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Siebentes Kapitel.

Und nun erschallt der Jubel
Der lauten Höh'n von ihrer Berges-Lust.

Byron.

Es ist nothwendig, ein wenig zurück zu blicken, um die Begebenheiten zu verbinden. Die Zeichen der Stunde hatten sich allmählig, aber in gesteigertem Grade, vermehrt. Während der See ungekräuselt dalag, herrschte eine so tiefe Stille, daß Töne von dem fernen Hafen, wie der schwere Fall eines Ruders, oder das Lachen der Schiffer, das Ohr derer in dem Winkelried erreichten und das Gefühl der Sicherheit und den mächtigen Zauber der abendlichen Ruhe mit sich brachten. Diesem folgte das Umwölken des Himmels und das Brausen der Winde, welche bei ihrem ersten Niedersteigen in das Becken des Leman von den Seiten der Alpen niederbrachen. Wie das Auge nutzlos wurde, sofern es nicht die düstern Anzeichen an dem niederhängenden Gewölk betrachten wollte, war der Gehörsinn doppelt scharf geworden und hatte ein mächtiges Mittel abgegeben, die unbestimmte aber herbe Furcht der Reisenden zu erhöhen. Der Sturz des Windes, der anfangs unterbrochen war, hatte in Zwischenräumen dem Sausen eines Schornsteins im Sturm geglichen, bald aber die furchtbare Größe jener luftigen Schwenkungen von Schwadronen erreicht, auf welche wir schon mehr denn einmal angespielt haben, und die in ein grimmes Murmeln sich verloren, das in der tiefen allgemeinen Ruhe eine sehr nahe Verwandtschaft mit dem Rauschen der Brandung gegen das Meergestade hatte. Die Fläche des Sees brach sich zum ersten Mal nach einem dieser Vorgänge, und dies war das unfehlbare Zeichen eines Sturmes, welches Maso vergewissert hatte, es sei keine Zeit zu verlieren. Diese Bewegung des Elementes in einer Windstille ist eine allgemeine Erscheinung auf Wassern, welche von hohen und unregelmäßigen Vorgebirgen sehr umgeben sind, und gibt ein sicheres Zeichen ab, daß auf einem fernen Theil der Wasserfläche Wind herrscht. Auch auf dem Ocean findet man sie häufig, wo der Matrose gewohnt ist, eine schwere See, nach einer Richtung sich wälzend, – die Wirkung eines entfernten Sturms, – zu treffen, während die Kühlte um ihn her von der entgegengesetzten Seite weht. Ihr folgte die einzelne rollende Woge, dem äußern Wellenkreise gleich, den der Wurf eines Steines in das Wasser hervorbringt, und die regelmäßige und wachsende Bewegung des Sees, bis das Element wie in einem Sturme losbrach, und zwar scheinbar aus eigenem Antrieb, denn es regte sich kein Lufthauch. Dieses letzte und furchtbare Vorzeichen des kommenden Sturmes war aber jetzt so unzweideutig geworden, daß in dem Augenblicke, wo die drei Reisenden und der Rheder über Bord stürzten, der Winkelried, um einen Ausdruck der Seeleute zu brauchen, wörtlich in den Holen Der hohle Raum zwischen zwei Wellen. Uebers. der Wellen wühlte.

Ein schwaches unnatürliches Licht ging den Winden voran und die Natur dieses Ereignisses war ungeachtet der vorhergehenden Dunkelheit allen völlig klar. Selbst die ungezähmten Geister, welche ihrer abergläubischen Angst eben ein so wildes Opfer gebracht hatten, stießen Schreckenslaute aus, während Adelheid's durchdringender Schrei in diesem furchtbaren Augenblicke klang, als führen übernatürliche Wesen in dem Sturme daher. Auch Sigismund's Name wurde in einem jener wilden Klagerufe gehört, welche Verzweifelnde in den letzten Augenblicken sich entschlüpfen lassen. Aber die Zwischenzeit zwischen dem Fall in das Wasser und dem Anprall des Sturmes war so kurz, daß den Sinnen der Reisenden das Ganze der Zufall eines unheilschwangern Momentes schien.

Maso hatte seine Arbeit auf dem Vorkastell vollbracht, hatte gesehen, daß die übrigen Vorsichtsmaßregeln, die er angeordnet hatte, gehörig getroffen waren, und hatte die Ruderpinne Der Hebel, womit das Steuer gedreht wird. Uebers. eben erreicht, um von allem, was vorfiel, noch Zeuge zu sein und es zu verstehen. Adelheid und ihre weibliche Dienerschaft waren bereits – durchaus nöthige Vorsichtsmaßregeln – an die Hauptmasten gebunden und den Andern um sie her Stricke in die Hände gegeben worden; denn das Verdeck des Fahrzeugs, jetzt von jedem einzelnen Theile der Ladung befreit, war der Macht des Windes so ausgesetzt und schutzlos wie eine nackte Heide. Dies war die Lage des Winkelrieds, als die Vorzeichen der Nacht zur grausen Wirklichkeit gediehen.

Der Instinct muß in Fällen plötzlicher und ungewöhnlicher Gefahr die Stelle der Vernunft vertreten. Es war nicht nothwendig, die gedankenlose aber schreckenstarre Menge zu mahnen, an ihre Sicherheit zu denken, denn alle in der Mitte des Fahrzeugs hatten sich flach auf das Verdeck geworfen und umfaßten mit der Hartnäckigkeit, mit welcher alles, was Leben hat, sich an die Mittel der Erhaltung anklammert, die Stricke, welche Maso zu diesem Zwecke zu verschaffen Sorge getragen hatte. Die Hunde gaben schöne Beweise der geheimen und wunderbaren Kräfte, welche die Natur verliehen hat, dem Zwecke ihrer Schöpfung zu entsprechen. Der alte Uberto schmiegte sich, zusammengeduckt und von dem Gefühle der Hülflosigkeit niedergedrückt, an die Seite seines Herrn; während der Neufundländer Begleiter des Seemanns von einer Laufplanke zur andern sprang, die warme Luft einschnüffelnd und wild bellend, als wollte er die Elemente herausfordern, den Kampf zu beginnen.

