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Elftes Kapitel.

Guelberto's Wiege lächelte das Glück,
Dem Erben Valdespesa's reicher Länderei'n,
Ein einzig Kind, wuchs er an Werth und Jahren,
Und lohnte eines Vaters Sorg und Pein.

Southey.

Als Sigismund diese, dem Ohre seiner Zuhörerin so schrecklichen Worte hervorgebracht hatte, stand er auf und floh aus dem Gemache. Der Besitz eines Königreichs hätte ihn nicht bewegen können zu bleiben und ihre Wirkung zu erwarten. Die Diener des Schlosses bemerkten sein beunruhigtes Wesen und seinen stürmischen Gang; da sie aber zu einfach waren, um darin mehr als den gewöhnlichen Ungestüm der Jugend zu argwöhnen, kam er durch das kleinere Thor und in das Freie, ohne irgend eine störende Aufmerksamkeit auf seine Bewegungen zu lenken. Hier athmete er wieder freier und die Last, welche ihm beinahe den Athem erstickt hatte, wurde erleichtert. Eine halbe Stunde schritt der junge Mann auf dem grünen Rasen dahin, ohne zu wissen, wohin er ging, bis er sah, daß seine Schritte ihn wieder unter das Fenster des Rittersaales geführt hatten. Einen Blick hinauf werfend, gewahrte er Adelheid, die noch an dem Balkon saß, und augenscheinlich noch allein. Er glaubte, sie habe geweint, und verwünschte die Schwäche, welche ihn abgehalten hatte, seinen oft erneuerten Entschluß auszuführen, sich und sein grausames Schicksal für immer ihrem Geiste zu entziehen. Ein zweiter Blick jedoch ließ ihn sehen, daß sie ihm wieder winkte, hinaufzukommen! Der Wechsel in den Vorsätzen der Liebenden ist rasch und leicht bewerkstelligt, und Sigismund, durch dessen Kopf eben ein Dutzend schlecht verdauter Pläne wogte, den See zwischen sich und sie, die er liebte, zu legen, wandte nun seine Schritte wieder eilig ihr entgegen.

Adelheid war nothwendig unter dem Einflusse der Vorurtheile der Zeit und des Landes, in welchem sie lebte, erzogen worden. Das Bestehen des Scharfrichteramtes zu Bern und die Art seiner erblichen Pflichten waren ihr bekannt; und obgleich sie über das feindselige Gefühl, das so kurz erst sich gegen den unglücklichen Balthasar gezeigt, erhaben war, hatte sie doch gewiß einen so grausamen Schlag, wie der eben auf sie geführte war, indem sie unvorbereitet erfuhr, daß dieses verachtete und verfolgte Wesen der Vater des Jünglings sei, dem sie ihre jungfräuliche Neigung geweiht, nimmermehr geahnt. Als die Worte, welche diese Verbindung verkündigten, Sigismund's Lippen entschlüpft waren, lauschte sie noch, als hätten sie ihre Ohren getäuscht. Sie hatte sich gefaßt gemacht, zu erfahren, er stamme von einem Bauern oder gemeinen Handwerker und, wie die unselige Erklärung näher rückte, beunruhigten ein oder zweimal grelle Schimmer eines Verdachtes, daß irgend eine zurückstoßende moralische Unwürdigkeit mit seiner Abstammung verbunden sei, ihre Phantasie; aber ihre Besorgnisse konnten unmöglich auch nur Ein Mal der Richtung der empörenden Wahrheit sich zuwenden. Es dauerte einige Zeit, ehe sie im Stande war, ihre Gedanken zu sammeln oder über den Weg nachzudenken, den sie nun zu verfolgen hatte. Aber lange bevor sie die nöthige Selbstbeherrschung, das zu begehren, was, wie sie jetzt sah, doppelt nothwendig war, gewonnen hatte, fand, wie wir gesehen haben, eine zweite Zusammenkunft mit ihrem Geliebten statt. Als er eintrat, war sie jedoch, wenigstens dem Aeußern nach, ruhig und gab sich die größte Mühe, ihn mit einem Lächeln zu empfangen. Da beide während der kurzen Trennung an nichts als an seine letzten Worte gedacht hatten, zeigte sich keine Unterbrechung in der Art, wie er, als er sich an ihre Seite setzte, das Gespräch wieder aufnahm, als wenn sie gar nicht getrennt gewesen wären.

