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Zweites Kapitel.

Mein edler Herr! Mein ganz Gesuch
Gilt einem Edelknecht,
Der, ob er Unrecht auch gethan,
Doch glaubt, er handle recht.

Chatterton.

Während ein so alter Sünder sich der Wachsamkeit auf diese unverschämte Weise glücklich entzog, zeigte das Trio der Schildwachen, nebst ihrem freiwilligen Beistande, dem Pilger, den größten Eifer, die Schmach, den höchsten Vollstrecker des Gesetzes in eine so seltsam zusammengesetzte Gesellschaft eintreten zu lassen, auf jede Art zu verhüten. Der Genfer ließ nicht sobald einen Reisenden heraus, so fingen sie auch ihre außerordentliche Untersuchung an, die auch ziemlich streng war, denn mehr als einmal drohten sie auf bloßen Verdacht hin den zitternden, unerfahrnen Reisenden zurückzuweisen. Der verschlagene Baptist ging in ihre Gefühle mit der Gewandtheit eines Demagogen ein und stellte sich eben so eifrig wie sie, während er zu gleicher Zeit besorgt war, grade dahin am meisten ihren Verdacht zu leiten, wo die geringste Gefahr war, denselben mit Erfolg gekrönt zu sehn. Durch diese Feuerprobe ging denn einer nach dem andern, bis die meisten dieser namenlosen Landstreicher unschuldig befunden worden waren, und das Gedräng um das Thor hatte sich so weit gemindert, daß eine freie Bewegung in dem Durchgang möglich ward. Die Oeffnung gestattete dem ehrwürdigen Edelmann, welcher dem Leser bereits vorgestellt worden ist, von dem weiblichen Wesen begleitet und von den Dienern unmittelbar gefolgt, dem Thore zuzuschreiten. Der Thorwärter begrüßte den Fremden mit Ehrfurcht, denn sein ruhiges Aeußere und seine gebieterische Erscheinung standen mit dem rauschenden Geplauder und dem rohen Benehmen des Gesindels, das vorangegangen war, in seltsamem Widerspruch.

»Ich bin Melchior von Willading, aus Bern,« sagte der Reisende, die Belege seiner Worte mit der Ruhe eines Mannes, der nichts zu fürchten hat, darbietend; – »dies ist mein Kind, mein einziges Kind –« der alte Mann wiederholte die letzten Worte mit melancholischem Nachdruck – »und diese, die meine Livree tragen, sind alte und treue Diener meines Hauses. Wir gehen über den St. Bernhard, um die rauhere Seite unserer Alpen mit der zu vertauschen, welche Schwächern mehr zusagt – um zu sehen, ob es in Italien eine Sonne gibt, die Wärme genug hat, diese schmachtende Blume zu beleben und sie das Haupt noch einmal fröhlich erheben zu lassen, wie das, bis neulich, in ihren heimathlichen Hallen immer der Fall war.«

Der Bedienstete lächelte und wiederholte seine Bücklinge, indem er es fortwährend ablehnte, die dargebotenen Papiere anzunehmen; der alte Vater gab aber seinen überströmenden Gefühlen in einer Weise nach, welche selbst ein minder reges Mitgefühl in Thätigkeit gesetzt hätte.

»Dem Fräulein stehen Jugend und ein zärtlicher Vater zur Seite,« sagte er. »Dies ist viel, wenn uns die Gesundheit fehlt.«

»Sie ist wahrlich zu jung, um so früh zu sinken,« erwiederte der Vater, der sein unmittelbares Geschäft augenscheinlich vergessen hatte und mit einem thränenvollen Auge auf die entfärbten, aber immer noch unendlich anziehenden Züge der jungen Dame schaute, die mit einem Blick der Liebe seine Sorgfalt lohnte; »aber Ihr habt nicht nachgesehen, daß ich der Mann bin, als welchen ich mich darstellte.«

»Es ist nicht nöthig, edler Herr; die Stadt weiß von Eurer Gegenwart, und es ist mir besonders aufgetragen, alles zu thun, was einem unter unsern Bundesverwandten so geehrten Manne die Reise durch Genf in der Erinnerung angenehm machen könnte.«

»Die Artigkeit der Stadt bewährt ihren bekannten Ruf,« sagte der Freiherr von Willading, indem er die Papiere wieder in den gewöhnlichen Umschlag legte, und die Höflichkeit wie jemand, der an Ehren dieser Art gewohnt ist, aufnahm: »Seid Ihr Vater?«

»Der Himmel war nicht karg mit Gaben dieser Art: an meinem Tische essen elf, außer denen, welche ihnen das Leben gaben.«

»Elf! – der Wille Gottes ist ein schreckliches Geheimnis! Und die, die du hier siehst, ist die einzige Hoffnung meines Stammes, die einzige Erbin des Namens und der Güter der Willading! Seid Ihr mit Eurer Lage zufrieden?«

»Es gibt Leute in unserer Stadt, denen es nicht so gut ergeht! Nehmt zugleich meinen besten Dank für das freundliche der Frage!«

Eine leichte Röthe überflog das Antlitz der Adelheid von Willading, denn so hieß die Tochter des Berners, und sie trat dem Thorwärter einen Schritt näher.

