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Achtes Kapitel.

Der Mond ist auf; bei Gott, ein holder Abend!
Vom goldnen Licht erglühen Well' und Strand,
Doch seufzt der Jüngling nun, das Mädchen glaubt –
So werd' es uns, kehr'n wir zurück an's Land.

Byron.

Das Herannahen des Winkelrieds war den ganzen Nachmittag und Abend von Vevay aus gesehen worden. Die Ankunft des Freiherrn von Willading und seiner Tochter wurde von Vielen in der Stadt erwartet, da der Rang und der Einfluß des erstern in dem großen Kanton ihn nicht allein denen, welche Zuneigung zu seiner Person und Achtung vor seinem biedern Charakter hegten, zu einem Gegenstand des Interesses gemacht hatten. Roger von Blonay war nicht sein einziger Jugendfreund gewesen, denn in der Stadt lebte ein anderer, mit welchem er durch Gewohnheit, wenn nicht durch das Gemeinschaftliche jener Grundsätze, die das beste Freundschaftsband sind, enge verbunden war.

Der Beamte, welcher mit der besondern Verwaltung der Kreise oder Distrikte beauftragt war, in welche Bern das ihm zustehende Gebiet der Waadt getheilt hatte, führte den Titel eines Bailli oder Landvogts. Dieser Landvogt von Vevay war Peter Hofmeister, das Glied einer jener Familien der Bürgerschaft, oder der städtischen Aristokratie des Kantons, welche dessen Institutionen für ehrwürdig, gerecht, oder wenn man nach ihrer Sprache urtheilen dürfte, für beinahe geheiligt ansah, weil sie unter ihrer Autorität im Besitze gewisser ausschließlicher Vorrechte sich befand, welche in ihrer Ausübung nicht nur behäglich, sondern in andern weltlichen Rücksichten auch ergiebig waren. Dieser Peter Hofmeister war im Ganzen ein herzlicher, gutgesinnter und ziemlich wohlwollender Mann; nur trieb er, da er der innern Ueberzeugung lebte, daß nicht alles war, wie es sein sollte, seine Ansichten in Betreff verliehener Ansprüche und über die Unveränderlichkeit weltlicher Dinge ein wenig zu Extremen, so ziemlich nach demselben Grundsatze, nach welchem der Ingenieur seine meiste Kunst darauf verwendet, den schwächsten Theil der Citadelle zu befestigen und Sorge trägt, daß stets seine Masse großer und kleiner Kugeln die zugänglichste seiner Approschen bestreiche. Durch einen der Ausnahms-Beschlüsse jener Zeit, in welchen man froh war, gegen die Gewalt und die Raubsucht des Adeligen und des Trabanten eines Fürsten Schutz zu finden – Beschlüsse, welche man nach der Sitte jener Zeit Freiheiten nannte, hatte die Familie Hofmeister eine gewisse Stelle, oder ein Monopol erhalten, welches stets ihren Reichthum und ihre Bedeutsamkeit ausgemacht hatte, von welchem sie aber gewohnt war zu sprechen, als bilde es ihren vorzüglichsten Anspruch auf die Dankbarkeit des Publikums für diese Dienste, die nicht allein so gut, sondern auch eine solange Zeit durch eine ununterbrochene Reihe von Vaterlandsfreunden, welche demselben Stamme entsproßten, geleistet worden waren. Die, welche von dem an den Besitz dieser Stelle sich knüpfenden Werth nach dem Eifer urtheilten, mit welchem jeder Versuch, die Familie von dieser Bürde zu befreien, abgewiesen wurde, waren sehr im Irrthum; denn wenn man ihre Freunde von den Beschwerlichkeiten des Dienstes, von der äußersten Unmöglichkeit, daß irgend eine Familie, die nicht genau hundert zweiundsiebzig und ein halbes Jahr, die genaue Zeit der sauern Knechtschaft der Hofmeister, und von dem seltenen Verdienst ihrer Selbstaufopferung zum Besten des Gemeinwohls sprechen hörte, schienen sie eben so viele Curtiusse zu sein, begierig, in die Abgründe unsicherer und endloser Mühen sich zu stürzen, um die Republik von der Unwissenheit und den Veruntreuungen interessirter und selbstsüchtiger Schurken zu befreien, welche aus einem so unwürdigen Beweggrund, wie der ihres eigenen Vortheils, desselben hohen Vertrauens zu genießen wünschten. Diesen Punkt jedoch und einen strengen Vorbehalt zu Gunsten der Obergewalt Berns, wovon seine Wichtigkeit abhing, abgerechnet, war ein besserer und menschenfreundlicherer Mann als Peter Hofmeister nicht leicht zu finden. Er war ein herzlicher Lacher, ein tüchtiger Trinker, ein gewöhnlicher und eigenthümlicher Altersfehler, ein großer Verehrer des Gesetzes, wie es sich für jemand in seiner Lage ziemte, und ein Junggesell von acht und sechszig Jahren, eine Lebenszeit, welche, indem sie seine Erziehung in eine um ein halbes Jahrhundert frühere Periode, als die, in welcher die Begebenheiten dieser Erzählung statt fanden, zurück verlegte, sehr romantische Zuneigungen zu dem übrigen Theil des menschlichen Geschlechts durchaus nicht begünstigte. Kurz, der Herr Hofmeister war, vermöge irgend eines besonderen Verdiensts oder Unverdienst's (es war jetzt schwer zu sagen, welches von beiden) eines seiner Vorfahren, durch die Gesetze des Kantons und durch die geltende Meinung der Menschen ein Landvogt, so wie Balthasar ein Scharfrichter war. Der wesentliche Unterschied zwischen ihnen lag in dem Umstande, daß der eine sich seiner Stellung behaglich erfreute, während der andere nur einen geringen Gefallen an seinem Amte hatte.

