnahme machen. Überdies lade ich Sie ja ein . . .«

Das hieß: ›Ich werde für dich bezahlen‹; ich war überzeugt, daß er das absichtlich hinzufügte. Ich ließ mich von ihm mitnehmen, nahm mir aber vor, im Restaurant für mich selbst zu bezahlen. Wir kamen hin. Der Fürst nahm ein besonderes Zimmer und wählte mit Geschmack und Sachkenntnis zwei, drei Gerichte aus. Diese Gerichte waren teuer, ebenso wie die Flasche feinen Tischweines, die er bringen ließ. All das paßte nicht für mein Portemonnaie. Ich warf einen Blick auf die Karte und bestellte mir ein halbes Haselhuhn und ein Glas Lafitte. Der Fürst war entrüstet.

»Sie wollen nicht mit mir soupieren! Das ist ja geradezu lächerlich. Pardon, mon ami; aber das ist . . . eine empörende Pedanterie. Das ist eine ganz kleinliche Eigenliebe. Es scheint fast, als ob da die Standesinteressen ins Spiel kämen; ich möchte darauf wetten, daß es der Fall ist. Ich versichere Ihnen, daß Sie mich beleidigen.«

Aber ich bestand auf meinem Willen.

»Nun, wie Sie wollen«, sagte er. »Ich will Sie nicht nötigen . . . Sagen Sie, Iwan Petrowitsch, kann ich mit Ihnen ganz freundschaftlich reden?«

»Ich bitte darum.«

»Nun also, meiner Ansicht nach schaden Sie durch eine solche Pedanterie sich selbst. In derselben Weise schaden sich auch alle Ihre Berufsgenossen. Sie sind Schriftsteller und müssen dazu die Welt kennen; aber Sie ziehen sich von allem zurück. Ich rede jetzt nicht von Haselhühnern; aber Ihr Streben geht ja dahin, jede Berührung mit unseren Kreisen vollständig zu vermeiden, und das ist entschieden nachteilig. Ganz abgesehen davon, daß Sie in materieller Hinsicht viel verlieren (ich meine die Karriere), ist doch schon zu erwägen, daß Sie das, was Sie schildern wollen, kennenlernen müssen, und in den Novellen kommen doch auch Grafen und Fürsten und Boudoirs vor . . . Aber was rede ich da! Bei euch neueren Schriftstellern ist ja immer nur die Rede von Armut, von verlorenen Mänteln, von Revisoren, von hitzigen Offizieren und Beamten, von alten Zeiten und vom Sektiererwesen, ich weiß, ich weiß . . .«

»Sie irren sich, Fürst; wenn ich mich von Ihren sogenannten höheren Kreisen fernhalte, so tue ich das deswegen, weil es erstens dort langweilig ist und ich zweitens da nichts zu suchen habe! Indessen verkehre ich doch . . .«

»Ich weiß, bei dem Fürsten R., einmal im Jahr; da habe ich Sie ja auch getroffen. Die übrige Zeit hindurch aber versteifen Sie sich auf Ihren demokratischen Stolz und führen ein kümmerliches Dasein in Ihrer Dachstube. Allerdings handeln nicht alle Ihre Kollegen so; es gibt darunter Liebhaber von solchen Abenteuern, daß selbst mir davon übel wird . . .«

»Ich möchte Sie bitten, Fürst, dieses Thema zu verlassen und nicht wieder auf unsere Dachstuben zurückzukommen.«

»Ach, mein Gott, sehen Sie, da fühlen Sie sich schon beleidigt. Übrigens hatten Sie mir doch selbst erlaubt, mit Ihnen freundschaftlich zu reden. Aber Pardon, ich habe Ihre Freundschaft noch durch nichts verdient. Der Wein ist recht trinkbar. Versuchen Sie ihn doch!«

Er goß mir ein halbes Glas aus seiner Flasche ein.

»Sehen Sie wohl, mein lieber Iwan Petrowitsch, ich begreife ja sehr wohl, daß es unschicklich ist, jemandem seine Freundschaft aufzudrängen; wir sind ja nicht alle dreist und unverschämt gegen Sie, wie Sie das von uns glauben. Na, ich begreife ferner sehr wohl, daß Sie hier mit mir zusammen sitzen, nicht weil ich Ihnen sympathisch wäre, sondern weil ich versprochen habe, mich mit Ihnen auszusprechen. Nicht wahr?«

Er lachte.

»Und da Sie die Interessen einer gewissen Person wahrnehmen, so möchten Sie gern hören, was ich Ihnen sagen will. Ist es nicht so?« fügte er mit einem boshaften Lächeln hinzu.

»Sie haben sich nicht geirrt«, unterbrach ich ihn ungeduldig. (Ich merkte, daß er zur Kategorie derjenigen gehörte, die, wenn sie einen Menschen auch nur ein wenig in ihrer Gewalt haben, ihn dies sofort fühlen lassen. Ich aber befand mich in seiner Gewalt; ich konnte nicht weggehen, ehe ich nicht alles gehört hatte, was er mir zu sagen beabsichtigte, und er wußte das recht gut. Sein Ton hatte sich rasch geändert und war immer dreister, familiärer und spöttischer geworden.) »Sie haben sich nicht geirrt, Fürst; eben deswegen bin ich mitgekommen; sonst säße ich wahrhaftig hier nicht . . . noch so spät.«

Ich hatte sagen wollen: »Sonst säße ich wahrhaftig hier nicht mit Ihnen zusammen«; aber ich sagte es nicht und gab dem Satz eine andere Wendung, nicht aus Furcht, sondern infolge meiner verdammten Schwäche und meines nichtswürdigen Zartgefühls. In der Tat, ich bringe es nicht fertig, jemandem eine Grobheit gerade ins Gesicht zu sagen, wenn er es auch verdient und wenn ich auch faktisch beabsichtigt habe, ihm eine Grobheit zu sagen. Ich glaube, der Fürst merkte das am Ausdruck meiner Augen und blickte mich während meiner ganzen letzten Antwort spöttisch an, wie wenn er sich über meine Schwachmütigkeit freute und mich mit seinem Blick reizen wollte: »Siehst du wohl, du hast es nicht gewagt; du hast es mit der Angst bekommen, ja, ja, Freundchen!« So war es sicherlich; denn als ich schloß, fing er an zu kichern und klopfte mir mit gönnerhafter Freundlichkeit auf das Knie.

»Ich muß über dich lachen, Freundchen!« las ich in seinem Blick. – »Warte nur!« dachte ich im stillen.

»Ich bin heute sehr vergnügt!« rief er; »und wirklich, ich weiß nicht, warum. Ja, ja, mein Freund, ja! Gerade über diese Person wollte ich mit Ihnen reden. Man muß sich doch einmal gründlich aussprechen und zu einem Resultat gelangen, und ich hoffe, daß Sie mich diesmal vollständig verstehen werden. Ich begann vorhin, mit Ihnen von diesem Geld und dieser Schlafmütze von Vater, dem sechzigjährigen Säugling, zu reden . . . Na, es ist nicht der Mühe wert, noch einmal davon zu sprechen. Ich habe es ja nur im Scherz gesagt! Hahaha, Sie als Schriftsteller mußten das doch merken . . .«

Ich sah ihn erstaunt an. Betrunken schien er noch nicht zu sein.

»Nun, aber was dieses Mädchen anbelangt, so habe ich wirklich vor ihr alle Hochachtung; ich liebe sie sogar, versichere ich Sie. Sie ist ein bißchen launisch; aber »keine Rose ohne Dornen«, wie man vor fünfzig Jahren zu sagen pflegte, und das ist ein schöner Spruch: die Dornen stechen zwar, aber gerade das ist das Reizvolle; und obgleich mein Aljoscha ein Dummkopf ist, habe ich ihm doch schon teilweise verziehen – wegen seines guten Geschmacks. Kurz, solche Mädchen gefallen mir, und ich habe« (er kniff vielsagend die Lippen zusammen) »sogar meine besonderen Absichten . . . Nun, davon später! . . .«

»Fürst, hören Sie, Fürst!« rief ich. »Ich verstehe diesen raschen Wechsel Ihrer Anschauungen nicht; aber . . . verlassen Sie dieses Thema; ich bitte Sie darum.«

»Sie werden wieder hitzig! Nun gut . . . ich werde dieses Thema verlassen! Nur eins möchte ich Sie fragen, mein lieber Freund: schätzen Sie sie sehr hoch?«

»Selbstverständlich!« antwortete ich in grobem, ungeduldigem Ton.

»Na, und lieben Sie sie auch?« fuhr er fort; er fletschte in widerwärtiger Weise die Zähne und kniff die Augen zusammen.

»Sie vergessen sich!« rief ich.

»Nun, nun, ich werde es nicht wieder tun! Beruhigen Sie sich! Ich bin heute in wunderbar guter Laune. Ich bin so vergnügt wie lange nicht. Wollen wir nicht Champagner trinken? Wie denken Sie darüber, mein lieber Poet?«

»Ich werde nicht mittrinken; ich will nicht!«

»Ach was, reden Sie nicht! Sie müssen mir heute unbedingt Gesellschaft leisten. Ich fühle mich sehr wohl, und da ich ein bis zur Sentimentalität gutherziger Mensch bin, so kann ich nicht allein glücklich sein. Wer weiß, wir kommen vielleicht noch dahin, miteinander Brüderschaft zu trinken, hahaha! Nein, mein junger Freund, Sie kennen mich noch nicht! Ich bin davon überzeugt, daß Sie mich liebgewinnen werden. Ich will, daß Sie heute Leid und Freude, Frohsinn und Tränen mit mir teilen, wiewohl ich hoffe, daß wenigstens ich für meine Person nicht weinen werde. Nun, wie ist's, Iwan Petrowitsch? Bedenken Sie nur, daß, wenn Sie mir nicht den Willen tun, meine ganze gehobene Stimmung vergeht, verschwindet, verfliegt und Sie nichts zu hören bekommen; na, und Sie sind doch einzig und allein zu dem Zweck hier, um etwas zu hören. Nicht wahr?« fügte er hinzu und blinzelte mir dabei wieder unverschämt zu. »Nun, dann wählen Sie also!«

Die Drohung war schwerwiegend. Ich willigte ein. »Ob er mich betrunken machen will?« dachte ich. Hier dürfte es am Platze sein, ein Gerücht über den Fürsten zu erwähnen, das mir schon vor längerer Zeit zu Ohren gekommen war. Es hieß von ihm, er, der in Gesellschaft immer so fein und elegant auftrat, liebe es, sich manchmal nachts zu betrinken, sich stierartig zu betrinken und dann geheime Orgien zu feiern, garstige geheime Orgien . . . Ich hatte schändliche Dinge über ihn gehört. Aljoscha wußte, wie man sagte, davon, daß sein Vater manchmal trinke, bemühte sich aber, dies vor allen und namentlich vor Natascha geheimzuhalten. Einmal verplapperte er sich im Gespräch mit mir, brach aber sofort ab und gab auf meine Fragen keine Antwort. Übrigens hatte ich vorher das, was ich von anderen gehört hatte, offen gestanden, nicht geglaubt. Jetzt nun wartete ich, was da kommen werde.

Der Wein wurde gebracht; der Fürst goß zwei Gläser ein, für sich und für mich.

»Ein reizendes, ganz reizendes Mädchen, wenn sie mich auch ausgescholten hat!« fuhr er fort und kostete mit Genuß den Wein; »aber gerade dann, in solchen Augenblicken, sind diese reizenden Geschöpfe besonders reizend . . . Sie hat gewiß gedacht, sie hätte mich dazu gebracht, mich zu schämen, Sie erinnern sich, an jenem Abend, und sie hätte mich in Grund und Boden geschmettert. Hahaha! Und wie gut ihr das Erröten steht! Sind Sie Weiberkenner? Manchmal steht ein plötzliches Erröten blassen Wangen ausgezeichnet; haben Sie das schon bemerkt? Ach, mein Gott! Es scheint, Sie ärgern sich schon wieder?«

»Ja, ich ärgere mich!« rief ich, ohne mir länger Zwang aufzuerlegen; »und ich will nicht, daß Sie jetzt von Natalja Nikolajewna sprechen . . . Das heißt, nicht in diesem Ton. Ich . . . ich erlaube Ihnen das nicht!«

»Oho! Nun, meinetwegen, ich werde Ihnen das Vergnügen machen und das Thema wechseln. Ich bin ja nachgiebig und weich wie Teig. Wir wollen von Ihnen reden. Ich habe Sie sehr gern, Iwan Petrowitsch; wenn Sie wüßten, wie freundschaftlich und aufrichtig ich mich für Sie interessiere!«

»Fürst, wäre es nicht besser, wenn Sie sachlich redeten?« unterbrach ich ihn.

»Das heißt von unserer Sache, wollen Sie sagen. Ich verstehe Sie auf eine bloße Andeutung hin, mon ami; aber Sie ahnen gar nicht, wie nahe wir die Sache berühren, wenn wir jetzt von Ihnen sprechen, und selbstverständlich, wenn Sie mich nicht unterbrechen. Also, ich fahre fort: ich wollte Ihnen sagen, mein wertester Iwan Petrowitsch, daß ein Leben, wie Sie es führen, einfach Selbstmord ist. Gestatten Sie mir, diesen delikaten Gegenstand zu berühren; ich tue es aus Freundschaft. Sie sind arm; Sie lassen sich von Ihrem Verleger Vorschüsse geben, bezahlen davon Ihre kleinen Schulden, nähren sich für den Rest ein halbes Jahr lang nur von Tee und frieren in Ihrer Dachstube, bis Ihr Roman in dem Journal Ihres Verlegers erscheint. Ist's nicht so?«

»Mag es auch so sein, so ist das doch . . .«

»Ehrenwerter als zu stehlen, Bücklinge zu machen, sich bestechen zu lassen, zu intrigieren und so weiter und so weiter. Ich weiß, ich weiß, was Sie sagen wollen; das ist alles schon längst gedruckt.«

»Folglich haben Sie gar keinen Anlaß, über meine Lebensweise zu reden. Muß ich Sie wirklich erst taktvolles Benehmen lehren, Fürst?«

»Nun, Sie, lieber Freund, brauchen das allerdings nicht zu tun. Aber was ist zu machen, wenn wir gerade diese zarte Saite berühren müssen? Umgehen läßt es sich nicht. Na, dann wollen wir die Dachstuben in Ruhe lassen. Ich bin auch selbst kein Liebhaber von Dachstuben, außer in gewissen Fällen« (er kicherte in widerwärtiger Weise). »Aber über eines muß ich mich wundern: was haben Sie für eine wunderliche Passion, die zweite Rolle zu spielen? Es hat ja freilich ein Schriftsteller, ein Berufsgenosse von Ihnen, irgendwo, wie ich mich erinnere, gesagt, es sei vielleicht die größte Tat, die ein Mensch vollbringen könne, wenn er es verstehe, sich im Leben mit der zweiten Rolle zu begnügen. So ungefähr lautete es. Ich habe denselben Gedanken auch schon irgendwo gesprächsweise erörtern gehört. Aljoscha hat Ihnen doch die Braut abspenstig gemacht, das weiß ich; aber Sie quälen sich wie so ein Schiller für die beiden ab und leisten ihnen alle möglichen Dienste und machen bei ihnen fast den Laufburschen . . . Nehmen Sie es mir nicht übel, mein Lieber; aber das ist doch ein garstiges Spiel mit hochherzigen Gefühlen . . . Daß Ihnen das nicht widerwärtig wird, wirklich! Sie sollten sich geradezu schämen! Ich glaube, ich würde mich an Ihrer Stelle totärgern, besonders aber mich schämen, schämen!«

»Fürst! Es scheint, Sie haben mich absichtlich hierhergeführt, um mich zu beleidigen!« rief ich, außer mir vor Wut.

»O nein, mein Freund, nein; ich bin in diesem Augenblick ganz einfach ein ruhig denkender Mensch und wünsche Ihr Bestes. Kurz gesagt, ich möchte die ganze Sache in Ordnung bringen. Aber lassen wir vorläufig die ›ganze Sache‹, und hören Sie mich bis zu Ende an; geben Sie sich Mühe, nicht hitzig zu werden, wenn auch nur für zwei Minuten. Nun, was meinen Sie, wie wär's, wenn Sie sich verheirateten? Sehen Sie, ich rede jetzt von einem vollständig abseits liegenden Gegenstand; warum sehen Sie mich denn so erstaunt an?«

»Ich warte, bis Sie ganz ausgesprochen haben werden«, antwortete ich; ich sah ihn allerdings sehr verwundert an.

»Es ist eigentlich weiter nichts zu sagen. Ich wollte nur wissen, was Sie sagen würden, wenn einer Ihrer Freunde, der Ihnen ein dauerhaftes, wahres Glück wünscht, nicht so ein flüchtiges, Ihnen ein junges, hübsches Mädchen vorschlüge, das aber . . . schon seine Erfahrungen gemacht hat; ich rede nur ganz im allgemeinen, aber Sie werden mich verstehen, ein Mädchen in der Art von Natalja Nikolajewna, selbstverständlich mit einer anständigen Kompensation . . . (beachten Sie wohl: ich rede von etwas Abseitsliegendem, nicht von unserer Angelegenheit); nun, was würden Sie dann sagen?«

»Ich antworte Ihnen, daß Sie . . . verrückt geworden sind.«

»Hahaha! Holla! Sie wollen mich wohl gar prügeln?«

Ich war in der Tat nahe daran, mich auf ihn zu stürzen. Ich konnte mich nicht länger beherrschen. Er machte mir den Eindruck eines ekelhaften Reptils, einer riesigen Spinne, und ich hatte die größte Lust, das garstige Geschöpf zu zertreten. Er fand sein Vergnügen daran, mich zu verspotten; er spielte mit mir wie die Katze mit der Maus, in der Voraussetzung, daß ich ganz in seiner Gewalt sei. Es schien mir (und ich hatte Verständnis dafür), daß er eine Art von Genuß, vielleicht sogar eine Art von Wollust bei seiner Frechheit, bei dieser Unverschämtheit, bei diesem Zynismus empfand, mit dem er sich endlich vor meinen Augen die Maske abriß. Er wollte sich an meinem Erstaunen, an meinem Schrecken werden. Er verachtete mich aufrichtig und machte sich über mich lustig.

Ich hatte schon von vornherein vermutet, daß dies alles vorher überlegt sei und er ein bestimmtes Ziel verfolge; aber ich befand mich in einer solchen Lage, daß ich ihn wohl oder übel bis zu Ende anhören mußte. Das lag in Nataschas Interesse, und ich mußte mich entschließen, alles zu ertragen, weil sich in diesem Augenblick vielleicht die ganze Sache entschied. Aber wie konnte ich diese zynischen, gemeinen Äußerungen über sie anhören, wie konnte ich sie kaltblütig ertragen? Überdies wußte er selbst sehr wohl, daß ich genötigt war, ihn anzuhören, und dadurch wurde die Beleidigung noch verschärft. ›Übrigens hat auch er mich nötig‹, dachte ich bei mir und begann, ihm in schroffem, feindseligem Ton zu antworten. Er verstand das.

»Hören Sie mal, mein junger Freund«, begann er, mich ernst anblickend, »so können wir beide nicht fortfahren, und daher tun wir besser, einen Vertrag miteinander abzuschließen. Sehen Sie, ich beabsichtige, Ihnen etwas mitzuteilen; na, da müssen Sie denn aber so liebenswürdig sein, ruhig alles anzuhören, was ich zu sagen habe. Ich möchte gern so reden, wie ich will und wie es mir gefällt, und eigentlich ist das ja auch das Richtige. Nun also, wie ist es, mein junger Freund, werden Sie Geduld haben?«

Ich überwand mich und schwieg, obwohl er mich mit einer solchen Miene höhnischen Spottes ansah, als ob er mich selbst zum schärfsten Protest herausfordern wollte. Aber er begriff, daß ich einwilligte dazubleiben, und fuhr fort:

»Ärgern Sie sich nicht über mich, mein Freund! Worüber sind Sie denn so böse geworden? Wegen einer Äußerlichkeit, nicht wahr? Sie haben ja doch, was den Kern der Sache anlangt, von mir nichts anderes erwartet, mochte ich nun so oder so mit Ihnen reden, mit parfümierter Höflichkeit oder so wie jetzt; der Inhalt würde doch immer derselbe sein. Sie verachten mich, nicht wahr? Aber sehen Sie, wieviel liebenswürdige Schlichtheit, Offenherzigkeit und Bonhomie in mir steckt! Ich bekenne Ihnen alles, sogar meine kindischen Launen. Ja, mon cher, ja, etwas mehr Bonhomie auch von Ihrer Seite, und wir werden uns in allen Punkten einigen und schließlich einander vollständig verstehen. Über mich aber wundern Sie sich, bitte, nicht! All diese Unschuldsspiele, diese ganze Idylle Aljoschas, diese ganze Schwärmerei à la Schiller, diese ganze Verstiegenheit bei dieser verdammten Liaison mit dieser Natascha (die übrigens ein sehr liebenswürdiges Mädchen ist) sind mir schließlich dermaßen zum Ekel geworden, daß ich mich sozusagen auf eine Gelegenheit freute, wo ich über all das mal ein kräftiges Wort würde sagen können. Na, diese Gelegenheit ist nun gekommen. Und überdies wollte ich Ihnen sowieso mein Herz ausschütten. Hahaha!«

»Sie setzen mich in Erstaunen, Fürst, und ich erkenne Sie gar nicht wieder. Sie verfallen in den Ton eines Hanswurstes; diese unerwartete Offenherzigkeit . . .«

»Hahaha! Das ist zum Teil richtig! Ein allerliebster Vergleich! Hahaha! Ich zeche heute, mein Freund, ich zeche heute; na, und da müssen Sie, mein lieber Poet, mir gegenüber schon eine weitgehende Nachsicht üben. Aber lassen Sie uns trinken!« rief er in höchst selbstzufriedenem Ton und füllte die Gläser nach. »Sehen Sie, mein Freund, schon allein jener dumme Abend bei Natascha (Sie erinnern sich) hat mich aufs äußerste aufgebracht. Allerdings, sie selbst war sehr liebenswürdig; aber ich verließ die Wohnung in einer schrecklichen Wut und will das nicht vergessen. Weder vergessen noch verbergen. Sicherlich wird auch meine Zeit einmal kommen, und sie rückt sogar schon rasch näher; aber wir wollen das jetzt lassen. Unter anderem wollte ich Ihnen mitteilen, daß ich einen Charakterzug besitze, den Sie noch nicht kennen: nämlich einen Haß gegen all diese abgeschmackten, wertlosen Tändeleien und Schäferspiele; und einer der pikantesten Genüsse ist es für mich immer gewesen, zunächst selbst in diesen Ton einzustimmen, so einen ewig-jungen Schillerianer liebenswürdig zu behandeln und zu ermutigen und ihm dann plötzlich auf einmal einen Keulenschlag zu versetzen, plötzlich vor seinen Augen die Maske abzunehmen und statt des bisherigen entzückten Gesichtes ihm eine Grimasse zu schneiden, ihm die Zunge herauszustrecken, gerade in dem Augenblick, wo er auf eine solche Überraschung am wenigsten gefaßt ist. Wie? Sie haben dafür kein Verständnis? Das scheint Ihnen vielleicht garstig, absurd, gemein? Ja?«

»Selbstverständlich.«

»Sie sind offenherzig. Na, aber was soll ich anfangen, wenn diese Leute mich durch ihr Benehmen peinigen? Dummerweise bin auch ich offenherzig; aber das liegt nun einmal in meinem Charakter. Übrigens möchte ich Ihnen ein paar Geschichtchen aus meinem Leben erzählen. Sie werden dadurch ein besseres Verständnis für mich gewinnen, und sie werden Sie interessieren. Ja, ich habe heute vielleicht wirklich Ähnlichkeit mit einem Hanswurst; und ein Hanswurst ist ja offenherzig, nicht wahr?«

»Hören Sie mal, Fürst, es ist jetzt schon spät, und ich möchte wirklich . . .«

»Was? Mein Gott, welche Ungeduld! Wohin haben Sie es denn so eilig? Lassen Sie uns doch noch ein Weilchen sitzen und freundschaftlich reden, ganz aufrichtig, wissen Sie, so beim Glase Wein, wie gute Freunde! Sie meinen, ich sei betrunken; nun, das würde ja nichts schaden; um so besser für Sie. Hahaha! Wirklich, diese freundschaftlichen Zusammenkünfte bleiben einem nachher immer lange im Gedächtnis, und man erinnert sich ihrer mit großem Genuß. Sie sind kein guter Mensch, Iwan Petrowitsch! Sie sind nicht empfindsam und gefühlvoll genug. Na, wie kann es Ihnen darauf ankommen, einem solchen Freund wie mir ein oder ein paar Stündchen zum Opfer zu bringen? Und außerdem hängt das doch auch mit unserer Angelegenheit zusammen . . . Na, das müssen Sie doch verstehen! Und dazu sind Sie noch Schriftsteller; Sie sollten den Zufall segnen. Sie können mich ja schriftstellerisch als Modell verwerten, hahaha! Mein Gott, von was für einer liebenswürdigen Offenherzigkeit ich heute bin!«

Der Wein stieg ihm offenbar schon in den Kopf. Sein Gesicht veränderte sich und nahm einen boshaften Ausdruck an. Er hatte augenscheinlich Lust, jemandem wehe zu tun, ihn zu stechen, zu beißen, zu verspotten. »In einer Hinsicht ist es gut, daß er betrunken ist«, dachte ich; »ein Betrunkener schwatzt leicht etwas aus.« Aber er war auf seiner Hut.

»Mein Freund«, begann er, und er hörte sich offenbar mit Genuß reden, »ich habe Ihnen soeben ein Geständnis gemacht, das vielleicht sogar deplaciert war, das Geständnis, daß sich manchmal in mir der unüberwindliche Wunsch regt, jemandem in einem bestimmten Fall die Zunge herauszustrecken. Zum Dank für diese meine naive, harmlose Offenheit haben Sie mich mit einem Hanswurst verglichen, was mich zum herzlichen Lachen gebracht hat. Aber wenn Sie mir einen Vorwurf daraus machen wollen oder sich darüber wundern wollen, daß ich mich jetzt gegen Sie grob und vielleicht gar mit bauernhafter Ungeschliffenheit benehme, kurz, daß ich auf einmal den Ton Ihnen gegenüber geändert habe, so tun Sie in diesem Fall durchaus unrecht. Erstens paßt es mir so, und zweitens befinde ich mich nicht bei mir zu Hause, sondern an einem andern Ort mit Ihnen zusammen . . . das heißt, ich will sagen, wir trinken jetzt zusammen als gute Freunde; und drittens liebe ich es sehr, meinen Launen zu folgen. Wissen Sie wohl, daß ich früher einmal aus Laune sogar Philosoph und Philanthrop war und mich beinah in denselben Ideen bewegte wie Sie? Das liegt übrigens schon furchtbar weit zurück, in den goldenen Tagen meiner Jugend. Ich erinnere mich, ich fuhr damals, von humanen Absichten erfüllt, auf mein Gut und langweilte mich dort natürlich gottsjämmerlich; und Sie werden kaum glauben, was mit mir da geschah: aus Langerweile fing ich an, mit hübschen Mädchen Bekanntschaft zu machen . . . Sie schneiden ja schon wieder ein Gesicht? Oh, mein junger Freund! Wir sitzen ja jetzt so freundschaftlich zusammen. Das ist doch die beste Zeit, um zu trinken und sich aufzuknöpfen! Ich bin ja eine russische Natur, eine echt russische Natur, ein Patriot, ich knöpfe mich gern einmal auf, und zudem muß man den Augenblick ergreifen und das Leben genießen. Wir sterben, und was dann? Na, also ich gab mich mit Weibern ab. Ich erinnere mich, da war eine Hirtenfrau, die einen hübschen jungen Mann hatte. Ich verhängte eine schwere Züchtigung über ihn und wollte ihn unter die Soldaten stecken (das sind so Streiche, die der Vergangenheit angehören, mein lieber Poet!); aber ich steckte ihn nicht unter die Soldaten; er starb bei mir im Krankenhaus . . . Ich hatte nämlich damals bei mir im Dorf ein Krankenhaus mit zwölf Betten; vorzüglich eingerichtet; höchst reinlich; Parkettfußboden. Übrigens habe ich es schon längst eingehen lassen; aber damals war ich stolz darauf: ich war eben Philanthrop; na, aber den Hirten ließ ich mit Ruten fast zu Tode peitschen wegen seiner Frau . . . Aber warum schneiden Sie denn wieder eine Grimasse? Ist es Ihnen widerwärtig, so etwas zu hören? Empört sich Ihr edles Gefühl darüber? Nun, nun, beruhigen Sie sich! All das liegt weit zurück. Das tat ich, als ich ein Romantiker war und ein Wohltäter der Menschheit werden und eine philanthropische Gesellschaft gründen wollte . . . ich war damals in eine solche Richtung hineingeraten. Damals ließ ich auch mit Ruten peitschen. Jetzt lasse ich nicht mit Ruten peitschen; jetzt muß man über dergleichen eine Grimasse des Abscheus schneiden; wir alle schneiden jetzt solche Grimassen; es ist nun einmal eine solche Zeit gekommen . . . Aber am allermeisten muß ich jetzt über den Dummkopf, den Ichmenew, lachen. Ich bin überzeugt, er hatte diese ganze Geschichte mit dem Hirten erfahren; und was tat er? Weil er eine so gute Seele hatte, die, wie es scheint, aus Honigseim geschaffen ist, und weil er sich damals in mich verliebt hatte und von mir ganz entzückt war, entschied er sich dafür, nichts davon zu glauben, und glaubte es auch wirklich nicht; das heißt, er glaubte nicht, was doch Tatsache war, und verteidigte mich zwölf Jahre lang aus allen Kräften, bis es ihm selbst an den Kragen ging. Hahaha! Nun, das ist alles Unsinn! Trinken wir, mein junger Freund. Hören Sie mal: sind Sie ein Weiberfreund?«

Ich gab ihm keine Antwort. Ich hörte ihm nur zu. Er hatte schon die zweite Flasche begonnen.

»Ich rede beim Abendessen gern von Weibern. Soll ich Sie nachher mit einer gewissen Mademoiselle Philiberte bekannt machen, ja? Wie denken Sie darüber? Aber was ist Ihnen? Sie wollen mich nicht einmal ansehen . . . hm!«

Er wurde nachdenklich. Aber auf einmal hob er den Kopf in die Höhe, blickte mich bedeutsam an und fuhr fort:

»Sehen Sie, mein lieber Poet, ich will Ihnen ein Geheimnis der Natur enthüllen, das Ihnen anscheinend noch ganz unbekannt ist. Ich bin überzeugt, daß Sie mich in diesem Augenblick einen Sünder, vielleicht sogar einen Schurken, ein Monstrum von Ausschweifung und Lasterhaftigkeit nennen. Aber ich will Ihnen etwas sagen! Wenn es möglich wäre (was allerdings nach der Beschaffenheit der menschlichen Natur niemals möglich sein wird), wenn es möglich wäre, daß ein jeder von uns sein ganzes geheimes Inneres schilderte und dabei ohne jede Scheu alles darlegte, was er sich sonst scheut, den Menschen zu sagen und ihnen um keinen Preis sagen würde, und alles, was er sich sonst scheut, seinen besten Freunden zu sagen, ja sogar das, was er sich mitunter scheut, sich selbst zu gestehen: dann würde sich in der Welt ein solcher Gestank erheben, daß wir alle ersticken müßten. Darum sind unsere konventionellen Verkehrsformen und Anstandsregeln so gut und nützlich. Es liegt in ihnen ein tiefer Sinn; ich will nicht gerade sagen, daß sie moralisch wären, aber sie wirken vorbeugend und tragen zur Behaglichkeit des Lebens bei, was natürlich noch besser ist, da auch die Moralität in Wirklichkeit nur auf die Behaglichkeit abzielt, das heißt einzig und allein zum Zweck der Behaglichkeit erfunden ist. Aber von den Anstandsregeln will ich nachher noch reden; ich schweife jetzt immer ab; erinnern Sie mich nachher an sie. Was ich meine, ist dies: Sie beschuldigen mich der Lasterhaftigkeit, der Ausschweifung, der Sittenlosigkeit; aber mein ganzes Vergehen besteht jetzt vielleicht nur darin, daß ich aufrichtiger bin als andere, weiter nichts; daß ich das nicht verheimliche, was andere sogar vor sich selbst verbergen, wie ich soeben gesagt habe . . . Daran handle ich ja verdreht; aber ich will einmal jetzt so handeln. Beunruhigen Sie sich übrigens nicht«, fuhr er mit einem spöttischen Lächeln fort; »ich habe gesagt ›Vergehen‹; aber ich bitte durchaus nicht um Verzeihung. Beachten Sie auch dies noch: Ich setze Sie nicht durch die Frage in Verlegenheit, ob auch Sie derartige Geheimnisse haben, um dann mich selbst mit Ihren Geheimnissen zu rechtfertigen. Ich handle anständig und vornehm. Überhaupt handle ich immer . . .«

»Sie sind einfach ins Schwatzen hineingeraten«, sagte ich, indem ich ihn verächtlich ansah.

»Ich bin ins Schwatzen hineingeraten, hahaha! Soll ich aber sagen, was Sie jetzt denken? Sie denken: ›Warum hat er mich, mir nichts, dir nichts, hergeschleppt und entblößt sich nun so vor mir?‹ Ist es so?«

»Ja.«

»Nun, den Grund werden Sie nachher erfahren.«

»Die einfachste Erklärung für Ihre Offenherzigkeit ist, daß Sie beinah schon zwei Flaschen getrunken haben und . . . angeregt sind.«

»Das soll einfach heißen: betrunken. Auch das ist möglich. ›Angeregt!‹ Das ist ein zarterer Ausdruck für »betrunken«. O Sie Muster von einem zartfühlenden Menschen! Aber es scheint, wir fangen wieder an, uns zu zanken, und begannen doch gerade von einem so interessanten Gegenstand zu sprechen. Ja, mein lieber Poet, wenn es noch auf der Welt etwas Angenehmes, Genußreiches gibt, so sind es die Weiber.«

»Wissen Sie, Fürst, ich begreife nur nicht, wie Sie auf den Einfall gekommen sind, gerade mich zum Vertrauten Ihrer Geheimnisse und erotischen Neigungen zu erwählen.«

»Hm! . . . Ich habe Ihnen ja gesagt, daß Sie das nachher erfahren werden. Beunruhigen Sie sich darüber nicht; meinetwegen mögen Sie übrigens auch glauben, daß ich Sie nur so zufällig, ohne jeden Grund hergebracht habe; Sie sind ein Poet und imstande, mich zu verstehen; darüber habe ich ja schon mit Ihnen gesprochen. Es liegt ein besonderer Genuß in diesem plötzlichen Abreißen der Maske, in diesem Zynismus, mit dem jemand sich auf einmal vor einem anderen in einer solchen Weise ausspricht, als halte er ihn nicht einmal für wert, daß man sich vor ihm schäme. Ich werde Ihnen da ein Geschichtchen erzählen. Es lebte in Paris ein verrückter Beamter; er wurde nachher ins Irrenhaus gebracht, als man die volle Überzeugung gewonnen hatte, daß er geisteskrank war. Nun also, zu der Zeit, als er verrückt wurde, hatte er sich ein besonderes Vergnügen ersonnen: Er entkleidete sich zu Hause vollständig, wie Adam, behielt nur die Stiefel an, warf einen weiten, bis auf die Fersen reichenden Mantel um, hüllte sich in ihn ein und ging mit ernster, würdiger Miene auf die Straße hinaus. Na, wenn man ihn von der Seite sah, mußte man denken, das sei ein Mensch wie alle und er gehe zu seinem Vergnügen in einem weiten Mantel spazieren. Aber sobald ihm ein Passant an einer einsamen Stelle begegnete, wo weiter niemand ringsum zu sehen war, ging er, schweigend mit der ernstesten, tiefsinnigsten Miene auf ihn zu, blieb plötzlich vor ihm stehen, schlug seinen Mantel auseinander und präsentierte sich in seiner ganzen Nacktheit. Das dauerte nur einen Augenblick; dann wandte er sich schweigend, ohne mit einem Gesichtsmuskel zu zucken, ab und ging ruhig und würdevoll wie der Geist im »Hamlet« an dem vor Erstaunen starren Zuschauer vorüber. So verfuhr er mit allen, mit Männern, Frauen und Kindern, und darin bestand sein ganzes Vergnügen. Nun, sehen Sie: einen Teil eben dieses Vergnügens kann man auch empfinden, wenn man plötzlich so einem Schillerianer einen Keulenschlag versetzt und ihm die Zunge herausstreckt in einem Moment, wo er es am allerwenigsten erwartet. »Einen Keulenschlag versetzen« – wie gefällt Ihnen dieser Ausdruck? Ich habe ihn irgendwo in der modernen Literatur gelesen.«

»Nun, das war ein Irrsinniger; aber Sie . . .«

»Sie meinen: ich sei bei Verstand?«

»Ja.«

Der Fürst lachte auf.

»Sie urteilen ganz richtig, mein Lieber«, fügte er mit einem überaus frechen Gesichtsausdruck hinzu.

»Fürst«, sagte ich, aufgebracht über seine Unverschämtheit, »Sie hassen uns, und darunter auch mich, und rächen sich jetzt an mir für alles und für alle. Alles das geht bei Ihnen aus der kleinlichsten Eigenliebe hervor. Sie sind boshaft, in kleinlicher Weise boshaft. Wir haben Sie geärgert, und vielleicht ärgern Sie sich am allermeisten über jenen Abend. Natürlich konnten Sie es mir durch nichts so gut heimzahlen als dadurch, daß Sie mir so gründlich Ihre Verachtung bezeigen; Sie dispensieren sich sogar von der gewöhnlichen Höflichkeit, zu der wir alle im Verkehr miteinander verpflichtet sind. Dadurch, daß Sie sich so offen und unerwartet vor meinen Augen Ihre widerwärtige Maske abreißen und sich in Ihrem moralischen Zynismus präsentieren, wollen Sie mir deutlich zum Ausdruck bringen, ich sei nach Ihrem Urteil nicht einmal wert, daß man sich vor mir schäme . . .«

»Wozu sagen Sie mir das alles?« fragte er in grobem Ton, indem er mich boshaft anblickte. »Um mir Ihren Scharfsinn zu beweisen?«

»Um Ihnen zu zeigen, daß ich Sie durchschaue, und Ihnen das auszusprechen.«

»Quelle idée, mon cher«, fuhr er fort; aber er hatte seinen Ton plötzlich geändert und war zu dem früheren heiteren, gutmütigen Plauderton zurückgekehrt. »Sie haben mich jetzt nur von meinem Gegenstand abgelenkt. Buvons, mon ami; gestatten Sie, daß ich Ihnen eingieße! Ich war eben im Begriff, Ihnen ein reizendes, höchst interessantes Abenteuer zu erzählen. Ich erzähle es Ihnen nur in allgemeinen Zügen. Ich war einmal mit einer Dame bekannt; sie stand nicht mehr in der Blüte der Jugend, sondern mochte etwa sieben- oder achtundzwanzig Jahre alt sein; eine erstklassige Schönheit; welch eine Büste, welch eine Haltung, welch ein Gang! Sie hatte einen scharfen, adlerartigen Blick, der immer ernst und streng war; ihr Benehmen war majestätisch und unnahbar. Sie galt für so kalt wie der Winter in seiner kältesten Zeit und erschreckte alle durch ihre unerreichbare, grausame Tugend. Ja, ›grausam‹, das ist der richtige Ausdruck. Es gab in der ganzen Gegend keine so unnachsichtige Richterin wie sie. Sie verdammte an anderen Frauen nicht nur das Laster, sondern sogar die geringste Schwäche, und dieses Verdammungsurteil war unwiderruflich, und es gab von ihm keine Appellation. In ihrem Kreise besaß sie ein gewaltiges Ansehen. Die stolzesten und wegen ihrer Tugend am meisten gefürchteten alten Damen hatten den größten Respekt vor ihr und suchten sich sogar bei ihr einzuschmeicheln. Sie blickte auf alle kühl und streng herab wie die Äbtissin eines mittelalterlichen Klosters. Die jungen Frauen zitterten vor ihrem Blick und ihrem Urteilsspruch. Eine Bemerkung, eine Andeutung von ihr genügte, um einen Ruf zu vernichten; eine solche Position hatte sie sich in der besseren Gesellschaft erworben; sogar die Männer hatten vor ihr Furcht. Schließlich warf sie sich auf eine Art von beschaulichem Mystizismus, der aber ebenfalls einen ruhigen, erhabenen Charakter trug. Und sollte man es glauben? Es gab auf der ganzen Welt kein Weib, das wollüstiger gewesen wäre als sie, und ich hatte das Glück, ihr volles Vertrauen zu genießen. Kurz, ich war ihr heimlicher Geliebter. Für unseren Verkehr hatte sie mit so meisterhafter Geschicklichkeit alle Einrichtungen getroffen, daß nicht einmal jemand von ihren Hausgenossen den geringsten Verdacht hegen konnte; nur ihre hübsche Zofe, eine Französin, war in das Geheimnis eingeweiht; aber auf diese Zofe konnten wir uns vollständig verlassen; sie war ebenfalls an der Sache beteiligt; wie, das will ich jetzt nicht erörtern. Meine Dame war derartig wollüstig, daß selbst der Marquis de Sade viel von ihr hätte lernen können. Aber das stärkste, die Nerven am meisten reizende und aufrüttelnde Moment bei diesem Genußleben war seine Heimlichkeit und die Unverschämtheit des Betruges. Diese Verhöhnung alles dessen, was die Gräfin in der Gesellschaft als etwas Hohes, Unantastbares, Unverletzliches predigte, dieses innerliche, teuflische Lachen, dieses bewußte Mit-Füßen-Treten aller Gesetze, die heiliggehalten werden sollen, und all das in ganz maßloser Weise, bis zum äußersten Grade, bis zu einem Grade, den sich auch die wildeste Einbildungskraft nicht vorzustellen wagen würde – gerade das bildete den allergrößten Reiz dieses Genusses. Ja, dieses Weib war eine Inkarnation des Teufels; aber sie hatte etwas unwiderstehlich Bezauberndes. Auch jetzt kann ich nicht ohne Entzücken an sie zurückdenken. Mitten in der Glut des heißesten Genusses lachte sie auf einmal los wie eine Irrsinnige, und ich verstand dieses Lachen, verstand es vollkommen und lachte selbst mit. Auch jetzt noch stockt mir der Atem bei der bloßen Erinnerung, obwohl es schon viele Jahre zurückliegt. Nach einem Jahr schaffte sie mich ab und gab mir einen Nachfolger. Wenn ich es auch gewollt hätte, so hätte ich ihr doch nicht schaden können. Wer hätte mir geglaubt? Wie finden Sie einen solchen Charakter? Was sagen Sie dazu, mein junger Freund?«

»Pfui, welche Gemeinheit!« antwortete ich; ich hatte dieses Bekenntnis mit einem Gefühl steigenden Ekels angehört.

