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Neuntes Kapitel.

Wo sind meine Schweizer? Laßt sie das Thor bewachen:
Was gibt's?

Hamlet.

Der amerikanische Herbst, oder das Sinken (Fall), wie wir diese köstliche und milde Jahreszeit poetisch und sinnig bei uns nennen, wird, wie man glaubt, in seinem warmen und belebenden Lichtglanz, seiner sanften und erheiternden Luft und seiner bewundernswürdigen Beständigkeit, von dem Spätjahr in fast keinem andern Welttheil übertroffen. Ob nun die Anhänglichkeit an unser schönes und edles Vaterland uns verleitet hat, seine Vorzüge zu überschätzen oder nicht, und so glänzend und lieblich unsere Herbsttage gewiß sind, so dämmerte doch gewiß kein schönerer Morgen über die Alleghanies Zweige des Apalachischen Gebirgs in den Vereinigten Staaten Nordamerika's, welche die höchsten Kuppen desselben enthalten. Uebers. als der war, welcher bei dem Wiedererscheinen der Sonne nach dem so eben beschriebenen Sturm der Nacht die Alpen umglänzte. Mit dem Vorschreiten des Tages wurde die Scene allmählig lieblicher, bis selbst das warme und glühende Italien kaum eine anziehendere, oder eine schönere Mischung des Großen und des Milden entfaltende Landschaft darbieten konnte, als die war, welche die Augen der Adelheid von Willading grüßten, als sie an dem Arme ihres Vaters aus dem Thore von Blonay auf dessen hohe und mit Kies belegte Terrasse trat.

Es ist bereits gesagt worden, daß dieses alte und historische Gebäude an dem Schoos der Berge liegt, eine kleine Stunde hinter der Stadt Vevay. Alle Höhen dieser Gegend sind Vorsprünge derselben Gebirgsmasse und der, auf welchem Blonay nun seit der frühesten Zeit des Mittelalters erbaut worden, gehört jener besondern Linie von Felsenwällen an, welche Wallis von den innern Kantonen der Eidgenossenschaft trennt und allgemein unter dem Namen der Oberländischen Alpen bekannt ist. Diese Linie schneegekrönter Felsen läuft in senkrechten Abschüssen an dem Rande des Leman aus und bildet an dieser Seite des Sees einen Theil jener prachtvollen Einfassung, welche das südöstliche Horn seines Halbmondes so wunderschön macht. Die grade, natürliche Mauer, die Villeneuve und Chillon überragt, läuft, bloß Raum für die Heerstraße lassend und dort mit einer Hütte an ihrem Fuße geschmückt, zwei Stunden lang an dem Saume des Wassers hin, wendet sich dann von dem Ufer des Sees und verliert sich, dem Inlande zuziehend, unter den kleinern Bergen Freiburgs. Niemand wird diese sanften Abhänge übersehen haben, durch das Spülen der Waldbäche, die Trümmer steiler Höhen, und was man das stete Tröpfeln senkrechter Gipfel nennen könnte, gebildet, und welche wie große Pfeiler an ihrem Fuße liegen, eine Art Grundlage für die darüber liegenden Massen bildend. In den Alpen, wo die Natur in einem so erhabenen Maßstab thätig war und wo alle Proportionen richtig beobachtet sind, enthalten diese Trümmer der hohen Berge häufig Dörfer und Städtchen oder bilden ausgedehnte Felder, Weinberge und Weiden, je nachdem ihre Lage hoch oder der Sonne ausgesetzt ist. In geologischer Hinsicht bleibt es hingestellt, ob der buntgesprenkte Abhang, der Vevay umgibt, reich an Dörfern und Rebenpflanzungen, Weilern und Schlössern, sich so gebildet hat, oder ob die Naturerschütterungen, welche die obern Felsen von der Erdrinde geschieden, ihre Grundlagen in ihren jetzigen zerbröckelten und schönen Formen gelassen haben; die Sache ist aber für den Effekt nicht wichtig, welcher der eben genannte ist, und der diesen ausgedehnten Felsenreihen untergeordnete und fruchtbare Stützen gibt, welche in andern Gegenden, selbst Berge heißen würden.

Das Schloß und die Familie von Blonay, denn beide bestehen noch, gehören zu den ältesten der Waadt. Ein starker viereckiger Thurm, auf einer Grundlage von Fels ruhend, einer jener zerrissenen Massen, welche ihre nackten Köpfe zuweilen aus dem Boden des Abhanges herausstrecken, war der Anfang dieses Besitzthumes. Andere Gebäude sind in verschiedenen Jahrhunderten um diesen Kern aufgeführt worden, die zusammen nun eines jener eigenthümlichen und malerischen Bauwerke bilden, welche so viele der wilderen und sanfteren Gegenden der Schweiz schmücken.

Die Terrasse, auf welche Adelheid und ihr Vater zugingen, war ein unregelmäßiger Gang, von ehrwürdigen Bäumen beschattet, welcher in der Nähe des Haupt- oder Wagenthors auf einer Schicht jener Felsen, welche die Grundlage der Gebäude selbst bilden, aufgeworfen worden war. Diese Terrasse hatte ihre Brustwehr-Mauern, ihre Sitze, ihren künstlichen Boden und ihre mit Kies bestreuten Alleen, wie es bei diesen alten Denkmälern gewöhnlich ist; aber sie hatte auch, was mehr werth ist als diese, eine der erhabensten und lieblichsten Aussichten, deren je das menschliche Auge sich erfreute. Unter ihr lag der wogende, fruchtbare Abhang, reich an Reben und mit Rasen geziert, da mit Weilern betupft, dort durch Waldbäume parkartig und ländlich, während man auf keine Seite blicken konnte, ohne auf das Dach eines Schlosses oder den Thurm einer Dorfkirche zu stoßen. Es ist wenig Pracht in der Schweizer Architektur, welche die unsrige nirgends übertrifft, ihr vielleicht im Allgemeinen untergeordnet ist; aber die Schönheit und Zierlichkeit der Aussichten, die große Mannigfaltigkeit der Flächen, die Hügelseiten und die Reinheit der Atmosphäre gewähren Reize, welche dem Lande eigenthümlich sind. Man sah Vevay am Ufer, viele hundert Fuß tiefer und scheinbar an einem schmalen Strand, obgleich es sich in Wahrheit eines beträchtlichen Raumes erfreut; während die Häuser von St. Saphorin, Corsier, Montreux und eines Dutzends anderer Dörfer an einander hingen, wie eben so viele feste Wohnungen von Wespen, welche an den Bergen hängen. Den vorzüglichsten Reiz aber bot der Leman. Wer den See nie in seiner Wuth gesehen hatte, konnte sich in der ruhig glänzenden Fläche, die sich wie ein Spiegel meilenweit unter den Blicken ausbreitete, nicht die Möglichkeit einer Gefahr denken. Sechs oder sieben Schiffe waren sichtbar, die Segel in nachlässigen Formen fallend, als wären sie eigens geordnet, um Künstlern als Modelle zu dienen, die Raaen sich neigend, wie der Zufall sie gestaltet hatte, und ihre Rumpfe tüchtig räumend, um das Gemälde zu vollenden. Diesen nähern Gegenständen muß die Aussicht in die Ferne zugefügt werden, welche in der einen Richtung sich bis zum Jura ausbreitete, und in der andern die Grenzen Italiens streifte, dessen luftige Scheidelinien in jener Region gesucht werden mußten, welche weder zum Himmel noch zur Erde gehört, der Heimath ewigen Eises. An einzelnen Punkten glänzte die Rhone aus den Wiesen von Wallis, denn die Höhe des Schlosses ließ diese sehen, und Adelheid war bemüht, in dem Labyrinth der Berge die Thäler aufzusuchen, welche zu den sonnigen Ländern führten, denen sie entgegen reisten.