»Die so wenige an ihrem eigenen Tische haben, müssen nothwendig an diejenigen denken, welche so viele haben,« sagte sie und ließ ein Goldstück in die Hand des Genfers fallen; dann fügte sie mit einer Stimme, die kaum lauter war, als ein Flüstern, hinzu: »Wenn die jungen und unschuldigen Glieder Eurer Familie ein Gebet zu Gunsten eines armen Mädchens, die dessen sehr bedürftig ist, gen Himmel senden wollen, so wird Gott dessen eingedenk sein, und es kann vielleicht den Kummer eines Mannes erleichtern helfen, der da fürchtet kinderlos zu werden.«

»Gott segne Euch, Fräulein!« sagte der Bedienstete, dem Gesinnungen dieser Art selten vorgekommen waren, und welchen die milde Hingebung und Frömmigkeit der Sprechenden, deren einfaches, aber einnehmendes Wesen ihn fast zu Thränen rührte, tief ergriffen hatte: »Meine ganze Familie, alt und jung, sollen Eurer und der Eurigen gedenken.«

Adelheid's Wangen verloren den rosigen Anflug wieder, und sie begleitete ruhig ihren Vater, welcher dem Fahrzeug entgegen schritt. Eine Scene dieser Art mußte wohl auf die verstockten Herzen derer wirken, welche am Thore wachten. Sie hatten begreiflicherweise einem Manne von Melchior von Willading's Stande nichts zu sagen, und dieser ging ungefragt in das Schiff. Der Einfluß der Schönheit und des hohen Standes, verbunden mit so viel einfacher Grazie, als die schöne Theilnehmerin an dem kleinen Vorfalle, den wir eben erzählten, gezeigt hatte, konnte nicht ohne tiefen Eindruck auf die rohen Gefühle des Neapolitaners und seiner Gefährten bleiben. Sie ließen nicht nur alle die Diener ungefragt vorüber gehen, sondern es dauerte auch einige Zeit, bis ihre Wachsamkeit wieder die frühere Härte annahm. Den zwei oder drei Reisenden, welche folgten, kam dieser glückliche Wechsel ihrer Stimmung zu statten.

Der Erste, welcher zu dem Thore kam, war der junge Krieger, den der Freiherr von Willading so oft unter dem Namen Monsieur Sigismund angeredet hatte. Seine Papiere waren in der Ordnung und seiner Abreise stand sein Hindernis entgegen. Es kann in Zweifel gezogen werden, in wie fern dieser junge Mann geneigt gewesen wäre, sich diesen außeramtlichen Untersuchungen der drei Abgeordneten des Haufens zu unterwerfen, wenn sie dieselben hätten geltend machen wollen, denn er schritt dem Kai mit einem Auge zu, das eher jedes andere Gefühl als Freundschaft und Willfährigkeit ausdrückte. Achtung, oder ein zweideutigeres Gefühl wurde sein Schutz, denn keiner, den Pilger ausgenommen, der in der Verfolgung seines Zweckes einen übermäßigen Eifer zeigte, ging so weit, bei seinem Dahinschreiten auch nur eine leise Bemerkung zu wagen.

»Da bewegt sich ein Arm und ein Schwerdt dahin, die eines Christen Tage wohl abkürzen könnten,« sagte der freche und schaamlose Kirchenmäkler, »und doch fragt niemand nach seinem Namen und Beruf.«

»Ihr hättet am besten selbst gefragt,« erwiederte der höhnische Pippo, »da Ihr an Büßung gewohnt seid. Was mich betrifft, so bin ich zufrieden, einen Burzelbaum zu machen, wenn es mir beliebt, ohne auf einen Wink von dem Arme dieses jungen Riesen zu warten.«

Der arme Gelehrte und der Berner Bürger schienen sich dieser Ansicht vollkommen zu fügen, und man sprach nicht weiter von der Sache. Mittlerweile war ein anderer an das Thor gekommen. Dieser neue Vorspruch hatte in seinem Aeußern wenig, das die Wachsamkeit des argwöhnischen Trio's in Anspruch nahm. Ein ruhiger, zahm-aussehender Mann, dem Ansehen nach dem Mittelstande angehörend, und von friedlichem und anspruchslosem Aeußern, hatte seinen Paß dem treuen Wächter der Stadt dargereicht. Der Letztere las das Papier, warf einen schnellen und forschenden Blick auf dessen Besitzer und gab das Blatt in einer Weise zurück, welche Eile und den Wunsch aussprach, seiner los zu werden.

