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Fünftes Kapitel

Ein Jahr war vergangen.

William Hög kam es vor, als hätte er schon sehr lange gelebt und lange genug. Seine Züge hatten den alten, frühzeitig welken Ausdruck bekommen, den man bei Verwachsenen oder Kindern, die einem frühen Tod geweiht sind, findet. Er war sehr mager und ging stets gebückt, mit gesenktem Kopfe, einher.

Nina und er waren fast immer zusammen und die Bande, die gemeinsamer Kummer gewebt hatte, hielten fest. Aber auf der anderen Seite wieder hatten dieselben Sorgen ihren Charakter doch nach ganz verschiedener Richtung hin entwickelt, und jeden einzelnen Tag, der verging, mußte ihre Liebe eine Brücke über eine sich beständig vergrößernde Kluft im gegenseitigen Verständnis schlagen.

William war nervös und reizbar, und unter der Hülle seiner Schwermut brauste und kochte die zurückgedrängte Hitze eines leidenschaftlichen Gemüts. Und diese unterdrückte Heftigkeit konnte oft bei den geringfügigsten Anlässen hervorbrechen und förmlich in Raserei ausarten.

Nina blieb unter seinen Zornausbrüchen ganz ruhig, aber diese Ruhe brachte ihn nur noch mehr auf, reizte ihn oft aufs äußerste.

Einige Zeit später, im Anfange des zweiten Jahres nach Stellas Tod, wurde Hög wieder exaltiert; langsam aber sicher durchlief seine Krankheit dieselben Stadien wie das letztemal. Es waren dieselben Ideen unter andern Formen, dieselben Übertreibungen, dieselbe inhaltslose, unbeständige Energie – und auf Seite der Kinder die alte Angst, das alte stundenlange, qualvolle Warten, die alte Furcht, die sie nicht einen Augenblick zur Ruhe kommen ließ. Nur mußten sie es jetzt alleine tragen.

Des Nachts ging Hög wieder ruhelos im Hause herum, rumorte in der Küche, lauschte an den Türen und spionierte, ob William oder Nina Licht hatten und wachten. Er nahm ihnen des Abends heimlich Kerze und Streichhölzer fort. Denn er wußte, daß sie ihn bewachten, und wollte dies verhindern.

Je mehr des Vaters Aufgeregtheit stieg, desto mehr wuchs die Angst der Kinder – auch Sophie verstand nun, daß der Vater krank war – aber Dr. Berg hoffte immer noch auf Besserung und ließ Hög in Randers bleiben.

War William zu Haus, dann saßen die beiden Geschwister zusammen. Ihre Unterhaltung drehte sich immer nur um denselben Gegenstand: Worte und Gedanken kreisten beständig um ihre Furcht.

Hög nahm den Sohn öfters auf seine Ausflüge mit, lange Spazier- oder Reittouren, wo sie tagelang fortblieben. Diese Tage waren für Nina Ruhepunkte in ihrer fürchterlichen Angst; für William aber war dieses intime Zusammensein mit dem Kranken eine schreckliche Marter.

Hög vergaß dann ganz, daß er mit seinem Sohne sprach, und boshaft und haßerfüllt, wie er in seinem Wahnsinn gegen diejenigen geworden war, die er sonst liebhatte, erzählte er alles mögliche Schlechte von seinen Brüdern, dem Minister und seiner Mutter. Er riß seine ganze Familie vor seinem Sohne herunter. Oder er entwarf die kühnsten Reisepläne, wo er überall hin wollte, um William die Stätte zu zeigen, wo er seine Jugend verbracht hatte. Er sprach davon, ihn nach Paris und Italien zu führen. William stimmte ihm in allem bei.

Manchmal stellte sich Hög krank und legte sich zu Bett; da mußte William ihm stundenlang nasse Umschläge auf der Stirn halten; er rührte sich nicht vom Bette weg und hielt des Vaters Hand in der seinen, während dieser unaufhörlich über eingebildete Schmerzen jammerte. Die zerrütteten Nerven ließen den Unglücklichen Höllenqualen leiden.

Dann wollte er wieder Bäder gebrauchen, und sie brachten einige Tage an der Küste zu. Er schleppte sich mühsam an zwei Stöcken, von William unterstützt, nach dem Badehause. Aber dieser mußte an der Brücke zurückbleiben, denn Hög wollte partout in der Zelle allein sein. Dies waren fürchterliche Augenblicke für den armen Jungen, dessen erhitzte Phantasie ihm alle möglichen Schreckensbilder ausmalte, während er so wartend am Strande stand und sich die Augen nach der Tür des Badehäuschens blind starrte. Viertelstunde auf Viertelstunde verrann, ohne daß sich diese öffnete, und kalter Schweiß trat auf die Stirn des Wartenden.

Endlich konnte er nicht mehr an sich halten. Er stürzte in wahnsinniger Angst in drei Sprüngen die Brücke hinunter und klopfte an die Tür der Zelle.

»Bist du noch im Wasser, Vater?«

»Ich komme gleich,« antwortete Hög böse. »Du hast wohl vielleicht Angst, daß dein Vater, der im Schwimmen immer Prämien bekommen, in einer Wassertonne ertrinkt, was?«

Ihr Mittagbrot nahmen sie an der Table d'hote des kleinen Badehotels ein; sie saßen am untersten Ende der Tafel und Hög an der Ecke, so daß, wenn er sich unterhalten wollte, er dies nur über den Sohn hinüber konnte.

Nie in seinem Leben war William so wißbegierig gewesen wie während dieser Mittagsstunden. Er suchte mit Aufbietung all seiner Kraft des Vaters Aufmerksamkeit von den andern abzulenken und auf sich zu ziehen und mit seiner Lebhaftigkeit und Fragelust die ganze übrige Gesellschaft vor Hög gleichsam zu verbergen; er überschüttete ihn mit Fragen, lachte, antwortete munter, scherzte. Die kalte Angst gab ihm übermenschliche Kräfte.

