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Drittes Buch

 

Erstes Kapitel

William wußte nicht, wie er nach Hause gekommen war. Er legte wie im Schlafe seinen Überzieher ab, hängte ihn auf; sah im Kasten nach, ob Briefe da waren, und ging hinein. Im Speisezimmer stand Nina und putzte Silber; sie sprach zu ihm und er glaubte, daß er auch antwortete. Er trank gierig ein Glas Wasser am Büfett, dann ging er in die Wohnstube und setzte sich auf den kleinen Puff. Aber alles ganz mechanisch, unbewußt wie ein Nachtwandler.

Ein wenig später kam Nina herein, sie erzählte von ein paar Besuchen, die sie gehabt hatte, von ihrer Gesangstunde, von der Lehrerin, von dem Dienstmädchen, die eine Vase zerbrochen hatte. William antwortete nicht. Nina plauderte weiter, während sie mit dem Staubwedel an den vielen Nippsachen des Schreibtisches herumhantierte.

»Ja richtig, es war ein Bote von Gerson da, ob er heut abend herkommen könnte. Ich sagte, ich wüßte nicht, ob du nicht vielleicht etwas vorhattest ...«

William starrte schweigend vor sich hin.

»Denn es ist ja ...« setzte Nina fort, während sie sich nach dem Bruder umwandte, hielt aber plötzlich inne. In dem einen Blick erkannte sie, was vorgefallen war. »William! Du hast heut Probe gespielt ... und ...« Sie stockte und wiederholte darauf tonlos: »Du hast heut' Probe gespielt!«

William rührte sich nicht. »Ich wußte es ...« sagte sie leise und plötzlich stürzten ihr Tränen aus den Augen und liefen langsam die Wangen hinab.

Sie ging zu ihm, setzte sich neben ihn und streichelte sein Haar, das ihre Tränen benetzten. Aber er blieb weiter unbeweglich. Sie faßte seine Stirn an, die glühend heiß war und kühlte sie mit ihren Händen, streichelte zärtlich seine Wangen, und lehnte ihren Kopf gegen den seinen.

Aber all das riß ihn nicht aus seiner Lethargie. Es war, als ob er in seiner Starrheit immer mehr und mehr zusammensank und Nina wurde es plötzlich himmelangst zumute, als ob sie den Tod zwischen den Händen hielte.

Sie flüsterte ihm alle Kosenamen zu, die ihr auf einmal, Gott weiß woher, kamen, zärtliche Beinamen von der ersten Kindheit. Sie schlang ihre Arme um ihn, und wiegte ihn wie ein Kind, während sie nicht aufhörte, ihm die innigsten Trost- und Liebesworte zuzuflüstern.

Plötzlich stand William auf und machte eine Bewegung, als wollte er hinausgehen.

»Bleib lieber hier, William,« sagte Nina, »ich will ganz still sein ...«

»Nein ... ich ... ich muß allein sein ...« Die Worte klangen wie ein gebrochenes Echo. Er wandte sich nach der Tür.

Nina stand ebenfalls auf. Sie umschlang ihn nochmals: »Armer Junge ... wie du leidest ...«

Da überflog ein schmerzliches Lächeln seine Züge: »Ja, mir ist nicht gut zumute!«

Dabei schlug er die Augen auf, sein Blick war matt und wie erloschen. Nina drückte ihn in ihrer Herzensangst fester an sich: »Kannst du nicht weinen?« William schüttelte den Kopf: »Laß mich bitte ... ich muß allein sein! –«

Er schleppte sich förmlich nach der Tür seines Zimmers und schloß diese hinter sich ab. Sein Blick traf im Spiegel über dem Sofa sein eigenes Gesicht und er starrte ein paar Sekunden dieses graubleiche Antlitz mit den alten Zügen an, als ob es das eines Fremden wäre. Ein Zittern durchfuhr seinen Körper und mit einem schluchzenden Aufstöhnen sank er auf den Stuhl vor dem Schreibtische.