»Es ist gut,« sagte er, »Ihr könnt Eures Weges gehen.«

»He da!« rief der Neapolitaner, für welchen Possenreißerei sowohl aus natürlicher Neigung als aus Gewohnheit eine Lieblingsbeschäftigung war; – »he da! sehen wir endlich Balthasar in diesem blutdürstigen und wildaussehenden Reisenden?«

Wie der Redner erwartet hatte, wurde dieser Spott durch ein lautes Gelächter belohnt und er sonach ermuntert, fortzufahren. –

»Ihr kennt unser Amt, Freund,« sagte der gefühllose Possenreißer, »und müßt uns Eure Hände zeigen. Niemand kömmt heraus, der mit Blut befleckt ist.«

Der Fremde schien betroffen, denn er war augenscheinlich ein Mann von einem stillen, friedlichen Charakter, der durch die Zufälle der Reise mit einem Menschen in Berührung gekommen war, welcher in dieser gefühllosen Art des Witzes nur zu viel Uebung hatte. Er zeigte jedoch mit unumwundener und zuversichtlicher Einfachheit seine Hand, was ein jubelndes Gelächter aller der Umstehenden zur Folge hatte.

»Das reicht nicht hin; Seife und Asche und die Thränen der armen Opfer können selbst von Balthasar die Spuren seines Treibens abgewaschen haben. Die Flecken, die wir suchen, sind auf Eurer Seele, Mann, und in diese müssen wir schauen, ehe Ihr ein Gefährte dieser wackern Gesellschaft werden könnt.«

»Ihr habt jenen jungen Krieger dort nicht so gefragt,« versetzte der Fremde, dessen Auge funkelte, wie selbst milde Charaktere eine Beschimpfung, zu der sie keine Veranlassung gegeben, zurückweisen, obgleich er heftig zitterte, den offenen Beleidigungen so roher und nichtswürdiger Menschen preisgegeben zu sein; »Ihr habt es nicht gewagt, jenen jungen Krieger dort so zu fragen.«

»Bei der Fürsprache des heiligen Januarius, welche, wie bekannt, fliehende und geschmolzene Lava aufhält, ich wünschte lieber, Ihr übernähmt dieses Amt, als ich. Jener junge Krieger ist ein ehrenwerther Kopfabschneider, und es ist eine Freude, ihn auf der Reise zum Gefährten zu haben; denn ohne Zweifel sprechen täglich sechs oder acht Heilige zu seinen Gunsten. Er aber, den wir suchen, ist der Auswurf Aller, der Guten wie der Bösen, sowohl im Himmel, wie auf Erden, und an jenem andern heißen Orte, wohin er gewiß geschickt wird, wenn seine Zeit gekommen ist.«

»Und doch vollstreckt er nur das Gesetz!«

»Was ist das Gesetz im Vergleich mit der öffentlichen Meinung, Freund? Aber geht Eures Wegs; niemand argwöhnt in Euch den furchtbaren Feind unserer Köpfe. Geht in Gottes Namen Eures Wegs und betet, daß Balthasar's Beil Eurem Halse fern bleibt.«

Die Züge des Fremden bewegten sich, als wollte er antworten; aber er änderte plötzlich seinen Entschluß, schritt weiter und verschwand augenblicklich in dem Fahrzeuge. Der Mönch vom St. Bernhard kam zunächst. Aber der Augustiner und sein Hund waren alte Bekannte des Genfers, der von dem erstern keinen Ausweis über seinen Charakter und sein Thun begehrte.

»Wir sind die Beschützer des Lebens und nicht dessen Feinde,« bemerkte der Mönch, als er den gesetzlicheren Wächter des Hafens verließ und sich denen näherte, deren Ansprüche an ein solches Amt bestritten werden konnte; – »wir leben auf dem Schnee, damit keine Christen ohne den Beistand der Kirche sterben.«

»Ehre Euch und Euerm Thun, frommer Augustiner!« sagte der Neapolitaner, welchem, frech und verworfen, wie er war, jener Instinct der Achtung gegen die, welche zum Besten anderer ihre Natur verläugnen, inne wohnte, der allen, wie sehr sie auch durch die Sünde verderbt sind, gemeinschaftlich ist. »Ihr und Euer Hund, der alte Uberto, mögt, mit unsern besten Wünschen für Euch Beide, frei passiren.«

Es war jetzt niemand mehr auszufragen und man gelangte, nach einer kurzen Berathung zwischen den abergläubischeren Reisenden, zu der sehr natürlichen Ansicht, der anstößige Scharfrichter habe sich, durch die gerechten Warnungen verschüchtert, unbemerkt aus dem Haufen zurückgezogen und sie seien endlich von seiner Gegenwart glücklich befreit. Das Bekanntwerden der willkommenen Nachricht verbreitete eine große Heiterkeit unter den verschiedenen Gliedern der bunten Gesellschaft, und alle schifften sich eilfertig ein, denn Baptist erklärte nun laut und ungestüm, es sei jetzt nicht mehr möglich, auch nur einen Augenblick länger zu zögern.

