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Erstes Kapitel.

»Der Tag glomm und ich ging bei'm sanften
Windhauch, der leicht den Leman kräuselte.«

Rogers.

Das Jahr war im Sinken und der Morgen glänzend heiter, als das schönste und schnellste Fahrzeug, das den Leman befuhr, am Kai der alten und historischen Stadt Genf zur Abreise nach dem Waadtlande bereit lag. Dieses Schiff hieß der Winkelried, zum Andenken Arnold's von Winkelried, welcher so edelmüthig Leben und Hoffnungen dem Wohle seines Vaterlandes geopfert hatte und verdientermaßen zu den ächtesten jener Helden gezählt wird, von denen gültig hergestellte Nachrichten auf uns gekommen sind. Es war im Anfange dieses Jahres vom Stapel gelassen worden und zeigte noch an dem Top der Vorstange einen Epheukranz, der mit Bandschleifen und Wimpeln den Geschenken der Freundinnen des Patrons, und dem vermeintlichen Pfande des Glückes, verschwenderisch verziert war. Langsam führt allerdings die Anwendung des Dampfes und die Gegenwart unbeschäftigter Seeleute, in dieser für Kriegslustige so müßigen Zeit, zu Neuerungen und Verbesserungen in der Schiffahrt an den Italienischen und Schweizer Seen; aber die Zeit hat bis auf diese Stunde wenig gethan, um die Gewohnheiten und Ansichten derjenigen zu ändern, welche diese Binnenwasser behufs ihres Unterhaltes befahren. Der Winkelried hatte die zwei niedrigen, auseinander gehenden Masten; die verkürzten und malerisch abgewägten lateinischen Raaen; die leichten dreieckigen Segel; die überragenden und vorspringenden Laufplanken; den zurücktretenden und fallenden Spiegel; den hohen und gespitzten Schnabel, mit dem classischen und zierlichen Aeußern dieser Schiffe im Allgemeinen, wie man sie auf ältern Gemälden und Kupferstichen sieht. Eine vergoldete Kugel glänzte auf der Spitze jedes Mastes, denn kein Segeltuch war höher aufgesetzt, als die schlanken und schön balamirten Raaen, und über einer dieser zitterte und flatterte in einem frischen Westwind der verwelkte Busch mit seinem bunten Schmuck. Der Rumpf war eines so sehr schönen Aeußern würdig, denn er war geräumig, bequem und nach den Bedürfnissen der Schiffahrt von bewährter Form. Die Ladung, welche dem Auge hinreichend offen lag, da der größte Theil auf der breiten Decke aufgehäuft war, bestand aus einer, wie es unsere Schiffer nennen würden, assortirten Fracht. Man sah jedoch darunter vorzüglich jene ausländischen Luxusartikel, wie man sie damals nannte, obgleich die Gewohnheit sie jetzt für den häuslichen Bedarf fast unentbehrlich gemacht hat, welche ungemein mäßig von dem wohlhabendern Theile derjenigen, die tiefer im Gebirge wohnten, verbraucht wurden, und die zwei Haupterzeugnisse der Sennerei; letztere waren vorzüglich für einen Markt in den weniger waidereichen Districten des Südens bestimmt. Diesem muß man den persönlichen Effekt einer ungewöhnlichen Anzahl von Reisenden zufügen, welche auf der Höhe des schwereren Theils der Ladung mit einer Ordnung und Sorgfalt, welche ihr Werth kaum zu fordern schien, eingeschichtet waren. Diese Anordnung war jedoch für die Bequemlichkeit und selbst für die Sicherheit des Schiffes nothwendig und von dem Schiffsherrn in der Absicht getroffen worden, jedes Individuum zu seinem Reisegepäck zu bringen, um auf diese Weise jeder Verwirrung unter der Schaar zuvorzukommen und der Schiffsmannschaft Raum und Gelegenheit zu lassen, den nöthigen Obliegenheiten der Fahrt zu entsprechen.

Da das Schiff gestaut, die Segel zum Niederlassen bereit, der Wind günstig und der Tag allmählig im Anzuge war, hegte der Patron des Winkelried's, welcher zugleich dessen Eigenthümer war, den sehr natürlichen Wunsch, abzureisen. Aber ein unvorgesehenes Hinderniß stellte sich jetzt am Wasserthore dar, wo der Bedienstete, der nach dem Charakter aller derer, welche kamen und gingen, zu forschen beauftragt war, seinen Platz hatte und um den gegen fünfzig Repräsentanten von ungefähr halb so vielen Nationen sich nun in einem lärmenden Gedränge sammelten und die Luft mit einem Wirrwarr von Zungen füllten, welches einige wahrscheinliche Verwandtschaft mit dem Lärm hatte, das die Arbeitsleute von Babylon in Verwirrung brachte. Nach Bruchstücken von Sprüchen und halben Warnungen, welche gleicherweise an den Schiffsherrn, der Baptist hieß, und den Genfer Gesetzeswächter gerichtet waren, schien sich ein Gerücht unter diesen ungestümen Reisenden bestätigt zu haben, Balthasar, der Scharfrichter oder Henker des mächtigen und aristokratischen Kantons Bern, sollte durch die Habsucht des erstern, nicht nur Allem, was man den Gefühlen und Rechten von Menschen ehrsameren Berufes, sondern auch, wie man mit Heftigkeit und Bündigkeit behauptete, selbst der Sicherheit derer entgegen, die im Begriffe waren, ihr Vermögen dem Wechsel der Elemente anzuvertrauen, in ihre Gesellschaft eingeschwärzt werden.