»Sie wären sich selbst untreu geworden, mein junger Freund, wenn Sie anders geantwortet hätten! Ich wußte im voraus, daß Sie das sagen würden. Hahaha! Warten Sie, mon ami; wenn Sie länger leben, werden Sie Verständnis dafür gewinnen; jetzt ist Ihr Appetit noch auf Kinderkonfekt gerichtet. Nein, als Dichter haben Sie sich hier nicht erwiesen; aber diese Frau verstand das Leben und wußte es zu genießen.«

»Aber welchen Zweck hatte es, sich so zum Tier zu erniedrigen?«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, diese Frau erniedrigte sich doch zum Tier und Sie sich mit ihr.«

»Ah, Sie nennen das Erniedrigung zum Tier – ein Anzeichen dafür, daß Sie noch in den Kinderschuhen stecken und am Gängelband gehen. Gewiß, ich gebe zu, daß jemand auch bei einer Anschauungsweise, die der meinigen völlig entgegengesetzt ist, Selbständigkeit an den Tag legen kann; aber . . . wir wollen einfach und klar reden, mon ami . . . Sie werden selbst zugeben müssen, daß das alles Unsinn ist!«

»Was ist denn kein Unsinn?«

»Kein Unsinn ist die Persönlichkeit, mein eigenes Ich. Alles ist für mich da, und die ganze Welt ist für mich geschaffen. Hören Sie, mein Freund, ich glaube noch daran, daß man auf der Welt gut leben kann. Und das ist der allerbeste Glaube; denn ohne ihn könnte man nicht einmal schlecht leben: man müßte sich vergiften. Wie man sagt, hat es auch einen Dummkopf gegeben, der das tat. Er ging in seinem Philosophieren so weit, daß er alles negierte, alles, sogar die Gesetzmäßigkeit aller normalen und natürlichen menschlichen Pflichten; so gelangte er dahin, daß ihm nichts übrigblieb; das Resultat war Null; und da verkündete er denn, das Beste im Leben sei die Blausäure. Sie werden sagen, das sei ein Hamlet, eine schreckliche Verzweiflung, mit einem Wort, etwas so Großartiges, daß es uns auch nicht einmal im Traum beikommen könne. Aber Sie sind ein Dichter und ich ein einfacher Mensch, und daher sage ich Ihnen, daß man die Sache vom einfachen, praktischen Gesichtspunkt aus ansehen muß. Ich zum Beispiel habe mich schon längst von allen Fesseln und sogar von allen Pflichten frei gemacht. Ich halte mich nur dann für verpflichtet, wenn etwas mir irgendwelchen Vorteil bringt. Sie können die Dinge natürlich nicht so ansehen; Ihre Füße sind gefesselt, und Ihr Geschmack ist krank. Sie legen bei Ihrem Räsonnement das Ideal und die Tugenden zugrunde. Indessen, mein Freund, ich bin ja selbst gern bereit, alles zuzugeben, was Sie wünschen; aber was soll ich tun, wenn ich bestimmt weiß, daß die Grundlage aller menschlichen Tugenden der größte Egoismus bildet? Und je tugendhafter eine Handlung ist, um so mehr Egoismus steckt dahinter. Liebe dich selbst! Das ist die einzige Maxime, die ich anerkenne. Das Leben ist ein Handelsgeschäft; werfen Sie Ihr Geld nicht umsonst weg; aber bezahlen Sie meinetwegen für die genossene Bewirtung; damit erfüllen Sie alle Ihre Pflichten gegen Ihren Nächsten. Das ist mein Moralkodex, wenn Sie ihn durchaus kennenlernen wollen, obwohl ich Ihnen gestehe, daß es meiner Ansicht nach noch besser ist, seinem Nächsten nichts zu bezahlen, sondern ihn mit Klugheit dahin zu bringen, daß er einem seine Dienste umsonst leistet. Ideale habe ich keine, und ich wünsche auch keine zu haben; Sehnsucht nach ihnen habe ich nie verspürt. Auch ohne Ideale kann man auf der Welt so nett und vergnügt leben . . . und, en somme, ich bin recht froh, daß ich ohne Blausäure auskommen kann. Wäre ich ein bißchen tugendhafter, so würde ich vielleicht nicht ohne sie auskommen können, wie jener Dummkopf von Philosoph (es wird gewiß ein Deutscher gewesen sein). Nein, es gibt im Leben noch so viele gute Dinge! Ich liebe eine einflußreiche Stellung, einen hohen Rang, ein elegantes Restaurant, hohes Kartenspiel (ich spiele schrecklich gern Karten). Aber die Hauptsache, die Hauptsache bleiben doch die Frauen . . . und Frauen von aller Art; ich liebe sogar geheime, versteckte Wollust, so eine, die ein bißchen seltsam und originell ist, sogar zur Abwechslung mit etwas Schmutz . . . Hahaha! Ich sehe Ihr Gesicht an: mit welcher Verachtung blicken Sie jetzt auf mich herab!«

»Da haben Sie recht«, erwiderte ich.

»Nun, angenommen auch, daß Sie recht hätten, so ist doch jedenfalls ein bißchen Schmutz besser als Blausäure. Nicht wahr?«

»Nein; da ist doch die Blausäure besser.«

»Ich hatte Sie absichtlich gefragt: ›Nicht wahr?‹, um mich an Ihrer Antwort zu ergötzen, die ich schon vorher wußte. Nein, mein Freund, wenn Sie ein wahrer Menschenfreund sind, dann müssen Sie allen verständigen Menschen denselben Geschmack wünschen, den ich habe, sogar mit ein bißchen Schmutz; sonst haben ja die verständigen Menschen bald nichts mehr auf der Welt zu suchen, und es bleiben nur die Dummköpfe auf ihr übrig. Da hätten die einmal Glück! Es gibt ja auch jetzt schon ein Sprichwort: die Dummen haben das Glück. Und wissen Sie, es gibt nichts Angenehmeres als mit Dummköpfen zusammen zu leben und sich bei ihnen einzuschmeicheln; das ist sehr profitabel! Wundern Sie sich nicht darüber, daß ich auf gewisse hergebrachte Anschauungen Wert lege, an manchen konventionellen Formen festhalte, nach einer einflußreichen Stellung trachte; ich sehe ja, daß ich in einer hohlen Gesellschaft lebe; aber in dieser Gesellschaft sitze ich vorläufig weich und warm, und darum schmeichle ich mich bei diesen Leuten ein und spiele mich als ihr eifriger Verteidiger auf, würde aber im gegebenen Fall der erste sein, der sie verläßt. Ich kenne ja alle Ihre neuen Ideen, obgleich ich nie für sie gelitten habe; ich habe auch keinen Anlaß, das zu tun. Gewissensbisse habe ich nie über etwas gehabt. Ich bin mit allem einverstanden, wenn es mir nur gut geht. Und solcher Menschen wie mich gibt es eine Legion, und es geht uns tatsächlich gut. Alles in der Welt kann zugrunde gehen; nur uns wird das niemals begegnen. Wir existieren, solange die Welt existiert. Die ganze Welt kann irgendwohin versinken; aber wir kommen immer wieder in die Höhe, wir schwimmen immer obenauf. Apropos, beachten Sie beispielsweise nur den einen Umstand, wie langlebig solche Leute wie wir sind. Wir sind ja von einer phänomenalen Lebenszähigkeit; ist Ihnen das noch nie aufgefallen? Wir leben bis zu achtzig, neunzig Jahren! Also nimmt uns die Natur selbst unter ihren Schutz, hahaha! Ich will unbedingt neunzig Jahre alt werden. Ich liebe den Tod nicht und fürchte ihn sogar. Weiß der Teufel, auf welche Weise man noch wird sterben müssen! Aber wozu sollen wir davon reden! Dazu hat mich nur dieser Philosoph, der sich vergiftete, verleitet. Zum Teufel mit der Philosophie! Buvons, mon cher! Wir fingen ja an, von hübschen Mädchen zu reden . . . Wo wollen Sie denn hin?«

»Ich gehe, und auch für Sie dürfte es Zeit sein . . .«

»Nicht doch, nicht doch! Ich habe Ihnen sozusagen mein ganzes Herz erschlossen, und Sie scheinen einen so deutlichen Beweis von Freundschaft nicht einmal recht zu würdigen. Hahaha! Sie haben kein liebevolles Herz, mein lieber Poet. Aber warten Sie, ich will noch eine Flasche . . .«

»Die dritte?«

»Ja, die dritte. Über die Tugend, meine junger Zögling (gestatten Sie, daß ich Sie mit dieser freundlichen Benennung bezeichne; wer weiß, vielleicht trägt mein Unterricht noch Früchte) – also, mein Zögling, über die Tugend habe ich Ihnen schön gesagt: je tugendhafter eine Tugend ist, um so mehr Egoismus steckt in ihr drin. Ich möchte Ihnen über dieses Thema ein allerliebstes Geschichtchen erzählen. Ich liebte einmal ein Mädchen und liebte sie beinahe aufrichtig. Sie brachte mir sogar vieles zum Opfer . . .«

»Ist das die, die Sie bestohlen haben?« fragte ich grob, da ich keine Lust mehr hatte, mich zurückzuhalten.

Der Fürst fuhr zusammen; sein Gesicht nahm einen anderen Ausdruck an, und er richtete seine heißen Augen starr auf mich; in seinem Blick lag Erstaunen und Wut.

»Warten Sie«, sagte er, als ob er vor sich hin spräche; »warten Sie; lassen Sie mich nachdenken! Ich bin wirklich betrunken, und es fällt mir schwer, meine Gedanken zu sammeln . . .«

Er verstummte und sah mich forschend mit demselben grimmigen Blick an, wobei er meine Hand in der seinigen hielt, wie wenn er fürchtete, ich könnte fortgehen. Ich bin überzeugt, daß er in diesem Augenblick überlegte und herauszubekommen suchte, woher ich diese fast niemandem bekannte Tatsache wohl wissen könne und ob sich darin irgendwelche Gefahr für ihn verberge. Das dauerte ungefähr eine Minute; aber dann ging mit seinem Gesicht plötzlich eine schnelle Veränderung vor; der frühere Ausdruck von Spott und trunkener Heiterkeit erschien von neuem in seinen Augen. Er lachte auf.

»Hahaha! Sie sind ja der reine Talleyrand! Nun ja, ich stand wirklich wie ein Schuljunge vor ihr, als sie mir den Vorwurf ins Gesicht schleuderte, ich hätte sie bestohlen! Wie sie damals kreischte und schimpfte! Sie war wütend und . . . hatte alle Selbstbeherrschung verloren. Aber urteilen Sie selbst: erstens hatte ich sie überhaupt nicht bestohlen, wie Sie sich soeben ausdrückten. Sie hatte mir ihr Geld selbst geschenkt, und es gehörte also mir. Na, nehmen wir an, Sie schenken mir Ihren besten Frack« (bei diesen Worten warf er einen Blick auf meinen einzigen, recht unschönen Frack, den mir vor drei Jahren der Schneider Iwan Skornjagin gemacht hatte); »ich bin Ihnen dafür dankbar und trage ihn; ein Jahr darauf überwerfen Sie sich plötzlich mit mir und fordern ihn zurück; ich habe ihn aber inzwischen schon abgetragen . . . Das ist nicht anständig von Ihnen gehandelt; warum haben Sie ihn mir denn zuerst geschenkt? Zweitens hätte ich ihr das Geld, obwohl es mir gehörte, unfehlbar zurückgegeben; aber sagen Sie selbst: wo hätte ich denn eine solche Summe so plötzlich hernehmen sollen? Die Hauptsache aber war: ich kann, wie ich Ihnen schon gesagt habe, Hirtenidyllen und Schillerianer nicht leiden; na, und gerade das war die Ursache des ganzen Zerwürfnisses. Sie glauben gar nicht, was sie vor mir für eine Pose annahm und wie sie schrie, sie schenke mir das Geld (das doch mir gehörte). Da wurde auch ich ärgerlich, und da mich meine Geistesgegenwart nie verläßt, so stellte ich klugerweise sogleich eine durchaus richtige Erwägung an: ich sagte mir, daß ich sie durch die Rückgabe des Geldes vielleicht sogar unglücklich machen würde. Ich hätte ihr den Genuß geraubt, sich durch mich völlig unglücklich zu fühlen und mich ihr ganzes Leben lang zu verfluchen. Glauben Sie mir, mein Freund, solches Unglück ist sogar die Quelle eines Entzückens höherer Art, welches darin besteht, daß man sich bewußt ist, vollkommen im Recht zu sein und großmütig gehandelt zu haben und den Gegner mit vollem Recht einen Schurken nennen zu dürfen. Dieses Entzücken des Ingrimms findet sich natürlich nur bei solchen Schillernaturen; vielleicht hatte sie später nichts zu essen; aber ich bin überzeugt, daß sie glücklich war. Ich wollte sie dieses Glückes nicht berauben und schickte ihr das Geld nicht zurück. Auf diese Weise hat auch mein Lehrsatz seine volle Bestätigung gefunden: daß, je stärker und bedeutender die Großmut eines Menschen ist, ein um so größeres Quantum des widerwärtigsten Egoismus darin steckt . . . Ist Ihnen das wirklich nicht klar? . . . Aber . . . Sie wollten mich ja nur fangen, hahaha! . . . Na, gestehen Sie es nur, Sie wollten mich fangen? . . . Oh, Sie Talleyrand!«

»Leben Sie wohl!« sagte ich und stand auf.

»Noch ein Augenblickchen! Nur noch ein paar Worte zum Schluß!« rief er, indem er seinen widerlichen Ton plötzlich mit einem ernsten vertauschte. »Hören Sie das Letzte, was ich Ihnen sagen möchte! Aus allem, was ich Ihnen gesagt habe, ergibt sich klar und deutlich (ich meine, das werden auch Sie selbst bemerkt haben), daß ich niemals und um niemandes willen meinen Vorteil aufgeben will. Ich liebe das Geld und brauche Geld. Katerina Fjodorowna besitzt viel Geld; ihr Vater ist zehn Jahre lang Branntweinpächter gewesen. Sie hat drei Millionen, und diese drei Millionen werden mir sehr zustatten kommen. Aljoscha und Katja passen vorzüglich zueinander; beide sind Dummköpfe erster Klasse; das ist's gerade, was ich brauche. Und darum wünsche und will ich unbedingt, daß ihre Heirat zustande kommt, und zwar möglichst bald. In zwei, drei Wochen werden die Gräfin und Katja aufs Land reisen. Aljoscha soll sie begleiten. Benachrichtigen Sie doch Natalja Nikolajewna vorher davon, damit es keine gefühlvollen Szenen setzt und sich niemand gegen mich auflehnt. Ich bin rachsüchtig und boshaft und bestehe auf meinem Willen. Furcht habe ich vor ihr nicht; es wird zweifellos alles nach meinem Willen geschehen, und wenn ich sie jetzt warnen lasse, so tue ich das fast nur in ihrem eigenen Interesse. Sorgen Sie dafür, daß keine Dummheiten passieren und daß sie sich vernünftig benimmt. Sonst wird es ihr schlecht gehen, sehr schlecht. Sie hat allen Grund, mir schon dafür dankbar zu sein, daß ich nicht mit ihr verfahren bin, wie es sich gehört, nach dem Gesetz. Lassen Sie sich sagen, mein lieber Poet, daß die Gesetze die Ruhe des Familienlebens beschirmen, indem sie dem Vater den Gehorsam des Sohnes gewährleisten, und daß diejenigen, die ein Kind von seinem heiligen Pflichten gegen seine Eltern abbringen, beim Gesetz keinen Schutz finden. Bedenken Sie schließlich noch, daß ich Konnexionen besitze und sie nicht, und . . . begreifen Sie denn wirklich nicht, was ich alles mit ihr tun könnte? Aber ich habe noch nichts getan, weil sie sich bisher vernünftig benommen hat. Seien Sie versichert: während dieses ganzen halben Jahres haben in jedem Augenblick scharfsichtige Augen jede Bewegung der beiden überwacht, und ich habe alles bis auf die geringste Kleinigkeit gewußt. Und darum habe ich ruhig gewartet, bis Aljoscha selbst sich von ihr abwenden würde, was jetzt bereits beginnt; bis dahin mochte es für ihn eine angenehme Zerstreuung sein. Ich aber bin in seinen Augen der humane Vater geblieben; und es liegt in meinem Interesse, daß er so über mich denkt. Hahaha! Ich denke eben daran, daß ich ihr damals, an jenem Abend, beinahe Komplimente deswegen gesagt habe, weil sie so großmütig und uneigennützig gewesen ist, ihn nicht zu heiraten; ich möchte wohl wissen, wie sie das hätte anfangen wollen! Was aber meinen damaligen Besuch bei ihr anlangt, so geschah das alles einzig und allein, weil es nunmehr Zeit war, der Liaison der beiden ein Ende zu machen. Aber ich hielt für nötig, mir alles mit eigenen Augen anzusehen, mich von allem persönlich zu überzeugen . . . Nun, sind Sie jetzt zufrieden? Oder möchten Sie vielleicht noch wissen, warum ich Sie hierhergeschleppt, mich vor Ihnen so eigentümlich benommen und eine solche Offenherzigkeit bewiesen habe, während ich doch das alles ohne jede Offenherzigkeit hätte aussprechen können, ja?«

»Ja.«

Ich überwand mich und horchte begierig auf. Zu antworten hatte ich ihm nichts weiter.

»Einzig deswegen, mein Freund, weil ich bei Ihnen etwas mehr Vernunft und klaren Blick für die Dinge bemerkte als bei unseren beiden Dummköpfen. Allerdings mochten Sie auch schon vorher wissen, wer ich bin, mochten es erraten haben, allerlei über mich kombiniert haben; aber ich wollte Sie dieser Mühe überheben und beschloß, Ihnen anschaulich zu zeigen, mit wem Sie es zu tun haben. Es ist ein großes Ding um so einen tatsächlichen Eindruck. Lernen Sie mich verstehen, mon ami! Sie wissen jetzt, mit wem Sie es zu tun haben; Sie lieben das Mädchen, und daher hoffe ich jetzt, daß Sie all Ihren Einfluß (und Sie besitzen Einfluß auf sie) aufbieten werden, um ihr gewisse Unannehmlichkeiten zu ersparen. Sonst wird sie Unannehmlichkeiten haben, und ich versichere Sie, versichere Sie mit aller Bestimmtheit: solche, über die nicht zu spaßen sein wird. Nun, und endlich der dritte Grund meiner Offenherzigkeit gegen Sie ist der (aber Sie haben ihn ja gewiß schon erraten, mein Lieber): ich wollte wirklich einmal meinem Ekel über diese ganze Angelegenheit Ausdruck geben, und zwar gerade vor Ihren Ohren . . .«

»Und Sie haben Ihre Absicht erreicht«, sagte ich, zitternd vor Erregung. »Ich gebe zu, daß Sie mir Ihren ganzen Ingrimm und Ihre ganze Verachtung für mich und uns alle auf keine Weise besser hätten zum Ausdruck bringen können als gerade durch diese Offenherzigkeit. Sie haben nicht gefürchtet, daß Sie sich durch Ihre Offenherzigkeit einem Menschen wie mir gegenüber kompromittieren könnten; noch mehr: Sie haben sich nicht einmal vor mir geschämt. Sie glichen tatsächlich jenem Irrsinnigen im Mantel. Sie haben mich nicht für einen Menschen erachtet.«

»Sie haben es erraten, mein junger Freund«, erwiderte er, sich erhebend. »Sie haben alles erraten; man sieht, daß Sie Literat sind. Ich hoffe, wir scheiden voneinander in aller Freundschaft. Brüderschaft werden wir aber wohl nicht zusammen trinken?«

»Sie sind betrunken, und nur deshalb antworte ich Ihnen nicht so, wie es sich gehören würde . . .«

»Wieder die Redefigur der Verschweigung eines Gedankens! Sie haben nicht gesagt, wie es sich denn gehören würde zu antworten, hahaha! Für Sie zu bezahlen, erlauben Sie mir wohl nicht?«

»Bemühen Sie sich nicht; ich werde selbst für mich bezahlen.«

»Nun, versteht sich. Wir haben wohl nicht denselben Weg?«

»Ich werde nicht mit Ihnen fahren.«

»Leben Sie wohl, mein lieber Poet! Ich hoffe, Sie haben mich verstanden . . .«

Er ging mit etwas unsicherem Schritt hinaus, ohne sich nach mir weiter umzusehen. Der Diener war ihm beim Einsteigen in die Equipage behilflich. Ich schlug meinen Weg ein. Es war zwischen zwei und drei Uhr. Es regnete; die Nacht war dunkel.

Vierter Teil

Erstes Kapitel

Ich will nicht weiter schildern, wie wütend ich war. Obgleich ich auf alles gefaßt gewesen war, war ich doch überrascht; er war ganz unerwartet, sozusagen in seiner ganzen Häßlichkeit, vor mich hingetreten. Indes waren, wie ich mich erinnere, meine Empfindungen trübe und undeutlich: ich fühlte mich niedergeschmettert, zu Boden gedrückt; es war mir, als ob ein schwerer Kummer immer schmerzlicher an meinem Herzen söge; ich ängstigte mich um Natascha. Ich ahnte, daß ihr viele Qualen bevorstanden, und sann in unklarer Weise darauf, wie man ihr diese Qualen ersparen, wie man ihr diese letzten Augenblicke vor der endgültigen Lösung des Knotens erleichtern könne. Daß die Lösung erfolgen mußte, daran konnte kein Zweifel sein. Sie nahte heran, und wie sie ausfallen werde, war leicht zu erraten.

Ich merkte gar nicht, wie ich nach Hause kam, obgleich der Regen mich auf dem ganzen Weg durchnäßte. Es war schon drei Uhr morgens. Kaum hatte ich an die Tür meiner Wohnung geklopft, als ich ein Stöhnen hörte und die Tür eilig aufgeschlossen wurde, wie wenn Nelly sich gar nicht schlafen gelegt, sondern die ganze Zeit über dicht an der Schwelle auf mich gewartet hätte. Es brannte eine Kerze. Ich sah Nelly ins Gesicht und erschrak: ihr Gesicht sah ganz entstellt aus; die Augen brannten wie im Fieber und hatten einen wilden, scheuen Blick, als ob sie mich nicht erkenne. Ihr Kopf glühte.

»Nelly, was ist dir? Bist du krank?« fragte ich, indem ich mich zu ihr beugte und den Arm um sie schlang.

Sie drückte sich zitternd an mich, als ob sie etwas fürchtete, und begann hastig und stoßweise zu reden, wie wenn sie nur auf mich gewartet hätte, um es mir recht schnell zu erzählen. Aber ihre Worte waren unzusammenhängend und seltsam; ich verstand nichts; sie redete irre.

Ich führte sie schleunigst zum Bett; aber sie drückte sich fortwährend fest an mich, als ob sie sich ängstigte und mich bäte, sie vor jemand zu beschützen; und als sie schon im Bett lag, griff sie immer noch nach meiner Hand und hielt sie fest, aus Furcht, daß ich wieder fortgehen könnte. Mein Nervensystem war dermaßen angegriffen und erschüttert, daß ich, während ich sie so ansah, in Tränen ausbrach. Ich war selbst krank. Als sie meine Tränen sah, blickte sie mich lange und unverwandt mit gewaltsam angespannter Aufmerksamkeit an, als bemühe sie sich, mit ihren Gedanken über etwas ins klare zu kommen. Es war ihr anzusehen, daß sie dies große Anstrengung kostete. Endlich schimmerte auf ihrem Gesicht etwas auf, was mit einem Gedanken Ähnlichkeit hatte; nach einem starken epileptischen Anfall war sie gewöhnlich eine Zeitlang außerstande, mit ihren Gedanken zurechtzukommen und deutlich zu reden. So war es auch jetzt: sie strengte sich aufs äußerste an, um mir etwas zu sagen, und da sie merkte, daß ich sie nicht verstand, streckte sie ihre kleine Hand aus und begann, mir die Tränen abzuwischen; dann umschlang sie meinen Hals, zog mich zu sich herab und küßte mich.

Es war klar: Sie hatte in meiner Abwesenheit einen Anfall gehabt, und dieser war gerade in dem Augenblick eingetreten, als sie dicht an der Tür stand. Als er vorübergegangen war, hatte sie wahrscheinlich lange nicht zu sich kommen können. In diesem Stadium des Leidens pflegt sich die Wirklichkeit mit den Fieberphantasien zu vermischen, und es waren ihr irgendwelche schrecklichen, beängstigenden Vorstellungen gekommen. Gleichzeitig war sie sich unklar bewußt geworden, daß ich zurückkommen müsse und an die Tür klopfen werde, und daher hatte sie, dicht an der Schwelle auf dem Fußboden liegend, auf meine Rückkehr gewartet und war auf mein erstes Klopfen aufgestanden.

»Aber wie ist es zugegangen, daß sie sich gerade an der Tür befand?« dachte ich und bemerkte plötzlich zu meinem Erstaunen, daß sie ihren kleinen Pelz anhatte (ich hatte ihn ihr eben erst bei einer mir bekannten alten Trödlerin gekauft, die manchmal zu mir in die Wohnung kam und mir ihre Ware auf Kredit gab); folglich hatte sie vorgehabt, irgendwohin auszugehen, und war wahrscheinlich schon im Begriff gewesen, die Tür zu öffnen, als der Anfall sie plötzlich überraschte. Wohin hatte sie aber gehen wollen? Hatte sie sich vielleicht damals schon im Fieberwahn befunden?

Die Hitze verging nicht, und sie versank bald wieder in Bewußtlosigkeit und redete irre. Sie hatte schon zweimal in meiner Wohnung Anfälle gehabt, die aber beide einen glücklichen Verlauf genommen hatten; jetzt jedoch hatte sie ein hitziges Fieber. Nachdem ich eine halbe Stunde an ihrem Bett gesessen hatte, rückte ich ein paar Stühle an das Sofa und legte mich, angekleidet wie ich war, in ihrer Nähe hin, um schnell zu erwachen, wenn sie mich rufen sollte. Die Kerze löschte ich nicht aus. Viele Male blickte ich noch nach ihr hin, bevor ich selbst einschlief. Sie war blaß; ihre Lippen waren von der innerlichen Hitze ausgetrocknet und, wahrscheinlich infolge des Hinfallens, blutig; ihr Gesicht hatte den Ausdruck der Angst und eines quälenden Kummers nicht verloren; diese Empfindungen schienen auch im Schlaf nicht von ihr zu weichen. Ich nahm mir vor, morgen so früh wie möglich den Arzt zu holen, wenn es ihr schlechter gehen sollte. Ich fürchtete, es werde ein richtiges Nervenfieber zum Ausbruch kommen.

»Das sind die Folgen der Angst, die ihr der Fürst eingejagt hat«, dachte ich und zitterte dabei; unwillkürlich mußte ich an seine Erzählung von der Frau denken, die ihm ihr Geld gelassen und ihm Schmähworte ins Gesicht geschleudert hatte.

Zweites Kapitel

Zwei Wochen waren vergangen. Nelly war in der Genesung. Ein Nervenfieber hatte sie nicht gehabt; aber sie war sehr krank gewesen. Ende April, an einem hellen, klaren Tag, stand sie vom Bett auf. Es war in der Karwoche.

Das arme Geschöpf! Ich kann meine Erzählung nicht in der früheren Anordnung fortsetzen. Es ist schon viel Zeit vergangen bis zum jetzigen Augenblick, wo ich all diese Ereignisse der Vergangenheit niederschreibe; aber bis heute kann ich nur mit schwerem, bitterem Gram an das blasse, magere Gesichtchen denken und an diesen langen, tiefen Blick ihrer schwarzen Augen, wenn wir manchmal allein waren und sie mich von ihrem Bett aus ansah, lange ansah, als ob sie mich auffordern wollte, zu erraten, was in ihrer Seele vorging; aber wenn sie sah, daß ich es nicht erriet und in meiner bisherigen Verständnislosigkeit verharrte, dann lächelte sie leise vor sich hin und streckte mir auf einmal freundlich ihr heißes Händchen mit den mageren, dünn gewordenen Fingerchen entgegen. Jetzt ist das alles vergangen, und alles ist schon bekannt geworden; aber auch jetzt kenne ich noch nicht das ganze Geheimnis dieses kranken, gequälten, beleidigten kleinen Herzens.

Ich fühle, daß ich mich von meiner Erzählung ablenken lasse; aber ich mag in diesem Augenblick einzig und allein an Nelly denken. Merkwürdig: jetzt, wo ich im Krankenhaus in meinem Bett liege, allein, von allen verlassen, die ich so viel und so innig geliebt habe, jetzt kommt mir manchmal irgendein unbedeutender Zug aus jener Zeit, den ich damals kaum beachtet und bald wieder vergessen hatte, plötzlich ins Gedächtnis und gewinnt auf einmal in meinem Geist eine ganz andere, wesentliche Bedeutung, die mir jetzt das klarmacht, was ich bisher nicht zu begreifen vermochte.

Während der ersten vier Tage ihrer Krankheit waren wir, der Arzt und ich, um sie in großer Sorge; aber am fünften Tag führte mich der Arzt beiseite und sagte mir, es sei kein Grund mehr zu Befürchtungen und sie werde sicher gesund werden. Der Arzt war eben jener mir schon lange bekannte, gutmütige und wunderliche alte Junggeselle, den ich bereits bei Nellys erster Krankheit gerufen hatte und dessen großer, am Hals hängender Stanislausorden ihr so interessant gewesen war.

»Also es ist nichts mehr zu befürchten?« sagte ich erfreut.

»Nein; sie wird jetzt gesund werden; aber dann wird sie sehr bald sterben.«

»Sterben? Aber warum denn?« rief ich, ganz starr über diesen Ausspruch.

»Ja, sie wird dann unfehlbar bald sterben. Die Patientin hat einen organischen Herzfehler und wird bei den geringsten ungünstigen Einwirkungen wieder bettlägerig werden. Vielleicht wird sie dann noch einmal genesen; aber darauf wird sie von neuem krank werden und schließlich sterben.«

»Und gibt es wirklich keine Möglichkeit, sie zu retten? Nein, es kann nicht sein!«

»Und doch muß es so kommen. Allerdings, wenn man alle ungünstigen Einwirkungen von ihr fernhielte, ihr ein ruhiges, stilles Leben verschaffte, ihr mehr Vergnügen bereitete, dann könnte die Patientin noch vor dem Tod bewahrt bleiben, und es kommen sogar Fälle vor . . . unerwartete, merkwürdige Ausnahmefälle . . . kurz, bei einer Vereinigung vieler günstiger Einwirkungen kann die Patientin sogar für lange Zeit gerettet werden; aber eine radikale Heilung ist ausgeschlossen.«

»Aber, mein Gott, was ist da zu tun?«

»Sie muß meine Weisungen befolgen, ein ruhiges Leben führen und die Pulver regelmäßig einnehmen. Ich habe gemerkt, daß dieses Mädchen launisch, von ungleichmäßigem Wesen und sogar sehr spottlustig ist; sie hat sehr wenig Lust, die Pulver regelmäßig einzunehmen, und hat das soeben deutlich bewiesen.«

»Ja, Doktor. Sie ist in der Tat ein eigentümliches Wesen; aber ich führe das alles auf ihre krankhafte Reizbarkeit zurück. Gestern war sie sehr folgsam; heute aber, als ich ihr die Arznei reichen wollte, stieß sie, wie unabsichtlich, an den Löffel, so daß alles verschüttet wurde. Und als ich ihr ein neues Pulver zurechtmachen wollte, riß sie mir das ganze Schächtelchen weg und warf es auf den Fußboden; dann aber brach sie in Tränen aus . . . Aber anscheinend weinte sie nicht darüber, daß ich sie veranlassen wollte, die Pulver einzunehmen«, fügte ich nach kurzem Nachdenken hinzu.

»Hm! Irritation der Nerven. Das frühere große Unglück« (ich hatte dem Arzt eingehend und offenherzig vieles von Nellys Geschichte erzählt, und meine Erzählung hatte ihn sehr ergriffen), »all das hängt miteinander zusammen, und daher rührt auch ihre Krankheit. Vorläufig ist das einzige Mittel, daß sie die Pulver einnimmt; das muß sie unbedingt tun. Ich will noch einmal hingehen und ihr ernstlich auseinandersetzen, daß es ihre Pflicht ist, den ärztlichen Ratschlägen zu gehorchen und . . . ganz besonders . . . die Pulver zu nehmen.«

Wir verließen beide die Küche wieder, in welcher unser Gespräch stattgefunden hatte, und der Arzt näherte sich von neuem dem Bett der Kranken. Aber Nelly hatte, wie es schien, alles gehört: wenigstens hatte sie, während wir sprachen, den Kopf vom Kissen gehoben, ein Ohr nach unserer Seite hingewandt und die ganze Zeit über mit Anstrengung gelauscht; ich hatte das durch die Spalte der halbgeöffneten Tür bemerkt. Als wir aber zu ihr traten, war die Schelmin wieder unter die Decke geschlüpft und sah uns spöttisch lächelnd an. Das arme Kind war in diesen Tagen der Krankheit sehr abgemagert; ihre Augen waren ganz eingesunken, und die Fieberhitze war immer noch nicht gewichen. Um so seltsamer kontrastierte mit ihrem Gesicht der mutwillige Ausdruck und der streitsüchtig glänzende Blick, über den der Arzt, der gutmütigste aller Deutschen in Petersburg, sich nicht genug wundern konnte.

In ernster, eindringlicher Weise, obgleich bemüht, seiner Stimme einen möglichst milden, freundlichen, zärtlichen Klang zu geben, setzte er ihr auseinander, daß die Pulver notwendig und heilsam seien und folglich jeder Kranke die Pflicht habe, sie einzunehmen. Nelly hob schon den Kopf ein wenig in die Höhe; aber auf einmal stieß sie durch eine anscheinend ganz zufällige Bewegung des Armes an den Löffel, und die ganze Arznei floß wieder auf den Fußboden. Ich war überzeugt, daß sie es mit Absicht getan hatte.

»Das ist eine sehr unangenehme Unvorsichtigkeit«, sagte der alte Mann ruhig, »und ich vermute, daß Sie es mit Absicht getan haben, was sehr tadelnswert ist. Aber . . . wir können den Schaden reparieren und noch ein Pulver zurechtmachen.«

Nelly lachte ihm gerade ins Gesicht. Der Arzt wiegte langsam den Kopf hin und her.

»Das ist sehr häßlich«, sagte er, als er ein neues Pulver zurechtgemacht hatte, »sehr, sehr tadelnswert.«

»Ärgern Sie sich nicht über mich!« antwortete Nelly, die sich vergebens bemühte, nicht von neuem loszulachen; »ich werde die Pulver bestimmt einnehmen . . . Aber haben Sie mich lieb?«

»Wenn Sie sich lobenswert betragen, werde ich Sie sehr liebhaben.«

»Sehr lieb?«

»Ja, sehr lieb.«

»Aber jetzt haben Sie mich nicht lieb?«

»O doch, auch jetzt.«

»Aber werden Sie mich küssen, wenn ich Sie küssen will?«

»Ja, wenn Sie es verdienen werden.«

Hier konnte Nelly sich wieder nicht mehr beherrschen und brach von neuem in ein Gelächter aus.

»Die Patientin hat ein heiteres Temperament; aber jetzt merken wir an ihr nur Nervosität und Launenhaftigkeit«, flüsterte mir der Arzt mit sehr ernstem Gesicht zu.

»Nun gut, ich werde das Pulver schlucken!« rief Nelly auf einmal mit ihrem schwachen Stimmchen. »Aber wenn ich erwachsen und groß bin, werden Sie mich dann auch heiraten?«

Wahrscheinlich gefiel ihr dieser neue mutwillige Einfall sehr; ihre Augen brannten nur so, und ihre Lippen zuckten vor Lachen in Erwartung der Antwort des etwas erstaunten Arztes.

»Nun ja«, antwortete er, über diesen neuen Einfall unwillkürlich lächelnd, »nun ja, wenn Sie ein gutes, wohlerzogenes Mädchen sein werden, und wenn Sie folgsam sein und . . .«

». . . und die Pulver nehmen werden?« fiel Nelly ein.

»Ei, ei! Nun ja, auch die Pulver nehmen!« – »Ein prächtiges Mädchen«, flüsterte er mir von neuem zu; »in ihr steckt viel Herzensgüte und Verstand; aber, allerdings . . . heiraten . . . was für ein sonderbarer Einfall!«

Er brachte ihr von neuem die Medizin. Aber diesmal wandte Nelly nicht einmal List an, sondern stieß einfach mit der Hand von unten nach oben gegen den Löffel, so daß die ganze Medizin hinausflog, dem armen alten Mann gerade auf das Vorhemd und ins Gesicht. Nelly lachte laut auf, aber nicht mit dem früheren gutmütigen, heiteren Lachen. In ihrem Gesicht blitzte ein harter, böser Ausdruck auf. Diese ganze Zeit über hatte sie meinen Blick vermieden und nur den Arzt angesehen und wartete nun mit einem spöttischen Lächeln, durch das jedoch ihre innere Unruhe nur schlecht verdeckt wurde, was der ›komische Alte‹ jetzt tun werde.

»Oh! Also doch wieder! . . . Wie schade! Aber . . . ich kann ja noch ein Pulver zurechtmachen!« sagte der alte Mann, indem er sich mit dem Taschentuch das Gesicht und das Vorhemd abwischte.

Das machte auf Nelly einen starken Eindruck. Sie hatte erwartet, daß wir zornig werden würden; sie hatte gemeint, wir würden sie schelten und ihr Vorwürfe machen, und hatte dies vielleicht in diesem Augenblick unbewußtermaßen sogar gewünscht, damit sie einen Grund hätte, sogleich loszuweinen, krampfhaft loszuschluchzen, die Pulver wieder wie vorher zu verschütten, sogar vor Ärger etwas zu zerschlagen und durch all das ihrem launenhaften, kranken Herzchen eine Art von Erleichterung zu verschaffen. Solche Launen kommen vor, und nicht allein bei Kranken, und nicht allein bei Nelly. Wie oft bin ich im Zimmer auf und ab gegangen mit dem unbewußten Wunsch, es möchte mich doch jemand recht schnell beleidigen oder ein Wort sagen, das sich als Beleidigung auffassen ließe, damit ich recht schnell an etwas meinem Herzen Luft machen könnte! Frauen aber, die auf diese Weise ›ihrem Herzen Luft machen‹, vergießen die aufrichtigsten Tränen, und die gefühlvollsten unter ihnen verfallen sogar in Weinkrämpfe. Das ist ein sehr einfacher, ganz gewöhnlicher, überaus häufiger Vorgang, wenn ein anderer, oft niemandem bekannter Kummer im Herzen sitzt, den der Betreffende wohl aussprechen möchte, aber niemandem aussprechen darf.

Aber überrascht durch die engelhafte Güte des von ihr beleidigten alten Mannes und durch die Geduld, mit der er ihr von neuem ein drittes Pulver zurechtmachte, ohne ihr auch nur ein Wort des Vorwurfs zu sagen, wurde Nelly auf einmal sanft und still. Das spöttische Lächeln verschwand von ihren Lippen; eine dunkle Röte stieg ihr ins Gesicht; die Augen wurden ihr feucht: sie blickte mich flüchtig an und wandte sich sofort wieder ab. Der Arzt brachte ihr die Medizin. Sie schluckte sie friedlich und schüchtern hinunter, ergriff die rote, dicke Hand des alten Mannes, hob langsam den Kopf in die Höhe und blickte ihm in die Augen.

»Sie . . . sind mir gewiß böse, weil ich so schlecht bin«, begann sie, konnte aber nicht weiterreden, kroch unter die Bettdecke, verbarg ihr Köpfchen und fing laut und krampfhaft zu schluchzen an.

»O mein Kind, weinen Sie nicht . . . das tut nichts . . . das sind die Nerven; trinken Sie etwas Wasser!«

Aber Nelly hörte nicht auf ihn.

»Beruhigen Sie sich; regen Sie sich nicht so auf!« fuhr er fort; er beugte sich über sie und schluchzte selbst beinah; denn er war ein sehr gefühlvoller Mensch. »Ich verzeihe Ihnen und werde Sie heiraten, wenn Sie sich gut betragen werden und ein braves Mädchen sein und . . .«

». . . die Pulver nehmen werden!« erscholl es unter der Bettdecke hervor mit einem feinen, wie ein Glöckchen klingenden, nervösen, von Schluchzen unterbrochenen, mir wohlbekannten Lachen.

»Ein gutes, dankbares Kind!« sagte der Arzt triumphierend und fast mit Tränen in den Augen. »Armes Mädchen!«

Seitdem bildete sich zwischen ihm und Nelly eine seltsame, wunderliche Freundschaft heraus. Mir gegenüber wurde Nelly dagegen immer finsterer, nervöser und reizbarer. Ich wußte nicht, worauf ich das zurückführen sollte, und wunderte mich darüber, um so mehr, da dieser Umschwung in ihrem Verhalten ganz plötzlich erfolgt war. In den ersten Tagen ihrer Krankheit hatte sie sich gegen mich überaus zärtlich und freundlich benommen; sie schien sich an mir gar nicht satt sehen zu können, ließ mich nicht von ihrer Seite, ergriff meine Hand mit ihrem heißen Händchen, zog mich auf den Stuhl neben ihrem Bett nieder, und wenn sie bemerkte, daß ich finster und aufgeregt war, so bemühte sie sich, mich zu erheitern, scherzte und spielte mit mir und lächelte mir zu, indem sie augenscheinlich ihre eigenen Leiden unterdrückte. Sie wollte nicht, daß ich nachts arbeitete oder aufsaß, um sie zu warten, und wurde traurig, als sie sah, daß ich nicht auf sie hörte. Manchmal bemerkte ich an ihr eine sorgenvolle Miene; sie fragte mich über mich selbst aus, warum ich traurig sei und was ich auf dem Herzen hätte; aber merkwürdig: sobald das Gespräch auf Natascha kam, verstummte sie sofort oder begann von etwas anderem zu reden. Sie vermied es anscheinend, von Natascha zu sprechen, und das überraschte mich. Wenn ich nach Hause kam, freute sie sich. Wenn ich nach meinem Hut griff, so machte sie ein betrübtes Gesicht und verfolgte mich in eigentümlicher Weise, gewissermaßen vorwurfsvoll, mit den Augen.

Am vierten Tag ihrer Krankheit saß ich den ganzen Abend über und sogar noch lange nach Mitternacht bei Natascha. Wir hatten damals etwas miteinander zu besprechen. Als ich von zu Hause wegging, hatte ich meiner Patientin gesagt, ich würde sehr bald zurückkommen; denn ich hatte selbst damit gerechnet. Als es sich nun zufällig so traf, daß ich länger bei Natascha bleiben mußte, war ich wegen Nelly beruhigt: sie war nicht allein geblieben. Alexandra Semjonowna saß bei ihr. Diese hatte von Masslobojew, der auf einen Augenblick zu mir gekommen war, erfahren, daß Nelly krank sei und ich, so vollständig allein, viel Mühe und Sorge hätte. O Gott, in welche Aufregung die gute Alexandra Semjonowna da geriet!

»Dann wird er also auch nicht zum Mittagessen zu uns kommen! . . . Ach, mein Gott! Und er ist ganz allein, der arme Mensch, ganz allein! Nun, da wollen wir uns ihm jetzt behilflich zeigen. Jetzt bietet sich eine Gelegenheit; die dürfen wir nicht unbenutzt lassen.«

Sogleich erschien sie bei uns und brachte in der Droschke ein ganz großes Bündel mit. Nachdem sie mir schnell mit kurzen Worten erklärt hatte, sie werde jetzt nicht wieder fortgehen und sei gekommen, um mir zu helfen, band sie das Bündel auf. Darin waren Obstgelees, Eingemachtes, wie es eine Kranke essen kann, junge Hühner und eine Henne, für den Fall, daß die Kranke zu genesen beginne, Äpfel zum Braten, Apfelsinen, Kiewer getrocknete Früchte (falls der Arzt es erlauben sollte), endlich Wäsche, Bettücher, Servietten, Frauenhemden, Binden, Kompressen – als sollte ein ganzes Lazarett damit versorgt werden.

»Wir haben ja bei uns zu Hause alles vorrätig«, sagte sie eilig und geschäftig zu mir, als ob sie schnell wieder irgendwo anders hin müßte. »Na, und Sie leben hier so als Junggeselle und haben von alledem gewiß wenig. Also erlauben Sie mir schon . . . auch Filipp Filippowitsch hat es befohlen. Nun, was soll ich jetzt zuerst . . . nur schnell, nur schnell! Was muß jetzt getan werden? Was macht sie? Ist sie bei Bewußtsein? Ach, wie schlecht sie liegt; das Kissen muß in Ordnung gebracht werden, damit sie mit dem Kopf niedriger liegt. Aber wissen Sie: wäre nicht das beste ein Lederkissen? Leder kühlt. Ach, wie dumm ich bin! Daß es mir nicht eingefallen ist, eins mitzubringen! Ich werde hinfahren und es holen . . . Muß nicht Feuer gemacht werden? Ich werde Ihnen meine Alte herschicken. Ich habe eine zuverlässige alte Magd. Sie haben ja hier gar keine weibliche Bedienung . . . Nun, was soll ich jetzt tun? Was ist das? Wohl Brusttee, den der Arzt verschrieben hat? Ich will gleich Feuer anmachen.«

Aber ich beruhigte sie, und sie war sehr erstaunt und sogar betrübt darüber, daß überhaupt nicht so viel zu tun war. Übrigens ließ sie sich dadurch ganz und gar nicht die Laune verderben. Sie befreundete sich sehr bald mit Nelly und half mir während der Krankheit derselben viel; sie besuchte uns fast täglich und kam immer mit einer Miene, als ob etwas vergessen oder verabsäumt sei und so schnell wie möglich nachgeholt werden müsse. Sie fügte immer hinzu, auch Filipp Filippowitsch habe es befohlen. Nelly fand an ihr großes Gefallen. Sie gewannen einander lieb wie Schwestern, und ich glaube, daß Alexandra Semjonowna in vieler Hinsicht noch ein ebensolches Kind war wie Nelly. Sie erzählte ihr allerlei Geschichten, brachte sie zum Lachen, und Nelly fühlte sich nachher oft einsam, wenn Alexandra Semjonowna nach Hause gefahren war. Ihr erstes Erscheinen bei uns erregte die Verwunderung meiner Kranken; aber sie erriet sogleich, warum der uneingeladene Gast gekommen war, machte nach ihrer Gewohnheit sogar ein finsteres Gesicht und wurde schweigsam und unfreundlich.

»Warum ist sie denn zu uns gekommen?« fragte Nelly mit unzufriedener Miene, als Alexandra Semjonowna wieder weggefahren war.

»Um dir zu helfen, Nelly, und dich zu pflegen.«

»Aber wofür will sie sich damit bedanken? Ich habe ihr ja doch nichts Gutes getan.«

»Gute Menschen warten nicht, bis man ihnen zuerst Gutes tut, Nelly. Sie helfen auch ohne das gern denen, die der Hilfe bedürfen. Glaube nur, Nelly: es gibt auf der Welt sehr viele gute Menschen. Es ist dein besonderes Unglück gewesen, daß du mit solchen nicht zusammengekommen bist, nicht damals mit ihnen zusammengekommen bist, als es nötig war.«

Nelly schwieg; ich trat von ihr weg. Aber eine Viertelstunde darauf rief sie mich selbst mit schwacher Stimme zu sich, bat mich, ihr zu trinken zu geben, umarmte mich plötzlich herzlich, drückte sich an meine Brust und ließ mich lange Zeit nicht aus ihren Armen. Als Alexandra Semjonowna am anderen Tag wiederkam, empfing Nelly sie mit freudigem Lächeln, aber als wenn sie sich immer noch über etwas schäme.

