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Erstes Buch

 

Prolog

Es war eins der ältesten Geschlechter im Lande. Die Stammtafel erzählte, daß sie einst Lehnsgüter auf Fünen und Seeland besaßen, aber das war gar lange her, und in den letzten Jahrhunderten war es mit der Größe abwärts gegangen. Die Familie lebte unbemerkt, einige trieben Handel, andre ein Handwerk; es gab auch studierte Leute darunter, denn das Geschlecht war sehr ausgebreitet, aber keine hervorragenden Individualitäten, alles mittelmäßige brave Leute. Die meisten darunter hatten wohl auch ihren großen Stammbaum ganz vergessen.

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts kam ein Zweig des Geschlechts wieder zu Ansehn. Unter den Männern dieser Linie zeichneten sich mehrere als Juristen aus; einige schwangen sich sogar zu den höchsten Stellungen des Landes auf, hohe Titel und Orden von aller Herren Länder wurden wieder Attribute des alten Namens. Es waren strenge willensstarke Männer, die tüchtig arbeiteten und immer wußten, was sie wollten. Ihre glänzende Karriere verdankten sie ihrem eisernen Fleiße und ihren guten Köpfen.

Aber neben ihrer außerordentlichen Tüchtigkeit und ihrem unermüdlichen Arbeitseifer war dem ganzen Geschlecht ein gewisser Hang zum Exzentrischen, zur Übertreibung eigen, der sich auf verschiedentliche Weise kundgab.

Der Stammvater des zu neuem Ansehn gelangten Zweiges war ein eifriger Pietist; er schrieb Andachtsbücher und züchtigte seinen Körper mit jeglicher Art Pönitenz. Seine Gattin war leichtsinnig und launenhaft; sie gab sehr gern und bestahl ihren Mann, um diese Neigung zu befriedigen. Mitunter während der Hausandacht lachte sie wie ein Kobold zu ihren Kindern hinüber und bewarf die Diener mit Papierkugeln. Sie schrieb auch Verse, die von Hirten und schönen Schäferinnen mit ziemlich leichten Sitten handelten. In allem, was sie tat, war sie äußerst heftig und leidenschaftlich.

Ihre Tochter schien ihnen viel Sorge gemacht zu haben. Wie es sich eigentlich verhielt, ist jetzt nicht mehr möglich festzustellen. Doch so viel ist sicher, daß die junge Dame eine leichte Fliege war, wie man das so nennt. Von einem adligen Offizier verführt, wurde sie vom Vater verstoßen, von der Mutter unterstützt – sie hatten sich inzwischen geheiratet – bis sie im Dunkel verschwand.

Der Sohn schlug nach dem Vater. Er besaß dessen eisernen Fleiß, seine Begabung und den klaren Blick. Doch da er einer jüngeren Zeit angehörte, war sein Gesichtskreis ein weiterer. Von der Mutter hatte er deren unruhige Natur geerbt; er mußte immer bis über Hals und Kopf in Arbeit stecken, jagte von einer Beschäftigung zur andern. So schrieb er in seinen Mußestunden Verse; und trotzdem ein Minister unter Christian VIII. ziemlich viel zu tun hatte, fabrizierte er deren eine solche Menge, daß er ganze Schubladen damit anfüllte. Gut waren sie nicht. Es hatte sich auch der Mutter Neigung zum Geben und ihre Heftigkeit auf ihn vererbt. Übrigens war er ein eitler Mann, der es liebte, gesehen und genannt zu werden.

Das Familienwappen wurde auf alle Wagenkissen, und wo es sich überhaupt nur anbringen ließ, gestickt. Er ließ in die Stammtafel Ordnung bringen und wollte seine Familie durch Verbindungen mit dem Hofadel heben. In diesen Bestrebungen wurde er von seiner Gattin unterstützt. Er hatte sie spät als angesehener Mann geheiratet, und die Leute fragten sich, ob das schöne Mädchen ihn wohl um seiner selbst willen oder seines Namens und der Stellung halber genommen hatte. Nichtsdestoweniger wurde die Ehe recht glücklich; er schmückte ihr Heim mit einem damals noch fast ungekannten Luxus und überschüttete seine Frau geradezu mit seidenen Kleidern, Schmucksachen und Versen. Das war seine größte Freude. Alles dies brachte sie nicht aus dem Gleichgewicht; nur suchte sie ihm ab und zu einen Dämpfer aufzusetzen. Sie lebte in der Hoffnung einer glänzenden Zukunft für ihre Kinder und fürchtete nur, daß ihres Mannes Exzentrizität alles verderben könnte.