»Das Geheimniß ist mir entrissen worden, Adelheid. Der Scharfrichter des Cantons ist mein Vater; wäre die Sache öffentlich bekannt, so würden die herzlosen und verstockten Gesetze mich zwingen, sein Nachfolger zu werden. Er hat kein anderes Kind, ausgenommen ein holdes Mädchen – unschuldig und lieblich wie du.«

Adelheid bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen, als wollte sie den Anblick der schrecklichen Wahrheit abwehren. Vielleicht hatte ein instinctartiger Widerwille, ihren Freund sehen zu lassen, welch ein herber Schlag ihr durch dieses Geständniß seiner Geburt beigebracht wurde, auch einigen Einfluß auf diese Bewegung. Wer die Jugendjahre hinter sich hat, und sich jene Tage der Unerfahrenheit und Hoffnung zurückrufen kann, wo die Gefühle frisch und das Herz durch zu viele Berührungen mit der Welt noch nicht befleckt ist – besonders aber, wer weiß, aus welcher zarten Mischung von Phantastischem und Reellem die gewaltigste aller Leidenschaften besteht, wie empfindlich sie auf alles sieht, was ein günstiges Licht auf den geliebten Gegenstand werfen kann, und mit welchem Scharfsinn sie sich bemüht, annehmbare Entschuldigungen für jeden Makel aufzufinden, welcher, zufällig oder verdient, den Glanz eines Gemäldes zu trüben droht, zu dessen Zeichnung die Phantasie so vieles beitrug – wird die herbe Art des Schlages begreifen, den sie erhalten hatte. Aber obschon Adelheid von Willading, in der Lebendigkeit und Glut ihrer Einbildungskraft eben so sehr Weib war, wie in der Raschheit, mit welcher sie bemerkte, daß ihre eindringenden Ansichten in der Wirklichkeit begründeter waren, als ein ernsterer Anblick der Dinge möglicherweise verbürgt haben würde; so war sie auch Weib in den edlern Eigenschaften des Herzens und in jenen festen Grundsätzen, welche den bessern Theil dieses Geschlechts geneigt gemacht zu haben scheinen, eher das schwerste Opfer zu bringen, als ihren Neigungen untreu zu werden. Während daher das Ungestüme und Rasche der Gefühle, die auf sie eingestürmt waren, ihren zarten Körper beben machte, erglomm der Dämmerschein des Rechten in ihrem reinen Geiste, und es währte nicht lange, so konnte sie die Wahrheit mit der Festigkeit des Grundsatzes schauen, obgleich dies nicht ohne zaudernde Schwäche der menschlichen Natur geschah. Als sie ihre Hände sinken ließ, blickte sie auf den schweigenden und aufmerksamen Sigismund mit einem Lächeln, welches die Todesblässe ihrer Züge überglänzte, wie ein Sonnenstrahl einen blendend weißen Gipfel ihrer heimathlichen Berge umstrahlte.

»Es würde vergeblich sein, vor dir verbergen zu wollen, Sigismund,« sagte sie, »daß ich wünschte, es wäre nicht so. Ich will sogar mehr bekennen – als die Wahrheit zuerst mich erschütterte, vergaß ich deine wiederholten Dienste, und was noch minder verzeihlich ist, deines geprüften Werthes einen Augenblick in dem Widerwillen, den ich fühlte, zuzugeben, das mein Schicksal jemals mit einem Manne vereinigt werden könnte, der sich in einer so unglücklichen Lage befindet. Es gibt Augenblicke, in denen Vorurtheile und Gewohnheiten stärker sind, als die Vernunft; aber in wohlgesinnten Gemüthern ist ihr Triumph nur kurz. Die schreckliche Ungerechtigkeit unserer Gesetze hat sich mir früher nie so gewaltig aufgedrängt, obgleich ich in der letzten Nacht, als jene elenden Reisenden so heiß dürsteten nach dem Blute des – des –«

»Meines Vaters, Adelheid!«

»Des Urhebers deines Daseins, Sigismund,« fuhr sie mit einer Feierlichkeit fort, welche dem jungen Mann zeigte, wie hoch sie dieses Band ehrte, – »obgleich ich gezwungen war zu sehen, daß die Menschen grausam ungerecht sein können; jetzt aber, da ich einen Mann wie dich von ihren Gesetzen und Beschränkungen heimgesucht sehe, bin ich nicht nur weit entfernt, ihren Druck zu billigen, nein, meine Seele empört sich gegen das Unrecht.«