Aber wenn sie nach den Mahlzeiten dann in ihre Zimmer kamen und Hög sich auf sein Bett schlafen legte, brach William nach der fürchterlichen Anstrengung und Seelenmarter ganz zusammen. Stumm und gefühllos für alles um ihn herum konnte er lange Stunden in vollständiger Apathie dasitzen, wo sein Gehirn zu arbeiten aufhörte und er aus Schlaffheit weinte, ohne es zu wissen.

Nach Verlauf einiger Tage reisten sie wieder heim, und das alte Leben begann aufs neue.

Der Gedanke zu reisen wurde indessen bei Hög immer stärker, er wollte durchaus dem Sohne Europa zeigen. Eines schönen Tages eröffnete Dr. Berg dem Knaben, daß er mit dem Vater reisen sollte.

»Reisen ...« murmelte William, und es war ihm, als ob er plötzlich ersticken sollte ... »ich! ...«

»Ihr Vater wünscht es sehr,« sagte Dr. Berg, »und ich glaube, daß es ihm gut tun wird ...«

William atmete schwer und tief; er öffnete und schloß ein paarmal seine Hände, gleichsam als wollte er durch diese mechanische Bewegung den Aufruhr in seinem Innern bezwingen, endlich stieß er ganz heiser heraus: »Ich will ja gerne reisen.«

Der Arzt sah ihn an, wie er so mit großen Schweißtropfen auf der Stirn, den Mund schmerzlich zusammengezogen, dastand, und ein tiefes Mitleiden überkam ihn.

»Das ist brav,« sagte er, ihn auf die Schulter klopfend, »sehr brav. Und Sie brauchen nicht ängstlich zu sein.«

Drei Tage darauf reisten sie. Die letzten Tage war William ruhig und gefaßt gewesen, aber als der Zug sich in Bewegung setzte und er vom Coupéfenster aus Nina mit dem Taschentuch wehend auf dem Perron zurückbleiben sah, war es ihm, als ob die Erde unter ihm versank; er mußte sich schnell niedersetzen, um nicht umzufallen, ein solcher Schwindel hatte ihn erfaßt.

Die erste Woche schien es ihm, als ob Dr. Berg recht behalten sollte.

Sie reisten in kurzen Tagestouren, blieben des Nachts im Hotel und gingen erst spät am nächsten Morgen weiter. William bestach den Schaffner, damit sie allein im Coupé blieben, in welchem Hög lang ausgestreckt auf einem aus Decken und Kissen gebildeten Lager die eine Seite einnahm. Mitunter war er so schwach oder bildete sich ein, es zu sein, daß man ihn ins und aus dem Coupé heben mußte. William erzählte den Leuten, daß sie in ein Bad reisten, und suchte alles mit Trinkgeldern gutzumachen, mit denen er wirklich geradezu herumwerfen mußte. Um das nötige Geld dazu vom Vater herauszubekommen, der oft ebenso lächerlich geizig wie zu anderen Zeiten verschwenderisch war, mußte er die unglaublichsten Ausreden erfinden.

Ein andermal wieder war Hög lebhaft wie ein 20jähriger Mensch, und es war dann schwer, ihn im Coupé zurückzuhalten; er wunderte sich darüber, daß sie fast immer allein blieben, und mit dem Mißtrauen der Geisteskranken fragte er: »Das ist wohl dein Werk, du willst wohl, daß niemand mit deinem Vater zusammensein soll?« William suchte ihm dies natürlich auszureden: »Es fahren ja so wenig Leute erster Klasse ...«

Während eines Aufenthalts in Neumünster war Hög plötzlich verschwunden. William war einen Moment hineingegangen, um etwas zum Lesen zu kaufen, und als er zurückkam, war das Coupé leer und der Vater nirgends zu finden.

»Einsteigen,« rief der Schaffner weiter oben am Zuge. »Einsteigen ...« Er schlug die Türen zu.

William sprang vom Trittbrett herunter und sah sich verzweifelt um; der Vater war nirgends zu sehen – er lief an den nächsten Wagen entlang und rief.

Niemand antwortete.

»Einsteigen,« rief jetzt der Schaffner dicht bei ihm.

In abgerissenen Sätzen erzählte ihm William, daß sein Vater verschwunden war, daß er hier bleiben mußte und die Sachen heraushaben wollte.

Der Schaffner zuckte mit den Schultern, zwang ihn fast ins Coupé hinein und schlug die Tür zu. William fiel es plötzlich ein, daß er in seiner Verzweiflung dänisch gesprochen hatte.

Während sie weiterfuhren, saß er ganz verwirrt und überwältigt da und konnte keinen ordentlichen Gedanken fassen. Er hätte zurückbleiben sollen, sagte er sich, er hätte nicht weiterreisen dürfen – was nun? ... Aber der Vater konnte sich ja auch im Coupé geirrt haben, er saß gewiß in einem anderen Wagen; er konnte ja doch nicht zurückgeblieben sein ...

In seiner Aufregung rannte er immerfort im Coupé auf und nieder – wie ein Tier im Käfig. Er konnte nicht ruhig sitzenbleiben und erwog beständig dieselben Möglichkeiten, die seine Phantasie mit allen möglichen Gründen unterstützte.

Und jedesmal, wenn sie auf einer der kleinen Stationen hielten, hatte er Lust, herauszuspringen, aber eine neue widersprechende Gedankenreihe zwang ihn dann wieder, zu bleiben.

Was wollte er auch mit seinen 20 Mark anfangen? Wo sollte er wohl damit hinreisen?

In Hamburg angekommen, öffnete er selbst die Wagentür und stieg aus. Seine Aufregung war einer stumpfen Ruhe gewichen; er war überzeugt, daß der Vater nicht mit im Zuge war; trotzdem spähte er mit Verzweiflung nach jeder Tür der langen Wagenreihe, die sich öffnete. Er lief den Zug entlang; da plötzlich kam es ihm vor, als ob ein Herr, der halb nach dem Waggon zurückgewendet auf dem Trittbrett stand, dem Vater ähnelte ... nun trat er ganz heraus ... wandte sich um ... er war es!