Von ihren Kindern war Ludwig, der älteste Sohn, des Vaters ausgesprochener Liebling. Er hatte glänzende Gaben und jene Eleganz, die alte, vererbte Vornehmheit verleiht. Aber es zeigte sich schon früh, daß es mit ihm wie mit den meisten Söhnen großer Männer ging, in denen sich die ganze Kraft des Geschlechts verausgabt zu haben scheint: er war schwächlich, nervös und schon ganz jung tief melancholisch. Man war bei ihm augenscheinlich zu einem neuen Stadium in der Familiengeschichte gekommen.

Die Kraft war fort, das Gehirn weniger stark; der Hang zum Exzentrischen bekam die Oberhand.

Ludwig reiste viel, nahm zu Hause an allem teil, was vornehmer Müßiggang sich nur ausdenkt, machte Schulden, die der Minister ohne Murren bezahlte und war zeitig auf die verschiedenartigste Weise ruiniert. Er wurde beständig nervöser, seine Schwermut nahm beunruhigend zu, und die Heiterkeit, welche diese von Zeit zu Zeit ablöste, war forciert. Man begann sich zu fragen, was aus Ludwig Hög eigentlich werden sollte, und beklagte den armen Vater.

Eines Tages im Spätherbst ließ Seine Exzellenz den Sohn zu sich ins Arbeitszimmer kommen, und man hörte die beiden sehr lange und laut miteinander sprechen; des Vaters Stimme schrie mitunter ganz heiser auf, und zuletzt ertönte ein lautes Schluchzen.

Den ganzen Winter hindurch studierte darauf Ludwig wie ein Verrückter, schlief des Nachts nur drei Stunden, hielt sich durch Trinken von starkem Kaffee wach und dadurch, daß er die Füße in Eiswasser steckte. Es war etwas von dem seinem Geschlechte eigenen Arbeitseifer in ihm, aber die physische Kraft fehlte. Dieser plötzliche, übertriebene Fleiß richtete ihn vollends zugrunde. Seine Gesundheit, die nie besonders gut gewesen, war nun unwiederbringlich dahin. Mittlerweile bestand er zur Sommerzeit sein Examen ausgezeichnet, und der Minister war zufrieden. Nun sollte er eine Erholungstour machen, und wenn er zurückkam, konnte man dann etwas für ihn tun. So reiste Ludwig nach Paris.

Außer ihm waren noch zwei Söhne. Der eine recht begabt, der andre weniger; er wurde Landwirt.

Die Schlappheit des Geschlechts wurde noch durch gewisse Eigentümlichkeiten verstärkt, die in der Zeit und in den Verhältnissen des Landes lagen.

Ludwigs Jugend fiel in den Schluß der ästhetischen Periode Dänemarks: die große Arbeit war getan, die großen Werke geschrieben, nun konnte man auf den Lorbeeren ruhn, sich behaglich in Hegelscher Phantasterei und rührseliger Empfindsamkeit wiegen. Dagegen begann der Sinn für Politik zu erwachen ... man sprach von Freiheit, von Gleichheit, von Tyrannei; diese Phrasen nannte man Politik. Vaterland, Freiheit, Verfassung, all das waren die Ideale der Zeit. Es war so leicht, sich damit zu beschäftigen, weil Ideen stumpfe Waffen sind, mit denen selbst Kinder spielen können; die Wirklichkeit ist gefährlicher.

So kam 48, das Jahr der Handlungen. Im Volke selbst steckte Kraft hinter den Worten; das sah man, als es galt, sich zusammenzunehmen.