»Dank, – Dank, – tausend Dank!« erwiederte der junge Mann inbrünstig. »Ich habe nicht weniger als dies von Euch erwartet, Fräulein von Willading!«

»Wenn du nicht mehr erwartetest – weit mehr, Sigismund,« begann das Mädchen wieder und ihre Blässe verwandelte sich in glühendes Roth, – »so warst du kaum minder ungerecht als die Welt, und ich will hinzufügen, du hast diese Adelheid von Willading, deren Namen du mit so kalter Förmlichkeit aussprichst, nie verstanden. Wir haben alle unsere schwachen Augenblicke; Augenblicke, wo die Lockungen des Lebens, die werthlosen Bande, welche die Gedankenlosen und Selbstischen in dem, was man die Interessen der Welt nennt, an einander binden, mehr Gewicht zu haben scheinen, als etwas anderes. Ich bin keine Träumerin, welche eingebildete und künstliche Verbindlichkeiten über die stellt, welche Natur und Weisheit geschaffen haben – denn wenn viele nicht zu rechtfertigende Grausamkeit in den Gewohnheiten der Gesellschaft ist, so haben ihre Anordnungen auch viel Weises – oder welche glaubt, einer verkehrten Phantasie müsse stets auf Kosten der Gefühle und Ansichten Anderer nachgesehen werden. Ich weiß im Gegentheil sehr wohl, daß, so lange die Menschen in dem jetzigen Zustande leben, schon die gewöhnliche Klugheit fordert, ihre Sitten zu achten, und daß unpassende Verbindungen im Allgemeinen einen gefährlichen Feind des Glückes in sich schließen. Hätte ich deine Geschichte gekannt, so würden wahrscheinlich die Furcht vor den Folgen oder jene kalten Formen, welche die Glücklichen schützen, dazwischen getreten sein und uns beide verhindert haben, uns genauer kennen zu lernen. Ich sage dies nicht, Sigismund, wie du, nach deinem Blicke, zu denken scheinst, um dir den Vorwurf einer Täuschung zu machen, denn ich kenne ja die zufällige Art unserer Bekanntschaft, und weiß, daß das trauliche Verhältnis dir durch unsere ungestüme Dankbarkeit aufgenöthigt worden, sondern einfach und zur Erklärung meiner eigenen Gefühle. Jetzt dürfen wir unsere Lage nicht nach dem gewöhnlichen Maßstab beurtheilen, und ich kann jetzt nicht blos als die Tochter des Freiherrn von Willading, welche einen Antrag von einem Unadeligen erhält, über deine Ansprüche auf meine Hand entscheiden, sondern wie Adelheid Sigismund's Ansprüche, welche eine Verminderung ihrer Vortheile, wenn du willst, erlitten, die vielleicht größer ist, als sie anfangs glaubte, abwägen muß.«

»Hältst du, nach dem, was du erfahren hast, die Annahme meiner Hand für möglich?« rief der junge Mann in aufrichtiger Verwunderung aus.

»Weit entfernt, die Sache auf diese Weise anzusehen – frage ich, ob es recht sein wird – ob es möglich sein wird, den Retter meines Lebens, den Retter des Lebens meines Vaters, Sigismund Steinbach, zurückzuweisen, weil er der Sohn eines Mannes ist, den die Welt ächtet?«

»Adelheid!«

»Laß mich ausreden,« sagte das Mädchen ruhig, aber so, daß ihre besonnene Würde seine Ungeduld zügelte. »Dies ist eine wichtige und, ich möchte sagen, feierliche Entscheidung, und sie ist mir plötzlich und ohne Vorbereitung vorgelegt worden. Du wirst darum nicht schlimmer von mir denken, wenn ich um Zeit bitte, nachzudenken, ehe ich mein Wort gebe, das in meinen Augen ewig heilig sein wird. Mein Vater, der dich für niedrig geboren hält und deinen Werth vollkommen kennt, hat mir erlaubt, zu sprechen, wie ich im Anfange unserer Zusammenkunft gesprochen habe; aber es ist möglich, daß mein Vater die Bedingungen seiner Einwilligung durch diese unselige Enthüllung der Wahrheit für geändert ansieht. Es ist nothwendig, daß ich ihm Alles sage, denn du weißt, daß ich mich an seine Entscheidung halten muß. Dein eigenes Gefühl und deine kindliche Liebe werden dies billigen.«