Drittes Kapitel

An diesem Tag war ich den ganzen Abend über bei Natascha. Ich kam erst spät nach Hause. Nelly schlief. Alexandra Semjonowna war ebenfalls sehr schläfrig, saß aber doch noch wachend bei der Kranken und wartete auf mich. Sogleich erzählte sie mir eilig flüsternd, Nelly sei zuerst sehr vergnügt gewesen und habe sogar viel gelacht; aber dann sei eine Verstimmung über sie gekommen, und als sie gesehen habe, daß ich nicht zurückkam, sei sie schweigsam und nachdenklich geworden. »Dann klagte sie über Kopfschmerz, fing an zu weinen und schluchzte so, daß ich gar nicht mehr wußte, was ich mit ihr machen sollte«, fuhr Alexandra Semjonowna fort. »Sie fing mit mir von Natalja Nikolajewna an zu sprechen; aber ich konnte ihr über diese nichts sagen; da hörte sie auf zu fragen und weinte dann immer; so ist sie auch unter Tränen eingeschlafen. Na, nun leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch; es ist ihr jetzt doch leichter ums Herz, wie ich gemerkt habe; ich muß aber nach Hause; so hat es auch Filipp Filippowitsch befohlen. Ich muß Ihnen bekennen, er hat mich diesmal nur für zwei Stunden beurlaubt, und ich bin auf eigene Faust hiergeblieben. Aber das macht nichts; beunruhigen Sie sich nicht um mich; er wird es nicht wagen, böse zu werden . . . Nur vielleicht . . . Ach Gott, liebster Iwan Petrowitsch, was soll ich nur machen: er kommt jetzt immer betrunken nach Hause! Er ist mit etwas sehr beschäftigt, redet nicht mit mir, ist verdrießlich; er hat eine wichtige Sache im Kopf, das sehe ich wohl; abends aber ist er immer betrunken . . . Ich denke nur: wenn er jetzt nach Hause gekommen ist, wer bringt ihn da zu Bett? Na, ich gehe, ich gehe; leben Sie wohl! Leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch! Ich habe mir hier Ihre Bücher angesehen: was haben Sie für viele Bücher, und gewiß lauter verständige; aber ich bin ein dummes Frauenzimmer; ich habe nie etwas gelesen . . . Nun, auf morgen . . .«

Aber am anderen Tag war Nelly, nachdem sie erwacht war, traurig und finster und antwortete mir nur widerwillig. Von selbst redete sie mich nicht an, als ob sie auf mich böse wäre. Ich beobachtete nur, daß sie mir mitunter von der Seite verstohlene Blicke zuwarf; in diesen Blicken lag viel verborgener Seelenschmerz; aber dennoch schaute aus ihnen eine Zärtlichkeit heraus, die nicht wahrzunehmen war, wenn sie mich gerade ansah. Dies war der Tag, an dem auch der Auftritt mit dem Einnehmen der Medizin und dem Arzt stattfand; ich wußte nicht, was ich davon denken sollte.

Aber Nelly war mir gegenüber vollständig verändert. Ihre Sonderbarkeiten, ihre Launen, manchmal sogar beinah eine Art von Haß gegen mich – alles dies dauerte bis zu dem Tag, an dem sie von mir fortging, bis zu der Katastrophe, die unserem ganzen Roman ein Ende machte. Aber davon später!

Indessen kam es doch manchmal vor, daß sie plötzlich, etwa auf eine Stunde, gegen mich wieder freundlich wurde wie früher. Ihre Zärtlichkeit schien sich in diesen Augenblicken sogar zu verdoppeln; am häufigsten aber weinte sie gerade in solchen Zeiten bitterlich. Aber diese Stunden gingen schnell vorüber, und sie versank wieder in den früheren Mißmut und sah mich wieder feindselig an oder benahm sich launisch wie damals dem Arzt gegenüber oder begann, wenn sie merkte, daß mir irgendein neuer Streich von ihr mißfiel, zu lachen, was aber fast immer mit Tränen endete.

Sie zankte sich sogar einmal mit Alexandra Semjonowna und sagte ihr, daß sie ihre Hilfe nicht nötig habe. Als ich ihr in Alexandra Semjonownas Gegenwart deswegen Vorwürfe machte, wurde sie hitzig, und in ihrer Antwort kam ein lange aufgespeicherter Grimm heftig zum Ausbruch; aber auf einmal verstummte sie und sprach nun volle zwei Tage lang mit mir kein Wort, wollte keine Medizin einnehmen, ja nicht einmal essen und trinken, und nur der alte Arzt verstand es, mit ihr umzugehen und ihr ins Gewissen zu reden.

Ich sagte schon, daß zwischen dem Arzt und ihr gleich von dem Tag an, wo sich die Szene mit dem Verschütten der Medizin zugetragen hatte, ein wunderliches Freundschaftsverhältnis entstanden war. Nelly hatte ihn sehr liebgewonnen und empfing ihn immer mit einem heiteren Lächeln, mochte sie vor seiner Ankunft auch noch so betrübt gewesen sein. Seinerseits hatte der alte Mann angefangen, täglich zu uns zu kommen, sogar manchmal zweimal am Tag, und er setzte das auch in der Zeit fort, als Nelly schon das Bett verlassen hatte und vollständig in der Genesung begriffen war. Er schien von ihr so bezaubert zu sein, daß er keinen Tag leben konnte, ohne ihr Lachen und ihre Späße über ihn selbst zu hören, die allerdings oft recht amüsant waren. Er brachte ihr illustrierte Bücher mit, lauter solche lehrhaften Inhalts; eines hatte er expreß für sie gekauft. Dann begann er, ihr Süßigkeiten zu bringen, Konfekt in hübschen Schächtelchen. In solchen Fällen trat er gewöhnlich mit feierlicher Miene ein, wie wenn er zu einem Namenstag käme, und Nelly erriet dann sofort, daß er ein Geschenk mitgebracht hatte. Aber er zeigte das Geschenk nicht, sondern lächelte nur listig, setzte sich neben Nelly und machte Andeutungen, wenn eine junge Patientin sich gut zu betragen wisse und auch in seiner Abwesenheit die Achtung ihrer Umgebung verdiene, dann sei ein solches junges Mädchen einer schönen Belohnung würdig. Dabei sah er sie so harmlos und gutmütig an, daß, wenn Nelly auch herzlich über ihn lachte, doch gleichzeitig aus ihren heiteren Augen die aufrichtigste, freundlichste Zuneigung ihm entgegenstrahlte. Endlich erhob sich der Alte feierlich von seinem Stuhl, zog das Schächtelchen mit Konfekt hervor und händigte es Nelly ein, wobei er unfehlbar bemerkte: »Meiner künftigen lieben Gattin!« In diesem Augenblick war er selbst sicherlich noch glücklicher als Nelly.

Darauf begannen die Gespräche, und jedesmal redete er ihr ernsthaft und eifrig zu, ihre Gesundheit in acht zu nehmen, und gab ihr eindringliche ärztliche Ratschläge.

»Vor allen Dingen muß man seine Gesundheit in acht nehmen«, sagte er in lehrhaftem Ton, »und zwar erstens und hauptsächlich, um am Leben zu bleiben, und zweitens, um immer gesund zu sein und auf diese Weise zum Lebensglück zu gelangen. Wenn Sie irgendwelchen Kummer haben, mein liebes Kind, dann ist mein Rat: vergessen Sie ihn, oder, was das beste ist, bemühen Sie sich, nicht daran zu denken. Wenn Sie aber keinen Kummer haben, dann . . . denken Sie ebenfalls nicht an ihn, sondern geben Sie sich Mühe, an Vergnügungen zu denken, an heitere Spiele!«

»Aber an was für heitere Spiele soll ich denn denken?« fragte Nelly.

Der Arzt war ganz verblüfft.

»Nun . . . an irgendein harmloses Spiel, das Ihrem Lebensalter angemessen ist; oder . . . nun, an irgend so etwas . . .»

»Ich mag nicht spielen; ich spiele nicht gern«, sagte Nelly. »Sehen Sie, neue Kleider, die habe ich lieber.«

»Neue Kleider! Hm! Nun, das ist allerdings nicht so gut. Man muß in jeder Hinsicht mit einem bescheidenen Los im Leben zufrieden sein. Indessen . . . meinetwegen . . . man kann auch neue Kleider gern haben.«

»Werden Sie mir viele Kleider machen lassen, wenn ich Sie geheiratet habe?«

»Was für eine Idee!« sagte der Arzt und machte unwillkürlich ein finsteres Gesicht. Nelly lächelte schelmisch und blickte sogar einmal, sich vergessend, mit einem Lächeln nach mir hin. »Indessen werde ich Ihnen auch ein Kleid machen lassen, wenn Sie es durch Ihr Betragen verdienen werden«, fuhr der Arzt fort.

»Aber muß ich dann täglich Pulver einnehmen, wenn ich Ihre Frau bin?«

»Na, dann brauchen Sie es nicht immer zu tun.«

Der Arzt begann zu lächeln.

Nelly brach lachend das Gespräch ab. Der Alte lachte mit und beobachtete liebevoll ihre Heiterkeit.

»Ein schalkhaftes Persönchen!« sagte er, zu mir gewendet. »Aber man merkt immer noch an ihr Launenhaftigkeit und eine gewisse Gereiztheit.«

Er hatte recht. Ich wußte schlechterdings nicht, was mit ihr vorgegangen war. Sie schien gar nicht mehr mit mir reden zu wollen, gerade als ob ich mich ihr gegenüber eines Vergehens schuldig gemacht hätte. Das war mir sehr schmerzlich. Ich wurde sogar selbst mürrisch und redete sie einmal einen ganzen Tag lang nicht an; aber am anderen Tag schämte ich mich dieses Benehmens. Sie weinte oft, und ich wußte absolut nicht, womit ich sie trösten sollte. Einmal aber brach sie das Stillschweigen, das sie sonst mir gegenüber beobachtete.

Ich kehrte nämlich eines Tages vor dem Dunkelwerden nach Hause zurück und sah, daß Nelly schnell ein Buch unter dem Kopfkissen versteckte. Es war mein Roman, den sie vom Tisch genommen und in meiner Abwesenheit gelesen hatte. Aber welchen Anlaß hatte sie, ihn vor mir zu verstecken? »Wie wenn sie sich schämte«, dachte ich, tat aber, als ob ich nichts bemerkt hätte. Eine Viertelstunde nachher, als ich auf einen Augenblick in die Küche gegangen war, sprang sie schnell aus dem Bett und legte den Roman an seinen früheren Platz; als ich zurückkam, sah ich ihn schon auf dem Tisch liegen. Einen Augenblick darauf rief sie mich zu sich heran; ihrer Stimme konnte ich eine gewisse Aufregung anhören. Schon seit vier Tagen hatte sie fast gar nicht mit mir gesprochen.

»Gehen Sie . . . heute . . . zu Natascha?« fragte sie mich stockend.

»Ja, Nelly; ich muß heute notwendig mit ihr reden.«

Nelly schwieg.

»Lieben Sie . . . sie sehr?« fragte sie wieder mit schwacher Stimme.

»Ja, Nelly, ich liebe sie sehr.«

»Ich liebe sie auch«, fügte sie leise hinzu.

Es folgte wieder ein längeres Schweigen.

»Ich will zu ihr und will bei ihr wohnen«, fing Nelly wieder an, indem sie mich schüchtern anblickte.

»Das ist unmöglich, Nelly«, antwortete ich, einigermaßen verwundert. »Hast du es denn schlecht bei mir?«

»Warum ist es denn unmöglich?« fragte sie heftig. »Sie reden mir ja zu, ich solle zu ihrem Vater ziehen; aber zu dem will ich nicht. Hat sie eine Magd?«

»Ja.«

»Nun, dann soll sie ihre Magd wegschicken, und ich will bei ihr dienen. Ich werde ihr alles machen und keinen Lohn dafür nehmen; ich werde sie lieben, und auch das Essen werde ich ihr kochen. Sagen Sie ihr das nur heute!«

»Aber wozu denn? Was ist das für ein phantastischer Einfall, Nelly? Und was denkst du denn von ihr: meinst du wirklich, sie werde dich als Köchin nehmen wollen? Wenn sie dich nimmt, so doch nur als eine Gleichgestellte, wie eine jüngere Schwester.«

»Nein, ich will nicht als Gleichgestellte zu ihr. So will ich nicht . . .«

»Warum denn nicht?«

Nelly schwieg. Ihre Lippen zuckten. Sie war nahe daran zu weinen.

»Der, den sie liebt, geht ja doch von ihr fort und läßt sie allein?« fragte sie endlich.

Ich war erstaunt.

»Woher weißt du das, Nelly?«

»Sie haben mir selbst alles gesagt, und vorgestern, als Alexandra Semjonownas Mann am Vormittag kam, habe ich ihn gefragt; er hat mir alles mitgeteilt.«

»Ist denn Masslobojew vorgestern vormittag hier gewesen?«

»Ja«, antwortete sie mit niedergeschlagenen Augen.

»Aber warum hast du mir denn nichts davon gesagt, daß er hier war?«

»Einen Grund hatte ich weiter nicht . . .«

Ich dachte einen Augenblick nach. Gott mochte wissen, warum dieser Masslobojew mit seiner Geheimniskrämerei hier herumschlich! Was hatte er hier für Beziehungen angeknüpft? Ich mußte doch einmal mit ihm darüber reden.

»Nun, inwiefern berührt es denn dich, Nelly, wenn er sie verläßt?«

»Sie lieben sie ja sehr«, antwortete Nelly, ohne die Augen zu mir aufzuschlagen. »Und wenn Sie sie lieben, so werden Sie sie doch heiraten, sobald der andere fortgeht.«

»Nein, Nelly, sie liebt mich nicht so, wie ich sie liebe, und auch ich . . . Nein, das wird nicht geschehen, Nelly.«

»Ich würde Ihnen beiden als Magd dienen, und Sie würden ein frohes Leben führen«, sagte sie leise, fast flüsternd, ohne mich anzusehen.

»Was ist nur mit ihr, was ist nur mit ihr?« dachte ich und mir war, als ob sich mir das Herz schmerzlich herumdrehte. Nelly schwieg und redete den ganzen Abend über kein Wort mehr mit mir. Als ich aber wegging, fing sie an zu weinen, weinte, wie mir Alexandra Semjonowna berichtete, den ganzen Abend und schlief unter Tränen ein. Selbst in der Nacht, im Schlaf, weinte sie und redete irre Worte vor sich hin.

Aber von diesem Tag an wurde sie noch düsterer und schweigsamer und sprach mit mir gar nicht mehr. Allerdings fing ich zwei oder drei Blicke von ihr auf, die sie verstohlen auf mich richtete, und in diesen Blicken lag soviel Zärtlichkeit! Aber das verging im selben Augenblick wieder, und gleichsam dieser momentanen Weichheit zum Trotz wurde Nelly fast mit jeder Stunde finsterer, sogar dem Arzt gegenüber, der über diese Veränderung ihres Wesens erstaunt war. Inzwischen war sie schon fast ganz genesen, und der Arzt erlaubte ihr endlich, an die frische Luft zu gehen, aber nur sehr wenig. Das Wetter war warm und heiter. Es war in der Karwoche, die diesmal sehr spät fiel; ich ging am Vormittag aus, da ich notwendig bei Natascha sein mußte, nahm mir aber vor, recht früh nach Hause zurückzukehren, um mit Nelly spazierenzugehen; unterdessen ließ ich sie zu Hause allein.

Aber ich kann nicht schildern, welch ein Schlag mich zu Hause erwartete. Ich war schnell nach Hause gegangen, kam hinauf und sah, daß der Schlüssel von außen in der Tür steckte. Ich trat ins Zimmer: niemand da. Ich war starr. Ich blickte ringsumher: auf dem Tisch lag ein Blatt Papier, und auf diesem stand mit Bleistift in großer, unregelmäßiger Schrift geschrieben:

»Ich bin von Ihnen weggegangen und werde nie wieder zu Ihnen zurückkehren. Aber ich habe Sie sehr lieb.

Ihre treue Nelly.«

Ich schrie vor Schreck auf und stürzte aus der Wohnung.

Viertes Kapitel

Ich war noch nicht auf die Straße gelangt und war noch nicht darüber ins klare gekommen, was ich jetzt tun solle, als ich auf einmal sah, daß vor unserem Tor eine Droschke anhielt und aus dieser Droschke Alexandra Semjonowna ausstieg, die Nelly an der Hand führte. Sie hielt sie fest, als fürchtete sie, daß sie zum zweitenmal davonlaufen könnte. Ich stürzte auf die beiden los.

»Nelly, was ist nur mit dir!« rief ich. »Wo bist du hingegangen, und warum?«

»Warten Sie, keine Überhastung; kommen Sie so schnell wie möglich in Ihre Wohnung; da sollen Sie alles erfahren«, sagte Alexandra Semjonowna mit ihrem flinken Mundwerk. »Was ich Ihnen für Dinge erzählen werde, Iwan Petrowitsch!« flüsterte sie mir eilig im Gehen zu. »Sie werden staunen! . . . Kommen Sie nur; Sie sollen sogleich alles hören.«

Man konnte ihr am Gesicht ansehen, daß sie sehr wichtige Neuigkeiten zu erzählen hatte.

»Geh, Nelly, geh, leg dich ein bißchen hin!« sagte sie, als wir in die Wohnung traten. »Du bist gewiß müde; das ist keine Kleinigkeit, wieviel du umhergelaufen bist, und nach der Krankheit strengt das an; leg dich hin, liebes Kind, leg dich hin! Wir beide aber wollen ein Weilchen hinausgehen und sie nicht stören; mag sie schlafen!«

Sie blinzelte mir zu, ich möchte mit ihr hinauskommen, in die Küche.

Aber Nelly legte sich nicht hin; sie setzte sich auf das Sofa und verbarg das Gesicht in beiden Händen.

Wir gingen hinaus, und Alexandra Semjonowna erzählte mir geschwind, was sich zugetragen hatte. Später erfuhr ich noch weitere Einzelheiten. Das Ganze hatte sich folgendermaßen begeben.

Als Nelly zwei Stunden vor meiner Rückkehr aus meiner Wohnung weggegangen war und mir den Zettel zurückgelassen hatte, lief sie zuerst zu dem alten Arzt. Seine Adresse hatte sie schon vorher in Erfahrung gebracht. Der Arzt erzählte mir, er sei ganz starr gewesen, als er Nelly bei sich erblickt habe, und habe die ganze Zeit, während sie bei ihm gewesen sei, seinen Augen nicht getraut. »Ich glaube es auch jetzt noch nicht«, fügte er am Schluß seiner Erzählung hinzu, »und werde es niemals glauben.« Und doch war Nellys Besuch bei ihm eine Tatsache. Er saß ruhig in seinem Zimmer, in seinem Lehnstuhl, im Schlafrock, beim Kaffee, als sie hereingelaufen kam und, bevor er hatte zur Besinnung kommen können, sich an seine Brust warf. Sie weinte, umarmte und küßte ihn, küßte ihm die Hände und bat ihn inständig, wiewohl in unzusammenhängenden Worten, er möchte sie zu sich ins Haus nehmen; sie sagte, sie wolle und könne nicht mehr mit mir zusammen leben; daher sei sie von mir weggegangen; es sei ihr sehr schmerzlich; sie wolle sich nie mehr über ihn lustig machen und nie mehr von neuen Kleidern reden und werde sich gut betragen und aus den Büchern lernen und werde auch lernen, ihm seine Vorhemden zu waschen und zu plätten (wahrscheinlich hatte sie sich ihre ganze Rede unterwegs zurechtgelegt, vielleicht auch schon früher), und sie werde auch gehorsam sein und sogar jeden Tag so viele Pulver einnehmen, wie er wolle. Und wenn sie früher einmal gesagt habe, daß sie ihn heiraten wolle, so sei das nur Scherz gewesen; sie denke gar nicht daran. Der alte Deutsche war so betäubt, daß er die ganze Zeit über mit offenem Mund dasaß, die Hand, in der er die Zigarre hatte, in die Höhe hielt und die Zigarre vergaß, so daß sie ihm ausging.

»Mademoiselle«, sagte er endlich, nachdem er den Gebrauch seiner Zunge einigermaßen wiedererlangt hatte, »Mademoiselle, soweit ich Sie verstanden habe, bitten Sie mich, ich möchte Sie bei mir wohnen lassen. Aber das ist ein Ding der Unmöglichkeit! Sie sehen, ich wohne sehr beschränkt und habe keine große Einnahme . . . Und überhaupt, so plötzlich, ohne vorhergehende Überlegung . . . Es ist schrecklich! Und überhaupt sind Sie, soviel ich sehe, von zu Hause weggelaufen. Das ist sehr tadelnswert und unzulässig . . . Und überhaupt habe ich Ihnen nur erlaubt, ein wenig spazierenzugehen, bei heiterem Wetter, unter Aufsicht Ihres Wohltäters; und da verlassen Sie Ihren Wohltäter und kommen zu mir gelaufen, während Sie doch Ihre Gesundheit in acht nehmen sollten. Und überhaupt . . . überhaupt, ich verstehe die ganze Sache nicht . . .«

Nelly ließ ihn nicht ausreden. Sie fing von neuem an zu weinen und ihn anzuflehen; aber nichts half. Der Alte geriet in immer größeres Erstaunen und begriff die Geschichte immer weniger. Schließlich gab Nelly es auf, rief: »Ach, mein Gott!« und lief aus dem Zimmer. »Ich war den ganzen Tag krank«, fügte der Arzt am Schluß seiner Erzählung hinzu, »und mußte zur Nacht Medizin einnehmen.«

Nelly aber lief zu Masslobojews. Sie hatte sich auch deren Adresse vorher verschafft und fand zu ihnen hin, wiewohl nur mit Mühe. Masslobojew war zu Hause. Alexandra Semjonowna schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie Nellys Bitte, sie zu sich zu nehmen, hörte. Auf ihre Fragen, warum sie das denn wolle, ob sie es denn bei mir so schlecht habe, gab Nelly keine Antwort und warf sich schluchzend auf einen Stuhl. »Sie schluchzte so furchtbar, so furchtbar«, erzählte mir Alexandra Semjonowna, »daß ich dachte, sie werde davon sterben.« Nelly bat, sie wenigstens als Stubenmädchen, als Köchin zu nehmen, sagte, sie werde ausfegen und werde Wäsche waschen lernen. (Auf dieses Wäschewaschen gründete sie, wie es schien, besondere Hoffnungen und hielt das aus irgendwelchem Grund für das stärkste Lockmittel zu ihrer Aufnahme.) Alexandra Semjonownas Meinung war, sie bis zur Aufklärung der Sache bei sich zu behalten und mir Nachricht zu geben. Aber Filipp Filippowitsch widersetzte sich dem entschieden und befahl, den Flüchtling sogleich wieder zu mir zu bringen. Unterwegs umarmte Alexandra Semjonowna sie und küßte sie, wovon Nelly noch heftiger zu weinen anfing. Bei diesem Anblick brach auch Alexandra Semjonowna in Tränen aus. So weinten sie beide auf dem ganzen Weg.

»Aber warum in aller Welt, warum willst du denn nicht bei ihm wohnen bleiben? Hat er dir denn etwas zuleide getan, wie?« fragte Alexandra Semjonowna, in Tränen zerfließend.

»Nein, er tut mir nichts zuleide.«

»Nun, also warum denn?«

»Einen Grund habe ich nicht; aber ich will nicht bei ihm wohnen bleiben . . . ich kann es nicht . . . ich bin immer so schlecht gegen ihn . . . und er ist so gut . . . aber bei Ihnen werde ich nicht schlecht sein; ich werde arbeiten«, sagte sie unter krampfhaftem Schluchzen.

»Warum bist du denn gegen ihn so schlecht, Nelly?«

»Einen Grund habe ich nicht . . .«

»Weiter als dieses ›einen Grund habe ich nicht‹ konnte ich von ihr nichts herausbekommen«, schloß Alexandra Semjonowna ihren Bericht und wischte sich die Tränen ab. »Was ist sie für ein armes, unglückliches Wesen! Das ist wohl eine Art von Kinderkrankheit? Wie denken Sie darüber, Iwan Petrowitsch?«

Wir gingen zu Nelly hinein; sie lag auf dem Bett, das Gesicht in den Kissen vergraben, und weinte. Ich kniete vor ihr nieder, ergriff ihre Hände und küßte sie. Sie entriß mir ihre Hände und begann noch heftiger zu schluchzen. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. In diesem Augenblick trat der alte Ichmenew ins Zimmer.

»Guten Tag, Wanja, ich komme in einer besonderen Angelegenheit«, sagte er, während er uns alle musterte und mich mit Erstaunen auf den Knien liegen sah.

Der alte Mann war die ganze letzte Zeit über krank gewesen. Er war blaß und mager, machte aber den Eindruck, als wolle er vor jemand den Tapferen spielen. Er hatte seine Krankheit vernachlässigt, auf Anna Andrejewnas Ermahnungen nicht gehört und sich nicht ins Bett gelegt, sondern seine Geschäftsgänge fortgesetzt.

»Adieu einstweilen«, sagte Alexandra Semjonowna, indem sie den Alten aufmerksam ansah. »Filipp Filippowitsch hat mir befohlen, so bald wie möglich zurückzukommen. Es ist bei uns viel zu tun. Aber am Abend, so in der Dämmerzeit, werde ich wieder herkommen und ein paar Stündchen hier sitzen.«

»Wer ist das?« flüsterte mir der Alte zu, der aber anscheinend mit anderen Gedanken beschäftigt war.

Ich gab ihm Auskunft.

»Hm! Ich bin in einer besonderen Angelegenheit hergekommen, Wanja . . .«

Ich wußte, was das für eine Angelegenheit war, und hatte seinen Besuch schon erwartet. Er kam, um sich mit mir und Nelly zu besprechen und mich zu bitten, ich möchte Nelly zu ihnen ziehen lassen. Anna Andrejewna hatte endlich eingewilligt, die Waise in ihr Haus zu nehmen. Hierzu hatte sie sich infolge unserer geheimen Gespräche entschlossen: ich hatte Anna Andrejewna zu der Ansicht gebracht, daß der Anblick der Waise, deren Mutter ebenfalls von ihrem Vater verflucht worden war, vielleicht das Herz unseres Alten umstimmen werde. Ich hatte ihr meinen Plan so überzeugend entwickelt, daß sie jetzt selbst in ihren Mann drang, die Waise ins Haus zu nehmen. Der Alte machte sich bereitwillig ans Werk: er wollte erstens seiner Anna Andrejewna gefällig sein, und zweitens hatte er seine besonderen Absichten . . . Aber all das werde ich später ausführlicher darlegen.

Ich sagte bereits, daß Nelly den alten Mann schon seit seinem ersten Besuch nicht leiden konnte. Später bemerkte ich, daß sich sogar eine Art von Haß auf ihrem Gesicht ausprägte, wenn Ichmenews Name in ihrer Gegenwart genannt wurde. Der Alte kam sofort, ohne Umschweife, zur Sache. Er trat ohne weiteres zu Nelly heran, die immer noch dalag und ihr Gesicht in die Kissen drückte, faßte sie an der Hand und fragte sie, ob sie zu ihm ziehen und wie eine Tochter bei ihm leben wolle.

»Ich hatte eine Tochter, die ich mehr liebte als mich selbst«, schloß der Alte; »aber jetzt ist sie nicht mehr bei mir. Sie ist gestorben. Willst du ihren Platz in meinem Haus und . . . in meinem Herzen einnehmen?«

Und in seinen von der Fieberhitze trockenen und entzündeten Augen glänzte eine Träne.

»Nein, ich will nicht«, antwortete Nelly, ohne den Kopf in die Höhe zu heben.

»Warum denn nicht, mein Kind? Du hast ja niemanden auf der Welt. Wanja kann dich nicht lebenslänglich bei sich behalten; bei mir aber wirst du wie im Elternhaus sein.«

»Ich will nicht, weil Sie ein schlechter Mensch sind. Ja, ein schlechter Mensch, ein schlechter Mensch«, wiederholte sie, indem sie den Kopf aufhob und sich auf dem Bett, dem Alten gegenüber, aufrecht setzte. »Ich bin selbst schlecht, schlechter als alle; aber Sie sind noch schlechter als ich! . . .«

Bei diesen Worten wurde Nelly ganz blaß; ihre Augen funkelten; sogar ihre zitternden Lippen erblaßten und verzogen sich unter der Einwirkung des starken Affekts. Der Alte sah sie erstaunt an.

»Ja, noch schlechter als ich; denn Sie wollen Ihrer Tochter nicht verzeihen; Sie wollen sie ganz vergessen und nehmen ein anderes Kind zu sich; aber kann man denn etwa sein eigenes Kind vergessen? Werden Sie mich etwa lieben können? Sobald Sie mich ansehen, werden Sie sich ja erinnern, daß ich Ihnen eine Fremde bin und daß Sie eine eigene Tochter hatten, die Sie selbst vergessen haben, weil Sie ein grausamer Mensch sind. Ich will aber nicht bei grausamen Menschen leben; ich will es nicht, ich will es nicht! . . .«

Nelly schluchzte und sah mit einem kurzen Blick nach mir hin.

»Übermorgen ist Christi Auferstehungsfest; alle Menschen umarmen sich und küssen sich; alle versöhnen sich; alle Vergehen werden verziehen . . . Das weiß ich recht wohl . . . Nur Sie . . . nur Sie . . . oh, Sie grausamer Mensch! Gehen Sie weg!«

Sie zerfloß in Tränen. Diese Rede hatte sie sich, wie es schien, schon lange vorher zurechtgelegt und auswendig gelernt, für den Fall, daß der alte Mann sie noch einmal auffordern sollte, zu ihm zu ziehen. Der Alte war überrascht; er war ganz blaß geworden. Eine tiefschmerzliche Empfindung prägte sich auf seinem Gesicht aus.

»Und wozu, wozu, warum kümmern sich alle soviel um mich? Ich mag das nicht, ich mag das nicht!« rief Nelly auf einmal in einem Wutanfall. »Ich werde betteln gehen!«

»Nelly, was ist dir? Nelly, mein liebes Kind!« rief ich unwillkürlich, goß aber durch meinen Ausruf nur Öl ins Feuer.

»Ja, ich werde lieber auf den Straßen umhergehen und betteln; aber hier werde ich nicht bleiben!« schrie sie schluchzend. »Auch meine Mutter hat gebettelt, und als sie starb, hat sie selbst zu mir gesagt: ›Sei arm und bettle lieber, als daß du . . .‹ Zu betteln ist keine Schande; ich bitte ja nicht einen einzelnen, ich bitte alle, und alle sind nicht ein einzelner. Einen einzelnen zu bitten, das ist eine Schande; aber alle zu bitten, das ist keine Schande; das hat mir eine Bettlerin gesagt. Ich bin ja noch klein und kann mir mein Brot nicht verdienen. Ich werde alle bitten; ich will nicht, ich will nicht; ich bin schlecht; ich bin schlechter als alle; seht nur, wie schlecht ich bin!«

Und Nelly ergriff auf einmal, für uns alle ganz unerwartet, eine auf dem Tisch stehende Tasse und warf sie auf den Fußboden.

»Da, jetzt ist sie zerbrochen!« sagte sie dann und blickte mich mit einer Art von herausforderndem Triumph an. »Es sind überhaupt nur zwei Tassen da«, fuhr sie fort; »ich werde auch die andere zerschlagen . . . Woraus werden Sie dann Ihren Tee trinken?«

Sie war wie eine Rasende und schien geradezu einen Genuß an dieser Raserei zu finden, wie wenn sie sich der Häßlichkeit und Schändlichkeit eines solchen Benehmens bewußt wäre, gleichzeitig aber sich selbst zu weiteren derartigen Tollheiten aufreizte.

»Sie ist krank, Wanja; das ist's!« sagte der Alte; »oder ich verstehe nicht mehr, was das für ein Kind ist. Leb wohl!«

Er ergriff seinen Hut und drückte mir die Hand. Er war ganz niedergeschlagen; Nelly hatte ihn furchtbar gekränkt. Mein ganzes Gefühl empörte sich.

»Und du hast kein Mitleid mit ihm gehabt, Nelly!« rief ich, als wir allein geblieben waren. »Und du schämst dich nicht, du schämst dich nicht! Nein, du bist nicht gut; du bist wirklich schlecht!«

Und ohne Hut, wie ich war, lief ich hinter dem alten Mann her. Ich wollte ihn bis ans Tor bringen und ihm wenigstens ein paar tröstende Worte sagen. Während ich die Treppe hinunterlief, glaubte ich immer noch Nellys Gesicht vor mir zu sehen, das bei meinen Vorwürfen erschreckend blaß geworden war.

Ich holte den alten Ichmenew bald ein.

»Das arme Mädchen hat Schweres durchgemacht; sie hat ihren eigenen Kummer, das kannst du mir glauben, Wanja; und ich fing zu ihr von dem meinigen zu reden an!« sagte er mit bitterem Lächeln. »Ich habe ihre Wunde wieder aufgerissen. Man sagt, der Satte versteht den Hungrigen nicht; aber ich füge hinzu, Wanja, auch der Hungrige versteht den Hungrigen nicht immer. Nun, adieu!«

Ich wollte noch von etwas anderem zu reden anfangen; aber der Alte winkte mir mit der Hand ab.

»Versuche mich nicht aufzuheitern; gib lieber acht, daß dir deine Kleine nicht davonläuft; sie sah geradeso aus«, fügte er mit einer Art von Erbitterung hinzu und entfernte sich von mir mit schnellen Schritten, indem er mit seinem Stock umherschwenkte und auf die Trottoirplatten stieß.

Er ahnte selbst nicht, daß er richtig prophezeit hatte.

Wie wurde mir, als ich bei der Rückkehr in meine Wohnung zu meinem Schrecken Nelly wieder nicht zu Hause fand! Ich stürzte auf den Flur hinaus, suchte sie auf der Treppe, rief, klopfte sogar bei den Nachbarn an und fragte nach ihr; ich konnte und wollte nicht glauben, daß sie wieder weggelaufen sei. Und wie hatte sie weglaufen können? Das Haus hatte nur ein Tor; sie mußte an uns vorbeigelaufen sein, während ich mit dem Alten sprach. Aber bald darauf kombinierte ich zu meiner großen Betrübnis, daß sie sich möglicherweise vorher irgendwo auf der Treppe versteckt und dort gewartet hatte, bis ich auf dem Rückweg nach oben wieder vorbeigekommen war; dann mochte sie davongelaufen sein, so daß ich ihr nicht hatte begegnen können. Jedenfalls konnte sie noch nicht weit gekommen sein.

In starker Unruhe lief ich wieder hinaus auf die Suche; die Wohnung ließ ich für alle Fälle offen.

Zuallererst begab ich mich zu Masslobojews. Diese traf ich nicht zu Hause, weder ihn noch Alexandra Semjonowna. Ich hinterließ für sie einen Zettel, in dem ich sie von dem neuen Unglück benachrichtigte und bat, wenn Nelly zu ihnen käme, es mich unverzüglich wissen zu lassen. Dann ging ich zu dem Arzt; dieser war ebenfalls nicht zu Hause; die Magd sagte mir, daß Nelly nach ihrem ersten Besuch nicht wieder dagewesen sei. Was sollte ich nun tun? Ich begab mich zur Bubnowa und erfuhr von der mir bekannten Sargtischlerfrau, daß die Wirtin seit dem vorhergehenden Tag wegen irgendeines Deliktes auf der Polizei in Arrest sitze, Nelly aber dort ›seit jener Zeit‹ nicht wieder gesehen worden sei. Müde und erschöpft lief ich wieder zu Masslobojews; dieselbe Antwort: es war niemand dagewesen, und auch sie selbst waren noch nicht zurückgekehrt. Mein Zettel lag auf dem Tisch. Was sollte ich anfangen?

In tödlicher Angst machte ich mich spätabends auf den Heimweg. Ich sollte an diesem Abend bei Natascha sein; sie selbst hatte mich schon am Vormittag um meinen Besuch bitten lassen. An diesem Tag hatte ich nicht einmal etwas gegessen; der Gedanke an Nelly hatte meine ganze Seele in Unruhe versetzt.

›Was soll das nur bedeuten?‹ dachte ich. ›Ist das wirklich eine seltsame Folge ihrer Krankheit? Ist sie vielleicht irrsinnig oder im Begriff, irrsinnig zu werden? Aber, mein Gott, wo mag sie jetzt sein? Wo soll ich sie suchen?‹ Kaum hatte ich das überlegt, als ich plötzlich Nelly einige Schritte von mir entfernt auf der Wosnessenskibrücke erblickte. Sie stand an einer Laterne und sah mich nicht. Ich wollte zu ihr hineilen, blieb aber doch stehen. ›Was tut sie denn hier?‹ dachte ich erstaunt, und da ich wußte, daß ich sie jetzt nicht wieder verlieren würde, so beschloß ich, zu warten und sie zu beobachten. Es vergingen zehn Minuten; sie stand immer noch da und musterte die Passanten. Endlich kam ein gut gekleideter, älterer Herr vorbei, und Nelly trat an ihn heran: ohne stehenzubleiben nahm er etwas aus der Tasche und reichte es ihr hin. Sie verbeugte sich vor ihm. Ich bin nicht imstande auszudrücken, was ich in diesem Augenblick empfand. Mein Herz zog sich qualvoll zusammen, wie wenn etwas Teures, das ich geliebt und gehegt und gepflegt hatte, vor meinen Augen entehrt und beschimpft worden wäre; aber zugleich liefen mir die Tränen über die Wangen.

Ja, Tränen über die arme Nelly, obwohl ich gleichzeitig von heftiger Entrüstung erfüllt war; sie hatte nicht aus Not gebettelt; niemand hatte sie im Stich gelassen und den Launen des Schicksals preisgegeben; sie war nicht von grausamen Verfolgern weggelaufen, sondern von ihren Freunden, die sie geliebt und für sie gesorgt hatten. Sie wollte anscheinend jemanden durch ihre argen Streiche in Erstaunen oder in Schrecken versetzen; es war, als prahle sie vor jemand damit! Aber etwas Geheimnisvolles reifte in ihrer Seele heran . . . Ja, der Alte hatte recht: sie hatte Schweres erlitten; ihre Wunde konnte nicht vernarben, und sie suchte absichtlich durch dieses geheimnisvolle Verhalten und durch dieses Mißtrauen gegen uns alle diese ihre Wunde aufzureißen; es war, als fände sie selbst einen Genuß in ihrem Schmerz, in diesem Egoismus des Leidens, wenn man sich so ausdrücken kann. Diese Erneuerung des Schmerzes und der dadurch erzielte Genuß waren mir verständlich: diesen Genuß bereiten sich viele Erniedrigte und Beleidigte, die vom Schicksal niedergetreten sind und sich der Ungerechtigkeit desselben bewußt sind. Aber über welche Ungerechtigkeit von unserer Seite konnte sich Nelly beklagen? Sie wollte uns anscheinend durch ihre argen Streiche, ihre Launen und wilden Exzentrizitäten in Angst und Schrecken versetzen; es war, als prahle sie tatsächlich vor uns damit . . . Aber nein! Sie war jetzt allein; niemand von uns sah, daß sie bettelte. Fand sie wirklich so ganz für sich allein einen Genuß darin? Wozu hatte sie Almosen nötig? Wozu wollte sie das Geld gebrauchen?

Nachdem sie die Gabe empfangen hatte, ging sie von der Brücke weg und trat an die hell erleuchteten Fenster eines Ladens. Hier machte sie sich daran, ihre Beute zu zählen; ich stand zehn Schritte von ihr entfernt. Sie hatte eine ziemliche Menge Geld in der Hand; offenbar hatte sie gleich vom Vormittag an gebettelt. Das Geld fest in der Hand haltend, ging sie über die Straße hinüber und trat in einen Kramladen. Ich begab mich sofort an die Tür des Ladens, die weit offen stand, und blickte hinein, was sie da wohl tun werde.

Ich sah, daß sie Geld auf den Ladentisch legte und daß man ihr eine Tasse gab, eine einfache Teetasse, sehr ähnlich derjenigen, die sie vorher zerschlagen hatte, um mir und dem alten Ichmenew zu zeigen, wie schlecht sie von Charakter sei. Die Tasse kostete vielleicht fünfzehn Kopeken, vielleicht noch weniger. Der Kaufmann schlug sie in Papier, band einen Bindfaden herum und reichte sie Nelly hin, die eilig mit zufriedener Miene den Laden verließ.

»Nelly!« rief ich, als sie dicht bei mir war. »Nelly!«

Sie fuhr zusammen, erblickte mich, die Tasse glitt ihr aus den Händen, fiel auf das Pflaster und zerbrach. Nelly war blaß; aber als sie mich ansah und erkannte, daß ich alles gesehen hatte und wußte, errötete sie auf einmal; in dieser Röte bekundete sich ein unerträgliches, qualvolles Gefühl der Scham. Ich nahm sie bei der Hand und führte sie nach Hause; es war nicht weit zu gehen. Wir redeten unterwegs kein Wort. Als wir nach Hause gekommen waren, setzte ich mich hin; Nelly stand vor mir, in Gedanken versunken und verlegen, blaß wie vorher, mit niedergeschlagenen Augen. Sie war nicht imstande, mich anzusehen.

»Nelly, du hast gebettelt?«

»Ja«, flüsterte sie und ließ den Kopf noch tiefer sinken.

»Du wolltest Geld zusammenbringen, um für die heute zerschlagene Tasse eine andere zu kaufen?«

»Ja . . .«

»Aber habe ich dir denn etwa wegen dieser Tasse Vorwürfe gemacht und dich gescholten? Siehst du denn wirklich nicht, Nelly, wieviel Schlechtigkeit, selbstzufriedene Schlechtigkeit in deiner Handlungsweise steckt? Ist das recht von dir? Schämst du dich wirklich nicht?«

»Ich schäme mich«, flüsterte sie mit kaum vernehmbarer Stimme, und ein Tränchen rollte über ihre Wange.

»Du schämst dich . . .« wiederholte ich. »Nelly, liebe Nelly, wenn ich dir etwas zuleide getan habe, so verzeihe mir und laß uns wieder gute Freunde sein!«

Sie sah mich an; die Tränen stürzten ihr aus den Augen, und sie warf sich an meine Brust.

In diesem Augenblick trat Alexandra Semjonowna eilig ins Zimmer.

»Was! Ist sie zu Hause? Wieder da? Ach, Nelly, Nelly, was ist nur mit dir los? Na, nur gut, daß du wenigstens wieder zu Hause bist! . . . Wo haben Sie sie denn gefunden, Iwan Petrowitsch?«

Ich gab ihr einen Wink mit den Augen, sie möchte nicht weiter fragen, und sie verstand mich. Ich nahm zärtlich Abschied von Nelly, die immer noch bitterlich weinte, und bat die gute Alexandra Semjonowna, bis zu meiner Rückkehr bei ihr zu bleiben; ich selbst aber lief zu Natascha. Ich hatte mich verspätet und beeilte mich daher.

An diesem Abend entschied sich unser Schicksal: ich hatte zwar vieles mit Natascha zu besprechen, kam aber doch auch auf Nelly zu reden und erzählte ihr alles Vorgefallene mit den geringsten Einzelheiten. Meine Erzählung interessierte Natascha sehr und machte ihr sogar einen tiefen Eindruck.

»Weißt du was, Wanja?« sagte sie nach kurzem Nachdenken; »ich glaube, sie liebt dich.«

»Was? Wie meinst du das?« fragte ich erstaunt.

»Ja, das ist der Anfang der Liebe, der weiblichen Liebe . . .«

»Was redest du, Natascha! Ich bitte dich! Sie ist ja noch ein Kind!«

»Das bald vierzehn Jahre alt ist. Diese Verbitterung kommt daher, daß du ihre Liebe nicht verstehst und sie sich vielleicht selbst nicht versteht; es steckt in dieser Verbitterung viel Kindisches; aber doch ist sie eine ernstliche Qual. Die Hauptsache ist: sie ist auf mich eifersüchtig und gönnt dich mir nicht. Du liebst mich so, daß du dir sicherlich auch zu Hause nur um mich Sorgen machst, nur an mich denkst, nur von mir redest und ihr darum nur wenig Aufmerksamkeit zuwendest. Sie hat das gemerkt und fühlt sich dadurch gekränkt. Sie möchte vielleicht mit dir reden; sie fühlt das Bedürfnis, dir ihr Herz zu erschließen, weiß das aber nicht anzufangen, schämt sich, versteht sich selbst nicht, wartet auf eine Gelegenheit; du aber, statt ihr diese Gelegenheit möglichst bald zu bieten, ziehst dich von ihr zurück, läufst von ihr weg zu mir und hast sie sogar, als sie krank war, ganze Tage lang allein gelassen. Sie weint darüber; sie fühlt, daß sie ohne dich nicht leben kann, und am schmerzlichsten ist es ihr, daß du das nicht bemerkst. Auch jetzt, in einem solchen Augenblick, hast du sie um meinetwillen allein gelassen. Morgen wird sie davon krank sein. Und wie hast du sie auch verlassen können? Geh so schnell wie möglich zu ihr!«

»Ich hätte sie auch nicht verlassen, aber . . .«

»Nun ja, ich hatte dich selbst gebeten, zu mir zu kommen. Jetzt aber geh hin!«

»Ich will hingehen; aber selbstverständlich glaube ich nichts von dem, was du gesagt hast.«

»Das kommt daher, daß sie sich anders benimmt als andere Menschen. Aber erinnere dich an ihr Vorleben, halte alles zusammen, und du wirst mir glauben. Sie ist anders aufgewachsen als du und ich . . .«

Es war trotz aller Eile doch schon spät, als ich zurückkehrte. Alexandra Semjonowna erzählte mir, Nelly habe wieder wie an jenem Abend sehr viel geweint und sei wie damals unter Tränen eingeschlafen.