Ludwig ging als Freiwilliger mit. Seine Begeisterung loderte in heller Flamme auf, und so zog er von dannen. Drei Tage hindurch hätte er gewiß gern sein Leben für sein Vaterland hingegeben, aber die Tage wurden zu Wochen, die Wochen zu Monaten, bevor er Pulver zu riechen bekam. So kühlte sich seine Begeisterung ab; wohl war er bereit gewesen, zu sterben, ohne zu klagen, aber nicht die monatelangen Strapazen langweiligen Exerzierens auszuhalten. Er wurde krank und reiste heim.

So vergingen ein paar Jahre. Der Minister nahm seinen Abschied und wurde Oberpräsident. Ludwig hatte keine Lust, sich um ein Amt zu bewerben, er war ewig auf Badereisen, trieb sich ruhelos Sommer und Winter in ganz Europa herum. Der Vater wartete geduldig. Der zweitälteste Sohn war mittlerweile in einer kleinen Stadt Bürgermeister geworden, der jüngste hatte ein Gut zum bewirtschaften bekommen, wobei beständig Geld zugesetzt wurde.

Im Anfang der 50er Jahre beschloß Ludwig, einen Sommer zu Haus zu bleiben und bei seinem Bruder, dem Bürgermeister in Skelskör, zu wohnen.

Aber er langweilte sich in der kleinen Stadt. Die Gesellschaft in dem Provinznest genügte ihm nicht, und Arbeit, die seine Zeit hätte ausfüllen können, hatte er nicht. Unter diesen Umständen benützte er seine freien Stunden dazu, sich zu verlieben. Der Gegenstand seiner Verehrung war eine sehr lebhafte, sehr schöne und sehr junge Dame aus der Umgegend. Sie hatten einander auf Morgenspaziergängen im Walde getroffen, aber nur wenig zusammen gesprochen. Stella war 18 Jahr, recht unerfahren und verhätschelt. Der 35jährige Hög war der eleganteste Mann, dem sie bisher begegnet war; seine dichterische Begabung reichte gerade aus, um seiner Liebe mit seinen formvollendeten Versen einen glänzenden Rahmen zu geben, und seine Vergangenheit war unklar genug, um mit der Macht des Geheimnisvollen zu locken und zu reizen.

Als er Stella bat, sein Weib zu werden, sagte sie »Ja.«

Es wurde sehr viel über diese Heirat geredet. Die meisten betrachteten diese Verbindung als eine Mesalliance und bedauerten Seine Exzellenz, daß er keine richtige Freude an seinen Kindern erlebte. Einige andere wieder bedauerten Stella: er war so viel älter als sie, hatte sehr gelebt und gewiß nicht mehr viel auf dem Altar der Ehe zu opfern übrig; und sie war so jung und frisch. Aber sie kam ja in eine vornehme Familie!

Der kluge, alte Arzt in Skelskör war sehr unzufrieden. »Das ist eine dreckige Geschichte,« sagte er am L'hombretisch bei Pastors. »Eine dreckige Geschichte ... Leute wie Hög dürften überhaupt nicht heiraten. Die Linie ist fertig, die Kraft verbraucht ... Dieser hat Anlage zur Melancholie, die andern sind Dummköpfe, sowohl der Bürgermeister wie der Gutsbesitzer ... Ja, 's ist kein Spaß für das arme Ding ... Und wenn er nun schon mal partout heiraten wollte, so hätte er sich ein Bauernmädel nehmen sollen, da wäre gesundes, dickes Blut in die Familie gekommen.« – Die andern lachten. – »Ja, das ist meine Meinung ... es ist geradezu Sünde um Stella ... Sie hätte einen Kraftkerl bekommen müssen ... Denn es ist Disposition zur Schwindsucht in ihrer Familie ... Und das wird eine schlimme Geschichte, wenn die Gebrechen zusammenkommen ... Aber hoffentlich bekommt der Kavalier da keine Kinder, so daß es der letzte Akt bleibt ... Sonst Gnade Gott den armen Sprößlingen!«

Seine Exzellenz empfing die Braut seines Sohnes mit tadelloser Würde; seine Frau konnte sich weniger beherrschen. Sie suchte auf Ludwig einzuwirken, aber er ließ sich nichts sagen. Im Herbst bekam er eine Anstellung, und im November war die Hochzeit.