William blieb mit einem Ruck stehen und mußte sich zusammennehmen, um nicht aufzuschreien: alles Blut fuhr ihm nach dem Herzen. Hög half mit ausgesuchter Höflichkeit einer blonden, sehr großen, schlanken Dame aus dem Coupé; er bot ihr galant den Arm. Als er den Sohn erblickte, sagte er vollkommen gleichgültig: »Bist du da? ... Schaffe uns einen Wagen, mein Junge.«

Die Dame nahm ihre Lorgnette und sah einen Augenblick recht nonchalant William an, darauf wandte sie sich wieder ihrem Begleiter zu und sagte ihm einige Worte auf französisch, während sie nach dem Wartesaal gingen.

William blieb stehen und sah ihnen nach, er konnte den Vater kaum wiedererkennen: er ging mit elastischen Schritten, die schlanke Figur gerade aufgerichtet, den interessanten Kopf der Dame an seinem Arm zugewandt – es lag etwas ungemein Distinguiertes in der ganzen Erscheinung, was dem Sohne noch nie so aufgefallen war, etwas unbeschreiblich Vornehmes, was schwer zu definieren war.

William besorgte einen Wagen, und sie fuhren alle drei nach dem »Hotel de l'Europe.« Die Kammerjungfer der Gräfin saß auf dem Bock. Um den Jungen bekümmerte sich niemand. Er saß halb versteckt zwischen den Koffern und Hutschachteln der Gräfin, und wenn der Vater auf dies oder jenes aufmerksam machte, wandte er sich ausschließlich an seine Nachbarin. Und diese sprach nur Französisch die ganze Zeit über und hielt auf diese Weise William außerhalb der Unterhaltung; außerdem schien sie seine Gegenwart ganz vergessen zu haben, oder besser gesagt, seine Existenz überhaupt nicht zu ahnen.

Als sie im Hotel allein geblieben waren, fragte William, wer die Dame war.

»Ich bin ein Freund ihres Mannes ... es ist Gräfin Hatzfeld,« sagte Hög. Weiter nichts.

Er machte auf das sorgfältigste Toilette, zog drei bis vier Oberhemden an und aus, ehe er eines finden konnte, das ihm gut genug erschien, und wählte zwischen seinen Röcken einen blauen mit Samtkragen und langen, modernen Schößen.

»Wir werden im zoologischen Garten frühstücken,« sagte er.

»Mit der Gräfin?«

»Ja.«

Das war ein harter Tag für William. Der Vater hatte überhaupt nur Augen für die Gräfin, er machte ihr auffallend den Hof, überschüttete sie mit Aufmerksamkeiten, küßte sie auf die Hand, hatte sie, wo es nur irgend anging, am Arme und saß ihr stets gegenüber, ohne die Augen von ihr zu wenden. William konnte es kaum aushalten, dies mit anzusehen, es peinigte ihn geradezu; er errötete, wenn Hög seine Hand karessierend auf den Arm der Gräfin legte, er schlug die Augen nieder, wenn sie sich mit einem eigentümlich stummen und doch so beredten Mienenspiel zulächelten, und er litt, wenn der Vater sich niederbeugte, und seine und der Gräfin Augen sich trafen.

Momente lang dachte er bei sich, er wollte ihr alles sagen, ihr erzählen, daß der Vater krank war – das würde eine Strafe für sie sein, und es kribbelte ihm förmlich in den Fingerspitzen danach, es zu tun; aber nein, das ging ja nicht an, er durfte es ja nicht!

Am Abend waren sie im Thaliatheater. Sie saßen in der Fremdenloge, Hög und die Gräfin ganz zurück im Dunkel, William vorn an der Brüstung.

Er hörte die beiden hinter sich immerfort zusammen flüstern, und er wurde ganz nervös von dem Geräusch des Fächers, den sie unaufhörlich hin und her bewegte. Hög saß die ganze Zeit dicht bei ihr, von Zeit zu Zeit sich zu ihr niederbeugend und mit seinem Gesicht fast das ihre berührend.

In einem der Zwischenakte ging er hinaus, und, ohne sich länger beherrschen zu können, wandte sich William zur Gräfin um und sagte schnell:

»Vater ist geisteskrank.« Sie zuckte mit keiner Miene, sondern bewegte ruhig den Fächer weiter und sagte:

»Ich weiß es.«

Die Worte erstarben ihm auf den Lippen, er hätte sie ins Gesicht schlagen mögen.

Den nächsten Tag reiste die Gräfin ab, ohne daß es Hög weiter nahegegangen wäre.

Sie blieben noch zwei Tage in Hamburg, hielten sich dann in Münster und in Düsseldorf auf und erreichten endlich Köln.

Hög wurde nun wieder aufgeregter als in der ersten Zeit der Reise. Er suchte sich von Williams ihm lästiger Fürsorge zu emanzipieren, und überall, wohin er kam, stiftete er beständig mehr und mehr Reisebekanntschaften. Am Tage ging das noch an, da begleitete ihn der Sohn auf seinen Ausflügen, und verlor ihn nicht aus dem Auge, aber des Abends nach der späten Table d'hôte suchte Hög William auf die listigste Art und Weise loszuwerden, um nach dem Theater, dem Zirkus oder sonstwohin zu entschlüpfen.

Mitunter schloß er ihn auch oben in ihre Wohnung ein – sie hatten drei Zimmer im 1. Stock – um dann selbst allein, Gott weiß wo, herumzustreifen.

Das waren qualvolle Stunden für den armen Jungen. Ganz allein mit seinen trüben Gedanken, von einem schneidenden Einsamkeitsgefühl bedrückt, saß er eine Stunde nach der anderen in dem großen Salon und wartete. Er versuchte, Briefe zu schreiben, aber er vermochte seine Gedanken nicht zu sammeln, so ging er von einem Zimmer zum andern, immer hin und her, nirgends hatte er Ruhe. Er hätte es herausschreien mögen, wie verzweifelt, wie unglücklich er war; um Hilfe rufen – so einsam und verlassen kam er sich in diesen abgeschlossenen Räumen vor. Zu klingeln ging nicht an, denn wie sollte er den Leuten plausibel machen, warum der Vater ihn eingesperrt hatte?