Als Roger von Blonay durch Hülfe eines guten Glases sich versichert hatte, daß das Fahrzeug, welches in der Abendzeit, mit schwingenden Raaen und in ihrer malerischen Draperie hängenden Segeln St. Saphorin gegenüber lag, eine Gesellschaft edler Reisenden, welche den Spiegel inne hatte, enthielt, und an den Federn und Gewändern sah, daß ein weibliches Wesen von Stand unter ihnen sei, gab er Befehl, das Feuer auf dem Thurm in Bereitschaft zu halten und ging in den Hafen hinab, um zum Empfange seines Freundes gegenwärtig zu sein. Hier fand er den Landvogt, welcher mit der Miene eines Mannes, der mehr auf dem Herzen hat, als seine täglichen Amtssorgen, auf dem öffentlichen von dem klaren Wasser des Sees bespülten Spaziergang auf und nieder schritt. Obgleich der Freiherr von Blonay ein Waadtländer war und auf alle Stellvertreter der Eroberer seines Landes mit einer Art erblicher Unzufriedenheit blickte, war er doch von Natur ein Mann von mildem und höflichen Wesen und das Zusammentreffen war, wie gewöhnlich, äußerlich freundschaftlich und anscheinend herzlich. Beide Theile beachteten es sehr sorgfältig, von dem damals überhaupt noch gewöhnlichern Du Gebrauch zu machen, – der Waadtländer, um zu zeigen, daß er sich mindestens dem Stellvertreter Berns gleich achtete, und der Landvogt, um sehen zu lassen, daß sein Amt ihn so hoch stellte, wie das Haupt der ältesten Familie in dieser ganzen Gegend.

»Du erwartest Freunde von Genf in jener Barke zu finden?« sagte Herr Hofmeister kurz.

»Und du?«

»Einen Freund, und einen, der mehr als ein Freund!« antwortete der Landvogt ausweichend. »Meine Nachrichten sagen mir, Melchior von Willading werde während des Festes der Abtei bei uns verweilen, und geheime Kunde wurde überbracht, auch ein anderer werde hier sein, der unsere Lustbarkeiten sehen wolle, ohne die Ehrenbezeigungen zu wünschen, auf welche er wohl Anspruch machen könnte.«

»Es geschieht nicht selten, daß vornehme Edle und selbst Fürsten uns bei diesen Gelegenheiten unter angenommenen Namen und ohne den éclat ihres Ranges besuchen; denn wenn die Großen sich zu Thorheiten herablassen, lassen sie gewöhnlich ihren hohen Stand gern aus dem Spiele.«

»Daran thun sie wohl. Ich habe meine Noth mit diesen verwünschten Narrheiten, denn – es mag eine Schwachheit sein, aber es ist eine, die das Amt mit sich bringt – ich kann nicht umhin, mir zu denken, daß ein Landvogt vor dem Volke, in Gegenwart so vieler Götter und Göttinen, nur eine erbärmliche Rolle spielt. Um dir die Wahrheit zu sagen, ich freue mich, daß der, der kommen soll, wirklich kommt. Hast du neuerer Zeit Briefe von Bern?«

»Nein; aber das Gerücht geht, es werde wahrscheinlich eine Veränderung unter einigen derer geben, welche öffentliche Aemter bekleiden.«

»Um so schlimmer!« murmelte der Landvogt. »Ist es zu erwarten, daß Leute, welche nie eine Stunde im Dienste hinbrachten, ihre Pflichten so erfüllen, wie die, welche die Uebung gleichsam mit der Muttermilch eingesogen haben?«

»Ja, das paßt wohl in deinen Kram; aber Andere sagen, selbst die Erlache hätten einen Anfang gehabt.«

»Himmel! bin ich ein Heide, um so etwas zu läugnen? So viele Anfänge, als du willst, guter Roger, aber ich liebe deine Enden nicht. Ein Erlach ist ohne Zweifel, so gut wie wir alle, sterblich, und auch ein geschaffenes Wesen; aber ein Mensch ist kein Amt. Laß den Lehm sterben, wenn du willst, aber wenn du treue und geschickte Diener haben willst, so sieh auf den ächten Nachfolger. Aber wir wollen heute davon schweigen. – Hast du viele Gäste zu Blonay?«

»Nicht einen! Ich harre des Besuchs Melchiors von Willading und seiner Tochter, – und doch gefällt mir die Zeit nicht! Schlechte Vorzeichen spielen um die hohen Berggipfeln und in der Nachbarschaft der Dents, seit die Sonne untergegangen ist.«

»Du bist immer in einem Sturme in deinem Schlosse droben! Der Leman war nie friedlicher und ich würde es wahrhaft sehr übel vermerken, wenn der aufrührerische See, während er eine so köstliche Last auf seinem Busen trägt, einen seiner Einfälle plötzlichen Zornes bekäme.«

»Ich glaube nicht, daß der Genfer See, selbst auf eines Landvogts Ungnade, Rücksicht nimmt!« versetzte der Freiherr von Blonay lachend. »Ich wiederhole es, die Zeichen sind verdächtig. Laß uns die Schiffer zu Rath ziehen, denn es möchte gut sein, ein leichtes Boot auszuschicken, um die Reisenden an das Land zu bringen.«