Der Zufall und Baptist's Umsicht hatten bei dieser Gelegenheit einen so vielfarbigen und ungleichartigen Verein menschlicher Leidenschaften, Interessen, Dialecte, Wünsche und Meinungen zusammengebracht, wie irgend ein Bewunderer von Charakterverschiedenheiten es nur wünschen konnte. Man sah unter ihnen mehrere Kleinhändler, die von Wanderungen in Deutschland und Frankreich zurückkehrten, und theils mit ihrem spärlichen Waarenvorrath nach Süden wollten; einige arme Gelehrte, auf einer literarischen Reise nach Rom begriffen; einen oder zwei Künstler, welche mit mehr Enthusiasmus als Kenntnissen und Geschmack ausgestattet waren und mit poetischer Sehnsucht nach dem blauen Himmel und der Farbenglut Italiens reisten; eine Truppe Straßen-Gaukler, welche unter den schwerfälligern und minder verschmitzten Bewohnern Schwabens von ihren neapolitanischen Schwänken Nutzen gezogen hatten; unterschiedliche verabschiedete Lakeien; sechs oder acht Capitalisten, welche von ihrem Witze lebten, und eine namenlose Herde jener Gattung, welche die Franzosen » mauvais sujets« nennen; ein Titel, um den jetzt, seltsam genug, zwischen dem Auswurf der Gesellschaft und einer Klasse, welche gern dessen ausschließliche Herren und Gebieter werden möchten, heftig gestritten wird.

Diese bildeten mit einigen unbedeutenden Qualifikationen, welche wir jetzt noch nicht näher zu erörtern brauchen, das wesentliche Erforderniß jeder wahren Repräsentation – die Majorität. Die Uebrigen waren von anderm Schlage. Zunächst der lärmenden Schaar ruheloser Köpfe und geschwungener Arme in dem Thor und um dasselbe, war eine Gruppe, welche die ehrfurchtgebietende und noch schöne Gestalt eines Mannes in dem Reisekleid eines der höhern Stände zeigte, der des Zeugnisses von zwei oder drei Livree-Bedienten, die ihm nahe standen, nicht bedurfte, um darzuthun, daß er zu den Glücklichern seiner Mitgeschöpfe gehörte, wie Gutes und Böses gewöhnlich nach den Wechselfällen des Lebens berechnet wird. An seinen Arm lehnte sich ein so junges und so liebliches weibliches Wesen, daß Alle, die ihre erbleichende Farbe beobachteten, auf das holde aber melancholische Lächeln, das gelegentlich, bei einer der markirteren Ausbrüche von Thorheit in dem Haufen, ihre sanften und freundlichen Züge überglänzte, und auf eine Form, welche trotz ihrer abnehmenden Blüthe beinahe vollkommen war, mit Wehmuth schauten. Wenn diese Symptome einer zarten Gesundheit dieses schöne Mädchen nicht abhielten, an der Zungengeläufigkeit und dem Vortrage der verschiedenen Redner sich zu ergötzen, so zeigte sie öfter ihren Widerwillen, sich in der Gesellschaft so roher, stürmischer, zudringlicher und plumper unwissender Leute zu sehen. Ein junger Mann, der den Roquelor und anderes ähnliches Zubehör eines Schweizers in fremdem Kriegsdienst trug – ein Charakter, der in jener Zeit weder Beobachtungen noch Bemerkungen veranlaßte – stand an ihrer Seite und beantwortete die Fragen, welche von Zeit zu Zeit von den Andern in einer Art an ihn gerichtet wurden, welche zeigte, daß er ein vertrauter Bekannter war, obgleich an seiner Reiseequipage Merkmale zu sehen waren, die bewiesen, daß er nicht zu ihrer gewöhnlichen Gesellschaft gehören dürfte. Unter allen, die nicht unmittelbar an der lärmenden Verhandlung am Thore Theil hatten, nahm dieser junge Krieger, welchen die ihm nahe Stehenden gewöhnlich Monsieur Sigismund nannten, bei weitem an ihrem Fortgang das meiste Interesse. Obgleich von herkulischer Gestalt und augenscheinlich von ungewöhnlicher Körperkraft, war er doch ungemein angegriffen. Seine Wange, welche noch nicht die Frische, die sie der Bergluft dankte, verloren hatte, wurde manchmal blaß, wie die der welkenden Blume neben ihm, während ein anderes Mal sein Blut in einem Strom sein Gesicht überflog, welcher die schwellenden Gefäße zu brechen schien, in denen es so stürmisch floß. Wenn er jedoch nicht angeredet wurde, schwieg er; sein innerer Kampf wich allmählich und verrieth sich zuletzt nur noch durch das krampfhafte Einkrümmen seiner Finger, welche unbewußt das Gefäß seines Schwertes gefaßt hatten.