»Aber nun will ich weggehen, Iwan Petrowitsch; so hat es auch Filipp Filippowitsch befohlen. Er wartet auf mich, der Arme.«

Ich dankte ihr und setzte mich an das Kopfende von Nellys Bett. Ich machte mir selbst Vorwürfe darüber, daß ich sie in einem solchen Augenblick hatte verlassen können. Lange, bis spät in die Nacht hinein, saß ich so neben ihr und überließ mich meinen Gedanken . . . Es war eine verhängnisvolle Zeit.

Aber ich muß erzählen, was in diesen vierzehn Tagen geschehen war.

Fünftes Kapitel

Nach dem für mich denkwürdigen Abend, den ich mit dem Fürsten im B.schen Restaurant zugebracht hatte, war ich mehrere Tage hintereinander in beständiger Angst um Natascha. »Womit hat dieser abscheuliche Fürst sie bedroht, und womit wollte er sich eigentlich an ihr rächen?« fragte ich mich alle Augenblicke und erging mich in allerlei Vermutungen. Ich kam schließlich zu dem Resultat, daß seine Drohungen nicht leeres Gerede und bloße Renommage gewesen seien und daß der Fürst, solange sie mit Aljoscha zusammen lebe, tatsächlich imstande sei, ihr viele Unannehmlichkeiten zu bereiten. Ich sagte mir, daß er kleinlich, rachsüchtig, boshaft und berechnend sei. Es war schwer zu glauben, daß er eine Beleidigung vergessen und eine Gelegenheit zur Rache unbenutzt lassen könne. In jedem Fall hatte er mich auf einen bestimmten Punkt in dieser ganzen Angelegenheit hingewiesen und sich hinsichtlich dieses Punktes ziemlich deutlich ausgesprochen: er verlangte hartnäckig einen Bruch zwischen Aljoscha und Natascha und erwartete von mir, daß ich die letztere auf die nahe Trennung vorbereitete, und zwar so, daß es »keine gefühlvollen Szenen setze«. Natürlich lag ihm ganz besonders viel daran, daß Aljoscha mit ihm zufrieden blieb und fortfuhr, ihn für einen zärtlichen Vater zu halten; denn das war für ihn die notwendige Voraussetzung, um in der Folge nach Gefallen über Katjas Geld verfügen zu können. Somit erwuchs mir die Aufgabe, Natascha auf die nahe Trennung vorzubereiten. Aber an Natascha bemerkte ich eine starke Veränderung; von ihrer früheren Offenherzigkeit mir gegenüber war keine Spur mehr vorhanden; ja sie schien sogar ein Mißtrauen gegen mich zu hegen. Meine Versuche, sie zu trösten, empfand sie als eine Qual; meine Fragen hatten mehr und mehr die Wirkung, sie ärgerlich, ja zornig zu machen. Ich saß mitunter bei ihr und sah sie nur an. Sie ging mit verschränkten Armen im Zimmer von einer Ecke zur anderen, finster und blaß, als ob sie alles um sich herum, auch meine Anwesenheit, vergessen hätte. Wenn sie mich aber dabei zufällig einmal ansah (sie suchte aber sogar meine Blicke zu vermeiden), so prägte sich auf ihrem Gesicht plötzlich ein Gefühl von ungeduldigem Ärger aus, und sie wandte sich rasch ab. Ich merkte, daß sie selbst wohl einen eigenen Plan für den nahe bevorstehenden Bruch ersann, und konnte sie das ohne Schmerz und ohne bitteres Leid? Ich war überzeugt, daß sie sich zum Bruch bereits fest entschlossen hatte; trotzdem aber quälte und ängstigte mich ihre finstere Verzweiflung. Überdies wagte ich manchmal gar nicht, mit ihr zu reden und sie zu trösten, und wartete daher voller Angst, wie sich das alles entwickeln werde.

Was ihr finsteres, unzugängliches Wesen mir gegenüber betraf, so beunruhigte und quälte mich das allerdings; aber ich glaubte doch felsenfest an das Herz meiner Natascha: ich sah, daß sie schwer litt und sich in einer schrecklichen Gemütsverfassung befand. Jede fremde Einmischung diente nur dazu, sie verdrießlich und böse zu machen. In solcher Lage ist uns gerade die Einmischung nahestehender Freunde, die unsere Geheimnisse kennen, am allerunangenehmsten. Aber ich wußte auch sehr gut, daß im letzten Augenblick Natascha von selbst wieder zu mir kommen und gerade an meinem Herzen Erleichterung für ihren Gram suchen werde.

Von meinem Gespräch mit dem Fürsten sagte ich ihr selbstverständlich nichts: meine Erzählung hätte sie nur noch mehr verstimmt und aufgeregt. Ich erwähnte nur so beiläufig, ich sei mit dem Fürsten bei der Gräfin gewesen und hätte die Überzeugung gewonnen, daß er ein nichtswürdiger Schurke sei. Aber sie fragte mich gar nicht weiter nach ihm, worüber ich sehr froh war; dafür hörte sie begierig alles an, was ich ihr von meinem Zusammensein mit Katja erzählte. Nachdem sie alles gehört hatte, sagte sie auch von ihr keine Silbe; aber eine dunkle Röte bedeckte ihr sonst so blasses Gesicht, und sie befand sich fast diesen ganzen Tag über in besonderer Aufregung. Ich verheimlichte ihr nichts, was Katja betraf, und gestand ihr offen, daß Katja sogar auf mich einen sehr angenehmen Eindruck gemacht hatte. Und wozu hätte ich auch versuchen sollen, es ihr zu verheimlichen? Sie hätte ja doch gemerkt, daß ich es verheimlichen wollte, und wäre mir deshalb nur böse geworden. Daher erzählte ich ihr absichtlich alles möglichst eingehend und bemühte mich, allen ihren Fragen zuvorzukommen, um so mehr, da es ihr selbst in ihrer Lage schwer ankam, mich zu befragen; und es war auch wahrlich keine leichte Aufgabe für sie, sich mit gleichmütiger Miene nach den vortrefflichen Eigenschaften ihrer Nebenbuhlerin zu erkundigen.

Ich glaubte, sie wisse noch nicht, daß Aljoscha auf die ausdrückliche Anordnung des Fürsten hin die Gräfin und Katja aufs Land begleiten sollte, und zerbrach mir den Kopf darüber, wie ich ihr das beibringen könne, um den Schlag für sie möglichst zu mildern. Aber wie groß war mein Erstaunen, als mich Natascha gleich bei den ersten Worten unterbrach und mir sagte, sie bedürfe keiner Tröstungen; sie wisse das schon seit fünf Tagen.

»Mein Gott!« rief ich. »Wer hat es dir denn gesagt?«

»Aljoscha.«

»Wie? Er hat es dir bereits gesagt?«

»Ja, und ich bin zu allem entschlossen, Wanja«, fügte sie mit einer Miene hinzu, in der für mich die deutliche, ungeduldige Weisung lag, dieses Gespräch nicht fortzusetzen.

Aljoscha kam ziemlich häufig zu Natascha, aber immer nur auf einen Augenblick; nur ein einziges Mal blieb er einige Stunden bei ihr, aber das geschah in meiner Abwesenheit. Wenn er eintrat, war er gewöhnlich traurig und blickte sie schüchtern und zärtlich an; aber Natascha kam ihm so zärtlich und freundlich entgegen, daß er sogleich alles vergaß und ganz heiter wurde. Auch mich begann er sehr häufig zu besuchen, fast täglich. Er litt innerlich wirklich große Pein; aber er konnte keinen Augenblick mit seinem Kummer allein sein und kam fortwährend zu mir gelaufen, um Trost zu suchen.

Was konnte ich ihm sagen? Er warf mir Kälte, Gleichgültigkeit, sogar eine feindliche Gesinnung gegen ihn vor; er klagte, weinte, ging zu Katja, und dort wurde ihm ja denn auch Trost zuteil.

An dem Tag, an dem Natascha mir erklärt hatte, sie wisse von Aljoschas bevorstehender Abreise (es war dies ungefähr eine Woche nach meinem Gespräch mit dem Fürsten), kam er ganz verzweifelt zu mir gelaufen, umarmte mich, sank an meine Brust und schluchzte wie ein Kind. Ich schwieg und wartete auf das, was er sagen werde.

»Ich bin ein unwürdiger, gemeiner Mensch, Wanja«, begann er; »rette mich vor mir selbst! Ich weine nicht darüber, daß ich ein unwürdiger, gemeiner Mensch bin, sondern darüber, daß Natascha durch mich unglücklich werden wird. Denn ich werde sie ja dem Unglück überliefern . . . Wanja, mein Freund, sage du mir, entscheide du für mich: wen liebe ich mehr von den beiden, Katja oder Natascha?«

»Das kann ich nicht entscheiden, Aljoscha«, antwortete ich; »das mußt du besser wissen als ich . . .«

»Nein, Wanja, so ist es nicht; ich bin ja doch nicht so dumm, daß ich solche Fragen ohne Grund stellen sollte; aber das ist es eben, daß ich es selbst nicht weiß. Ich frage mich und kann mir keine Antwort geben. Du aber siehst die Sache als Unbeteiligter an und weißt vielleicht mehr als ich . . . Na, wenn du es nicht weißt, dann sage wenigstens, wie es dir scheint!«

»Mir scheint, daß du Katja mehr liebst.«

»Also dir scheint es so! Aber nein, nein, so ist es durchaus nicht! Du hast ganz falsch geraten. Ich liebe Natascha grenzenlos. Um keinen Preis kann ich sie verlassen, niemals; das habe ich auch zu Katja gesagt, und Katja ist mit mir vollständig einer Meinung. Warum schweigst du? Da! ich habe gesehen, daß du eben gelächelt hast. Ach, Wanja, du hast mich niemals getröstet, wenn mir schwer ums Herz war, so wie jetzt . . . Leb wohl!«

Er lief aus dem Zimmer. Sein Benehmen hatte einen außerordentlichen Eindruck auf die erstaunte Nelly gemacht, die schweigend unser Gespräch mit angehört hatte. Sie war damals noch krank, lag im Bett und nahm Medizin. Aljoscha knüpfte nie ein Gespräch mit ihr an und schenkte ihr bei seinen Besuchen fast gar keine Beachtung.

Zwei Stunden darauf erschien er von neuem, und ich war erstaunt über sein fröhliches Gesicht. Er fiel mir wieder um den Hals und umarmte mich.

»Nun ist alles entschieden!« rief er; »alle Zweifel sind gelöst. Von Ihnen ging ich geradenwegs zu Natascha; ich war ganz verstört; ich konnte es nicht ertragen, von ihr fern zu sein. Als ich bei ihr eintrat, fiel ich vor ihr auf die Knie und küßte ihre Füße; das war mir ein Bedürfnis; es verlangte mich, das zu tun; sonst wäre ich vor Gram gestorben. Sie umarmte mich schweigend und fing an zu weinen. Da sagte ich ihr geradeheraus, daß ich Katja mehr liebe als sie.«

»Und was erwiderte sie darauf? «

»Sie antwortete gar nichts, sondern streichelte und tröstete mich nur, mich, der ich ihr das gesagt hatte! Sie versteht es, einen zu trösten, Iwan Petrowitsch! Oh, ich habe vor ihr all mein Leid ausgeweint, ihr mein ganzes Herz ausgeschüttet. Ich habe ihr geradezu gesagt, daß ich Katja sehr liebe; daß ich aber trotz dieser Liebe zu Katja und zu sonst irgendeinem Menschen doch ohne sie, ohne Natascha, nicht leben kann, sondern zugrunde gehen müßte. Ja, Wanja, nicht einen einzigen Tag kann ich ohne sie leben; das fühle ich; ja! Und darum haben wir beschlossen, uns unverzüglich trauen zu lassen; und da das vor meiner Abreise nicht möglich ist, weil jetzt die Großen Fasten sind und keine Trauungen stattfinden, so soll es bei meiner Rückkehr geschehen, das heißt zum ersten Juni. Mein Vater wird seine Einwilligung geben; daran ist kein Zweifel. Was Katja anbetrifft, so ist da eben nichts zu machen! Ich kann ohne Natascha nicht leben . . . Wir werden uns trauen lassen und zusammen zu Katja fahren . . .«

Die arme Natascha! Wie mochte ihr zumute gewesen sein, als sie diesen Knaben getröstet, wie eine Pflegerin bei ihm gesessen, sein Bekenntnis angehört und zur Beruhigung dieses naiven Egoisten das Märchen von der baldigen Heirat ersonnen hatte! Aljoscha war tatsächlich für einige Tage beruhigt. Der Hauptgrund, weswegen er immer zu Natascha hinlief, war der, daß sein schwaches Herz nicht imstande war, Leid allein zu ertragen. Aber als der Zeitpunkt der Trennung heranrückte, geriet er doch wieder in die frühere Unruhe hinein, vergoß Tränen, kam zu mir und weinte seinen Kummer aus. In der letzten Zeit hatte er sich Natascha so eng angeschlossen, daß er sie auch nicht auf einen Tag, geschweige denn auf anderthalb Monate verlassen konnte. Er war indessen bis zum letzten Augenblick fest davon überzeugt, daß er sie nur auf anderthalb Monate verlasse und nach seiner Rückkehr ihre Hochzeit stattfinden werde. Was Natascha betraf, so war sie ihrerseits vollständig darüber im klaren, daß ihr ganzes Schicksal sich jetzt ändere, daß Aljoscha nie mehr zu ihr zurückkehren werde und daß das eben so sein müsse.

Der Tag der Trennung war gekommen. Natascha war krank; blaß, mit fieberhaft entzündeten Augen und ausgetrockneten Lippen, führte sie ab und zu Selbstgespräche und sah mich ab und zu mit einem schnellen, durchdringenden Blick an; sie weinte nicht, antwortete nicht auf meine Fragen und zitterte wie Espenlaub, als die helle Stimme des eintretenden Aljoscha ertönte. Von roter Glut übergossen, eilte sie auf ihn zu, umarmte ihn krampfhaft, küßte ihn, lachte . . . Aljoscha blickte sie prüfend an, fragte sie einige Male beunruhigt, ob sie auch gesund sei, tröstete sie durch den Hinweis, daß er ja nicht auf lange wegfahre und dann ihre Hochzeit stattfinde. Natascha tat sich offenbar Gewalt an, bezwang sich und unterdrückte ihre Tränen. Sie mochte vor seinen Augen nicht weinen.

Er hatte vorher einmal geäußert, er müsse ihr für die ganze Zeit seiner Abwesenheit Geld dalassen; sie brauche sich darüber nicht zu beunruhigen, da sein Vater versprochen habe, ihm für die Reise eine beträchtliche Summe zu geben. Natascha hatte dazu ein finsteres Gesicht gemacht. Als ich dann mit ihr allein geblieben war, hatte ich ihr mitgeteilt, daß ich für sie hundertfünfzig Rubel als einen Notgroschen in den Händen hätte. Sie fragte mich nicht, woher dieses Geld stamme. Das war zwei Tage vor Aljoschas Abreise gewesen und am Tage vor der ersten und letzten Zusammenkunft Nataschas mit Katja. Katja hatte durch Aljoscha ein Briefchen geschickt, in welchem sie Natascha um die Erlaubnis bat, sie am folgenden Tag besuchen zu dürfen; zugleich hatte sie auch an mich geschrieben und mich gebeten, bei ihrer Zusammenkunft zugegen zu sein.

Ich nahm mir vor, unbedingt um zwölf Uhr, zu der von Katja bestimmten Zeit, bei Natascha zu sein, trotz aller Abhaltungen und anderweitigen Sorgen; deren gab es für mich allerdings viele. Um gar nicht von Nelly zu reden, hatte ich in der letzten Zeit mit den alten Ichmenews viele Mühen und Sorgen gehabt.

Diese Mühen und Sorgen hatten schon eine Woche vorher begonnen. Anna Andrejewna schickte eines Morgens zu mir und ließ mich bitten, alles stehen und liegen zu lassen und in einer sehr wichtigen Angelegenheit, die nicht den geringsten Aufschub dulde, unverzüglich zu ihr zu kommen. Als ich hinkam, fand ich sie allein: fiebernd vor Aufregung und Angst ging sie im Zimmer auf und ab und wartete zitternd auf Nikolai Sergejewitschs Rückkehr. Wie gewöhnlich konnte ich lange Zeit nicht aus ihr herausbekommen, was denn los war und weshalb sie sich so ängstigte; aber dabei war augenscheinlich jede Minute kostbar. Endlich, nach heftigen und nicht zur Sache gehörigen Vorwürfen: warum ich denn nicht zu ihnen käme und sie in ihrem Leid mutterseelenallein ließe, so daß in meiner Abwesenheit Gott weiß was passiere, teilte sie mir mit, daß Nikolai Sergejewitsch sich seit drei Tagen in einer Aufregung befinde, die sich gar nicht beschreiben lasse.

»Er ist gar nicht mehr wiederzuerkennen«, sagte sie. »Er fiebert; nachts betet er, ohne daß ich es merken soll, auf den Knien vor dem Heiligenbild; im Schlaf redet er irre, und im Wachen ist er nur wie halbklug: gestern wollten wir Kohlsuppe essen, und er konnte den Löffel neben sich nicht finden; fragt man ihn nach etwas, so gibt er Antworten, die gar nicht auf die Frage passen. Alle Augenblicke geht er jetzt aus dem Haus; ›ich gehe immer in Geschäften aus«, sagt er; »ich muß mit dem Rechtsanwalt reden.‹ Schließlich schloß er sich heute Morgen in sein Zimmer ein; ›ich muß‹, sagte er, ›ein notwendiges Schriftstück in der Prozeßsache aufsetzen.‹ – ›Na, was wirst du denn für ein Schriftstück aufsetzen können‹, dachte ich, ›wenn du den Löffel neben deinem Kuvert nicht hast finden können?‹ Ich sah durchs Schlüsselloch: er saß da und schrieb und zerfloß dabei in Tränen. ›Was für ein geschäftliches Schreiben faßt man denn in dieser Weise ab?‹ dachte ich. ›Grämt er sich vielleicht so um unser Gut Ichmenewka? Wir haben also wohl unser liebes Ichmenewka endgültig verloren!‹ Während ich das so bei mir dachte, sprang er auf einmal vom Tisch auf, stieß mit der Feder auf den Tisch, wurde ganz rot im Gesicht, seine Augen funkelten, er griff nach seinem Hut und kam zu mir heraus. ›Ich komme bald wieder zurück, Anna Andrejewna‹, sagte er. Sowie er weg war, lief ich sogleich zu seinem Schreibtisch; er hat da infolge unseres Prozesses eine Unmasse von Papieren liegen, erlaubt mir aber nicht, sie anzurühren. Wie oft habe ich ihn gebeten: ›Laß mich wenigstens einmal die Papiere aufheben, damit ich den Staub vom Tisch abwischen kann!‹ Aber nein; er fängt an zu schreien und fuchtelt mit den Armen herum: er ist überhaupt hier in Petersburg so nervös und zänkisch geworden. Also ich trat an den Schreibtisch heran und suchte, was das für ein Schriftstück sein mochte, das er soeben geschrieben hatte. Denn ich wußte genau, daß er es nicht mit sich genommen, sondern beim Aufstehen vom Tisch unter die anderen Papiere geschoben hatte. Na, hier, lieber Iwan Petrowitsch, ist das, was ich gefunden habe; sieh es dir mal an!«

Sie reichte mir ein Blatt Briefpapier, das zur Hälfte vollgeschrieben war, aber mit so vielen Ausstreichungen, daß man es an manchen Stellen gar nicht entziffern konnte.

Der arme alte Mann! Gleich aus den ersten Zeilen konnte ich entnehmen, was er geschrieben hatte und an wen. Es war ein Brief an Natascha, an seine geliebte Natascha. Der Briefschreiber begann warm und zärtlich; er bot ihr seine Verzeihung an und forderte sie auf, zu ihm zurückzukehren. Es war schwer, den ganzen Brief zu verstehen, da er widerspruchsvoll und unzusammenhängend geschrieben und durch zahllose Ausstreichungen entstellt war. Man konnte nur erkennen, daß das warme Gefühl, das ihn veranlaßt hatte, die Feder zu ergreifen und die ersten, herzlichen Zeilen niederzuschreiben, schnell nach diesen ersten Zeilen in ein anderes übergegangen war: der Alte machte nun seiner Tochter Vorwürfe, malte ihr ihr Verbrechen mit grellen Farben hin, erinnerte sie mit Entrüstung an ihre Hartnäckigkeit und schalt sie wegen ihrer Gefühllosigkeit, weil sie vielleicht nicht ein einziges Mal daran gedacht habe, was sie ihrem Vater und ihrer Mutter antue. Für ihren Stolz drohte er ihr mit Bestrafung und mit seinem Fluch und schloß mit der Forderung, sie solle ohne Verzug demütig nach Hause zurückkehren; »dann, erst dann, nach einem ergebungsvollen, musterhaften Leben im Schoß der Familie, werden wir uns vielleicht dazu entschließen können, dir zu verzeihen«, schrieb er. Es war deutlich, daß er sein ursprüngliches hochherziges Gefühl nach einigen Zeilen für Schwäche gehalten, sich desselben geschämt, dann die Qualen des gekränkten Stolzes empfunden und mit Zornesausbrüchen und Drohungen geschlossen hatte. Die alte Frau stand mit gefalteten Händen vor mir und wartete voller Angst, was ich nach dem Durchlesen des Briefes sagen würde.

Ich sagte ihr alles offen heraus, so wie es mir erschien. Nämlich: der Alte sei nicht mehr imstande gewesen, ohne Natascha zu leben, und man könne positiv sagen, daß eine baldige Versöhnung der beiden eine Notwendigkeit sei; indessen hänge doch alles von den Umständen ab. Ich setzte ihr ferner meine Vermutung auseinander, daß der üble Ausgang des Prozesses ihn wahrscheinlich stark angegriffen und erschüttert habe, um gar nicht davon zu reden, wie sehr sein Ehrgefühl durch den Triumph des Fürsten über ihn verletzt sei, und in welche Empörung ihn eine solche Entscheidung des Prozesses versetzt habe. In solchen Augenblicken verlange die Seele nach Teilnahme, und er denke um so lebhafter an diejenige, die er immer über alles in der Welt geliebt habe. Endlich komme vielleicht auch das noch hinzu: da er den Gang von Nataschas Angelegenheit verfolge und über alles unterrichtet sei, so habe er wahrscheinlich gehört, daß Aljoscha sie bald verlassen werde. Er könne sich vorstellen, wie ihr jetzt zumute sei, und habe aus eigener Erfahrung ein Gefühl dafür, wie sehr sie des Trostes bedürfe. Aber dennoch könne er sich nicht überwinden, da er von seiner Tochter beleidigt und unwürdig behandelt zu sein glaube. Es sei ihm gewiß der Gedanke gekommen, daß sie trotzdem nicht aus eigener Initiative zu ihm kommen werde und vielleicht überhaupt nicht an ihre Eltern denke und kein Bedürfnis nach Versöhnung empfinde. »So wird er gedacht haben«, schloß ich die Darlegung meiner Ansicht, »und darum hat er den Brief nicht zu Ende geschrieben, und es werden vielleicht aus alledem noch neue Kränkungen hervorgehen, die er noch stärker empfinden wird als die ersten, und wer weiß, ob nicht die Versöhnung dadurch noch auf lange hinausgeschoben werden wird . . .«

Die alte Frau hörte mit Tränen an, was ich ihr sagte. Zuletzt, als ich ihr erklärte, ich müsse unbedingt sofort zu Natascha gehen und hätte mich schon durch diesen Besuch verspätet, fing sie an zu zittern und kam damit heraus, daß sie gerade die Hauptsache noch vergessen hätte mir mitzuteilen. Als sie den Brief aus den Papieren herausgenommen habe, hätte sie zufällig das Tintenfaß über ihn umgestoßen. In der Tat war eine ganze Ecke mit Tinte begossen, und die alte Frau ängstigte sich nun schrecklich, der Alte werde an diesem Fleck merken, daß sie während seiner Abwesenheit in seinen Papieren gekramt und den Brief an Natascha gelesen habe. Ihre Furcht war sehr begründet: schon allein der Umstand, daß wir sein Geheimnis kannten, konnte ihn veranlassen, vor Beschämung und Ärger in seinem Groll zu verharren und aus Stolz die Versöhnung hartnäckig zu verweigern.

Aber nach näherer Überlegung konnte ich der Alten zureden, sich nicht weiter zu beunruhigen. Ich sagte ihr, er sei von dem Brief in solcher Erregung aufgestanden, daß er sich unmöglich aller Einzelheiten erinnern könne und jetzt wahrscheinlich denken werde, daß er den Brief selbst beschmutzt und es dann vergessen habe. Nachdem ich Anna Andrejewna auf diese Weise getröstet hatte, legten wir den Brief behutsam wieder an seinen früheren Platz. Beim Weggehen fiel mir noch ein, mit ihr ein ernstes Wort über Nelly zu reden. Es schien mir, daß die arme, verlassene Waise, deren Mutter ebenfalls von ihrem Vater verflucht worden war, vielleicht imstande sein werde, durch die traurige, tragische Erzählung von ihrem früheren Leben und von dem Tod ihrer Mutter den alten Mann zu rühren und zu großmütigen Empfindungen hinzuleiten. Alles war dazu bereit; alles war in seinem Herzen zur Reife gelangt; die Sehnsucht nach seiner Tochter begann bereits über seinen Stolz und über sein gekränktes Ehrgefühl die Oberhand zu gewinnen. Es fehlte nur noch ein Anstoß, ein letzter geeigneter Anlaß, und die Stelle dieses geeigneten Anlasses konnte Nelly ersetzen. Die alte Frau hörte mich mit größter Aufmerksamkeit an: ihr ganzes Gesicht belebte sich von entzückter Hoffnung. Sofort machte sie mir Vorwürfe: warum ich ihr das nicht schon längst gesagt hätte; sie begann, mich ungeduldig über Nelly auszufragen, und versprach zuletzt feierlich, sie werde jetzt selbst ihren Mann bitten, die Waise ins Haus zu nehmen. Sie fing schon an, Nelly herzlich zu lieben, bedauerte, daß diese krank sei, erkundigte sich nach der Art der Krankheit, nötigte mir für Nelly ein Glas mit Eingemachtem auf, das sie selbst eilig aus der Speisekammer holte, brachte mir fünf Rubel in der Voraussetzung, daß ich kein Geld für den Arzt hätte, und als ich sie nicht annahm, fand sie nur mit Mühe eine Beruhigung und einen Trost in dem Gedanken, daß Nelly ja doch auch Kleider und Wäsche brauche und sie ihr somit in dieser Weise nützlich sein könne. Infolgedessen machte sie sich sofort daran, ihren Kasten zu durchwühlen, all ihre Kleider auszubreiten und aus ihnen diejenigen auszuwählen, die sie ›der lieben kleinen Waise‹ schenken könne.

Ich aber ging zu Natascha. Als ich die letzte Treppe hinaufstieg, die, wie ich schon früher gesagt habe, eine Wendeltreppe war, bemerkte ich an ihrer Tür jemand, der sich schon anschickte, anzuklopfen, aber innehielt, weil er meine Schritte hörte. Schließlich gab er, wahrscheinlich nach einigem Schwanken, seine Absicht plötzlich auf und stieg wieder hinunter. Ich stieß mit ihm auf dem letzten Stück der Treppe zusammen, und wie groß war mein Erstaunen, als ich Ichmenew erkannte. Auf der Treppe war es auch bei Tag sehr dunkel. Er lehnte sich an die Wand, um mich vorbeizulassen, und ich erinnere mich an den seltsamen Glanz seiner Augen, die mich unverwandt anblickten. Es kam mir so vor, als sei er sehr rot geworden; mindestens war er furchtbar verlegen, ja geradezu fassungslos.

»Ah, Wanja, du bist es!« sagte er mit unsicherer Stimme. »Ich wollte hier zu jemand . . . zu einem Schreiber . . . immer in meiner Prozeßangelegenheit . . . er ist kürzlich umgezogen . . . irgendwohin hier in der Gegend . . . aber er scheint hier nicht zu wohnen. Ich habe mich geirrt. Leb wohl!«

Er ging schnell die Treppe hinunter.

Ich beschloß, Natascha von dieser Begegnung vorläufig nichts zu sagen, ihr aber unbedingt sogleich davon Mitteilung zu machen, sobald sie nach Aljoschas Abreise werde allein zurückgeblieben sein. Augenblicklich war sie seelisch so zerrüttet, daß, wenn sie auch die ganze Tragweite dieser Tatsache völlig begriffen und verstanden hätte, sie doch nicht imstande gewesen wäre, sie so aufzunehmen und zu empfinden wie später in dem Augenblick der letzten überwältigenden Traurigkeit und Verzweiflung. Jetzt war der geeignete Augenblick noch nicht da.

Ich hätte noch an diesem Tag zu Ichmenews gehen können, und es trieb mich auch dazu; aber ich tat es doch nicht. Ich hatte die Empfindung, daß es dem alten Mann peinlich sein werde, mich zu sehen; er konnte sogar denken, ich sei absichtlich infolge der Begegnung so bald gekommen. Ich ging erst zwei Tage darauf zu ihnen; der Alte war in trüber Stimmung, empfing mich aber ziemlich ungezwungen und redete immer von geschäftlichen Dingen.

»Sag doch mal, zu wem gingst du denn damals, so hoch oben; du erinnerst dich wohl, wir trafen uns – wann war es doch gleich? – vorgestern, meine ich«, fragte er auf einmal in lässigem Ton, wandte aber doch die Augen von mir weg zur Seite.

»Es wohnt da ein Freund von mir«, antwortete ich, ebenfalls seitwärts blickend.

»Soso! Und ich suchte meinen Schreiber Astafjew; es war mir dieses Haus bezeichnet worden . . . aber ich hatte mich geirrt . . . Nun, also ich sagte dir von meinem Prozeß: das Gericht hat dahin entschieden, daß . . .« usw.

Er wurde ganz rot, als er von seinem Prozeß zu reden anfing.

Ich erzählte das alles noch an demselben Tag seiner Frau, um ihr eine Freude zu machen, und bat sie unter anderem, ihm jetzt nicht mit besonderem Ausdruck ins Gesicht zu sehen, nicht zu seufzen, keine Anspielungen zu machen, kurz, in keiner Weise zu zeigen, daß sie von seinem letzten ungewöhnlichen Schritt Kenntnis habe. Die alte Frau war so erstaunt und erfreut, daß sie mir zuerst nicht einmal glauben wollte. Ihrerseits erzählte sie mir, sie habe ihrem Mann bereits Andeutungen über die Waise gemacht; aber er habe geschwiegen, obwohl er sie doch früher immer selbst gebeten habe, das Mädchen ins Haus zu nehmen. Wir beschlossen, sie solle ihn am folgenden Tag geradezu, ohne alle Vorreden und Andeutungen, darum bitten. Aber am folgenden Tag befanden wir uns beide in schrecklicher Angst und Unruhe.

Die Sache war die, daß Ichmenew am Vormittag mit einem Beamten gesprochen hatte, der in seinem Prozeß tätig gewesen war. Der Beamte hatte ihm mitgeteilt, er habe ein Gespräch mit dem Fürsten gehabt; der Fürst werde zwar Ichmenewka für sich behalten, beabsichtige aber, ›infolge gewisser Familienverhältnisse‹, den Alten zu entschädigen und ihm die zehntausend Rubel herauszugeben. Von dem Beamten kam der Alte geradenwegs zu mir gelaufen; er war in furchtbarer Erregung; seine Augen funkelten nur so vor Wut. Er rief mich (ich wußte nicht recht, warum) aus der Wohnung auf die Treppe heraus und verlangte energisch, ich solle unverzüglich zum Fürsten gehen und ihm eine Forderung zum Duell überbringen. Ich war so überrascht, daß es lange dauerte, bis ich mich gefaßt hatte. Ich wollte ihm vernünftig zureden; aber der alte Mann geriet in eine solche Wut, daß ihm übel wurde. Ich lief in die Wohnung hinein, um ein Glas Wasser zu holen; aber als ich zurückkam, fand ich ihn nicht mehr auf der Treppe.

Am anderen Tag begab ich mich zu ihm; aber er war nicht mehr zu Hause; er war für ganze drei Tage verschwunden.

Am dritten Tag erfuhren wir alles. Von mir war er geradenwegs zum Fürsten geeilt, hatte ihn aber nicht zu Hause angetroffen und einen Brief dagelassen; in dem Brief hatte er geschrieben, er habe die von ihm dem Beamten gegenüber getane Äußerung erfahren; er halte dieselbe für eine tödliche Beleidigung und den Fürsten für einen gemeinen Menschen und fordere ihn aus diesen Gründen zum Duell; er warne ihn dabei vor einer Ablehnung der Forderung, da er ihn in diesem Fall öffentlich beschimpfen werde.

Anna Andrejewna erzählte mir, er sei bei seiner Rückkehr nach Hause so aufgeregt und angegriffen gewesen, daß er sich sogar habe zu Bett legen müssen. Gegen sie sei er sehr zärtlich gewesen, habe aber auf ihre Fragen nur wenig geantwortet, und es sei augenscheinlich gewesen, daß er mit fieberhafter Ungeduld auf irgend etwas wartete. Am anderen Morgen sei ein Brief mit der Stadtpost gekommen; nachdem er ihn gelesen, habe er aufgeschrien und sich an den Kopf gefaßt. Sie, Anna Andrejewna, sei halbtot gewesen vor Angst. Aber er habe sogleich Hut und Stock ergriffen und sei davongelaufen.

Der Brief war vom Fürsten. Trocken, kurz und höflich erklärte er Ichmenew, daß er für das, was er zu dem Beamten gesagt habe, niemandem Rechenschaft schulde. Obwohl er Ichmenew wegen des verlorenen Prozesses sehr bedauere, könne er doch dem im Prozeß Unterlegenen nicht die Berechtigung zuerkennen, seinen Gegner zum Duell zu fordern. Die ihm angedrohte öffentliche Beschimpfung anlangend, bitte er Herrn Ichmenew, sich darüber keine Sorge zu machen, da eine öffentliche Beschimpfung nicht stattfinden werde und nicht stattfinden könne; sein Brief werde sofort gehörigen Ortes vorgelegt werden, und die benachrichtigte Polizei werde gewiß imstande sein, die erforderlichen Maßregeln zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zu treffen.

Mit dem Brief in der Hand stürzte Ichmenew sogleich zum Fürsten. Der Fürst war wieder nicht zu Hause; aber der Alte erfuhr von dem Lakaien, daß der Fürst jetzt wahrscheinlich beim Grafen N. sei. Ohne sich lange zu besinnen, lief er zum Grafen. Der Portier des Grafen hielt ihn an, als er die Treppe hinaufsteigen wollte. In maßloser Wut schlug ihn der Alte mit dem Stock. Sogleich wurde er gepackt, vor die Haustür geschleppt und der Polizei übergeben, die ihn zur Wache brachte. Dem Grafen wurde der Vorfall gemeldet. Aber als der anwesende Fürst dem alten Wüstling erklärte, dies sei eben jener Ichmenew, der Vater eben jener Natalja Nikolajewna (der Fürst hatte dem Grafen schon öfter ›auf diesem Gebiet‹ gute Dienste geleistet), da lachte der vornehme Herr nur und ging vom Zorn zur Milde über: er gab Anweisung, Ichmenew laufenzulassen; aber die Entlassung desselben erfolgte seitens der Polizei erst am dritten Tag. Dabei wurde, wahrscheinlich auf Anordnung des Fürsten, dem Alten mitgeteilt, der Fürst selbst habe den Grafen gebeten, gegen ihn Gnade walten zu lassen.

Der Alte kehrte in einem an Wahnsinn grenzenden Zustand nach Hause zurück, warf sich aufs Bett und lag eine ganze Stunde lang da, ohne sich zu bewegen; endlich erhob er sich und erklärte zu Anna Andrejewnas Schrecken feierlich, daß er seine Tochter ›auf ewig‹ verfluche und ihr seinen väterlichen Segen versage.

Anna Andrejewna war aufs äußerste erschrocken; aber sie mußte dem Alten Beistand leisten, und selbst fast ohne Besinnung, wartete und pflegte sie ihn diesen ganzen Tag und fast die ganze Nacht über, benetzte ihm den Kopf mit Essig und legte ihm Eis auf. Er hatte Fieberhitze und redete irre. Ich verließ die beiden erst nach zwei Uhr nachts. Aber am anderen Morgen stand Ichmenew auf und kam gleich an demselben Tag zu mir, um Nelly endgültig zu sich zu nehmen. Aber über die Szene, die sich zwischen ihm und Nelly abspielte, habe ich schon berichtet; diese Szene erschütterte ihn aufs tiefste. Nach Hause zurückgekehrt, legte er sich wieder ins Bett. All dies trug sich am Karfreitag zu, auf welchen die Zusammenkunft Katjas und Nataschas angesetzt war, am Tag vor Aljoschas und Katjas Abreise aus Petersburg. Bei dieser Zusammenkunft war ich zugegen; sie fand am frühen Vormittag statt, noch bevor der Alte zu mir kam und noch bevor Nelly ihren ersten Fluchtversuch unternahm.

Sechstes Kapitel

Aljoscha war schon eine Stunde vor der Zusammenkunft gekommen, um Natascha zu benachrichtigen. Ich meinerseits kam gerade in dem Augenblick, als Katjas Equipage vor der Haustür vorfuhr. Bei Katja war die alte Französin, die auf vieles Bitten hin und nach langem Zaudern endlich eingewilligt hatte, sie zu begleiten und sie sogar allein zu Natascha hinaufgehen zu lassen, aber nur, wenn Aljoscha dabei sei; sie selbst wollte unten im Wagen warten. Katja rief mich heran, und ohne aus dem Wagen zu steigen, bat sie mich, Aljoscha zu ihr zu rufen. Natascha fand ich in Tränen: Aljoscha und sie, beide weinten. Als sie hörte, daß Katja bereits da sei, stand sie von ihrem Stuhl auf, wischte sich die Tränen ab und stellte sich in großer Aufregung der Tür gegenüber hin. Sie war an diesem Morgen ganz weiß gekleidet. Ihr dunkelblondes Haar war glatt zurückgekämmt und hinten in einen festen Knoten zusammengebunden. Diese Haartracht gefiel mir an ihr immer besonders gut. Als Natascha sah, daß ich bei ihr bleiben wollte, bat sie mich, ebenfalls dem Besuch entgegenzugehen.

»Bis jetzt ist es mir nicht möglich gewesen, zu Natascha zu kommen«, sagte Katja zu mir, während wir die Treppe hinaufstiegen. »Ich wurde so beobachtet; es war schrecklich. Ganze vierzehn Tage habe ich gebraucht, um Madame Albert zu überreden; endlich hat sie eingewilligt. Und Sie, Sie, Iwan Petrowitsch, sind nicht ein einziges Mal zu mir gekommen! Schreiben konnte ich Ihnen auch nicht, und ich hatte auch keine Lust dazu, da man ja in einem Brief dem anderen doch nichts klarmachen kann. Und wie sehr verlangte mich danach, mit Ihnen zu sprechen! . . . Mein Gott, wie mir jetzt das Herz klopft . . .«

»Die Treppe ist steil«, antwortete ich.

»Nun ja . . . auch die Treppe . . . Aber was meinen Sie: wird Natascha mir auch nicht böse sein?«

»Nein, warum sollte sie das?«

»Nun ja, gewiß, warum sollte sie es? Ich werde es gleich selbst sehen; wozu frage ich erst noch?«

Ich führte sie am Arm. Sie war ganz blaß geworden und schien sich sehr zu fürchten. Auf dem letzten Treppenabsatz blieb sie stehen, um Atem zu schöpfen; aber dann blickte sie mich an und stieg entschlossen weiter hinauf.

An der Tür wandte sie sich noch einmal um und flüsterte mir zu: »Ich werde einfach hineingehen und ihr sagen, ich hätte ein solches Vertrauen zu ihr, daß ich ohne Besorgnisse gekommen sei . . . Übrigens, was rede ich erst noch? Ich bin ja überzeugt, daß Natascha das edelste Geschöpf der Welt ist. Nicht wahr?«

Sie trat schüchtern ein, als ob sie sich einer Schuld bewußt wäre, und blickte Natalja unverwandt an, die ihr sogleich zulächelte. Da trat Katja schnell an sie heran, faßte sie bei den Händen und drückte ihre kleinen, vollen Lippen auf Nataschas Mund. Dann, ehe sie noch ein Wort zu Natascha gesagt hatte, wandte sie sich in ernstem und sogar strengem Ton zu Aljoscha und bat ihn, uns eine halbe Stunde allein zu lassen.

»Sei nicht böse, Aljoscha!« fügte sie hinzu. »Ich wünsche das deswegen, weil ich mit Natascha über eine sehr wichtige, ernste Sache vieles zu reden habe, was du nicht zu hören brauchst. Sei verständig und geh hinaus! Sie aber, Iwan Petrowitsch, bitte ich, hierzubleiben. Sie sollen unser ganzes Gespräch mit anhören.«

»Setzen wir uns!« sagte sie zu Natascha, als Aljoscha hinausgegangen war; »ich will mich so hinsetzen, Ihnen gegenüber. Ich möchte Sie zuerst ein bißchen ansehen.« Sie setzte sich Natascha fast gerade gegenüber und betrachtete sie ein Weilchen unverwandt. Natascha antwortete darauf mit einem unwillkürlichen Lächeln.

»Ich habe schon Ihre Fotografie gesehen«, sagte Katja; »Aljoscha hat sie mir gezeigt.«

»Nun, bin ich gut getroffen?«

»Sie sind schöner«, erwiderte Katja in entschiedenem, ernstem Ton. »Ich habe mir das auch gleich gedacht, daß Sie schöner wären.«

»Wirklich? Und ich kann mich an Ihnen gar nicht satt sehen. Wie hübsch Sie sind!«

»Was reden Sie nur! Bewahre! Liebste, Beste!« rief Katja und ergriff mit ihrer zitternden Hand die Hand Nataschas; beide verstummten wieder und sahen einander an. »Wissen Sie, mein Engel«, unterbrach Katja das Schweigen, »wir können nur eine halbe Stunde zusammen sein; auch darein hat Madame Albert nur mit Mühe und Not eingewilligt, und wir haben doch soviel miteinander zu besprechen . . . Ich will . . . ich muß . . . nun, ich frage Sie ganz einfach: lieben Sie Aljoscha sehr?«

»Ja, sehr.«

»Wenn es so ist . . . wenn Sie Aljoscha sehr lieben . . . dann . . . dann müssen Sie doch auch sein Glück wünschen . . .«, sagte sie schüchtern und flüsternd.

»Ja, ich wünsche, daß er glücklich werden möge . . .«

»Das ist richtig . . . aber nun ist die Frage: Werde ich ihn glücklich machen können? Habe ich ein Recht, so zu reden, da ich ihn Ihnen doch wegnehme? Wenn es Ihnen scheint, daß er mit Ihnen glücklicher sein wird, und wir jetzt zu dieser Ansicht gelangen, dann . . . dann . . .«

»Diese Frage ist schon entschieden, Katjuscha; Sie sehen ja selbst, daß alles entschieden ist«, antwortete Natascha leise und ließ den Kopf sinken. Es war ihr offenbar peinlich, das Gespräch fortzusetzen.

Katja hatte sich anscheinend auf eine lange Erörterung des Themas vorbereitet, wer von ihnen beiden am meisten befähigt sei, Aljoscha glücklich zu machen, und wer von ihnen zurücktreten müsse. Aber nach Nataschas Antwort sah sie sofort ein, daß alles schon längst entschieden sei und es keinen Zweck habe, weiter darüber zu reden. Die hübschen Lippen halb geöffnet haltend, blickte sie erstaunt und traurig Natascha an, deren Hand sie noch immer in der ihrigen hielt.

»Lieben Sie ihn sehr?« fragte Natascha plötzlich.

»Ja; und da ist noch ein Punkt, nach dem ich Sie fragen wollte, und ich bin in dieser Absicht hergefahren: Sagen Sie mir, warum lieben Sie ihn eigentlich?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Natascha, und ich glaubte aus dem Ton ihrer Antwort eine ungeduldige Bitterkeit herauszuhören.

»Ist er klug? Wie denken Sie darüber?« fragte Katja.

»Nein; ich liebe ihn einfach, ohne bestimmten Grund.«

»Mir geht es ebenso. Er tut mir immer gewissermaßen leid.«

»Mir ebenfalls«, erwiderte Natascha.

»Was sollen wir jetzt mit ihm machen? Und wie er Sie um meinetwillen hat verlassen können, das begreife ich nicht!« rief Katja. »Gerade jetzt, nachdem ich Sie gesehen habe, begreife ich es nicht!«

Natascha antwortete nichts und blickte zur Erde. Katja schwieg ein Weilchen; dann stand sie plötzlich von ihrem Stuhl auf und umarmte sie. Beide begannen, sich umschlungen haltend, zu weinen. Katja setzte sich auf die Armlehne von Nataschas Lehnstuhl, ohne sie aus ihren Armen zu lassen, und begann, ihr die Hände zu küssen.

»Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie liebe!« sagte sie weinend. »Wir wollen Schwestern sein; wir wollen immer aneinander schreiben . . . und ich werde Sie mein Leben lang lieben; ich werde Sie so lieben, so lieben . . .«

»Hat er Ihnen gesagt, daß im Juni unsere Hochzeit sein soll?« fragte Natascha.

»Ja. Er sagte, auch Sie seien damit einverstanden. Aber das haben Sie doch alles nur so gesagt, um ihn zu trösten, nicht wahr?«

»Gewiß.«

»Das habe ich mir gleich gedacht. Ich werde ihn sehr lieben, Natascha, und Ihnen alles schreiben. Ich glaube, er wird jetzt bald mein Mann werden; es sieht ganz so aus. Und sie reden alle in diesem Sinn. Nataschenka, Sie werden dann wohl wieder . . . in das Haus Ihrer Eltern zurückkehren?«

Natascha antwortete nichts, sondern gab ihr schweigend einen herzlichen Kuß.

»Werden Sie glücklich!« sagte sie.

»Und Sie . . . Sie . . . ebenfalls!« versetzte Katja.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Aljoscha trat ein. Es war über seine Kraft gegangen, diese halbe Stunde zu warten, und als er nun sah, wie die beiden einander in den Armen lagen und weinten, sank er ganz kraftlos, mit einer Miene tiefsten Leides vor Natascha und Katja auf die Knie.

»Warum weinst du denn?« sagte Natascha zu ihm. »Wegen der Trennung von mir? Aber es ist ja nicht auf lange; im Juni kommst du ja doch wieder?«

»Und dann wird eure Hochzeit sein«, fügte, ebenfalls um Aljoscha zu trösten, Katja eilig mitten zwischen ihren Tränen hinzu.

»Aber ich bin nicht imstande, nicht imstande, dich auch nur für einen Tag zu verlassen, Natascha. Ich sterbe, wenn ich von dir fern bin . . . du weißt gar nicht, wie teuer du mir jetzt bist! Gerade jetzt! . . .«

»Nun, weißt du, wie du es dann machen kannst?« sagte Natascha, die auf einmal lebhafter wurde. »Die Gräfin bleibt ja wohl eine Zeitlang in Moskau?«

»Ja, fast eine Woche«, fiel Katja ein.

»Eine Woche! Dann wäre doch das beste, du begleitest die beiden Damen morgen nach Moskau (das dauert nur einen Tag) und fährst gleich wieder hierher zurück. Und sobald sie von Moskau abreisen müssen, dann nehmen wir voneinander vollständig, auf einen Monat, Abschied, und du kehrst nach Moskau zurück, um sie aufs Land zu begleiten.«

»So ist's richtig, so ist's richtig . . . Ihr könnt dann noch vier Tage zusammen verleben!« rief Katja entzückt und wechselte mit Natascha einen vielsagenden Blick.

Ich kann Aljoschas Entzücken über diesen neuen Plan gar nicht schildern. Er fühlte sich auf einmal völlig getröstet; sein Gesicht strahlte vor Freude; er umarmte Natascha, küßte Katja die Hände und umarmte mich. Natascha blickte ihn mit einem traurigen Lächeln an; aber Katja konnte es nicht ertragen. Sie wechselte mit mir einen Blick, bei dem ihre Augen in heißem Zorn funkelten, umarmte Natascha und erhob sich, um aufzubrechen. Gerade in diesem Augenblick schickte die Französin den Diener mit der Bitte, das Zusammensein schleunigst zu beenden, da die verabredete halbe Stunde schon verflossen sei.

Natascha stand auf. Beide standen einander gegenüber, hielten sich an den Händen gefaßt, und es schien, als suchten sie mit ihren Blicken all das auszudrücken, was ihre Seelen erfüllte.

»Wir werden uns wohl niemals wiedersehen«, sagte Katja.

»Niemals, Katja«, antwortete Natascha.

»Nun, dann wollen wir voneinander Abschied nehmen!«

Beide umarmten sich.

»Fluchen Sie mir nicht!« flüsterte Katja hastig; »ich aber . . . ich werde immer . . . seien Sie überzeugt . . . er wird glücklich werden . . . Komm, Aljoscha, begleite mich!« sagte sie schnell und ergriff seine Hand.

»Wanja!« sagte Natascha aufgeregt und erschöpft zu mir, als sie hinausgegangen waren; »begleite auch du sie und . . . komm nicht zurück; Aljoscha wird bis zum Abend bei mir sein, bis acht Uhr; den Abend über kann er nicht bleiben, er muß fortgehen. Ich werde dann allein sein . . . Komm um neun Uhr her! Ich bitte dich darum!«

Als ich um neun Uhr Nelly nach der Geschichte mit der zerbrochenen Tasse in Alexandra Semjonownas Obhut verlassen hatte und zu Natascha kam, war sie schon allein und erwartete mich mit Ungeduld. Mawra brachte uns den Samowar; Natascha goß mir Tee ein, setzte sich auf das Sofa und forderte mich auf, nahe bei ihr Platz zu nehmen.

»Nun ist alles zu Ende«, sagte sie, mich starr anblickend. Niemals werde ich diesen Blick vergessen.

»Nun ist unsere Liebe zu Ende. Ein halbes Jahr hat es gedauert, und nun ist's fürs ganze Leben vorbei«, fügte sie hinzu und drückte mir die Hand.

Ihre Hand war heiß. Ich redete ihr zu, sich etwas Warmes anzuziehen und sich ins Bett zu legen.

»Gleich, Wanja, gleich, mein lieber Freund! Laß mich nur noch ein bißchen reden und der Vergangenheit gedenken! . . . Ich bin jetzt wie zerschlagen . . . Morgen werde ich ihn zum letztenmal sehen, um zehn Uhr . . . zum letztenmal!«

»Natascha, du fieberst; gleich wird der Schüttelfrost kommen; schone dich! . . .«

»Was tut's? Ich habe jetzt diese halbe Stunde seit seinem Fortgehen auf dich gewartet, Wanja, und was meinst du, woran ich gedacht habe, welche Frage ich mir vorgelegt habe? Ich habe mich gefragt: habe ich ihn geliebt oder nicht, und von welcher Art ist unsere Liebe gewesen? Es kommt dir wohl lächerlich vor, Wanja, daß ich mir diese Frage erst jetzt vorlege?«

»Rege dich nicht auf, Natascha . . .«

»Siehst du, Wanja, ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß ich ihn nicht wie einen mir Gleichstehenden geliebt habe, so wie gewöhnlich eine Frau einen Mann liebt. Ich habe ihn geliebt wie . . . beinahe wie eine Mutter. Ich meine sogar, daß es überhaupt auf der Welt keine solche Liebe gibt, bei der beide einander wie Gleichgestellte lieben. Wie denkst du darüber?«

Ich betrachtete sie beunruhigt und fürchtete, daß bei ihr ein Nervenfieber im Anzug sei. Es war, als treibe sie ein unwiderstehlicher innerer Drang, als fühle sie ein besonderes Bedürfnis zu reden; manches, was sie sagte, hatte gar keinen Zusammenhang, und sie sprach die Worte manchmal sogar mangelhaft aus. Ich war in großer Besorgnis.

»Er war mein«, fuhr sie fort. »Fast seit der ersten Begegnung mit ihm wurde damals in mir der unwiderstehliche Wunsch rege, daß er mein werden möchte, recht bald mein, und daß er keine andere Frau ansehen, keine andere Frau kennen möchte als mich, mich allein . . . Katja hat vorhin etwas ganz Richtiges gesagt: ich habe ihn wirklich so geliebt, als ob er mir die ganze Zeit über aus irgendwelchem Grund leid täte . . . Ich hatte, wenn ich allein geblieben war, immer den heißen, ja qualvollen Wunsch, daß er im höchsten Grad und lebenslänglich glücklich sein möchte. Ich konnte sein Gesicht (du kennst ja den Ausdruck seines Gesichtes, Wanja), ich konnte sein Gesicht nicht ruhig ansehen: ein solcher Ausdruck ist bei keinem anderen Menschen zu finden, und wenn er lachte, so lief mir ein kaltes Zittern über den Leib . . . Wahrhaftig! . . .«

»Natascha, höre . . .«

»Da sagten die Leute nun«, unterbrach sie mich, »und auch du hast es gesagt, daß er charakterlos sei und . . . und nicht viel mehr Verstand habe als ein Kind. Nun, gerade das habe ich an ihm am allermeisten geliebt . . . solltest du es glauben? Ich weiß übrigens nicht, ob ich eigentlich dies allein an ihm geliebt habe; ich liebte ihn einfach ganz so, wie er war, und wäre er in irgendeiner Hinsicht ein anderer gewesen, charakterfest oder verständiger, so hätte ich ihn vielleicht nicht so stark geliebt. Weißt du, Wanja, ich will dir noch ein Bekenntnis ablegen; erinnerst du dich, ich hatte mit ihm vor drei Monaten einen Streit, als er bei jener . . . wie hieß sie doch? . . . bei dieser Minna gewesen war . . . Ich erfuhr es und verhörte ihn, und solltest du es glauben: es war mir sehr schmerzlich, gleichzeitig aber auch gewissermaßen angenehm . . . ich weiß nicht, warum . . . schon der Gedanke, daß er sich amüsierte . . . oder nein, das war es nicht: daß auch er wie ein Erwachsener mit anderen Erwachsenen zu schönen Frauen fuhr, daß auch er diese Minna besuchte! Ich . . . Welch einen Genuß empfand ich damals bei diesem Streit; und dann ihm zu verzeihen . . . o lieber Freund!«

Sie sah mir ins Gesicht und lachte in einer ganz eigentümlichen Weise. Dann schien sie nachdenklich zu werden, als ob sie alle Erinnerungen noch einmal an ihrer Seele vorüberziehen ließe. Lange saß sie so, mit einem Lächeln auf den Lippen, da und dachte an die Vergangenheit.

»Es war mir die größte Freude, ihm zu verzeihen, Wanja«, fuhr sie fort. »Weißt du was: Wenn er mich dann allein gelassen hatte, ging ich oft im Zimmer auf und ab und grämte mich und weinte; aber ich dachte manchmal: ›Je schuldiger er vor mir dasteht, um so besser . . .‹, ja! Und weißt du: ich hatte immer die Vorstellung, als ob er ein kleiner Junge wäre und ich dasäße und er mir seinen Kopf auf die Knie legte, einschliefe und ich ihm sachte über den Kopf striche und ihn liebkoste . . . So stellte ich ihn mir immer vor, wenn er nicht bei mir war . . . Höre, Wanja«, fügte sie auf einmal hinzu, »was für ein reizendes Wesen ist Katja!«

Es schien mir, als reiße sie selbst absichtlich ihre Wunde auf, als fühle sie eine Art von Bedürfnis danach, ein Bedürfnis, zu leiden und zu verzweifeln . . . Das kommt bei Herzen, die viel verloren haben, so oft vor!

»Katja kann ihn, wie mir scheint, glücklich machen«, fuhr sie fort. »Sie besitzt Charakter und spricht aus fester, innerer Überzeugung und verkehrt mit ihm so ernst und selbstbewußt; immer redet sie von verständigen Dingen wie eine Erwachsene. Und dabei ist sie selbst noch das reine Kind! Ein liebes, liebes Geschöpf! Oh, mögen sie glücklich werden! Das ist mein heißer Wunsch!«

Die Tränen strömten ihr aus den Augen; ein Schluchzen drang aus ihrem Herzen. Eine halbe Stunde lang konnte sie nicht zu sich kommen und sich auch nur einigermaßen beruhigen.

Welch ein lieber Engel war Natascha! Trotz ihres eigenen Leides vermochte sie es noch an diesem selben Abend, auch an meinen Sorgen Anteil zu nehmen; denn als ich sah, daß sie sich ein wenig beruhigt hatte oder, richtiger gesagt, müde geworden war, erzählte ich, um sie zu zerstreuen, ihr von Nelly . . . Wir trennten uns an diesem Abend erst spät; ich wartete, bis sie eingeschlafen war, und bat beim Fortgehen Mawra, die ganze Nacht über nicht von der Seite ihrer kranken Herrin zu weichen.

»Oh«, rief ich auf dem Heimweg aus, »wenn doch diese Qualen recht bald, recht bald ein Ende nehmen möchten! Mag das Ende sein, wie es will, aber nur schnell, nur schnell!«

Am anderen Morgen war ich Punkt neun Uhr schon wieder bei ihr. Gleichzeitig mit mir kam auch Aljoscha, um Abschied zu nehmen. Ich mag an diese Szene nicht zurückdenken und werde sie nicht schildern. Natascha hatte sich offenbar vorgenommen, sich stark und fest zu machen und heiter und gleichmütig zu erscheinen, vermochte es aber nicht durchzuführen. Sie umarmte Aljoscha krampfhaft, mit festem Druck. Sie sprach nur wenig mit ihm, sah ihn aber lange und unverwandt mit dem Blick einer Märtyrerin, ja einer Geisteskranken an. Gierig hörte sie auf jedes Wort von ihm, verstand aber nichts von dem, was er zu ihr sagte. Ich erinnere mich, daß er sie bat, ihm zu verzeihen, ihm diese Liebe zu verzeihen und alles, womit er sie während dieser Zeit gekränkt habe, die Fälle von Untreue, seine Liebe zu Katja, seine Abreise . . . Er sprach in abgerissenen Sätzen; Tränen erstickten seine Stimme. Manchmal versuchte er sie zu trösten, indem er sagte, er reise nur auf einen Monat oder höchstens auf fünf Wochen weg, er werde im Sommer wiederkommen, dann werde ihre Hochzeit sein, und sein Vater werde seine Einwilligung geben; und endlich, was die Hauptsache sei, er werde übermorgen aus Moskau zurückkommen, und dann würden sie noch vier volle Tage zusammen verleben, und somit dauere ihre jetzige Trennung nur einen Tag . . .

Merkwürdig: er selbst war fest davon überzeugt, daß er die Wahrheit sprach und unfehlbar übermorgen aus Moskau zurückkehren werde – aber warum weinte er dann so und verging fast vor Schmerz?

Endlich schlug es elf. Ich konnte ihn nur mit Mühe zum Aufbruch überreden. Der Zug nach Moskau ging Punkt zwölf ab. Es blieb ihm nur noch eine Stunde Zeit. Natascha hat mir selbst nachher gesagt, sie könne sich nicht daran erinnern, wie sie ihn zum letzten Male angesehen habe. Ich erinnere mich, daß sie ihn bekreuzte und küßte und dann, das Gesicht in den Händen verbergend, in das Zimmer zurückstürzte. Ich aber mußte Aljoscha ganz bis zu seiner Equipage bringen; sonst wäre er bestimmt wieder umgekehrt und nie die Treppe hinuntergekommen.

»Meine ganze Hoffnung beruht auf Ihnen«, sagte er zu mir beim Hinuntersteigen. »Mein Freund Wanja! Ich habe mich gegen dich nicht so benommen, wie ich es hätte tun sollen, und bin deiner Liebe niemals wert gewesen; aber sei mir bis zum Ende ein Bruder: liebe sie, verlaß sie nicht, schreib mir alles, möglichst ausführlich und eingehend, schreib möglichst eingehend, damit recht viel darin steht! Übermorgen bin ich wieder hier, bestimmt, ganz bestimmt! Aber dann, wenn ich weg sein werde, dann schreib!«

Ich half ihm beim Einsteigen in den Wagen.

»Auf übermorgen!« rief er mir, schon im Fahren, zu. »Bestimmt!«

Mit stockendem Herzschlag kehrte ich nach oben zu Natascha zurück. Sie stand mit verschränkten Armen mitten im Zimmer und blickte mich ganz fremd an, als ob sie mich nicht erkenne. Ihr Haar hatte sich unordentlich verschoben; ihr Blick war trüb und unstet. Mawra stand ganz fassungslos in der Tür und sah sie voller Angst an.

Auf einmal funkelten Nataschas Augen auf.

»Ah, du bist es! Du!« schrie sie mich an. »Du bist jetzt der einzige, der hiergeblieben ist. Du hast ihn gehaßt! Du hast es ihm nie verzeihen können, daß ich ihn liebte. Jetzt stellst du dich wieder bei mir ein! Was willst du? Bist du gekommen, um mich wieder zu trösten, um mich zu überreden, ich möchte zu meinem Vater gehen, der sich von mir losgesagt und mich verflucht hat? Das wußte ich schon gestern, schon seit zwei Monaten! Aber ich will nicht, ich will nicht! Ich selbst verfluche sie! . . . Geh weg, geh weg, ich mag dich nicht sehen! Weg, weg!«

Ich sah, daß ich eine Rasende vor mir hatte und daß mein Anblick sie in sinnlose Wut versetzte; ich sagte mir, daß es nicht anders hatte kommen können, und hielt es für das beste, hinauszugehen. Ich setzte mich auf die Treppe, auf die oberste Stufe, und wartete. Manchmal stand ich auf, öffnete die Tür, rief Mawra zu mir und befragte sie; Mawra weinte.

So vergingen anderthalb Stunden. Ich kann nicht schildern, welche Qualen ich in dieser Zeit durchmachte. Mein Herz war von grenzenlosem Schmerz zerrissen und wollte fast sterben. Auf einmal öffnete sich die Tür, und Natascha kam auf die Treppe herausgelaufen, in Hut und Mantel. Sie war wie von Sinnen und sagte mir später selbst, daß sie sich kaum daran erinnere und nicht wisse, wohin sie habe laufen wollen und was sie vorgehabt habe.

Ich hatte nicht Zeit gehabt, von meinem Platz aufzuspringen und mich irgendwo vor ihr zu verstecken, als sie mich plötzlich erblickte und überrascht vor mir regungslos stehenblieb. »Es kam mir plötzlich zum Bewußtsein«, erzählte sie mir später, »daß ich Wahnsinnige, ich Grausame dich hatte von mir wegtreiben können, dich, meinen Freund, meinen Bruder, meinen Retter! Und als ich sah, daß du Armer, den ich so gekränkt hatte, auf meiner Treppe saßest und nicht fortgingst und wartetest, bis ich dich wieder rufen würde – o Gott, wenn du wüßtest, Wanja, wie mir da ward! Es war mir, als stieße mir jemand ein Messer ins Herz . . .«

»Wanja, Wanja!« rief sie und streckte mir die Hände entgegen. »Du hier! . . .«

Sie fiel in meine Arme.

Ich fing sie auf und trug sie ins Zimmer. Sie war ohnmächtig. ›Was soll ich tun?‹ dachte ich. ›Sie wird ein Nervenfieber bekommen; das ist sicher!‹

Ich beschloß, zum Arzt zu eilen; wir mußten der Krankheit vorbeugen. Ich konnte schnell hinfahren; bis zwei Uhr war mein alter Deutscher gewöhnlich zu Hause. Ich fuhr zu ihm, nachdem ich Mawra beschworen hatte, keine Minute, keine Sekunde von Nataschas Seite zu weichen und sie nirgends hinzulassen. Gott half mir: wäre ich einen Augenblick später gekommen, so hätte ich meinen Alten nicht mehr angetroffen. Er hatte seine Wohnung bereits verlassen und begegnete mir auf der Straße. Sofort, ehe er noch hatte von seinem Erstaunen zu sich kommen können, nahm ich ihn in meine Droschke, und wir fuhren zu Natascha zurück.

Ja, Gott half mir! In der halben Stunde meiner Abwesenheit hatte sich bei Natascha etwas zugetragen, was ihr hätte den Tod bringen können, wenn ich mit dem Arzt nicht noch rechtzeitig eingetroffen wäre. Nach meinem Weggehen war noch nicht eine Viertelstunde vergangen, als der Fürst ins Zimmer trat. Er hatte die Seinigen soeben zum Bahnhof gebracht und war von dort direkt zu Natascha gefahren. Diesen Besuch hatte er vielleicht schon lange vorher beschlossen und überlegt. Natascha selbst erzählte mir später, daß sie im ersten Augenblick über das Kommen des Fürsten nicht einmal verwundert gewesen sei. »Mein Geist war gestört«, sagte sie.

Er setzte sich ihr gegenüber und sah sie mit freundlichen, teilnahmsvollen Blicken an.

»Meine Liebe«, sagte er seufzend, »ich verstehe Ihren Kummer; ich wußte, wie schwer Ihnen in diesem Augenblick ums Herz sein mußte, und hielt es daher für meine Pflicht, Sie zu besuchen. Trösten Sie sich, wenn Sie es vermögen, wenigstens mit dem Bewußtsein, daß Sie durch Ihren Verzicht auf Aljoscha sein Glück geschaffen haben. Aber Sie wissen das besser als ich, da Sie sich ja zu dieser Handlung der Großmut entschlossen haben . . .‹

»Ich saß da und hörte ihn reden«, erzählte mir Natascha; »aber am Anfang verstand ich ihn wirklich nicht. Ich erinnere mich nur, daß ich ihn starr und unverwandt ansah. Er ergriff meine Hand und drückte sie in der seinigen. Das war ihm anscheinend eine sehr angenehme Empfindung. Ich aber war meines Geistes so wenig mächtig, daß ich gar nicht auf den Gedanken kam, ihm meine Hand zu entreißen.«

»Sie haben eingesehen«, fuhr er fort, »daß Aljoscha, wenn Sie seine Frau geworden wären, möglicherweise in der Folgezeit eine Abneigung gegen Sie empfunden hätte, und haben genug edlen Stolz besessen, um den Entschluß zu fassen . . . aber ich bin ja nicht hergekommen, um Sie zu loben. Ich wollte Ihnen nur versichern, daß Sie nie und nirgends einen besseren Freund finden werden als mich. Ich empfinde Teilnahme für Sie und bedaure Sie. Ich habe wider meinen Willen bei dieser ganzen Angelegenheit mitwirken müssen; aber – ich habe meine Pflicht erfüllt. Ihr schönes Herz wird das verstehen und sich mit dem meinigen aussöhnen. Es war mir schmerzlicher als Ihnen; das können Sie mir glauben.«

»Genug, Fürst!« sagte Natascha. »Lassen Sie mich in Ruhe!«

»Gewiß; ich werde sehr bald wieder gehen«, erwiderte er; »aber ich liebe Sie wie eine Tochter und bitte um die Erlaubnis, Sie besuchen zu dürfen. Sehen Sie mich jetzt für Ihren Vater an, und erlauben Sie mir, Ihnen nützlich zu sein!«

»Ich habe nichts nötig; verlassen Sie mich!« unterbrach ihn Natascha wieder.

»Ich weiß, daß Sie stolz sind . . . Aber ich spreche aufrichtig, von Herzen. Was beabsichtigen Sie jetzt zu tun? Sich mit Ihren Eltern zu versöhnen? Das wäre ja eine sehr gute Handlungsweise; aber Ihr Vater ist ungerecht, stolz und despotisch; verzeihen Sie mir, daß ich das sage; aber es ist so. In Ihrem Elternhaus werden Ihrer jetzt nur Vorwürfe und neue Qualen warten . . . Sie müssen unabhängig bleiben, und es ist meine Pflicht, meine heilige Pflicht, jetzt für Sie zu sorgen und Ihnen beizustehen. Aljoscha hat mich beschworen, Sie nicht zu verlassen und Ihr Freund zu sein. Aber auch außer mir gibt es noch Leute, die Ihnen außerordentlich ergeben sind. Ich meine, Sie werden mir erlauben, Ihnen den Grafen N. vorzustellen. Er besitzt ein vorzügliches Herz und ist ein Verwandter von uns, ja man kann sogar sagen der Wohltäter unserer ganzen Familie; er hat viel für Aljoscha getan. Aljoscha hat ihn sehr verehrt und geliebt. Er ist ein sehr vielvermögender Mann, von großem Einfluß, schon sehr bejahrt, und Sie können ihn als junges Mädchen unbedenklich empfangen. Ich habe ihm bereits von Ihnen gesprochen. Er kann Ihre Verhältnisse ordnen und wird Ihnen, wenn Sie wollen, eine schöne Stelle bei einer seiner Verwandten verschaffen. Ich habe ihm schon vor längerer Zeit unsere ganze Angelegenheit offen und unverhohlen vorgetragen, und in der Güte und dem Edelmut seines Herzens bittet er mich jetzt selbst, ich möchte ihn Ihnen möglichst bald vorstellen. Er ist ein Mann, der für alles Schöne Sympathie empfindet, glauben Sie mir das, ein freigebiger, achtungswerter alter Herr, der das Verdienst zu schätzen weiß und sich sogar erst kürzlich gegen Ihren Vater bei einem gewissen Vorfall in der hochherzigsten Weise benommen hat.«

Natascha richtete sich, tief beleidigt, auf. Jetzt hatte sie ihn endlich verstanden.

»Verlassen Sie mich, verlassen Sie mich augenblicklich!« rief sie.

»Aber, liebe Freundin, Sie vergessen, daß der Graf auch Ihrem Vater nützlich sein kann . . .«

»Mein Vater wird nichts von ihm annehmen. Verlassen Sie mich!« rief Natascha noch einmal.

»O mein Gott, wie hitzig und mißtrauisch Sie sind! Womit habe ich das verdient?« sagte der Fürst und blickte mit einiger Unruhe um sich. »Aber jedenfalls werden Sie mir erlauben«, fuhr er fort, indem er ein ziemlich großes Päckchen aus der Tasche zog, »Ihnen diesen Beweis meiner Teilnahme für Sie hierzulassen, und namentlich auch der Teilnahme des Grafen N., der mich mit seinem Rat dazu angeregt hat. Hier in diesem Päckchen befinden sich zehntausend Rubel. Warten Sie, meine Freundin«, fügte er schnell hinzu, als er sah, daß sich Natascha zornig von ihrem Platz erhob, »hören Sie geduldig zu Ende: Sie wissen, daß Ihr Vater seinen Prozeß gegen mich verloren hat, und diese zehntausend Rubel sind eine Entschädigung, die . . .«

»Weg!« rief Natascha; »weg mit diesem Geld! Ich durchschaue Sie vollständig . . . Sie gemeiner, gemeiner, gemeiner Mensch!«

Blaß vor Wut erhob sich der Fürst vom Stuhl.

Wahrscheinlich war er in der Absicht gekommen, das Terrain zu sondieren, die derzeitige Lage kennenzulernen, und hatte wahrscheinlich fest darauf gerechnet, daß diese zehntausend Rubel auf die bettelarme, von allen verlassene Natascha ihre Wirkung nicht verfehlen würden. Gemein und roh, wie er war, hatte er dem wollüstigen alten Grafen N. schon zu wiederholten Malen in derartigen Angelegenheiten Dienste geleistet. Aber er haßte Natascha, und da er merkte, daß die Sache nicht nach Wunsch ging, änderte er sogleich seinen Ton und beeilte sich mit boshafter Freude, sie zu beleidigen, um wenigstens nicht ungerächt wegzugehen.

»Das ist nicht hübsch von Ihnen, meine Liebe, daß Sie so heftig werden«, sagte er, und seine Stimme zitterte ein wenig in der ungeduldigen Vorfreude auf die Wirkung seiner Beleidigung; »das ist nicht hübsch von Ihnen. Man bietet Ihnen Protektion an, und Sie heben stolz das Näschen in die Höhe. Sie wissen wohl nicht, daß Sie allen Anlaß haben, mir dankbar zu sein; denn als Vater eines von Ihnen verführten und ausgebeuteten jungen Mannes hätte ich schon längst Ihre Überführung ins Arbeitshaus veranlassen können. Aber ich habe es nicht getan . . . hehehe!«

Aber in diesem Augenblick hatten der Arzt und ich die Wohnung bereits betreten. Schon in der Küche vernahm ich Stimmen, hielt den Arzt einen Augenblick zurück und hörte den letzten Satz des Fürsten mit an. Darauf erscholl sein widerliches Gelächter und ein verzweifelter Aufschrei Nataschas: »O mein Gott!« Schnell öffnete ich die Tür und stürzte mich auf den Fürsten.

Ich spie ihm ins Gesicht und schlug ihn aus voller Kraft auf die Backe. Er wollte sich auf mich werfen; aber als er sah, daß wir unser zwei waren, ergriff er die Flucht, nachdem er vorher noch sein auf dem Tisch liegendes Geldpäckchen an sich gerafft hatte. Ja, das tat er; ich sah es mit eigenen Augen. Ich warf ihm noch das Mangelholz nach, das ich in der Küche auf dem Tisch zu fassen bekam . . . Als ich wieder ins Zimmer kam, sah ich, daß der Arzt Natascha festhielt, die um sich schlug und sich aus seinen Händen losreißen wollte, wie wenn sie einen Krampfanfall hätte. Lange Zeit vermochten wir sie nicht zu beruhigen; endlich gelang es uns, sie zu Bett zu bringen; sie war irre wie bei einem hitzigen Fieber.

»Was ist mit ihr, Doktor?« fragte ich, halbtot vor Angst.

»Geduld!« antwortete er; »wir müssen uns die Krankheit erst näher ansehen; dann erst können wir uns eine Meinung darüber bilden . . . aber im allgemeinen läßt sich sagen, daß die Sache recht übel aussieht. Es kann sich sogar ein Nervenfieber daraus entwickeln . . . Übrigens werden wir unsere Maßnahmen ergreifen . . .«

Aber in meinem Kopf war bereits ein anderer Gedanke aufgeblitzt. Ich bat den Arzt, noch zwei oder drei Stunden bei Natascha zu bleiben, und ließ mir von ihm versprechen, daß er sich auch nicht für eine Minute von ihr entfernen werde. Er gab mir sein Wort, und ich lief nach Hause.

Nelly saß finster und aufgeregt in einer Ecke und sah mich seltsam an. Gewiß bot ich selbst einen seltsamen Anblick.

Ich faßte sie bei den Händen, setzte mich auf das Sofa, nahm sie auf meinen Schoß und küßte sie herzlich. Sie wurde dunkelrot.

»Nelly, mein Engel!« sagte ich; »willst du unsere Retterin sein? Willst du uns alle retten?«

Sie sah mich erstaunt an.

»Nelly, unsere ganze Hoffnung beruht jetzt auf dir! Da ist ein Vater: du hast ihn gesehen und kennst ihn; er hat seine Tochter verflucht und ist gestern hergekommen mit der Bitte, du möchtest anstelle der Tochter zu ihm ziehen. Jetzt ist Natascha (und du hast gesagt, daß du sie liebst) von demjenigen verlassen worden, den sie liebte und um dessentwillen sie von ihrem Vater weggegangen war. Er ist der Sohn jenes Fürsten, der, wie du dich erinnern wirst, eines Abends zu mir kam und zunächst dich allein vorfand; und du liefst von ihm weg und wurdest nachher krank . . . Du kennst ihn doch? Er ist ein schlechter Mensch!«

»Ja, ich kenne ihn«, antwortete Nelly, die zusammengezuckt und blaß geworden war.

»Ja, er ist ein schlechter Mensch. Er haßt Natascha dafür, daß sein Sohn Aljoscha sie heiraten wollte. Heute ist Aljoscha abgereist, und eine Stunde darauf war sein Vater schon bei ihr und beleidigte sie und drohte ihr, sie ins Arbeitshaus bringen zu lassen, und verhöhnte sie. Verstehst du mich, Nelly?«

Ihre schwarzen Augen funkelten; aber sie schlug sie sofort zu Boden.

»Ja«, flüsterte sie kaum hörbar.

»Jetzt ist Natascha allein und krank; ich habe unseren Arzt bei ihr gelassen und bin selbst zu dir gelaufen. Höre, Nelly: wir wollen zu Nataschas Vater gehen; du kannst ihn nicht leiden, du wolltest nicht zu ihm ziehen; aber jetzt wollen wir beide zusammen zu ihm hingehen. Wenn wir eintreten, werde ich sagen, daß du jetzt bereit seist, anstelle der Tochter, anstelle Nataschas, bei ihnen zu leben. Der alte Mann ist jetzt krank, weil er Natascha verflucht hat und weil er von Aljoschas Vater erneut tödlich beleidigt worden ist. Er will jetzt von seiner Tochter überhaupt nichts hören; aber er liebt sie, er liebt sie, Nelly, und möchte sich mit ihr versöhnen; ich weiß das, ich weiß das alles! Es ist so! . . . Hörst du auch, Nelly?«

»Ich höre«, antwortete sie, wieder nur flüsternd.

Während ich zu ihr sprach, strömten mir die Tränen aus den Augen. Sie sah mich schüchtern an.

»Glaubst du es auch?« fragte ich.

»Ja, ich glaube es.«

»Nun, dann werde ich mit dir hinfahren. Sie werden dich freundlich aufnehmen und nach allem befragen. Dann werde ich selbst das Gespräch so lenken, daß sie dich nach deinem früheren Leben fragen: nach deiner Mutter und nach deinem Großvater. Erzähle ihnen alles so, wie du es mir erzählt hast, Nelly! Erzähle ihnen alles, alles, ganz schlicht und ohne etwas zu verbergen! Erzähle ihnen, wie der böse Mensch deine Mutter verlassen hat, wie sie im Kellergeschoß bei der Bubnowa dahingesiecht ist; wie ihr, deine Mutter und du, auf den Straßen umhergegangen seid und gebettelt habt; was sie dir auf ihrem Sterbebett gesagt und um was sie dich gebeten hat. Erzähle dabei auch von deinem Großvater! Erzähle, wie er deiner Mutter nicht verzeihen wollte und wie sie dich in ihrer Todesstunde zu ihm schickte, damit er zu ihr käme und ihr verziehe, und wie er es nicht wollte und wie sie starb. Erzähle alles, alles! Und wenn du das alles erzählst, dann wird der alte Mann das im tiefsten Herzen empfinden. Er weiß ja, daß Aljoscha die arme Natascha heute im Stich gelassen hat und daß sie erniedrigt und beschimpft zurückgeblieben ist, einsam, ohne Schutz und Hilfe, den Schmähungen ihres Feindes preisgegeben. Er weiß das alles . . . Nelly! Rette Natascha! Willst du mit mir hinfahren?«

»Ja«, antwortete sie; sie atmete schwer und sah mich mit einem seltsamen Blick starr und lange an; es lag in diesem Blick eine Art von Vorwurf, und ich fühlte das in meinem Herzen.

Aber ich konnte von meinem Gedanken nicht ablassen. Ich glaubte zu fest an seinen Erfolg. Ich nahm Nelly bei der Hand, und wir gingen hinaus. Es war schon bald drei Uhr nachmittags. Eine dunkle Wolke rückte heran. In der ganzen letzten Zeit war das Wetter heiß und stickig gewesen; aber jetzt ließ sich irgendwo in der Ferne der Donner des ersten Frühlingsgewitters vernehmen. Der Wind fuhr durch die staubigen Straßen.

Wir setzten uns in eine Droschke. Während der ganzen Fahrt schwieg Nelly und sah mich nur von Zeit zu Zeit mit demselben seltsamen, rätselhaften Blick an. Ihre Brust ging heftig auf und nieder, und da ich sie in der Droschke um den Leib faßte, um sie festzuhalten, so fühlte ich, wie ihr kleines Herzchen unter meiner Hand so stark schlug, als ob es hinausspringen wollte.

Siebentes Kapitel

Der Weg erschien mir endlos. Schließlich aber kamen wir doch ans Ziel, und ich trat bei den alten Leuten mit bangem Herzen ein. Ich wußte nicht, wie ich aus ihrem Haus herauskommen würde; aber ich wußte, daß ich alles, was nur irgend in meinen Kräften stand, tun mußte, um Verzeihung und Versöhnung herbeizuführen.

Es war schon drei Uhr durch. Die alten Leute saßen wie gewöhnlich allein. Nikolai Sergejewitsch war sehr niedergeschlagen und krank; er saß, in halb liegender Stellung ausgestreckt, in seinem bequemen Lehnstuhl, blaß und kraftlos, den Kopf mit einem Tuch umbunden. Anna Andrejewna saß neben ihm, befeuchtete ihm von Zeit zu Zeit die Schläfen mit Essig und sah ihm fortwährend mit einem forschenden, schmerzlichen Blick ins Gesicht, was den Alten anscheinend sehr beunruhigte und sogar ärgerte. Er schwieg hartnäckig, und sie wagte nicht, ihn anzureden. Unser plötzliches Kommen überraschte sie beide. Anna Andrejewna bekam einen ordentlichen Schreck, als sie mich und Nelly erblickte, und sah uns im ersten Augenblick so an, als ob sie sich plötzlich irgendwelcher Schuld bewußt würde.

»Da bringe ich Ihnen meine Nelly«, sagte ich beim Eintritt. »Sie hat es sich überlegt und wünscht jetzt selbst, zu Ihnen zu ziehen. Nehmen Sie sie freundlich auf und haben Sie sie lieb! . . .«

Der Alte sah mich mißtrauisch an, und schon seinem Blick konnte ich entnehmen, daß ihm alles bekannt war, nämlich daß Natascha jetzt bereits allein, einsam und verlassen und vielleicht sogar schon Beleidigungen ausgesetzt sei. Es lag ihm sehr daran, den wahren Grund unseres Kommens zu durchschauen, und er sah mich und Nelly fragend an. Nelly zitterte und drückte meine Hand fest mit der ihrigen, schaute zur Erde und warf nur ab und zu wie ein gefangenes Tier einen ängstlichen Blick um sich. Aber Anna Andrejewna sammelte sich bald und erriet den Zusammenhang: sie eilte lebhaft auf Nelly zu, küßte und liebkoste sie, begann sogar zu weinen, wies ihr mit großer Zärtlichkeit einen Platz neben sich an und ließ Nellys Hand nicht aus der ihrigen. Nelly sah sie neugierig und mit einer gewissen Verwunderung von der Seite an.

Aber nachdem die alte Frau Nelly gestreichelt und neben sich gesetzt hatte, wußte sie nicht, was sie nun weiter tun solle, und sah mich mit naiver Erwartung an. Der Alte machte ein finsteres Gesicht und mochte beinah erraten, zu welchem Zweck ich Nelly hergebracht hatte. Als er sah, daß ich seine unzufriedene Miene und seine gerunzelte Stirn bemerkte, führte er seine Hand an den Kopf und sagte kurz zu mir:

»Ich habe Kopfschmerzen, Wanja.«

Wir saßen immer noch da und schwiegen; ich überlegte, wie ich die Sache nun anfangen sollte. Im Zimmer war es dunkel; die schwarze Gewitterwolke rückte höher herauf, und es war von neuem ein fernes Donnerrollen zu hören.

»Für ein Gewitter ist es noch recht früh in diesem Jahr«, sagte der Alte. »Aber ich erinnere mich, im Jahre siebenunddreißig war in unserer Gegend noch früher ein Gewitter.«

Anna Andrejewna seufzte.

»Soll ich nicht den Samowar aufstellen?« fragte sie schüchtern; aber niemand antwortete ihr, und so wandte sie sich wieder an Nelly. »Wie heißt du denn, liebes Kind?« fragte sie sie.

Nelly nannte mit leiser Stimme ihren Namen und ließ den Kopf noch tiefer herabsinken. Der Alte blickte sie unverwandt an.

»Das heißt Jelena, nicht wahr?« fuhr die alte Frau, lebhafter werdend, fort.

»Ja«, antwortete Nelly.

Und wieder folgte ein minuntenlanges Schweigen.

»Deine Schwester Praskowja Andrejewna hatte auch eine Tochter, die Jelena hieß und Nelly genannt wurde«, sagte Nikolai Sergejewitsch. »Ich erinnere mich.«

»Und nun hast du, liebes Kind, gar keine Angehörigen mehr, weder Vater noch Mutter?« fragte Anna Andrejewna wieder.

»Nein«, flüsterte Nelly kurz und ängstlich.

»Ich habe es gehört, ich habe es gehört. Ist denn deine liebe Mutter schon lange tot?«

»Nein, noch nicht lange.«

»Du mein liebes Kind, du arme Waise!« fuhr die Alte fort und blickte sie voll Mitleid an.

Nikolai Sergejewitsch trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch.

»Deine liebe Mutter war eine Ausländerin, nicht wahr? So erzähltest du ja wohl, Iwan Petrowitsch?« setzte die alte Frau ihre schüchternen Fragen fort.

Nelly ließ ihre schwarzen Augen eilig zu mir hinlaufen, wie wenn sie mich um Hilfe anriefe. Sie atmete ungleichmäßig und mühsam.

»Ihre Mutter, Anna Andrejewna«, begann ich, »war die Tochter eines Engländers und einer Russin, so daß sie eher eine Russin genannt werden muß; Nelly aber ist im Ausland geboren.«

»Wie ist denn das gekommen, daß ihre Mutter mit ihrem Mann ins Ausland gefahren ist?«

Nelly wurde auf einmal dunkelrot. Die alte Frau merkte sofort, daß sie mit dieser Frage einen Fehler gemacht hatte, und zuckte unter dem zornigen Blick ihres Mannes zusammen. Er sah sie streng an und wandte sich dann von ihr ab zum Fenster.

»Ihre Mutter ist von einem schlechten, gemeinen Menschen betrogen worden«, sagte er, indem er sich plötzlich wieder zu Anna Andrejewna hinwandte. »Sie fuhr mit ihm von ihrem Vater weg und übergab das Geld ihres Vaters ihrem Liebhaber, der es von ihr durch Betrug herausgelockt hatte; dieser brachte sie ins Ausland, bestahl sie und ließ sie im Stich. Ein guter Mensch nahm sich ihrer an und half ihr bis zu seinem Tod. Als er gestorben war, kehrte sie vor zwei Jahren zu ihrem Vater zurück. So hast du ja wohl erzählt, Wanja?« fragte er kurz.

Nelly stand in größter Aufregung von ihrem Platz auf und wollte zur Tür gehen.

»Komm her, Nelly!« sagte der alte Mann und streckte ihr endlich die Hand entgegen. »Setz dich hierher, setz dich neben mich; hierher; setz dich!«

Er beugte sich zu ihr, küßte sie auf die Stirn und streichelte ihr leise den Kopf. Nelly zitterte am ganzen Leib; aber sie beherrschte sich. Anna Andrejewna sah mit Rührung und freudiger Hoffnung, daß ihr Nikolai Sergejewitsch endlich die Waise liebkoste.

»Ich weiß, Nelly, daß ein schlechter, sittenloser Mensch deine Mutter zugrunde gerichtet hat; aber ich weiß auch, daß sie ihren Vater liebte und achtete«, sagte der alte Mann in starker Erregung und fuhr fort, Nellys Kopf zu streicheln; er hatte es sich nicht versagen können, uns in diesem Augenblick diese Herausforderung entgegenzuschleudern.

Eine leichte Röte überzog seine blassen Wangen; aber er bemühte sich, uns nicht anzusehen.

»Mama liebte den Großvater mehr, als der Großvater sie liebte«, sagte Nelly schüchtern, aber in festem Ton, ebenfalls bemüht, niemanden anzublicken.

»Woher weißt du denn das?« fragte der Alte scharf; er konnte sich wie ein Kind nicht beherrschen und schien sich selbst seiner Aufwallung sogleich zu schämen.

»Ich weiß es«, erwiderte Nelly kurz. »Er nahm Mama nicht auf und . . . trieb sie von sich . . .«

Ich sah, daß Nikolai Sergejewitsch sich anschickte, etwas zu sagen, zu erwidern, vielleicht zu sagen, daß der Alte seine Tochter verdientermaßen nicht aufgenommen habe; aber er sah uns an und schwieg.

»Wo habt ihr denn dann gewohnt, wenn euch der Großvater nicht aufnahm?« fragte Anna Andrejewna, in der auf einmal der eigensinnige Wunsch erwachte, gerade bei diesem Thema zu verbleiben.

»Als wir angekommen waren, suchten wir den Großvater lange«, antwortete Nelly, »aber wir konnten ihn gar nicht finden. Mama sagte mir damals, daß der Großvater früher sehr reich gewesen sei und eine Fabrik habe anlegen wollen, daß er aber nun sehr arm sei, weil der, mit dem Mama weggefahren sei, ihr das ganze Geld des Großvaters weggenommen und nicht wiedergegeben habe. Das hat sie mir selbst gesagt.«

»Hm!« sagte der Alte zur Erwiderung.

»Und sie sagte mir noch«, fuhr Nelly fort, die immer lebhafter wurde und in Wirklichkeit Nikolai Sergejewitschs Zweifel widerlegen wollte, sich aber äußerlich an Anna Andrejewna wandte, »sie sagte mir, der Großvater sei auf sie sehr zornig, und sie selbst habe sich gegen ihn sehr schwer vergangen, und sie habe jetzt auf der ganzen Welt niemanden als den Großvater. Und wenn sie mir das sagte, weinte sie immer . . . ›Er wird mir nicht verzeihen‹, sagte sie, schon als wir hierherfuhren; ›aber wenn er dich sieht, wird er dich vielleicht liebgewinnen und um deinetwillen auch mir verzeihen.‹ Mama liebte mich sehr, und wenn sie so redete, küßte sie mich immer; aber zum Großvater zu gehen, davor fürchtete sie sich sehr. Sie lehrte mich auch für den Großvater beten und betete selbst für ihn und erzählte mir noch vieles, wie sie früher mit dem Großvater gelebt habe, und wie der Großvater sie sehr liebgehabt habe, lieber als alles andere auf der Welt. Sie habe ihm abends etwas auf dem Klavier vorgespielt und ihm Bücher vorgelesen, und der Großvater habe sie geküßt und ihr viele Sachen geschenkt . . . alles mögliche habe er ihr geschenkt, und einmal hätten sie sich deswegen sogar erzürnt, an Mamas Namenstag. Der Großvater habe nämlich gedacht, Mama wisse noch nicht, was er ihr schenken werde; Mama habe es aber schon längst gewußt. Mama habe gern ein Paar Ohrringe haben wollen, und der Großvater habe sie immer absichtlich zu täuschen gesucht und gesagt, er werde ihr keine Ohrringe schenken, sondern eine Brosche. Und als er nun die Ohrringe gebracht und gesehen habe, daß Mama es schon wußte, daß es Ohrringe sein würden und nicht eine Brosche, da habe er sich sehr darüber geärgert, daß Mama es vorher gewußt habe, und habe einen halben Tag lang nicht mit ihr gesprochen; aber dann sei er von selbst gekommen und habe sie geküßt und um Verzeihung gebeten . . .« Nelly erzählte sehr eifrig, und es spielte sogar eine leichte Röte auf ihren blassen, kranken Wangen.

