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Fünftes Kapitel

Endlich, endlich sollte William vor dem Intendanten »Probe spielen«. Das waren zehn schreckliche Tage gewesen, in denen er den Bescheid erwartete, wann dies vor sich gehen sollte. Jeden einzelnen Tag hatte er die Zuschrift erwartet, und jedesmal war er enttäuscht worden. Am Morgen sagte er immer zu sich selbst: »Heute ... heute ganz sicher«, und jeden Abend: »Morgen!« Und in den letzten Tagen hatte er sogar von Stunde zu Stunde sicher auf Bescheid gerechnet.

Aber dieses Warten, das die Minuten mit seinem Fieber ausfüllte, hatte wenigstens seine Angst, wie es gehen würde, aufgesaugt; er ging ganz in dieser Unruhe auf, die ihn von einer Sache zur andern, von Ort zu Ort jagte. Zu Hause konnte er es nicht aushalten, und auszugehen wagte er nicht, weil er dann vielleicht daheim etwas versäumen konnte. Zuletzt besiegte aber doch sein Drang hinauszukommen jedes Bedenken. Er trieb die Straßen ganz geistesabwesend auf und nieder, nur von der einen Idee beherrscht, die ihm jedwede Beschäftigung unmöglich machte.

Er blieb vor den Läden stehn und zwang sich, die Preise auf den unwichtigsten Sachen zu lesen, an den Anschlagsäulen Plakate über Ausverkäufe zu studieren, ganz mechanisch, denn seine Gedanken waren weit fort.

Dann ging er zur Abwechslung in ein Kaffee, nahm eine Zeitung vor und sagte zu sich selbst, daß er nun drei Spalten durchlesen wollte – Wort für Wort. Er begann auch wirklich, folgte dem Texte Linie nach Linie – – aber plötzlich konnte er dann auf einmal nach seinem Hute greifen, hastig seinen Überzieher anziehn, sich kaum die Zeit zum Bezahlen nehmen und wie besessen nach Hause stürzen, weil ihn die Idee gepackt hatte: »Nun war der Brief gekommen, nun war er gewiß da.«

Er stürmte die vier Treppen hinauf, riß, an allen Gliedern bebend, die Tür seines Zimmers auf und übersah mit einem Blick den Raum. Kein Brief lag auf dem Schreibtische – auch auf dem Tische keiner, nein – nichts!

Also noch nicht gekommen, noch nicht ...

Und nun, nach zehn dieser schrecklichen Tage des Wartens war die Zuschrift endlich gekommen. Am nächsten Vormittag elf Uhr sollte er zur Probe erscheinen.

Die folgende Nacht konnte er keinen Augenblick Schlaf finden. Er lag da und warf sich im Bette herum. Seine Gedanken ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Sie kreisten beständig um den einen Punkt: »Hatte er Talent?« So sehr er sich auch bemühte, sich Mut zu machen, im innersten Dunkel seiner gepeinigten Seele lauerte der fürchterliche Zweifel, er hauste in der Verwirrung seines Hirns, und wohin er auch blickte, starrte ihm dieser wie das versteinerte Haupt der Medusa entgegen.

Nun kam die Entscheidung – das Äußerste, der Wendepunkt seines Lebens. Und wenn es nun doch nichts war? Alles aus ... vorbei? ... Am Morgen war er wie zerschlagen, die Augen brannten ihn, die Augenlider waren trocken und schwer. Das war eine lange Nacht gewesen!

Um sieben Uhr stand er auf. Das Dienstmädchen schlief noch, die Stuben waren kalt, es dauerte eine geraume Weile, bis er endlich seinen Kaffee bekam. Dann legte er sich auf's Sopha und fing an, seine Rolle zu memoriren. Er hatte »Tartüffe« gewählt. Aber es war ihm ganz unmöglich. Alles drehte sich in seinem Kopf. Er konnte es ebensogut sein lassen; es hatte jetzt doch keinen Zweck.

Er stand wieder auf, sah auf die Uhr, noch drei Stunden – dann war alles abgemacht, sein Schicksal entschieden! Drei Stunden!

Es klingelte, und er ging hinaus, um aufzumachen, im Glauben, daß es die Zeitungsfrau war.

Er öffnete und stand Hoff gegenüber.

