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Siebzehntes Kapitel.
Die Entsagung

Als Fräulein Grey den Schrei vernahm, ergriff sie, von namenloser Angst erfaßt, ein Licht, schob die nur für ihr eigenes Leben zitternden Frauen beiseite und stürzte auf den Korridor.

»Gehe nicht hinaus! Man wird dich morden!« schrien die Damen Bryant hinter ihr her.

Aber sie beachtete nicht die warnenden Rufe.

Gleich darauf ertönte ein Schrei des Entsetzens von ihren Lippen.

Auf dem Fußboden lag, wie sie gefürchtet, die kleine Daisy, drei ihrer Puppen fest im Arm haltend, das lange weiße Nachtgewand von Blut getränkt.

»Mein Liebling – mein armer, kleiner Liebling!« jammerte Fräulein Grey.

Die verängstigte Gruppe im Zimmer horchte erstaunt auf.

»Ist es die Kleine –?« Dann brachen sie ab und lauschten mit gespanntester Aufmerksamkeit. Und als sich kein weiteres Geräusch hören ließ, schlossen sie, daß der Dieb oder die Diebe von dem Knall verscheucht wären und wagten sich vorsichtig auf den Korridor.

Auch sie brachen bei dem Anblick, der sich ihnen bot, in laute Klagen aus.

Durch das Bein geschossen, lag die arme kleine Daisy bewußtlos da. Bei dem Stimmengewirr um sie herum erwachte sie jedoch, öffnete die Augen und sagte sehr leise, aber ganz deutlich:

»Ihr habt mich totgeschossen; deshalb seid ihr alle Mörder. Aber ich hoffe, sie werden euch nicht den Kopf abschlagen. Lebt wohl!« Und sie sank in eine neue Ohnmacht.

Das älteste Fräulein Bryant schrie laut auf und folgte dann dem Beispiel der kleinen Daisy, während Fräulein Grey, die einen Kursus in der Krankenpflege durchgemacht hatte, das Blut stillte und die Wunde, so gut es ihr möglich war, verband.

Inzwischen kam auch Simpson, der Gärtner, der den Schuß und die Angstrufe der Frauen vernommen hatte, aus seiner Hütte herbeigeeilt.

Man schickte ihn sofort zum Arzt.

»Ich wußte es ja, daß das Kind noch unser Tod sein würde,« klagte das älteste Fräulein Bryant, die bald aus ihrer Ohnmacht erwacht war, zu ihrer Schwester, als die beiden Damen in der Halle saßen, um den Arzt zu erwarten. »Ach! hätten wir sie doch nie zu uns genommen!«

Bis jetzt schien es jedoch nur, als ob die arme Kleine ihren eigenen Tod verursacht hätte. Aber die selbstsüchtigen Schwestern dachten nicht mit Besorgnis an das verwundete Kind; sie dachten nur an die Folgen der unvorsichtigen Handlung für sich selber. Zwar fürchteten sie nicht eine wirkliche Bestrafung durch das Gesetz, selbst dann nicht, wenn das Schlimmste eintreten sollte, was ihnen jedoch, wie sie hofften, erspart blieb; aber sie mußten annehmen, daß eine polizeiliche Untersuchung stattfinden würde; ja, sie hielten dies sogar für ganz sicher; und die beiden zimperlichen Damen hegten namenlose Scheu vor dem Hervortreten an die Öffentlichkeit.

»Ich hätte gar nicht gedacht, daß das alte Ding noch losgehen könnte!« bemerkte Fräulein Alice klagend. »Und, denke nur, Schwester, wenn du etwas höher angelegt hättest!«

»Aber ich habe es doch nicht!« entgegnete das ältere Fräulein heftig. »Das ungezogene Kind! Was hatte es überhaupt unten zu tun?«

Erst nachdem der Arzt erschienen war und festgestellt hatte, daß die Wunde zwar sehr ernsthaft, aber nicht lebensgefährlich sei, entschloß man sich, die unteren Räumlichkeiten zu besichtigen, und entdeckte, daß überhaupt kein Dieb das Haus betreten hatte.