Eine starke Masse warmer Luft war in dem Augenblicke vor dem beabsichtigten Opfer Balthasar's unbeachtet quer durch das Schiff gegangen. Sie war die Vorläuferin des fliegenden Sturmes, der sie aus dem Bette, wo sie seit dem glücklichen und warmen Nachmittage schlief, gejagt hatte. Zehntausend Wagen im vollsten Laufe hätten dem Rollen nicht gleich kommen können, welches folgte, als die Winde brausend über den See fuhren. Als wären sie zu eifrig, um ihren Krallen irgend etwas entschlüpfen zu lassen, brachten sie ein wildes, mattes Licht mit sich, welches den Luftkreis erfüllte, während es ihn bewölkte, und welches, wie man wohl glauben mußte, in ihrem Wirbel von jenen kalten Gletschern herabgetrieben wurde, wo sie ihre Kräfte für ihr jetziges Herabbrechen so lange verstärkt hatten. Die Wellen wurden durch den Druck dieser Luftsäule nicht gehoben, sondern niedergedrückt, obgleich er ihren Säumen große Wassermassen nahm und diese in einem feinen durchdringenden Staubregen verspritzte, bis der ganze Raum zwischen Himmel und Erde mit ihren Theilchen gesättigt schien.

Der Winkelried erhielt den Stoß in einem Augenblicke, wo die Leeseite Die dem Winde nicht ausgesetzte Seite. Die andere Seite die Luvseite. Uebers. des breiten Decks in der Hole wühlte und die Luvseite auf die Spitze einer Woge gehoben war. Der Wind heulte, wie er auf den bezeichneten Raum stieß, als wenn er zürnte, ein Hinderniß zu finden, und unter den breiten Laufplanken war ein Brüllen, das dem von Löwen glich. Das taumelnde Schiff wurde auf eine Weise gehoben, welche die an Bord glauben ließ, es sollte wirklich aus dem Wasser empor gebracht werden; aber das rastlose Rollen des Elementes stellte das Gleichgewicht wieder her. Maso versicherte nachher, daß es nur dieser zufälligen Lage, welche eine Art Wall bildete, zu danken gewesen, daß nicht alle bei dem ersten Stoß des Sturmes von dem Verdeck herabgerissen worden wären.

Sigismund hatte das herzzerreißende Geschrei des jungen Fräuleins gehört, und ungeachtet des schrecklichen Kampfes der Elemente und dem furchtbaren Charakter der Nacht trotzte er allein dem Ungestüm in stehender Stellung. Seine herkulische Gestalt, obgleich von einem Seile unterstützt und wie ein Rohr gebogen, zitterte unter dem Stoß so, daß selbst seine Kraft es ernsthaft bezweifeln ließ, ob er widerstehen würde. Als aber der erste Stoß vorüber war, sprang er auf die Laufplanke und stürzte unbedenklich und doch im Besitze aller seiner geistigen Kräfte in den Kessel des Sees. Er hatte den verzweifelten Entschluß gefaßt, ein Leben zu retten, das Adelheid so theuer war, oder in dem Versuche zu sterben.

Maso hatte den gefährlichen Augenblick mit eines Seemanns Auge, Hülfsmitteln und Kaltblütigkeit wahrgenommen. Er hatte es nicht verschmäht, die stehende Stellung aufzugeben, sondern sich auf ein Knie gekniet, die Ruderpinne niedergedrückt, sie gesorrt Festgebunden. und, an das starke Holz geklammert, dem Sturme mit der Festigkeit eines Wassergottes Trotz geboten. Es war etwas Erhabenes in der Intelligenz, Entschlossenheit und kaltblütiger Geschicklichkeit, mit welcher dieser einsame, unbekannte und fast hoffnungslose Seemann seinem Berufs-Instinct in dieser grausen Erschütterung der Elemente gehorchte, die, jeder Fessel baar, jetzt ihrem wilden und ungestümen Willen überlassen schienen. Er warf seine Mütze bei Seite, strich sein dichtes, aber langes Haar wie einen Schleier vorwärts, um seine Augen zu schützen, und sah dem ersten Andrang des Windes entgegen, wie der vorsichtige, aber kühne Leu seinen Blick auf den feindlichen Elephanten richtet. Ein bitteres Lächeln stahl sich über seine Züge, als er das Schiff sich wieder in seinem furchtbaren Bette zurecht richten sah, nachdem der athemlose Augenblick vorüber war, in welchem man fürchten durfte, es werde wirklich aus seinem eigentlichen Elemente empor gehoben. Jetzt wurde die Vorsichtsmaßregel, welche andern so nutzlos und unbegreiflich geschienen, wirksam. Das Schiff schoß in einem furchtbaren Wirbel von dem Fleck, auf welchem es so lange gelegen hatte, und wich dem Ungestüm des Sturmes, wie eine Wetterfahne auf ihrem Stifte, während einige Wasserstrahlen über das Verdeck schossen. Aber die Ankertaue waren nicht sobald steif, als die vielen Anker Widerstand leisteten und das Fahrzeug grade in den Wind brachten. Maso fühlte das Nachgeben des Spiegels des Schiffes, als es sich wüthend umschwang, und jauchzte laut. Das Zittern der Spannen, das Platschen gegen den gespitzten Schnabel und der hohe Wasserstrahl, welcher über die Backen schoß und schwer auf das Vorcastell niederfiel, das Hintertheil mit einer Fluth überspülend, waren eben so viele Beweise, daß die Kabeln fest waren. Mit fast der ganzen Würde, welche ein Fechtmeister in der Darlegung seiner Kunst zeigt, ging er von seinem Posten vorwärts und rief nach seinem Hund.

