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Sechstes Kapitel.
Du sollst nicht fluchen

Kaum war der Schein einer brennenden Zigarre unter dem Fenster des Kinderzimmers sichtbar, als sich auch schon ein kleiner Kopf hinausbog; und kaum war der Prinz innerhalb der Hörweite der feinen Kinderstimme mit ihrer eigentümlich deutlichen Aussprache, als die ›Prinzessin‹ auch schon die Unterhaltung anknüpfte, indem sie rief:

»Wir hatten heute einen sehr aufregenden Tag, lieber Prinz – es war ganz furchtbar aufregend – und nur durch das Eng'chen!«

»Das«, entgegnete der Prinz, »wundert mich. Ich würde es nie für möglich gehalten haben, daß dieses kleine Kind im Stande wäre, eine Aufregung hervorzurufen. Bist du auch ganz sicher, daß du es nicht warst?«

»Nein, ich hab es wirklich nicht getan. Ich würde so etwas nicht tun – niemals.«

»Was war es denn?«

»Wirst du auch nicht Krämpfe bekommen, wenn ich es dir erzähle?« fragte die Kleine ängstlich.

»Ganz gewiß nicht.«

»Nun« – eine Pause – »nun« – – abermals eine Pause – – »eigentlich sollte ich es dir wohl nicht erzählen – – aber denke dir, er – – fluchte heute!«

»Hm!« entgegnete Georg in höchst ernstem Tone, »das war natürlich sehr unrecht von ihm, – – sehr, sehr unrecht – besonders für ein so kleines Bürschchen.« (Hierbei hatte der junge Mann einen Hintergedanken.) »Wie alt ist doch schon der jugendliche Lästerer? – Drei oder vier Jahre? – O, also vier! Nun, das ist immer noch viel zu jung zum Fluchen. Aber ich finde darin trotzdem keinen Grund zu einer so großen Aufregung.«

Daisy nickte weise mit dem Köpfchen.

»Aber es war doch sehr aufregend. Es war der Bischof, der damit anfing –«

»Wie? – Mit dem – dem Fluchen? Das kann ich mir kaum denken.«

»Damit natürlich nicht; aber mit der Aufregung, meine ich. Die beklagenswerte Sache geschah nämlich folgendermaßen.« (In diesem Ausdruck erkannte Georg sein Schreckbild, den Domherrn wieder.) »Wir saßen alle beim Lunch – und Eng'chen und Mütterchen und Onkel John und noch zwei andere Krähen.«

» Krähen?« fragte Georg zweifelnd.

»Ja, so nanntest du sie doch neulich; Onkel John nennt sie ›Würdenträger der Kirche‹; aber dein Name ist viel kürzer.«

»Das kann ich unmöglich gesagt haben. Da mußt du dich irren!« rief Georg mit Nachdruck, dabei in seinem Innern den löblichen Vorsatz fassend, künftig bei der Wahl seiner Ausdrücke vorsichtiger zu sein. »Ich kann mich durchaus nicht besinnen, ihn gebraucht, zu haben. Und du darfst das unter keinen Umständen sagen. Du mußt sagen, wie dein Onkel sagt: ›Würdenträger der Kirche‹ – wenn dieser Ausdruck auch länger ist. Aber wir wollen diese Sache jetzt ruhen lassen. – Also das kleine Menschenkind fluchte auf den Bischof. Nun, das muß allerdings aufregend gewesen sein. Was sagte denn das alte Schreck – ich meine, Seine Herrlichkeit, dazu? Erzähle weiter.«

»Natürlich fluchst du doch nie, lieber Prinz?« erkundigte sich Daisy, plötzlich nach Kinderart von ihrem eigentlichen Thema abschweifend.

Der junge Mann sah zu dem kleinen unschuldigen Gesichtchen mit einer gewissen Verlegenheit empor. »Natürlich nicht!« war er jedoch so unaufrichtig, sie rasch zu versichern.

»Das freut mich sehr!« entgegnete die Prinzessin glücklich. »Ich wußte es ja auch, daß du nicht fluchen würdest!«

Sie legte dadurch ein so unbegrenztes Vertrauen zu dem jungen Mann an den Tag, daß er eine ihm bis dahin unbekannte Scham empfand.