Roger von Blonay und der Landvogt gingen auf den kleinen Erdendamm zu, welches die Rhede von Vevay theilweise schützt, und der immer wieder gebaut und von den Winterstürmen immer wieder eingerissen wird, um mit einigen derer Rath zu pflegen, welchen man Erfahrenheit in der Kenntniß der Zeichen zutraute, die bedeutenden Veränderungen in der Atmosphäre vorhergehen. Die Meinungen waren verschieden. Die Meisten glaubten, ein Sturm sei im Anzug; da der Winkelried aber als ein neues und gut gebautes Schiff bekannt war und niemand wissen konnte, wie sehr er durch die Habgier Baptists überladen war, und da man allgemein glaubte, der Wind könne ihn eben so wahrscheinlich in den Hafen bringen, als gegen ihn sein, so schien kein hinreichender Grund vorhanden, das Boot auszusenden; vorzüglich weil man hoffte, das Fahrzeug werde nicht allein trockener, sondern auch sicherer sein, als ein kleineres Boot, wenn sie von dem Winde überholt werden sollten. Diese in ungewissen Fällen so gewöhnliche Unentschlossenheit war der Grund, daß Adelheid und ihr Vater allen den schrecklichen Gefahren, welche sie erduldeten, ausgesetzt wurden.

Als die Nacht heran kam, fingen die Einwohner der Stadt an, einzusehen, daß der Sturm für die ernst werden würde, welche ihm, selbst in dem besten Fahrzeug, das den Leman befuhr, aushalten müßten. Die Dunkelheit vermehrte die Gefahr, denn oft waren Schiffe, indem sie ihre Entfernungen schlecht berechneten, auf das Land getrieben worden. Lichter zeigten sich auf Befehl des Landvogts, welcher ein so ungewöhnliches Interesse für die an Bord des Winkelrieds zeigte, daß es mehr als jene Theilnahme auf sie zog, die man gewöhnlich für bedrängte Reisende fühlte, allerwärts an den Ufern. Alles geschah, was nur zu ihren Gunsten aufgeboten werden konnte, und in dem Augenblick, wo der Zustand des Sees es erlaubte, wurden Boote in jeder Richtung zu ihrem Beistande abgeschickt. Aber der Winkelried schoß die savoyische Küste entlang, ehe eines derselben auslief und alles Suchen erwies sich fruchtlos. Als sich aber das Gerücht verbreitete, man habe ein Segel entdeckt, das unter dem weitgestreckten Schatten der gegenüberliegenden Berge hervorkomme, und daß es La Tour de Peil entgegen steuere, einem Dorfe mit einem weit sicherern Hafen, als der von Vevay, und nur einen Bogenschuß von der letztern Stadt entfernt, eilten ganze Schaaren zur Stelle. Sobald es bekannt wurde, daß die erwartete Gesellschaft auf dem Schiffe sei, tönte den Reisenden freudiger Willkomm und herzlicher Gruß entgegen.

Der Landvogt und Roger von Blonay eilten herzu, den Freiherr von Willading und seine Freunde zu empfangen, die mit lauter und stürmischer Freude in das alte Schloß geführt wurden, das an den Hafen stößt und von welchem der letztere seinen Namen herschreibt. Der Berner Freiherr war von den Auftritten, die er so kurz erst erlebt, und von der heftigen und ungestümen Zärtlichkeit seiner Tochter, die über ihm geweint hatte, wie eine Mutter über ihrem wiedergefundenen Kinde schluchzt, zu ergriffen, um den Gruß des Waadtländers in der innigen und herzlichen Weise zu erwiedern, welche ihr Zusammentreffen gewöhnlich charakterisirte. Doch blickte ihre eigenthümliche Weise in dem Zwange durch.

»Du siehst mich eben den Fischen des Leman entrissen, lieber Blonay,« sagte er, dessen Hand mit Rührung drückend, als er, auf seine Schulter gelehnt, mit den Uebrigen in das Schloß ging. »Ohne jenen braven Jüngling und einen so wackern Seemann, wie je einer auf süßem oder salzigem Wasser fuhr, würde alles, was von dem alten Melchior von Willading in diesem Augenblick übrig ist, von geringeren Werthe sein, als die kleinste Férà deinem See!«

»Gott sei gepriesen, daß du bist, wie wir dich sehen. Wir waren deinetwegen in Angst, und Boote sind in diesem Augenblick draußen, dein Schiff zu suchen; aber eine weisere Hand waltete. Dieser wackere junge Mann, der wie ich sehe, Schweizer und Krieger zumal ist, sei uns doppelt willkommen – in den beiden eben genannten Charakteren und als ein Mann, der dir und uns einen so großen Dienst erzeugt hat.«

Sigismund nahm die Artigkeiten, welche er so sehr verdient hatte, mit Bescheidenheit entgegen. Der Landvogt aber, nicht zufrieden, ihm die gewöhnlichen Glückwünsche darzubringen, flüsterte ihm in das Ohr, ein Dienst wie dieser, einem der geschätztesten ihres Adels erwiesen, würde bei geeigneter Gelegenheit von den Räthen nicht vergessen werden.