Ungeachtet der starken gegensprechenden Thatsachen, die er eben enthüllt, hatte die Hoffnung angefangen, sich unvermerkt zu den Wünschen des jungen Mannes zu gesellen, als er die tröstenden Worts der edeln und gefühlvollen Adelheid hörte. Es wäre für einen Jüngling, den die Natur so ausgestattet hatte, der unfehlbar seines Werthes sich bewußt, obgleich er so bescheiden in der Geltendmachung desselben war, kaum möglich gewesen, sich nicht durch ihre offene und treuherzige Aufnahme ermuthigt zu fühlen, da sie seinen Einfluß auf ihr Glück in dieser unumwundenen und einfachen Art verrieth. Aber der Entschluß, sich an ihren Vater zu wenden, ließ ihn den Gegenstand kälter in das Auge fassen, denn sein richtiges Gefühl zeigte ihm bald den Unterschied zwischen den zwei Richtern in einem Falle wie dieser.

»Beunruhige ihn nicht, Adelheid; das Bewußtsein, daß seine Klugheit verweigert, was ein edles Gefühl ihn antreiben möchte zu geben, könnte ihn unglücklich machen. Es ist unmöglich, daß Melchior von Willading einwilligt, sein einziges Kind dem Sohne des Scharfrichters seines Cantons zu geben. In einer spätern Zeit, wenn die Erinnerung an den letzten Sturm minder lebhaft sein wird, dürfte deine eigene Vernunft seine Entscheidung billigen.«

Adelheid stützte ihre weiße Stirne gedankenvoll mit der Hand und schien seine Worte nicht zu hören. Sie hatte sich von dem Schlage erholt, welcher ihr die plötzliche Nachricht von seiner Abstammung beigebracht hatte, und dachte nun gesammelter und besonnener über den Anfang ihrer Bekanntschaft, deren Fortgang und alle die kleinen Vorfälle bis zu den zwei ernsten Begebnissen, welche so stufenweise und so fest die Gefühle der Achtung und Bewunderung in dem stärkern und unlöslichen Band der Liebe verbunden hatten.

»Wenn du der Sohn dessen bist, den du nennst, warum trägst du den Namen Steinbach, während Balthasar unter einem andern bekannt ist?« fragte Adelheid, begierig, den schwächsten Faden der Hoffnung festzuhalten.

»Es war meine Absicht, nichts zu verhehlen, und dir die Geschichte meines Lebens und alle die Gründe vorzulegen, welche mein Benehmen geleitet haben,« versetzte Sigismund; »später, wenn wir beide in einem ruhigern Gemüthszustande sind, werde ich es wagen, um Gehör zu bitten – –«

»Aufschub ist unnöthig – er möchte sogar ungeeignet sein. Es ist meine Pflicht, meinem Vater alles zu erzählen, und er muß wünschen zu wissen, warum du nicht stets als der erschienst, der du bist. Denke nicht, Sigismund, daß ich Mißtrauen in deinen Beweggrund setze, aber die Vorsicht des Alters und das Vertrauen der Jugend haben so wenig mit einander gemein! Es wäre mir lieber, du erzähltest jetzt.«

Er fügte sich dem milden Ernst ihrer Miene und dem lieblichen aber traurigen Lächeln, womit sie den Wunsch unterstützte.

»Wenn du die düstere Geschichte hören willst, Adelheid,« sagte er, »so ist kein hinreichender Grund vorhanden, warum ich wünschen sollte, das wenige, was zu sagen nöthig ist, aufzuschieben. Du bist wahrscheinlich mit den Gesetzen des Cantons bekannt, ich meine jene grausamen Bestimmungen, durch welche eine besondere Familie verdammt ist, denn ich weiß kein besseres Wort zu finden, die Pflichten dieses empörenden Amtes zu vollstrecken. Dieses Amt mag in den finstern Jahrhunderten ein Vorrecht gewesen sein, es ist aber jetzt eine Auflage, welche keiner, der mit bessern Hoffnungen erzogen worden ist, zu zahlen sich entschließen kann. Mein Vater, von Kind auf in der Anwartschaft des Amtes erzogen und an dessen Vollstreckung gewöhnt, folgte, noch jung, auf seinen Vater, und obgleich von Natur ein sanfter und selbst mitleidsvoller Mann, bebte er nie vor seiner blutigen Arbeit zurück, so oft die Befehle seiner Vorgesetzten ihn aufforderten, sie zu vollstrecken. Allein, von einem menschlichen Gefühle ergriffen, hegte er den Wunsch, von mir das abzuwenden, was sein besseres Gefühl ihn als das Unglück unserer Familie ansehen ließ. Ich bin der Erstgeborne, und war, streng genommen, das Kind, das zumeist gehalten war, einst das Amt zu übernehmen. Wie ich aber hörte, verleitete zärtliche Liebe meine Mutter, einen Plan zu ersinnen, durch welchen ich wenigstens von dem Gehässigen erlöst wurde, das sich so lange an unsern Namen geknüpft hatte. Ich wurde, noch ein Kind, heimlich aus dem Hause gebracht; ein vorgeblicher Todesfall verhüllte den frommen Betrug, und so fern, Dank dem Himmel! wissen die Behörden nichts von meiner Geburt.«