Seine Gedanken begannen zu erwachen. Aber als ob diese nicht die Kraft hatten, die fürchterliche Last der Niederlage zu tragen, den stechenden Seelenschmerz, der ihn durchbohrte, zu überwinden, verloren sie sich bei ihrem Erwachen in ferne und blasse Erinnerungen an die unbedeutendsten Dinge. Die Gedanken flüchteten wie instinktmäßig vor dem vernichtenden Schlage; sie wichen gleichsam aus und glitten in die fernliegendsten Phasen seines Lebens hinaus, da wo sie nicht fürchten brauchten, der Vernichtung in das versteinernde Antlitz zu sehen.

Seine früheste Kindheit zog an ihm vorüber; er suchte sich die Gesichter seiner Kindermädchen ins Gedächtnis zu rufen. Da war Mine ... wie gut er sich ihrer erinnerte! Sie hatte ein Glas Rotwein auf seine neue Samtbluse vergossen, wofür sie von der Mutter Schelte bekam ... aus Wut hatte sie ihn nachher geschubst und gekniffen ...

Aber die Bluse war ruiniert ... Die Knöpfe davon wurden nachher an einen Paletot genäht ... Es war ein schöner Paletot mit Verschnürungen von oben bis unten besetzt und dazu bekam er ein paar Halbstiefel aus Kopenhagen ... Dies waren die ersten Halbstiefel in Randers ... die Leute auf der Straße drehten sich nach ihm um, und sahen ihm nach, wenn er von dem Mädchen spazieren geführt wurde! ... Dann fiel ihm die Tanzstunde ein, die kleine Harriet und die Spiele auf dem großen Hofe. All die alten Bilder stiegen vor ihm auf; aber er sah sie nur mit einem wunderlich schlaffen Blicke, sozusagen mit halbem Auge ...

Und plötzlich konnten auch diese Bilder erlöschen und seine Gedanken verstummen, gleichsam wie flatternde Vögel unter einem Schlangenblick versteinern: das Herz in ihrer Brust hört auf zu schlagen und während sie in einem letzten ohnmächtigen Versuche zu entfliehn, vergeblich ihre kraftlosen Schwingen regen, erstarren sie unter dem versteinernden Blicke ... hilflos ... rettungslos ...

Und William selbst sank wie gebrochen in sich zusammen und starrte stumpf seiner Verzweiflung ins Angesicht.

Aber eine Weile nachher erweckte ihn ein stechender Schmerz aus seiner Stumpfheit. Seine Niederlage kam ihm ins Bewußtsein.

Nun war es aus und vorbei! Die Schlacht verloren!

Er überblickte in Gedanken die Walstatt, wo seine gefallenen Hoffnungen lagen, Reihe an Reihe, vom Blitze niedergemäht ...

Aus ... vorbei!

Und er maß seine eigene schlappe Kraftlosigkeit; seine Gedanken untersuchten gleichsam das gesprungene Uhrwerk ...

Müde fiel sein Kinn auf den Schreibtisch nieder; es war ihm, als ob seine Glieder gebrochen waren, nicht mehr zusammenhielten.

Denn mit diesem Tage war es vorbei mit seinem Leben; und tausendmal fragte er sich selbst, wie es nur möglich war, daß es so kommen konnte! ... Wie ... wie?

Er suchte sich vor allen weiteren Fragen zu flüchten, aber alle Wege waren verrammelt, alle Türen geschlossen!

Wo sollte er sich hinflüchten, wo diesen qualvollen Gedanken entrinnen? Wohin, du großer Gott!

Alles, alles war ja darauf aufgebaut gewesen! Hatte sich dies nicht in sein Leben verwebt, wie feine Fäden, die zu einem Netze verknüpft sind? Wenn man dieses nun herausschnitt, so war ringsum blutendes Fleisch ...

Ja, all seine Träume, alle Hoffnungen, sein ganzer Lebensinhalt fiel zusammen wie ein Kartenhaus.

Und ein Bild trat vor seine Augen: jener erste Tag in Sorö, wie er durch die Klosterpforte eingetreten war, der Wind fegte durch den stillen Park ... die Blätter tanzten um die uralten Eichenwurzeln in der stolzen Allee seiner Ahnen ...

William wand und krümmte sich förmlich unter dieser Erinnerung.

Nein – nein ...!