»Du bist zur guten Stunde gekommen, Herr Melchior,« fügte er dann laut hinzu; »du magst kommen, wie du willst, schwimmend oder in der Luft segelnd. Du hast durch den Vorfall bei uns nicht verloren, und wir preisen Gott, wie Roger von Blonay eben richtig bemerkt hat. Unser Fest wird eine prächtige Schau abgeben, denn viele namhafte Edelleute sind in der Stadt, und ich höre von mehren, die, aus Gegenden jenseits des Rheines kommend, die Berge nieder eilen. Hattest du seine andern Gefährten in dem Fahrzeuge, als die, welche ich hier um dich sehe?«

»Ein anderer ist bei mir, und ich wundere mich, daß er nicht hier ist. Er ist ein edler Genueser, den du, Herr von Blonay, mich als einen sehr theuern Freund oft nennen hörtest. Gaetano Grimaldi ist ein dir vertrauter Name, oder die Worte der Freundschaft verschollen an einem müßigem Ohre.«

»Ich habe so vieles von dem Italiener gehört, daß ich ihn fast als einen alten und innigen Bekannten betrachten kann. Als du aus dem Italienischen Feldzuge zurückkehrtest, war dem Mund in der Aufzählung seiner Vorzüge unermüdlich: Gaetano hat dies gesagt – Gaetano hat so gedacht – Gaetano hat dies gethan! – Er ist doch nicht in deiner Gesellschaft?«

»Er und kein Andrer! Ein glücklicher Zufall brachte uns am Kai von Genf zusammen, nachdem wir volle dreißig Jahre getrennt gewesen, und als wenn der Himmel seine Prüfungen für diese Gelegenheit aufbewahrt hätte, mußten wir in Gesellschaft die Gefahr dieser Nacht bestehen. Ich hatte ihn in jenem furchtbaren Augenblick in meinen Armen, Roger, als der Himmel, die Berge und die ganze Erde, bis auf dieses theure Mädchen selbst, wie ich glaubte, für immer, aus meinen Augen entschwunden, – ihn, der mein Gefährte in so vielen Gefahren gewesen war, der für mich geblutet, für mich gewacht, für mich geritten und alles für mich gethan hatte, wozu Liebe nur bewegen konnte, führte die Vorsehung herbei, um mein Genosse in der schrecklichen Noth zu werden, welche wir eben bestanden haben.«

Während der Freiherr noch sprach, trat sein Freund mit der ruhigen, würdevollen Miene ein, welche ihm stets eigen war, sobald es ihm nicht gefiel, die Zurückhaltung höherer Stände bei Seite zu legen, oder wenn er dem Sturme des Gefühls, der manchmal durch seine südlichen Adern brauste, nicht in einer Weise nachgab, welche die blos conventionelle Haltung verrückte. Er wurde Roger von Blonay und dem Landvogt als derjenige, von dem eben geredet worden, und als der älteste und vertrauteste Freund dessen vorgestellt, der ihn einführte. Der Empfang, den er bei dem Erstern fand, war natürlich und warm, während Herr Hofmeister in seinen Freude- und Achtungsbezeigungen so sonderbar war, daß es nicht nur auffiel, sondern Erstaunen erregte.

»Dank, Dank, gutes Peterchen,« sagte der Freiherr von Willading, denn dieses vertraulichen Verkleinerungswort pflegten sich alle, welche sich diese Freiheit nehmen durften, gegen ihn zu bedienen: »Dank, ehrliches Peterchen; die Freundlichkeit, welche du Gaetano erzeigst, nehme ich als eben so viele Liebesbeweise gegen mich an.«

»Ich ehre deine Freunde, wie dich selbst, Herr von Willading,« erwiederte der Landvogt: »denn du hast Ansprüche auf die Achtung der Bürgerschaft und aller ihrer Diener. Aber die Huldigung, welche Signor Grimaldi findet, gebührt ihm um seiner selbst willen. Wir sind arme Schweizer, die inmitten wilder Gebirge wohnen, von der Sonne, wenn Ihr wollt, wenig begünstigt und der Welt noch weniger bekannt; – aber wir haben unsere Sitten! Ein Mann, der so lange, wie ich, das öffentliche Zutrauen genoß, wäre seiner Stelle unwürdig, verkündigte er es nicht, gleichsam aus Instinkt, wenn er im Angesicht derer ist, die geehrt werden müssen. Signore, der Verlust Melchior's von Willading vor unserm Hafen würde den See uns allen für Monate, um nicht zu sagen, Jahre unangenehm gemacht haben; wäre aber ein solcher Unfall, wie der Eures Todes mittelst unserer Wasser, eingetroffen, so hätte ich beten können, die Berge möchten in das Becken fallen und den sündigen Leman unter ihren Felsen begraben!«

Melchior von Willading und der alte Roger von Blonay lachten herzlich über Peterchens übertriebene Complimente, obgleich es ganz klar war, daß der würdige Landvogt selbst glaubte, er habe sehr kluge Dinge vorgebracht.

»Ich danke Euch, Signore, nicht minder als meinem Freunde von Willading,« erwiederte der Genueser, indem ein Strahl des Humors sein Auge erleuchtete: »diese höfliche Aufnahme überbietet uns in Italien ganz und gar; denn ich zweifle, daß im Süden der Alpen irgend ein Mensch lebt, welcher unsere Seen wegen eines so verzeihlichen, oder mindestens so natürlichen Vergehens zu einer so zerschmetternden Strafe verdammen würde. Ich bitte jedoch, dem See Verzeihung angedeihen zu lassen, denn im schlimmsten Falle war er nur mittelbar bei diesem Vorfalle thätig, und ich zweifle gar nicht, daß er uns behandelt hätte, wie er alle Reisende behandelt, wenn wir seinen Umarmungen fern geblieben wären. Das Verbrechen muß den Winden zugeschrieben werden, und da sie von den Höhen stammen, so wird, wie ich fürchte, befunden werden, das eben diese Berge, welche die Vergeltung üben sollen, zuletzt als die wahren Erfinder und Anstifter der Verschwörung gegen unser Leben bestraft werden müssen.«

Der Landvogt kicherte und lächelte wie jemand, der sich gleicherweise über seinen eigenen und den Witz, den er bei andern erregt hat, freut, und das Gespräch nahm eine andere Richtung; diese ganze Nacht jedoch und bei allen andern Gelegenheiten während seines Besuches, empfing Signore Grimaldi von ihm so auffallende und besondere Aufmerksamkeiten, daß ein lebhaftes Gefühl zu Gunsten des Italieners bei denen rege ward, welche gewohnt waren, Peterchen fast nur den geschäftigen, wichtigthuenden, würdereichen Districtsbeamten spielen zu sehen.