Eines Tages hörte er seinen Vater zu einem Nachbar an der Table d'hôte sagen: »Eine Überanstrengung – vererbte Melancholie ... von der Mutter geerbt ...«

Der Fremde blickte zu ihm hinüber – es gab förmlich William einen Ruck. Also darum sahen ihn die Leute immer so mitleidig an und mieden ihn! – Darum behandelten ihn die Kellner so scheu, geradezu ängstlich: man glaubte, er war der Verrückte!

Es war ihm, als ob das Blut in seinen Adern erstarrte, als ob der Tisch, die Aufsätze und Teller plötzlich vor ihm zu tanzen anfingen, während sich die Wände wie ein Karussell vor ihm drehten.

Als sie heraufkamen, setzte er sich wie geistesabwesend vor den Kamin, er hörte und sah nicht; dieser neue Schlag hatte ihn ganz betäubt. Also er war verrückt, melancholisch, scheu, menschenfeindlich, und der Vater war gesund! Gewiß, dieser sprach doch, war geistvoll, wie verjüngt und von einem Hauch von Eleganz und Vornehmheit umgeben ...

Was war wohl natürlicher, als daß man das glaubte? Man mußte es ja glauben ...

Aber er wollte zu einem Arzte gehen, das konnte ja nicht so bleiben ... unmöglich ...

Er stand auf, ohne zu wissen, wie lange er so dagesessen hatte, das Feuer im Kamin war inzwischen erloschen. Sein erster Gedanke war, nach dem Vater zu sehen; er suchte ihn im Schlafzimmer, aber natürlich vergebens, Hög war wie gewöhnlich längst fortgegangen. So setzte er sich wieder an seinen alten Platz und versank aufs neue in seine düstre Grübelei. Es war immer die alte Gedankenreihe, beständig derselbe Gedankenkreis.

Plötzlich fing er an, vor Kälte zu zittern. Die Balkontür stand offen, und der Oktoberabend war ziemlich kalt. Als er die Tür schließen wollte, sah er, daß unten in der Restauration das Licht bereits ausgelöscht war. Im Hof brannten ein paar vereinzelte Gasflammen, die der Wind aufflackern machte. Ein paar Kellner waren damit beschäftigt, die Stühle unterm Glasdach zusammenzustellen.

Es mußte also schon sehr spät sein. Richtig, die Kaminuhr zeigte drei ... Und mit einemmal hatte er ganz die neue Angst vergessen und dachte nur, daß der Vater noch nicht zu Hause war, so lange pflegte er doch selten auszubleiben.

Diese neue Furcht verjagte die andere. Er hatte jetzt nur den einen fürchterlichen Gedanken, was wohl mit dem Vater passiert sein konnte! Auf dem Sofa ganz zusammengekauert sitzend, fiel er aus übergroßer Müdigkeit in einen dumpfen Schlummer, aber seine Gedanken, die zu Träumen geworden waren, jagten in demselben traurigen Kreise immer weiter ...

Durch ein lautes Lachen jäh aus dem Schlaf geschreckt, sah er den Vater, mit einer türkischen Mütze und einem großen, falschen Bart ausstaffiert, vor sich stehen. Wie eine Feder schnellte er von seinem Sitze auf und hielt sich die Hände vors Gesicht, wie um sich zu schützen. »Wer ist da?« rief er entsetzt. Der Vater lachte.

»Mein Maskenkostüm ist doch so einfach,« sagte er, immer weiter lachend, »und doch habe ich dich so erschreckt! Du Narr ... Narr!!«

William sah zu ihm auf; der Anblick schnürte ihm das Herz zusammen. Des Kranken Augen glänzten unheimlich, die Lippen waren durch ein eigentümliches Lächeln verzerrt. Er sprach unaufhörlich, die Worte sprudelten wie ein unaufhaltsamer Strom hervor, stoßweise von Lachen, Ausrufen und Trällern unterbrochen.

Der weiße Schlips hatte sich gelöst; das Oberhemd war zerdrückt, der eine Knopf desselben aufgegangen.

»Das ist vom Tanzen,« sagte er, als er dem Blicke des Sohnes begegnete, »die Damen schwingen einen, daß man ganz wirblig wird.« Er versuchte, das Hemd zuzuknöpfen, aber seine Hände zitterten, und er hatte ganz die Herrschaft über sie verloren.

»Es muß vom Champagner sein,« murmelte er vor sich hin.

William stand wie angenagelt, seine erhobenen Arme fielen schlaff herab, während seine Zähne gegeneinander klapperten und das Fieber ihn schüttelte.

Er starrte einige Augenblicke wie festgebannt auf das Antlitz des Wahnsinnigen, und dann lachte er plötzlich laut und schrill auf: sein Grauen machte sich in einem gellenden Lachkrampfe Luft.

Hög sah ihn erst einen Moment verdutzt an, dann lachte er mit. Einander gegenüberstehend, lachten sie beide, Vater und Sohn, wie zwei Wahnsinnige.

Plötzlich beugte sich Hög nieder und packte ihn mit einem eisernen Griff am Arme: »Du lachst über mich,« flüsterte er drohend, »du lachst über deinen Vater ...«

William versuchte, von Angst geschüttelt, zu protestieren, aber Hög blieb dabei. »Ja,« wiederholte er heiser »du lachst über mich, leugne es nicht, ihr lacht alle, alle ... denn ich bin verrückt – verrückt – verrückt geworden.« Und mit einem plötzlichen Ruck stieß er den Sohn so gewaltsam von sich, daß dieser gegen die Wand taumelte.

Der heftige Schlag weckte William aus seiner Verwirrung zum klaren Bewußtsein seiner Lage; der physische Schmerz gab ihm seine seelische Ruhe wieder. Er überlegte, daß er nun vor allen Dingen sehen mußte, aus dem Zimmer zu kommen, um Hilfe zu holen, und maß mit den Augen den Abstand von der Tür.

Der Wahnsinnige folgte der Richtung seines Blickes und sagte hohnlachend: »Nein, du kommst nicht heraus ... ich habe abgeschlossen ... ja, ja, abgeschlossen.« Und mit einem schadenfrohen Aufleuchten der Augen setzte er hinzu: »Denn du weißt doch, du bist's, der geisteskrank ist ... und man muß vorsichtig sein, sehr vorsichtig ...«

William griff mechanisch nach der Lehne des Sessels, um sich zu stützen. »Ja,« sagte er, nach Fassung ringend, »aber was sollte ich wohl des Nachts draußen wollen? Jetzt ist's Zeit, zu Bett zu gehen, Vater.«

Und den Kranken nicht aus den Augen lassend, zündete er die beiden Lichter auf dem Kamine an.