»Und deine Mutter, Sigismund; ich fühle große Achtung gegen diese edle Mutter, welche gewiß mit mehr als weiblicher Festigkeit und Treue ausgestattet sein muß, daß sie deinem Vater Liebe und Beständigkeit geschworen, während sie seine Pflichten und die Hoffnungslosigkeit, ihnen zu entgehen, kannte? Ich hege eine hohe Verehrung gegen ein Weib, so erhaben über die Schwächen, und doch so treu in den wesentlichen und besten Gefühlen ihres Geschlechtes!«

Der junge Mann lächelte so schmerzlich, daß seine erregte Freundin es bedauerte, die Frage gestellt zu haben.

»Meine Mutter ist gewiß ein Weib, das man nicht nur achten, sondern in vielfacher Hinsicht hoch verehren muß. Meine arme und edle Mutter hat tausend Vorzüge, denn sie war die zärtlichste Gattin und hatte ein so mildes Herz, daß sie es mit Kummer sah, wenn dem geringsten lebenden Geschöpf ein Leid zugefügt wurde. Sie war wahrlich kein Weib, das Gott bestimmt hatte, die Mutter von Scharfrichtern zu werden.«

»Du siehst, Sigismund,« sagte Adelheid, fast athemlos vor Begierde, einen Vorwand für ihre eigene Neigung zu suchen und den innern Kampf, den er erduldete, zu mindern – »du siehst, daß Ein edles und treffliches Weib mindestens ihr Glück deiner Familie anvertrauen konnte. Ohne Zweifel war sie die Tochter eines würdigen und vernünftigen Bewohners des Cantons, der seinem Kind eine Erziehung gegeben hatte, die es lehrte, zwischen Unglück und Laster zu unterscheiden.«

»Sie war ein einziges Kind und eine Erbin, wie du, Adelheid,« antwortete er, um sich blickend, als suchte er irgend einen Gegenstand, auf welchen er einen Theil der Bitterkeit werfen könnte, die auf seinem Herzen lastete. »Du wirst von deinem Vater nicht minder geliebt und werthgehalten, als meine treffliche Mutter von dem ihrigen.«

»Sigismund, deine Miene erschreckt mich! – Was wolltest du sagen?«

»Neufchatel und andere Länder außer Bern haben ihre Bevorrechteten! Meine Mutter war das einzige Kind des Scharfrichters des erstern Ortes. Du siehst daraus, Adelheid, daß ich mich meiner Stammtafel so gut rühme, wie Andere. Gott sei gelobt, wir sind doch gesetzlich nicht gezwungen, die Verurtheilten anderer Länder, als des unsrigen, zu schlachten.«

Die wilde Bitterkeit, mit welcher dies gesprochen wurde, und die Kraft seiner Sprache durchbebte jede Nerve seiner Zuhörerin.

»So vieler Ruhm sollte nicht sinken,« begann er wieder. »Wir sind wohlhabend für Leute von wenigen Bedürfnissen, und haben ein reichliches Auskommen, ohne die Einkünfte unseres Amtes – ich hebe gern unsere langerworbenen Ehren hervor! Die Mittel eines anständigen Unterhalts sind im Ueberflusse vorhanden. Ich habe dir von den freundlichen Absichten meiner Mutter gesagt, wenigstens eines ihrer Kinder von dem Makel zu lösen, der auf uns allen lastete, und die Geburt eines zweiten Sohnes setzte sie in den Stand, ihren menschenfreundlichen Vorsatz, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, auszuführen. Ich wurde abgesondert aufgebracht und erzogen, und war viele Jahre in Unwissenheit über mein Herkommen. In dem geeigneten Alter wurde ich, ungeachtet des frühen Todes meines Bruders, unter dem erdichteten Namen, den ich trage, in die Welt geschickt, um in Diensten des Hauses Oestreich Beförderung zu suchen. Ich will dir die Pein nicht schildern, Adelheid, welche ich fühlte, als mir die Wahrheit enthüllt wurde. Unter allen Grausamkeiten, deren sich die Gesellschaft schuldig macht, ist keine ihrem Wesen nach so unbillig, wie der Schandfleck, welchen sie der Nachkommenschaft Lasterhafter oder Unglücklicher aufdrückt; unter allen ihren Gunstbezeugungen kann keine so wenig Rechtfertigung in dem Recht und der Vernunft finden, wie die dem Zufall der Geburt bewilligten Vorrechte.«