In der Speisekammer fand man jedoch eine wertvolle Kristallschale, in der ein Rest Auflauf aufbewahrt gewesen war, zerschmettert; daneben lag ein großer Kasten, der beim Herunterfallen wahrscheinlich den zweiten Krach verursacht hatte, während mehrere zerbrochene Teller und Töpfe eine Erklärung für das Geklirr wie von zerbrochenen Fensterscheiben gaben.

Einstimmig schrieb man der Katze die Schuld für die nächtliche Störung zu, und alle Insassen der Turmvilla zogen sich wieder in ihre Zimmer zurück, um zu versuchen, ihre erschütterten Nerven noch etwas zu beruhigen, mit Ausnahme von Fräulein Grey, welche bei der kleinen Kranken, die sich ruhelos in ihrem Bettchen hin und her warf, Wache hielt.

Plötzlich fing das Kind an, leise zu flüstern:

»Weshalb habt ihr mich erschossen? Ich wollte doch gar nicht alle die Teller zerbrechen. Ich wollte nur Tommy und Alma etwas zu essen holen. Sie waren so furchtbar hungrig. Sie wünschten sich so sehr etwas Pudding – nicht wahr, meine Lieblinge? Ich freue mich, daß ich tot bin, wenn die Menschen mich so schießen, daß alles so weh tut und mir so heiß ist.« Und wieder warf sie sich fiebernd hin und her.

Fräulein Grey gab ihr die beruhigende Arznei, worauf die Kleine wieder einschlief und ihrer gütigen Pflegerin Zeit ließ, über ihre Fieberreden nachzudenken. Und wie das junge Mädchen so nachsann, wurde ihr alles klar. Nicht die Katze, sondern Daisy mußte »der Dieb« gewesen sein! Und als man noch am nächsten Morgen den Puppentisch festlich gedeckt fand, war das Rätsel vollständig gelöst. Die armen, am Tage so vernachlässigten Puppen hatten ein mitternächtliches Mahl haben sollen von dem Besten, was die Speisekammer bot. Die Gefühle der beiden Damen bei dieser Entdeckung mag man sich ausdenken! Zu schildern sind sie unmöglich!

»Eins ist gewiß!« rief die ältere Schwester heftig. »Das Kind muß fort!«

»Aber doch erst, sobald sie reisen kann!« wandte die jüngere ein.

»Das ist doch selbstverständlich!« entgegnete die ältere gereizt. »Ich bin doch kein Unmensch! Also, sobald Frau Sinclair hier eintrifft – was wohl spätestens heute abend sein wird – müssen wir fest bleiben und ihr zwar freundlich, aber auch ganz entschieden erklären, daß wir nicht länger die Verantwortung für ihre kleine Tochter übernehmen könnten. Sie ist wirklich eine zu gefährliche Insassin unseres Hauses.«

»Wie du meinst, meine Liebe,« stimmte die jüngere Schwester zu.


Währenddessen lag die »gefährliche Insassin« auf ihrem Schmerzenslager und verfolgte mit scharfen, nachdenklichen Augen jede Bewegung ihrer lieben Pflegerin.

Sie sah, wie Fräulein Grey ein Brief eingehändigt wurde und wie ihr hübsches Antlitz sich dabei mit tiefer Röte überzog, um gleich wieder einer tödlichen Blässe zu weichen, während sie ihn ihr überreichte.

Es war die Antwort des jungen Herrn Evans für sein Prinzeßchen.

»Weshalb wurdest du so furchtbar rot?« fragte die Kleine, während sie den Brief mit beiden Händchen ergriff. »Warst du böse?«

»Nein, Herzchen. Möchtest du den Brief lesen?«

»Ja – natürlich,« entgegnete Klein-Daisy bestimmt; und dabei öffnete sie ihn und sah mit verständnisvollen Blicken hinein, obgleich sie ihn umgekehrt hielt. Es machte dies aber für sie nichts, da sie doch nicht imstande war, ihn zu entziffern.