»Was denkt ihr, Leute!« rief er mit gut vorgebrachtem Eifer; »sind die Winde des Lemans Livree-Bediente, welche kommen und gehen, wie eure Laune es fordert? Die jetzt aus Osten und jetzt aus Westen blasen, wie ihr es gerade für euern Reiseweg braucht? Nehmt an dem edeln Melchior von Willading ein Beispiel, welcher seinen Platz schon lange eingenommen hat, und betet, wenn ihr wollt, jeder nach seiner Art zu den Heiligen, damit dieser schöne Westwind uns nicht zur Strafe unserer Nachlässigkeit verlasse.«

»Dort kommen in aller Eile noch Leute, um sich uns anzuschließen!« fiel der verschlagene Italiener ein; »macht Euer Tau schnell los, Meister Baptista, oder, bei San Gennaro, wir werden noch länger aufgehalten!«

Der Schiffsherr zähmte plötzlich seinen Eifer und eilte an das Thor zurück, um sich zu versichern, was er von diesem unvorhergesehenen Begebniß zu erwarten habe.

Zwei Reisende in der Kleidung von Leuten, die mit dem Reisen vertraut sind, von einem Diener begleitet und von einem Träger gefolgt, der unter der Last ihres Gepäckes wankte, näherten sich dem Wasserthore eilig, als wüßten sie, daß der geringste Verzug ihr Zurückbleiben veranlassen könnte. An der Spitze dieses Zuges war ein Mann, welcher den Mittag des Lebens lange hinter sich hatte und der offenbar mehr durch die Ehrfurcht seiner Gefährten als durch seine physische Kraft in den Stand gesetzt war, diesen Platz zu behaupten. Ueber den einen Arm war ein Mantel geworfen, während er in der andern Hand den Degen hielt, welchen damals jeder von adeligem Geschlecht für ein nothwendiges Zubehör seines Standes ansah.

»Ihr hättet beinahe das letzte Fahrzeug versäumt, welches zu dem Feste von Vevay absegelt, Signori,« sagte der Genfer, welcher die Heimath der Fremden auf einen Blick errathen hatte, »wenn, wie ich nach der Richtung Eures Weges und nach Eurer Eile urtheile, diese Lustbarkeiten Euch anziehen.«

»Unser Weg geht dorthin,« erwiederte der ältere der Reisenden, »und wir sind auch, wie Ihr sagt, ein wenig säumig gewesen. Eine schnelle Abreise und schlechte Wege waren der Grund – da wir aber glücklicher Weise noch Zeit haben, dieses Fahrzeug zu benutzen, so habt die Güte und seht unsern Reisepaß nach.«

Der Genfer durchlas das ihm dargebotene Papier mit der gewöhnlichen Sorgfalt und wendete es dann von Seite zu Seite, als wäre nicht alles in Richtigkeit, auf eine Weise jedoch, die zeigte daß ihm die Nichtwahrung der Formen leid that.

»Signore, Euer Paß ist, was Savoyen und die Provinz Nizza betrifft, in der besten Ordnung, aber die Formen unserer Stadt fehlen.«

»Bei San Francesco, das ist Jammer und Schade. Wir sind ehrliche Genuesische Edelleute, welche den Festlichkeiten Vevay's beizuwohnen eilen, von denen der Ruf einen lockenden Bericht gibt, und unser einziger Wunsch ist, friedlich zu kommen und zu gehen. Wir haben uns verspätet, wie Ihr seht; als wir vor der Post abstiegen, erfuhren wir, ein Schiff sei im Begriff, seine Segel nach dem andern Ende des Sees aufzuspannen, und hatten keine Zeit, uns über die Anforderungen zu belehren, welche die Gesetze Eurer Stadt für nothwendig halten mögen. So viele wenden ihr Antlitz demselben Wege zu, um diese alten Spiele mit anzusehen, daß wir unsere schnelle Reise durch diese Stadt nicht für wichtig genug hielten, Euern Vorgesetzten die Mühe zu machen, unsere Papiere zu untersuchen.«

»Darin habt Ihr irrig geurtheilt, Signore. Ich habe auf meine Pflicht geschworen, alle die anzuhalten, denen die Erlaubniß der Republik zur Weiterreise fehlt.«