Der Lärm hatte nun eine Zeit lang fortgedauert; die Kehlen wurden wund, die Zungen klebricht, die Stimmen heiser und die Worte unzusammenhängend, als ein mit dem Tumulte selbst im Einklange stehender Vorfall das eitle Geschrei plötzlich unterbrach. Ganz in der Nähe lagen zwei ungeheure Hunde, offenbar auf die Bewegung ihrer gegenseitigen Herrn wartend, die in der Masse von Köpfen und Körpern, welche den Thorweg sperrten, den Blicken entzogen waren. Eines dieser Thiere war mit einem kurzen und dichthaarigen Fell bedeckt, dessen Grundfarbe ein helles Gelb, die Kehle und Füße aber so wie der untere Theil des Leibes vom mattem Weiß waren. Seinem Nebenbuhler dagegen hatte die Natur ein dunkles, bräunliches, langhaariges Kleid gegeben, seine Hauptfarbe jedoch durch einige Schatten von entschiedenem Schwarz gehoben. Was die Wucht und Kraft des Körpers anging, so sprang der Unterschied zwischen den beiden Thieren nicht so bald in das Auge, obgleich die Schale sich leicht zu Gunsten des erstern zu senken schien, der an Länge, wenn nicht an Kraft der Glieder, offenbar den Vortheil auf seiner Seite hatte.

Es würde die Befähigung, welche wir zu diesem Versuche in uns fühlen, weit übersteigen, wollten wir auseinandersetzen, in wie fern die Instincte der Hunde mit den wilden Leidenschaften der menschlichen Wesen um sie her sympathisirten, oder ob sie sich bewußt waren, daß ihre Herren sich in dem Streite auf entgegengesetzte Seiten gewendet, und daß es ihnen als treuen Knappen anstehe, eine Lanze miteinander zu brechen, um die Ehre derer, welchen sie dienten, aufrecht zu erhalten; kurz, sie brachen, nachdem sie sich die gehörige Zeit mit den Augen gemessen hatten, wüthend auf einander los, Körper an Körper, nach der Art dieser Thiere. Der Anprall war fürchterlich, und der Kampf zwischen zwei Thieren von solcher Größe und Stärke einer der wildesten. Das Gebrüll glich dem von Löwen und übertönte wirklich das Getobe der Menschenstimmen. Jeder Mund verstummte und jeder Kopf wendete sich in der Richtung der Kämpfenden. Das zitternde Mädchen schauderte mit abgewandtem Gesichte zurück, während der junge Mann eifrig vorschritt, um sie zu schützen, denn der Kampf war der Stelle nah, wo sie standen; aber so kraftvoll und gewandt sein Körper war, zauderte er doch, in einen so wüthenden Streit sich zu mischen. In diesem kritischen Augenblicke, wo die wuthentbrannten Thiere im Begriffe schienen, einander in Stücke zu zerreißen, wurde die Menge gewaltsam auseinander gestoßen und Seite an Seite stürzten zwei Männer aus der Masse. Der eine trug eine schwarze Kleidung, die kirchliche, asiatisch-aussehende Sammtmütze, und den weißen Gürtel eines Augustiner-Mönchs, und der andere hatte den Anzug eines dem Seeleben ergebenen Mannes, ohne jedoch so entschieden seemännisch zu sein, daß man über seinen Charakter außer allem Zweifel gewesen wäre. Der erstere hatte eine weiße frische Gesichtsfarbe und ein ovales, glückliches Antlitz, in welchem innerer Frieden und Liebe zu seinen Mitmenschen hauptsächlich vorleuchteten, während der andere die braune Farbe, die kühnen Züge und das funkelnde Auge des Italieners hatte.