»Nettuno! – Nettuno! – Wo bist du, braver Nettuno?«

Das treue Thier war wimmernd, ungehört in dem Kampf der Elemente, an seiner Seite. Es harrte nur dieser Ermuthigung, um zu handeln. Sobald es die Stimme seines Herrn gehört hatte, bellte es laut, beschnuffelte die Luft, sprang auf die Seite des Schiffes und stürzte sich in den kochenden See.

Melchior von Willading und sein Freund kamen nach ihrem Sturze an die Oberfläche des Wassers wie Menschen zurück, welche in einer Welt erscheinen, die den Höllenlaunen der Dämone der Finsternis überlassen wurde. Der Leser wird einsehen, daß es in dem Augenblick geschah, wo der eben beschriebene Stoß der Winde stattfand; denn was uns so viele Blätter kostete, um es in Worten zu beschreiben, bedurfte in der Ausführung kaum eine Minute Zeit.

Maso kniete am Rande der Laufplanke und hielt sich fest, indem er den Arm um ein Wandtau schlang; sich vorbeugend blickte er schmerzvollen Blickes in den Kessel des Sees. Einmal oder zweimal glaubte er das schwache Athmen eines Menschen zu hören, welcher mit dem wüthenden Wasser kämpfte; aber es war leicht, sich in diesem Brüllen der Winde zu täuschen. Er ermuthigte jedoch mit starker Stimme seinen Hund und rasch ein kleines Tau fassend, machte er eine Hebe-Bucht aus einem seiner Ende. Mit einem besondern Schwung und Geschick warf er dieses weit von sich, holte es an und wiederholte standhaft und mit unermüdeter Thätigkeit diese Versuche. Das Tau wurde nothwendig auf den Zufall ausgeworfen, denn das neblige Licht hinderte den Gebrauch des Auges mehr, als es ihn förderte, und das Heulen der luftigen Gewalten erfüllte sein Ohr mit Tönen, welche dem Lachen von Teufeln glichen.

In der Pflege der jugendlichen Kräfte durch Uebungen jeder Art hatte keiner der zwei alten Edlen die nützliche Kunst vernachlässigt, sich mit den Wellen herumzutummeln. Aber beide hatten, was in dieser Noth von höherm Werthe war, als die Kunst eines Schwimmers, jene Selbstbeherrschung und Kaltblütigkeit in schwierigen Lagen, welche sich die wohl erwerben, welche ihre Zeit hinbringen, den Fährlichkeiten und Widerwärtigkeiten des Krieges sich entgegen zu stellen und sie zu besiegen. Jeder behielt daher, als sie zur Oberfläche kamen, hinreichendes Bewußtsein, seine Lage zu begreifen und die Gefahr nicht durch schlecht gerichtete und wahnwitzige Anstrengungen zu vermehren, welche den Erschreckten gewöhnlich verderben. Die Lage war im besten Fall hinreichend verzweifelt, ohne die neue Gefahr der Geistesabwesenheit, denn das Fahrzeug war bereits an einen unbekannten Fleck weggetrieben worden, welcher in Bezug auf sie ganz unerreichbar war. In dieser Ungewißheit wäre es Wahnsinn gewesen, mitten in die Wasserwüste zu lenken, wo sie eben so gut recht als falsch steuern konnten, und sie beschränkten ihr Bemühen, sich gegenseitig zu helfen und zu ermuthigen, ihr Vertrauen auf Gott setzend.

Nicht so Sigismund. Für ihn war der brüllende Sturm stumm, der kochende und zischende See hatte keine Schrecken, und er war in den bodenlosen Leman so sorglos gestürzt, wie er an das Land gesprungen wäre. Der Schrei Adelheid's: »Sigismund, ach, Sigismund!« scholl in seinen Ohren und ihr Angstruf durchbohrte ihm jeden Nerv. Der athletische junge Schweizer war ein erfahrner und geübter Schwimmer, sonst wäre es unmöglich gewesen, daß selbst diese starken Triebfedern den Instinct der Selbsterhaltung besiegt hätten. In einem ruhigen Becken wäre es für ihn keine sehr große und ungewöhnliche That gewesen, die Entfernung zwischen dem Winkelried und den Ufern der Waadt zu durchschwimmen; aber er war, als er sich in das Wasser warf, gleich den Andern gezwungen, seinen Weg auf Ungefähr zu nehmen, und auch dies mitten in einem solchen wilden Schaum, daß selbst das Athemholen erschwert wurde. Die Wellen waren, wie gesagt, durch den Wind eher in ihr Bett niedergedrückt, als vermehrt worden; wäre dies aber auch nicht gewesen, so bietet das bloße Heben und Fallen des Elements, während seine Eile dadurch gehemmt wird, dem geübten Schwimmer eher eine Stütze als ein Hinderniß.