Die Gefühle von Vater und Tochter waren, als sie unter das Laubdach der Terrasse traten, die stummer Freude. Der Ausdruck ihrer Züge ließ sogleich gewahren, daß sie sehr glücklich gestimmt waren, erfreuliche Eindrücke aufzunehmen, denn beider Antlitz war voll jenes ruhigen Glückes, das plötzlicher und lebhafter Freude folgt. Adelheid hatte geweint, allein, nach dem Glanze ihrer Augen, der gesunden und strahlenden Blüthe ihrer Wangen und dem halb unterdrückten Lächeln, das um ihre Lippen spielte, zu schließen, waren die Thränen eher süß als schmerzlich gewesen. Obgleich sie noch körperliche Schwäche genug verrieth, um die Besorgnisse aller, die sie liebten, rege zu erhalten, zeigte sich doch in ihrem Aussehen eine glückliche Veränderung, welche so merklich war, daß sie selbst den minder Aufmerksamen auffiel, die in täglichem Verkehr mit der Leidenden standen.

»Wenn reine und milde Luft, ein sonniger Himmel und eine hinreißende Landschaft das ist, was die suchen, welche die Alpen überschreiten, Vater,« sagte Adelheid, nachdem sie einen Augenblick auf das prachtvolle Rundgemälde geschaut hatte, – »warum sollte der Schweizer sein Heimath-Land verlassen? Gibt es in Italien etwas Sanfteres, Anziehenderes, oder Gesunderes, als dies hier?«

»Diese Gegend ist oft das Italien unserer Berge genannt worden. Die Feige reift um jenes Dörfchen, Montreux genannt, und das ganze Gestade, der Morgensonne offen, während es durch die Abhänge drüben geschirmt ist, verdient wohl seine glückliche Berühmtheit. Dennoch ziehen die, deren Geist Zerstreuung fordert und deren Gesundheit der Stärkung bedarf, es gewöhnlich vor, in Länder zu gehen, wo der Geist mehr Beschäftigung hat und wo eine größere Mannigfaltigkeit von Geschäften dem Klima und der Natur die Heilung vollenden hilft.«

»Aber du vergißt, Vater, daß wir unter uns übereingekommen sind, daß ich jetzt stark und thätig und heiter werden soll, wie ich zu Willading zu sein pflegte, als ich aus den Kinderjahren trat.«

»Könnte ich nur diese Tage wieder sehen, mein Liebling, diese meine letzten Stunden würden so ruhig sein, wie die eines Heiligen – obgleich ich, der Himmel weiß es, in keiner andern Hinsicht Ansprüche an diese gesegnete Würde habe.«

»Rechnest du ein ruhiges Gewissen und eine sichere Hoffnung für nichts, Vater?«

»Halte es, wie du willst, Mädchen! Mache einen Heiligen aus mir, oder einen Bischof, oder einen Einsiedler, wenn du willst; der einzige Lohn, den ich fordere, ist, dich heiter und glücklich zu sehen; wie du während der ersten achtzehn Jahren deines Lebens stets zu sein pflegtest. Hätte ich vorher gesehen, daß du von meiner guten Schwester dir selbst so wenig ähnlich zurückkehren würdest, würde ich den Besuch nicht zugegeben haben, so sehr ich sie und alle die Ihrigen liebe. Aber die Weisesten unter uns sind hülflose Sterbliche, und wir wissen kaum, was uns von einer Stunde bis zur andern fehlen kann. Du sagtest mir, glaube ich, dieser wackere Sigismund habe ehrlich erklärt, er hoffe nicht, daß meine Einwilligung je einem Manne gegeben werden möchte, der in Hinsicht auf Geburt und Vermögen so wenig habe, dessen er sich rühmen könne? In diesem Zweifel war mindestens Verstand, Bescheidenheit und richtiges Gefühl, aber er hätte besser von meinem Herzen denken sollen.«

»Er sagte dies,« erwiederte Adelheid mit einer schüchternen und leise zitternden Stimme, obgleich der vertrauenvolle Ausdruck ihres Auges klar bezeugte, daß sie kein Geheimniß mehr vor ihrem Vater hatte. »Er besitzt zu viel Ehrgefühl, um zu wünschen, die Tochter eines Adeligen ohne das Mitwissen und die Billigung ihrer Verwandten zu gewinnen.«

»Daß der Jüngling dich liebt, Adelheid, ist natürlich; – es ist ein Beweis mehr von seinem eigenen Verdienst – aber daß er meiner Liebe und Gerechtigkeit mißtraut, ist eine Beleidigung, welche ich kaum verzeihe. Was sind Ahnen und Schätze im Vergleich mit deinem Glücke?«

»Du vergissest, lieber Vater, daß er erst erfahren soll, daß mein Glück einigermaßen von dem seinigen abhängt.«

Adelheid sprach schnell und mit Wärme.