»Uberto!« sagte der Mönch tadelnd, jene Art beleidigter Miene annehmend, welche man wohl einem verständigern Wesen zeigt, gewillt, aber zugleich bange, sich einem so wüthenden Kampfe mehr zu nähern, »schäme dich, alter Uberto! Hast du deine Dressur vergessen – hast du keine Achtung vor deinem guten Namen?«

Der Italiener hielt sich andrerseits nicht bei solchen Einreden auf, sondern warf sich mit sorgloser Keckheit auf die Hunde, und kraft der Stöße und Hiebe, deren schwerster Theil auf den Begleiter des Augustiners fiel, gelang es ihm, die Kämpfer zu trennen.

»Ha, Nettuno!« rief er, sobald diese kühne That vollbracht und er den in der heftigen Anstrengung verlornen Athem wieder ein wenig gesammelt hatte, mit der Strenge eines Mannes, der gewohnt ist, ein ernstes und unbedingtes Ansehen auszuüben: »was hast du vor? kannst du keine bessere Unterhaltung finden, als mit einem San Berando-Hund zu hadern? Schäme dich, thörichter Nettuno! du machst mich schaamroth, Hund: du, der so viele Meere besonnen beschifftest, verlierst deine Ruhe an einem kleinen Behälter süßen Wassers!«

Der Hund, der wirklich ein edles Thier von der bekannten Neu-Fundland-Race war, hängte seinen Kopf und gab Zeichen großer Zerknirschung, indem er seinem Herrn zurutschte und mit seinem Schweif den Boden fegte, während sein früherer Gegner sich mit einer Art mönchischer Würde niedersetzte und von dem Redner auf seinen Feind blickte, als sei er bemüht, die Vorwürfe zu begreifen, welche sein mächtiger und wackerer Antagonist so zahm hinnahm.

»Vater,« sagte der Italiener, »unsere Hunde sind beide, jeder auf seine Art, zu nützlich, beide sind zu guten Charakters, um Feinde zu sein. Ich kenne Uberto von alter Zeit her, denn die Wege des St. Bernard und ich sind keine Fremdlinge, und wenn der Ruf dem Thiere nicht mehr als Gerechtigkeit widerfahren läßt, so war er keine müßige Range auf den Schneegefilden.«

»Er war das Werkzeug, durch welches sieben Christen vom Tode gerettet wurden,« erwiederte der Mönch und fing wieder an, seinen Hund mit freundlichen Blicken zu betrachten, denn anfangs war bitterer Vorwurf und strenges Mißfallen in seinen Mienen – »um nicht von den Körpern zu reden, welche, nachdem der belebende Funke aus ihnen entflohen war, durch seine Thätigkeit gefunden wurden.«

»Was das letztere angeht, Vater, so können wir dem Thiere wenig mehr als guten Willen anrechnen. Schätzte man Dienste nach diesem Maßstab, so müßte ich seit langer Zeit der heilige Vater oder wenigstens ein Cardinal sein. Es ist jedoch keine schlechte Empfehlung für einen Hund, das Leben von sieben Leuten gerettet zu haben, die ruhig in ihrem Bette sterben können und Zeit haben, ihren Frieden mit dem Himmel abzuschließen. Der Nettuno da ist auf jede Weise würdig, des alten Uberto Freund zu sein, denn ich habe selbst zugesehen, wie er dreizehn Ertrinkende aus den gierigen Rachen von Haifischen und andern Ungeheuern der tiefen See rettete. Wie ist es, sollen wir unter den Thieren Frieden stiften?«

Der Augustiner drückte seine Bereitwilligkeit, so wie seinen Wunsch aus, ihm in einem so lobenswerthen Beginnen beizustehen und durch Befehle und gute Worte kamen die Hunde, welche, nachdem sie gegenseitig die Bitterkeit des Krieges gefühlt hatten, zum Frieden geneigt waren, und welche die Achtung gegen einander fühlten, die Muth und Kraft wohl erzeugen kann, bald auf den gewöhnlichen Fuß von solcherlei Thieren, welche keinen besondern Grund zum Streite haben.

Der Stadtwächter benutzte die durch den kleinen Vorfall herbeigeführte Ruhe, um einen Theil seines verlornen Ansehens wieder herzustellen. Indem er die Menge mit seinem Stock zurücktrieb, schaffte er sich freien Raum um das Thor, in welches immer nur Ein Reisender eintreten konnte, während er sich nicht nur bereitwillig, sondern entschlossen zeigte, ohne weiteres Zaudern seiner Pflicht zu genügen. Baptist, der Schiffsherr, der die köstlichen Augenblicke vergeuden sah und in der Zögerung einen Verlust des günstigen Windes ahnte, der für einen Mann seines Gewerbes Verlust von Geld war, drängte jetzt die Reisenden ernstlich, sich den nothwendigen Formen zu fügen und mit der gebührenden Eile ihre Plätze in seinem Schiffe zu nehmen.