Ungeachtet aller dieser Vortheile, der Stärke seiner Triebfedern und der zahllosen Gelegenheiten, bei welchen er den Wellen des Mittelmeeres getrotzt hatte, fühlte Sigismund dennoch, als er von seinem Sturze zu sich kam, die schrecklichen Wahrscheinlichkeitsfälle der Gefahr, die er lief, wie der ernste Krieger dem Schicksal der Schlacht entgegen geht, in welcher, wie er weiß, so der Sieg wie der Tod zu finden ist. Er schlug das erregte Wasser von sich, obgleich er blindlings schwamm, und jeder Schlag drängte ihn weiter von dem Fahrzeuge, das ihm allein Hoffnung zur Rettung bot. Er war zwischen schwarz rollenden Hügeln, und wenn er ihre Gipfel erreichte, machte ein Orkan von feuchtem Dunst, daß er sich freute, wieder in einen ähnlichen Schutzort hinab zu sinken. Auch die sich brechenden Spitzen der Wogen, die in Schaum dahinsprühten, waren ihm zu großer Qual; denn ihre Gewalt war so groß, daß sie ihn mehr als einmal wie ein Stück Holz vor sich hin schleuderten. Doch schwamm er kühn und mit Kraft dahin, denn die Natur hatte ihn mit mehr als der gewöhnlichen physischen Kraft des Mannes ausgestattet. Aber seines Weges ungewiß, unfähig, die Länge seines eigenen Körpers zu sehen, und von dem Winde hart bedrängt, würde selbst der Geist des Sigismund Steinbach so vielen widrigen Umständen nicht lange widerstanden haben. Er hatte sich bereits, in seinem Entschlusse schwankend, gewendet, indem er glaubte, des Fahrzeugs in der Richtung, in der er gekommen war, ansichtig zu werden, als eine dunkle Masse unmittelbar vor seinen Augen schwamm und er die kalte, klebrichte Nase des Hundes fühlte, mit der dieser sein Gesicht beroch. Der bewundernswürdige Instinct, oder, wie wir eher sagen sollten, die treffliche Dressur des Nettuno sagte ihm, daß man seiner Hülfe hier nicht bedürfe; er bellte in wilder Lust, gleichsam des höllischen Lärms des Sturmes spottend, wandte sich seitwärts und schwamm schnell weiter. Ein Gedanke durchzuckte wie ein Blitz Sigismund's Gehirn. Seine beste Hoffnung stützte sich auf den unerklärlichen Instinkt des Thieres. Er warf einen Arm vor, faßte den buschigen Schweif des Hundes und ließ sich von ihm vorwärts ziehen, nicht wissend wohin, und doch die Bewegung durch seine eigene Kraft unterstützend. Ein neues Bellen verkündigte ihm, daß der Versuch Erfolg hatte, und Stimmen, die aus dem Wasser zu kommen schienen, dicht bei ihm, zeugten von der Nähe menschlicher Wesen. Die Wuth des Orkans war vorüber, und das Spülen der Wellen, das durch das Gebrüll und das Lärmen der Winde gedämpft worden war, ließ sich wieder hören.

Die Kraft der zwei kämpfenden alten Männer war dem Erlöschen nahe. Signor Grimaldi hatte bis jetzt seinen Freund, der in dem Wasser minder erfahren war als er, großmüthig unterstützt und fuhr fort, ihn mit einer Hoffnung zu trösten, die er selbst nicht hegte, es bis zum letzten Augenblick edel von sich weisend, ihr Schicksal zu trennen.

»Wie fühlst du dich, alter Melchior?« fragte er. »Fasse Muth – ich glaube, es ist Hülfe zur Hand.«

Das Wasser strudelte zum Mund des Freiherrn, der dem Ersticken nahe war.

»Sie kömmt spät – lebe wohl, liebster Gaetano – Gott schütze mein Kind – meine Adelheid – die arme Adelheid!«

Das Nennen dieses theuern Namens während des Todeskampfes eines Vaters rettete höchst wahrscheinlich sein Leben. Der kräftige Arm Sigismund's, durch diese Worte geleitet, faßte sein Kleid und der junge Mann fühlte plötzlich, daß eine neue und rettende Macht zwischen ihn und die Tiefen des Sees getreten war. Es war Zeit, denn das Wasser hatte das Antlitz des ohnmächtigen Freiherrn bedeckt, ehe der sehnige Arm des Jünglings ihm den wohlthätigen Beistand leistete.

»Ueberlaßt Euch dem Hunde, Signore,« sagte Sigismund, seinen Mund von dem Wasser befreiend, um ruhig zu sprechen, nachdem er seiner eigenen Bürde sich versichert hatte; »vertraut seiner Klugheit und – Gott sei mit uns – alles kann noch gut werden.«

Signor Grimaldi hatte noch hinreichende Geistesgegenwart, um diesem Rathe zu folgen, und es war wahrscheinlich ein eben so großes Glück, daß sein Freund sein Bewußtsein so weit verloren hatte, daß er eine widerstandlose Last in Sigismund's Händen wurde.

»Nettuno! – Wackerer Nettuno!« – klang es zum ersten Mal im Winde zu ihnen heran, da das theilweise Schweigen des Sturms den hellen Ruf Maso's so weit reichen ließ. Der Ton leitete Sigismund's Anstrengungen, denn der Hund war in dem Augenblicke, wo er den Genueser gefaßt hatte, rüstig und mit einer Sicherheit weggeschwommen, welche zeigte, daß er wegen der Richtung nicht verlegen war.