 

Bei Ehen, die nach kurzer Bekanntschaft geschlossen werden, ist man immer leicht in der Lage, einen Irrtum begangen zu haben. Als Stella Frau Hög wurde, wußte sie vielleicht selbst nicht recht, was sie tat, und so war es bald dies, bald jenes, was sie vermißte: mehr Glut, eine stärkere Hingabe, möglicherweise auch mehr Kraft. Aber sie war nicht nur sehr jung, sondern auch sehr jugendlich unerfahren, wußte sehr wenig von der Welt und noch weniger von der Liebe. Im Anfang glaubte sie, daß alles wohl so war, wie es sein mußte, und als sie nach und nach langsam entdeckte, daß dies nicht der Fall, war der gegenwärtige Zustand ihr schon zur Gewohnheit geworden.

Ludwig meinte, daß er sich mit einem Kinde verheiratet hatte. Er gab ihr alles, was er zu geben hatte, aber es waren nur Überreste. Es ging mehr und mehr vor ihm selbst auf, daß seine Gesundheit untergraben und sein Leben in seinen Wurzeln angenagt war. Dies machte ihn sehr schwermütig, und wenn er dazwischen heitere Stunden hatte, äußerte sich seine gute Laune durch beißende Sarkasmen, die andre verletzten. Stella und er waren so verschieden wie Tag und Nacht.

In den ersten Jahren ihrer Ehe spielte Stella noch mit Puppen, oder sie führte Theaterstücke vor Hög auf. Wenn er ausging, weinte sie, und im Dunkeln fürchtete sie sich, allein zu bleiben. Sie hatte eine sehr lebhafte Phantasie und liebte es, sich mit Blumen und Schleiern aufzuputzen. Stundenlang konnte sie am Klavier sitzen und »Opern«, wie sie es nannte, spielen. Es war dies ein Durcheinander verschiedener Melodien, zu denen sie während des Spielens einen Text improvisierte.

Auch machte es ihr großes Vergnügen, laut vorzulesen. Sie bat oft ihren Mann, doch mit ihr zusammen Dramen zu lesen, und wenn er einwilligte, saßen sie bis in die halbe Nacht hinein und lasen mit verteilten Rollen. Sie hatte eine herrliche Stimme, und manchmal brach Hög ganz berauscht und entzückt in Lobsprüche aus. Sie lachte dann und sagte: Ja, ich bin nicht dazu geboren, Beamtenfrau zu sein!

So lebten sie im Anfang. Doch nach und nach, als Stella älter wurde, sah sie langsam, aber sicher ein, daß ihre Ehe eine ungleiche Verbindung war, daß er alt und sie jung war, und daß das, was ihr Mann ihr gab, und womit sie sich begnügen mußte, wohl eigentlich nicht mehr als eine apathische, ab und zu durch einen kurzen, fieberhaften Anfall von Verliebtheit gewürzte Freundschaft war. Aber sie ließ den Mut nicht sinken. Sie war der gesellschaftliche Mittelpunkt der Gegend und im Umkreise mehrerer Meilen bei jeder Zusammenkunft unentbehrlich.

Sie war nun mittlerweile 22 Jahr geworden. Drei Jahre waren sie nun verheiratet, und es schien, als ob der alte Arzt in Skelskör recht behalten sollte.

Da auf einmal verliebte sich Stella. Der Gegenstand ihrer Liebe war der Freund ihres einzigen Bruders und mit ihr ungefähr gleichaltrig.

Was da alles vorging, weiß kein Mensch; genug, eines schönen Tages reiste Ludwig Hög mit seiner jungen Frau ins Ausland.

Man tuschelte in der Gegend über diese Reise, die so Hals über Kopf angetreten wurde, dann aber hatte man wieder über anderes zu sprechen und vergaß dieses.