»Was liegt daran,« fuhr der berechnende Schiffer fort, der wegen seiner Liebe zum Gewinn, welche den meisten Bewohnern jenes Landes eigen sein soll, ziemlich allgemein bekannt war, »ob einer oder zwanzig Scharfrichter in einem Boote sind, so lange das gute Fahrzeug schwimmt und dem Steuer folgt? Unsere Leman-Winde sind wankelmüthige Freunde, und der Kluge sucht ihre gute Laune zu benutzen. Gebt mir den Wind von Westen her und ich will den Winkelried bis zu dem Rande mit Scharfrichtern oder andern schadenbringenden Geschöpfen, wie ihr sie wollt, laden, und ihr sollt das leichteste Boot, das je in der Bise Nordwind oder Nordostwind. Uebers. schwamm, nehmen, und dann laßt uns sehen, wer zuerst in dem Hafen von Vevay einläuft?«

Der lauteste, und in einem Sinne, welcher bei allen solchen Verhandlungen sehr bedeutungsvoll ist, der Hauptsprecher bei diesem Streite war der Anführer der Neapolitanischen Truppe, welcher vermöge einer trefflichen Zunge, einer Behendigkeit, in welcher sich keiner der Anwesenden mit ihm messen konnte, und einer gewissen Mischung von Aberglauben und Großsprecherei, die fast gleiche Bestandtheile in seinem Charakter bildeten, ein Mann war, der leicht großen Einfluß auf die gewinnen konnte, welche, ihrer Unwissenheit und ihren Sitten zufolge, eine eingewurzelte Liebe für das Wunderbare und eine tiefe Achtung gegen alle die hegten, welche in ihrem Thun mehr Kühnheit und in ihrem Glauben mehr Leichtgläubigkeit besaßen als sie. Der gemeine Haufe liebt ein Ueberschwengliches, wäre es selbst in der Narrheit, denn in seinen Augen wird leicht der Ueberfluß an irgend einer besondern Eigenschaft für ein Zeichen ihrer Vorzüglichkeit genommen.

»Für den, der einnimmt, ist das gut, es kann aber dem, der bezahlt, den Tod bringen,« rief der Sohn des Südens, der bei den Zuhörern nicht wenig durch die verschmitzte Weise gewann, wie er hier den Käufer und Verkäufer gegen einander stellte. »Du wirst dein Silber für die Gefahr erhalten, der du dich aussetzest, und wir können wässerige Gräber für unsere Schwäche erhalten. Nur Unfälle können durch schlechte Gesellschaft kommen, und verflucht werden die in der unglücklichen Stunde sein, welche in brüderlicher Verbindung mit dem gefunden werden, dessen Gewerbe es ist, Christen in die Ewigkeit zu schleudern, ehe die Zeit, welche ihnen die Natur gesetzt, genau vorüber ist. Santa Madre! Nicht für die Ehre, vor dem heiligen Vater und dem ganzen gelehrten Conclave zu springen und meine geringen Künste zu zeigen, möchte ich der Reisegenosse eines solchen Menschen auf diesem wilden und launenvollen See werden!«