Er setzte sich wieder auf. Er wollte versuchen, seiner Gedanken Herr zu werden, sie in andere Bahnen zu leiten.

Aber es gelang ihm nicht, immer wieder kreisten sie um denselben Punkt. Welche Erinnerung sprach ihm denn nicht von jenem, was den Grund seines Lebens ausmachte? Dem Boden, auf welchem er alles andere aufgebaut hatte!

O Gott, diese fürchterlichen Nächte, wenn er Halluzinationen hatte: Hundert Stimmen riefen nach ihm, lange Hände streckten sich nach ihm aus, Ratten liefen über sein Bett und sein Gesicht – –

Ja – er hatte gekämpft, das weiß Gott! Und er hatte gesiegt, er hatte sich dazu gezwungen, gesund zu sein. Nun war es aber vorbei mit seiner Kraft ... nun wußte er, daß sein Leiden wieder Macht über ihn bekommen würde, nun kam alles wieder: die Halluzinationen, die Erscheinungen, die Verrücktheit, und es war aus mit ihm, vorbei ...

Der Auftritt im Theater lebte wieder vor ihm auf und diese Erinnerung drückte ihn wie ein Alp, es war zu fürchterlich gewesen! ... Diese übermenschliche Anstrengung, dieser Kampf mit dem großen Unmöglichen ... Er hatte seinem Mangel an Begabung ins Antlitz gesehn. Das sah er nun klar. Aber warum erst jetzt? Warum ...

Seine Gedanken hatten ihm ja doch Tag und Nacht das Schreckgespenst des Unvermögens ausgemalt, waren um Zweifel und Angst gekreist ... alle diese viele langen Jahre hindurch ... gleichsam als hätte er es vorausgeahnt, was nun geschehen war! ...

Langsam rückte ihm die letzte Wahrheit auf den Leib: Er hatte sich selbst betrogen, sich betrogen – und es gewußt. In den verstecktesten Falten seines Innern traf er seine Feigheit.

Das war das richtige Wort: Feigheit ... feige, feige war er gewesen! ...

Seine Gedanken wanderten zwischen den Ruinen umher, und das Bild vom Schlachtfeld kehrte ihm wieder ins Bewußtsein zurück; aber da gab es kein Blut, keine zerschossenen Fahnen! Ein Nebel lag über dem Ganzen, ein grauer Nebel, ein Halbdunkel, in dem man über stille Leichen stolperte.

Und wohin er auch zurücksah, begegnete er demselben Bilde. Das Licht war über geschleiften Wällen erloschen.

Der letzte Hög war ein Don Quichote gewesen – der gegen Windmühlen gekämpft hatte. »Don Quichote.« Das war amüsant – – wirklich sehr amüsant – –

Williams Kopf fiel wieder schwer auf den Tisch nieder. So saß er stundenlang in dumpfem Brüten. Und in jenen stillen Stunden, wo er angstvoll und schaudernd in den bodenlosen Abgrund seines Unvermögens starrte, wurde das Beste in ihm ertötet.

 

Als er endlich zu sich kam, war es bereits ganz dunkel geworden. Das Bewußtsein kam ihm nach und nach in voller Klarheit zurück, aber gleichzeitig als kalte Leere. Müde lächelnd raffte er sich auf, wusch sich, machte sich ein wenig zurecht und ging dann ins Speisezimmer.

Weder Nina noch Sophie wagten ein Wort zu sagen, sie sahen bloß gleichzeitig auf, senkten aber sofort wieder den Kopf über ihre Arbeit, und fuhren schweigend fort zu nähen.

Auch William sprach nicht; man hörte nur das Öl in der Lampe kochen und ab und zu einen Windstoß gegen die Fensterscheiben peitschen. William setzte sich auf seinen Lieblingsplatz, den kleinen Puff in der halbdunklen Ofenecke und lehnte den Kopf gegen die Wand.

»Hier ist etwas Roastbeef,« sagte Sophie endlich und sah von ihrer Arbeit auf.

»Danke ... ich bin nicht hungrig,« sagte er, ohne seine Stellung zu verändern.