Man zollte nun den ersten Bedürfnissen der Reisenden, welche nach den Mühen und Gefahren des Tages der Erfrischungen bedürften, die nöthige Aufmerksamkeit. Zu diesem Ende bestand Roger von Blonay darauf, sie sollten in sein Schloß kommen, wo das willkommene Feuer noch auf dem hohen Roste flammte. Vermittelst der chars-à-banc, der in dieser Gegend gewöhnlichen Wagenart, wurde der kurze Weg bald zurückgelegt, und der Landvogt bestand, zum nicht geringen Erstaunen des Eigenthümers des Schlosses, darauf, die Fremden in seinen Mauern sicher untergebracht sehen zu wollen. An dem Thore von Blonay nahm Peterchen jedoch Abschied, indem er hundert Entschuldigungen wegen seines Weggehens vorbrachte, auf die ausgedehnten Pflichten, welche zufolge der herannahenden fête auf seinen Schultern lastete, sich stützend.

»Wir werden einen milden Winter bekommen, denn ich habe den Herrn Hofmeister nie so artig gesehen,« bemerkte Roger von Blonay, als er seine Gäste in das Schloß führte. – »Deine Berner Beamten, Melchior, sind sonst nicht sehr verschwenderisch mit ihren Höflichkeiten gegen uns arme Edelleute der Waadt.«

»Signore, Ihr vergeßt das Interesse unseres Freundes,« bemerkte der lächelnde Genueser. »Es gibt andere und bessere Landvogteien, welche der Rath zu vergeben hat, und der Herr von Willading hat eine laute Stimme, wenn darüber verfügt wird. Habe ich diesen Eifer richtig gedeutet?«

»Dies ist nicht der Fall,« erwiederte der Freiherr, »denn Peterchen hat wenig andere Hoffnung, als da zu sterben, wo er gelebt hat, der bestellte Beherrscher eines kleinen Districts. Man sollte dem würdigen Mann ein gutes Herz höher anrechnen, da das seinige ohne Zweifel beim Anblick derer, die gleichsam aus dem Grabe gerettet wurden, ergriffen ist. Ich bin ihm Dank für seine Güte schuldig und würde ihm gern etwas Besseres bieten, und wenn meine arme Stimme etwas vermöchte, nun, so sage ich nicht, daß sie stumm sein würde; man macht sich um das Gemeinwohl verdient, wenn man Leute von so menschenfreundlichen Gefühlen in wichtige Stellen bringt.«

Diese Ansicht schien den Anwesenden sehr natürlich und alle, mit Ausnahme des Signor Grimaldi, stimmten ihm bei. Der Letztere, der tiefer in die Windungen des menschlichen Herzens schaute, oder nur ihm bekannte Gründe haben mochte, lächelte blos über die Bemerkungen, die er hörte, als begreife er vollständig den Unterschied zwischen der Huldigung, welche man dem Range zollt, und jener, welche eine edle und großartige Natur aus eigenem Antriebe darzubringen gezwungen ist.

Nach einer Stunde war das einfache Mahl eingenommen, und Roger von Blonay benachrichtigte seine Gäste, sie würden sich durch einen Blick auf die Lieblichkeit der Nacht wohl für die Mühe eines kurzen Ganges belohnt finden. In Wahrheit war der Wechsel, welcher stattgefunden hatte, so groß, daß es der Phantasie nicht leicht ward, in der milden und lächelnden Scene, welche sich unter und über den Thürmen von Blonay ausbreitete, das dunkle Himmelsgewölbe und den zürnenden See wieder zu entdecken, dem sie vor kurzem entgangen waren.

Jede Wolke war bereits weit in die Ferne, gegen die Ebenen Deutschlands gesegelt, und der Mond war so hoch über die rauhe Dent de Jaman gestiegen, daß seine Strahlen in das Becken des Leman strömen konnten. Tausend sinnige Sterne funkelten am Himmel, Bilder der gütigen Allmacht, welche das Weltall immerdar durchdringt und beherrscht, wie groß auch die örtlichen Verwirrungen und zufälligen Kämpfe ihrer untergeordneten Werkzeuge sein mögen. Das Schäumen und Rauschen der Wellen hatte sich beinahe eben so schnell gelegt, als es entstanden war, und statt dessen waren Miriaden kräuselnder Wellchen geblieben, entlang denen die glänzenden Mondstrahlen tanzten, in milder Ungestraftheit auf der Fläche des friedlichen Elementes gaukelnd. Boote liefen wieder aus, nach Savoyen oder den benachbarten Dörfern rudernd, und der ganze Anblick bot ein Pfand für das erneute Vertrauen derer, welche sich gewöhnlich den launigten und ungestümen Elementen hingeben.