»Was sagt er, Goldhaar?« fragte sie endlich, indem sie Fräulein Grey den Brief reichte.

Das junge Mädchen nahm das Schreiben in ihre Hand und las es lächelnd vor, bis sie an die Stelle mit der Botschaft für die andere Prinzessin kam. Da begann ihre Stimme zu zittern, und plötzlich bedeckte sie das Gesicht mit beiden Händen und brach in heftiges Weinen aus.

Klein-Daisy betrachtete sie mit Bestürzung. »Armes Goldhaar, bist du krank?« fragte sie besorgt.

Fräulein Grey schüttelte nur den Kopf.

Da erhob die Kleine sich wieder und sah sie noch einmal prüfend an. Und dabei durchzuckte sie blitzartig ein Gedanke, und das seltsame Kind wandte den Kopf zur Seite. »Sie ist die andere, goldhaarige Prinzessin, und sie liebt ihn doch – und – und« hier schluchzte sie leise auf – »und nun wird er mich gar nicht mehr lieb haben!«

Eine Zeitlang herrschte tiefste Stille. Als dann Fräulein Grey wieder zu sprechen anhub, schwieg die Kleine hartnäckig.

»Daisy, Liebling, antworte mir doch!«

»Weshalb hast du deinen Prinzen verlassen?« fragte das Kind vorwurfsvoll, zum größten Erstaunen des jungen Mädchens.

Fräulein Grey zögerte einen Moment, dann entgegnete sie rasch:

»Weil ich ein törichtes, liebloses Ding war.«

»Und du bist gar keine Prinzessin oder irgend etwas ganz besonders Vornehmes, sondern bloß ein Mädchen wie ich?«

»Ja,« gab Fräulein Grey leise zu. »Aber nun, Liebling, mußt du diese Medizin nehmen und ganz ruhig liegen.«

Daisy tat, wie ihr ihre gütige Pflegerin riet und fiel auch bald in einen tiefen Schlaf, aus dem sie erst durch den Kuß ihrer Mutter erwachte.


»Mütterchen, möchtest du wohl so gut sein, einen Brief für mich an Herrn Georg Evans zu schreiben?« bat Daisy am nächsten Morgen Frau Sinclair.

»Gern, mein Töchterchen. Er war sehr betrübt, als er von deinem Unfall hörte und wollte am liebsten gleich mitkommen, um nach dir zu sehen. Soll ich ihm schreiben, daß er kommt?«

»Schreibe: ›Mein lieber‹ – hier machte Daisy eine kleine Pause – ›mein lieber Herr Georg Evans! Deine goldhaarige Prinzessin ist hier, und sie hat über Deinen Brief geweint und sagt, sie hätte Dich verlassen, weil sie ein törichtes, liebloses Ding war.‹«

»Aber, mein Liebling, das geht doch nicht!« wandte Frau Sinclair ein.

»Doch, sie hat es gesagt,« beharrte Klein-Daisy; und so schrieb es denn die Mutter, um das Kind nicht durch Widerspruch aufzuregen.

»Und«, fuhr Daisy fort, »sie ist auch gar nicht vornehmer als Du. Daher kannst Du kommen und sie heiraten anstatt mich – weil die Menschen mich doch alle los werden wollen und mich daher sogar erschießen. So würde es gar nicht gut sein für Dich mich zu heiraten. Bitte, lieber Prinz, – Du bist zwar nicht mehr mein Prinz; aber bitte, komme doch sogleich her und mache mein Bein gleich gesund; es ist mir furchtbar langweilig, immer im Bett zu liegen und nachzudenken. Adieu. Deine Daisy.«

»So, das ist alles, Mütterchen,« sagte die Kleine seufzend, während sie die Augen schloß und gleich darauf wieder einschlummerte. Aber als die Mutter sich über sie beugte, fand sie an den dunklen Wimpern schwere Tränen hängen.

Und so vollzog sich die erste große »Entsagung« der kleinen Prinzessin.

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