Aber Sigismund hatte seine Kräfte überschätzt. Er, der auf einer gewöhnlichen See sich stundenlang herumgetummelt hätte, war jetzt durch die ungewöhnlichen Anstrengungen, durch den betäubenden Einfluß des Sturmes und das klotzartige Gewicht seiner Last, gänzlich erschöpft. Er wollte Adelheid's Vater nicht verlassen und doch hieß ihm jeder kraftlose und unnütze Schlag verzweifeln. Der Hund war bereits in der Dunkelheit verschwunden und er selbst war ungewiß über die wahre Lage des Fahrzeugs. Er betete im Todeskrampfe, um einen einzigen Blick auf die sich wiegenden Masten, eine Sylbe der ermunternden Stimme Maso's erhaschen zu können. Jener Wunsch war so vergeblich wie dieser. Statt des erstern bot sich ihm nichts, als das verhüllte neblige Licht, das mit dem Orkan gekommen war, und statt der letztern füllte das Spülen der Wellen und das Brüllen des Sturms sein Ohr. Die Windstöße stiegen bald auf die Oberfläche des Sees herab, bald gingen sie wirbelnd und schwellend aufwärts, so daß der, welcher sie hörte, sich denken mußte, die unsichtbaren Winde wollten sich einmal sehen lassen. Einen einzigen peinlichen Augenblick, in einem jener entmuthigenden Momente der Verzweiflung, die sich auch des Kräftigsten bemächtigen, war seine Hand im Begriff, den Freiherrn fahren zu lassen und den letzten natürlichen Kampf um das Leben zu wagen; aber jenes schöne und bescheidene Bild jungfräulicher Anmuth und Treue, das seine wachenden Stunden so lange begleitet, seine Nacht-Träume so lange verschönert hatte, hielt ihn davon ab. Nach dieser kurzen und vorübergehenden Schwäche schien der junge Mann mit neuer Kraft begabt. Er schwamm kräftiger und mit sichtbar größerm Vortheile als vorher.

»Nettuno! – wackerer Nettuno!« – scholl es wieder über ihm hin und brachte die fürchterliche Gewißheit mit sich, daß er durch das Rollen der Wellen von seiner Richtung abgekommen war und diese verzweifelten Anstrengungen vergeudet hatte, indem er einen Weg verfolgte, der ihn von dem Fahrzeug entfernte. So lange der entfernteste Schein eines glücklichen Erfolges da war, konnten keine Schwierigkeiten, wie groß sie auch waren, seine Hoffnung gänzlich vernichten; als aber die herbe Ueberzeugung, daß er die Gefahr wirklich gefördert habe, statt sie zu vermindern, Sigismund bedrängte, gab er seine Anstrengungen auf. Das Höchste, was er zu vollbringen strebte und hoffte, war, seinen und seines Gefährten Kopf über dem verhängnißvollen Elemente zu erhalten, während er Maso's Ruf mit einem Schrei der Verzweiflung beantwortete.

»Nettuno – wackerer Nettuno!« – scholl es wieder im Winde daher.

Dieser Ruf konnte eine Antwort, oder auch das bloße Italienische Ermuthigen des Hundes sein, den Körper heran zu tragen, mit welchem er bereits beladen war. Sigismund gab einen Schrei von sich, welcher, wie er fühlte, der letzte sein mußte. Er kämpfte verzweifelt, aber vergeblich: die Welt und ihre Reize entschwanden aus seinen Gedanken, als eine dunkle Leine sich über ihm schwang und platschend gerade auf die Welle fiel, die sein Gesicht bedeckte. Ein instinctmäßiger Griff faßte sie und der junge Krieger fühlte sich vorwärts gezogen. Er hatte das Tau gefaßt, welches der Seemann ohne Unterlaß ausgeworfen, wie der Fischer seine Angelschnur auswirft, und er war an der Seite des Schiffes, ehe die Verwirrung seines Geistes ihn in den Stand setzte, die zu seiner Rettung angewendeten Mittel zu begreifen.

Maso zog hastig an dem Tau und sich vorwärts beugend, brachte er, begünstigt von einer Bewegung des Schiffes auf die Seite, den Freiherrn von Willading auf das Deck. Die Gelegenheit wahrnehmend, wiederholte er stets mit bewundernswürdiger Geschicklichkeit und Besonnenheit den Versuch, und brachte auch Sigismund in Sicherheit. Der Erstere wurde ohnmächtig sofort in die Mitte des Fahrzeugs gebracht, wo ihm die Aufmerksamkeit, welche dem Signore Grimaldi eben geworden war, und mit demselben glücklichen Erfolge gewidmet wurde. Aber Sigismund wies alle von sich weg, da er wußte, daß ihre Sorgfalt anderswo nöthiger war. Er taumelte einige Schritte vorwärts und fiel, der gänzlichen Erschöpfung seiner Kräfte weichend, seiner ganzen Länge nach auf die nassen Planken. Lange lag er keichend, sprachlos, unfähig sich zu bewegen, todtenähnlich.

»Nettuno! – wackerer, wackerer Nettuno!« – rief der unermüdliche Maso, noch immer auf seinem Posten auf der Laufplanke, wo er sein Tau mit unwandelbarer Standhaftigkeit auswarf. Die launigten Winde, welche in dieser begebnißreichen Nacht schon so manche rauhe Posse gespielt hatten, sänftigten sich merklich, und, indem sie einigemal ächzten, als thue es ihnen leid, jetzt wieder von dem allmächtigen Gebieter, dessen gütiger Hand sie so heimlich entschlüpft waren, bewältigt zu werden, hörten sie eben so plötzlich auf zu wehen. Die Raaen knarrten, lose über dem belebten Deck sich wiegend, und das träge Spülen der Wellen klang vernehmlich in das Ohr. Zu diesen gesänftigteren Tönen gesellte sich das Bellen des Hundes, der noch draußen in der Dunkelheit war, und ein dumpfes Getöse, wie der gebrochene und erstickte Laut menschlicher Stimmen. Obgleich allen denen, welche des Ausgangs harrten, die Zeit ein Jahrhundert dünkte, waren doch, seitdem der Vorfall sich ereignete und der Orkan sie erreicht hatte, kaum fünf Minuten verflossen. Es war daher immer Hoffnung für die, welche noch in dem Wasser waren. – Maso fühlte den Eifer dessen, der bereits glücklicher gewesen als er gehofft hatte, und begierig auf irgend ein Zeichen, das ihn leiten konnte, beugte er sich hinaus, bis die rollenden Wellen ihm in das Gesicht spülten.