»Und doch sind wir sehr gewöhnt, die zu ehren, welche von einem alten Geschlechte abstammen, und einen Theil des Ruhmes der Vorfahren selbst in dem entferntesten Nachkommen zu erblicken.«

»Je entfernter, desto größer ist die Verehrung der Welt. Welchen bessern Beweis können wir von der Schwäche der Menschen verlangen? So ist das unmittelbare Kind des Helden, er, dessen Abstammung gewiß ist, der das Bild seines Vaters in seinen Zügen trägt, der seinen Lehren gelauscht hat, und von dem man glauben kann, daß er wenigsten einen Theil seiner Größe aus der Nähe seines Ursprungs hergeleitet habe, weniger ein Fürst, als der, welcher sein Bett durch hundert gemeine Ströme ausdehnte, und, wenn die Wahrheit bekannt wäre, gar keine natürliche Ansprüche auf das so hoch gepriesene Geblüt haben möchte! Dies kömmt von der künstlichen Hinleitung des Geistes zu Vorurtheilen und von dem verwerflichen Verlangen des Menschen, seinen Ursprung und seine Bestimmung zu vergessen, und mehr sein zu wollen, als das, wozu die Natur ihn bestimmt hat.«

»Gewiß, Sigismund, der Wunsch, Guten und Edlen anzuhören, gründet sich auf ein wohl zu rechtfertigendes Gefühl.«

»Wenn gut und edel dasselbe wäre! Deine Bezeichnung ist richtig; so lang es wirklich ein Gefühl ist, ist es nicht nur zu entschuldigen, sondern weise; denn wer sollte nicht wünschen, von Tapfern, Biedern, Gelehrten, oder durch welche andere Vorzüge sich jemand Ruhm erwarb, herzustammen? – Es ist weise, denn das Vermächtniß ihrer Tugenden ist vielleicht die beste Aufmunterung, welche der Gute hat, dem Strome gemeinerer Interessen entgegen zu kämpfen; aber welche Hoffnung bleibt einem Manne gleich mir, dessen Lage der Art ist, daß er nichts erben noch hinterlassen kann als Schande? Ich bemühe mich nicht, die Vortheile der Geburt zu verachten, blos weil sie mir nicht geworden sind; ich beklage es nur, daß künstliche Berechnungen das, was Gefühl und Geschmack sein sollte, in ein kleinliches und gemeines Vorurtheil verkehrt haben, durch welches die wirklich Unedeln größere Vorrechte haben, als die, welche vielleicht der größten Ehren würdig sind, welche der Mensch nur verleihen kann.«

Adelheid hatte die Abschweifung unterstützt, welche bei einem mit minder kräftigem, gesundem Verstand Begabten, als Sigismund, nur gedient hätte, seinen Stolz zu verwunden; aber sie bemerkte, daß er sein Herz erleichterte, indem er so seine Vernunft in das Spiel brachte und das, was sein sollte, dem, was war, gegenüber stellte.

»Du weißt,« antwortete sie, »daß weder mein Vater noch ich gewillt sind, viel Gewicht auf die Meinung der Welt in Bezug auf dich zu legen.«

»Das heißt, ihr besteht beide nicht auf dem Adel; aber wird eines von euch einwilligen, die Schmach einer Verbindung mit einem erblichen Scharfrichter zu theilen?«

»Du hast noch nicht alles erzählt, was wir wissen müssen, um einen Entschluß zu fassen.«

»Es bleibt nur wenig zu berichten übrig. Das Mittel, welches meine guten Eltern wählten, glückte so weit. Ihre zwei überlebenden Kinder, meine Schwester und ich, wurden, wenigstens eine Zeitlang, ihrem unglücklichen Schicksale entrissen, während mein armer Bruder, der wenig versprach, durch eine Parteilichkeit, bei deren Prüfung ich mich nicht aufhalten will, der Erbe unserer höllischen Vorrechte blieb. – Nein, vergib Adelheid, ich will besonnener sein; aber der Tod rettete den Jüngling von seinem schrecklichen Amte, und ich bin jetzt der einzige Sohn Balthasar's – ja,« setzte er furchtbar lachend hinzu, »auch ich habe jetzt ein kleines Monopol auf alle Ehren unseres Hauses.«