»Es ist eine große und schreckliche Aehnlichkeit zwischen den menschlichen Leidenschaften und diesen ungestümen und zornigen Stürmen der Natur,« bemerkte Signor Grimaldi, nachdem sie viele sinnende Minuten schweigend gestanden und das Schauspiel betrachtet hatten, – »gleich rasch sich erregen und besänftigen zu lassen; gleich unbändig, während die Glut im Steigen ist, und dem Einfluß einer gesunden Gegenwirkung, welche eine nüchterne Ruhe herbeiführt, nachgebend, wenn der Anfall vorüber ist. Euer nördliches Phlegma mag die Aehnlichkeit weniger auffallend machen; sie wird aber doch unter den kältern Temperamenten des deutschen Stammes eben so gut gefunden, wie unter uns, die wir ein heißeres Blut haben. Sehen nicht jene liebliche Hügel-Seite, jener See und der sternbesäete Himmel aus, als bereuten sie ihre frühere unziemliche Heftigkeit und wünschten den Beschauer zu täuschen, so daß er ihres Angriffs auf unser Leben vergäße, wie wohl einem ungestümen, aber heftigen Charakter der Schlag, den er im Zorne gegeben, oder das schneidende Wort, das ihm in einem Augenblick mürrischer Laune entfahren, leid thut? Was sagst du zu meiner Ansicht, Signor Sigismund, denn niemand kennt besser als du die Art des Sturmes, den wir ausgehalten?«

»Signore,« antwortete der junge Krieger bescheiden, – »Ihr vergeßt diesen braven Seemann, ohne dessen Besonnenheit und Vorsicht wir alle verloren gewesen wären. Er kam mit nach Blonay herauf, weil wir ihn darum ersuchten, bis jetzt ist er aber übersehen worden.«

Maso trat auf einen Wink Sigismund's hervor und stand vor der Gesellschaft, der er einen so großen Dienst geleistet hatte, mit einer Ruhe, welche nicht leicht zu stören war.

»Auf Euern Befehl kam ich in das Schloß herauf, Signore,« sagte er, den Genueser anredend: »da ich aber meine eigenen Geschäfte zu besorgen habe, muß ich nun bitten, mir Euern Willen kund zu thun.«

»Wir sind in der That saumselig gegen dein Verdienst gewesen. Als wir landeten, warst du, wie du weißt, mein erster Gedanke; aber andere Dinge ließen mich deiner vergessen. Du bist, wie ich, ein Italiener?«

»So ist's, Signore.«

»Aus welcher Gegend?«

»Aus Eurer eignen, Signore; ein Genueser, wie ich bereits gesagt habe.«

Der Andere erinnerte sich des Umstandes, obgleich er ihm nicht zu gefallen schien. Er schaute umher, als wollte er erforschen, was die Uebrigen dächten, und dann setzte er seine Fragen fort:

»Ein Genueser!« wiederholte er langsam: »wenn dem so ist, sollten wir etwas von einander wissen. Hast du bei deinen öftern Besuchen im Hafen etwas von mir gehört?«

Maso lächelte; anfangs schien er geneigt, launig zu sein; eine dunkle Wolke flog über seine braunen Züge und seine Heiterkeit verlor sich in eine tief nachdenkende Miene, welche dem Fragenden ungemein auffiel.

»Signore,« sagte er nach einer Pause, – »die meisten, welche meine Lebensweise führen, wissen etwas von Eurer Excellenz; wenn ich nur hier bin, um darüber gefragt zu werden, muß ich um Erlaubniß bitten, meines Weges gehen zu dürfen.«

»Nein, bei San Francesko! du verlässest uns nicht so ohne Umstände. Ich habe Unrecht, das Ansehen eines Vorgesetzten bei jemand annehmen zu wollen, dem ich mein Leben zu verdanken habe, und du hast recht geantwortet. Aber es ist eine schwere Rechnung unter uns abzuschließen, und ich will etwas thun, um das Gleichgewicht herzustellen, welches jetzt so sehr gegen mich ist, indem ich es dir zugleich überlasse, dich wegen fernerer Ausgleichung an mich zu wenden, wenn wir beide wieder in unserm Genua sein werden.«

Signor Grimaldi hatte, während er sprach, seine Hand ausgestreckt und von seinem Landsmann und Gefährten Marcelli eine wohlgespickte Börse empfangen. Diese wurde sofort geleert – eine schöne Zahl Zechinen – und alles unbedingt dem Seemann dargeboten. Maso blickte kalt auf den glänzenden Haufen und ließ durch sein Zögern bezweifeln, ob er die Belohnung nicht für unzureichend halte.

»Ich sage dir, es ist nur ein augenblickliches Pfand auf spätere Bezahlung. Zu Genua soll unsere Rechnung gehörig ausgeglichen werden; dies ist jedoch alles, was ein Reisender kluger Weise entbehren kann. Du wirst in unserer Stadt zu mir kommen, und wir werden dich in jeder Hinsicht zufrieden zu stellen suchen.«

»Signore, Ihr bietet das, wofür die Menschen Alles, das Gute wie das Böse, thun. Sie wagen ihre Seele für dieses Metall hier, verhöhnen Gottes Vorschriften, übersehen die Gesetze, spielen mit der Gerechtigkeit und werden eingefleischte Teufel, um in seinen Besitz zu kommen; dennoch bin ich, obschon fast ohne Heller, in einer Lage, die mich zwingt, auszuschlagen, was Ihr bietet.«