»Gut' Nacht,« sagte er darauf ganz ruhig, dem Vater den einen Leuchter reichend.

Hög nahm ihn, ohne zu wissen, daß er es tat. »Jetzt müssen wir schreiben,« murmelte er tonlos und starrte geistesabwesend ins Licht, »es eilt, denn man weiß nie, wie lange man seinen Verstand behält ...« Er ging auf seinen Schreibtisch zu, öffnete die Mappe und entnahm ihr ein Manuskript.

»Du mußt schreiben, Junge ... meine Hand zittert etwas ... und so will ich lieber diktieren ...«

William tat ein paar Schritte, wie um sich einen Stuhl zu holen; als er bis an den Kamin gekommen war, sprang er schnell mit einem Satz zur Tür.

Hög wandte sich um und nickte ihm lächelnd zu: »Ja, ja, mein Junge, sie ist verschlossen, und den Klingelzug habe ich abgeschnitten.«

William unterdrückte einen Schrei, und, sich mit übermenschlicher Kraft beherrschend, sagte er mit einem Lächeln: »Du paßt gut auf mich auf, Vater.«

Er setzte sich an den Schreibtisch und öffnete das Manuskript. Die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen, und das Blut sauste förmlich in den Ohren.

»Die Enthüllung des Denkmals« stand da mit großen, geschnörkelten Buchstaben auf dem Titelblatt. William durchschauerte es.

Hög ging mit großen Schritten hinter ihm im Zimmer auf und nieder. »Wo bin ich stehngeblieben?« fragte er.

William wandte die Seiten um und begann vorzulesen. Er hörte kaum seine eigenen Worte und las heiser – die Kehle war ihm wie zugeschnürt – in einem Zuge:

»Denn wenn wir sie alle in Käfige sperrten, diese Tiere, die nur dazu geschaffen sind, uns zu ruinieren, deren ganzes Wesen nur aus Trieben besteht, und diese Triebe nur Verderben und Elend bringen – handelten wir recht« – –

»Richtig, richtig ... da bin ich steh'n geblieben.«

Hög lachte vor sich hin, sprach leise mit sich selbst, und rieb sich die Hände. Dann blieb er vor dem Stuhle des Sohnes stehen und sagte plötzlich: »Es wird dich doch nicht etwa verderben?«

»Ich schreibe ja immer ...«

»Ja gewiß, gewiß. Also dann schreibe ...« William beugte sich über das Papier, der Kopf war ihm schwer wie Blei.

»Denn das Weib ist nichts Besseres wert,« diktierte Hög, »der Mann ist der Herr und kann sie ohne Verantwortlichkeit zugrunde richten ...«

»Hörst du,« sagte er und trat ganz dicht an den Sohn heran, »ohne Verantwortlichkeit. Anders ginge es gar nicht, wir würden sonst zu schwer daran zu tragen haben« ... Dabei lachte er still in sich hinein, während er wieder weiter ging.

Das Lachen schnitt William ins Herz.

»Ohne Verantwortlichkeit,« wiederholte der Wahnsinnige nochmals. »Denn wer sich nicht zum Herren macht, wird Sklave,« diktierte er weiter. »Hörst du das?«

»Wer nicht zugrunde richtet, wird selbst zugrunde gerichtet ... Denn noch nie hat jemand das Tier im Weibe bezwungen.«

Die Kaminuhr schlug vier.

Der Wahnsinnige lachte beständig zu sich selbst, murmelte undeutliche Worte vor sich hin und ging mehrmals im Zimmer auf und nieder. Dann blieb er wieder am Schreibtische neben dem Sohne stehn und sagte heiser:

»Hat man etwa nicht recht, sich zu rächen? ... Na, wiederhole, was du geschrieben hast.«

William wandte das Blatt zurück und las: »Denn wer sich nicht zum Herrn macht, wird Sklave; wer nicht zugrunde richtet, wird selbst zugrunde gerichtet.«

Der Kranke rieb sich vergnügt die Hände. »Ein Evangelium,« sagte er. »Ein schönes Evangelium!«

William ließ verzweifelt die Feder sinken. »Ich bin so müde, Vater ...«

»Siehst du,« sagte dieser wieder, ohne auf den Sohn zu hören, »so etwas ist gut zu wissen und gut, sich immer daran zu erinnern ... so bleibt man ruhig, was auch vorfallen mag.« Er hob die Arme, ließ sie wieder fallen und stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Deine Mutter war besser,« sagte er plötzlich in einem neuen Gedankengange, »sie liebte einen andern, weiß du ... ihren Vetter ...«

William wandte sich um und sah in namenlosem Entsetzen den Vater an.

»Vater!« schrie er, »Vater!« und streckte wie abwehrend die Arme gegen ihn aus. »Sag' mir das nicht!« Die Worte klangen jedes einzelne wie ein abgebrochener Schrei.

»Aber sie kam zu mir und hat es mir gesagt, weiß du ... und bat mich, daß wir fortreisen möchten, damit der Kampf mit ihrer Leidenschaft ihr leichter würde ...«

William seufzte tief auf. Es ging ein Lächeln über sein Gesicht, und mit von Tränen verschleierter Stimme – das Weinen stieg ihm im Halse auf – flüsterte er: »O, Dank, Dank!« Er taumelte und hielt sich am Stuhlrücken fest, der Kranke schlang seine Arme um den Sohn und beugte sich zu ihm nieder.

»Sie ist eine Heilige geworden,« flüsterte er ihm geheimnisvoll leise ins Ohr. »Ich habe oft mit ihr in letzter Zeit gesprochen, sie weinte und jammerte über uns, denn ihre Gebete konnten uns nichts helfen, sagte sie ...«

William schauderte unter des Vater« Umarmung. »Ja,« sagte er, »sie ist eine Heilige.« Ein paar Augenblicke war es ganz still im Zimmer.