»Dies ist im geringsten Anschlag unglücklich. Seid Ihr der Patron des Schiffes, Freund?«

»Und dessen Eigenthümer, Signore,« erwiederte Baptist, welcher dem Gespräche mit Wünschen, die seinen Zweifeln gleich kamen, zugehört hatte. »Ich würde bei weitem zu glücklich sein, meiner Reisegesellschaft solche ehrenvolle Herrn zuzugesellen.«

»Ihr werdet also Eure Abreise verzögern, bis dieser Herr den Vorstand der Stadt besucht und die erforderliche Erlaubniß, sie zu verlassen, erhalten hat? Eure Gefälligkeit soll nicht unbelohnt bleiben.«

Als der Genueser schwieg, ließ er in die an solcherlei Spenden gewöhnte Hand eine Zechine der berühmten Republik, deren Bürger er war, fallen. Baptist hatte seinen Hang, durch Gold auf sich wirken zu lassen, lange gepflegt und mit unverstelltem Widerwillen gab er die Nothwendigkeit zu, in diesem Falle von seinem besten Willen keinen Nutzen ziehen zu können. Indessen hielt er das Goldstück fest, denn er wußte nicht recht, wie er seinen Widerwillen, sich von ihm zu trennen, besiegen sollte, und antwortete auf eine ziemlich verlegene Weise, um dem andern zu zeigen, daß er durch seine Freigebigkeit sich wenigstens einen wesentlichen Vortheil erworben habe.

»Die Excellenz begehrt mehr als sie weiß,« sagte der Schiffsherr, die Münze zwischen seinem Daumen und Zeigefinger spielen lassend: »die Genfer Bürger bleiben gern zu Haus, bis die Sonne herauf ist, damit sie ihre Hälse nicht brechen, wenn sie im Dunkeln durch die holprichten Straßen gehen, und es wird noch zwei lange Stunden dauern, ehe ein einziges Bureau in der Stadt seine Fenster öffnen wird. Ueberdies gleicht so ein Polizeimann keinem von uns Seeleuten, die glücklich sind, wenn Wetter und günstige Gelegenheit sie einen kleinen Gewinn erhaschen läßt; jener ist ein regelmäßiger Esser, der seine Trauben und seinen Wein haben muß, ehe er seinen Verstand zum Heil seiner Vorgesetzten gebraucht. Der Winkelried würde bei diesem frischen Westwinde, der zwischen seinen Masten summt, des Nichtsthuns müde werden, während der arme Herr vor dem Thore des Stadthauses über die Trägheit der Bediensteten fluchte. Ich kenne die Schurken besser als die Excellenz, und würde irgend ein anderes Auskunftsmittel anrathen.«

Baptist blickte mit einem gewissen Ausdrucke auf den Wächter des Wasserthores, und zwar so, daß seine Absicht dem Reisenden hinreichend klar ward. Der Letztere las einen Augenblick in dem Gesichte des Genfers und besser geübt, als der Schiffsherr, oder ein scharfsichtigerer Charakter-Beurtheiler, wies er es glücklich von sich, durch den Versuch den Thorwächter zu bestechen, sich in Ungelegenheiten zu bringen. Wenn es allzu viele gibt, die sich gern durch eine geschickt geleitete Bestechlichkeit zum Vergessen ihrer Pflichten verleiten lassen, so findet sich noch eine kleine Zahl, die eine größere Freude darin findet, über solche Versuchungen erhaben zu sein. Der Thorwächter war zufällig einer der Letztern, und durch eine der vielen unerklärlichen Beregungen des menschlichen Gefühls ließ dieselbe Eitelkeit, die ihn verleitet hatte, den Maledetto lieber unbefragt durch das Thor gehen zu lassen, als seine eigene Unwissenheit blos zu geben, ihn jetzt wünschen, er möchte des Fremden gute Meinung von seiner Ehrlichkeit auf irgend eine Weise vergelten können.

»Wollt Ihr mich Euern Paß noch einmal ansehen lassen, Signore?« fragte der Genfer, als glaubte er, eine hinreichend gültige Vollmacht zu dem, was er nun eifrig zu thun wünschte, könnte noch in dem Papiere selbst gefunden werden.

Die Untersuchung war fruchtlos, außer daß sie darthat, der ältere Genueser heiße Signor Grimaldi und sein Gefährte habe den Namen Marcelli. Den Kopf schüttelnd gab er das Papier mit der Miene eines Menschen zurück, der sich getäuscht findet.