Es wurde wieder ganz still. Die Schwestern sahen ab und zu scheu und verstohlen nach dem Bruder hinüber, er starrte wie geistesabwesend vor sich hin und bewegte dazu, wie maschinenmäßig, den Kopf hin und her.

»Wie stürmisch es ist ... der reine Orkan,« sagte Nina.

»Ja, es ist schlechtes Wetter geworden ... es friert auch.«

Sie saßen wieder schweigend da. Sophies Tränen fielen langsam, eine nach der andern auf die Serviette nieder, die sie säumte. Nina hatte sich bis jetzt gewaltsam zusammengenommen, aber mit einem Male griff sie schnell nach dem Taschentuch, und wischte sich immerfort die Nase, um ihr Weinen zu verbergen.

William war aufgestanden und ging im Zimmer auf und ab. Plötzlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben und schritt auf die Tür zu.

»Gute Nacht!« sagte er.

»Gehst du schon?« fragte Nina angstvoll.

»Ich will ... mal nach Gerson sehn.«

»Bei diesem Wetter? ...« Er antwortete nicht und ging hinaus. – – –

Es war ein heftiges Schneegestöber und es stürmte derartig, daß man kaum vorwärts kommen konnte. William kämpfte die Bredgade entlang tapfer gegen Wind und Wetter an. Der Sturm schlug ihm ins Gesicht, er konnte gar nichts sehen. Die kalten Peitschenschläge taten ihm wohl, er fand es herrlich, diese nassen kühlenden Schläge ins Gesicht zu bekommen.

Am Sankt Annaplatz vorbeizukommen war fast unmöglich. William wurde gegen die Häuserreihe geworfen und konnte weder vorwärts noch zurück. Noch schlimmer war es um die Ecke zu kommen. Die Steinbrücke war so glatt wie eine Eisbahn und der Wind wirbelte um die Straßenecke wie ein Kreisel. William suchte sich mühsam vorwärts zu arbeiten. Mit gesenktem Kopfe und vorgeschobenen Schultern bohrte er sich förmlich durch den Wind weiter. Zuletzt kroch er mehr als er ging, sich dabei an die Häusermauern stützend. Und so erreichte er fast schleichend das Haus, in welchem Gerson – der erst kürzlich umgezogen war – bei einem Onkel wohnte. – Als er in den hellen gemütlich warmen Treppenflur trat, umfing ihn ein lebhaftes Wohlbehagen. Dieser Raum mußte zu jeder Zeit einen behaglichen Eindruck machen, aber wenn man so von draußen kam, empfand man es doppelt. Auf den Absätzen der breiten Treppe standen große Pflanzengruppen; ein roter Teppich bedeckte die Stufen. Gerson wohnte im dritten Stock. William ging mitten auf dem dicken Teppich, es trat sich so weich und mollig. Endlich war er oben angelangt und klingelte. Ein Dienstmädchen öffnete.

»Ist Herr Gerson zu Hause?«

»Nein, der junge Herr ist mit der gnädigen Frau ins Theater gegangen.«

William stand eine Weile in Gedanken. »So ... ins Theater, sagte er, das Mädchen, die, mit der Hand an der Entreetür, wartend dastand, wie geistesabwesend anstarrend. »So ... ins Theater,« wiederholte er und ging. Erst auf dem Treppenabsatz, als die Zofe die Tür schmetternd ins Schloß warf, rief er zurück. »Grüßen Sie, bitte.«

Das Wort »Theater« hatte ihm förmlich den Atem genommen, und er fiel einen Augenblick ganz zusammen. Aber sein müdes Gehirn war jeder Gemütsbewegung unfähig, es kam ihm nicht ganz zum klaren Bewußtsein, sondern nur wie ein vages, schmerzliches Nachdonnern.

Er las beim Hinuntergehen die Namen, die auf den Türschildern standen. Es waren lauter feine Leute, die hier im Hause wohnten! im zweiten Stock ein Kammerherr, im ersten ein Baron. Unten an der Entreetür des Hochparterre war ein großes Messingschild angebracht, der Name darauf sehr verschnörkelt eingraviert. Er bückte sich, um ihn zu lesen.

»Gräfin Hatzfeldt.«

Was, wohnte die hier? Davon hatte er ja keine Ahnung gehabt! Er krämpfte den Kragen herauf und ging langsam die Treppe hinunter auf die Haustür zu.