Nach ihrer Rückkehr machte Stella weniger mit als früher; ihre Gesundheit war daran schuld. Sie hustete, und der Arzt fürchtete, daß ihre Brust angegriffen war.

Ein Jahr darauf wurde sie Mutter. Das Kind ward nach Ihrer Exzellenz, die sie über die Taufe hielt, Nina genannt. Stella war sehr glücklich. Sie spielte mit dem Kinde wie mit einer Puppe und stillte es selbst.

Hög kümmerte sich nicht viel um das Kind. Er litt in der letzten Zeit beständig an Kopfschmerzen und Neuralgie, und des Nachts hatte er mitunter Halluzinationen. Stella suchte sein Leiden mit heimlichem Grauen vor der Welt zu verbergen.

Zwei Jahre darauf wurde sie wieder guter Hoffnung. Sie war sehr merkwürdig während dieser Schwangerschaft, vertrug es kaum, ihren Mann zu sehen, wollte wochenlang keinen Besuch annehmen und schloß sich in einem dunklen Zimmer ein, wo sie die Tage ohne jede Beschäftigung auf einem Schaukelstuhl in dumpfem Brüten verbrachte. Dann wieder kam eine Periode, wo sie gar nicht genug mitmachen konnte; sie fuhr von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Ball zu Ball.

Im fünften Monat ihrer Schwangerschaft arrangierte sie eine dramatische Abendunterhaltung, und im siebenten mußte ihr der Arzt das Tanzen verbieten.

Die Geburt des Kindes war sehr schwer und dauerte 24 Stunden; der Doktor behauptete, daß sie sich während ihres schwangeren Zustandes zu sehr geschnürt hatte.

Als der Junge endlich zur Welt kam, wog er nur fünf Pfund und wurde gleich in Baumwolle gewickelt. Der Hebamme schien es, daß er blind war. Den dritten Tag glaubten sie schon, daß es mit ihm zu Ende ging; er wurde schnell vom Hausarzt in Eiswasser getaucht und kam wieder ins Leben zurück.

Stella lag lange krank.

Gleich vom ersten Tage an hatte sie den Jungen mit einer fast fieberhaften Zärtlichkeit umfaßt. Bei der Taufe bekam er ihren Lieblingsnamen William.

Die Zeit verging, und drei Jahre darauf kam Stella mit einer Tochter nieder. Sie wurde Sophie getauft.

Dasselbe Jahr im Herbst segnete der Minister als Ritter des Elephantenordens das Zeitliche. Stark wie er gelebt, starb er auch.

Einige Monate darauf wurde Ludwig Hög versetzt, er war zum Oberbürgermeister in Randers ernannt worden.

Stella war darüber ganz verzweifelt. Den letzten Abend vor ihrer Abreise ging sie mit Nina und William auf einen Hügel oberhalb des Städtchens. Es war im Mai; die ganze Gegend lag in des Frühlings erster Frische, grün und berauschend, vor ihren Blicken da. Weiter draußen schimmerte das Meer silbergrau. Stella zeigte alles den Kindern zum letztenmal: jeden Kirchturm, jede Mühle, jeden Stein. Nina weinte; William stand mit den Fingern im Munde da und sah seine Mutter mit großen, erstaunten Augen an. Sie fuhr fort, sie auf die einzelnen Dinge aufmerksam zu machen, zeigte ihnen jedes ihr liebgewordene Fleckchen; es war ihr, als ob sie in einem lieben Buche las, worin sie jede Seite kannte, während sie so zum letzten Male von dem hoch aufragenden Hügel auf die ihr teuer und traut gewordene Gegend hinabschaute.

Plötzlich warf sie sich ins Gras nieder und weinte. William sah verwundert auf die Mutter; dann nahm er ihr sachte die Hände vom Gesicht und sagte:

»Willy küssen.«

Stella schloß den Jungen leidenschaftlich in die Arme; dann faßte sie Nina bei der Hand und ging schnell den Abhang hinunter.


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