»Ihr könnt nicht die Hälfte dessen gelesen haben, was dieses Papier enthält,« sagte Baptist grämlich; »dieses Lesen und Schreiben ist keine so leichte Sache, daß mit einem Augenblinzeln alles abgethan wäre. Seht noch einmal hin, vielleicht findet Ihr alles in der Regel. Es ist unvernünftig, anzunehmen, Signori von solchem Range reisten wie Landstreicher mit verdächtigen Papieren.«

»Es fehlt nichts als die Unterschrift der städtischen Behörden, ohne welche meine Pflicht niemanden vorbei läßt, der wirklich ein Reisender ist.«

»Signore, das kömmt von der verwünschten Schreibkunst, die in neuerer Zeit sehr verbreitet und höchlich mißbraucht wird. Ich habe die ältern Schiffer des Leman die gute alte Zeit sehr loben hören, wo Kasten und Ballen kamen und gingen, und wo zwischen dem Versender und dem Empfänger keine Tinte das Papier berührte; und jetzt ist es so weit gekommen, daß keine Christenseele sich auf ihren eigenen Füßen bewegen kann, ohne die Scribler um Erlaubniß zu fragen.«

»Wir verlieren die Zeit mit Worten, während es weit besser wäre, etwas zu thun,« erwiederte Signore Grimaldi. »Der Paß ist glücklicherweise in der Sprache des Landes abgefaßt und bedarf nur eines Blickes, um die Bestätigung der städtischen Behörden zu erhalten. Ihr werdet wohl thun, uns zu sagen, daß Ihr die für dieses kleine Geschäft nöthige Zeit warten wollt.«

»Wenn die Excellenz mir des Dogen Krone zum Geschenk böte, könnte dies nicht sein. Unsre Lemans Winde warten nicht auf Könige! oder Adlige, Bischöfe oder Priester, und die Verbindlichkeit gegen die, welche ich in das Fahrzeug aufgenommen habe, gebietet mir, den Hafen sobald als möglich zu verlassen.«

»Ihr seid mit lebendiger Fracht bereits wohl beladen,« sagte der Genueser, das tiefgeladene Schiff mit einem halb mißtrauischen Auge betrachtend. »Ich hoffe, Ihr habt durch Aufnahme so Vieler der Kraft Eures Fahrzeugs nicht zu viel zugemuthet?«

»Ich konnte die Zahl leicht ein wenig vermindern, edler Herr, denn alle, die Ihr zwischen den Kisten und Fässern eingeschichtet seht, sind schlechtes Volk, das nur Belästigung schafft, und wegen der Aufnahme derer, die gern mehr bezahlen als sie, Verlegenheiten veranlaßt. Der edle Schweizer, der würdige Melchior von Willading, den Ihr mit seiner Tochter und dem Gefolge in der Nähe des Steuers seht, zahlt für die Fahrt nach Vevay mehr als alle diese namenlosen Lumpen zusammen.«

Der Genueser trat hastig und mit einem Eifer, welcher eine plötzliche und auffallende Theilnahme an dem Inhalte dieser Worte an den Tag legte, auf den Schiffsherrn zu.

»Wie sagt Ihr? von Willading?« rief er, eifriger, als wohl ein viel jüngerer bei der unerwarteten Ankündigung irgend eines erfreulichen Begebnisses. »Und Melchior dieses ehrenwerthen Namens?«

»Derselbe, Signore! Kein anderer trägt diesen Namen jetzt, denn der alte Stamm, sagt man, ist dem Erlöschen nahe. Ich erinnere mich noch, daß eben dieser Freiherr von Willading mit seinem Boote so rasch, wie irgend einer im Schweizerland, in einen wild erregten See stach.«

»Das Glück hat mich wahrhaft begünstigt, guter Marcelli!« fiel der andere ein und ergriff die Hand seines Begleiters mit dem Ausdrücke tiefen Gefühls: »Geht in das Fahrzeug, Herr Patron, und benachrichtigt den Freiherrn – was sollen wir Melchior sagen? sollen wir ihn plötzlich wissen lassen, wer ihn hier erwartet? oder seinem abnehmenden Gedächtniß einen kleinen Streich spielen? Bei San Francesko, so sei es, Enrico, wir wollen ihn auf die Probe stellen! Es wird ergötzlich anzusehen sein, wie er staunt und hin und her sinnt – aber ich verwette mein Leben, er erkennt mich auf den ersten Blick. Ich habe mich doch wahrlich für jemand, der so manchen Tag gesehen hat, wenig verändert.«

Signor Marcelli senkte bei diesem Ausspruche seines Freundes die Augen ehrfurchtsvoll, hielt es aber nicht für angemessen, einen Glauben zu entmuthigen, der eine plötzliche, durch die Erinnerung an jüngere Tage erzeugte Aufwallung war. Baptist wurde augenblicklich entsendet, um den Freiherrn zu ersuchen, er möchte einem Fremden von Rang die Gunst erzeigen, an das Wasserthor zu kommen.