Hoff hatte den großen Kragen seines Pelzes ganz um die Ohren aufgeschlagen und sah noch grauer aus wie gewöhnlich. »Bester Hög, seien Sie nicht gar zu böse ... denn eigentlich ist mein Kommen zu dieser Stunde eine Unverschämtheit. Ich habe nämlich meine Nacht mit einem Spaziergang in der Bredstraße beschlossen, und so kam ich, als ich an Ihrer Wohnung gerade vorübergehen wollte, auf den Gedanken ... mich bei Ihnen ein bißchen zu wärmen ... Aber es ist wohl noch gar nicht eingeheizt am Ende? ...«

»O doch ... Kommen Sie nur weiter.«

Sie gingen in Williams Stube und plauderten über gleichgültige Dinge. Die Unterhaltung wollte nicht recht vonstatten. Hoff war müde, sprach gedämpft und klagte über Rückenschmerzen.

»Nicht etwa ... daß ich diese Nacht unsolide gewesen bin! Nein, ich hatte gestern abend Gesellschaft bei mir – ein paar von den bewußten Kumpanen mit ihren Damen. Und als sie gingen, setzte ich mich hin und schrieb ein Idyll. Ich kann am besten Idylle schreiben mit dem Hintergrund von Schwelgerei und zwischen geleerten Flaschen. Man wird so verteufelt sentimental ... wenn man all dies Widerliche gesehn hat ...«

Er wärmte seine Hände am Kachelofen. »Und da das Wochenblatt gerade so was von mir gewünscht hatte ...«

William antwortete mit einer gleichgültigen Phrase. Hoff fing wieder verschiedenerlei zu erzählen an, aber plötzlich unterbrach er sich und fragte, während er sich zum Feuer niederbückte: »Aber wie geht es Ihnen eigentlich?«

»Danke ... Ich soll heute proben.«

»Soo ...« Hoff wandte sich um, sah William verstohlen an und drehte sich dann wieder dem Feuer zu.

»Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen da gerade ins Haus gefallen bin, aber ich wußte nicht, daß es heute war ...«

Er stand auf, knöpfte seinen Pelz langsam zu, nahm Williams Hand, behielt sie etwas lange zwischen den seinen und ging dann. William begleitete ihn und machte die Entreetür auf.

Da nahm Hoff nochmals seine Hand und sagte warm und eindringlich: »Unter allen Umständen ... wie's auch ausfallen mag, keine Dummheiten ... Adieu Hög ... Auf Wiedersehn!«

 

Nun ging er in dem kleinen neben der Bühne gelegenen Foyer des Theaters herum und wartete. »Der Herr Intendant kommen gleich,« hatte der Portier gesagt, und nun wartete er hier schon über eine Viertelstunde. Ein Paar Choristinnen kamen lachend herein, beguckten ihn, steckten tuschelnd die Köpfe zusammen und gingen wieder. Auf der Bühne, die ganz dunkel war, hantierten ein paar Maschinisten mit Versatzstücken.

William besah alles aufmerksam: den Spiegel, an welchem das Quecksilber ziemlich schadhaft war, das Sofa ... in wie vielen Stücken hatte er dieses doch gesehn. Am Tage sah es gräßlich aus.

Ob sie nun nicht bald kommen würden?

William ging weiter von Stück zu Stück und besah alles: die Bücher im Bücherschranke – es waren nur Holzklötze mit bemaltem Rücken, und in die Schranktüren war kein Glas eingesetzt ... natürlich ... Ach Gott, sie kamen immer noch nicht!

Dabei war es schon spät, wer weiß, ob überhaupt heut noch etwas aus der Probe wurde, dachte William, und so hatte er sich umsonst geängstigt ...

»Bitte, kommen Sie herauf,« weckte ihn plötzlich eine Stimme aus seiner Versunkenheit. »Der Herr Intendant wartet oben,« rief jemand von der Bühne her.

William fuhr zusammen. »Danke,« sagte er. Der Herr, welcher soeben gesprochen hatte, verschwand wieder.

William mußte sich zwischen mehreren Versatzstücken hindurch Bahn machen, bis er die zur Bühne führenden Stufen fand. Endlich war er glücklich oben.

