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Viertes Kapitel

Das Haus begann sich zu füllen. Man hörte vom Parkett her ein Klappern vom Auf- und Niederschlagen der Sitze und ein Summen, das wie eine Welle gegen den Vorhang aufstieg. Im Orchester stimmte man die Instrumente.

Auf der Bühne war es halbdunkel. Der Regisseur ging hin und her und stellte Nippessachen auf Etageren und Schränke; ein paar Arbeiter brachten große Blattpflanzen angeschleppt.

Ein junger, auffallend bleicher Herr erschien auf der Bühne. »Du, das ist er,« sagte der eine Maschinist zum andern. Der Kamerad sah ihm nach. »Der sieht aber gründlich verbummelt aus,« sagte er.

William ging an den Vorhang und guckte in den Zuschauerraum. Die Leute saßen auf den Bänken zerstreut in dem spärlich erleuchteten Raume; sie schienen ihm auszusehen, als ob sie froren. Dann erblickte er Nina und Sophie mitten in einer der hintersten Reihen. Sie saßen ganz dicht aneinandergedrückt, mit leichenblassen Gesichtern, da.

William ging wieder nach den Kulissen. Er war gar nicht unruhig, war es überhaupt die ganze Zeit über nicht gewesen. Er nahm es so, als ob es überhaupt gar nicht ihn, sondern einen Fremden anging.

... Nun stand er hinter den Kulissen und wartete. Nach und nach kamen auch die mitwirkenden Schauspieler an und betrachteten sich musternd im Spiegel. Zuletzt fegte die Primadonna herein, von ihrer Garderobiere gefolgt, die eine Puderschachtel trug.

Die Schleppe wurde geordnet, die Blumen vor dem Spiegel befestigt.

»Das ist eine herrliche Toilette,« sagte William.

Die Schauspielerin wandte sich um. »Haben Sie große Angst?«

»Ganz und gar nicht, gnädige Frau.«

Die Dame sah ihn halb erstaunt, halb ungläubig an und wandte sich wieder dem Spiegel zu.

William kam es in den Sinn, was er früher hier an derselben Stelle gelitten hatte. Er ging ganz in diese Erinnerungen versenkt, und wie betäubt davon, umher. Jeder Schritt sprach ihm davon, und der Schmerz, den ihm das Wiederaufleben jener fürchterlichen Stunden verursachte, legte sich wie ein Schleier um seine Augen, der ihm die Gegenwart verdeckte und ihn dieser entrückte.

Ja, er hätte dieser Dame versichern können, daß er Qualen in diesem Raum gelitten hatte, und wußte, was das hieß: zu debütieren! Und noch stand alles wie damals: der Bücherschrank, die Blumentische, die Uhr. Aber nun? Heute? ... Er war ja nur gekommen, um Abschied zu nehmen!

Er ging wieder auf die Bühne. Man hörte den Lärm vom Zuschauerraum wie ein dumpfes Brausen, das näher kam und wieder zurückging. William ging zum Vorhang und guckte durch die kleine Öffnung. Beim Anblick all dieser zusammengepackten Köpfe, die er erst nicht klar erkennen konnte, wurde ihm doch ganz schwül zumute.

Nach und nach traten diese langsam hervor und er konnte die einzelnen Personen unterscheiden.

Plötzlich ertönte die Musik vom Orchesterraum herauf. William war sehr bleich geworden. Wie in einem Buche, dessen Blätter eine unsichtbare Hand umwandte, las er in diesen verschiedenen Gesichtern die Geschichte seines Lebens.

Da war die Gräfin Hatzfeldt. Sie saß in der Mitte der ersten Reihe mit einem dunkeläugigen, lebhaften jungen Manne. »Er ist jung,« sagte William bitter. Und er starrte der Gräfin ins Gesicht, das noch immer so jugendlich war, von den blonden Schlangenlocken gehoben, denen er so manche glühenden Küsse geschenkt hatte! Und sein Blick verirrte sich zwischen die Spitzen dieser stolzen Büste und weidete sich ein letztes Mal an der Schönheit dieser Brust.

Da saß der Gymnasialdirektor aus Sorö! Es mußten wohl gerade Ferien sein, daß er jetzt hier in Kopenhagen sein konnte. Er war alt und klapprig geworden. Aber wie auch die Jahre vergingen!

Es hatte sich gar viel ereignet seit jenem Tage, wo er den Schülern verkündigte: der berühmte Schauspieler aus der Hauptstadt würde eine Theatervorstellung geben, bei welcher sie ihm assistieren sollten ... Ja, viel hatte sich ereignet, man konnte wirklich das Recht haben, alt geworden zu sein!

Und dort saß Margarete. Sie war blaß und verbarg ihr Gesicht halb hinter dem Fächer. Gewiß hatte sie Angst für ihn – sie brauchte es nicht, nein, seinetwegen brauchte jetzt niemand mehr zu leiden!

Und dann sah er Camilla. Wie war dieses schöne Mädchen gealtert! Sie kam ihm so müde und gebrochen vor, wie sie so zurückgelehnt dasaß. Er erinnerte sich an jene Tage, wo sie in der alten Kirche vor ihm Orgel gespielt hatte, in der Kirche seiner Ahnen ... o, davon war es aufgekeimt – – was der Betrug seines unglücklichen Lebens wurde. Denn unglücklich war es gewesen!