»Er wußte, daß ich Vater war und daß du mein einziges Kind bist; jemand von seinem gesunden Sinne und seinem richtigen Verstande hätte die Gefühle eines Mannes in meiner Lage besser verstehen sollen, als daß er seine natürliche Liebe bezweifelt.«

»Da er nie Vater einer einzigen Tochter war,« antwortete Adelheid lächelnd, denn in ihrer jetzigen Stimmung kam das Lächeln leicht, »kann er alles das, was du denkst, nicht gefühlt oder geahnt haben. Er kannte die Vorurtheile der Welt in Hinsicht auf adelige Geburt, und deren sind in der That wenige, die viel haben und geneigt sind, es an solche, die wenig haben, abzugeben.«

»Der Bursche betrachtete die Sache eher wie ein alter Geizhals, denn wie ein junger Soldat und ich habe große Lust, ihm mein Mißfallen zu erkennen zu geben, daß er so niedrig von mir denkt. Haben wir doch Willading mit allen seinen schönen Ländereien, und überdies unser Bürgerrecht, so daß wir die Hülfe Anderer nimmer werden anzusprechen haben, wie dürftige Bettler! Du bist mit in der Verschwörung gegen meinen Charakter gewesen, Mädchen, sonst hätte eine solche Furcht keinem von uns beiden nur einen unangenehmen Augenblick gemacht.«

»Ich glaubte nie, Vater, daß du ihn um der Armuth willen zurückweisen würdest, denn ich wußte, daß unsere eigenen Mittel für alle unsere Bedürfnisse ausreichend wären; aber ich war der Meinung, derjenige, der sich nicht der Vorrechte des Adels rühmen könne, möchte schwerlich deine Gunst erlangen.«

»Sind wir nicht eine Republik? ist nicht das Bürgerrecht das einzige wesentliche Recht in Bern – warum sollte ich Hindernisse gegen das aufwerfen, über welches die Gesetze schweigen?«

Adelheid lauschte, wie wohl ein Mädchen von ihren Jahren so angenehmen Worten zu lauschen pflegt, mit entzücktem Ohre; und doch schüttelte sie den Kopf, um einen Unglauben zu unterdrücken, der nicht ganz frei von Besorgniß war.

»Für dein großmüthiges Vergessen alter Meinungen zu Gunsten meines Glückes, theuerster Vater,« begann sie wieder, und Thränen traten ungeheißen in ihr sinniges blaues Auge, »danke ich dir innigst. Es ist wahr, wir sind Bewohner einer Republik, aber wir sind nichts desto weniger von Adel.«

»Wendest du dich gegen dich selbst und suchst Gründe auf, warum ich das nicht thun sollte, was du kaum als so nothwendig zugestandest, wenn du nicht deinen Brüdern und Schwestern in ihre frühen Gräber folgen solltest?«

Das Blut schoß ungestümer in das Antlitz der Jungfrau, denn obgleich sie sich weinend in dem Augenblicke zärtlichen Vertrauens, der ihrem Dankgebet für des Freiherrn Rettung gefolgt war, an seine Brust geworfen und ihm gestanden hatte, daß die Hoffnungslosigkeit der Gefühle, mit welcher sie die erklärte Liebe Sigismund's erwiederte, der wahre Grund des sichtbaren Unwohlseins sei, das ihre Angehörigen so sehr beunruhigte; so schienen doch die Worte, welche ihrem Herzen freiwillig entströmt waren, keinen so ausgedehnten, oder den jungfräulichen Stolz so verwundenden Sinn in sich zu schliessen, wie der, welchen ihr Vater in der Kraft seines männlichen Charakters ihnen gegeben hatte.

»Mit Gottes Hülfe, Vater, werde ich, ob mit Sigismund vereint oder nicht, leben, um dein Alter zu erfreuen und deine späten Jahre zu beglücken. Eine gute Tochter wird nie so grausam von jemand gerissen werden, dessen letzter und einziger Beistand sie ist. Ich kann dieses Fehlschlagen betrauern und vielleicht thöricht wünschen, es möchte anders sein; aber unser Haus ist nicht der Art, daß seine Töchter aus Liebe zu irgend einem Jüngling sterben, wie würdig er auch sei.«

»Ob adelig oder bürgerlich,« setzte der Freiherr lachend hinzu, denn er sah, daß seine Tochter eher in vorübergehender Empfindlichkeit, als aus ihrem vortrefflichen Herzen redete. Adelheid, deren gesunder Verstand und schnelle Besonnenheit ihr sogleich die Schwachheit dieser kleinen Darlegung weiblichen Gefühls gezeigt hatte, lachte nun auch, obgleich sie seine Worte wiederholte, als wenn sie ihren eigenen mehr Nachdruck geben wollte.

»Das reicht nicht aus, meine Tochter. Wer der republikanischen Lehre anhängt, darf auch in seiner Ansicht über Vorrechte nicht zu streng sein. Wenn Sigismund nicht von Adel ist, so wird es nicht schwer sein, diese ehrenvolle Auszeichnung für ihn zu erlangen, und er kann, da ich keine männlichen Nachkommen habe, den Namen unserer Familie tragen und ihre Ehre aufrecht erhalten. In jedem Falle wird er Mitglied der Bürgerschaft werden, und dies ist an sich alles, was in Bern erforderlich ist.«

»In Bern, Vater,« erwiederte Adelheid, welche so fern die frühere stolze Regung vergessen hatte, daß sie ihrem gütigen und nachsichtigen Vater zulächelte, obgleich sie, sich der Wunderlichkeit glücklicher Leute hingebend, mit ihren eigenen Gefühlen zu spielen fortfuhr: »es ist wahr. Das Bürgerrecht wird zur Erlangung von Aemtern und bürgerlichen Privilegien hinreichen, allein wird es auch den Ansichten unserer Ebenbürtigen, den Vorurtheilen der Gesellschaft und unserer eignen vollkommenen Zufriedenheit genügen, wenn die Neuheit der Dankbarkeit vorüber ist?«

»Du stellst diese Fragen, Mädchen, als wolltest du deine eigene Sache bekämpfen – liebst du denn den jungen Mann wirklich?«