Verlegen blieb er stehn und drückte sich, mit dem Buch in der Hand, an eine der Kulissen. Nachdem er eine geraume Weile so gewartet hatte, erblickte ihn endlich einer der Herren, die weit zurückstanden. Dieser flüsterte einem älteren Manne in braunem Überzieher einige Worte zu, worauf dieser sich umwandte und William zurief:

»Wir kommen gleich ... einen Augenblick ... wir wollen nur noch ein paar Hintertreppen ausprobieren.« Er hielt die Hände als Schallrohr an den Mund und rief in die Soffiten hinauf. Eine Treppe rutschte auf und nieder. Die andern Herren schielten zu William hin und flüsterten miteinander.

Dieser sah mechanisch einer alten Scheuerfrau zu, wie sie die Stühle im Parkett abwischte. Sie schlug die Klappsitze mit einem Knall in die Höhe – Reihe auf Reihe.

Mit der Treppe schien es nicht zu gehen, die Stimme des Intendanten schlug förmlich über, so schrie er durch die hohle Hand.

William fing vor Kälte zu zittern an; Hände und Füße waren wie von Eis – er hatte seinen Überzieher im Foyer liegen lassen. Die Scheuerfrau war jetzt schon bei den letzten Parkettreihen angekommen ... das Auf- und Zuklappen klang nun friedlicher ...

Mit einem Male entdeckte William, daß der Intendant auf ihn zukam.

»Also Herr Hög,« sagte er und kniff ein Monokel in sein rechtes Auge.

»Mein Name ist Hög,« murmelte William, sich verneigend. Die Zähne klapperten ihm im Munde.

»Sie frieren,« sagte der Intendant freundlich. »Sie hätten lieber Ihren Überzieher anbehalten sollen,« und dann sich nach dem Zuschauerraum wendend: »Herr Regisseur!«

Der Kopf des Regisseurs tauchte im Orchesterraume auf. »Und Herr Andersen?«

Man hörte jemanden über Versatzstücke im Zwischengange stolpern und dann die zwei Stufen hinaufkrabbeln. »Eine verdammte Sparsamkeit, daß man sich partout Hals und Beine brechen soll, um eine Gasflamme zu ersparen,« brummte Herr Andersen vor sich hin. Um seinen Hals trug er ein ungeheures Tuch gewickelt, welches das halbe Gesicht einhüllte, und seinen kahlen Schädel bedeckte eine schwarze Kappe. Er brummte noch etwas von langem Warten und Frühstück, dann erklärte er, daß er bereit war.

»Der junge Mann probt als Tartüffe,« sagte der Intendant.

Herr Andersen begann seine Physiognomie von dem verhüllenden Tuche zu befreien. Dann räusperte er sich und spuckte dreimal aus. William gab ihm das Buch, und zeigte ihm die Seite. »Ich will bei der Szene mit Elmire anfangen.« Andersen brummte etwas über Katzenaugen und kleine Schrift vor sich hin, worauf der Intendant ein paar Gasflammen an der Rampe anzünden ließ.

William hatte das Gefühl, als ob sich alles mit ihm im Kreise zu drehen anfing. Er sah, wie Andersen ein paar Stühle zurecht stellte, dann daß die Köpfe des Intendanten und des Regisseurs unten im Parkett auftauchten. Aber alles wie durch einen Schleier. Er sah weiter, wie der Intendant sein Taschentuch hervorzog, um seinen Nacken zu schützen, und wie daneben der Regisseur seinen Pelzkragen ganz über die Ohren heraufzog.

Das war das Publikum.

»Bitte anzufangen,« rief der Allgewaltige hinauf.

In einem Nu wurde es William ganz schwarz vor den Augen, und er hatte die Empfindung, als ob er umsinken sollte. Aber mit Aufbietung all seiner Kraft nahm er sich zusammen und versuchte anzufangen. Er holte tief Atem, öffnete die Lippen – aber kein Laut wurde hörbar. Sein starker Wille kämpfte mit seiner Zunge, die wie gelähmt war. – – Endlich bekam er den Ton heraus; Gott sei Dank, er hörte seine Stimme in dem weiten Raum ertönen ...

Aber im selben Augenblicke, in derselben Minute, wo er sie hörte, wußte er auch, daß er gerichtet war. Und während er seinem Unvermögen ins Antlitz starrte, legte sich die Lähmung wie ein Tuch über ihn.

Anfangs noch versuchte er, gegen diese Schlaffheit, dieses fürchterliche Müdigkeitsgefühl anzukämpfen. Aber es wurde ihm mehr und mehr unmöglich. Die Glieder waren schwer wie Blei, die Zunge förmlich dick in seinem Gaumen geworden.