Offenbar hatte ihre Mama oftmals mit ihrer kleinen Nelly von ihren früheren glücklichen Tagen gesprochen, wenn sie im Kellergeschoß in ihrem Verschlag saß und ihr Töchterchen (den einzigen Trost, der ihr im Leben geblieben war) umarmte und küßte und, sich über sie beugend, weinte. Und sie hatte dabei nicht geahnt, wie stark diese ihre Erzählungen auf das krankhaft empfindliche, früh entwickelte Gemüt des kranken Kindes wirkten.

Aber Nelly, die sich von ihrer Erzählung hatte hinreißen lassen, kam auf einmal zur Besinnung, blickte mißtrauisch im Kreise herum und verstummte. Der Alte runzelte die Stirn und trommelte von neuem auf dem Tisch; in Anna Andrejewnas Augen schimmerten ein paar Tränen, die sie schweigend mit dem Taschentuch wegwischte.

»Mama kam hier sehr krank an«, fügte Nelly leise hinzu. »Sie hatte heftige Brustschmerzen. Wir suchten den Großvater lange und konnten ihn nicht finden; wir selbst wohnten im Kellergeschoß, in einem Verschlag.«

»Eine Kranke in einem Verschlag im Kellergeschoß!« rief Anna Andrejewna.

»Ja . . . in einem Verschlag . . .« antwortete Nelly.

»Mama war arm. Mama sagte mir«, fügte sie, lebhafter werdend, hinzu, »es sei keine Sünde, arm zu sein; eine Sünde sei es, reich zu sein und anderen Unrecht zu tun . . . Sie sei von Gott gestraft worden.«

»Ihr wohntet wohl auf der Wassili-Insel? Das war wohl bei der Bubnowa, nicht wahr?« fragte der Alte, sich an mich wendend, und suchte einen gewissen lässigen Ton in seine Frage zu legen. Er fragte, als sei es ihm peinlich, so stumm dazusitzen.

»Nein, nicht dort; zuerst wohnten wir in der Mjeschtschanskaja«, erwiderte Nelly. »Da war es sehr dunkel und feucht«, fuhr sie nach kurzem Stillschweigen fort, »und Mama wurde sehr krank; aber sie konnte damals noch gehen. Ich wusch ihr die Wäsche; sie aber weinte viel. Da wohnten auch eine alte Kapitänswitwe und ein pensionierter Beamter; der kam immer betrunken nach Hause, und jede Nacht machte er Geschrei und Lärm. Ich fürchtete mich sehr vor ihm. Mama nahm mich zu sich ins Bett und umarmte mich und zitterte manchmal selbst am ganzen Leib, wenn der Beamte schrie und schimpfte. Einmal wollte er die Kapitänswitwe prügeln; die war aber eine ganz alte Frau und ging am Stock. Meiner Mama tat sie leid, und sie trat für sie ein; da schlug der Beamte auch Mama und ich den Beamten . . .«

Nelly hielt inne. Die Erinnerung regte sie heftig auf; ihre Augen funkelten.

»Herr du mein Gott!« rief Anna Andrejewna; sie fühlte sich von der Erzählung im höchsten Grad gefesselt und ließ kein Auge von Nelly, die sich hauptsächlich an sie wandte.

»Damals ging Mama aus«, fuhr Nelly fort, »und nahm mich mit. Das war am Tag. Wir gingen immer auf den Straßen umher bis zum Abend, und Mama weinte und ging immer weiter und führte mich an der Hand. Ich war sehr müde; auch hatten wir den ganzen Tag über nichts gegessen. Mama aber redete mit sich selbst, und zu mir sagte sie immer: ›Bleibe arm, Nelly, und wenn ich sterbe, so höre auf niemanden und auf nichts. Geh zu keinem Menschen; bleib allein und arm und arbeite, und wenn du keine Arbeit hast, dann bitte um Almosen, aber zu ihnen gehe nicht!‹ Als es schon ganz dämmrig war, überschritten wir eine große Straße; auf einmal rief Mama: ›Asorka, Asorka!‹, und ein großer Hund, ohne Haare, kam zu Mama gelaufen und winselte und stürzte auf sie zu; Mama aber erschrak heftig, wurde blaß, schrie auf und warf sich vor einem hochgewachsenen alten Mann auf die Knie, der an einem Stock ging und zur Erde blickte. Und dieser hochgewachsene alte Mann war der Großvater, und er war so hager und hatte so schlechte Kleider an. Da sah ich den Großvater zum erstenmal. Der Großvater war ebenfalls sehr erschrocken und war ganz blaß geworden, und als er sah, daß Mama ihm zu Füßen lag und seine Knie umfaßte, da riß er sich los und stieß Mama von sich und stampfte mit dem Stock auf die Steine und ging schnell von uns weg. Asorka blieb noch bei uns und heulte immer und leckte Mama; dann lief er zum Großvater hin, faßte ihn am Rockschoß und wollte ihn zurückziehen; aber der Großvater schlug ihn mit dem Stock. Asorka wollte wieder zu uns laufen; aber der Großvater rief ihn; da lief er dem Großvater nach und heulte immer. Mama aber lag da wie tot; um uns herum sammelten sich Leute; auch die Polizei kam. Ich schrie immer und suchte Mama aufzuheben. Endlich stand sie auf, blickte um sich und folgte mir. Ich führte sie nach Hause. Die Leute sahen uns noch lange nach und schüttelten alle die Köpfe . . .«

Nelly hielt inne, um Atem zu schöpfen und Kraft zu sammeln. Sie war sehr blaß; aber in ihrem Blick funkelte eine feste Entschlossenheit. Es war deutlich, daß sie entschlossen war, nun auch alles, alles zu sagen. Sie hatte in diesem Augenblick sogar etwas Herausforderndes an sich.

»Nun ja«, bemerkte Nikolai Sergejewitsch mit unsicherer Stimme und in gereiztem, scharfem Ton; »nun ja, deine Mutter hatte ihren Vater schwer gekränkt, und er hatte sie verdientermaßen verstoßen . . .«

»Das hat Mama zu mir auch gesagt«, fiel Nelly ebenfalls in scharfem Ton ein; »und als wir damals nach Hause gingen, sagte sie immer: ›Das ist dein Großvater, Nelly; ich habe mich gegen ihn schwer vergangen, und er hat mich verflucht; dafür bestraft mich Gott jetzt.‹ Und jenen ganzen Abend und die ganzen folgenden Tage sagte sie immer dasselbe. Aber sie redete, als ob sie von sich selbst nichts wüßte . . .«

Der Alte schwieg.

»Und wie seid ihr denn dann in die andere Wohnung gekommen?« fragte Anna Andrejewna, die immer noch leise weinte.

»Mama wurde noch in derselben Nacht recht krank, und die Kapitänswitwe fand die Wohnung bei der Bubnowa, und am dritten Tag zogen wir um und die Kapitänswitwe mit uns; und nach dem Umzug wurde Mama ganz bettlägerig und lag drei Wochen lang krank, und ich pflegte sie. Das Geld war uns völlig ausgegangen; die Kapitänswitwe und Iwan Alexandrowitsch halfen uns.«

»Das ist der Sargtischler, bei dem sie wohnten«, fügte ich zur Erklärung hinzu.

»Als aber Mama wieder vom Bett aufstand und zu gehen anfing, da erzählte sie mir auch von Asorka.«

Nelly hielt inne. Der Alte schien sich darüber zu freuen, daß das Gespräch auf Asorka überging.

»Was hat sie dir denn von Asorka erzählt«, fragte er. Er beugte sich in seinem Lehnstuhl weiter nach vorn, als ob er sein Gesicht noch mehr verbergen und uns nur von unten sehen wolle.

»Sie redete immer zu mir vom Großvater«, antwortete Nelly; »in ihrer Krankheit sprach sie dauernd von ihm, und auch wenn sie irreredete, war er der Gegenstand. Als sie nun in der Genesung war, da erzählte sie mir, wie sie früher gelebt hatte . . . und da erzählte sie auch von Asorka. Es hatten nämlich einmal am Fluß vor der Stadt Jungen diesen Asorka an einem Strick hinter sich hergeschleppt, um ihn zu ertränken, und Mama hatte ihnen Geld gegeben und ihnen Asorka abgekauft. Als der Großvater Asorka erblickt hatte, hatte er furchtbar über ihn gelacht. Aber Asorka war wieder entlaufen. Mama hatte angefangen zu weinen; der Großvater war darüber ganz erschrocken gewesen und hatte gesagt, er wolle demjenigen, der Asorka wiederbringe, hundert Rubel geben. Am dritten Tag wurde er wiedergebracht; der Großvater bezahlte die hundert Rubel und gewann seitdem Asorka lieb. Mama aber liebte ihn so, daß sie ihn sogar mit in ihr Bett nahm. Sie erzählte mir, Asorka sei früher mit Komödianten auf den Straßen herumgezogen und habe verstanden aufzuwarten und einem Affen als Reittier zu dienen und mit einem Gewehr zu exerzieren und sonst noch vieles. Und als Mama von dem Großvater wegging, da behielt er Asorka bei sich und ging immer mit ihm, so daß Mama, als sie damals auf der Straße Asorka erblickte, auch sogleich wußte, daß der Großvater da sein müsse . . .«

Der Alte hatte offenbar etwas anderes über Asorka zu hören erwartet und machte ein immer finstereres Gesicht. Er stellte von nun an keine Fragen mehr.

»Und seitdem habt ihr also den Großvater nicht mehr zu sehen bekommen?« fragte Anna Andrejewna.

»Doch; als Mama in der Genesung war, da traf ich den Großvater wieder. Ich ging zum Bäcker, um Brot zu holen: auf einmal sah ich einen Mann mit Asorka; ich sah näher hin und erkannte den Großvater. Ich trat zur Seite und drückte mich an ein Haus. Der Großvater blickte mich an, betrachtete mich lange und sah so schrecklich aus, daß ich große Angst vor ihm hatte; dann ging er vorbei; Asorka aber erinnerte sich meiner und begann, neben mir umherzuspringen und mir die Hände zu lecken. Ich lief, so schnell ich nur konnte, nach Hause; dabei blickte ich mich noch einmal um und sah, daß der Großvater in den Bäckerladen ging. Da dachte ich: gewiß erkundigt er sich nach mir, und ich bekam noch mehr Angst, und als ich nach Hause kam, sagte ich Mama nichts davon, damit Mama nicht wieder krank würde. Ich selbst aber ging am anderen Tag nicht zum Bäcker, sondern sagte, ich hätte Kopfschmerzen; und als ich am darauffolgenden Tag hinging, da begegnete ich niemandem und fürchtete mich schrecklich, so daß ich den ganzen Weg lief. Und wieder einen Tag später ging ich hin, und sowie ich um die Ecke herumkam, stand da der Großvater mit Asorka vor mir. Ich lief weg, bog in eine andere Straße ein und näherte mich dem Bäckerladen von der anderen Seite: da stieß ich plötzlich wieder gerade auf den Großvater und bekam einen solchen Schreck, daß ich auf dem Fleck stehenblieb und nicht weitergehen konnte. Der Großvater stellte sich vor mich hin und sah mich wieder lange an, und dann streichelte er mir den Kopf, nahm mich bei der Hand und führte mich, und Asorka folgte uns und wedelte mit dem Schwanz. Da sah ich erst, daß der Großvater gar nicht mehr gerade gehen konnte und sich immer auf den Stock stützte und daß ihm die Hände fortwährend zitterten. Er führte mich zu einem Straßenhändler, der an der Ecke saß und Pfefferkuchen und Äpfel feilhielt. Der Großvater kaufte einen Hahn und einen Fisch von Pfefferkuchen und ein Stück Zuckerwerk und einen Apfel, und als er das Geld aus dem Lederbeutelchen nahm, da zitterten seine Hände sehr, und es fiel ihm ein Fünfkopekenstück hin, und ich hob es ihm auf. Er schenkte mir dieses Fünfkopekenstück und gab mir den Pfefferkuchen und das andere, und streichelte mir den Kopf; aber er sagte wieder nichts, sondern ging von mir weg nach Hause.

Als ich dann zu Mama kam, erzählte ich ihr alles von dem Großvater und wie ich zuerst vor ihm Angst gehabt und mich vor ihm versteckt hatte. Mama glaubte mir zuerst nicht; aber dann freute sie sich so, daß sie mich den ganzen Abend über ausfragte, mich küßte und weinte; und als ich ihr alles erzählt hatte, da befahl sie mir im voraus, ich solle mich nie vor dem Großvater fürchten; der Großvater habe mich offenbar lieb, wenn er so absichtlich komme, um mich zu sehen. Und sie hieß mich freundlich gegen den Großvater sein und mit ihm sprechen. Und am nächsten Tag schickte sie mich am Vormittag mehrmals aus, obgleich ich ihr sagte, daß der Großvater immer erst gegen Abend komme. Sie selbst aber folgte mir in einiger Entfernung und versteckte sich hinter einer Ecke, und am anderen Tag ebenso; aber der Großvater kam nicht. Aber an diesen Tagen regnete es, und Mama erkältete sich sehr, weil sie immer mit mir auf die Straße gegangen war, und sie mußte sich wieder hinlegen.

Der Großvater aber kam erst nach einer Woche wieder und kaufte mir wieder einen Fisch und einen Apfel und sagte wieder kein Wort. Aber als er von mir fortgegangen war, ging ich ihm heimlich nach, denn das hatte ich mir im voraus so ausgedacht, um zu erfahren, wo er wohnte, und es Mama zu sagen. Ich ging in ziemlicher Entfernung auf der anderen Seite der Straße, so daß der Großvater mich nicht sah. Er wohnte aber sehr weit, nicht dort, wo er nachher gewohnt hat und gestorben ist, sondern in der Gorochowaja, ebenfalls in einem großen Haus, im vierten Stock. Ich brachte alles in Erfahrung und kehrte erst spät nach Hause zurück. Mama war in großer Angst, weil sie nicht gewußt hatte, wo ich war. Als ich ihr aber alles erzählte, da freute Mama sich wieder sehr und wollte sogleich zum Großvater gehen, gleich am nächsten Tag; aber am nächsten Tag kamen ihr Angst und Bedenken, und sie fürchtete sich ganze drei Tage lang und ging nicht hin. Aber dann rief sie mich zu sich und sagte: ›Höre, Nelly, ich bin jetzt krank und kann nicht hingehen; aber ich habe einen Brief an deinen Großvater geschrieben; geh zu ihm und gib ihm den Brief! Und gib acht, Nelly, was er für ein Gesicht macht, wenn er ihn liest, und was er sagt, und was er tut; und falle vor ihm auf die Knie, küsse ihm die Hand und bitte ihn, er möchte deiner Mama verzeihen . . .‹ Und Mama weinte sehr und küßte mich immer und bekreuzte mich für den Weg und betete, und ich mußte mit ihr vor dem Heiligenbild niederknien, und obgleich sie sehr krank war, begleitete sie mich doch bis an das Tor unseres Hauses, und als ich mich umwandte, stand sie immer noch da und sah mir nach, wie ich hinging . . . Ich kam zum Großvater und öffnete die Tür, die keinen Vorlegehaken hatte. Der Großvater saß am Tisch und aß Brot mit Kartoffeln, und Asorka stand vor ihm, sah zu, wie er aß, und wedelte mit dem Schwanz. Auch in jener Wohnung des Großvaters waren die Fenster klein und trüb, und im Zimmer standen nur ein Tisch und ein Stuhl. Da wohnte er ganz allein. Als ich eintrat, erschrak er so, daß er blaß wurde und anfing zu zittern. Ich erschrak ebenfalls und sagte nichts, sondern trat nur an den Tisch heran und legte den Brief darauf. Sowie der Großvater den Brief erblickte, wurde er so zornig, daß er aufsprang, den Stock ergriff und gegen mich ausholte; aber er schlug mich nicht, sondern führte mich nur auf den Flur hinaus und stieß mich weg. Ich war noch nicht die erste Treppe hinuntergestiegen, als er die Tür noch einmal aufmachte und mir den Brief ungeöffnet nachwarf. Ich ging nach Hause und erzählte alles. Da mußte Mama sich wieder ins Bett legen . . .«

Achtes Kapitel

In diesem Augenblick erscholl ein starker Donnerschlag, und der Regen schlug in kräftigem Guß gegen die Scheiben; im Zimmer wurde es dunkel. Die alte Frau hatte einen argen Schreck bekommen und bekreuzigte sich. Wir alle schwiegen auf einmal.

»Es wird gleich vorübergehen«, sagte der Alte, indem er nach dem Fenster blickte; dann stand er auf und ging im Zimmer auf und ab.

Nelly verfolgte ihn mit schrägen Blicken. Sie befand sich in einer außerordentlichen, krankhaften Aufregung. Ich sah das; aber sie vermied es, mich anzusehen.

»Nun, und was geschah dann weiter?« fragte der Alte, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl setzte.

Nelly blickte ängstlich um sich.

»Also hast du deinen Großvater dann nicht wieder gesehen?«

»Doch, ich habe ihn gesehen . . .«

»Ja, ja, erzähle, mein liebes Kind, erzähle!« fiel Anna Andrejewna ein.

»Ich sah ihn drei Wochen lang nicht wieder«, begann Nelly, »bis zum Anfang des Winters. Da wurde es kalt und schneite. Als ich den Großvater an der früheren Stelle wiedertraf, freute ich mich sehr; denn Mama grämte sich darüber, daß er nicht mehr kam. Sobald ich ihn erblickte, lief ich absichtlich auf die andere Seite der Straße, damit er sehen sollte, daß ich vor ihm wegliefe. Aber ich blickte mich um, und da sah ich, daß der Großvater zuerst mir schnell nachging und dann sogar zu laufen anfing, um mich einzuholen, und immer rief: ›Nelly, Nelly!‹ Und Asorka lief hinter ihm her. Er dauerte mich, und ich blieb stehen. Der Großvater kam heran und nahm mich bei der Hand und ging neben mir her, und als er sah, daß ich weinte, blieb er stehen, sah mich an, beugte sich zu mir herab und küßte mich. Da sah er, daß ich schlechte Schuhe anhatte, und fragte mich, ob ich keine anderen hätte. Da sagte ich ihm sogleich, daß Mama gar kein Geld hätte und daß unsere Wirtsleute uns nur aus Mitleid etwas zu essen gäben. Der Großvater sagte nichts dazu; aber er führte mich auf den Markt und kaufte mir ein Paar Schuhe und befahl mir, sie gleich da anzuziehen, und dann führte er mich in seine Wohnung nach der Gorochowaja; vorher aber ging er noch in einen Laden und kaufte eine Pastete und zwei Stücke Zuckerwerk, und als wir zu ihm nach Hause kamen, sagte er, ich solle die Pastete essen, und sah mir zu, während ich aß; und dann gab er mir das Zuckerwerk. Asorka aber hatte die Pfoten auf den Tisch gelegt und bat auch um ein Stückchen Pastete, und ich gab ihm etwas ab, und der Großvater lachte. Dann nahm er mich, stellte mich vor sich hin, streichelte mir den Kopf und fragte, ob ich etwas gelernt hätte und was ich wüßte. Ich sagte es ihm, und er befahl mir, ich solle, wenn es mir irgend möglich wäre, täglich um drei Uhr zu ihm kommen; er wolle mich dann selbst unterrichten. Darauf sagte er mir, ich solle mich umdrehen und durch das Fenster sehen, bis er sagen würde, daß ich mich wieder zu ihm hinwenden dürfe. Ich stellte mich auch so hin; aber heimlich drehte ich mich um und sah, daß er sein Kopfkissen an der einen unteren Ecke auftrennte und vier Rubel herausnahm. Als er sie herausgenommen hatte, brachte er sie mir und sagte: ›Das ist für dich allein.‹ Ich wollte das Geld schon nehmen; aber dann bedachte ich mich und sagte: ›Wenn es für mich allein sein soll, dann nehme ich es nicht.‹ Der Großvater wurde auf einmal zornig und sagte: ›Nun, dann nimm es und mach damit, was du willst! Geh weg!‹ Ich ging hinaus, und er küßte mich diesmal nicht.

Als ich nach Hause kam, erzählte ich alles Mama. Mit Mama aber wurde es immer schlechter und schlechter. Zu dem Sargtischler kam ein Student der Medizin; der behandelte Mama ärztlich und verschrieb ihr etwas zum Einnehmen.

Ich aber ging häufig zum Großvater: Mama wünschte es. Der Großvater kaufte ein Neues Testament und ein Geographiebuch und unterrichtete mich; manchmal erzählte er mir auch, was für Länder es auf der Erde gibt und was für Menschen darin wohnen und was für Meere es gibt und was früher alles geschehen ist und wie Christus uns alle erlöst hat. Wenn ich selbst ihn nach etwas fragte, so freute er sich sehr; darum fragte ich ihn auch häufig, und er erzählte mir alles und sprach auch viel von Gott. Manchmal aber lernten wir nicht, sondern spielten mit Asorka: Asorka hatte mich sehr liebgewonnen, und ich lehrte ihn, über den Stock zu springen, und der Großvater lachte und streichelte mir immer den Kopf. Aber lachen tat der Großvater nur selten. Manchmal sprach er viel; aber dann verstummte er plötzlich wieder und saß da, als ob er eingeschlafen wäre; aber die Augen waren offen. So saß er bis zur Dämmerung; in der Dämmerung aber sah er so furchtbar aus, so alt . . . Und manchmal wieder, wenn ich zu ihm kam, saß er auf seinem Stuhl in Gedanken versunken und hörte nichts, und Asorka lag neben ihm. Ich wartete und wartete und hustete; aber der Großvater blickte nicht auf. So ging ich denn wieder weg. Zu Hause aber wartete Mama immer schon ungeduldig auf mich; sie lag im Bett, und ich erzählte ihr alles, alles, so daß es darüber Nacht wurde; aber ich redete immer noch vom Großvater, und sie hörte zu: was er heute getan hatte, und was er mir erzählt hatte, was für Geschichten, und was er mir für eine Aufgabe aufgegeben hatte. Und wenn ich von Asorka anfing, daß ich ihn hatte über den Stock springen lassen und daß der Großvater gelacht hatte, dann fing auch sie auf einmal an zu lachen, und sie lachte manchmal lange und freute sich und ließ es mich noch einmal wiederholen und fing dann an zu beten. Ich aber dachte immer: ›Wie geht das zu? Mama hat den Großvater so sehr lieb und er sie gar nicht‹, und als ich wieder zum Großvater kam, erzählte ich ihm absichtlich, wie lieb Mama ihn hätte. Er hörte das an, machte aber ein so zorniges Gesicht; er hörte es an, ohne ein Wort zu sagen; dann fragte ich ihn noch, woher denn das komme, daß Mama ihn so liebhabe und immer nach ihm frage, und er sich niemals nach Mama erkundige. Der Großvater wurde sehr böse und jagte mich vor die Tür; ich wartete ein Weilchen vor der Tür, und da machte er auf einmal die Tür wieder auf und rief mich zurück; aber er war immer noch zornig und schwieg. Als wir aber dann anfingen, das Neue Testament zu lesen, da fragte ich wieder, wie denn das zugehe, daß Jesus Christus gesagt habe: ›Liebet euch untereinander und verzeiht die Beleidigungen!‹ und er Mama nicht verzeihen wolle. Da sprang er auf und schrie, das habe Mama mir eingetrichtert, stieß mich zum zweitenmal hinaus und sagte, ich solle mich jetzt nie wieder erdreisten, zu ihm zu kommen. Ich erwiderte ihm aber, ich würde jetzt schon von selbst nicht mehr zu ihm kommen, und ging von ihm weg . . . Aber der Großvater zog am folgenden Tag in eine andere Wohnung . . .«

»Ich habe es ja gesagt, daß der Regen bald vorübergehen werde; da ist er auch schon vorbei, da kommt schon die Sonne . . . sieh nur, Wanja!« sagte Nikolai Sergejewitsch, sich zum Fenster wendend.

Anna Andrejewna sah ihn höchst erstaunt an, und auf einmal blitzte ein Gefühl der Empörung in den Augen der bisher so friedlichen, schüchternen alten Frau auf. Schweigend faßte sie Nelly bei der Hand und setzte sie auf ihren Schoß.

»Erzähle du deine Geschichte mir, mein Engel, mir!« sagte sie. »Ich werde dir zuhören. Mögen diejenigen, die ein hartes Herz haben . . .«

Sie sprach den Satz nicht zu Ende und brach in Tränen aus. Nelly richtete erstaunt und erschrocken ihre Blicke auf mich. Der Alte sah mich an, zuckte ein wenig mit den Achseln, wandte sich aber sogleich wieder ab.

»Fahre nur fort, Nelly!« sagte ich.

»Ich ging drei Tage lang nicht zum Großvater«, begann Nelly von neuem; »aber während dieser Zeit verschlimmerte sich Mamas Zustand. Unser Geld war zu Ende, so daß wir keine Medizin kaufen konnten; und auch zu essen hatten wir nichts; denn die Wirtsleute hatten ebenfalls nichts und machten uns Vorwürfe, daß wir auf ihre Kosten lebten. Da stand ich am Morgen des dritten Tages auf und fing an, mich anzukleiden. Mama fragte, wohin ich gehen wolle. Ich sagte: ›Zum Großvater, ihn um Geld bitten‹, und sie freute sich; denn ich hatte ihr erzählt, wie er mich weggejagt hatte, und hatte ihr gesagt, ich wolle nicht mehr zu ihm gehen, obwohl sie geweint und mir zugeredet hatte zu gehen. Ich kam hin und erfuhr, daß der Großvater umgezogen sei, und ging zu dem neuen Haus, um ihn da zu suchen. Als ich zu ihm in die neue Wohnung kam, sprang er auf, stürzte auf mich los und stampfte mit den Füßen, und ich sagte ihm kurz, daß Mama sehr krank sei, daß wir Geld für Medizin brauchten, fünfzig Kopeken, und daß wir nichts zu essen hätten. Der Großvater schrie mich an und stieß mich auf die Treppe hinaus und machte hinter mir die Tür mit dem Haken zu. Aber als er mich hinausstieß, hatte ich ihm gesagt, ich würde mich auf die Treppe setzen und nicht eher fortgehen, als bis er mir Geld gebe. Ich setzte mich auch wirklich auf die Treppe. Nach einer Weile machte er die Tür auf und sah, daß ich noch dasaß, und machte sie wieder zu. Dann verging längere Zeit; da machte er wieder auf, sah wieder nach mir und machte wieder zu. Und so machte er noch viele Male die Tür auf und sah hinaus. Endlich kam er mit Asorka heraus, schloß die Tür zu und ging an mir vorbei aus dem Haus, ohne ein Wort zu sagen. Auch ich sagte kein Wort und blieb so sitzen und saß bis zum Dunkelwerden.«

»Du mein liebes Kind«, rief Anna Andrejewna; »aber es war ja doch kalt auf der Treppe!«

»Ich hatte ein Pelzmäntelchen an«, antwortete Nelly.

»Was hilft so ein Pelzmäntelchen . . . du liebes Kind! Was hast du alles aushalten müssen! Nun, und was tat er, dein Großvater?«

Nellys Lippen fingen an zu zucken; aber sie nahm sich mit einer außerordentlichen Anstrengung zusammen. »Er kam, als es schon ganz dunkel war, stieß an mich, als er in seine Wohnung gehen wollte, und rief: ›Wer ist da?‹ Ich antwortete, daß ich es sei. Er hatte gewiß geglaubt, ich sei schon längst weggegangen, und als er nun sah, daß ich immer noch da war, war er sehr erstaunt und blieb lange vor mir stehen. Auf einmal schlug er mit dem Stock auf die Stufen, lief zu seiner Tür, schloß sie auf, brachte mir einen Augenblick darauf eine Anzahl Kupfermünzen, lauter Fünfkopekenstücke, heraus und warf sie mir auf die Treppe. ›Da hast du‹, schrie er; ›nimm es hin; das ist alles, was ich habe; und sage deiner Mutter, daß ich sie verfluche!‹ Und damit schlug er die Tür zu. Die Kupferstücke aber rollten die Treppe hinunter. Ich begann, sie in der Dunkelheit aufzusammeln; dem Großvater war es offenbar nachträglich zum Bewußtsein gekommen, daß er die Geldstücke so hingestreut hatte und es mir im Dunkeln wohl schwer sein würde, sie alle aufzusammeln; denn er machte seine Tür auf und brachte eine Kerze heraus, und bei deren Schein bekam ich alles bald zusammen. Der Großvater half mir auch selbst suchen und sagte mir, es müßten im ganzen siebzig Kopeken sein; dann ging er wieder weg. Als ich nach Hause gekommen war, gab ich das Geld Mama und erzählte ihr alles, und mit Mama ging es immer schlechter, und auch ich selbst war die ganze Nacht krank und hatte am anderen Tag ebenfalls Fieber. Aber ich hatte nur einen einzigen Gedanken; denn ich war böse auf den Großvater, und als Mama eingeschlafen war, ging ich auf die Straße, auf Großvaters Wohnung zu, und stellte mich, ehe ich ganz hingekommen war auf eine Brücke. Da kam der . . .«

»Sie meint Archipow«, sagte ich; »das ist der Mensch, von dem ich Ihnen schon erzählt habe, Nikolai Sergejewitsch, daß er mit einem Kaufmann zusammen bei der Bubnowa war und da durchgeprügelt wurde. Nelly sah ihn damals zum ersten Male . . . Fahr fort, Nelly!«

»Ich hielt ihn an und bat ihn um Geld, um einen Rubel. Er sah mich an und fragte: ›Einen Rubel?‹ Ich sagte: ›Ja.‹ Da lachte er und sagte zu mir: ›Komm mit mir mit!‹ Ich wußte nicht, ob ich mitgehen solle; auf einmal trat ein alter Herr mit einer goldenen Brille heran; er hatte gehört, wie ich um einen Rubel gebeten hatte, beugte sich zu mir und fragte, wozu ich denn durchaus soviel haben wolle. Ich sagte ihm, Mama sei krank und wir brauchten soviel Geld für Medizin. Er erkundigte sich, wo wir wohnten, schrieb es sich auf und gab mir einen Rubelschein. Der andere aber war, als er den alten Herrn mit der Brille gesehen hatte, weggegangen und forderte mich nicht mehr auf, mit ihm zu kommen. Ich ging in einen Laden und wechselte den Rubel in Kupfermünzen; dreißig Kopeken wickelte ich in ein Stückchen Papier und steckte sie für Mama in die Tasche; die anderen siebzig Kopeken aber wickelte ich nicht in das Papier, sondern ich behielt sie absichtlich fest in der Hand und ging zum Großvater. Als ich zu ihm kam, machte ich die Tür auf, trat auf die Schwelle, holte mit dem Arm aus und warf ihm das ganze Geld hin, so daß es auf dem Fußboden umherrollte. ›Da, nehmen Sie Ihr Geld wieder!‹ sagte ich zu ihm. ›Mama kann Ihr Geld nicht brauchen, da Sie sie verflucht haben!‹ Dann schlug ich die Tür zu und lief sogleich davon.«

Ihre Augen funkelten, und sie sah den alten Mann mit naiv herausfordernder Miene an.

»Das war recht«, sagte Anna Andrejewna, ohne Nikolai Sergejewitsch anzusehen, und drückte Nelly fest an sich. »Das war ihm ganz recht; dein Großvater war ein böser, hartherziger Mensch . . .«

»Hm!« machte Nikolai Sergejewitsch.

»Nun, und was geschah dann weiter, was geschah dann weiter?« fragte Anna Andrejewna ungeduldig.

»Ich ging seitdem nicht mehr zum Großvater, und er kam nicht mehr zu mir«, antwortete Nelly.

»Aber wie erging es denn nun dir und deiner Mama? Ach, ihr Armen, ihr Armen!«

»Mit Mama wurde es immer schlechter, und sie stand nur noch selten vom Bett auf«, fuhr Nelly fort, und ihre Stimme zitterte und stockte. »Geld hatten wir nicht mehr, und so fing ich denn an, mit der Kapitänswitwe auszugehen. Diese ging in die Häuser und bat um Almosen, und auch auf der Straße hielt sie gutgekleidete Leute mit solchen Bitten an; davon lebte sie. Sie sagte mir, sie sei keine gewöhnliche Bettlerin, sondern habe Papiere, in denen ihr Stand angegeben sei und auch geschrieben stehe, daß sie arm sei. Diese Papiere zeigte sie immer vor, und daraufhin gaben ihr die Leute Geld. Sie sagte mir auch, alle Menschen um Unterstützung zu bitten sei keine Schande. Ich ging mit ihr zusammen, und wir erhielten milde Gaben; davon lebten wir. Mama erfuhr davon; denn die Tischlerleute machten ihr Vorwürfe, daß sie eine Bettlerin sei; die Bubnowa aber kam selbst zu Mama und sagte, sie solle mich doch lieber zu ihr hingeben, statt mich betteln zu lassen. Sie war auch schon früher zu Mama gekommen und hatte ihr Geld gebracht; und als Mama es von ihr nicht angenommen hatte, da hatte die Bubnowa gesagt: ›Warum sind Sie so stolz?‹ und hatte ihr Essen geschickt. Aber als sie jetzt das von mir sagte, erschrak Mama heftig und fing an zu weinen, und die Bubnowa schimpfte auf sie (denn sie war betrunken) und sagte, daß ich sowieso schon eine Bettlerin sei und mit der Kapitänswitwe ginge, und jagte gleich an demselben Abend die Kapitänswitwe aus dem Haus. Als Mama alles erfahren hatte, brach sie in Tränen aus; dann stand sie plötzlich vom Bett auf, zog sich an, nahm mich bei der Hand und ging mit mir zur Tür. Iwan Alexandrowitsch wollte sie zurückhalten; aber sie hörte nicht auf ihn, und wir gingen hinaus. Mama konnte kaum gehen und mußte sich alle Augenblicke auf der Straße hinsetzen, und ich stützte sie immer. Mama sagte fortwährend, sie wolle zum Großvater gehen und ich möchte sie hinführen; aber es war schon längst Nacht geworden. Auf einmal kamen wir in eine große Straße; da fuhren vor einem Haus schöne Equipagen vor, und es stiegen viele Leute aus, und alle Fenster waren hell erleuchtet, und man hörte Musik. Mama blieb stehen, faßte mich an der Schulter und sagte zu mir: ›Nelly, bleib arm; bleib dein ganzes Leben lang arm; geh nicht zu ihnen hin, wer auch immer dich ruft und zu dir kommt. Auch du könntest dort sein und viel Geld haben und ein schönes Kleid tragen; aber ich will das nicht. Das sind böse, hartherzige Menschen; mein Gebot ist dieses: bleibe arm, arbeite und bitte um Almosen; aber wenn jemand kommt, um dich zu holen, dann sage: ‚Ich will nicht zu Ihnen !‘‹ Das hat Mama zu mir gesagt, als sie krank war, und ich will ihr mein ganzes Leben lang gehorchen«, fügte Nelly, vor Aufregung zitternd, das Gesichtchen von Glut übergossen, hinzu, »und ich werde mein ganzes Leben lang dienen und arbeiten, und auch zu Ihnen bin ich gekommen, um zu dienen und zu arbeiten, und ich will nicht die Stellung einer Tochter einnehmen . . .«

»Nicht doch, nicht doch, mein Herzchen, nicht doch!« rief die alte Frau und umarmte Nelly herzlich. »Deine Mama war ja damals krank, als sie das sagte.«

»Irrsinnig war sie«, bemerkte der Alte in scharfem Ton.

»Mag sie auch irrsinnig gewesen sein«, erwiderte Nelly, sich heftig an ihn wendend. »Mag sie auch irrsinnig gewesen sein; sie hat es mir so befohlen, und so werde ich mein ganzes Leben lang handeln. Und als sie mir das gesagt hatte, fiel sie in Ohnmacht.«

»Herr du mein Gott!« schrie Anna Andrejewna auf. »Krank, und auf der Straße, im Winter! . . .«

»Man wollte uns nach der Polizei bringen; aber ein Herr nahm sich unser an, fragte mich, wo wir wohnten, gab mir zehn Rubel und sagte, ich solle Mama in seinem Wagen zu uns nach Hause bringen. Nachher ist Mama nicht mehr vom Bett aufgestanden, und nach drei Wochen starb sie . . .«

»Und ihr Vater? Also hat er ihr nicht verziehen?« rief Anna Andrejewna.

»Nein, er hat ihr nicht verziehen«, erwiderte Nelly, sich mit qualvoller Anstrengung zusammennehmend. »Eine Woche vor ihrem Tod rief mich Mama zu sich und sagte: ›Nelly, geh noch einmal zum Großvater, zum letztenmal, und bitte ihn, er möchte zu mir kommen und mir verzeihen; sage ihm, ich würde in wenigen Tagen sterben und ließe dich allein auf der Welt zurück. Und sage ihm noch, das Sterben werde mir schwer . . .‹ Ich ging hin und klopfte bei dem Großvater an; er machte auf, und als er mich erblickte, wollte er die Tür sogleich wieder vor mir zumachen; aber ich klammerte mich mit beiden Händen an der Tür fest und rief ihm zu: ›Mama liegt im Sterben; sie läßt Sie rufen; kommen Sie zu ihr!‹ Aber er stieß mich weg und schlug die Tür zu. Ich kehrte zu Mama zurück, legte mich neben sie, umarmte sie und sagte nichts. Mama umarmte mich auch und stellte keine Frage . . .«

Hier stützte sich Nikolai Sergejewitsch schwerfällig mit der Hand auf den Tisch und stand auf; aber nachdem er einen seltsamen, trüben Blick über uns alle hatte hingleiten lassen, ließ er sich wieder kraftlos in seinen Lehnstuhl zurücksinken. Anna Andrejewna sah ihn nicht mehr an, sondern umarmte Nelly schluchzend . . .

»Und dann am letzten Tag rief mich Mama, bevor sie starb, gegen Abend zu sich, faßte mich bei der Hand und sagte: ›Ich werde heute sterben, Nelly‹; sie wollte noch etwas sagen, war aber dazu nicht mehr imstande. Ich sah sie an; aber sie schien mich nicht mehr zu sehen; sie hielt nur meine Hand fest in ihren Händen. Ich zog leise meine Hand heraus und lief aus dem Haus, und den ganzen Weg über lief ich, so schnell ich konnte, und lief zum Großvater. Als er mich erblickte, sprang er vom Stuhl auf und sah mich an und erschrak so, daß er ganz blaß wurde und am ganzen Leib zitterte. Ich ergriff ihn bei der Hand und sagte nur ganz kurz: ›Sie stirbt gleich.‹ Da fing er auf einmal an, im Zimmer hin und her zu rennen, ergriff seinen Stock und lief mir nach; er vergaß sogar seinen Hut, und es war doch kalt. Ich nahm den Hut und setzte ihn ihm auf, und wir liefen zusammen aus dem Haus. Ich trieb ihn zur Eile an und sagte, er möchte doch eine Droschke nehmen, weil Mama gleich sterben werde; aber der Großvater hatte im ganzen nur noch sieben Kopeken. Er hielt einige Droschkenkutscher an und handelte mit ihnen; aber sie lachten nur über ihn, und auch über Asorka lachten sie, der mit uns lief, und wir liefen immer weiter und weiter. Der Großvater wurde müde und konnte nur mühsam atmen; aber doch beeilte er sich, soviel er nur konnte, und lief. Auf einmal fiel er hin, und der Hut flog ihm vom Kopf. Ich hob ihn auf, setzte ihn ihm wieder auf den Kopf und führte Großvater an der Hand; erst kurz vor Einbruch der Nacht kamen wir zu uns nach Hause . . . Aber Mama lag schon tot da. Als der Großvater sie sah, schlug er die Hände zusammen, fing an zu zittern, beugte sich über sie und sagte kein Wort. Da trat ich zu meiner toten Mama heran, faßte den Großvater bei der Hand und rief ihm zu: ›Da, du grausamer, böser Mensch, nun sieh her! . . . Sieh her!‹ Da schrie der Großvater auf und fiel wie tot auf den Fußboden.«

Nelly sprang auf, machte sich von Anna Andrejewnas Armen frei und stand blaß, erschöpft und in höchster Erregung mitten unter uns. Aber Anna Andrejewna eilte auf sie zu, schlang von neuem die Arme um sie und rief wie in Verzückung:

»Ich, ich werde jetzt deine Mutter sein, Nelly, und du mein Kind! Ja, Nelly, laß uns fortgehen; verlassen wir all diese grausamen, schlechten Menschen! Mögen sie sich aus dem Urteil anderer Menschen nichts machen; aber Gott, Gott wird es ihnen heimzahlen . . . Komm, Nelly, komm weg von hier, laß uns fortgehen! . . .«

Niemals, weder vorher noch nachher, habe ich sie in einem solchen Zustand gesehen, und ich hätte nicht gedacht, daß sie sich jemals in solcher Erregung befinden könne. Nikolai Sergejewitsch richtete sich in seinem Lehnstuhl gerade, erhob sich ein wenig und fragte mit stockender Stimme:

»Wo willst du hin, Anna Andrejewna?«

»Zu ihr, zu meiner Tochter, zu Natascha!« rief sie und zog Nelly hinter sich her, der Tür zu.

»Halt, halt, warte einen Augenblick!«

»Wozu soll ich noch warten, du hartherziger, böser Mensch! Ich habe lange genug gewartet, und sie hat lange genug gewartet; jetzt leb wohl! . . .«

Nach dieser Antwort drehte die alte Frau sich noch einmal um, blickte zu ihrem Mann hin und wurde starr vor Staunen. Nikolai Sergejewitsch stand vor ihr, hatte seinen Hut ergriffen und mühte sich mit seinen zitternden, kraftlosen Händen, eilig seinen Mantel anzuziehen.

»Du . . . du willst auch mit mir kommen?« rief sie, die Hände faltend, und sah ihn zweifelnd an, als ob sie an ein so großes Glück gar nicht zu glauben wage.

»Natascha, wo ist meine Natascha? Wo ist sie? Wo ist meine Tochter?« rang es sich endlich wie ein Schrei aus der Brust des alten Mannes. »Gebt mir meine Natascha wieder! Wo, wo ist sie?«

Er ergriff den Krückstock, den ich ihm reichte, und eilte zur Tür.

»Er hat ihr verziehen! Er hat ihr verziehen!« rief Anna Andrejewna.

Aber der alte Mann gelangte nicht bis zur Schwelle. Die Tür wurde hastig aufgerissen, und Natascha stürzte ins Zimmer, blaß, mit fieberhaft glänzenden Augen. Ihr Kleid war zerdrückt und vom Regen durchnäßt. Das Tuch, das sie sich um den Kopf gebunden hatte, war ihr in den Nacken gerutscht, und in ihren verwirrten, dichten Haarsträhnen funkelten große Regentropfen. Sie kam hereingelaufen, erblickte ihren Vater, fiel aufschreiend vor ihm auf die Knie und streckte die Arme nach ihm aus.

Neuntes Kapitel

Aber er hielt sie schon in seinen Armen! . . .

Er hatte sie umfaßt, hob sie wie ein kleines Kind in die Höhe, trug sie zu seinem Lehnstuhl, setzte sie hinein und fiel selbst vor ihr auf die Knie. Er küßte ihre Hände, ihre Füße; er küßte Natascha eilig und betrachtete sie immer wieder, als könne er immer noch nicht glauben, daß sie wieder bei ihm sei, daß er sie wieder sehe und höre, sie, seine Tochter, seine Natascha. Anna Andrejewna umarmte ihre Tochter schluchzend, drückte deren Kopf an ihre Brust und verharrte regungslos in dieser Umschlingung, unfähig, ein Wort zu sagen.

»Mein Herzchen! . . . Mein süßes Leben! . . . Du meine Freude! . . .« stammelte der Alte unzusammenhängend, ergriff Nataschas Hände und blickte wie ein Verliebter in ihr blasses, mageres, aber schönes Gesicht und in ihre Augen, in denen Tränen glänzten. »Du meine Freude, du mein Kind!« wiederholte er und verstummte dann wieder und schaute sie wie in einem Andachtsrausch an. »Wie hat man mir nur sagen können, daß sie ganz mager geworden sei!« sagte er hastig, immer noch vor ihr kniend und sich mit einem kindlichen Lächeln zu uns umwendend. »Ein bißchen schmaler sieht sie aus, das ist richtig, ein bißchen blaß; aber seht sie doch einmal an, wie hübsch sie ist! Noch schöner, als sie früher war, ja, noch schöner!« fügte er hinzu und verstummte unwillkürlich infolge jener aus Schmerz und Freude gemischten Empfindung, bei der einem beinahe das Herz zerspringt.