Diese feierliche Erklärung, welche mit dem angemessenen Geberdenspiel und einem Ausdrucke der Züge vorgetragen wurde, der ganz geeignet war, die Aufrichtigkeit des Redners darzuthun, brachte eine entsprechende Wirkung auf die meisten Zuhörer hervor, welche ihren Beifall auf eine hinreichend bedeutsame Weise murmelten; um den Patron zu überzeugen, daß er durch schöne Worte allein die Schwierigkeit nicht zu beseitigen im Stande sein werde. In dieser Verlegenheit sann er auf einen Plan, die Zweifel aller Anwesenden zu besiegen, in welchem er von dem Genfer Thorwächter eifrig unterstützt wurde und dem die Uebrigen, nach der gewöhnlichen Menge spitzfindiger Einwürfe, welche Mißtrauen, erhitztes Blut und die Hartnäckigkeit des Wortkampfes erzeugt hatte, endlich ihre Beistimmung zu geben veranlaßt wurden. Man kam überein, daß die Untersuchung nicht länger verzögert, daß aber eine Art Ausschuß aus der Menge innerhalb des Thores, wo Jeder, der heraus kam, nothwendig ihrer Musterung unterworfen werden mußte, sich aufstellen, und daß, im Falle ihre Wachsamkeit den verabscheuten und geächteten Balthasar entdeckte, der Schiffsherr dem Scharfrichter sein Geld zurückgeben und ihn abhalten sollte, Mitglied einer Gesellschaft zu werden, die in ihrer Wahl, und offenbar aus so unbedeutenden Gründen, dermaßen ängstlich war. Der Neapolitaner, der Pippo hieß; der arme Gelehrte, denn vor ungefähr hundert Jahren war die Gelehrsamkeit eher eine Verbündete als eine Feindin des Aberglaubens; und ein gewisser Nikolaus Wagner, ein dicker Berner, dem die meisten Käse in dem Schiffe gehörten, wurden bei dieser Gelegenheit von der Menge gewählt. Der Erste dankte seine Wahl seinem Ungestüm und seiner Zungenfertigkeit – Eigenschaften, die der gemeine Haufe gar zu gern für Ueberzeugung und geistige Befähigung hält; der Zweite schuldete sie seinem Schweigen und einer gewissen steifen Gravität, welche bei einer andern Klasse für die Stille tiefen Wassers gilt; der Letzte seinem Ansehen als ein Mann von bekanntem Reichthum, ein Vortheil, der trotz Allem, was die Alarmisten auf der einen Seite prophezeien, und die Enthusiasten auf der andern behaupten mögen, immer ein größeres Gewicht bei denen haben wird, welche in dieser Hinsicht minder beglückt sind, als vernünftig und moralisch heilsam ist, vorausgesetzt, daß er nicht durch Anmaßung oder durch leere Ansprüche auf ungebührliche und drückende Privilegien mißbraucht wird. Es verstand sich von selbst, daß diese erwählten Wächter der gemeinen Rechte ihre eigenen Papiere dem Genfer zuerst vorzulegen gehalten waren. Da wie so oft auf diese Untersuchung hingedeutet haben, scheint die Bemerkung an ihrer Stelle, daß das jetzige Gensd'armerie- und Paß-System damals in Europa nicht galt, und fast ein Jahrhundert später, als das, in welchem die Begebenheiten dieser Erzählung stattfanden, entstanden ist. Aber Genf war ein kleiner und bloßgestellter Staat, und die Anordnung, von welcher hier die Rede ist, war eine der Vorsichtsmaßregeln, zu welcher man von Zeit zu Zeit seine Zuflucht nahm, um die Freiheiten und die Unabhängigkeit zu schützen, auf welche seine Bürger so unausgesetzt und so weise eifersüchtig waren. Verf.

Der Neapolitaner, einer der verschmähtesten Bursche, der mehr kleine Vergehen auf der Seele hatte, als irgend Jemand, der sich heute an dem Wasserthore zeigte, umgab sich gewöhnlich mit jeder Vorsicht, welche die lange Erfahrung eines Vagabundes eingeben konnte, und wurde ohne Weiteres durchgelassen. Der arme westphälische Gelehrte hielt ein in mittelalterlichem Latein zierlich geschriebenes Document hin und entging jeder weitern Belästigung durch die Eitelkeit des ungebildeten Stadtwächters, der hastig behauptete, es sei eine wahre Freude, solche in alter Form abgefaßte Documente vor die Augen zu bekommen. Aber der Berner schien jede Untersuchung in seinem Falle für unnöthig zu halten und wollte sich ohne Weiteres den zwei Andern zugesellen. Während sich Nikolaus Wagner in stattlichem Schweigen dem Thore zu bewegte, beschäftigte er sich damit, die Schnüre einer wohlgespickten Börse wieder zu befestigen, welche er eben um ein kleines Kupferstück leichter gemacht hatte, um den Aufwärter der Herberge zu belohnen, in welcher er die Nacht hingebracht, und der ihm bis zu dem Hafen hatte folgen müssen, diese spärliche Gabe zu erhaschen. Der Genfer glaubte gern, Jener habe im Drange dieses wichtigen Geschäftes die Förmlichkeiten übersehen, welche gerade zu jener Zeit männiglich bei der Abreise zu beobachten gehalten war.

»Ihr habt einen Namen und Charakter?« bemerkte der letztere mit amtsmäßiger Kürze.

»Gott sei dem Schirm, Freund! – Ich glaubte nicht, daß Genf es mit einem Schweizer so genau nehmen würde; – und mit einem Schweizer, der an der Aar und wahrhaft in dem ganzen, großen Kanton auf eine so vortheilhafte Weise bekannt ist! Ich bin Nikolaus Wagner, ein Name von geringem Werthe vielleicht, der aber bei Leuten von Gewicht in hoher Achtung steht und der selbst ein Recht auf die Bürgerschaft hat Da der Berner Bürgerschaft öfter gedacht wird, bemerken wir, daß der Familien, welche zur Bürgerschaft gehörten, verhältnismäßig nur wenige im Kanton waren, und es sehr schwer hielt, zu dem Bürgerrechte zu gelangen. Um ein Mitglied der Regierung werden zu können, mußte man Bürger von Bern sein. Die ewigen Landeseinwohner, oder Landeskinder, hatten das erste Recht, in die Classe der Bürger einzurücken, wenn eine Bürger-Familie ausstarb. Uebers. – Nikolaus Wagner von Bern – du wirst kaum eines weitern bedürfen?«