»Ein schreckliches Wetter,« sagte der Portier, der den Schnee von der Schwelle draußen wegfegte.

William nickte und ging wie geistesabwesend von dannen. Aber der Sturm schlug ihm entgegen und drückte ihn gegen das Portal, das sich hinter ihm geschlossen hatte. Er machte einige vergebliche Versuche vorwärts zu kommen, und blieb dann stehn. Der Schnee peitschte ihm ins Gesicht, ohne daß er es merkte, er stand ein paar Augenblicke in Gedanken verloren da, – dann klingelte er wieder. Hastig schritt er die Stufen zum Parterre hinauf. – – –

»Frau Gräfin ist zu Hause.« Der Diener half ihm den Überzieher ausziehn und öffnete die Tür auf eine eigene diskrete Weise.

»Frau Gräfin sind in ihrem Boudoir.«

William wurde ganz verwirrt und zögerte einen Augenblick. »Danke,« murmelte er und blieb stehen. Der Diener zeigte auf eine gelbe Portiere und sagte: »Dort ...«

Im selben Augenblicke schob eine Damenhand den Vorhang zur Seite, und Gräfin Hatzfeldt wurde im Türrahmen sichtbar. Der Diener ging.

Die Gräfin sah lächelnd William an, der verlegen und nervös an seinem Handschuh zupfend dastand.

»So kommen Sie endlich!« sagte sie, ihm die Hand reichend, während sie die Portiere losließ. »Diesen Tag muß ich im Kalender rot anstreichen!«

Sie begaben sich in das Boudoir. Wider seinen Willen holte William tief Atem, dabei den Mund öffnend, als ob er nach Luft schnappte, das Zimmer war stark von Veilchenduft erfüllt.

»Ist es Ihnen vielleicht hier zu sehr parfümiert?« fragte die Gräfin.

»Ach nein, nein ...«

Gräfin Eva saß in den roten Divan zurückgelehnt und spielte mit ihrem Haar. Sie hatte den goldgelben Lichtschirm etwas zur Seite geschoben, so daß das Licht auf Williams Gesicht fiel. Und während sie gewandt von den verschiedensten Dingen plauderte, bemerkte sie das wunderliche Beben seiner Wangen und fragte sich, was wohl mit ihm vorgegangen sein mochte, daß er sie zu dieser Stunde besuchte, und in dieser Weise.

William war forciert lebhaft. Er sprang nervös von Thema zu Thema, spöttelte über gemeinschaftliche Bekannte und schwatzte darauf los.

Aber plötzlich erlosch diese Munterkeit, und er fiel zusammen; die Gräfin mußte die ganze Zeit allein die Kosten der Unterhaltung bestreiten, die Pausen durch förmliche Monologe bekämpfen, während William nur mit einem »Ja« oder »Nein« antwortete. Er beobachtete nachdenklich das Spiel des Kaminfeuers auf dem Teppich; manchmal glitt der Schein ganz weit über die Rosenbuketts, dann fiel er auf das schwarze Pantherfell davor, das förmlich erglühte ... Wie warm es wohl sein mußte!

Mit einem Male ertappte er sich dabei, daß er auf eine Frage ganz verkehrt geantwortet hatte, und fuhr von seinem Sitze auf. »Sie müssen mir nicht böse sein!« sagte er ganz unvermittelt, sich die Hand vor die Augen haltend.

»Böse?«

»Ja, daß ich gekommen bin,« er zögerte, als kämpfe er mit sich selbst.

»Sie müssen nicht böse sein,« wiederholte er, »es war ... es war ... weil – –«

Er vollendete den Satz nicht, sondern ging auf die Tür zu.

»Hög,« rief die Gräfin und sprang ebenfalls auf, »was ist Ihnen geschehen?«

William antwortete nicht. Er hob nur den Kopf und sah sie an. Wie groß und schön sie doch war, wie sie so vor dem Divan stand!

»Es ist mir heut schlecht ergangen,« sagte er dann leise.

»Und wo wollen Sie jetzt hin?« fragte die Gräfin, ein paar Schritte auf ihn zugehend.