»Ueber diesen Gegenstand habe ich aufrichtig und wie es deinem Kinde ziemt, gesprochen,« versetzte Adelheid freimüthig. – »Er hat mein Leben aus einer drohenden Gefahr gerettet, so wie er jetzt das deinige gerettet hat; und obgleich meine Tante, dein Mißfallen fürchtend, nicht haben wollte, daß du von der Sache unterrichtet würdest, konnte ihr Verbot doch die Dankbarkeit nicht hindern, ihr Glück zu versuchen. Ich habe dir gesagt, daß Sigismund seine Gefühle erklärt habe, obgleich er edel nicht einmal eine Erwiederung verlangte, und ich würde nicht meiner Mutter Kind gewesen sein, wenn ich bei so vielem Werthe, verbunden mit einem so großen Dienste, ganz gleichgültig geblieben wäre. Was ich von unsern Vorurtheilen gesagt habe, ist sonach eher ein Gegenstand deiner Ueberlegung, als der meinigen, theurer Vater. Ich habe oft über all das nachgedacht, und bin bereit, dem Stolze jedes Opfer zu bringen und allen Tadel der Welt zu dulden, um mich einer Schuld gegen jemand zu entladen, dem ich so viel verdanke. Während es aber natürlich, ja unvermeidlich ist, daß ich so fühle, brauchst du nicht nothwendig die andern Ansprüche auf dich zu vergessen. Es ist wahr, in einem Sinne sind wir uns gegenseitig Alles, aber es gibt einen Tyrannen, der kaum irgend jemand seinem Scepter entschlüpfen läßt – ich spreche von der öffentlichen Meinung. Laß uns daher nicht uns selbst täuschen – wollen wir von Bern gleich für eine Republik gelten und sprechen wir auch viel von Freiheit, so ist es doch ein kleiner Staat, und der Einfluß der Größern und Mächtigern unserer Nachbarn hat in Allem das Uebergewicht, was sich auf die öffentliche Meinung bezieht. Ein Adeliger bleibt ein Adeliger in Bern in Allem, das ausgenommen, was das Gesetz zugesteht, so gut wie in dem Reich – und du weißt, wir sind deutschen Stammes, der in diesen Vorurtheilen tiefe Wurzel gefaßt hat.«

Der Freiherr von Willading hattet sich sehr gewöhnt, den überlegeneren Geist und den gebildeteren Verstand seiner Tochter in Anspruch zu nehmen, die in der Einsamkeit ihres väterlichen Schlosses weit mehr gelesen und gedacht hatte, als in den unruhigeren Scenen des Lebens ihre Jahre wahrscheinlich erlaubt haben würden. Er fühlte das Richtige ihrer Bemerkung, und sie waren die ganze Länge der Terrasse in tiefem Schweigen hinabgegangen, ehe er die Gedanken sammeln konnte, welche eine angemessene Antwort forderte.

»Die Wahrheit dessen, was du sagst, ist nicht zu läugnen,« sprach er endlich: »aber es kann geholfen werden. Ich habe viele Freunde an den deutschen Höfen, und eine Gunst kann erwirkt werden; ein Adelsbrief gibt dem Jüngling die Stellung, welche ihm fehlt, woraus er, ohne gegen irgend eine Meinung sowohl zu Bern wie anderswo, anzustoßen, um deine Hand werben kann.«

»Ich zweifle, ob Sigismund sich zu diesem Auskunftsmittel gern hergibt. Unser eigener Adel ist alten Ursprungs, er schreibt sich von einer Zeit her, wo man von Bern als einer Stadt noch nichts wußte, und ist älter als unsere Verfassung. Ich erinnere mich, ihn sagen gehört zu haben, daß, wenn ein Volk solche Auszeichnungen nicht selbst verleihen wolle, seine Bürger sie nie von andern ohne einen Verlust an Würde und Charakter annehmen könnten, und ein Mann von seiner geistigen Festigkeit möchte Anstand nehmen, für eine so werthlose Gabe wie die, welche wir bieten, das zu thun, was er für Unrecht hält.«

»Bei der Seele Wilhelm Tell's, sollte der unbekannte Bauer es wagen – aber er ist ein braver Junge und zweimal hat er meinem Geschlechte den höchsten Dienst erzeigt! Adelheid, ich liebe ihn kaum weniger, wie dich, und wir wollen ihn behutsam und allmählig für unsere Pläne zu gewinnen suchen. Ein Mädchen von deiner Schönheit und deinen Jahren, um nichts von deinen übrigen Eigenschaften, deinem Namen, der Besitzung von Willading und den Berner Rechten zu sagen, sind doch wohl keine so unbedeutende Dinge für einen namenlosen Krieger, der nichts hat –«

»Als seinen Muth, seine Tugenden, seine Bescheidenheit und sein treffliches Gefühl, Vater!«

»Du willst mir die nackte Genugthuung nicht lassen, meine eigenen Waaren zu rühmen! Ich sehe an Gaetano Grimaldi's Fenster Zeichen, als sei er im Begriff herauszukommen; geh' in dein Gemach, damit ich mit dem trefflichen Freunde von dieser verdrießlichen Sache sprechen kann; zu gehöriger Zeit sollst du das Resultat erfahren.«

Adelheid küßte die Hand, welche sie in der ihrigen hielt und verließ ihren Vater mit einer gedankenvollen Miene. Sie ging nicht mit demselben beflügelten Schritte die Terrasse hinab, mit welchem sie eine halbe Stunde vorher herauf gekommen war.