»Ha, wackerer – wackerer Nettuno!«

Es war gewiß, er hörte Menschenstimmen, und zwar ganz nahe. Über die Töne glichen Worten, welche aus einer Hülle hervorzukommen schienen. Auch der Wind pfiff, für einen Augenblick nur, und schien dann aufwärts in das dunkle Himmelsgewölbe zu segeln. Nettuno bellte hörbar und sein Herr antwortete mit einem neuen Rufe, denn die Sympathie des Menschen gegen seines Gleichen ist unauslöschlich.

»Mein braver, mein edler Nettuno!«

Die Stille war jetzt auffallend und Maso hörte den Hund brummen. Diesem nicht glücklichen Zeichen folgte unläugbar der Ton erstickter Stimmen. Die letztern wurden vernehmlicher, als wären die höhnischen Winde gewillt, einen traurigen Beweis menschlicher Schwäche bekannt werden zu lassen, oder, was wahrscheinlicher ist, eine heftige Leidenschaft hatte stärkere Kräfte zum Sprechen geweckt. So viel verstand der Seemann:

»Laß deine Hand los, verfluchter Baptist!«

»Schurke, laß deine eigene los!«

»Denkst du nicht an Gott?«

»Warum würgst du mich so, höllischer Nikolaus?«

»Du wirst als ein Verdammter sterben!«

»Du erstickst mich – Schurke – Gnade! – Gnade!«

Er hörte nichts mehr. Die erbarmenden Elemente endigten den schrecklichen Kampf. Ein oder zweimal heulte der Hund, aber der Sturm kam wieder über den Leman in seiner Macht, als hätte die kurze Pause ihm nur gedient, Athem zu schöpfen. Die Winde nahmen eine neue Richtung und das Fahrzeug, noch von seinen Ankern gehalten, schwang sich weit ab von seiner frühern Lage, den Savoyischen Bergen zugewendet. Während des ersten Ausbruchs dieses neuen Windstoßes war selbst Maso froh, sich auf das Verdeck zu ducken, denn Millionen unendlich feiner Theilchen wurden aus dem See emporgeschleudert und mit der Luft so heftig fortgetrieben, daß man kaum athmen konnte. Auch die Gefahr, von der wüthenden Fluth des schwellenden Wassers weggerissen zu werden, war ein nicht unmöglicher Fall. Als die Stille wiederkehrte, war er bei aller Anstrengung nicht im Stande, einen Laut zu hören, welcher dem eigenthümlichen Charakter der Scene fremd gewesen wäre, wie das Anschlagen des Wassers, und das Knarren der langen, sich schwingenden Raaen.

Der Seemann fühlte jetzt eine tiefe Bestürzung wegen seines Hundes. Er rief ihm, bis er heiser wurde, aber umsonst. Der Wechsel der Lage, und die fortwährende und wechselnde Abtrift Das Treiben des Schiffes, nicht in der Richtung seines Kiels, sondern mehr oder weniger nach der Seite, wohin der Wind weht. Uebers. des Schiffes hatte sie weiter weggeführt als die menschliche Stimme reichen konnte. Der Ruf: »Nettuno, wackerer Nettuno!« nahm mehr Zeit in Anspruch, als der Gang aller der Begebnisse, welche so im Einzelnen zu erzählen unser Gegenstand erforderte; dennoch blieb alles Rufen vergeblich. Maso's Geist war weit über die Ansichten und Gewohnheiten derer erhaben, mit welchen sein Leben ihn gewöhnlich in Berührung brachte; aber wie feines Gold Flecken annehmen wird, wenn man es der unreinen Luft aussetzt, so war er den herkömmlichen Schwächen der Italiener seiner Klasse nicht entgangen. Als er sah, daß kein Rufen seinen treuen Gefährten zurückbringen konnte, warf er sich in einem Anfall des Schmerzes auf das Deck, raufte sich die Haare aus und weinte laut.

»Nettuno! mein braver, mein treuer Nettuno!« sagte er. »Was sind mir alle diese Leute ohne dich! du allein liebtest mich – du allein hast mich in Glück und Unglück begleitet – in guten und schlimmen Tagen – ohne Wandel, ohne Wunsch nach einem andern Herrn. Wenn der angebliche Freund falsch war, bliebst du treu! Wenn andere Schmarotzer waren, warst du nie ein Schmeichler!«

Ueber diese seltsame Aeußerung des Schmerzes in Staunen gesetzt, näherte der gute Augustiner, welcher bis jetzt, wie alle Andern auf seine eigene Sicherheit bedacht gewesen war, oder sich der Sorge für die Erschöpften geweiht hatte, und nun den glücklichen Wechsel des Wetters benutzte, sich mit Worten des Trostes.

»Ihr habt unser Aller Leben gerettet, kühner Seemann,« sagte er, »und es sind Leute in dem Schiffe, welche Euern Muth und Eure Geschicklichkeit zu belohnen wissen werden. Vergeßt daher Euern Hund und neigt Euch mit dankbarem Herzen der Jungfrau und den Heiligen, daß sie in dieser ungemeinen Gefahr auf uns und Euch huldvoll niedersahen.«

»Vater, ich habe gegessen mit dem Thiere – geschlafen mit dem Thiere – gefochten, geschwommen, mich gefreut mit ihm, und könnte mich nun mit ihm ertränken! Was sollen mir diese Edlen und ihr Gold, ohne meinen Hund? Das wackere Thier wird in Verzweiflung sterben, inmitten der Dunkelheit umher schwimmen, das Fahrzeug suchend, bis selbst ein Geschöpf von seiner trefflichen Zucht und seinem hohen Muthe sein Herz brechen lassen muß.«

»Christen sind diese Nacht ohne Beichte und Absolution vor das furchtbare Gericht gerufen worden, und wir sollten ihrer Seelen gedenken und nicht dem Schmerz um ein Wesen nachhangen, das, wie treu es auch war, nur ein vernunftloses und unverantwortliches Dasein endigt.«

Alles dies machte keinen Eindruck auf Maso, welcher sich bei der Erwähnung der Ertrunkenen herkömmlich bekreuzigte, aber darum nicht minder den Verlust seines Hundes bejammerte, den er mit der Innigkeit, welche David dem Jonathan weihte, mit einer Liebe liebte, die die zu dem Weibe übertraf. Als der wackere Augustiner bemerkte, daß sein Zureden vergeblich war, wandte er sich weg, um sich niederzuknien, seine Dankgebete darzubringen und für die Todten zu beten.