»Nichts, als den Beweis der Wahrheit dieser Aussage. Ihr werdet Euch erinnern, daß dies Genf ist; die Gesetze eines kleinen und blosgestellten Staates müssen in dergleichen Sachen eigener Art sein.«

»Ich habe es nie in Abrede gestellt, daß dein Staat Genf ist; ich wundere mich nur, daß du zweifelst, das ich Nikolaus Wagner bin. Ich kann in der dunkelsten Nacht, die jemals ihre Schatten von den Bergen warf, zwischen dem Jura und dem Oberland nach allen Richtungen reisen und Niemand wird sagen, daß mein Wort in Abrede gestellt werde. Sieh nur, da ist der Schiffsherr, Baptist! Er wird dir sagen, daß sein Schiff, wenn er die Fracht, die in meinem Namen verfahren wird, wieder an das Land setzen sollte, um den größern Theil leichter gehen würde.«

Bei allem dem war Nikolaus nicht abgeneigt, seine Papiere vorzuzeigen, die in der besten Ordnung waren. Er hielt sie sogar, mit dem Daumen und Zeigefinger sie auseinander schlagend, bereit, um den Fragenden zu beruhigen. Sein Zaudern kam von einem Gefühle verwundeter Eitelkeit, welche gern gezeigt hätte, daß jemand von solcher örtlichen Wichtigkeit und von seinem bekannten Reichthum von den Anforderungen ausgenommen sein müßte, welche man an Männer von geringern Mitteln macht. Der Genfer, welchem in dem Verkehr mit seinen Mitgeschöpfen Collisionsfälle dieser Art häufig vorkamen, begriff den Charakter, mit welchem er es zu thun hatte, und gab dem Berner Stolz nach, da er keinen hinreichenden Grund hatte, sich zu weigern, mit einem Gefühle, das unschuldig, obgleich ziemlich albern war, Nachsicht zu haben.

»Ihr könnt gehen,« sagte er, bei einer lobenswerthen Kenntniß seiner Pflicht diese Schonung in Anschlag bringend; »und wenn ihr wieder zu euern Städtern kommt, so erzeigt uns Genfern die Ehre und sagt, wir behandelten unsere Bundesgenossen freundlich und gefällig.«

»Ich hielt dem Fragen für voreilig!« rief der reiche Berner, sich wie jemand aufblasend, dem, wenn auch spät, Gerechtigkeit widerfährt. »Gehen wir jetzt an diesen kitzlichen Handel mit dem Scharfrichter.«

Nikolaus stellte sich nun an die Seite des Neapolitaners und des Westphalen und nahm das ernste Wesen eines Richters und eine Strenge der Miene an, welche bewies, daß er seinen Dienst mit dem festen Entschlusse, Gerechtigkeit zu üben, antrat.

»Ihr seid hier wohl gekannt, Pilger,« sagte der Genfer mit einem etwas strengen Tone zu dem nächsten, der an das Thor trat.

»Heiliger Franziskus! hilf, Herr! das wäre sonst auch wunderbar, denn die Jahreszeiten gehen und kommen kaum regelmäßiger.«

»Es muß irgendwo ein wundes Gewissen sein, daß Rom und Ihr so oft einander bedürft.«

Der Pilger, der eine zerknitterte, mit Muscheln besetzte Kutte anhatte, seinen Bart trug und überall ein abschreckendes Bild menschlicher Verdorbenheit war, das durch eine schlecht versteckte Heuchelei noch eckelhafter gemacht wurde, lachte offen und sorglos über diese Bemerkung.

»Ihr seid ein Anhänger Calvins, Meister,« versetzte er, »sonst würdet Ihr nicht so geredet haben. Meine eigenen Sünden beunruhigen mich wenig. Ich bin von gewissen deutschen Kirchspielen bewegt worden, ihre physische Sühne auf meine arme Person zu laden, und es ist nicht leicht, einen andern zu nennen, welcher mit mehr Beweisen der Treue so viele Sendungen dieser Art übernommen hätte. Habt Ihr ein kleines Opfer darzubringen, so sollt Ihr die besten Zeugnisse zur Bewahrheitung meiner Aussage sehen; – Papiere, die selbst zu Rom gelten würden.«

Der Genfer sah wohl, daß er es mit einem jener unzweifelhaften Heuchler zu thun hatte – wenn solch ein Ausdruck auf einen Menschen anwendbar sein kann, der die Maske kaum für nöthig erachtete – welche damals mit Sühnen dieser Art Handel trieben; ein Gewerbe, das am Schlusse des siebzehnten, und am Anfange des achtzehnten Jahrhunderts ziemlich gewöhnlich war, und das jetzt noch nicht gänzlich aus Europa verschwunden ist. Mit unverhehltem Widerwillen warf er dem Schamlosen den Paß zu, der sein Document einsteckte und ungeheißen und ungefragt seinen Platz an der Seite der Drei nahm, welche man gewählt hatte, um über die Tauglichkeit derer zu entscheiden, welchen man einen Platz in dem Schiffe vergönnen wollte.