Und dort in der ersten Loge erblickte er den Kommerzienrat. An diesen Mann hatte er seinen Namen verkaufen, so die alte Ehre seiner Familie beflecken wollen! Das Orchester spielte stärker, der Vorhang bewegte sich ... Unverwandt, und ohne irgend etwas um sich herum zu hören, starrte William von dieser Stelle aus seinem Leben und dessen Geschichte ins Antlitz.

Im obersten Range sah er den Wucherer Olsen. Zusammenzuckend schloß er einen Augenblick die Augen und holte tief Atem, ihm war, als müßte er ersticken. Warum hatten sie sich doch alle hier an diesem Tage ein Stelldichein gegeben?

Und dort saß ja auch der Intendant mit seiner Frau. Natürlich, der würde doch bei einer Premiere seines Theaters nicht fehlen!

Ja, das war sein ganzes Leben.

William hatte fast vergessen, was jetzt seiner wartete, er erinnerte sich kaum. Er sah nur diesen Raum, in dem er soviel gelitten hatte, die Menschen, die in sein Leben verwebt waren, und es kam ihm vor, als ob die Fäden seines Schicksals dicht, ganz dicht und unlöslich fest über den Saal gespannt wären, zu einem Netze, das sein Glück gefangen hatte ...

Der Schweiß trat ihm auf die Stirn; er fühlte ihn kalt herunterrieseln und seine Kleider netzen, während er diese Schar da vor sich mit den Augen verschlang. Es war nicht einer dieser sich hin und herbewegenden Köpfe, selbst die gleichgültigsten, die gänzlich unbekannten, die ihm nicht in diesem Augenblicke von der traurigen Geschichte des Lebens, das jetzt hier seinen Abschluß fand, zu erzählen schienen. Ja, seinen Abschluß! Denn warum wollte er in dem grauen, kummervollen Elend dieses Daseins bleiben? Was sollte er da? Wo sollte er sich hinwenden? Und sein Blick fiel wieder auf das feiste Gesicht des Kommerzienrats, der selbstbewußt, seine Perücke streichelnd, dasaß.

Nun war es bald aus mit dem großen Namen. Er hätte nur schon früher ein Ende machen sollen; es schüttelte ihn vor Grauen und Ekel, wenn er an die letzte Zeit zurückdachte.

Der Regisseur packte ihn beim Arm. »Der Vorhang geht auf,« rief er und schob ihn von der Bühne. »Ich glaube meiner Seele, der Mensch ist eingeschlafen,« sagte er zu sich selbst.

William stellte sich hinter eine Kulisse. Es lief ihm eiskalt den Rücken hinunter und seine Glieder schlotterten, wie im Fieber. Nach und nach kam er aber wieder mehr zu sich und fing an, den Worten der Schauspieler zu lauschen.

So ertönte das erste Beifallsklatschen, die zweite Salve, die dritte. Die Spielenden kamen mit strahlenden Gesichtern heraus, drückten ihm warm die Hand und gratulierten ihm.

William war wieder ruhig und gleichgültig geworden. Als der Vorhang fiel, herrschte stürmischer Jubel. Hoff kam auf die Bühne. Auch er sah strahlend aus. »Siehst du wohl ... ich gratuliere, gratuliere ...«

»Danke.«

»Nun bist du doch wohl froh?« fragte er lächelnd.

»Ja-a,« sagte William zögernd, und sah zu Boden.

 

Den nächsten Morgen saß Hoff vor seinem Schreibtisch, in der Hand einen Brief haltend, den er immer wieder und wieder las. Mitunter ließ er ihn fallen, versank minutenlang in Gedanken, dann griff er ihn wieder auf und las ihn nochmals:

 

»Ich bin gereist, lieber Hoff – gebt Euch keine Mühe, zu wissen wohin: William Hög werdet Ihr doch niemals wiedersehen. Und frägst Du, warum gerade jetzt? – Weil es sonst zu spät geworden wäre! Für mich war ja doch nur noch ein kümmerliches, elendes Leben übrig ...

Beurteile mich milde, denn ich habe gar viel gelitten. Ich träumte einst, etwas Großes leisten zu können und war unvermögend. Das ist die traurige Geschichte meines Lebens. Ein schlechter Mensch zu werden, langsam immer tiefer hinunterzugleiten, in Selbsterniedrigung, vielleicht als Lump zu endigen – dafür war ich zu gut!

Leb' wohl! Die Högs sterben aus – – Ich glaube, das Geschlecht erlischt mit zwei einsamen Frauen.

Leb' wohl
Dein William.«

 

Hoff stand auf, öffnete ein geheimes Fach seines Sekretärs, nahm die Photographie der Gräfin Hatzfeldt heraus und betrachtete lange die lächelnden Züge. Darauf ging er zum Kachelofen hin, öffnete die kleine Tür und warf das Bild ins Feuer.

Er sah zu, wie es langsam verkohlte und zusammenfiel, dann warf er sich fröstelnd in einen Sessel. Lange blieb er in Gedanken versunken sitzen, unbeweglich, den Kopf auf seine Hände gestützt, bis der graue Morgen hereinbrach.

Ende

 


Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

 


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