Ihrer Mutter früh beraubt, war dieses charakterfeste, aber zarte Mädchen lange gewohnt gewesen, ihren Vater zum Vertrauten ihrer Hoffnungen, Gedanken und Pläne für die Zukunft zu machen. In Folge ihrer eigenthümlichen Lage würde sie weniger, als sonst bei ihrem Geschlechte gewöhnlich ist, gezögert haben, ihm ihre Neigung zu gestehen; aber die Furcht, die Erklärung werde ihn nur unglücklich machen, ohne ihre Sache in irgend einer Weise zu fördern, hatte sie bisher gehindert zu sprechen. Ihre Bekanntschaft mit Sigismund war eine lange und innige. Fest gewurzeltes Vertrauen und tiefe Achtung machten die Grundlage ihrer Gefühle aus, welche jedoch so lebendig waren, daß sie in dem Bestreben, ihrer zu vergessen, die Rosen von ihren Wangen scheuchten und ihren besorgten Vater fürchten ließen, sie gehe dem frühzeitigen Tode entgegen, welcher ihn bereits seiner andern Kinder beraubt hatte. Es bestand in Wahrheit kein ernsthafter Grund zu seinen Besorgnissen, welche für jemand an der Stelle des Freiherrn von Willading so natürlich waren; denn bevor Sinnen und Nachdenken ihre Wange bleichten, wohnte kein Mädchen in ihren heimathlichen Bergen, das blühender gewesen wäre, oder eine vollkommnere Gesundheit mit weiblicher Zartheit vereinigt hätte. Sie hatte ruhig in die Italienische Reise gewilligt, in der Erwartung, sie werde dazu beitragen, ihren Geist vor dem Brüten über dem, was sie lange als hoffnungslos angesehen hatte, abzuwenden, und mit dem natürlichen Wunsche, so berühmte Länder zu sehen, aber durchaus unter keinen irrigen Ansichten über ihre eigene Lage. Sigismund's Anwesenheit war, soweit sie betheiligt war, rein zufällig, obschon sie den freundlichen Gedanken nicht von sich abwehren konnte – ein Gedanke, der ihrer weiblichen Neigung und ihrem jungfräulichen Stolze so angenehm war – der junge Krieger, der in Oestreichischen Diensten war und den sie bei einem seiner häufigen Besuche in der Heimath kennen gelernt hatte, habe diese günstige Gelegenheit freudig ergriffen, zu seinen Fahnen zurückzukehren. Umstände, welche wir dem Leser nicht auseinander zu setzen brauchen, hatten Adelheid Gelegenheit geboten, den jungen Mann mit ihrem Vater bekannt zu machen, obgleich das Verbot ihrer Tante, deren Unklugheit der Vorfall, der beinahe so unglücklich geendigt hätte, und von dessen Folgen sie durch Sigismund gerettet worden war, sie abhielt, alle die Gründe anzugeben, welche sie hatte, ihm Achtung und Wohlwollen zu zeigen. Vielleicht steigerte die Art, wie dieses junge und phantasiereiche, obgleich reizbare Mädchen gezwungen war, einen Theil ihrer Gefühle zurückzudrängen, deren Innigkeit, und beschleunigte den Uebergang der Gefühle der Dankbarkeit zu denen der Liebe, der sonst vielleicht nur durch eine offenere und längere Bekanntschaft erzeugt worden wäre. Jetzt wußte sie kaum selbst, wie unzertrennlich ihr Glück an das von Sigismund gefesselt war, obgleich sie sein Bild in ihren meisten wachen Träumen so zärtlich gehegt und seinen Einfluß auf ihren Geist und ihre Hoffnungen unbewußt hatte wirken lassen, bis sie erfuhr, daß er ihre Gefühle theile.

Signor Grimaldi zeigte sich an dem einen Ende der Terrasse, als Adelheid von Willading an dem andern hinabstieg. Die alten Edelleute hatten sich spät in der letzten Nacht nach einer innigen und vertraulichen Mittheilung getrennt, welche die Seele des Italieners erschüttert und die stärksten und aufrichtigsten Beweise der Theilnahme von Seiten seines Freundes zur Folge gehabt hatten. In dem angebornen Charakter des Genuesers war, so geneigt er sich auch zu plötzlichen Schatten der Schwermuth zeigte, ein starker humoristischer Zug, welcher seine peinlicheren Erinnerungen so rasch überstrahlte, daß er deren Gewicht größtentheils erleichterte und ihn dem Anscheine nach zu einem glücklichen Manne machte, obgleich die Wahrheit gezeigt hätte, daß er ein kummervolles Gemüth hege. Er hatte seine Andacht mit dankbarem Herzen vollbracht und kam nun in die belebende Bergluft heraus, wie jemand, der sein Gewissen von einer schweren Last befreit hat. Wie die meisten katholischen Laien glaubte er sich nicht länger gehalten, ein ernstes und zerknirschtes Aeußere beizubehalten, nachdem Gebet und Buße gehörig beachtet worden, und er kam mit einer Heiterkeit der Miene und der Stimme zu seinem Freunde, die ein Einsiedler oder ein Puritaner nach den Ergebnissen des verflossenen Abends für Leichtsinn genommen hätte.

»Die Jungfrau und San Francesko seien mit dir, alter Freund!« sagte Signor Grimaldi, die beiden Wangen des Freiherrn von Willading herzlich küssend: »wir haben beide vollen Grund, ihrer Güte eingedenk zu sein, obgleich ich nicht zweifle, daß du, als Ketzer, bereits andere Vermittler fandest, denen du danktest, daß wir jetzt auf dieser festen Terrasse des Herrn von Blonay stehen, statt werthlosen Lehm auf dem Grunde jenes verrätherischen Sees dort abzugeben.«

»Ich danke Gott dafür, wie für alle seine Gnaden – für dein Leben, Gaetano, so wie für mein eigenes.«

»Du hast recht, du hast recht, guter Melchior; unser Leben stand wahrhaft bei niemand anderm als bei Ihm, der das Weltall auf der Fläche seiner Hand hält, denn eine Minute später hätte uns zu unsern Vätern versammelt. Doch wirst du es mir, als einem Katholiken, erlauben, der Vermittler zu gedenken, welche ich in dem Augenblick der Noth angerufen habe.«

»Dies ist ein Gegenstand, über den wir nie gleich gedacht haben und wahrscheinlich auch nie gleich denken werden,« antwortete der Berner mit der Zurückhaltung dessen, der sich einer stärkern Meinungsverschiedenheit bewußt ist, als er auszudrücken wünschte, während sie sich wendeten und auf der Terrasse auf und ab zu gehen anfingen – »obgleich ich glaube, es ist der einzige Streitpunkt, der je zwischen uns bestanden hat.«

»Es ist nicht außerordentlich,« erwiederte der Genueser, »daß Leute sich in Glück und Unglück aneinander schließen, für einander bluten, einander lieben, sich gegenseitig jeden Dienst der Freundschaft erweisen, wie du und ich gethan haben, Melchior, ja, sich in der höchsten Noth befinden und mehr um des Freundes als um ihrer selbst willen leiden, und doch solche Ansichten in Betreff ihres gegenseitigen Glaubens hegen, daß sie bei all dem den Ungläubigen in des Teufels Klauen wähnen und der stillen Ueberzeugung leben, dieselbe Seele, welche in allem andern für so edel und trefflich erachtet wird, müsse für ewige Zeiten verdammt werden, weil ihr gewisse Meinungen und Förmlichkeiten fehlten, welche man uns für wesentlich zu halten gelehrt hat.«