»Du sollst nicht fluchen!« fuhr die Kleine ehrfurchtsvoll fort. »Diesen Spruch lehrte Lise mich und Eng'chen heute aus der Bibel, als Eng'chen jenes schreckliche Wort gesagt hatte. Und ich – ich werde auch niemals fluchen!« beteuerte sie feierlich.

»Das ist ein sehr lobenswerter Vorsatz«, entgegnete Georg Evans beifällig. »Und ich rate dir, liebe Prinzessin, überhaupt möglichst schweigsam zu sein, besonders wenn Besuch da ist. Deine Bemerkungen sind manchmal wirklich – hm – etwas unpassend. Ich wundere mich eigentlich, daß deine Mutter dich nicht ins Kinderzimmer schickt, wenn Ihr Gäste habt.«

»So sagte auch Lise,« rief Daisy verwundert. »Und Mütterchen sagt, wir wären zuweilen ganz schrecklich, und sie wird bald keine Freunde mehr haben. Was glaubst du nur, daß Eng'chen neulich sagte, als die drei Fräulein Bryants zum Lunch waren?«

»Hoffentlich hat er da nicht auch geflucht?« rief Georg besorgt, denn die eben erwähnten Damen standen in dem Rufe, die förmlichsten und pedantischsten des ganzen Kirchspiels zu sein.

»Nein,« erwiderte Daisy. »Geflucht hat er nicht – aber er machte eine höchst unziemliche Bemerkung.«

»Schon wieder der Domherr,« sagte Georg zu sich.

»Es war nämlich außer ihm kein Mann im Zimmer, weil Onkel John nicht da war. Und Eng'chen mag Damen nicht sehr gerne leiden, weil sie ihn immer so sehr küssen. So sagte er ganz laut: ›Ich werde fortgehen, es sind mir zu viele Frauen hier‹. Ich wollte aber gerne, daß er blieb, und versuchte ihn zu überreden und sagte: ›Bleibe doch, Eng'chen. Sie können es doch nicht ändern, und sie sind doch alle überflüssige Frauen!‹«

»O du meine Güte!« rief Georg, den diese unerwartete und dazu so überaus treffende Bemerkung wieder seine Vorsicht vergessen ließ. »Wo hast du denn diesen Ausdruck her?« (»Diesmal sicherlich nicht vom Domherrn,« murmelte er für sich.)

»Er war mit großen goldenen Buchstaben auf einem Buch gedruckt, in dem Mütterchen liest. Daher glaubte ich, es wäre etwas sehr Schönes und sagte es. Aber Mütterchen sagt, es war gerade unrichtig, es zu diesen Damen zu sagen, weil sie nicht verheiratet sind. Man muß also sehr vorsichtig sein mit dem, was man zu unverheirateten Menschen sagt, scheint mir,« stellte sie wieder ihre Betrachtungen an. »Dann sind also wohl die verheirateten Menschen ›überflüssig‹? Ist das richtig? Ja, lieber Prinz?«

Aber der Prinz schwieg und unterdrückte tapfer ein Lachen, während er an die drei Damen dachte, die alle in einem zweifelhaften Alter standen, und von denen nicht eine einzige irgend eine nutzbringende Tätigkeit ausübte – es sei denn, man müßte Besuche machen und boshaftes Klatschen in diese Kategorie rechnen.

Um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, bemerkte er: »Aber du hast mir noch immer nicht die aufregende Geschichte zu Ende erzählt.«

»Wir saßen alle beim Lunch,« begann die Kleine von neuem, »und Mütterchen hatte Eng'chen zuerst die Suppe aufgegeben, weil er so langsam ißt; und sie war noch sehr heiß. Und als er den ersten Löffel in den Mund steckte, ließ er den Löffel fallen und dann rief er« – dies in scheuer Ehrfurcht – »›verdammt‹.«

Eine kleine Pause.