Er deklamierte, wartete auf das Stichwort, antwortete, setzte sich, stand auf – aber alles wie im Schlafe.

Und tiefinnerst in ihm kämpfte und stritt es in wilder Verzweiflung. Er preßte die Hände zusammen, bot all seinen Willen auf, und in einem einzigen Augenblicke schien es ihm auch, als ob seine seelische Kraft die Gipsdecke des körperlichen Unvermögens sprengte, als ob er das Erlösende, was sich von dannen zu flüchten und von ihm zu weichen schien – doch noch greifen konnte – –

Aber die Illusion währte nur einen Augenblick. Er hörte seine eigene Stimme und sah des Intendanten Kopf, aber nach und nach schien es ihm, als ob dessen Gesicht zu einer feindlichen lachenden Maske wurde mit einem Glase in der einen Augenhöhlung; eine große Maske, die immer näher und näher kam ... ihm ganz dicht auf den Leib rückte ...

Der Schweiß lief ihm in dicken kalten Tropfen von der Stirn. Er drückte wie im Krampf die Arme gegen die Brust, kämpfte noch eine Weile weiter; dann gab er es auf. Mit erhobenen Händen, als ob er eine unsichtbare Gottheit zum Zeugen seiner Ohnmacht machen wollte, stand er noch einen Augenblick im verzweifelten Schweigen da, dann stürzte er mit einem unverständlichen Ausrufe die Bühne hinab. Unten angekommen, hielt er einen Augenblick inne, stützte sich gegen die Wand, holte ein paarmal tief Atem und wollte weiter, hinaus ins Freie – als er im Gange auf die beiden Herren stieß. Der Intendant wußte nicht recht, wo er hinsehn sollte; er nahm aus Verlegenheit sein Monokel und putzte daran. Dann stotterte er ein paar Worte, die aber William kaum hörte.

»Ich bitte um Verzeihung, Herr Intendant,« brachte William mit vor Tränen erstickter Stimme heraus, »aber ich weiß nicht, was ... ich ...«

Der andre putzte weiter. »Mißverstehen Sie mich nicht, lieber Herr Hög, ich meine nur ... daß ...«

»Ach, ich weiß ja selbst ... ich habe ja selbst gesehen, das es nicht ging,« sagte William einfach.

»Nein ... es war ... war ganz merkwürdig ...« Der Intendant hielt wieder inne, suchte nach Worten und wiederholte dann: »Ganz merkwürdig ... denn etwas war dahinter ... ja es war ... etwas dahinter«

William antwortete nicht. Um seinen Mund spielte ein Zug, den man für ein Lächeln nehmen konnte. Er verneigte sich und ging.

Der Intendant starrte mit seinem eingeklemmten Monokel erstaunt nach der Tür, die sich hinter William Hög geschlossen hatte.

»Wirklich zu merkwürdig,« sagte er wie in Gedanken.

»Ja ganz merkwürdig,« wiederholte der Regisseur, »denn etwas war dahinter ... das glaube ich auch ...«

Darauf fingen die beiden Ehrenmänner von andern Dingen zu sprechen an.

William taumelte durch den Korridor wie ein Betrunkener.

Vor dem Theater erwartete ihn Hoff. Er ging in seinen Pelz gehüllt auf dem Trottoir auf und nieder und zwei, an einem Fenster des Nachbarhauses hinter Blumentöpfen sitzende, junge Damen hatten bereits darum gewettet, ob der »Gegenstand« blond oder brünett war ...

Er fing schon an etwas ungeduldig zu werden, stampfte von Zeit zu Zeit mit den Füßen tapfer auf, um sich warm zu erhalten und dehnte seine Promenade immer weiter aus.

Eben bog er wohl zum zehnten Male um, als sein Auge auf William fiel.

Dieser hatte gerade das Theater verlassen, und machte sich nun auf den Heimweg. Er ging gebückt, mit eingefallenen Schultern und gesenktem Kopfe. Als er sich Hoff näherte, starrte er ihn wie geistesabwesend an, erkannte ihn aber nicht. Hoff ließ ihn, ohne ihn anzureden, an sich vorübergehen. Dann drehte er sich um, und sah lange nachdenklich der zusammengeschrumpften Gestalt nach.

»Vorbei ...« murmelte er vor sich hin, und warf sich müde und fröstelnd in eine gerade vorüberkommende Droschke ...


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