»Um dir die Wahrheit zu sagen,« versetzte der Schweizer, sich die Stirne wie jemand reibend, der seine Gedanken erhellen will, wie man altes Silber glänzend macht – durch Reibung: »dieser Gegenstand ist, wie du wohl weißt, meine starke Seite nicht. Luther, Calvin und andere Weise haben entdeckt, daß es eine Schwäche sei, sich ohne genaue Untersuchung Glaubenssätzen zu unterwerfen, blos weil sie ehrwürdig sind, und haben den Weitzen von der Spreu geschieden. Das nennen wir eine Reform. Es ist mir genug, daß so weise Männer mit ihren Untersuchungen und Veränderungen zufrieden waren, und ich fühle wenig Neigung, eine Entscheidung zu stören, welche jetzt die Weihe von fast zwei Jahrhunderten der Erfahrung erhalten hat. Um offen gegen dich zu sein, ich halte es für klug, die Ansichten meiner Väter zu ehren.«

»Aber, wie es scheint, nicht die deiner Großväter,« sagte der Italiener trocken, aber in vollkommen guter Laune: »bei San Francesko, du hättest einen guten Cardinal gegeben, wenn der Zufall dich fünfzig Stunden südlicher, oder westlicher, oder östlicher auf die Welt gesetzt hätte. Aber so geht es in der Welt, mögen es nun Türken, oder Juden, oder Lutheraner sein, und ich fürchte, es ist auch ziemlich dasselbe mit den Kindern von St. Petrus. Alle haben ihre Grundsätze im Glauben, in der Politik, wie in jedem Interesse, heiße es, wie es wolle, das jeder wie einen Hammer braucht, um das Gebäude der Gründe seines Gegners einzuschlagen, und wenn er sich in des Andern Verschanzung sieht, ei, so sammelt er die zerstreuten Materialien, um eine Mauer zu seinem eigenen Schutze aufzuführen. Was dann gestern Unterdrückung hieß, wird heute eine zu rechtfertigende Vertheidigung; der Fanatismus wird Logik; und Gläubigkeit und demüthige Unterwerfung müssen nach zwei Jahrhunderten Ehrerbietung gegen die ehrwürdige Ansicht der Väter werden! Doch lassen wir das – du sprachst vom Danke gegen Gott, und darin stimme ich, obgleich ich ein Katholik bin, fromm und inbrünstig ein, mit oder ohne Vermittlung der Heiligen.«

Der brave Freiherr hatte keinen Gefallen an seines Freundes Anspielungen, obgleich sie für seine bequeme Fassungsgabe viel zu fein waren, denn der Geist des Schweizers war durch den steten Aufenthalt im Schnee und Angesichts der Gletscher ein wenig eingefroren, und das bewegliche Spiel der Phantasie des Genuesers, die sich zuweilen wie Luft, welche durch die Sonnenwärme verdünnt worden, ausbreitete, fehlte ihm. Diese Verschiedenheit der Charaktere jedoch, weit entfernt, ihr gegenseitiges freundliches Verhältnis zu trüben, war sehr wahrscheinlich der wesentliche Grund des Bestandes desselben, da man wohl weiß, daß die Freundschaft wie die Liebe, öfter durch Eigenschaften hervorgerufen wird, welche ein wenig von den unsrigen verschieden sind, als durch eine vollkommene Gleichheit der Charaktere und Neigungen, welche eher Eifersucht und Streit hervorruft, als wenn jeder Theil sein gesondertes Pfund hat, mit welchem er wuchern kann und das Interesse dessen lebendig erhält, der in dieser besondern Hinsicht nur unbedeutend ausgestattet ist. Alles, was zu einer vollkommenen Gemeinschaft des Gefühls erfordert wird, ist ein gegenseitiges Anerkennen und ein gleiches Werthhalten gewisser großer moralischer Grundsätze, ohne welche keine Achtung unter rechtlichen Männern bestehen kann. Die Verbindung von Schurken hängt von so bekannten und einleuchtenden Triebfedern ab, daß wir uns jeder Erörterung über ihr Princip als etwas Ueberflüssigem enthalten können. Signor Grimaldi und Melchior von Willading waren beide sehr biedere und rechtlich gesinnte Männer, nach der Geltung dieser Worte, wenigstens ihrem Willen nach, und ihre entgegengesetzten Eigenthümlichkeiten und Ansichten hatten während ihrer Jugend gedient, das Interesse ihres Verkehrs rege zu erhalten, und konnten jetzt, wo die Zeit ihre Gefühle gemildert und so manche Erinnerung gebracht hatte, das Band zu befestigen, das schwerlich umstürzen, was sie vorzüglich im Anfang schaffen halfen.

»An deiner Bereitwilligkeit, Gott zu danken, habe ich nie gezweifelt,« antwortete der Freiherr, als sein Freund die eben mitgetheilte Bemerkung geschlossen hatte, – »aber wir wissen, daß seine Gnade hienieden sich gewöhnlich mittelst menschlicher Werkzeuge offenbart. Sollten wir daher nicht eine andere Art Dankbarkeit zu Gunsten dessen an den Tag legen, der in dem Sturm der letzten Nacht sich so hülfreich zeigte?«

»Du meinst meinen unbiegsamen Landsmann? Seit wir uns trennten, habe ich viel über seine seltsame Weigerung nachgedacht und hoffe immer noch Mittel zu finden, seinen Starrsinn zu besiegen.«

»Ich hoffe, es gelingt dir und du weißt wohl, daß du stets auf mich als einen Beistand rechnen kannst. Aber ich habe in diesem Augenblicke nicht an ihn gedacht; es ist ein Anderer da, der großmüthig mehr für uns gewagt hat, als der Seemann, indem er sein Leben einsetzte.«

»Das ist keine Frage und ich habe bereits über die Mittel, ihm nützlich zu werden, nachgedacht. Er ist ein Glückssoldat, wie ich höre, und wenn er Dienste zu Genua nehmen will, werde ich die Sorge für seine Beförderung auf mich nehmen. Beunruhige dich daher nicht wegen des Schicksals des jungen Sigismund's; du kennst meine Mittel und wirst an meinem Willen nicht zweifeln.«

Der Freiherr räusperte sich, denn er fühlte eine geheime Abneigung, seine eigenen günstigen Absichten gegen den jungen Mann zu enthüllen – das letzte noch zögernde Gefühl weltlichen Stolzes und die Folge von Vorurtheilen, welche damals allgemein waren, und die selbst jetzt bei weitem noch nicht erloschen sind. Ein lebendiges Gemälde der Schrecken der vergangenen Nacht ging an seinem Geiste vorüber und der gute Genius seines jungen Retters triumphirte.