Da plötzlich riß der Wahnsinnige William mit einem gewaltsamen Ruck zu Boden und zwang ihn neben sich auf die Knie nieder. »Wir wollen zu ihr beten ... Bete,« rief er mit heiser röchelnder Stimme, »bete«, und das Haupt tief zu Boden geneigt, murmelte er halblaut einige fürchterliche Gebete: eine grausige Mischung von fanatischer Anbetung und schrecklichen Verwünschungen.

William lag auf den Knien. Am ganzen Körper zitternd, murmelte er etwas vor sich hin; er wagte sich kaum zu rühren.

»Bete,« schrie der Wahnsinnige wieder, »bete laut!« Er hob den Kopf in die Höhe und wandte das Gesicht dem Sohne zu. Es war ganz rot, die Züge verzerrt und die Augen gläsern, als ob eine Haut über den weit heraustretenden Augäpfeln lag. »Leg' dich nieder,« schrie er wieder, »in den Staub mit dir. Hochmütiger!« Plötzlich sprang er mit einem Satze auf und stand mit ausgestreckten Armen, in seiner vollen Größe aufgerichtet, vor dem Sohne, der leise schluchzend sein Gesicht im Teppich verbarg.

»Mich sollst du anbeten,« schrie er noch lauter, »mich, den heiligen Markus! ... Bete, bete ... sonst kommst du nie in die Gesellschaft der Seligen.«

William lag ganz still, seine Glieder waren ihm schwer wie Blei, und es kam ihm vor, als würde er kaum die Kraft haben, aufstehen zu können. Des Vaters Worte klangen ihm wie Donnergetöse in den Ohren.

»Hörst du,« fuhr der Wahnsinnige, jetzt in einem Predigertone, fort, »das ist mein Evangelium: Wer nicht zugrunde richtet, wird zugrunde gerichtet! ... also spricht der heilige Markus zu seiner Gemeinde.«

Und so ging es immer weiter, unaufhörlich, dazwischen mit Bibelzitaten. William hörte überhaupt nicht mehr, verstand nichts mehr; auf dem Boden ausgestreckt liegend, biß er in fast sinnloser Verzweiflung in den Teppich.

»Denn ihre Unersättlichkeit ruiniert die Welt, und das Leben ist ein stinkender Kirchhof, wo die Prostitution auf den Gräbern herumtrampelt. Aber wehe ihnen, wehe! Der heilige Markus verkündet ihnen den Feuertod und Untergang ...«

Hier ging des Vaters Schreien plötzlich in ein krampfartiges Röcheln über, als ob er mit dem Ersticken kämpfte.

William wurde ganz starr vor Schreck; er konnte kaum den Kopf heben.

Hög stand, mit den Armen in der Luft fechtend, an die Wand gelehnt und starrte mit stieren Augen vor sich hin.

Mit einem förmlichen Schreckensgeheul sprang William auf. Die Todesangst gab ihm neue Kräfte. Der Wahnsinnige focht noch einige Sekunden mit den Armen herum; dann taumelte er, und mit den vorgestreckten, krampfartig geballten Händen vergeblich nach einer Stütze suchend, stürzte er vornüber in einem schweren Fall zu Boden.

William rüttelte gewaltsam an der Tür, dann kam es ihm plötzlich vor, als ob der Vater so merkwürdig ruhig dalag. Er stürzte hin und warf sich neben ihm nieder.

»Vater,« rief er, »Vater!« Er faßte den Kopf an, befühlte das Haar, nahm seine Hand, hob dann den Arm in die Höhe und ließ ihn mit einem Schrei wieder los.

Hög war tot. – –

Das grausige Ereignis wurde schnell im Hotel bekannt, und bald danach war es, als ob sich ein unheimliches Schweigen vom Zimmer des Toten über die langen Korridore schlich, treppauf, treppab, über den Hof, die Gänge und erdrückend auf dem ganzen Hause lagerte. Es glitt wie ein Schatten über die Säle des Restaurants und teilte sich den Gästen mit, deren Lächeln in dieses Todes Nähe auf den Lippen erstarb.

Es war, als ob die ganze große Maschinerie bei diesem kalten Schweigen schwerer arbeitete. Die Glocke des Portiers klang wie eine Totenglocke; die Kellner stürzten scheu mit Leichenbittermienen über den Hof. Überall im Hause wurde das Sprechen zum Flüstern, und jedes Lachen erfror und starb dahin. Der Knochenmann war zu einem Polypen geworden, der das ganze Gebäude mit seinen unheimlichen Armen umfaßte.

Einige geräuschvoll auftretende Amerikanerinnen reisten gleich mit dem nächsten Zuge ab.

Übrigens machte der Wirt bald kurzen Prozeß. Um halb zehn Uhr morgens machte er bei William mit weißem Schlips und schwarzen Handschuhen seine Aufwartung, um seine Teilnahme zu bezeugen, ihn aber gleichzeitig höflich die Treppe hinunterzuwerfen.

William unterbrach seinen Wortschwall und sagte: »Der Arzt hat es übernommen, den Sarg zu besorgen. Ich werde heut abend reisen können.«

Die Stirn des Hotelbesitzers klärte sich auf, und während er auf die Tür zuging, ertränkte er seine Zufriedenheit in einem Strome teilnehmender Redensarten und Versicherungen. –

Auf der ganzen Reise war William in dumpfe Apathie versunken, und er kam erst aus dieser Stumpfheit zu sich, als der Zug zwei Tage später sehr früh am Morgen auf dem Perron von Randers einfuhr.

Bei der Laterne standen Nina und Sophie, ganz in Schwarz, und suchten den Bruder an einem der Coupéfenster zu erspähen. Es lag etwas ganz eigentümlich Verfrorenes und Hilfloses über ihnen, wie sie so mutterseelenallein auf dem Perron standen, fröstelnd in ihre großen, schwarzen Schals gewickelt. William schnürte es das Herz zusammen. Sie sahen so bleich im Lichtschein der Laterne aus, und sie standen so dicht beieinander, als ob die eine der andern in ihrer gemeinsamen Hilflosigkeit beistehen wollte. Da erblickten sie den Bruder und eilten ihm entgegen. Nina schlang ihre Arme um seinen Hals, und Sophie klammerte sich an seine Hand.