»Stehen Sie auf, Papa! So stehen Sie doch auf!« sagte Natascha. »Ich möchte Sie ja doch auch küssen . . .«

»O mein liebes, gutes Kind! Hörst du wohl, hörst du wohl, liebe Anna, wie hübsch sie das gesagt hat?«

Und er umarmte sie krampfhaft.

»Nein, Natascha, ich, ich muß so lange zu deinen Füßen liegen, bis mein Herz fühlt, daß du mir verziehen hast; denn verdienen kann ich jetzt niemals, niemals, daß du mir verzeihst! Ich habe dich verstoßen, ich habe dich verflucht; hörst du wohl, Natascha, ich habe dich verflucht – und ich habe das übers Herz gebracht! . . . Aber du, du, Natascha: hast du das glauben können, daß ich dich verflucht hätte? Du hast es geglaubt, ja, du hast es geglaubt! Das durftest du nicht glauben! Du hättest es nicht glauben sollen, es einfach nicht glauben sollen! Du grausames Herz! Warum bist du nicht zu mir gekommen? Du wußtest ja, daß ich dich freundlich aufnehmen würde . . . O Natascha, du erinnerst dich doch, wie lieb ich dich früher gehabt habe: nun, aber jetzt und während dieser ganzen Zeit habe ich dich noch einmal so lieb, tausendmal so lieb gehabt wie früher. Ich liebe dich mit jeder Fiber meines Herzens! Ich möchte mir das Herz aus dem Leib reißen und dir zu Füßen legen! . . . O du meine Lebensfreude!«

»Küssen Sie mich doch auf den Mund, Sie Grausamer; küssen Sie mich doch auf das Gesicht, so wie mich Mama küßt!« rief Natascha mit matter, schwacher, von Tränen der Freude halb erstickter Stimme.

»Und auf die lieben Augen! Und auf die lieben Augen! Erinnerst du dich noch, wie ich es früher immer tat«, sagte der Alte nach einer langen, wonnigen Umarmung mit seiner Tochter. »O Natascha! hast du denn auch wohl manchmal von uns geträumt? Ich habe von dir fast jede Nacht geträumt, und jede Nacht bist du zu mir gekommen, und ich habe um dich geweint. Und einmal kamst du als kleines Mädchen; erinnerst du dich? als du eben erst zehn Jahre alt warst und eben erst anfingst, Klavier zu spielen; du kamst in einem kurzen Kleidchen, mit hübschen Schuhchen und mit roten Händchen . . . sie hatte ja doch damals solche roten Händchen, weiß du noch, liebe Anna? Du kamst zu mir und setztest dich auf meinen Schoß und umarmtest mich . . . Und du, und du, du böses Mädchen, du hast denken können, ich hätte dich verflucht und ich würde dich nicht aufnehmen, wenn du zu mir kämst! Und dabei bin ich (hörst du wohl, Natascha?), dabei bin ich so oft zu dir hingegangen; deine Mutter hat es nicht gewußt, und kein Mensch hat es gewußt; und da stand ich dann unter deinen Fenstern und wartete; einen halben Tag lang habe ich manchmal auf dem Trottoir bei deiner Haustür gewartet, ob du nicht herauskommen würdest, damit ich dich auch nur von weitem sähe! Und abends brannte bei dir manchmal eine Kerze auf dem Fensterbrett; wie oft bin ich da abends zu dir gegangen, Natascha, um wenigstens nach deiner Kerze hinzusehen, um wenigstens deinen Schatten am Fenster zu erblicken und dich für die Nacht zu segnen. Hast du mich auch für die Nacht gesegnet? Hast du an mich gedacht? Hat dein Herz es gefühlt, daß ich da unter deinem Fenster stand? Und wie oft bin ich im Winter spätabends deine Treppe hinaufgestiegen, habe auf dem dunklen Flur gestanden und durch die Tür gehorcht, ob ich nicht deine liebe Stimme hören könne! Lachst du mich nicht aus? Und ich hätte dich verflucht? Ich war ja neulich abends zu dir gegangen, um dir zu sagen, daß ich dir verziehe, und erst an der Tür bin ich wieder umgekehrt . . . O Natascha!«

Er stand auf, hob sie aus dem Lehnstuhl in die Höhe und drückte sie fest und innig an sein Herz.

»Sie ist hier; sie ist wieder an meinem Herzen!« rief er. »Oh, ich danke dir, Gott, für alles, für alles, für deinen Zorn und für deine Gnade! Und für deine Sonne, die jetzt nach dem Gewitter wieder auf uns herniederstrahlt! Für dieses ganze Glück danke ich dir! Oh, wenn wir auch erniedrigt und beleidigt sind, aber wir sind doch wieder zusammen; mögen die stolzen, hochmütigen Menschen, die uns erniedrigt und beleidigt haben, jetzt immerhin triumphieren! Mögen sie uns mit Steinen werfen! Fürchte dich nicht, Natascha! . . . Wir werden Arm in Arm gehen, und ich werde ihnen sagen: ›Das ist meine teure, geliebte Tochter, das ist meine unschuldige Tochter, die ihr beleidigt und erniedrigt habt, aber die ich liebe und für alle Ewigkeit segne!‹«

»Wanja, Wanja! . . .«; sagte Natascha mit schwacher Stimme und streckte mir aus der Umarmung des Vaters ihre Hand hin.

Oh, nie werde ich es vergessen, daß sie in diesem Augenblick sich meiner erinnerte und mich rief!

»Wo ist denn Nelly?« fragte der Alte, um sich schauend.

»Ach, wo ist sie denn?« rief die alte Frau. »Mein liebes Kind! Wir haben sie ja ganz vergessen!«

Aber sie war nicht im Zimmer; sie war unbemerkt ins Schlafzimmer geschlüpft. Wir gingen alle dorthin. Nelly stand in einem Winkel hinter der Tür und suchte sich ängstlich vor uns zu verstecken.

»Nelly, was ist dir, mein Kind?« rief der Alte und wollte sie umarmen.

Aber sie sah ihn lange eigentümlich an . . .

»Mama, wo ist meine Mama?« sagte sie wie geistesabwesend. »Wo ist meine Mama?« schrie sie noch einmal und streckte ihre zitternden Hände nach uns aus.

Auf einmal brach ein schrecklicher, unheimlicher Schrei aus ihrer Brust hervor; ein krampfhaftes Zucken lief über ihr Gesicht, und sie fiel in einem furchtbaren Anfall auf den Fußboden . . .

Epilog

Letzte Erinnerungen

Es war Mitte Juni. Ein heißer, schwüler Tag. In der Stadt war es nicht auszuhalten: überall Staub, Kalkgeruch, Baugerüste, glühendes Pflaster, von üblen Ausdünstungen verpestete Luft . . . Aber da – o Freude! – donnerte es irgendwo in der Ferne; allmählich verdunkelte sich der Himmel; der Wind erhob sich und trieb ganze Wolken von Straßenstaub vor sich her. Einzelne dicke Regentropfen klatschten schwer auf die Erde nieder, und dann war es, als ob der ganze Himmel berste, und ein wahrer Strom von Wasser ergoß sich über die Stadt. Als nach einer halben Stunde wieder die Sonne schien, öffnete ich das Fenster meiner Dachstube und sog begierig die frische Luft in meine müde Brust tief ein. In meinem Freudenrausch wollte ich schon die Feder hinwerfen, meine ganze Arbeit und den Verleger selbst im Stich lassen und zu ›meinen Leuten‹ nach der Wassili-Insel laufen. Aber obgleich die Versuchung groß war, überwand ich sie doch und machte mich mit einer Art von Wut erneut an meine Schreiberei: ich mußte unter allen Umständen fertig werden! Der Verleger befahl, und sonst gab er mir kein Geld. Man erwartete mich allerdings dort auf der Wassili-Insel jetzt vergebens; aber dafür war ich dann am Abend frei, völlig frei, wie der Vogel in der Luft, und ich sagte mir, der heutige Abend werde mich für diese letzten zwei Tage und zwei Nächte entschädigen, in denen ich drei und einen halben Druckbogen geschrieben hatte.

Und nun war die Arbeit endlich fertig; ich warf die Feder hin und erhob mich; ich fühlte einen Schmerz im Rücken und in der Brust und eine Benommenheit im Kopf. Ich wußte, daß in diesem Augenblick mein Nervensystem aufs äußerste angegriffen war, und glaubte noch die letzten Worte zu hören, die mein alter Arzt zu mir gesagt hatte: »Nein, solche Anstrengungen kann auch die beste Konstitution nicht aushalten; das ist ein Ding der Unmöglichkeit!« Indessen, vorläufig war es noch möglich! Der Kopf war mir schwindlig, und ich konnte kaum auf den Beinen stehen; aber Freude, eine grenzenlose Freude erfüllte mein Herz. Meine Novelle war vollständig fertig, und ich sagte mir, daß der Verleger, obwohl ich ihm viel schuldete, mir doch wenigstens etwas geben werde, wenn er die Beute in seinen Händen sehe, wenigstens fünfzig Rubel, und ich hatte seit langer, langer Zeit nicht so viel Geld besessen. Freiheit und Geld! . . . Voller Entzücken griff ich nach meinem Hut, nahm das Manuskript unter den Arm und lief Hals über Kopf, um unseren verehrten Alexander Petrowitsch noch zu Hause zu finden.

Ich traf ihn noch an, wiewohl er eben im Fortgehen war. Er hatte seinerseits soeben eine nicht literarische, aber dafür sehr profitable Spekulation zum Abschluß gebracht, begleitete einen brünetten kleinen Juden, mit dem er ganze zwei Stunden lang in seinem Arbeitszimmer gesessen hatte, endlich hinaus, reichte mir nun höflich die Hand und erkundigte sich mit seiner weichen, liebenswürdigen Baßstimme nach meinem Befinden. Er war ein herzensguter Mensch, und ich war ihm, ohne Scherz gesagt, sehr zu Dank verpflichtet. Was konnte er dafür, daß er in der Literatur sein ganzes Leben lang ›nur‹ Verleger gewesen war? Er hatte begriffen, daß die Literatur einen Verleger nötig hatte, und er hatte das sehr zur rechten Zeit begriffen; dafür sei ihm Ehre und Ruhm – natürlich von der Art, wie es einem Verleger zukommt.

Er hörte mit einem Lächeln der Befriedigung, daß die Novelle fertig und die nächste Nummer seiner Zeitschrift auf diese Art in ihrem Hauptbestandteil sichergestellt sei, sprach seine Verwunderung darüber aus, wie ich es angefangen hätte, etwas rechtzeitig fertigzustellen, und machte dabei einige sehr liebenswürdige Witze. Darauf ging er an seinen eisernen Geldschrank, um mir die versprochenen fünfzig Rubel zu geben, reichte mir unterdessen ein dickes Heft eines anderen, gegnerischen Journals hin und machte mich auf einige Zeilen in der Abteilung für Kritik aufmerksam, wo auch über meine letzte Novelle ein paar Worte gesagt waren.

Ich sah hinein: es war ein Artikel des ›Merkers‹. Ich wurde darin nicht eigentlich gescholten, aber auch nicht eigentlich gelobt. Aber der ›Merker‹ sagte unter anderem, meine Schriften pflegten ›nach Schweiß zu riechen‹, das heißt, ich vergösse bei ihrer Abfassung so viel Schweiß, mühte mich so lange ab, nähme so viele Umarbeitungen und Überarbeitungen vor, daß das abstoßend wirke.

Der Verleger und ich mußten beide laut lachen. Ich teilte ihm mit, daß meine vorige Novelle in zwei Nächten verfaßt sei und daß ich jetzt in zwei Tagen und zwei Nächten drei und einen halben Druckbogen geschrieben hätte; wenn das der ›Merker‹ wüßte, der mir übermäßige Sorgfalt und pedantische Langsamkeit beim Arbeiten zum Vorwurf machte!

»Aber an Ihrem hastigen Arbeiten sind Sie doch selbst schuld, Iwan Petrowitsch. Warum trödeln Sie so lange, daß Sie zuletzt die Nächte hindurch arbeiten müssen?«

Alexander Petrowitsch war gewiß ein sehr liebenswürdiger Mensch, wiewohl er eine besondere Schwäche hatte: nämlich mit seinem literarischen Urteil gerade denjenigen gegenüber großzutun, von denen er selbst vermutete, daß sie ihn völlig durchschauten. Aber ich hatte keine Lust, mit ihm über Literatur zu disputieren, sondern nahm das Geld hin und griff nach meinem Hut. Alexander Petrowitsch beabsichtigte, nach den Inseln zu fahren, wo er eine Sommerwohnung hatte, und als er hörte, daß ich nach der Wassili-Insel wolle, bot er mir großmütig an, mich in seinem Wagen hinzubringen.

»Ich habe nämlich ein neues Wägelchen; haben Sie es noch nicht gesehen? Ein allerliebstes Ding!«

Wir gingen zur Haustür. Der Wagen war wirklich sehr hübsch, und Alexander Petrowitsch hatte in der ersten Zeit seines Besitzes eine außerordentliche Freude an ihm und empfand sogar das seelische Bedürfnis, seine Bekannten darin mitfahren zu lassen.

Während der Fahrt erging sich Alexander Petrowitsch wieder mehrmals in Betrachtungen über die moderne Literatur. Vor mir genierte er sich nicht und wiederholte mit der größten Seelenruhe verschiedene fremde Gedanken, die er neuerdings von dem einen oder dem anderen der Literaten gehört hatte, zu denen er Vertrauen hatte und deren Urteil er hochschätzte. Dabei begegnete es ihm manchmal, recht wunderliche Dinge hochzuschätzen. Es passierte ihm auch, daß er eine fremde Ansicht unrichtig wiedergab oder sie an eine falsche Stelle brachte, so daß Unsinn herauskam. Ich saß da, hörte schweigend zu und wunderte mich über die Mannigfaltigkeit und Launenhaftigkeit der menschlichen Leidenschaften. »Da ist nun ein Mensch«, dachte ich im stillen, »der weiter nichts tun sollte, als immer nur Geld zusammenzuscharren; aber nein, es verlangt ihn noch nach Ruhm, nach literarischem Ruhm, nach dem Ruhm eines guten Herausgebers und Kritikers.«

In diesem Augenblick bemühte er sich, mir eingehend einen literarischen Gedanken auseinanderzusetzen, den er drei Tage vorher von mir selbst gehört, dessen Richtigkeit er damals mir selbst gegenüber heftig bestritten hatte, den er aber jetzt für seinen eigenen ausgab. Aber dem guten Alexander Petrowitsch begegnete eine solche Vergeßlichkeit alle Augenblicke, und er war wegen dieser harmlosen Schwäche bei all seinen Bekannten berühmt. Wie vergnügt war er jetzt, wo er in seinem eigenen Wagen sich selbst reden hören konnte, wie zufrieden mit seinem Schicksal, wie großmütig! Er führte ein wissenschaftliches Gespräch über Literatur, und sogar seine weiche, freundliche Baßstimme bekam dabei einen wissenschaftlichen Klang. Allmählich ging er zu einer scharfen Kritik über und sprach seine naive skeptische Überzeugung aus, daß weder in unserer Literatur noch in irgendeiner anderen bei jemandem Ehrlichkeit und Bescheidenheit zu finden seien; es gäbe nur ein »Sich-gegenseitig-in-die-Fresse-Schlagen‹, besonders bei Beginn der Subskription. Ich dachte bei mir, daß Alexander Petrowitsch wohl auch geneigt sei, jeden ehrlichen, aufrichtigen Schriftsteller wegen dieser seiner Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, wenn nicht für einen kompletten Schafskopf, so doch mindestens für töricht zu halten. Selbstverständlich entsprang dieses Urteil unmittelbar der außerordentlichen Herzensreinheit Alexander Petrowitschs.

Aber ich hörte ihm nicht mehr zu. Auf der Wassili-Insel ließ er mich aussteigen, und ich lief zu unseren Leuten. Da war schon die Dreizehnte Linie, und da war ihr Haus. Als Anna Andrejewna mich erblickte, drohte sie mir mit dem Finger und gab mir durch Armbewegungen zu verstehen, daß ich keinen Lärm machen solle.

»Nelly ist eben eingeschlafen, das arme Kind!« flüsterte sie mir eilig zu. »Um Gottes willen, weck sie nicht auf! Gar zu schwach ist sie, die liebe Kleine! Wir sind in großer Sorge um sie. Der Arzt sagt, ihr Zustand sei vorläufig nicht bedenklich; aber aus dem ist ja nichts Gescheites herauszubekommen, aus deinem Arzt. Und schämst du dich denn gar nicht, Iwan Petrowitsch? Wir haben dich erwartet; zum Mittagessen haben wir dich erwartet . . . du hast dich ja zwei Tage lang nicht blicken lassen! . . .«

»Aber ich habe ja noch vorgestern gesagt, daß ich zwei Tage lang nicht kommen würde«, flüsterte ich Anna Andrejewna zu. »Ich mußte eine Arbeit fertigmachen . . .«

»Aber du hattest doch versprochen, heute zum Mittagessen zu kommen! Warum bist du denn nicht gekommen? Nelly ist expreß dazu aus dem Bett aufgestanden, das süße Engelchen; wir haben sie in einen bequemen Lehnstuhl gesetzt und sie zum Mittagessen ins Eßzimmer getragen. ›Ich will mit euch zusammen Wanja erwarten‹, sagte sie; aber wer nicht kam, war unser Wanja. Es ist ja bald sechs Uhr! Wo hast du dich denn herumgetrieben? Ja, ihr seid ein leichtsinniges Volk! Das vergebliche Warten hat sie so aufgeregt, daß ich gar nicht mehr wußte, wie ich sie beruhigen sollte . . . zum Glück ist sie eingeschlafen, das liebe Herz. Und nun ist auch noch Nikolai Sergejewitsch in die Stadt gegangen (zum Tee wird er wieder zurück sein), und ich muß mich hier allein abquälen . . . Er bekommt eine Stelle, Iwan Petrowitsch; aber wenn ich bedenke, daß es in Perm ist, dann überläuft es mich ganz kalt . . .«

»Und wo ist Natascha?«

»Im Gärtchen, Wanjuscha, im Gärtchen! Geh zu ihr! . . . Mit der ist's auch nicht ganz richtig . . . ich weiß nicht, was ich davon denken soll . . . Ach, Iwan Petrowitsch, es ist mir recht schwer ums Herz! Sie versichert, daß sie heiter und zufrieden sei; aber ich glaube es ihr nicht . . . Geh doch zu ihr, Wanja, und sag mir dann heimlich, was sie hat! . . . Hörst du wohl?«

Aber ich hörte nicht mehr auf Anna Andrejewna, sondern lief in den Garten. Dieser Garten gehörte zum Haus; er war ungefähr fünfundzwanzig Schritte lang und ebenso breit und ganz voll Grün. Es standen darin drei hohe, alte, breitwipflige Bäume, einige junge Birken, ein paar Fliedersträucher und Geißblattsträucher; ein Winkel war mit Himbeergebüsch bestanden; auch zwei Erdbeerbeete waren da, und zwei schmale, gewundene Steige zogen sich in der Länge und in der Quere durch das Gärtchen hindurch. Der Alte war von diesem Gärtchen ganz entzückt und versicherte, es würden in ihm bald auch Pilze wachsen. Die Hauptsache war, daß Nelly dieses Gärtchen liebgewonnen hatte und oft im Lehnstuhl hinausgetragen wurde; Nelly aber war jetzt der Abgott des ganzen Hauses. Aber da war ja auch Natascha; sie kam mir freudig entgegen und reichte mir die Hand. Wie mager und blaß sie war! Auch sie hatte sich nur mit Mühe von einer Krankheit erholt.

»Bist du nun ganz fertig, Wanja?« fragte sie mich.

»Ganz und gar, ganz und gar! Nun bin ich für den ganzen Abend frei.«

»Nun, Gott sei Dank! Hast du auch nicht zu eilig geschrieben, zum Schaden der Sache?«

»Was ist zu machen? Übrigens schadet das nichts. Bei mir bildet sich infolge solcher angestrengten Arbeit ein besonderer Reizzustand der Nerven heraus; ich denke dann klarer und lebhafter und empfinde tiefer, und sogar mein Stil wird geschmeidiger, so daß gerade bei angespannter Arbeit etwas Besseres herauskommt. Es ist alles in Ordnung . . .«

»Ach, Wanja, Wanja!«

Ich hatte gemerkt, daß Natascha sich in der letzten Zeit außerordentlich für meine literarischen Erfolge und meinen Ruhm interessierte. Sie las alles, was ich im letzten Jahr hatte drucken lassen, noch einmal durch, erkundigte sich alle Augenblicke nach meinen weiteren Plänen, nahm eifrig Kenntnis von jeder Rezension, die über mich geschrieben wurde, ärgerte sich über einige derselben und wollte durchaus, daß ich in der Literatur eine hohe Stellung einnähme. Sie gab ihrem Wunsch so starken und energischen Ausdruck, daß ich über diese ihre Willensrichtung ganz verwundert war.

»Du wirst dich ausschreiben, Wanja«, sagte sie zu mir; »dadurch, daß du dir so Gewalt antust, wirst du dich ausschreiben; und außerdem wirst du deiner Gesundheit schaden. Da sieh einmal S. an; der schreibt alle zwei Jahre eine Novelle; und N. hat in zehn Jahren nur einen einzigen Roman geschrieben. Aber wie sorgsam ausgearbeitet und gefeilt sind dafür auch ihre Produkte! Da ist nicht die geringste Nachlässigkeit zu finden.«

»Ja, das mag sein; aber die befinden sich auch in gesicherter Lebensstellung und schreiben nicht für einen bestimmten Termin; ich dagegen bin ein Postklepper! Na, aber das ist alles dummes Zeug! Lassen wir es beiseite, Nataschenka! Nun, gibt es nichts Neues?«

»O doch, vieles. Erstens ein Brief von ihm.«

»Noch einer?«

»Ja, noch einer.«

Sie reichte mir einen Brief von Aljoscha. Es war schon der dritte nach der Trennung. Den ersten hatte er noch aus Moskau geschrieben, und zwar in einem Anfall von leidenschaftlicher Erregung. Er hatte ihr darin mitgeteilt, die Umstände hätten sich so gestaltet, daß es ihm schlechterdings unmöglich sei, von Moskau nach Petersburg zurückzukehren, wie das bei der Trennung in Aussicht genommen worden sei. In dem zweiten Brief hatte er sich beeilt, sie zu benachrichtigen, daß er nächstens bei uns eintreffen werde, um sich schleunigst mit Natascha trauen zu lassen; das sei beschlossene Sache, und keine Gewalt der Erde könne es hindern. Dabei aber ging aus dem ganzen Ton des Briefes hervor, daß er sich in Verzweiflung befand, daß fremde Einwirkungen ihn bereits vollständig überwunden hatten und daß er zu sich selbst kein Vertrauen mehr hatte. Er hatte darin unter anderem erwähnt, daß Katja seine Vorsehung sei; sie sei die einzige, die ihn tröste und aufrechterhalte. Mit großem Interesse entfaltete ich seinen jetzigen dritten Brief.

Er füllte zwei Briefbogen, war in abgerissenen Sätzen, unordentlich, hastig und unleserlich geschrieben und von Tintenflecken und Tränen entstellt. Am Anfang dieses Briefes sagte Aljoscha sich von Natascha los und bat sie, ihn zu vergessen. Er bemühte sich, zu beweisen, daß ihre Verbindung unmöglich sei; fremde, feindliche Einflüsse seien stärker als er; und schließlich sei es so auch das beste, da sie alle beide, er sowohl wie Natascha, unglücklich werden würden, weil sie nicht zueinander paßten. Aber er blieb nicht konsequent, ließ auf einmal all seine Erwägungen und Beweise außer acht und gestand, ohne die erste Hälfte seines Briefes zu zerreißen und wegzuwerfen, unmittelbar dahinter, daß er sich Natascha gegenüber eines Verbrechens schuldig gemacht habe, daß er ein verlorener Mensch sei und nicht die Kraft besitze, dem Willen seines Vaters zu widerstehen, der jetzt auf das Land gekommen sei. Er schrieb, er sei nicht imstande, seine Qualen zu schildern; dann gestand er unter anderem, er fühle sich vollkommen dazu befähigt, Natascha glücklich zu machen; darauf begann er auf einmal zu beweisen, daß sie durchaus zueinander paßten, widerlegte heftig und ingrimmig die Gegengründe seines Vaters, entwarf voller Verzweiflung ein Bild des glückseligen Lebens, das ihm und Natascha bevorstände, wenn sie sich heirateten, verfluchte sich wegen seiner Schwachmütigkeit und – sagte ihr für immer Lebewohl! Der Brief war augenscheinlich unter Qualen geschrieben; bei seiner Abfassung hatte er offenbar nicht aus, nicht ein gewußt; mir kamen beim Durchlesen die Tränen in die Augen. Natascha reichte mir noch einen anderen Brief von Katja. Dieser Brief war in ein und demselben Kuvert mit dem von Aljoscha gekommen, war aber besonders gesiegelt gewesen. Katja teilte ihr ziemlich kurz, in wenigen Zeilen, mit, daß Aljoscha in der Tat sehr traurig sei, viel weine und sich geradezu der Verzweiflung hingebe, ja sogar ein wenig krank sei; aber sie sei bei ihm, und er werde noch glücklich werden. Unter anderem bat Katja, Natascha möge nicht denken, daß Aljoscha sich so bald trösten könne und daß seine Traurigkeit nicht ernst sei. ›Er wird Sie niemals vergessen‹, fügte Katja hinzu; ›und er kann Sie auch schlechterdings niemals vergessen, weil er ein so gutes Herz hat; er liebt Sie grenzenlos und wird Sie immer lieben, und wenn er jemals aufhören sollte, Sie zu lieben, jemals aufhören sollte, bei der Erinnerung an Sie Schmerz zu empfinden, so würde ich selbst dafür sofort aufhören, ihn zu lieben . . .‹

Ich gab Natascha die beiden Briefe zurück: wir wechselten einen Blick miteinander; aber keiner von uns sagte ein Wort. So war es auch bei den ersten beiden Briefen gewesen, und überhaupt vermieden wir es jetzt wie auf Verabredung, über die Vergangenheit zu reden. Sie litt unsäglich; das sah ich; aber selbst mir gegenüber mochte sie sich nicht aussprechen. Nach der Rückkehr ins Elternhaus hatte sie drei Wochen lang an einem Nervenfieber krank gelegen und sich erst jetzt einigermaßen erholt. Wir redeten sogar wenig über die nahe bevorstehende Veränderung unseres Lebens, obgleich sie wußte, daß ihr Vater eine Stelle bekommen sollte und wir uns bald voneinander trennen mußten. Trotzdem war sie gegen mich so zärtlich und aufmerksam, interessierte sich in dieser ganzen Zeit so für alles, was mich betraf, und hörte mit so beharrlicher, gespannter Aufmerksamkeit alles an, was ich ihr auf ihr Verlangen von mir erzählte, daß mir das zuerst sogar peinlich war: ich hatte die Empfindung, als wolle sie mich für die Vergangenheit entschädigen. Aber diese peinliche Empfindung verschwand schnell: Ich erkannte, daß in ihr ein ganz anderes Gefühl lebendig war, daß sie mich einfach liebte, grenzenlos liebte, ohne mich nicht leben konnte und aus innerem Drang an allem, was mich betraf, Anteil nahm; und ich glaube, nie hat eine Schwester einen Bruder so warm geliebt, wie mich Natascha liebte. Ich wußte sehr wohl, daß der Gedanke an unsere bevorstehende Trennung sie schwer bedrückte und daß sie sich grämte; und sie wußte ebenfalls, daß ich nicht ohne sie leben konnte; aber wir redeten nicht davon, obwohl wir über die bevorstehenden Ereignisse eingehend miteinander sprachen . . .

Ich fragte nach Nikolai Sergejewitsch.

»Ich denke, er wird bald zurückkommen«, antwortete Natascha. »Er wollte zum Tee wieder hier sein.«

»Bemüht er sich denn immer noch wegen der Stelle?«

»Ja; übrigens ist es eigentlich schon sicher, daß er die Stelle bekommt; und ich glaube, er hatte heute gar keinen Anlaß, wegzugehen«, fügte sie nachdenklich hinzu.

»Er hätte es auch bis morgen lassen können.«

»Warum ist er denn dann fortgegangen?«

»Weil ich den Brief erhalten hatte . . .«

»Er ist um mich so ängstlich besorgt«, fügte Natascha nach einem kurzen Stillschweigen hinzu, »daß es mir geradezu peinlich ist, Wanja. Ich glaube, er träumt sogar nur von mir. Ich bin überzeugt, daß er keinen anderen Gedanken hat als den, wie ich mich befinde, wie ich lebe, woran ich jetzt denke. Jeder Kummer, den ich habe, findet in seinem Herzen einen Widerhall. Ich sehe ja, in wie ungeschickter Weise er manchmal versucht, sich Gewalt anzutun und eine Miene zu machen, als gräme er sich nicht um mich; ich sehe, wie er sich vergnügt stellt und sich Mühe gibt, zu lachen und uns zum Lachen zu bringen. Mama glaubt bei solchen Gelegenheiten auch nicht an sein Lachen, kann sich aber nicht beherrschen und fängt an zu seufzen . . . Sie ist gar zu ungeschickt . . . Eine aufrichtige Seele!« fügte sie lachend hinzu. »Siehst du, als ich nun heute die Briefe bekam, da hielt er sogleich für nötig wegzugehen, damit unsere Blicke sich nicht träfen . . . Ich liebe ihn mehr als mich selbst, mehr als alle Menschen in der Welt, Wanja«, fügte sie hinzu, indem sie den Kopf sinken ließ und mir die Hand drückte, »sogar mehr als dich.«

Wir gingen zweimal im Garten auf und ab, bevor sie wieder anfing weiterzusprechen.

»Heute war Masslobojew bei uns und gestern ebenfalls«, sagte sie.

»Ja, er ist in letzter Zeit recht oft zu euch gekommen.«

»Weißt du auch wohl, warum er herkommt? Mama glaubt an ihn, als ob er wer weiß was könnte. Sie denkt, er kenne all diese Dinge (na, ich meine die Gesetze und all so etwas), er kenne das alles so gut, daß er alles zu bewerkstelligen imstande sei. Was meinst du wohl, was ihr jetzt für ein Gedanke im Kopf herumgeht? Sie bedauert es im stillen sehr, daß ich nicht Fürstin geworden bin. Dieser Gedanke läßt ihr keine Ruhe, und wie es scheint, hat sie sich gegen Masslobojew darüber offen ausgesprochen. Mit dem Vater scheut sie sich davon zu reden; aber sie denkt, ob ihr Masslobojew nicht dabei irgendwie behilflich sein könne, ob es sich nicht auf gerichtlichem Wege erreichen lasse. Masslobojew widerspricht ihr anscheinend nicht, und sie setzte ihm jedesmal Wein vor«, fügte Natascha lächelnd hinzu.

»Das sieht der Schelmin ähnlich. Aber woher weißt du es denn?«

»Mama hat es mir ja selbst gesagt . . . durch Andeutungen . . .«

»Was macht Nelly? Wie geht es ihr?« fragte ich.

»Ich wundere mich sogar über dich, Wanja, daß du bis jetzt nicht nach ihr gefragt hast«, sagte Natascha vorwurfsvoll.

Nelly war in diesem Haus der Abgott aller. Natascha hatte eine außerordentliche Liebe zu ihr gefaßt, und Nelly hatte diese Liebe schließlich von ganzem Herzen erwidert. Das arme Kind! Sie hatte nicht erwartet, daß sie jemals solche Menschen, soviel Liebe finden werde, und ich sah mit großer Freude, daß ihr verbittertes Herz weich wurde und ihre Seele sich uns allen erschloß. Mit einer krankhaften Glut der Empfindung erwiderte sie die allgemeine Liebe, von der sie jetzt im Gegensatz zu all dem Häßlichen umgeben war, was früher bei ihr Mißtrauen, Bosheit und Eigensinn zur Entwicklung gebracht hatte. Übrigens hatte Nelly auch jetzt lange hartnäckigen Widerstand geleistet und die stillen Tränen der Versöhnung uns lange verheimlicht, bis sie sich uns schließlich ganz ergab. Sie gewann zuerst Natascha sehr lieb und dann den alten Mann. Ich aber wurde ihr dermaßen notwendig, daß ihre Krankheit sich verschlimmerte, wenn ich längere Zeit nicht kam. Als ich das letztemal auf zwei Tage Abschied nahm, um endlich meine rückständige Arbeit zu beendigen, mußte ich ihr lange tröstend zureden, natürlich auf Umwegen. Denn Nelly schämte sich immer noch, ihr Gefühl allzu offen und unverhohlen zu zeigen.

Ihr Gesundheitszustand beunruhigte uns alle sehr. Stillschweigend und ohne alle weiteren Erörterungen war beschlossen worden, daß sie für immer in Nikolai Sergejewitschs Hause bleiben solle; aber nun rückte der Umzug näher, und ihr ging es immer schlechter und schlechter. Begonnen hatte die Krankheit an dem Tag, als ich damals mit ihr zu den alten Leuten gekommen war, an dem Tag der Versöhnung mit Natascha. Übrigens, was sage ich da? Krank war sie immer schon gewesen. Die Krankheit war auch früher in ihr allmählich gewachsen, jetzt aber hatte sie mit rapider Geschwindigkeit zugenommen. Ich kannte ihre Krankheit nicht und vermag sie nicht genau zu definieren. Die epileptischen Anfälle wiederholten sich bei ihr allerdings etwas häufiger als früher; aber die Hauptsache war doch eine Art von Erschöpfung und Verfall der gesamten Kräfte, ein ununterbrochener Zustand fieberhafter Spannung; dadurch war sie in den letzten Tagen dahin gekommen, daß sie nicht mehr aus dem Bett aufstehen konnte. Und sonderbar: je mehr sie von der Krankheit überwältigt wurde, um so sanfter, freundlicher, offenherziger wurde Nelly gegen uns. Vor drei Tagen hatte sie, als ich an ihrem Bett vorbeiging, mich bei der Hand ergriffen und mich zu sich herangezogen. Im Zimmer war niemand. Ihr Gesicht glühte (sie war schrecklich mager geworden); in ihren Augen leuchtete ein besonderes Feuer. Sie reckte sich mit krampfhafter Leidenschaftlichkeit zu mir hin, und als ich mich über sie beugte, umschlang sie meinen Hals fest mit ihren mageren braunen Ärmchen und küßte mich herzlich; dann aber wünschte sie sofort, Natascha möchte zu ihr kommen. Ich rief diese herbei; Nelly wollte durchaus, daß Natascha sich zu ihr auf das Bett setzte und sie ansähe . . .

»Ich selbst will euch beide ansehen«, sagte sie. »Ich habe gestern von euch geträumt und werde heute nacht wieder von euch träumen . . . ich träume oft von euch . . . jede Nacht . . .«

Sie wollte offenbar etwas aussprechen; ihr Gefühl drückte ihr das Herz ab; aber sie verstand wohl selbst ihre Gefühle nicht und wußte nicht, wie sie sie ausdrücken sollte . . .

Den alten Nikolai Sergejewitsch liebte sie fast am allermeisten außer mir. Es muß bemerkt werden, daß auch Nikolai Sergejewitsch sie beinah ebensosehr liebte wie seine eigene Tochter. Er besaß in erstaunlichem Maße die Fähigkeit, Nelly zu erheitern und zum Lachen zu bringen. Manchmal war er kaum zu ihr hereingekommen, so fing auch sofort das Lachen und sogar das mutwillige Treiben an. Das kranke Mädchen wurde lustig wie ein kleines Kind, kokettierte mit dem Alten, neckte ihn, erzählte ihm ihre Träume, wobei sie immer etwas hinzu erdichtete, und veranlaßte ihn, auch die seinigen zu erzählen; und der Alte war beim Anblick seines ›kleinen Töchterchens Nelly‹ so fröhlich und zufrieden, daß er täglich immer mehr über sie in Entzücken geriet.

»Gott hat sie uns geschickt zum Lohn für unsere Leiden«, sagte er mir einmal, als er von Nelly herauskam, nachdem er sie nach seiner Gewohnheit für die Nacht bekreuzt hatte.

Abends saßen wir immer alle zusammen; auch Masslobojew kam fast allabendlich; mitunter stellte sich auch der alte Arzt ein, der sich der Familie Ichmenew von ganzer Seele angeschlossen hatte; und auch Nelly wurde dann in ihrem Lehnstuhl zu uns herausgetragen und an den runden Tisch gerückt. Die Tür zur Terrasse war geöffnet. Das grüne, von der untergehenden Sonne beleuchtete Gärtchen war in seiner ganzen Ausdehnung sichtbar. Der Duft des frischen Grüns und des eben aufblühenden Flieders zog von dort ins Zimmer. Nelly saß in ihrem Lehnstuhl, sah uns alle freundlich an und hörte unserem Gespräch zu. Manchmal aber wurde sie lebhafter, und ehe wir uns dessen versahen, begann sie selbst mitzureden. Aber in solchen Fällen hörten wir alle ihr gewöhnlich nur mit starker Besorgnis zu, weil in ihren Erinnerungen Stellen vorkamen, die nicht berührt werden durften. Natascha und ich und das Ichmenewsche Ehepaar, wir alle waren uns in vollem Umfang bewußt, daß wir ihre Krankheit verschuldet hatten, als sie an jenem Tag, zitternd und abgemattet, uns ihre Geschichte hatte erzählen müssen. Besonders der Arzt war gegen diese Erinnerungen, und so bemühten wir uns denn gewöhnlich, das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu bringen. Dann gab sich wieder Nelly Mühe, uns nicht merken zu lassen, daß sie unsere Absicht durchschaue, und begann, mit dem Arzt oder mit Nikolai Sergejewitsch Scherz zu treiben.

Und doch wurde es mit ihr immer schlechter und schlechter. Sie wurde außerordentlich nervös. Ihr Herz schlug unregelmäßig. Der Arzt sagte mir sogar, es sei sehr möglich, daß sie bald sterbe.

Ich teilte dies der Ichmenewschen Familie nicht mit, um sie nicht zu beunruhigen. Nikolai Sergejewitsch war durchaus überzeugt, daß sie zur Reise wieder gesund sein werde.

»Da ist auch Papa zurückgekommen«, sagte Natascha, da sie seine Stimme hörte. »Wir wollen hineingehen, Wanja!«

 

Nikolai Sergejewitsch hatte kaum die Schwelle überschritten, als er nach seiner Gewohnheit laut zu reden anfing. Anna Andrejewna winkte ihm schleunigst mit den Armen, er möchte ruhig sein. Der Alte verstummte denn auch sofort, und als er mich und Natascha erblickte, erzählte er uns flüsternd und in eilfertiger Manier von dem Ergebnis seiner Gänge: er hatte die Stelle, um die er sich bemühte, nun sicher und war sehr zufrieden.

»In vierzehn Tagen können wir hinfahren«, sagte er, indem er sich die Hände rieb und von der Seite einen besorgten Blick auf Natascha richtete.

Aber diese antwortete ihm mit einem Lächeln und umarmte ihn, so daß seine Besorgnisse sofort zerstreut waren.

»Wir wollen hinfahren, wir wollen hinfahren, meine Lieben, wir wollen hinfahren!« sagte er hocherfreut. »Nur daß wir uns von dir trennen müssen, Wanja, tut uns leid . . .« (Ich bemerkte, daß er mich kein einziges Mal aufgefordert hatte, mit ihnen mitzuziehen, was er, nach seinem Charakter zu urteilen, unter anderen Umständen unfehlbar getan haben würde, das heißt, wenn er nicht meine Liebe zu Natascha gekannt hätte.)

»Nun, was ist da zu machen, meine Lieben, was ist da zu machen? Es tut mir leid, Wanja; aber die Ortsveränderung wird uns alle neu beleben . . . Eine Ortsveränderung, das bedeutet, daß sich alles ändert!« fügte er hinzu und blickte dabei noch einmal seine Tochter an.

Er glaubte daran und freute sich in diesem seinem Glauben.

»Aber Nelly?« fragte Anna Andrejewna.

»Nelly? Nun ja, sie ist ein bißchen krank, das Herzenskind; aber bis dahin wird sie gewiß schon wieder gesund sein. Es geht ihr ja auch jetzt schon besser: meinst du nicht auch, Wanja?« sagte er; er schien plötzlich einen Schreck bekommen zu haben und blickte mich unruhig an, als müßte gerade ich seine Zweifel beseitigen können. »Was macht sie denn? Wie hat sie geschlafen? Es ist ihr doch nichts zugestoßen? Ist sie jetzt noch nicht aufgewacht? Weißt du was, Anna Andrejewna: wir wollen den Tisch schnell auf die Terrasse stellen und den Samowar dorthin bringen lassen; wenn dann unsere Freunde kommen, setzen wir uns alle dorthin, und Nelly kommt auch zu uns heraus. Das wird wunderschön sein. Ist sie denn noch nicht aufgewacht? Ich will mal zu ihr gehen. Ich will nur nach ihr sehen; beunruhige dich nicht; ich werde sie nicht aufwecken!« fügte er hinzu, als er sah, daß Anna Andrejewna wieder mit den Armen nach ihm hin gestikulierte.

Aber Nelly war schon wach. Nach einer Viertelstunde saßen wir alle wie gewöhnlich um den Tisch herum beim Abendtee.

Nelly war in ihrem Lehnstuhl herausgetragen worden. Der Arzt erschien und dann auch Masslobojew. Dieser brachte für Nelly einen großen Fliederstrauß mit; aber er selbst hatte ein sorgenvolles und anscheinend verärgertes Gesicht.

Beiläufig bemerkt: Masslobojew kam fast täglich. Ich habe schon gesagt, daß alle, und besonders Anna Andrejewna, ihn sehr liebgewonnen hatten; aber Alexandra Semjonownas wurde bei uns niemals auch nur mit einem Wort laut Erwähnung getan; auch Masslobojew selbst erwähnte sie nicht. Da Anna Andrejewna von mir gehört hatte, daß Alexandra Semjonowna noch nicht seine legitime Gattin geworden war, so hatte sie sich die Ansicht zurechtgelegt, es sei unzulässig, dieselbe in diesem Haus zu empfangen oder auch nur von ihr zu reden; das wurde denn auch streng beobachtet. Es war dies auch für Anna Andrejewna selbst charakteristisch. Wäre übrigens nicht Natascha bei ihr gewesen und hätte sich nicht das begeben gehabt, was sich begeben hatte, so wäre sie vielleicht nicht so heikel gewesen.

Nelly schien an diesem Abend besonders trüb gestimmt und sogar mit irgendeinem sorgenvollen Gedanken beschäftigt zu sein. Es war, als habe sie einen schlimmen Traum gehabt und denke nun über ihn nach. Aber über Masslobojews Geschenk freute sie sich sehr und betrachtete mit großem Genuß die Blumen, die in einem Glas vor ihr standen.

»Also hast du Blumen sehr gern, Nelly?« sagte der Alte. »Na, dann warte!« fügte er munter hinzu, »gleich morgen . . . na, du wirst ja selbst sehen! . . .«

»Ja, ich habe Blumen gern«, antwortete Nelly, »und ich erinnere mich, wie wir Mama einmal mit Blumen überraschten. Als wir noch dort waren« (›dort‹ bedeutete bei ihr jetzt das Ausland), »war Mama einmal einen ganzen Monat lang sehr krank. Heinrich und ich verabredeten uns, wenn sie aufstehen und zum erstenmal aus ihrem Schlafzimmer herauskommen würde, das sie einen ganzen Monat lang nicht verlassen hatte, dann wollten wir alle Zimmer mit Blumen schmücken. Das taten wir denn auch. Mama hatte am Abend gesagt, sie wolle am anderen Morgen unbedingt zu uns herauskommen und mit uns frühstücken. Wir standen ganz früh auf. Heinrich brachte viele Blumen, und wir schmückten das Zimmer mit grünem Laub und Girlanden. Auch Efeu war da und noch solche breitblättrigen Pflanzen (ich weiß nicht mehr, wie sie heißen) und noch andere, die sich überall anhäkeln, und große weiße Blumen waren da, und Narzissen waren da (die liebe ich von allen Blumen am meisten), und Rosen waren da, so herrliche Rosen, und noch viele, viele Blumen. Die hängten wir alle in Girlanden auf und stellten sie in Blumentöpfen hin. Und dann waren da noch solche Gewächse, die wie ordentliche Bäume aussahen, in großen Kübeln; die stellten wir in die Ecken und neben Mamas Lehnstuhl, und als Mama hereinkam, da war sie ganz erstaunt und freute sich sehr, und auch Heinrich war froh . . . Ich habe das alles noch jetzt in der Erinnerung . . .«

An diesem Abend war Nelly besonders schwach und in nervöser Erregung. Der Arzt beobachtete sie beunruhigt. Aber sie hatte sehr große Lust zu reden. So erzählte sie denn lange, bis zum Dunkelwerden, von ihrem früheren Leben »dort«, und wir unterbrachen sie nicht. »Dort« war sie mit ihrer Mama und mit Heinrich viel umhergereist, und die alten Erinnerungen traten in ihrem Gedächtnis wieder klar zutage. Sie erzählte mit sichtlicher Erregung von dem blauen Himmel, von den hohen Bergen, von den Schnee- und Eisfeldern, die sie gesehen hatte und durch die sie hindurchgefahren war, von den Wasserfällen im Gebirge; dann von den Seen und Schluchten Italiens, von den Blumen und Bäumen, von den Landleuten, von ihrer Tracht und von ihren braunen Gesichtern und schwarzen Augen; sie erzählte von verschiedenen Begegnungen und Erlebnissen, die sie gehabt hatten. Dann von den großen Städten und Palästen, von einer großen Kirche mit einer Kuppel, die einmal über und über mit buntfarbigen Lampen illuminiert worden war; dann von einer heißen südlichen Stadt unter blauem Himmel und am blauen Meer . . . Noch nie hatte Nelly uns so ausführlich von ihrem früheren Leben erzählt. Wir hörten ihr mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Wir alle hatten bis dahin nur anderes aus ihrer Vergangenheit gewußt, nämlich was sie in dieser unfreundlichen, finsteren Stadt erlebt hatte, in dieser Stadt mit der erstickenden, betäubenden Atmosphäre, mit der verpesteten Luft, mit den kostbaren, aber immer mit Schmutz bespritzten Palästen, mit der trüben, blassen Sonne und den bösen, halbverrückten Menschen, von denen sie und ihre Mutter soviel zu leiden gehabt hatten. Und ich stellte mir vor, wie sie beide in dem schmutzigen Kellergeschoß an einem feuchten dunklen Abend eng umschlungen auf ihrem armseligen Bett gelegen und sich an ihre Vergangenheit erinnert haben mochten, an den verstorbenen Heinrich und an die Wunder fremder Länder . . . Und weiter stellte ich mir auch vor, wie Nelly sich an all das erinnert haben mochte, als sie bereits allein war, ohne ihre Mutter, und als die Bubnowa durch Schläge und viehische Grausamkeit ihren Widerstand hatte brechen und sie zu Schlechtigkeiten hatte zwingen wollen . . .