»Nettuno, povera, carissima bestia!« fuhr Maso fort, – »wohin schwimmst du in diesem höllischen Kampfe zwischen der Luft und dem Wasser? Ich wollte, ich wäre bei dir, Hund! Kein sterbliches Wesen soll je die Liebe theilen, die ich für dich fühle, povero Nettuno! Ich werde nie ein anderes an mein Herz nehmen, das dir gleicht!«

Der Ausbruch von Maso's Kummer war heftig und von kurzer Dauer. In dieser Hinsicht war er dem Orkan zu vergleichen, der sich eben verzogen hatte. In beiden Fällen schien die äußerste Heftigkeit ihr eigenes Heilmittel zu bringen, denn die unregelmäßigen, launischen Windstöße von den Bergen hatten bereits aufgehört und es folgte eine starke aber stetige Kühlte aus Norden, und Maso's Gram endigte bald seine charakteristischen Klagen, um einen stetigeren und ruhigeren Charakter anzunehmen.

Bei all den vorhergehenden Scenen hatten sich die gewöhnlichen Passagiere theils in Schrecken, theils in tödtlicher Furcht und vornämlich wegen offenbarer Unfähigkeit sich zu bewegen, ohne Gefahr zu laufen, von dem schutzlosen Schiff in den See geschleudert zu werden, auf das Verdeck geschmiegt. Wie aber die Stärke des Windes sich minderte und die Bewegung des Fahrzeugs regelmäßiger wurde, suchten sie sich zu sammeln, wie Leute, die in einer Verzückung lagen, und einer nach dem andern erhob sich auf seine Füße. Um diese Zeit hörte Adelheid die Stimme ihres Vaters, der ihre Sorgfalt pries und ihren Schmerz sänftigte. Der Nordwind wehte die Wolkenhülle hinweg und die Sterne schienen auf den zornigen Leman, eine ähnliche Verheißung göttlichen Beistandes mit sich bringend, wie die Feuersäule sie den Israeliten auf ihrem Durchgang durch das rothe Meer gewährte. Solch ein Zeichen des zurückkehrenden Friedens brachte neues Vertrauen mit sich. Alle in dem Fahrzeuge, Passagiere so wie die Mannschaft, faßten bei diesen erfreulichen Zeichen Muth, während Adelheid in Dankbarkeit und Freude über den grauen Haaren ihres Vaters weinte.

Die Dringlichkeit der Umstände, und die unvergleichliche Geschicklichkeit und der Muth, welche Maso während der fürchterlichen Augenblicke äußerster Gefahr an den Tag gelegt hatte, veranlaßten es, daß man ihm die vollständige Leitung des Winkelried anheim gab. Sobald es ihm gelungen war, Herr seines Schmerzes zu werden, rief er die Leute um sich und gab seine Befehle zu den neuen Maßregeln, die nothwendig geworden waren.

Alle, die dem Einflusse der Winde unterworfen waren, wissen, daß es nichts unbeständigeres gibt. Ihre Wandelbarkeit ist zum Sprichwort geworden; aber ihre Unbeständigkeit so wie ihre Kraft, von dem fächelnden Hauche bis zu dem zerstörenden Orkan, müssen Ursachen zugeschrieben werden, welche hinreichend klar, obgleich in ihrem Wesen von den Berechnungen unseres vorschauenden Geistes verborgen sind. Der Sturm der Nacht rührte von der einfachen Thatsache her, daß eine verdichtete und gekältete Luftsäule der Berge auf das erhitzte Substrat des Sees gedrückt und letzteres, nach einem langen Widerstande, plötzlich einen Ausweg findend zu entschlüpfen, genöthigt war, den Katarakt von oben herein zu lassen. Wie bei allen außerordentlichen Kraftäußerungen, physischen wie moralischen, die Gegenwirkung eine Folge übergewöhnlicher Kraftanstrengungen zu sein scheint, kehrten jetzt die Luftströme, über ihre Grenzen herausgetrieben, wieder zurück, wie eine Fluth zu ihrer Ebbe. Dies veranlaßte den Nordwind, welcher dem Orkan folgte.

Der Wind, der von den Ufern der Waadt blies, war stetig und frisch. Die Fahrzeuge des Leman sind nicht gebaut, um luvwärts Dem Wind entgegen. Uebers. zu segeln, und es wäre selbst die Frage gewesen, ob der Winkelried seine Segel gegen eine so heftige Kühlte getragen hätte. Maso schien seiner Sache aber durchaus gewiß zu sein, und da er den Einfluß erlangt hatte, welchen Kühnheit und Geschicklichkeit immer in gefährlichen Lagen über Schwanken und Furchtsamkeit davon tragen, so gehorchten ihm alle an Bord mit Unterwerfung, wenn nicht mit Eifer. Man hörte nichts mehr von dem Scharfrichter oder seinem geglaubten Einfluß auf den Sturm; und da er sich klüglich in dem Hintergrund hielt, um ein Wiedererwachen des Aberglaubens seiner Feinde nicht befürchten zu lassen, schien er gänzlich vergessen.