»Ich sage dir, Maso, die Summe soll später vermehrt werden – oder – wir sind nicht so arm, um betteln gehen zu müssen! Guter Marcelli, leere deinen Schatz und ich nehme zu Melchior von Willading's Börse meine Zuflucht, um unsere Bedürfnisse zu bestreiten, bis wir unsern eigenen Vorräthen näher kommen.«

»Und soll Melchior von Willading bei all diesem für nichts gerechnet werden!« rief der Freiherr; »nimm dein Gold zusammen, Gaetano, und überlaß es mir, diesen braven Seemann für jetzt zufrieden zu stellen. Später mag er in Italien zu dir kommen; aber hier, in meinem Vaterlande, spreche ich das Recht an, sein Wechsler zu sein.«

»Signori,« entgegnete Maso ernst und mit einem edlern Ausdruck, als er zu zeigen gewohnt war, »Ihr seid Beide weit über meine Wünsche freigebig und für meine wenigen Bedürfnisse nur allzu gütig gestimmt. Auf euern Befehl und um euern Willen zu thun, kam ich in das Schloß herauf, nicht aber in der Hoffnung, Geld zu erhalten. Ich bin arm; es würde unnütz sein, dies zu läugnen, denn der Schein ist gegen mich –« hier lachte er, und die Zuhörer glaubten, auf eine gezwungene Weise, – »aber Armuth und Gemeinheit sind nicht immer unzertrennlich. Ihr habt heute mehr als geargwöhnt, mein Leben sei frei, und ich gebe es zu; es ist aber ein Irrthum zu glauben, die Menschen seien, weil sie die Heerstraße – von manchen Ehrlichkeit genannt – bei irgend einem besondern Betrieb verlassen, ohne menschliches Gefühl. Ich habe mich nützlich gemacht, indem ich euer Leben rettete, Signori, und es ist mehr Freude in dem Gedanken, als ich empfinden würde, wenn ich die Mittel hätte, doppelt so viel Gold zu gewinnen, als ihr mir bietet. Hier ist der Signor Capitano,« setzte er hinzu, indem er Sigismund am Arme nahm und ihn vorwärts zog, – »verschwendet eure Gunst an ihn, denn all mein Thun wäre vergeblich gewesen ohne seine Kühnheit. Wenn ihr ihm alles in euren Schatzkammern, selbst deren reichste Perle gebt, thut ihr nicht mehr als recht.«

Als Maso schwieg, warf er auf die aufmerksame, athemlose Adelheid einen Blick, der fortfuhr seine Gedanken auszusprechen, selbst als seine Zunge still war; die glänzende Röthe, welche des Mädchens Antlitz überströmte, war selbst im blassen Mondlichte sichtbar, und Sigismund bebte vor seiner rauhen Hand zurück, wie der Schuldige sich der Beachtung entzieht.

»Diese Ansichten machen dir Ehre, Maso,« erwiederte der Genueser, indem er that, als habe er den eigentlichen Sinn jener Worte nicht verstanden – »und sie erzeugen einen um so stärkern Wunsch, dein Freund zu werden. Ich will jetzt nichts mehr über den Gegenstand sagen, denn ich sehe deine Laune. Du willst dich in Genua bei mir sehen lassen?«

Der Ausdruck von Maso's Gesicht war unerklärlich, aber er behielt sein gewöhnliches gleichgültiges Wesen bei.

»Signor Gaetano,« sagte er, in seiner Anrede sich der Freiheit eines Seemanns bedienend – »es gibt Edle in Genua, welche eher an der Thüre Eures Palastes klopfen dürften, als ich; und es gibt auch deren in der Stadt, die da plaudern könnten, wenn es bekannt würde, daß Ihr solche Gäste empfangt.«

»Das kömmt daher, daß du dich zu sehr an ein schlimmes und gefährliches Gewerbe gebunden hast. Ich fürchte, einen Schleichhändler in dir zu sehen; aber gewiß ist dies kein Geschäft, das von Gefahr so frei, so rühmlich, und, nach deiner Kleidung zu urtheilen, auch nur so einträglich wäre, daß du dem ganzes Leben an dasselbe gefesselt sein müßtest. Es lassen sich Mittel finden, dich aus dieser unangenehmen Lage zu bringen, wenn man dir eine Stelle bei der Mauth gibt, mit der du so oft dein Spiel getrieben hast.«

Maso lachte überlaut.

»So ist es, Signore, in dieser unserer sittlichen Welt. Jemand, der in irgend einem Amte etwas tüchtiges leisten würde, darf sich nur gefährlich machen, so wird man ihn befördern. Die Diebsfinger sind verzweifelte Schurken außer Dienst. Die Zollbeamten haben die Kunst inne, den Staat zu betrügen, und ich bin in Ländern gewesen, wo die Rede ging, daß alle die, welche das Volk am meisten ausbeutelten, ihren Beruf als blutarme Patrioten begonnen hätten. Die Regel steht fest genug, ohne die Hülfe meines armen Namens, und ich will mit Eurer Erlaubniß bleiben, was ich bin; einer, der seine Freude daran hat, mitten unter Gefahren zu leben, und der sich an den Gewalthabern rächt, indem er sie verhöhnt, wenn er besiegt wird, und sie auslacht, wenn er glücklich ist.«

»Junger Mann, du hast den Stoff zu einem bessern Thun in dir.«

»Signore, dies mag wahr sein,« antwortete Maso, dessen Gesicht sich wieder verdunkelte: »wir rühmen uns, die Herrn der Schöpfung zu sein, aber das Fahrzeug des armen Baptist war in dem letzten Orkan nicht minder Herr seiner Bewegungen, als wir Herrn unsers Schicksals sind. Signor Grimaldi, ich habe in mir den Stoff, der einen Mann bildet; aber die Gesetze, die Meinungen und der verwünschte Hader der Menschen ließen mich, was ich bin. Die ersten fünfzehn Jahre meines Lebens sollte die Kirche mein Schrittstein zu einem Kardinalshut oder einer fetten Priorei werden, aber das salzige Seewasser hat die nöthige Salbung verwaschen.«

»Du bist von besserer Geburt, als du zu sein scheinst – du hast Freunde, welche auf deine Lage mit Kummer sehen.«

Maso's Auge flammte, aber er wandte es seitwärts, als drängte er, durch die Kraft eines unbezähmbaren Willens, ein rasches und ungestümes Gefühl zurück.