Aber schließlich überfiel Nelly ein Unwohlsein, und sie mußte wieder in ihr Zimmer getragen werden. Der alte Ichmenew bekam einen argen Schreck und machte sich Vorwürfe, daß er sie so lange hatte reden lassen. Sie hatte eine Art von Ohnmachtsanfall. Ein derartiger Anfall war bei ihr schon einige Male dagewesen. Als er vorüber war, verlangte Nelly dringend, mit mir zu sprechen; sie wollte mir etwas unter vier Augen sagen. Sie bat so inständig darum, daß der Arzt diesmal selbst forderte, daß man ihren Wunsch erfüllen möchte. So gingen denn alle aus dem Zimmer.

»Was ich dir sagen wollte, Wanja, ist dies«, sagte Nelly, als wir allein geblieben waren. »Ich weiß, sie denken, daß ich mit ihnen reisen werde; aber das werde ich nicht tun, weil ich es nicht kann; ich werde einstweilen bei dir bleiben; das mußte ich dir sagen.«

Ich begann ihr freundlich zuzureden; ich sagte ihr, bei Ichmenews hätten alle sie so lieb, daß sie sie wie eine leibliche Tochter behandelten. Eine Trennung von ihr würde allen ein großer Schmerz sein. Bei mir dagegen würde sie ein schlechtes Leben haben. Ich hätte sie zwar sehr lieb; aber es sei nichts zu machen, wir würden uns trennen müssen.

»Nein, es geht nicht!« antwortete Nelly in festem Ton. »Ich sehe jetzt oft im Traum meine Mama, und sie sagt zu mir, ich solle nicht mit ihnen wegziehen, sondern hierbleiben; sie sagt, ich hätte eine schwere Sünde damit begangen, daß ich den Großvater allein gelassen hätte; und wenn sie das sagt, so weint sie immer. Ich will hierbleiben und den Großvater pflegen, Wanja.«

»Aber dein Großvater ist ja schon gestorben, Nelly«, antwortete ich erstaunt.

Sie dachte einen Augenblick nach und sah mich unverwandt an.

»Erzähle mir noch einmal, Wanja«, sagte sie, «wie der Großvater gestorben ist! Erzähle alles, und laß nichts fort!«

Ich war sehr verwundert über ihr Verlangen, begann aber doch, alles in größter Ausführlichkeit zu erzählen. Ich vermutete, daß sie irrerede oder wenigstens ihr Kopf nach dem Anfall noch nicht ganz klar geworden sei.

Sie hörte meine Erzählung aufmerksam an, und ich erinnere mich, wie ihre schwarzen, in krankem, fieberhaftem Glanz schimmernden Augen mich während meiner Erzählung starr und unverwandt ansahen. Im Zimmer war es schon dunkel.

»Nein, Wanja, er ist nicht gestorben«, sagte sie mit aller Bestimmtheit, nachdem sie alles angehört und noch einmal ein Weilchen nachgedacht hatte. »Mama spricht mit mir häufig vom Großvater, und als ich gestern zu ihr sagte: ›Aber der Großvater ist doch gestorben‹, da wurde sie sehr traurig, fing an zu weinen und sagte mir, das wäre nicht wahr; das hätte man mir absichtlich vorgeredet; er gehe jetzt auf den Straßen umher und bettle, ›so wie du und ich früher gebettelt haben‹, sagte Mama; ›und er geht immer an der Stelle umher, wo ich und du ihn das erstemal getroffen haben, als ich ihm zu Füßen fiel und Asorka mich erkannte . . .‹«

»Das ist ein Traum, Nelly, ein krankhafter Traum, weil du selbst krank bist«, entgegnete ich.

»Das habe ich auch selbst gedacht, daß es ein Traum sei«, erwiderte Nelly, »und darum habe ich es niemandem gesagt. Nur dir allein wollte ich es erzählen. Aber heute, als du nicht zum Mittagessen gekommen warst und ich dann eingeschlafen war, da sah ich im Traum auch den Großvater selbst. Er saß in seiner Wohnung und wartete auf mich und sah so unheimlich und so mager aus und sagte, er habe seit zwei Tagen nichts gegessen und Asorka auch nicht, und er war sehr böse auf mich und machte mir Vorwürfe. Er sagte mir auch, er habe gar keinen Schnupftabak, und ohne den könne er nicht leben. Das hat er auch wirklich früher einmal zu mir gesagt, Wanja, nachdem Mama schon gestorben war, als ich noch zu ihm ging. Damals war er ganz krank und verstand fast gar nichts mehr, was man zu ihm sagte. Als ich das nun heute von ihm hörte, da dachte ich: ›Ich will hingehen und mich auf eine Brücke stellen und betteln, und für das, was ich bekomme, will ich ihm Brot und gekochte Kartoffeln und Tabak kaufen.‹ Und da stand ich nun auch schon auf der Brücke und bettelte und sah, daß der Großvater in der Nähe auf und ab ging und ein Weilchen wartete und dann zu mir herantrat und sah, wieviel ich zusammenbekommen hätte, und es an sich nahm. ›Das‹, sagte er, ›ist für Brot; jetzt bettle für Tabak!‹ Ich brachte wieder etwas zusammen, und er kam wieder heran und nahm es mir weg. Ich sagte ihm, ich würde ihm auch ohne das alles abliefern und nichts heimlich für mich behalten. ›Nein‹, sagte er, ›du bestiehlst mich; auch die Bubnowa hat mir gesagt, daß du eine Diebin bist; darum werde ich dich auch niemals zu mir nehmen. Da war doch noch ein Fünfkopekenstück; wo hast du das gelassen?‹ Ich fing an zu weinen, weil er mir nicht glaubte; aber er hörte nicht auf mich und schrie immer: ›Du hast mir ein Fünfkopekenstück gestohlen!‹ Und dann schlug er mich, gleich dort auf der Brücke, und so, daß es mir sehr weh tat. Und ich weinte sehr . . . Siehst du, Wanja, darum habe ich jetzt gedacht, daß er bestimmt noch lebt und irgendwo allein umhergeht und darauf wartet, daß ich zu ihm komme . . .«

Ich begann von neuem, beruhigend auf sie einzureden und ihr zu versichern, daß ihr Großvater wirklich tot sei, und zuletzt schien es, als ob sie sich habe überzeugen lassen. Sie antwortete, sie fürchte sich jetzt einzuschlafen, weil sie von dem Großvater träumen werde. Zum Schluß umarmte sie mich herzlich . . .

»Aber verlassen kann ich dich trotzdem nicht, Wanja!« sagte sie zu mir und schmiegte sich mit ihrem Gesichtchen an mein Gesicht. »Wenn auch der Großvater nicht mehr am Leben wäre, ich würde mich doch nicht von dir trennen.«

Im Hause waren alle über Nellys Anfall erschrocken. Ich erzählte dem Arzt heimlich alle ihre Träume und fragte ihn ernstlich, was er über ihre Krankheit denke.

»Es ist noch nichts erkennbar«, antwortete er überlegend; »vorläufig stelle ich nur Hypothesen auf, ich überlege und beobachte; aber zu erkennen ist noch nichts. Nur soviel läßt sich sagen: eine völlige Genesung ist unmöglich. Sie wird sterben. Ich habe es der Familie nicht gesagt, weil Sie mich so darum baten; aber die Kleine tut mir leid, und ich schlage vor, daß wir gleich morgen auch noch andere Ärzte hinzuziehen. Vielleicht nimmt die Krankheit dann eine andere Wendung. Aber dieses Mädchen tut mir so leid, als ob sie meine Tochter wäre . . . Ein liebes, liebes Kind! Und was für einen lebhaften Geist sie hat!«

Nikolai Sergejewitsch war in besonderer Erregung.

»Hör mal, Wanja«, sagte er, »was ich mir ausgedacht habe; sie hat ja Blumen so gern. Weißt du was? Wir wollen ihr morgen, wenn sie aufwacht, einen ebensolchen Empfang mit Blumen bereiten, wie sie und dieser Heinrich es für ihre Mama getan haben; du weißt ja, was sie heute erzählt hat . . . Sie war in solcher Aufregung, als sie das erzählte . . .«

»Das ist es eben, daß sie in Aufregung war«, antwortete ich. »Aufregungen sind ihr jetzt schädlich . . .«

»Ja, aber angenehme Aufregungen, das ist eine andere Sache! Glaube mir nur, Wanjuscha, verlaß dich auf meine Erfahrung: angenehme Aufregungen tun dem Menschen nichts; angenehme Aufregungen können einen sogar kurieren, heilsam auf den Gesundheitszustand wirken . . .«

Kurz, der Alte war von seinem Einfall so entzückt, daß er ordentlich in Begeisterung geriet. Es ihm auszureden war ein Ding der Unmöglichkeit. Ich fragte den Arzt um Rat; aber ehe dieser noch hatte eine Ansicht äußern können, griff der Alte schon nach seiner Mütze und schickte sich an, wegzulaufen, um die Sache ins Werk zu setzen.

»Weißt du was?« sagte er zu mir, als er schon auf dem Sprunge stand; »hier ganz in der Nähe ist eine Gärtnerei, mit Treibhäusern, großartigen Treibhäusern. Die Inhaber verkaufen jetzt ihre Blumen aus; da kann man welche bekommen, und billig. Sogar ganz erstaunlich billig! . . . Teile du das nur meiner Frau so unterderhand mit; sonst wird sie gleich ärgerlich wegen der Ausgaben . . . Na also, das wollen wir machen . . . Ja, noch eins, lieber Freund; wo willst du jetzt hin? Du bist ja mit deiner Arbeit fertig; also hast du keine Eile, nach Hause zu kommen. Schlafe doch bei uns, oben in der Giebelstube: du weißt noch, wie früher manchmal. Dein Bett und deine Matratze, alles ist da noch am früheren Fleck; kein Mensch hat es angerührt. Du wirst da schlafen wie der König von Frankreich. Ja? Bleib hier! Morgen stehen wir recht früh auf; dann werden die Blumen gebracht, und um acht Uhr schmücken wir zusammen das ganze Zimmer. Auch Natascha wird uns helfen; sie hat ja doch mehr Geschmack als ich und du . . . Na, einverstanden? Bleibst du die Nacht hier?«

Ich willigte ein, und der Alte ordnete das Erforderliche an. Der Arzt und Masslobojew empfahlen sich und gingen fort; denn bei Ichmenews legte man sich früh schlafen, um elf Uhr. Beim Weggehen war Masslobojew sehr nachdenklich und wollte mir etwas sagen, schob es dann aber doch auf ein andermal auf. Als ich aber den alten Leuten gute Nacht gesagt hatte und nach meiner Giebelstube hinaufgestiegen war, sah ich ihn dort zu meiner Verwunderung wieder. Er saß, auf mich wartend, an einem Tischchen und blätterte in einem Buch.

»Ich bin unterwegs wieder umgekehrt, Wanja; denn es ist doch besser, wenn ich es dir gleich erzähle. Setz dich hin! Siehst du, es ist eine so dumme, verdrießliche Geschichte . . .«

»Aber was gibt es denn?«

»Dein Schurke von Fürst hat mich geärgert, schon vor zwei Wochen, und zwar dermaßen, daß ich noch jetzt wütend bin.«

»Was ist denn los? Stehst du denn mit dem Fürsten immer noch in Verbindung?«

»Na, siehst du wohl, da schreist du nun gleich: ›Was ist denn los?‹, als ob Gott weiß was passiert wäre! Du bist darin, lieber Freund Wanja, genauso wie meine Alexandra Semjonowna und wie dieses ganze unerträgliche Weibervolk überhaupt . . . Ich kann dieses Weibervolk gar nicht ausstehen! . . . Wenn eine Krähe schreit, dann heißt es gleich: ›Was ist denn los?‹«

»Na, sei nur nicht böse!«

»Ich bin auch gar nicht böse; aber man muß doch alle Dinge mit bloßen Augen ansehen und nicht durch ein Vergrößerungsglas . . . Siehst du wohl!«

Er schwieg ein Weilchen, als ob er immer noch auf mich böse wäre. Ich unterbrach ihn nicht.

»Siehst du, lieber Freund«, begann er wieder, »ich bin da auf eine Spur geraten . . . das heißt, eigentlich bin ich gar nicht darauf geraten, und es war auch gar keine Spur da; aber es schien mir so . . . das heißt, ich habe aus gewissen Erwägungen beinahe geschlossen, daß Nelly . . . vielleicht . . . Na, kurz, daß sie die legitime Tochter des Fürsten ist.«

»Was sagst du?«

»Na, nun schreist du gleich: ›Was sagst du?‹ Mit solchen Leuten ist doch überhaupt gar nicht zu reden!« schrie er wütend mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Habe ich dir etwa etwas Positives gesagt, du leichtfertiger Mensch? Habe ich dir gesagt, sie sei bewiesenermaßen die legitime Tochter des Fürsten? Habe ich dir das gesagt?«

»Hör mal, mein Bester«, unterbrach ich ihn in starker Erregung, »schrei nur nicht so und sprich in bestimmten, klaren Ausdrücken! Dann werde ich dich schon verstehen. Du mußt dir doch selbst sagen, welche Wichtigkeit das haben würde, und welche Folgen . . .«

»Na ja, Folgen; aber woraus? Wo sind die Beweise? Ohne Beweise läßt sich nichts machen, und ich sage dir das alles jetzt nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Warum ich aber mit dir darüber zu reden angefangen habe, das werde ich dir später erklären. Es war eben notwendig. Schweig still und höre zu und vergiß nicht, daß ich dir das alles nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit sage . . . Also die Sache ist diese. Schon im Winter, noch ehe der alte Smith starb, begann der Fürst, gleich nach seiner Rückkehr aus Warschau, in dieser Angelegenheit Schritte zu tun. Das heißt, begonnen hatte er damit schon viel früher, schon im vorigen Jahr. Aber das Ziel seiner Nachforschungen war damals ein anderes gewesen als jetzt. Die Hauptsache war, daß er die Spur verloren hatte. Vor dreizehn Jahren hatte er sich in Paris von Smith' Tochter getrennt und sie im Stich gelassen; aber diese ganzen dreizehn Jahre über hatte er sie unaufhörlich im Auge behalten; er hatte gewußt, daß sie mit jenem Heinrich zusammen lebte, von dem Nelly heute erzählte; er hatte gewußt, daß sie Nelly bei sich hatte; er hatte gewußt, daß sie selbst krank war; na, kurz gesagt, er hatte alles gewußt; aber auf einmal hatte er die Spur verloren. Das war ihm, wie es scheint, bald nach Heinrichs Tod passiert, als Smith' Tochter nach Petersburg reiste. In Petersburg hätte er sie selbstverständlich bald ausfindig gemacht, unter welchem Namen auch immer sie nach Rußland zurückgekehrt sein mochte; aber die Sache war die, daß seine ausländischen Agenten ihn durch eine falsche Angabe irregeführt hatten; sie hatten ihn in den Glauben versetzt, sie wohne in irgendeinem abgelegenen süddeutschen Städtchen; sie hatten sich nämlich selbst aus Nachlässigkeit geirrt und eine Personenverwechselung begangen. So verging ein Jahr oder noch mehr. Nach Verlauf des Jahres kamen dem Fürsten Zweifel: auf Grund einiger Tatsachen hatte es ihm schon früher so geschienen, als ob jenes nicht die richtige Person sei. Nun entstand die Frage: wo war die wirkliche Tochter Smith' geblieben? Und da schoß ihm der Gedanke durch den Kopf (so ganz von selbst, ohne jeden äußeren Anhalt), ob sie auch nicht in Petersburg sei. Während nun im Ausland die eine Nachforschung noch im Gange war, stellte er hier bereits eine andere an; aber er wollte sich offenbar nicht eines allzu offiziellen Weges bedienen und trat daher mit mir in Beziehung. Man hatte mich ihm empfohlen: ›Soundso‹, hatte man ihm über mich gesagt; ›er befaßt sich mit allerlei Geschäften; es ist eine besondere Liebhaberei von ihm‹, na und so weiter und so weiter . . .

Na, da setzte er mir denn nun die Sache auseinander; aber bei dieser Auseinandersetzung ließ der raffinierte Patron absichtlich vieles dunkel und undeutlich. Es kamen darin viele Fehler vor; manches wiederholte er mehrmals; einige Tatsachen stellte er gleichzeitig in verschiedener Weise dar . . . Na, natürlich, wenn einer auch noch so schlau ist, alle Fäden kann er doch nicht verbergen. Ich begann selbstverständlich damit, eine sklavische Ergebenheit und Herzenseinfalt zu fingieren; aber zufolge eines Grundsatzes, den ich mir ein für allemal zu eigen gemacht habe, und zugleich auch nach einem Naturgesetz (denn ein Naturgesetz ist es) fragte ich mich, erstens: hat er mir auch sein wirkliches Motiv ausgesprochen? und zweitens: verbirgt sich nicht hinter dem ausgesprochenen Motiv ein anderes, unausgesprochenes? Denn im letzteren Fall (und das kannst wahrscheinlich auch du, lieber Sohn, mit deinem Dichterkopf begreifen) bestahl er mich geradezu; denn wenn die Erfüllung seines Wunsches bei dem einen Motiv, sagen wir einmal, einen Rubel wert war und bei dem anderen vier Rubel, so wäre ich doch ein Narr gewesen, wenn ich ihm für einen Rubel die Auskunft verschafft hätte, die in Wirklichkeit vier Rubel wert war. Ich begann aufzumerken und zu kombinieren und kam allmählich auf eine Spur. Das eine erfuhr ich von ihm selbst, das andere von diesem und jenem Unbeteiligten, wieder anderes brachte ich durch eigenes Nachdenken heraus. Du fragst vielleicht, was mich eigentlich auf den Gedanken gebracht habe, so zu verfahren. Ich antworte: schon allein der Umstand, daß der Fürst sich gar zu sehr interessiert zeigte und vor irgend etwas große Angst hatte. Denn in der Tat: was hatte er für Grund, ängstlich zu sein, hätte man meinen sollen. Er hatte seine Geliebte ihrem Vater entführt; sie war in andere Umstände gekommen, und er hatte sie sitzenlassen. Na, was war daran Ungewöhnliches? Das war ein hübscher, vergnüglicher Streich, weiter nichts. Deswegen braucht ein solcher Mensch wie der Fürst noch keine Furcht zu haben! Aber doch hatte er Furcht. Das war's, was mich argwöhnisch machte. Und da, lieber Freund, geriet ich auf einige sehr interessante Spuren, unter anderem durch jenen Heinrich. Er war ja allerdings gestorben; aber von einer seiner Cousinen (sie ist jetzt hier in Petersburg mit einem Bäcker verheiratet), die früher leidenschaftlich in ihn verliebt gewesen ist und ihn fünfzehn Jahre lang weitergeliebt hat, trotz ihres Gatten, des dicken Bäckers, dem sie ganz unversehens acht Kinder geboren hat – also von dieser Cousine erfuhr ich glücklich mittels verschiedener komplizierter Manöver eine wichtige Tatsache. Heinrich hatte ihr nach deutscher Gewohnheit lange, tagebuchartige Briefe geschrieben und ihr vor seinem Tod allerlei ihm gehörige Papiere übersandt. Das dumme Frauenzimmer hatte das, was diese Briefe Wichtiges enthielten, nicht verstanden; verstanden hatte sie darin nur die Stellen, an denen vom Mond, von ›meinem lieben Augustin‹ und ich glaube auch noch von Wieland die Rede war. Ich aber erhielt auf diese Weise wichtige Nachrichten und kam durch diese Briefe auf eine neue Spur. Ich erfuhr zum Beispiel etwas über den alten Smith, über das Kapital, das ihm seine Tochter entwendet hatte, und über die Art, wie es der Fürst in seine Hände zu bringen gewußt hatte; endlich trat mir unter all den Ausrufen, Weitläufigkeiten und schwärmerischen Redensarten in diesen Briefen der eigentliche Hauptpunkt entgegen; das heißt, Wanja, du verstehst: nichts Positives! Der verdrehte Heinrich hatte das absichtlich verheimlicht und sich nur Andeutungen entschlüpfen lassen; aber aus diesen Andeutungen, aus allem zusammengenommen, ergab sich für mich eine himmlische Harmonie: der Fürst war mit der Tochter Smith' verheiratet! Wo er sie aber geheiratet hat, wie und wann, im Ausland oder hier, wo die Dokumente darüber stecken, das blieb völlig im dunkeln. Ich riß mir vor Ärger die Haare aus, Wanjuscha, und suchte und suchte, Tag und Nacht.

Endlich machte ich den alten Smith ausfindig; aber da starb er plötzlich. Ich habe ihn nicht mehr lebend zu sehen bekommen. Da erfuhr ich auf einmal durch einen reinen Zufall, daß auf der Wassili-Insel eine Frau, die ich schon auf dem Strich hatte, gestorben sei; ich forschte nach – und da kam ich auf die richtige Spur. Ich eilte nach der Wassili-Insel und traf da, wie du dich erinnern wirst, mit dir zusammen. Damals brachte ich ziemlich viel heraus; in vieler Hinsicht half mir dabei auch Nelly . . .«

»Höre mal«, unterbrach ich ihn, »glaubst du wirklich, daß Nelly weiß . . .«

»Was soll sie wissen?«

»Daß sie die Tochter des Fürsten ist?«

»Aber das weißt du ja selbst, daß sie die Tochter des Fürsten ist«, antwortete er, indem er mich ärgerlich und vorwurfsvoll ansah. »Wozu stellst du denn so unnütze Fragen, du Hohlkopf? Das ist nicht die Hauptsache; sondern die Hauptsache ist, daß sie nicht bloß einfach die Tochter des Fürsten, sondern seine legitime Tochter ist, verstehst du wohl?«

»Das ist unmöglich!« rief ich.

»Anfangs habe auch ich mir gesagt: ›Das ist unmöglich!‹ und auch jetzt noch sage ich mir manchmal: ›Das ist unmöglich!‹ Aber das ist ja eben die Sache, daß es doch möglich und aller Wahrscheinlichkeit nach sogar wahr ist.«

»Nein, Masslobojew, das ist nicht so; da hat dich deine Phantasie zu weit geführt!« rief ich. »Sie weiß das nicht nur nicht, sondern sie ist auch tatsächlich keine legitime Tochter. Hätte denn die Mutter, wenn sie irgendwelche Dokumente in Händen gehabt hätte, ein so jammervolles Dasein, wie sie es hier in Petersburg hatte, ertragen und überdies ihr Kind als bettelarme Waise zurückgelassen? Wie kannst du das glauben? Das ist nicht möglich!«

»Das habe ich ebenfalls gedacht, das heißt, das ist mir auch jetzt noch ein reines Rätsel. Aber es ist doch wieder zu erwägen, daß Smith' Tochter das unverständigste, verrückteste Frauenzimmer der ganzen Welt war. Sie war ein ganz eigentümliches Wesen; vergegenwärtige dir doch nur alle Umstände: das ist eben bei ihr Romantik, eine dumme Verstiegenheit im tollsten, sinnlosesten Maß. Nimm nur das eine: Zuerst hat sie von einem Himmel auf Erden geträumt, die Menschen für Engel gehalten, sich unsinnig verliebt und grenzenlos vertraut; und ich bin überzeugt, sie hat nicht darüber den Verstand verloren, daß er aufhörte, sie zu lieben, und sie im Stich ließ, sondern darüber, daß sie sich in ihm getäuscht hatte, daß er fähig gewesen war, sie zu täuschen und im Stich zu lassen, darüber, daß ihr Engel sich in ein schmutziges Subjekt verwandelt und sie gemein und unwürdig behandelt hatte. Ihre romantische, unverständige Seele ertrug diese Verwandlung nicht. Und dazu kam nun noch die Beleidigung: du verstehst, welche Beleidigung ich meine? Erschrocken und vor allen Dingen von Stolz und grenzenloser Verachtung erfüllt, sagte sie sich von ihm los. Sie zerriß alle Bande, die sie an ihn knüpften, zerriß auch möglicherweise alle Dokumente; sie ließ geringschätzig das Geld fahren, vergaß dabei sogar, daß es nicht ihr, sondern ihrem Vater gehörte, und verzichtete darauf, als wenn es Schmutz oder Staub wäre, um den Menschen, der sie betrogen hatte, durch ihre Seelengröße zu erdrücken, um ihn für einen Dieb erklären zu können und das Recht zu haben, ihn lebenslänglich zu verachten; und wahrscheinlich hat sie damals auch gesagt, sie halte es für eine Schande, seine Frau zu heißen. Es gibt bei uns keine Ehescheidung; aber de facto waren sie geschieden; und da hätte sie ihn nachher um Hilfe anflehen sollen? Erinnere dich, daß sie in ihrer Geistesgestörtheit noch auf dem Totenbett zu Nelly gesagt hat: »Geh nicht zu ihnen hin, arbeite, geh lieber zugrunde; aber geh nicht zu ihnen hin, wer auch immer dich ruft!« Also dachte sie auch da noch, daß man ihre Tochter rufen und diese somit Gelegenheit haben werde, sich noch einmal zu rächen, indem sie den Rufenden durch ihre Verachtung zu Boden drücke; kurz gesagt, sie nährte sich statt von Brot von ihren haßerfüllten Träumereien. Vielmals habe ich auch Nelly auszufragen versucht, lieber Freund; selbst jetzt probiere ich es noch manchmal. Gewiß, ihre Mutter war krank, sie hatte die Schwindsucht, und das ist eine Krankheit, die in besonderem Maße die Eigenschaft besitzt, Erbitterung und Reizbarkeit zu erzeugen und zur Entwicklung zu bringen; aber doch weiß ich durch eine Gevatterin bei der Bubnowa bestimmt, daß sie einen Brief an den Fürsten geschrieben hatte: jawohl, an den Fürsten, an den Fürsten selbst . . .«

»So hat sie einen Brief geschrieben! Und ist der Brief in seine Hände gelangt?« rief ich ungeduldig.

»Das ist es ja eben, daß ich nicht weiß, ob er in seine Hände gelangt ist! Einmal hatte Smith' Tochter mit dieser Gevatterin eine Verabredung getroffen (du erinnerst dich wohl, bei der Bubnowa, das geschminkte Mädchen? Jetzt ist sie im Arbeitshaus) und wollte durch sie diesen Brief hinschicken; sie hatte ihn auch schon geschrieben und dem Mädchen eingehändigt, ließ ihn sich dann aber wieder zurückgeben; das war drei Wochen vor ihrem Tod . . . Das ist eine bedeutsame Tatsache: Wenn sie sich einmal bereits dazu entschlossen hatte, ihn abzusenden, so kann sie ihn, wenn sie ihn auch damals zurücknahm, doch ein andermal abgesandt haben. Und so weiß ich denn nicht, ob sie den Brief abgesandt hat oder nicht; aber ich habe einen bestimmten Grund zu der Annahme, daß sie ihn nicht abgesandt hat, weil der Fürst, wie es scheint, sichere Kenntnis davon, daß sie sich in Petersburg befinde und wo genauer, erst nach ihrem Tod erlangt hat. Darüber hat er sich gewiß sehr gefreut!«

»Ja, ich erinnere mich, daß Aljoscha von einem Brief sprach, über den sein Vater sich sehr gefreut habe; aber das war erst vor kurzem, erst vor ungefähr zwei Monaten. Nun, erzähle doch weiter; wie stehst du dich denn mit dem Fürsten?«

»Wie ich mich mit dem Fürsten stehe? Sieh mal: ich habe die vollste moralische Überzeugung und keinen positiven Beweis, keinen einzigen, wie sehr ich mich auch abgemüht habe. Eine kritische Lage! Ich müßte im Ausland Nachforschungen anstellen; aber wo im Ausland? Das ist mir ganz schleierhaft. Ich sagte mir natürlich, daß mir ein Kampf bevorstehe, daß ich den Fürsten nur durch Andeutungen einschüchtern könne, indem ich so täte, wie wenn ich mehr wüßte, als ich tatsächlich weiß . . .«

»Nun, und das Resultat?«

»Er ließ sich nicht täuschen; aber er bekam es doch mit der Angst, und zwar so sehr, daß er auch jetzt noch ängstlich ist. Wir haben mehrere Zusammenkünfte gehabt: er stellte es so dar, als sei ihm viel Leid widerfahren! Einmal begann er von selbst, mir in freundschaftlicher Weise alles zu erzählen. Das war damals, als er dachte, ich wüßte alles. Er erzählte sehr geschickt, offenherzig und mit Gefühl – natürlich log er schamlos. Eben daran konnte ich ermessen, wie sehr er mich fürchtete. Ich stellte mich ihm gegenüber eine Zeitlang so an, als sei ich der schrecklichste Einfaltspinsel, der sich dabei einbilde, wunder wie schlau zu manövrieren. Ich machte ungeschickte Einschüchterungsversuche, das heißt absichtlich ungeschickte, warf ihm absichtlich Grobheiten an den Hals, fing an, ihm zu drohen – alles, damit er mich für einen Einfaltspinsel halten und infolgedessen unachtsamerweise ein Wort zu viel über die Lippen springen lassen möchte. Aber er durchschaute mich, der Schuft! Ein andermal stellte ich mich betrunken; aber es kam wieder nichts Gescheites dabei heraus: er ist eben zu schlau! Mach dir das nur klar, Wanjuscha: ich mußte vor allen Dingen in Erfahrung bringen, in welchem Grad er mich fürchte, und zweitens bei ihm die Vorstellung erwecken, daß mir mehr bekannt sei, als tatsächlich der Fall war.«

»Nun, und was war schließlich das Resultat?«

»Das Resultat war Null. Ich brauchte Beweise, und Beweise hatte ich keine. Nur eines sah er ein: daß ich ihn doch zum Mittelpunkte eines öffentlichen Skandals machen konnte. Ein solcher Skandal war das einzige, wovor er sich fürchtete; und davor fürchtete er sich um so mehr, da er hier Beziehungen anzuknüpfen begonnen hat. Du weißt doch wohl, daß er sich verheiraten will?«

»Nein . . .«

»Im nächsten Jahr! Eine Braut hat er sich schon im vorigen Jahr ausgesucht; sie war damals erst vierzehn Jahre alt; jetzt ist sie schon fünfzehn; ich glaube, sie geht noch im Kinderschürzchen, das arme Ding. Die Eltern sind darüber selig! Begreifst du nun, wieviel ihm daran gelegen war, daß seine Frau starb? Die Braut ist eine Generalstochter und schwerreich; es ist ein gehöriger Batzen Geld vorhanden! Du und ich, Wanjuscha, werden niemals solche Partien machen . . . Aber was ich mir in meinem ganzen Leben nicht verzeihen werde«, rief Masslobojew und schlug dabei heftig mit der Faust auf den Tisch, »das ist, daß er mich eingewickelt hat, vor vierzehn Tagen . . . der Schurke!«

»Wieso denn?«

»Das ging so zu. Ich sah, daß er sich über meinen Mangel an positivem Beweismaterial klar war, und fühlte ferner im stillen, daß, je länger ich die Sache hinzog, er um so deutlicher meine Machtlosigkeit durchschaute. Na, und da ließ ich mich bereitfinden, von ihm zweitausend Rubel anzunehmen.«

»Du hast zweitausend Rubel von ihm angenommen?«

»Allerdings, Wanja, mit blutendem Herzen. Zweitausend Rubel, ist das ein Preis für eine so prächtige Sache? Tief gedemütigt nahm ich das Geld hin. Ich stand vor ihm wie ein begossener Pudel; er sagte: ›Ich habe Ihnen für Ihre früheren Bemühungen noch nichts gegeben, Masslobojew‹ (aber für meine früheren Bemühungen hatte er mir schon längst der Abrede gemäß hundertfünfzig Rubel bezahlt); ›ich verreise jetzt; hier sind zweitausend Rubel, und ich hoffe, daß nun alle unsere Angelegenheiten vollständig erledigt sind.‹ Und ich antwortete ihm: ›Gewiß, vollständig erledigt, Fürst.‹ Aber ich wagte nicht, ihm ins Gesicht zu sehen; denn ich dachte, da steht gewiß darauf geschrieben: ›Na, viel hast du bei der Geschichte gerade nicht herausgeschlagen. Und ich gebe dir dummem Kerl auch das nur so aus Großmut!‹ Ich weiß gar nicht mehr, wie ich aus seinem Zimmer hinauskam.«

»Aber das war ja gemein, Masslobojew!« rief ich. »Damit hast du ja unserer Nelly aufs schwerste geschadet!«

»Das war nicht einfach gemein; das war ein Verbrechen, eine Scheußlichkeit . . . Das . . . das . . . es gibt gar keine Worte, um das auszudrücken!«

»Mein Gott! Er müßte Nelly doch wenigstens in materieller Hinsicht sicherstellen!«

»Gewiß müßte er das. Aber wodurch kann man ihn dazu zwingen? Wodurch kann man ihn einschüchtern? Da kannst du sicher sein: der läßt sich nicht einschüchtern; ich habe ja das Geld von ihm angenommen. Ich selbst, ich selbst habe damit ihm gegenüber bekannt, daß mein ganzes Einschüchterungsmaterial nur zweitausend Rubel wert ist; ich habe mich selbst auf diese Summe abgeschätzt! Womit soll man ihm jetzt angst machen?«

»Und ist denn Nellys Sache damit wirklich ganz verloren?« rief ich fast in Verzweiflung.

»Durchaus nicht!« rief Masslobojew hitzig und zitterte ordentlich am ganzen Leib vor Erregung. »Nein, ich werde ihm das nicht so hingehen lassen! Ich werde eine neue Aktion beginnen, Wanja; ich habe mir das schon vorgenommen! Was macht das aus, daß ich die zweitausend Rubel angenommen habe? Gar nichts macht das aus! Wenn man es richtig auffaßt, so habe ich das Geld als Entschädigung für eine Beleidigung genommen, weil dieser Nichtswürdige mich übers Ohr gehauen, somit sich über mich lustig gemacht hatte. Übers Ohr hat er mich gehauen und obendrein sich über mich noch lustig gemacht! Nein, ich dulde das nicht, daß sich jemand über mich lustig macht . . . Jetzt, Wanja, werde ich die Sache so angreifen, daß ich mich an Nelly selbst heranmache. Auf Grund gewisser Beobachtungen bin ich fest davon überzeugt, daß es vollständig in ihrer Macht steht, diese Sache klarzustellen. Sie weiß alles, alles . . . Ihre Mutter hat es ihr selbst erzählt. Im Fieber und in ihrem Kummer konnte sie dazu kommen, es ihr zu erzählen. Und vielleicht werden wir dabei auch auf irgendwelche Dokumente stoßen«, fügte er ganz glückselig hinzu und rieb sich die Hände. »Verstehst du jetzt, Wanja, warum ich mich hier soviel umhertreibe? Erstens aus Freundschaft zu dir, das versteht sich von selbst; hauptsächlich aber beobachte ich Nelly; und drittens, Wanjuscha, mußt du, ob du es nun willst oder nicht, mir behilflich sein, weil du großen Einfluß auf Nelly besitzt!«

»Das werde ich unfehlbar tun, ich verspreche es dir«, rief ich; »und ich hoffe, Masslobojew, daß du dich hauptsächlich um Nellys willen bemühen wirst, um der armen, geschädigten Waise willen, und nicht einzig und allein um deines eigenen Vorteils willen . . .«

»Ach, was geht es dich an, wessen Vorteil ich bei meinen Bemühungen im Auge habe, du Mann nach dem Herzen Gottes? Wenn wir nur unser Ziel erreichen – das ist die Hauptsache! Gewiß, hauptsächlich um der Waise willen; das ist ja schon ein Gebot der Menschenliebe. Aber du, Wanjuscha, verdamme mich nicht in Grund und Boden, wenn ich dabei auch für mich sorge! Ich bin ein armer Mensch, und er soll arme Menschen nicht ungestraft beleidigen. Er nimmt mir mein Eigentum weg, und obendrein hat mich der Schurke noch hinters Licht geführt. Und da soll ich einem solchen Gauner etwas schenken? Fällt mir nicht im Traum ein!«

Aber unser Blumenfest am anderen Tage mißlang. Nellys Befinden hatte sich verschlechtert, und sie konnte das Zimmer nicht verlassen.

Sie verließ dieses Zimmer überhaupt nicht mehr.

Zwei Wochen darauf starb sie. In diesen zwei Wochen ihrer Agonie war sie fast nie mehr imstande, völlig zu sich zu kommen und sich von ihren seltsamen Phantasien frei zu machen. Ihr Geist war getrübt. Sie war bis zum Augenblick ihres Todes fest davon überzeugt, daß ihr Großvater sie zu sich rufe und auf sie böse sei, weil sie nicht komme, und daß er mit dem Stock aufstoße und ihr befehle, bei gutherzigen Menschen um Geld und Brot und Tabak für ihn zu betteln. Oft begann sie im Schlaf zu weinen und erzählte dann nach dem Aufwachen, daß sie ihre Mama gesehen habe.

Nur selten kehrte ihr die Denkkraft in vollem Umfang wieder. Eines Tages war ich mit ihr im Zimmer allein geblieben; da reckte sie sich zu mir hin und ergriff meine Hand mit ihrem mageren, von der Fieberglut heißen Händchen.

»Wanja«, sagte sie zu mir, »wenn ich sterbe, dann heirate Natascha.«

Das schien schon lange ihr beständiger Gedanke zu sein. Ich lächelte ihr schweigend zu. Als sie mein Lächeln sah, lächelte sie selbst, drohte mir schelmisch mit ihrem mageren Fingerchen und begann sogleich, mich zu küssen.

Drei Tage vor ihrem Tod, an einem wunderschönen Sommerabend, bat sie, wir möchten in ihrem Schlafzimmer das Rouleau in die Höhe ziehen und das Fenster öffnen. Das Fenster ging auf den Garten hinaus; sie blickte lange in das dichte Grün, nach der untergehenden Sonne und bat dann auf einmal, man möchte sie mit mir allein lassen.

»Wanja«, sagte sie mit kaum vernehmbarer Stimme, da sie schon sehr schwach war, »ich werde bald sterben, sehr bald, und ich möchte dich bitten, mich nicht zu vergessen. Zum Andenken hinterlasse ich dir dies hier« (sie zeigte mir ein großes Amulett, das sie nebst ihrem Taufkreuz auf der Brust hängen hatte). »Das hat mir Mama hinterlassen, als sie starb. Also wenn ich sterbe, dann nimm du dieses Amulett als dein Eigentum und lies, was darin geschrieben steht! Ich werde auch allen heute noch sagen, daß sie dir dieses Amulett zu alleinigem Besitz überlassen sollen. Und wenn du gelesen haben wirst, was darin geschrieben steht, dann geh zu ihm und sage ihm, daß ich gestorben bin, ihm aber nicht verziehen habe. Sage ihm auch, daß ich kürzlich das Neue Testament gelesen habe. Da ist gesagt, daß wir allen unseren Feinden verzeihen sollen. Ja, ich habe das gelesen; aber ihm habe ich dennoch nicht verziehen; denn als Mama im Sterben lag und noch reden konnte, da war das Letzte, was sie sagte: »Ich verfluche ihn!«, und darum verfluche ich ihn auch; nicht um meinetwillen, sondern um Mamas willen verfluche ich ihn . . . Erzähle ihm, wie Mama gestorben ist, wie ich allein bei der Bubnowa zurückgeblieben bin; alles, alles erzähle ihm, und sage ihm zugleich, daß ich lieber bei der Bubnowa geblieben als zu ihm gegangen sein würde . . .«

Während Nelly das sagte, war sie ganz blaß geworden; ihre Augen funkelten, und ihr Herz begann so heftig zu schlagen, daß sie auf die Kissen zurücksank und einige Minuten lang kein Wort herausbringen konnte.

»Rufe sie her, Wanja!« sagte sie endlich mit schwacher Stimme; »ich will von ihnen allen Abschied nehmen. Leb wohl, Wanja!«

Sie umarmte mich krampfhaft zum letztenmal. Die Unsrigen kamen alle herein. Der Alte konnte es gar nicht fassen, daß sie so bald sterben solle; er konnte diesem Gedanken gar nicht Raum geben. Er stritt bis zum letzten Augenblick mit uns allen und versicherte, sie werde unfehlbar wieder gesund werden. Er wurde vor Sorge ganz mager und saß ganze Tag über und sogar nachts an Nellys Bett. In den letzten Nächten machte er kein Auge zu. Er suchte Nellys geringste Wünsche im voraus zu erraten, und wenn er aus ihrem Zimmer zu uns kam, so weinte er bitterlich, fing aber einen Augenblick darauf schon wieder an, zu hoffen und uns zu versichern, daß sie wieder genesen werde. Er stellte ihr ganzes Zimmer voll Blumen. Einmal kaufte er einen großen Strauß der prächtigsten weißen und roten Rosen, die er von irgendwoher für seine liebe, kleine Nelly geholt hatte . . . Durch all dies regte er sie sehr auf. Eine solche allgemeine Liebe erweckte in ihrem Herzen mit Notwendigkeit die gleichen Gefühle. An diesem Abend, dem Abend, an dem sie uns Lebewohl sagte, wollte der Alte durchaus nicht für immer von ihr Abschied nehmen. Nelly lächelte ihm zu und bemühte sich den ganzen Abend, heiter zu scheinen, scherzte mit ihm und lachte sogar . . . Wir alle hatten, als wir von ihr hinausgingen, beinahe wieder etwas Hoffnung; aber am anderen Tag konnte Nelly nicht mehr reden. Zwei Tage darauf starb sie.

Ich erinnere mich, wie der alte Mann ihren kleinen Sarg mit Blumen schmückte und voller Verzweiflung ihr abgemagertes, totes Gesichtchen, ihr totes Lächeln und ihre auf der Brust kreuzweise zusammengelegten Arme betrachtete. Er beweinte sie wie ein eigenes Kind. Natascha, ich und alle suchten ihn zu trösten; aber er war untröstlich und wurde nach Nellys Begräbnis ernstlich krank.

Anna Andrejewna händigte mir selbst das Amulett aus, das sie der Toten von der Brust genommen hatte. In diesem Amulett befand sich ein Brief von Nellys Mutter an den Fürsten. Ich las ihn an Nellys Todestag durch. Sie wandte sich an den Fürsten mit einem Fluch, sagte, daß sie ihm nicht verzeihen könne, schilderte ihr ganzes Leben in der letzten Zeit und das schreckliche Los, für das sie Nelly zurückließ, und beschwor ihn, wenigstens für das Kind etwas zu tun. ›Es ist Ihr Kind‹, schrieb sie, ›es ist Ihre Tochter, und Sie wissen selbst, daß sie Ihre legitime Tochter ist. Ich habe ihr befohlen, nach meinem Tod zu Ihnen zu gehen und Ihnen diesen Brief zu übergeben. Wenn Sie Nelly nicht verstoßen, dann werde ich Ihnen vielleicht in jener Welt verzeihen und am Tag des Gerichtes selbst vor Gottes Thron treten und den Richter anflehen, Ihnen Ihre Sünden zu vergeben. Nelly kennt den Inhalt meines Briefes; ich habe ihn ihr vorgelesen; ich habe ihr alles erklärt; sie weiß alles, alles . . .«

Aber Nelly hatte die Weisung der Sterbenden nicht erfüllt; sie hatte alles gewußt; aber sie war nicht zum Fürsten gegangen, sondern war unversöhnt gestorben.

Als wir von Nellys Begräbnis zurückgekehrt waren, gingen Natascha und ich in den Garten. Es war ein warmer, strahlend heller Tag. In einer Woche sollten sie fortziehen. Natascha sah mich mit einem langen, eigentümlichen Blick an.

»Wanja«, sagte sie, »Wanja, es war ja nur ein Traum.«

»Was war ein Traum?« fragte ich.

»Alles, alles«, antwortete sie, »alles in diesem ganzen Jahr. Wanja, warum habe ich dein Glück zerstört?«

Und in ihren Augen las ich den Gedanken:

»Wir hätten das ganze Leben miteinander glücklich sein können!«

 


 


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