»Sagt ihm, es sei ein Reisender, welcher sich in der Erwartung, die Fahrt in seiner Gesellschaft zu machen, getäuscht sieht,« wiederholte der Genueser. »Dies wird hinreichen. Ich kenne seine Zuvorkommenheit, und er ist nicht mein Melchior, wackrer Marcelli, wenn er einen Augenblick zögert: Ihr seht auch, er verläßt schon das Fahrzeug; denn ich habe nie gehört, daß er Jemanden eine Bitte solcher Art abgeschlagen hätte – lieber, lieber Melchior – du bist derselbe im siebenzigsten Jahre, der du im dreißigsten warst!«

Die innere Erregung übermannte hier den Genueser, und da er sich schämte, eine unmännliche Schwäche zu verrathen, ging er bei Seite. Mittlerweile näherte sich der Freiherr von Willading von der Wasserseite, nicht ahnend, daß seine Gegenwart wegen mehr als eines Actes bloßer Höflichkeit begehrt würde.

»Baptist sagt mir, daß Edelleute aus Genua hier seien, welche gern den Festlichkeiten zu Vevay zueilten,« sagte der Letztere mit einer grüßenden Bewegung, »und daß meine Gegenwart von Nutzen sein könne, das Vergnügen ihrer Gesellschaft zu erhalten.«

»Ich werde mich nicht zu erkennen geben, bis wir in aller Ordnung eingeschifft sind, Enrico,« flüsterte Signor Grimaldi – »ja, bei Gott, nicht eher, als bis wir gehörig eingeschifft sind. Es wäre des Scherzes kein Ende, wenn ich ihm einen Streich spielte. Signore,« redete er den Berner an, indem er sich zu fassen bemüht war und die Miene eines Fremden anzunehmen strebte, obgleich seine Stimme bei jeder Sylbe vor Erregung zitterte: »Wir sind allerdings von Genua und möchten uns sehr gern der Gesellschaft in dem Fahrzeug anschließen – aber – er ahnt wenig, wer mit ihm spricht, Marcelli! – aber, Signore, es fand da ein kleines Versehen hinsichtlich der städtischen Unterschriften statt, und wir bedürfen freundlichen Beistandes, um entweder durch das Thor zu kommen, oder das Schiff so lange aufzuhalten, bis den Förmlichkeiten dieses Ortes ihr Recht geschehen ist.«

»Signore, die Stadt Genf muß allerdings wachsam sein, denn es ist ein bloßgestellter und schwächer Staat, und ich habe nicht viel Hoffnung, daß durch meinen Einfluß dieser treue Wächter sich seiner Pflicht entschlagen werde. Was das Fahrzeug angeht, so wird eine kleine Vergütung bei dem wackern Baptist viel ausrichten, es müßte denn die Ständigkeit des Windes in Zweifel gezogen werden, in welchem Falle er einigermaßen der verlierende Theil werden könnte.«

»Ihr sprecht ganz wahr, edler Melchior,« fügte der Schiffsherr hinzu: »Käm' der Wind recht von vorne, oder wär' es zwei Stunden früher am Tag, so sollte der kleine Verzug den Fremden keinen Batzen kosten – das heißt, keine unbillige Summe; wie aber die Dinge stehen, habe ich keine zwanzig Minuten zu verlieren, und wenn auch der ganze Stadtmagistrat in eigner, hochwerther Person sich anschickte, um uns Gesellschaft zu leisten.«

»Es thut mir sehr leid, Signore, wenn es sich so verhält,« sagte der Freiherr und wendete sich mit der zarten Rücksicht eines Mannes, der gewöhnt ist, seine Verweigerungen durch eine freundliche Miene minder herb zu machen, zu dem Fremden: »aber diese Schiffer haben ihre geheimen Zeichen, welche ihnen, wie es scheint, den letzten Augenblick angeben, den sie ohne Gefahr zögern können.«

»Bei Gott, Marcelli, ich muß ihn ein wenig auf die Probe stellen – ich hätte ihn in einer Carnevals-Maske erkannt. Signor Barone, wir sind allerdings nur arme Edelleute von Genua. Ihr habt ohne Zweifel von unserer Republik gehört – von dem armen, kleinen Genuesischen Staate?«

»Obgleich ich keine großen Ansprüche an Gelehrsamkeit machen darf, Signore,« versetzte Melchior lächelnd, »so ist es mir doch nicht ganz unbekannt, daß es einen solchen Staat gibt. Ihr hättet keine Stadt an den Küsten Eures mittelländischen Meeres nennen können, welche mein Herz leichter erwärmte, als eben diese Stadt, von welcher Ihr redet. Viele meiner glücklichsten Stunden verflossen in ihren Mauern, und oft durchlebe ich meine frühern Tage wieder, um mir die Freuden jener heitern Zeit zurückzurufen. Hätten wir Muße, so könnte ich eine Reihe ehrenwerther und höchst achtbarer Namen, welche Euerm Ohre bekannt sind, zur Beglaubigung meiner Worte aufzählen.«