Das Wiedereinholen der Anker nahm eine geraume Zeit weg, denn Maso gab jetzt, wo keine Nothwendigkeit zu einem solchen Opfer vorhanden war, nicht zu, daß auch nur ein Hanffaden abgeschnitten wurde; als das Fahrzeug dieses Haltes im Wasser erledigt war, wirbelte es weg und trieb bald vor dem Winde. Den Wind gradezu von hinten in die Segel bekommen. Der Seemann, der am Steuer stand, ließ die Vorsegel Die Segel, welche sich vor dem großen Mast, aber nicht an ihm befinden. losmachen und steuerte grade auf die Felsen von Savoyen zu. Dieses Manoeuvre erregte unangenehmen Verdacht bei mehreren an Bord, denn der ungebundene Charakter ihres Steuermanns war in dem Laufe ihrer kurzen Bekanntschaft mehr als verdächtig geworden, und die Küsten, gegen welche sie furchtbar zutrieben, waren aus eisenumlegt und für alle unglücklich bekannt, welche in einer solchen Kühlte rauh auf ihre Felsen kamen. Eine halbe Stunde entfernte allen Argwohn. Als er den Bergen nahe genug war, um ihren schwächenden Einfluß auf die Kühlte zu fühlen, – die natürliche Wirkung der durch ihren Widerstand gegen die Strömungen sich bildenden Neere, Neere sind gegen den Strom wirbelnde Stellen in großen Gewässern. Stark auslaufende Landspitzen verursachen sie gewöhnlich. Uebers. – luvte er auf den Wind und setzte sein großes Segel aus. Durch diese kluge Vorsicht gehoben, trug der Winkelried sein Segeltuch wacker und schoß mit schäumendem Schnabel, an Hügel, Thal, Schlucht und Weiler vorbeieilend, als segelte er in der Luft, das Gestade von Savoyen entlang.

In weniger als einer Stunde war St. Gingoulph, das Dorf, durch welches die Grenzlinie zwischen dem Gebiet der Schweiz und des Königs von Sardinien läuft, hinter ihnen, und die trefflichen Berechnungen des besonnenen Maso wurden noch sichtbarer. Er hatte einen neuen Umlauf des Windes als die Folge alles dieses Gewichts und Gegengewichts vorhergesehen und stieß hier auf die wahre Nachtkühlte. Der letzte Strom kam rasch, stark und rauh aus der Walliser Thalschlucht, brachte ihn aber glücklich luvwärts seines Hafens. Der Winkelried fiel bei guter Zeit ab, und als der Windstoß ihn von neuem traf, standen seine Segel prächtig voll, und er ging aus den Bergen in den weiten See heraus, wie ein Schwan seinem Instinct gehorchend.

Der Weg über die Breite des Leman forderte in diesem Horn des halben Mondes und bei einer solchen Kühlte etwas mehr als eine Stunde. Der Schaar der Reisenden verfloß diese Zeit in Selbst-Glückwünschungen und mit jener eitlen Prahlerei, die dem Volke eigen ist, wenn es einer drohenden Gefahr ohne besonderes eigenes Verdienst entgangen ist. Unter denen, deren Geist gebildeter und erhobener war, bemerkte man zarte Rücksichten mit den Leidenden, innige Dankbarkeit und einen rührenden Verkehr der Dankbaren und Glücklichen. Die letzten Auftritte und das schreckliche Schicksal des Schiffsherrn und des Nikolaus Wagner warfen einen Schatten auf ihre Freude, aber alle fühlten innerlich, daß sie dem Abgrund des Grabes entrissen worden waren.

Maso richtete seinen Lauf nach dem Feuer, welches noch auf dem Roste des alten Roger von Blonay flammte. Das Auge auf die Luv seines Segels gerichtet, die Hüfte strack gegen die Ruderpinne gestemmt und sein Herz von Zeit zu Zeit durch bittere Seufzer erleichternd, regierte er das Fahrzeug wie ein mächtiger Befehlshaber.

Endlich nahmen die dunkeln Massen der Gestade der Waadt bestimmtere und regelmäßigere Formen an. Da und dort zeichneten sich die Umrisse eines Thurmes oder eines Baumes am Himmel ab, und dann begannen die Gegenstände an dem Saum des Sees im düstern Relief vom Lande sich abzuscheiden. Lichter flatterten die Ufer entlang und Rufe vom Gestade tönten herüber. Eine dunkle, gestaltlose Masse stand ihrem feuchten Pfade grade gegenüber, und im nächsten Augenblick nahm es das Aussehen eines zerfallenen, schloßähnlichen Gebäudes an. Das Segeltuch schlug an, der Winkelried hob und senkte sich langsamer und mit einer leichteren Bewegung und lief in den kleinen, sichern, künstlichen Hafen von La Tour de Peil ein. Ein Wald von lateinischen Raaen und niedrigen Masten lag vor ihnen; indem aber Maso dem Fahrzeug eine kräftige Wendung gab, brachte er es an die Seite eines andern Schiffes mit einer leisen Berührung, die, wie es die Seeleute haben wollen, kein Ei zerbrochen haben würde, vor seinen Ankerplatz.

Hundert Stimmen grüßten die Reisenden, denn ihr Herannahen war gesehen und mit großer Besorgniß beachtet worden. Eine Menge eifriger Vevayer eilten, sobald es möglich war, lärmend auf das Verdeck. Ein dunkler, zottiger Gegenstand sprang allen andern voran. Er stürmte wild vorwärts und Maso sah sich in Nettuno's Umarmungen. Als die Freude und ein gemäßigteres Gefühl etwas später eine Untersuchung gestattete, wurde eine Locke menschlichen Haars, die in die Zähne des Hundes verwickelt war, entdeckt, und in der nächsten Woche fand man die Leichen von Baptist und dem Berner, noch in dem verzweifelten Todesgriff umklammert, an die Ufer der Waadt gespült.



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