»Du weißt, daß der Jüngling ein Schweizer ist,« sagte er, »und vermöge der Bande des Vaterlandes spreche ich mindestens ein gleiches Recht an, ihm nützlich zu werden.«

»Wir wollen wegen des Vorrangs in dieser Sache nicht hadern, aber du wirst wohlthun, dich zu erinnern, daß ich im Besitze besonderer Mittel bin, seinen Vortheil zu wahren – Mittel, welche dir unmöglich zu Gebote stehen.«

»Das ist nicht erwiesen,« unterbrach ihn der Freiherr von Willading: »ich habe zwar deine Stellung nicht, das ist wahr, Signor Gaetano, noch deine bürgerliche Gewalt, noch deinen fürstlichen Reichthum; aber so arm ich in diesen bin, so ist doch eine Gabe in meiner Hand, welche jene alle aufwiegt, und die dem jungen Burschen angenehmer sein wird, als irgend eine Gunstbezeugung, wie du sie eben genannt hast oder irgend nennen kannst, ich müßte mich denn in seinem Charakter geirrt haben.«

Signor Grimaldi hatte, die Augen gedankenvoll auf den Boden heftend, seinen Weg fortgesetzt; jetzt aber blickte er erstaunt in das Gesicht seines Freundes empor, als wolle er eine Erklärung. Der Freiherr war nicht nur durch das, was er sich hatte entschlüpfen lassen, blosgestellt, sondern der Widerspruch machte ihn auch wärmer, denn die besten Menschen werden häufig unter dem Einflusse von Triebfedern sehr unbedeutender Art etwas Vortreffliches thun.

»Du weißt, ich habe eine Tochter,« fing der Schweizer fest an, entschlossen, das Eis auf einmal zu brechen und eine Entschiedenheit zu zeigen, welche, wie er fürchtete, sein Freund für eine Schwachheit nehmen würde.

»Die hast du; und eine schönere, bescheidenere, zärtlichere, und doch, wenn mein Urtheil nicht trügt, im Nothfall festere, ist unter allen Vortrefflichen ihres vortrefflichen Geschlechtes nicht zu finden. Aber du wirst kaum daran denken, Adelheid einem Jüngling, der so wenig bekannt ist, oder ohne ihre Wünsche zu Rath gezogen zu haben, als Lohn für einen solchen Dienst anzutragen?«

»Mädchen von Adelheid's Geburt und Erziehung sind stets bereit, das zu thun, was schicklich ist, um die Ehre ihrer Familien aufrecht zu erhalten. Ich halte die Dankbarkeit für eine Schuld, welche nicht lange unabgetragen auf dem Namen von Willading lasten kann.«

Der Genueser sah ernst aus und es war offenbar, daß er seinem Freunde nicht ganz ohne Mißfallen zuhörte.

»Wir, die wir so viel von dem Leben gesehen haben, guter Melchior,« sagte er, – »sollten dessen Beschwerden und Fährlichkeiten kennen. Der Weg ist mühsam und es bedarf alles des Trostes, den Liebe und eine Gleichheit der Gefühle nur gewähren können, um seine Sorgen zu erleichtern. Ich habe diese herzlose Weise, mit den zärtlichsten Banden zu markten, um einen ausgehenden Stamm oder ein verfallendes Vermögen wieder emporzubringen, nie geliebt; und es wäre besser, Adelheid brächte ihre Tage unvereheligt in deinem alten Schlosse hin, als daß sie zufolge einer raschen Erregung des Gefühls nicht minder, als zufolge einer kalten Berechnung des Eigennutzes jemanden ihre Hand gibt. Solch ein Mädchen, Freund, gibt man nicht ohne viele Sorgfalt und Nachdenken hin.«

»Bei der Messe, um mich eines deiner Lieblingsschwüre zu bedienen, ich wundere mich, dich so reden zu hören – dich, den ich als einen heißblutigen Italiener kenne, der eifersüchtig war wie ein Türke, und mit dem Degen in der Faust behauptete, alle Frauen seien wie der Stahl seiner Klinge, so leicht durch Rost, oder schlechten Athem, oder Vernachlässigung getrübt, daß kein Vater oder Bruder in Betreff der Ehre ruhig sein könne, ehe die letzte seines Namens glücklich verheirathet wäre, und auch das an einen solchen Mann, wie die Weisheit ihrer Rathgeber ihn wählte. Ich erinnere mich, einst von dir gehört zu haben, du könntest nicht ruhig schlafen, bis deine Schwester eine Frau oder eine Nonne wäre.«

»Dies war die Sprache der Knabenzeit und gedankenlosen Jugend, und bitter bin ich gestraft worden, daß ich mich ihrer bediente. Von Willading, ich nahm eine schöne und edle Jungfrau zum Weibe; allein ich kam leider zu spät, um mir ihre Liebe zu gewinnen, obgleich mein grades Benehmen gegen sie mir ihre Achtung und Schätzung erwarb. Es ist etwas fürchterliches, die ernsten und feierlichen Bande des ehelichen Lebens zu knüpfen, ohne der Sache des Glücks auch die Stütze des Verstandes, die Phantasie, den Geschmack, nebst den Gefühlen, die davon abhängen, und vor allem jene launenvollen Neigungen beizugesellen, deren Wirken zu oft jede menschliche Vorsicht vereitelt. Wenn die Hoffnungen der Gefühlvollen und Edlen selbst in der ungewissen Lotterie des Ehestandes getäuscht werden, wird das Opfer schwer kämpfen, die Täuschung zu bewahren; wenn aber die Berechnungen Anderer das Uebel erzeugt haben, treibt uns ein natürlicher Beweggrund, der von dem Teufel stammt, fürchte ich, das Uebel zu erschweren, statt daß wir streben sollten, es zu erleichtern.«