»Nennt sie, Signore Barone; – um der Heiligen und der gebenedeiten Jungfrau willen, nennt sie, ich bitte Euch.«

Melchior von Willading staunte ein wenig über die Wärme des Fremden und sah ihm eifrig in das gefurchte Antlitz, und einen Augenblick flog ein Ausdruck, einer ungewissen Ahnung gleich, über seine Züge.

»Nichts ist leichter, Signore, als Euch zu Gefallen zu sein. Der Erste ist in meinem Gedächtnis, so wie er stets der Erste in meiner Liebe war, Herr Gaetano Grimaldi, von dem ihr Beide ohne Zweifel oft gehört habt?«

»So ist's, so ist's! Das heißt – ja, ich glaube, Marcelli, wir dürfen sagen, daß wir oft von ihm sprechen gehört haben und zwar nicht ungünstig. Gut, was wißt Ihr von diesem Grimaldi?«

»Signore, der Wunsch von Euern edeln Landsleuten Euch unterhalten zu können, ist natürlich; wenn ich aber meiner Neigung, von Gaetano zu sprechen, nachgeben wollte, so dürfte der wackere Baptist Grund zur Beschwerde haben.«

»Zum Henker mit Baptist und seinem Schiff! Melchior, – mein guter Melchior! – liebster, liebster Melchior! hast du mich wirklich vergessen?«

Der Genueser breitete hier seine Arme weit aus und harrte der Umarmung seines Freundes. Der Freiherr von Willading war in Unruhe, aber noch so weit entfernt, die Wahrheit zu ahnen, daß er den Grund seiner Unruhe nicht leicht hätte angeben können. Er blickte gedankenvoll auf die erregten Züge des schönen alten Mannes, der vor ihm stand, und obgleich das Gedächtnis um die Wahrheit zu flattern schien, so geschah dies doch nur in so vorübergehenden Strahlen, daß er sich in seinen Wünschen gänzlich getäuscht sah.

»Verläugnest du mich, von Willading? – willst du den Freund deiner Jugend nicht anerkennen? – den Genossen deiner Freuden – den Theilnehmer deiner Leiden – deinen Kriegskameraden – ja, mehr noch – deinen Vertrauten in einem innigern Bande?«

»Nur Gaetano Grimaldi selbst kann diese Namen in Anspruch nehmen!« scholl es von den Lippen des bebenden Freiherrn.

»Bin ich denn ein Anderer? Bin ich nicht dieser Gaetano? – derselbe Gaetano, – dein Gaetano, – alter, theuerster Freund?«

»Du, Gaetano?« rief der Berner und trat einen Schritt zurück, statt vorzuschreiten und sich in die offenen Arme des Genuesers zu werfen, dessen ungestüme Gefühle sich mittlerweile ein wenig abkühlten – »du, der stattliche, muntre, kühne, blühende Grimaldi? Signore, Ihr spielt mit den Gefühlen eines alten Mannes!«

»Bei der heiligen Messe, ich täusche dich nicht! Ha, Marcelli, im Glauben ist er noch so bedachtsam wie immer, aber, wenn er sich überzeugt hat, fest und sicher, wie das Gelübde eines Geistlichen. Wenn wir uns gegenseitig wegen einiger wenigen Runzeln mißtrauen dürfen, so wirst du an deiner eigenen Idendität eben so sehr zweifeln müssen, wie an der meinigen, Freund Melchior. Ich bin niemand anders als Gaetano – der Gaetano deiner Jugend – der Freund, den du so viele lange und mühselige Jahre nicht gesehen hast.«

Es dauerte geraume Zeit, bis der Berner seinen Freund wieder erkannte; doch wurde ihm allmählig Zug um Zug vertraut, und besonders trug die Stimme Vieles bei, lange schlummernde Erinnerungen in ihm zu wecken. Wie aber schwerfällige Leute am wenigsten Selbstbeherrschung haben sollen, wenn sie tüchtig erregt werden, so zeigte von Beiden der Freiherr die ausgelassenste Freude, als die Ueberzeugung zuletzt die Worte seines Freundes bestätigte. Er warf sich an den Hals des Genuesers und der alte Mann weinte so heftig, daß er bei Seite gehen mußte, um die Thränen zu verbergen, welche so plötzlich und so übermäßig aus Quellen brachen, die er längst für fast vertrocknet gehalten hatte.



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