Dann fuhr Daisy fort:

»Also das schreckliche Wort sagte er. Und nun kam erst die Aufregung. Mütterchen wurde ganz blaß, und Onkel John furchtbar rot; und der Bischof wurde auch rot und machte so ein würgendes Geräusch und nahm sein Taschentuch, und hielt es sich vor den Mund und hustete. Und Onkel John sagte mit seiner fürchterlich verdrießlichen Stimme: ›Ich denke, Konstanze, du läßt deine Kinder das Lunch lieber oben beenden‹. Und so mußte Lise uns fortnehmen. Und« – hier sprach die Kleine wieder in scheuer Ehrfurcht – »gerade als sich die Türe hinter uns schloß, war drinnen ein so merkwürdiges Geräusch! Und ich fragte Lise, ob der Bischof wohl lachte; aber sie entgegnete mir ärgerlich, es wäre durchaus keine Sache, über die man lachte, der Bischof hätte nur einen Krampfanfall bekommen; aber es war so furchtbar laut, daß ich mir denke, alle Würdenträger der Kirche müssen Krämpfe bekommen haben. Und als ich die Geschichte der Köchin erzählte, bekam sie auch Krämpfe. Und Lise nahm uns in unser Kinderzimmer und ließ uns den Bibelspruch lernen, und sagte, sie wären alle schlecht. Und ich denke auch, es muß ihnen allen sehr schlecht gewesen sein, den Armen! – – Nur Mütterchen hatte keine Krämpfe bekommen. Ich habe sie danach gefragt. Aber sie sagt, Eng'chen und ich werden noch eines Tages ihr Tod sein, und – –« Hier brach die Kleine plötzlich ihre Rede ab, denn Georg hatte sich auf eine Bank gesetzt und hielt das Taschentuch vor das Gesicht, hinter dem ein ersticktes Lachen zu hören war.

»Du hast ja auch Krämpfe!« rief Daisy besorgt. »Und,« fügte sie vorwurfsvoll hinzu, »du hattest mir doch versprochen, sie nicht zu bekommen.«

»Ja, ich habe auch Krämpfe!« erwiderte der junge Doktor mit erstickter Stimme. (»Wenn ein Bischof darüber lachen kann, kann ich es auch,« schloß er bei sich.)

»Bitte, stelle dich doch ganz dicht unter die Mauer, damit ich eine Karaffe Wasser über dich ausgießen kann,« bat die Kleine schmeichelnd. »Das soll am besten gegen Krämpfe sein, wenn man keine schwälende Vogelfeder hat, und ich fürchte, diese kann ich dir nicht besorgen.«

»Nein, zum … ich wollte sagen, mir ist schon viel besser.«

Aber da die kleine hilfsbereite Daisy sah, daß ihn der Anfall noch immer packte, hatte sie eine rettende Idee. Ihr fiel ein, daß eine Blumenspritze auf dem Tisch im Kinderzimmer lag, wo sie ein nachlässiges Stubenmädchen gefüllt hatte liegen lassen.

Diese Spritze holen, und sie auf den ahnungslosen jungen Mann richten, war das Werk weniger Augenblicke.

»Ver–« schrie Georg, und sprang wie ein Wilder auf, als der gutgezielte Strahl sein Gesicht traf, »was – –?«

Dann, da er einen zweiten Schauer drohen sah, wandte er sich eiligst um und floh ins Haus.

Daisy schaute ihm gedankenvoll nach.

»Mir war beinahe, als ob ich ihn fluchen hörte,« flüsterte sie. »Aber natürlich muß ich mich geirrt haben.«

Gleich darauf hörte sie den jungen Mann in sein Haus treten, und während sie noch träumend und nachdenkend dastand – denn dieses seltsame Kind dachte viel zu viel für sein Alter – vernahm sie aus dem Salon des Nachbarhauses, der nach der Gartenseite ging, schallendes Gelächter.

»Er muß ihnen die Geschichte erzählt haben und nun scheinen alle Krämpfe zu haben. Es muß doch ein schreckliches Wort sein!« grübelte sie weiter.

Endlich verließ sie das Fenster und huschte in ihr Bettchen, und noch aufs höchste erregt von den unheilvollen Wirkungen des mächtigen Wortes, hauchten ihre Lippen, während sie einschlummerte:

»Du sollst nicht fluchen!«

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