»Du sprichst nicht von dem Ehestand wie jemand, dem er Glück brachte, armer Gaetano.«

»Ich habe dir gesagt, was leider nur zu wahr ist,« erwiederte der Genueser mit einem schweren Seufzer. »Meine Geburt, große Reichthümer und ein guter Name, hoffe ich, verleiteten die Verwandten meiner Gattin, sie zu einer Verbindung zu drängen, zu welcher, wie ich später Grund hatte zu fürchten, ihr Gefühl sie nicht geführt hatte. Ich hatte überdies einen furchtbaren Verbündeten an dem anerkannten Unwerthe dessen, der ihre junge Phantasie gewonnen hatte und den, als mit den Jahren das Nachdenken kam, ihre Vernunft verdammte. Ich wurde daher als ein Heilmittel für ein blutendes Herz und einen gestörten Frieden angenommen, und meine Stellung war mindestens keine solche, wie ein guter Mann sie wünschen, oder ein stolzer Mann sie ertragen konnte. Die unglückliche Angiolina starb, als sie ihrem ersten Kinde, dem unglücklichen Sohne, von dem ich dir so viel erzählte, das Leben gab. Sie fand den Frieden endlich in dem Grabe.«

»Du hattest die Zeit nicht, deine männliche Zärtlichkeit und deine edlen Eigenschaften bei ihr geltend zu machen, sonst würde sie, ich setze mein Leben daran – dich noch geliebt haben, Gaetano, wie dich Alle lieben, die dich kennen!« erwiederte der Freiherr mit Wärme.

»Dank, mein gütiger Freund; aber mache das Heirathen nicht zu einer bloßen Schicklichkeitssache. Es mag Thorheit sein, jede müßige Neigung für jenes tiefe Gefühl und die geheime Sympathie zu nehmen, welche Herz an Herz fesselt, und ein gemeinschaftliches Schicksal kann freilich Weltlichgesinnte an einander knüpfen; aber dies ist nicht das heilige Band, welches edle Eigenschaften in einer Familie erhält und gegen die Verführungen einer Welt sichert, gegen welche die Rechtschaffenheit bereits nicht mehr aufkömmt. Ich erinnere mich, von jemand, der seine Mitgeschöpfe genau kannte, gehört zu haben: Schicklichkeitsheirathen zielten dahin, das Weib seines schönsten Schmuckes zu berauben, dessen der Ueberlegenheit über das niedrige Gefühl weltlicher Berechnungen, und alle Verbindungen, in welchen diese vorherrschen, würden nothwendig über die natürlichen Grenzen selbstisch und wohl sogar verderbt.«

»Das mag wahr sein; – aber Adelheid liebt den Jüngling.«

»Ha! das verändert die Gestalt der Sache. Wie weißt du das?«

»Aus ihrem eigenen Munde. In der Wärme und Innigkeit des Gefühls, welche die gestrigen Begebnisse so natürlich erregten, entschlüpfte ihr das Geheimniß.«

»Und Sigismund! – er hat deine Einwilligung? – denn ich kann nicht annehmen, daß ein Mädchen, wie deine Tochter, ihre Liebe unaufgefordert zugestand.«

»Er hat sie – das heißt – er hat sie. Es findet sich wohl, wie es die Welt nennt, ein Hinderniß, aber es kömmt bei mir nicht in Anschlag. Der junge Mann ist nicht von Adel.«

»Der Einwurf ist ernst, mein wackerer Freund. Es ist nicht klug, die menschliche Hinfälligkeit zu sehr zu tadeln, wenn genug zu dulden ist aus Gründen, welche nicht entfernt werden können. Die Ehe ist ein unsicherer Versuch, und alle ungewöhnlichen Beweggründe zum Widerwillen sollten vorsichtig vermieden werden. – Ich wollte, er wäre von Adel.«

»Die Schwierigkeit soll durch die Gnade des Kaisers gehoben werden. Auch hast du Fürsten in Italien, welche im Nothfall vermocht werden könnten, die Gunst zu gewähren.«

»Wie ist es mit des Jünglings Abstammung und Geschichte, und wodurch kam deine Tochter in die Lage, jemand aus bürgerlichem Stande zu lieben?«

»Sigismund ist ein Schweizer und aus einer Berner Bürgerfamilie, wenn ich nicht irre, obgleich ich, die Wahrheit zu gestehen, wenig mehr weiß, als daß er mehre Jahre in fremden Kriegsdiensten hinbrachte und vor ungefähr zwei Jahren bei einem jener Vorfälle, wie sie auf unsern Bergen häufig sind, meiner Tochter das Leben rettete, wie er jetzt deines und meines gerettet hat. Die Bekanntschaft begann in der Nähe des Schlosses meiner Schwester, und diese erlaubte den Verkehr, den verbieten zu wollen nun zu spät wäre. Und, um aufrichtig zu sprechen, ich fange an, mich zu freuen, daß der Jüngling ist, was er ist, um unsere Bereitwilligkeit, ihn in unsere Familie aufzunehmen, desto augenscheinlicher zu machen. Wenn der junge Mann in andern Dingen Adelheid so gleich stünde, wie an Person und Charakter, so spräche zu viel zu seinen Gunsten. – Nein, bei dem Glauben Calvins – den du einen Ketzer nennst – ich glaube, ich freue mich, daß der Jüngling nicht adelig ist!«

»Halte es, wie du willst,« erwiederte der Genueser, dessen Züge fortwährend Mißtrauen und Nachdenken ausdrückten, denn seine eigene Erfahrung hatte ihn hinsichtlich zweifelhafter und unpassender Verbindungen vorsichtig gemacht! – »mag seine Abstammung sein, welche sie will, an Gold soll es ihm nicht fehlen. Ich übernehme selbst die Sorge, daß die Güter von Willading gehörig aufgewogen werden; und hier kömmt unser freundlicher Wirth, um Zeuge der übernommenen Verpflichtung zu werden.«

Roger von Blonay kam, als Signor Grimaldi schloß, auf die Terrasse, um seine Gäste zu begrüßen. Die drei Greise setzten ihren Spaziergang noch eine Stunde fort, das Schicksal des jungen Paares besprechend, denn Melchior von Willading war so wenig geneigt, vor dem einen seiner Freunde, wie vor dem andern seine Absicht geheim zu halten.



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