»Ich bin vom Weibe geboren!« sagte er, mit sonderbarem Nachdruck.

»Und deine Mutter – macht ihr dein jetziges Leben keinen Kummer? – Kennt sie dein Gewerbe?«

Das wilde Lächeln, welches diese Frage hervorrief, ließ den Genueser bereuen, sie gestellt zu haben. Maso kämpfte sichtbar, ein Gefühl, das tief in seine Seele schnitt, zu bemeistern, und er verdankte den Sieg einer Selbstbeherrschung, wie Menschen sie selten erlangen.

»Sie ist todt,« antwortete er trocken: »sie ist eine Heilige bei den Engeln. Wäre sie am Leben geblieben, so würde ich nie ein Matrose geworden sein, und – und –« er legte seine Hand an seine Gurgel, als wollte er das Gefühl des Erstickens abwehren, lächelte und fügte lachend hinzu – »ja, und der gute Winkelried würde ein Wrack geworden sein.«

»Maso, du mußt zu Genua zu mir kommen. Ich muß dich genauer kennen lernen, und dich über dein Schicksal weiter ausfragen. Ein tüchtiger Geist fiel, als du die rechte Bahn verließest und die freundliche Hülfe eines Mannes, der nicht ohne Einfluß ist, kann seine Kraft ihm wieder geben.«

Signor Grimaldi sprach warm, wie jemand, der wahres Bedauern fühlt, und seine Stimme hatte all das Schwermüthige und Ernsthafte eines solchen Gefühls. Maso's wildes Herz war von diesem Beweis der Theilnahme gerührt und ein Heer ungestümer Leidenschaften wurde plötzlich besiegt. Er nahte sich dem edeln Genueser und nahm ehrerbietig seine Hand.

»Verzeiht die Freiheit, Signore,« sagte er milder, die runzligten dünnen Finger mit der landcharten-gleichen Zeichnung der Adern aufmerksam betrachtend, während er sie in seiner braunen, harten Hand hielt: »dies ist nicht das erste Mal, daß unser Fleisch sich berührt, aber es ist das erste Mal, daß unsere Hände vereinigt sind. Laßt es nun in Freundschaft sein. Ein seltsamer Einfall hat sich meiner bemächtigt und ich bitte Euch, ehrwürdiger Herr, mir die Freiheit zu verzeihen. Signore, Ihr seid alt und geehrt, und gewiß hoch gestellt in der Gunst des Himmels, wie in der der Menschen – gebt mir darum Euern Segen, eh' ich meines Weges gehe.«

Wie Maso diese außerordentliche Bitte vortrug, kniete er mit einer so ehrerbietigen und aufrichtigen Miene nieder, daß kaum eine andere Wahl blieb, als sie ihm zu gewähren. Der Genueser war überrascht, aber nicht außer Fassung. Mit vollkommener Würde und Selbstbeherrschung und mit einem Grade von Gefühl, der der Gelegenheit angepaßt war, – die Frucht so mächtig geweckter Erregungen – sprach er den Segen aus. Der Seemann stand auf, küßte die Hand, die er noch hielt, machte ein rasches Zeichen des Grußes gegen alle, sprang den Abhang, auf welchem sie standen, hinab, und verschwand im Schatten eines Gebüsches.

Sigismund, der diesem ungewöhnlichen Auftritte mit Staunen zugesehen hatte, beachtete ihn bis zu dem letzten Augenblicke und sah aus der Art, wie er mit seiner Hand über die Augen fuhr, daß sein wildes Wesen wunderbar erschüttert war. Auch Signor Grimaldi fühlte, als er sich wieder sammelte, die Ueberzeugung, daß in dem Benehmen ihres unerklärlichen Retters kein Spott gewesen, denn eine heiße Thräne war auf seine Hand gefallen, ehe er sie zurückzog. Er war durch das Vorgefallene selbst stark angegriffen und schritt, auf seinen Freund gelehnt, langsam in die Thore von Blonay.

»Dieses außerordentliche Begehren Maso's hat das traurige Bild meines eigenen armen Sohnes in mir geweckt, lieber Melchior,« sagte er: »wollte Gott, er hätte diesen Segen empfangen und derselbe wäre ihm vor den Augen des Höchsten von Nutzen. Ja, er kann Nachricht davon erhalten – denn, kannst du es wohl glauben? mir fiel ein, Maso könnte einer seiner geächteten Gefährten sein und irgend ein seltsames Verlangen, diese Scene ihm mitzutheilen, habe die wundersame Bitte erzeugt, welche ich gewährte.«

Sie setzten das Gespräch fort, aber es wurde geheim und in der vertraulichsten Weise gepflogen. Die übrige Gesellschaft suchte bald ihre Betten, in den Gemächern der zwei adeligen Greise aber brannten Lampen bis in die späte Nacht.



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