»Du – du, Sigismund, – mit deinen Sitten, deiner Erziehung, deinem Gefühl – du kannst nicht gezwungen werden, die Pflichten dieses schrecklichen Amtes zu erfüllen.«

»Man sieht leicht, daß meine hohen Privilegien Euch nicht entzücken, Fräulein von Willading, und ich kann mich auch über diesen Geschmack nicht wundern. Am meisten sollte ich staunen, daß Ihr einen Scharfrichter so lange vor Euern Augen duldet.«

»Wenn ich die Bitterkeit des Gefühls, die bei jemand in deiner Lage so natürlich ist, nicht kennte und deutete, so würde diese Sprache mir sehr wehe thun, Sigismund; aber du kannst doch nicht ernstlich glauben, es drohe dir eine wirkliche Gefahr, jemals zur Ausübung dieses Geschäftes gezwungen zu werden? Wenn ein solches Unglück dir ja bevorstehen sollte, kann der Einfluß meines Vaters es nicht abwenden? Er ist nicht ohne Gewicht in dem Rathe des Cantons.«

»Jetzt bedarf es seiner freundlichen Vermittlung noch nicht, denn außer meinen Eltern, meiner Schwester und dir, Adelheid, ist niemand mit den Thatsachen, die ich dir eben mittheilte, bekannt. Meine arme Schwester ist ein kunstloses aber unglückliches Mädchen, denn der gutgemeinte Plan unserer Mutter hat sie größtentheils ungeeignet gemacht, die Wahrheit zu ertragen, wie sie wohl gethan haben würde, wenn dieselbe ihr stets vor Augen geschwebt hätte. Die Welt angehend, so scheint ein junger Verwandter meines Vaters bestimmt, ihm nachzufolgen, und dabei muß die Sache ihr Bewenden haben, bis das Schicksal es anders fügt. In Betreff meiner armen Schwester ist einige Hoffnung, daß das Unglück ganz abgewendet werde. Sie ist im Begriff, sich hier, zu Vevay, zu verheirathen, was vielleicht das Mittel wird, ihr Herkommen in neuen Banden zu verbergen. Mein eigenes Schicksal endlich muß die Zeit entscheiden.«

»Warum sollte die Wahrheit je bekannt werden?« rief Adelheid fast erstickend vor Eifer, irgend einen Ausweg vorzuschlagen, der Sigismund auf immer von einem so verhaßten Amte befreite. »Du sagst, deine Familie besitze reichliche Mittel – überlaß jenem Jünglinge Alles, unter der Bedingung, daß er an deine Stelle tritt!«

»Ich wollte gern betteln, um derselben los zu werden –«

»Nein, du wirst kein Bettler sein, so lange die von Willading etwas haben. Die endliche Entscheidung in jeder andern Hinsicht mag sein, welche sie will, dies können wir wenigstens versprechen.«

»Mein Schwert wird mich ja schützen, in die Lage zu kommen, von deinem Anerbieten Gebrauch machen zu müssen. Mit diesem guten Schwert kann ich mich stets anständig durch das Leben bringen, wenn mich die Vorsehung vor der Schmach bewahrt, es mit dem eines Scharfrichters vertauschen zu müssen. Aber es bietet sich noch ein Hinderniß, von welchem du noch nichts gehört hast. Meine Schwester, die wahrlich keine Bewunderung vor den Würden hat, welche unsere Familie so viele Geschlechter – ich kann sagen, Jahrhunderte hindurch demüthigen – haben wir nicht alte Würden, Adelheid, so gut wie du? – meine Schwester ist mit einem Manne verlobt, der um ewiges Geheimniß in dieser Hinsicht feilscht, und dies als Bedingung setzt, unter welcher er die Hand und die reiche Mitgift eines der holdesten menschlichen Wesen annehmen will! Du siehst, daß andere nicht so großmüthig sind wie du, Adelheid! Mein Vater hat, besorgt, sein Kind unterzubringen, in die Bedingung gewilligt, und da der Jüngling, der die nächsten Ansprüche auf die Nachfolge in der Familienwürde hat, nicht sehr geneigt ist, sie anzunehmen, und den Betrug hinsichtlich meiner Schwester bereits argwöhnt, könnte ich gezwungen werden, zu erscheinen, um den Sprößling meiner guten Schwester vor dem Fluche zu schützen.«