Wo er hin wollte? Wo er hin wollte?

Die Gräfin erschütterte es förmlich, welche hilflose Verzweiflung über ihm lag. Sie trat an ihn heran, und plötzlich schlang sie die Arme um seinen Hals.

»Warum wollen Sie mir nicht sagen, was Ihnen geschehen ist?« sagte sie sanft, und als er nicht antwortete, fügte sie hinzu: »Sie sind ja doch deshalb ... nur hergekommen – –«

William begegnete ihrem warmen Blicke, der in dem seinen ruhte; seine Lippen bebten und mit einem Seufzer schmiegte er sich zitternd an ihre Brust. Keiner von ihnen sprach. Die Gräfin streichelte sanft sein Haar, und wartete, den Arm um seinen bebenden Körper geschlungen – –

Dann führte sie ihn langsam zum Kamin hin, setzte sich auf einen niedrigen Puff und er glitt auf das Pantherfell zu ihren Füßen nieder und legte den Kopf auf ihren Schoß. Sie neigte sich zärtlich über ihn und fuhr mit der Hand streichelnd über sein Haar –

Er fühlte die Wärme, den Duft ihrer Locken und ihre Hände auf seinem Haar ... Er seufzte und flüsterte leise Worte – – – flüsterte wieder und fing zu weinen an.

Unter heftigem Schluchzen begann er abgerissen zu erzählen, wie ein Kind, wenn es seiner Mutter beichtet. Er hob das tränenüberströmte marmorbleiche Gesicht zu ihr auf, und erzählte stoßweise, halb flüsternd – alles, alles, was geschehen war – – Er wälzte die Last, die Bürde von seinem Herzen hinunter, er klagte; er klagte an ...

Alles, alles, was er gelitten! Wenn sie wüßte, wie er gearbeitet hatte ... Nacht und Tag ... und Tag und Nacht ... Ach die Stunde, in der es ihm zum Bewußtsein gekommen war! ... Camilla wars gewesen, die es in ihm geweckt ... und er hatte es für eine Offenbarung genommen! Und nun hatte es versagt – – versagt – – getrogen – – –

Der Mann in William verschwand mit diesem rieselnden Tränenstrom; seine Willenskraft wurde fortgespült. Jetzt, wo nun doch alles aus, wo der entscheidende Schlag gefallen war, wurde seine Energie zum Klagen eines Kindes.

Die Gräfin stand auf, und legte seinen Kopf behutsam auf das Kissen.

»Gehen Sie nicht von mir!« bat er flehend.

»Kind,« sagte sie sanft und leise. Da flog zum erstenmal ein Lächeln über seine Züge.

»Ich will Ihnen etwas vorspielen und dann trinken wir Tee zusammen ...«

Was für eine sanfte Melodie das doch war, wie weich und einlullend! Es wirkte so beruhigend auf ihn ... O, wie lange er sich nach Ruhe gesehnt hatte ... wie lange!

Er hob den Kopf und sah die Gräfin an. Sie saß im Dunkeln, das Licht fiel nur auf ihre Arme. Von den weiten Ärmeln ihres Morgenrocks entblößt liefen sie glänzend über die Tasten hin ... rund und weich wie Schlangen, die sich wanden und bogen; sie schienen mit den Tasten zu spielen ...

Er erinnerte sich daran, wie Camilla in der Kirche vor ihm gespielt hatte. Ach, wie lange war das her!

Nein diese weißen Arme ... wie Schlangen ...

Die Gräfin hielt inne. Einen Augenblick blieb sie noch wie im Nachdenken versunken sitzen, dann erhob sie sich und kam lautlos über den Teppich auf William zu. Sich auf ihren früheren Platz niederlassend, nahm sie seinen Kopf zwischen ihre Hände, und flüsterte gedämpft: »Nicht wahr, das tut wohl, es beruhigt? ...« »Ja.« Ihre Blicke trafen sich und ruhten lange ineinander. Dann glitt ein plötzliches Aufleuchten über Williams Gesicht, und sie lächelten beide ...

Er erhob sich halb, und beständig einander in die Augen sehend, preßten sie brennend Lippe auf Lippe.


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