»Fort!« rief der Bedienstete, als er diesem Abschaum des Eckels erlaubte, ihm zu entschlüpfen: »du hast recht gesagt, wir sind Anhänger des Calvin; Genf hat nichts mit den vom Scharlach-Mantel gemein und du thust wohl, dich dessen bei deiner nächsten Pilgerfahrt zu erinnern, sonst macht der Büttel Bekanntschaft mit deinem Rücken. – Halt! wer seid Ihr?«

»Ein Ketzer, im Voraus hoffnungslos verdammt, wenn der Glaube jenes reisenden Gnadenhändlers der wahre ist,« versetzte einer, der sich rasch und mit einer ruhigen Zuversicht vordrängte, welche beinahe ihr Ziel erreicht hätte, ohne Gefahr zu laufen, sich den gewöhnlichen Fragen nach Namen und Charakter zu fügen. Es war der Herr des Nettuno, und sein seemännisches Aussehen und seine meisterhafte Selbstbeherrschung ließen jetzt den Genfer besorgen, er möchte einen Schiffer des Leman angehalten haben – eine Menschenklasse, die nach Belieben aus- und eingehen durfte.

»Ihr kennt unsere Gebräuche,« sagte der halb zufrieden gestellte Genfer.

»Ich wär' auch sonst ein Tölpel! Selbst der Esel, der denselben Pfad öfter betritt, kann seiner Zeit dessen Beugungen und Windungen angeben. Seid Ihr nicht zufrieden, den Stolz des würdigen Nikolaus Wagner verletzt zu haben, indem Ihr den Paß des reichen Berners fordertet – sondern wollt auch mich auf die Folter spannen? Komm hierher, Nettuno; du sollst für uns beide antworten, denn du bist ein kluger Hund. Wir sind keine Zwischenläufer zwischen Himmel und Erde, wie Ihr wißt, sondern Geschöpfe, die zum Theil vom Wasser und zum Theil vom Lande herkommen.«

Der Italiener sprach laut, mit Zuversicht und in der Weise eines Menschen, welcher sich eher an den Humor derer um ihn wendete, als an den Verstand des Genfers. Er lachte und blickte in einer Art um sich, welche der Menge ein Echo entlockte, obgleich wahrscheinlich keiner unter ihnen allen einen hinreichenden Grund hätte angeben können, warum er so ohne weiteres sich mit dem Fremden gegen die Autorität der Stadt verbündete, wenn es nicht aus Instinkt der Opposition gegen das Gesetz gewesen.

»Ihr habt einen Namen?« fuhr der halb nachgebende, halb unschlüssige Wächter des Hafens fort.

»Glaubt Ihr, ich sei schlechter, als Baptist's Schiff dort? Ich habe auch Papiere, wenn Ihr wollt, daß ich in das Schiff gehe, um sie zu suchen. Dieser Hund ist Nettuno, ein Thier aus einem fernen Lande, wo dergleichen Geschöpfe wie Fische schwimmen, und mein Name ist Maso, obgleich schlechtdenkende Menschen mich öfters il Maledetto, als bei einem andern Namen nennen.«

Alle in dem Gedränge, welche verstanden, was der Italiener sagte, lachten laut und offenbar mit großer Heiterkeit, denn für den ungeschlachten Pöbel hat die äußerste Kühnheit einen unwiderstehlichen Reiz. Der Genfer fühlte, daß die Heiterkeit auf ihn gemünzt war, obgleich er kaum wußte, warum; da er auch mit der Sprache, in welcher der andere die ungewöhnliche Auskunft über sich gegeben hatte, nicht bekannt war, so gab er sich der Ansteckung hin und lachte mit den andern, wie einer, der den Scherz bis auf den Grund durchschaut hatte. Der Italiener benutzte diesen Vortheil, nickte vertraulich mit einem gutmüthigen und schlauen Lächeln und schritt weiter. Den Hund an seine Seite rufend, schritt er behaglich dem Schiffe zu, wo er der zuerst Eintretende war, und bewahrte fortwährend die Entschlossenheit und Ruhe eines Mannes, der sich bevorrechtet und jeder fernern Belästigung überhoben fühlte. Diese kaltblütige Keckheit erreichte ihren Zweck, obwohl ein von dem Gesetz lange und eifrig Verfolgter dem Stadtvorstande entging, als dieses seltsame Wesen seinen Sitz bei dem kleinen Gepäcke einnahm, das seine karge Garderobe enthielt.



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