»Es ist eine schwere Zeit gewesen,« sagte Nina und küßte ihn unter Tränen.

Nun kamen bewegte Tage für die Geschwister: das Begräbnis, die gerichtlichen Formalitäten, das Ordnen einer Menge Sachen, die Högs Tod in eine traurige Verwirrung gebracht hatte, die Auktion – kurz, alle jene Ereignisse, welche die großen Abschnitte von Lebensperioden und Umwälzungen der Verhältnisse nach sich zu ziehen pflegen.

Wie es ja auch natürlich war, wandte man sich hauptsächlich an William; wenn auch noch jung, so war er doch ungewöhnlich vernünftig und reif für sein Alter, und dann war er ja doch der Sohn!

Einen Tag nach dem Begräbnisse saß William allein in Vaters Zimmer – Nina und Sophie waren ausgegangen – und ordnete die hinterlassenen Briefschaften. Alle Schreibtischschubladen standen offen, und er kramte eifrig in den Papieren herum.

Das meiste opferte er den Flammen, nur die Briefe des Ministers und der Mutter wurden geschont. Er sah aufmerksam zu, wie das weiße Papier sich im Feuer zusammenkrümmte, verkohlte und zu Asche zerfiel – und es kam eine eigene apathische milde Traurigkeit über ihn während dieser Arbeit. Manchmal fiel er ganz in Gedanken; mit einem Briefbündel in der Hand saß er lange in sich versunken da; dann raffte er sich wieder auf und warf das Paket ins Feuer.

Und während er so dasaß und langsam nach und nach ein Stück eines vollendeten Lebenslaufes nach dem andern begrub, war es ihm plötzlich, als ob dieses Leben sich merkwürdig weit von ihm entfernte, in unbekannte Fernen hinausglitt und sich zuletzt in einem Nebelschleier verlor, wo er nichts mehr davon festhalten und erkennen konnte ... Und es lag ihm auch nichts daran, dieses entschwindende Leben festzuhalten ...

Ein Geräusch schreckte ihn aus seinem Brüten auf: der Diener kam und meldete, daß Rechtsanwalt Lund da war und den jungen Herrn zu sprechen wünschte.

Herr Lund war ein Freund von Dr. Berg und hatte auf Wunsch der beiden Brüder des Verstorbenen die Regulierung des Nachlasses übernommen.

William erhob sich und bat den Rechtsanwalt, Platz zu nehmen.

»Ihre Herren Onkel haben mich mit dem Ordnen des Nachlasses betraut,« sagte Herr Lund, indem er sich – die Hände über seiner Seidenweste, die über einem ziemlichen Embonpoint erglänzte, faltend – bequem zurücklehnte. »Wissen Sie vielleicht Bescheid, wie es mit Ihres Vaters pekuniären Verhältnissen stand?«

»Ganz und gar nicht ... Vater sprach nie mit uns über so etwas ...« »Das kann ich mir denken.« Und sich mit seiner fleischigen Hand seinen rötlichen Vollbart streichend, setzte er langsam hinzu: »Ja, viel ist nicht da!«

William schwieg und spielte mechanisch mit einem Papiermesser.

»Die letzten Jahre haben viel gekostet,« fuhr der Sachverwalter fort, sich fester in den Sessel setzend, »und großes Vermögen ist ja nie dagewesen ...«

»Ja, es ist ja natürlich viel verbraucht worden,« sagte William gedankenvoll.

»Zu viel,« entfuhr es Lund. Und mit einem raschen Entschluß, da das Eis nun doch gebrochen war, setzte er hinzu: »Grad' herausgesagt, es ist gar nichts geblieben.«

Williams Händen entfiel das Papiermesser, und er bückte sich, um es aufzuheben. Er blieb in gebeugter Stellung sitzen.

»Ihre Schwestern sind ja in der Stiftung eingekauft ... Sie sind leider nicht ... so gut gestellt.«

William sah wieder auf. »Nein,« sagte er leise, es wurde ihm so eigentümlich kalt ums Herz.

»Aber es kann natürlich etwas aus einem werden, selbst wenn man arm ist.«

»Arm« – das Wort traf William, als ob er einen schweren Schlag in den Nacken bekam: »Ja, glücklicherweise,« es kam ganz tonlos heraus. »Gut, daß sie die Stiftung haben,« fügte er hinzu.

»Und für Sie wollen vorläufig Ihre Onkel sorgen ...«

»Ja, ich kann mir's denken,« sagte William ganz mechanisch, der Mann hätte ebensogut chaldäisch zu ihm sprechen können. Er schleppte sich mehr, als er ging, zum Kachelofen und wärmte sich die Hände, die kalt wie Eis geworden waren.

Lund seufzte erleichtert auf. Er war froh, daß der Junge es so ruhig nahm.

»Ihre Schwestern, haben wir gedacht, auf einem Pfarrhof unterzubringen.«

»Meinen Schwestern wird es doch nicht an dem Nötigen fehlen?«

»Gott bewahre, und die Rente steigt ja beständig ... Und für Sie dachten wir ... daß Sie es ganz angenehm in Sorö haben würden ... Da ist es auch billig, und Sie würden da bald einen Freiplatz bekommen können ...«

»Ja, dort ist es ganz angenehm ...« William sagte das wie ein Mensch, der aus dem Schlafe spricht. Aber plötzlich hob er den Kopf und versetzte in einem ganz anderen Tone: »In Sorö – das ist mein heißester Wunsch.« Die alte Kirche war ihm eingefallen.

Nein, William wußte nicht, was Armut war, aber er lernte es bald. Langsam, aber sicher kam ihm die Erkenntnis, was es sagen wollte, arm zu sein, und dieses Bewußtsein legte sich wie ein kalter, feuchter Nebel um sein Denken. Ihre Ölgemälde wurden verkauft; Johann mußte zum Ersten ziehn; das Essen zu Haus wurde äußerst bescheiden, und seine für die Reise nötige Equipierung ließ man bei einem ganz billigen Schneider machen.