Dies griff Adelheid auf dem schwächsten Punkte an. Ein Mädchen von ihrem edeln Sinn und aufopfernden Charakter konnte kaum den Wunsch hegen, das von andern zu fordern, dem sie sich nicht gern selbst unterzog, und die Hoffnung, die eben wieder in ihrem Herzen aufgelebt hatte, wurde durch diese Entdeckung beinahe ganz vernichtet. Doch war sie so sehr gewöhnt, ihr Gefühl durch ihren trefflichen Verstand leiten zu lassen, und es war so natürlich, an ihren gerechten Wünschen fest zu halten, so lange es noch vernünftigerweise denkbar war, sie erfüllt zu sehen, daß sie nicht verzweifelte.

»Deine Schwester und ihr künftiger Gatte kennen ihre Herkunft und wissen, was ihnen bevorsteht.«

»Sie weiß dies alles und ihr Edelmuth ist so groß, daß sie mich nicht verrathen will, um sich zu helfen. Aber diese Selbstaufopferung legt mir um so mehr die Pflicht auf, mich als den Unglücklichen kund zu geben, der ich bin. Ich kann nicht sagen, daß meine Schwester gewöhnt ist, unser langewährendes Ungemach mit all dem Schrecken zu betrachten, den ich fühle, denn sie war mit den Umständen länger bekannt und die häuslichen Sitten ihres Geschlechtes setzten sie der Möglichkeit weniger aus, den Haß der Welt zu erfahren; vielleicht kennt sie auch nicht all das Gehässige, dem wir blosgegeben sind. Meine lange Abwesenheit in fremden Diensten waren Ursache, daß ich später in das Geheimniß eingeweiht wurde, während die Besorgnisse einer Mutter um ihr einziges Kind mehrere Jahre, ehe ich die Wahrheit erfuhr, es veranlaßten, daß sie, obgleich stets in geheim, in die Familie aufgenommen wurde. Sie ist auch viel jünger als ich, und alle diese Gründe, so wie die Verschiedenheit in unserer Erziehung haben sie für unser Unglück minder empfänglich gemacht als mich; denn mich ließ mein Vater mit einer grausamen Güte gut und selbst anständig erziehen, während Christine unterrichtet wurde, wie es den Hoffnungen und der Abstammung Beider angemessener war. Nun sage mir, Adelheid, daß du mich wegen meiner Verwandtschaft hassest, und mich verachtest – weil ich so lange mich in deine Gesellschaft zu drängen wagte, während das volle Bewußtsein dessen, was ich bin, meinen Gedanken stets gegenwärtig war!«

»Ich höre deine bittern Anspielungen auf ein Ereigniß dieser Art nicht gern, Sigismund. Wenn ich dir sagte, ich fühlte diesen Umstand nicht beinahe, wenn nicht ganz so scharf, wie du,« fügte das biedere Mädchen mit einer edlen Freimüthigkeit hinzu, »so würde ich an meiner Dankbarkeit und meiner Achtung vor deinem Charakter Unrecht thun. Aber es ist mehr Federkraft in dem Herzen eines Weibes als in dem deines herrischen und stolzen Geschlechtes. Weit entfernt, von dir zu denken, wie du gern glauben möchtest, sehe ich nichts in deinem Zurückhalten, als was natürlich und zu rechtfertigen ist. Gedenke, daß du mein Ohr nicht mit Betheuerungen und Bitten, wie man gewöhnlich in Mädchen dringt, versucht hast, sondern daß die Theilnahme, welche ich dir weihe, bescheiden und anständig gewonnen worden ist. Ich kann jetzt weder mehr hören noch mehr sagen, denn diese unerwartete Kunde hat mich in nicht geringem Grade außer Fassung gebracht. Laß mich über das, was ich zu thun habe, nachdenken und bleibe versichert, daß du keinen wohlmeinenderen und parteiischern Fürsprecher in Allem, was deine Ehre und dein Glück wahrhaft betrifft, haben kannst, als mein Herz.«

Als die Tochter Melchior von Willading's schloß, reichte sie liebevoll dem jungen Mann ihre Hand, die er mit männlicher Zärtlichkeit an seine Brust drückte und sich dann langsam und ungern entfernte.



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