William kam es vor, als wenn ihr Leben ganz und gar von jedem Reiz entkleidet wurde und ihm so öde und nackt entgegenstarrte wie die Wände in ihren Zimmern, von denen man alle Bilder heruntergenommen hatte.

Er fühlte die Armut wie eine Leere, und er wog mit Bitterkeit Stück für Stück, dessen sie ihn beraubte.

Aber auf der andern Seite verstärkte die wachsende Gewißheit, daß sie arm waren, und das Verständnis dessen, was das hieß, jenes Gefühl in ihm, dessen erste Ahnung ihn am Morgen ergriffen hatte, als er mit des Vaters Leiche in Randers anlangte und die Schwestern so verlassen auf dem Perron stehn sah. Der starke Eindruck, den ihre Schwäche und Hilflosigkeit damals auf ihn gemacht, war ihm geblieben und hatte in ihm ein leidenschaftliches Verlangen, zu stützen und zu helfen, wachgerufen. Er sah, daß es für ihn jetzt Pflicht war, stark zu sein, um die neue Aufgabe, die er sich gestellt, ausführen zu können.

Die sonst so tapfere Nina war wirklich im Augenblick ganz gebrochen. Das Verlassen ihres alten Heims, die Trennung von allem, was ihr ganzes, mit ihren Lieben gemeinsames Leben bedeutete, nach all dem schrecklichen Vorangegangenen ging nun über ihre Kräfte und drückte sie ganz zu Boden.

Zum zweiten Male der Wirklichkeit von Angesicht zu Angesicht gegenübergestellt, sah sie William diesmal auf eine ganz andre Weise: Die Wirklichkeit erschien ihm jetzt als ein etwas, mit dem man kämpfen mußte ... So rückte die Abreise immer näher heran.

Den letzten Tag waren die drei Geschwister in der Dämmerstunde zusammen auf dem Kirchhof gewesen, und jetzt saßen sie zum letzten Male vor der Trennung beieinander in Mutters Kabinett um den kleinen Tisch in der Ecke, »Mutters Tisch«. Nina konnte vor Bewegung kein Wort herausbringen. Ihren Tee hatten sie schon getrunken, und nun saßen sie alle drei schweigend da, während die Bratäpfel in der Röhre des Kachelofens summten.

Ab und zu sagte einer von ihnen ein paar Worte, ein andrer antwortete – alles in einem so eigen gedämpften, fast feierlichen Tone. Dann herrschte wieder Schweigen.

»Wann wir uns auch wiedersehen werden,« sagte Nina traurig.

»Im Sommer,« antwortete William. Und Sophie zählte an den Fingern ab, wie viele Monate noch bis dahin waren.

»Fast sieben Monate,« rief sie aus.

»Die vergehen rasch,« meinte William, um die andern zu trösten, ihm selbst aber kam es vor, als ob dies eine lange, lange Zeit war, die er gar nicht zu Ende denken konnte. »Das ist ja nicht so schlimm!«

»Aber geht's denn nicht zu Weihnachten?« fragte Nina.

»Nein, mein Herz, dazu haben wir – kein Geld.«

Und jeder versank wieder in seine Gedanken –

»Ich habe dies Jahr nichts in meiner Sparbüchse,« unterbrach Sophie das Schweigen, »werden wir denn nicht Pastors etwas zu Weihnachten schenken müssen?«

»Ich weiß nicht,« sagte Nina und darauf mit leiserer Stimme, das Weinen saß ihr in der Kehle: »Wenn wir nichts haben, so ...«

Sophie stand auf, setzte sich in die dunkle Ecke beim Ofen, und bald darauf hörte man sie in ihr Taschentuch schluchzen.

»Du könntest etwas spielen, Nina, oder eines von Mutters Liedern singen,« sagte William.

Nina schritt aufs Klavier zu, und William ging nach der Ofenecke zu Sophie. Dort ließ er sich auf einem kleinen Schemel nieder, nahm die Kleine auf den Schoß und hörte mit geschlossenen Augen zu.

Eine Weile hatte Nina, die Ellenbogen auf die Tasten gestützt, den Kopf in den Händen, sinnend dagesessen, dann präludierte sie und sang:

Der Vogel sitzt ruhig auf seinem Ast
Und schließt die Augen zum Schlummer,
Er träumt, indes der Sturm um ihn rast,
Das macht ihm keinen Kummer.

»Mag der Sturm entwurzeln die Bäume!
Mag kentern er Schiff und Kahn!
Der lichten Küste der Träume
Vermag er doch nicht zu nahn!«

Beim ersten Verse hatte sie ihre Bewegung tapfer verhalten, beim zweiten aber schlug ihre Stimme um, und die letzten Töne kamen nur noch wie ein schwaches Flüstern heraus. Einige Augenblicke sprach keiner von ihnen ein Wort, man hörte nur das leise unterdrückte Schluchzen der drei Geschwister. William stand auf und ging zu Nina hin; ihr das Taschentuch vom Gesichte nehmend, küßte er sie innig. Sophie kniete neben der Schwester nieder und legte ihren Kopf in deren Schoß. So saßen sie lange.

»Es ist so schwer, so schwer,« sagte Nina leise. »Morgen haben wir kein Heim mehr.«

Unwillkürlich drückte Sophie ihren Kopf fester in der Schwester Schoß, als wollte sie Schutz suchen. William streichelte ihr tröstend die Hand.

»Nein ...« Er fand keine Worte weiter und schwieg.

Den nächsten Tag reiste er ab. Nina und Sophie standen mit verweinten Augen auf dem Perron, während er sich aus dem Fenster beugte und ihnen zunickte.

Noch eine Weile sah William Ninas hohe, schwarzgekleidete Gestalt, ihr langer Schleier flatterte im Winde.

Da machte der Zug eine Wendung, und sie war seinen Blicken entschwunden. Und wie er so, in eine Ecke gedrückt, auf der harten Holzbank der III. Klasse, die Hände in den Taschen, den Kragen aufgeschlagen, fröstelnd dasaß, fühlte er, daß er nun allein in die weite Welt hinausgehn und kämpfen mußte.

Er war sechzehn Jahr.


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