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Fünftes Kapitel.
Die »Prinzessin« macht einen Heiratsantrag

»Guten Abend, lieber Prinz!« rief ein feines Stimmchen zum Garten hinunter.

»Guten Abend, liebe Prinzessin!« erwiderte der junge Evans ihren Gruß, indem er stehen blieb und seinen Hut in scherzhafter Galanterie nach dem kleinen elfenartigen Gesichtchen lüftete, das einzige, was er von seiner kleinen »Prinzessin« sehen konnte.

»Denke nur, ich bin heute in der Kirche gewesen«, verkündete sie ihm mit wichtiger Miene.

»Weshalb denn?« fragte der Prinz gedankenlos. »Es ist doch heute nicht Sonntag?«

»Um mit dem Geist begossen zu werden,« entgegnete sie in halb überlegenem, halb vorwurfsvollem Tone. »Du hättest auch hingehen sollen.«

»Es klingt nicht gerade sehr verlockend,« gab er etwas unüberlegt zurück. »Wie wird denn das angestellt?«

Die Kleine sah ernst auf den jungen Mann herab. »Ich finde, du bist heute gar nicht gut,« bemerkte sie.

»Da hast du recht, Herzchen,« gab er lachend zu. »Ich fühle mich auch gar nicht gut.«

»Du bist unglücklich,« fuhr sie fort und nickte weise mit ihrem kleinen Köpfchen.

»Auf Ehre, Prinzessin! Du bist ja wirklich unheimlich klug. Wer hat dir denn das gesagt?«

»Ich weiß es,« sprach sie voll Überzeugung. »Es ist wegen der anderen Prinzessin.«

»Ei! Sieh da!« rief er erstaunt.

»Ja, wegen deiner anderen Prinzessin,« wiederholte sie, dabei wieder mit ihrem Köpfchen nickend. »Du liebtest eine andere Prinzessin vor mir, aber sie war schlecht und hat dich verlassen und deshalb bist du unglücklich. Aber ich möchte nicht, daß du noch länger unglücklich bist, weil ich doch jetzt deine Prinzessin bin. Und ich werde dich nicht verlassen, und dich heiraten, wenn ich ganz groß gewachsen bin, und ich werde immer gut zu dir sein und dir auch immer alle deine Hemdenknöpfe annähen.«

Herr Georg Evans hatte anfangs diesen Erguß mit innerem Ärger angehört; aber zum Schluß brach er doch in ein herzhaftes Lachen aus, bis er Tränen in den Augen des kleinen Mädchens bemerkte.

»Ich kann jetzt schon beinahe einen Knopf annähen,« rief sie weinerlich.

»Und das also ist deine Vorstellung von den wichtigsten Pflichten einer Frau? Nun, etwas Wahres liegt allerdings darin und ist nicht ganz zu verachten. Aber bitte, weine nicht. Kleine. Und wenn du ganz groß bist und dann auch noch dieselbe Ansicht hast, wollen wir mehr darüber sprechen.«

»Möchtest du mich denn nicht zu deiner ›Prinzessin‹ haben?« fragte sie klagend.

»Natürlich! Sehr gerne!« beeilte er sich sie zu beruhigen.

»Und wirst du auch die andere Prinzessin vergessen?«

»Ich werde es versuchen«, erwiderte er zögernd, während er voll Unmut darüber nachsann, wer wohl so indiskret gewesen sein konnte, der Kleinen von seiner aufgehobenen Verlobung zu erzählen.

»Lieber Prinz!« rief Daisy nach einer kleinen Weile ganz leise.

»Nun? Was möchtest du noch, Herzchen?« fragte er schnell.

»War sie sehr schön?«

»Sehr!« erwiderte er kurz.

»Hatte sie goldenes Haar?« forschte die Kleine weiter.

»Ja, sie hatte goldenes Haar.«

Daisy seufzte.

»Aber vielleicht«, meinte sie, »werde ich noch schöner werden.«

»Ob du schön bist, ist gleichgültig, so lange du nur gut bist!« bemerkte er belehrend. Dann, plötzlich ein Gebetbuch in ihrer Hand gewahrend, fragte er, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben:

»Was hörtest du heute in der Kirche? Oder warst du im Dom?«

»Von dem Begießen mit dem Geist, damit wir darin wachsen und gut werden.«

»Ach ja! Du sagtest es schon vorhin! Aber du hast mir noch nicht erzählt, wie das denn eigentlich gemacht wird.«

»Das ist es eben, was ich nicht genau weiß. Ich denke mir, daß es so ist, wie mit den Blumen. Die werden auch groß – und schön – ich meine sie wachsen – wenn sie mit Wasser begossen werden. Das muß aber wohl in der Nacht geschehen; denn ich habe noch nie gesehen, wie sie groß werden.«

»Jedenfalls wachsen sie in der Nacht. Die Menschen wachsen ja auch während des Schlafes.«

»Ich möchte gern gut werden,« sprach das kleine Mädchen, andächtig die Händchen faltend. »Ob ich wohl heute Nacht gut werde, wenn ich mir große Mühe gebe, wie der Prediger es uns geraten hat?«

»Nun, ich an deiner Stelle würde es auf jeden Fall einmal versuchen und mich heute abend früh ins Bettchen legen, und dann abwarten, was geschieht.«

»Ja! Das werde ich tun!« rief Daisy glückselig. »Ich werde dann lieber gleich schlafen gehen. Gute Nacht denn, lieber Prinz!«

Und ihrem Freunde mit der Hand einen Abschiedsgruß zuwinkend, verschwand sie.

Der »Prinz« ging lächelnd zu seiner Mutter.

»Du hast wieder mit deiner kleinen Freundin geplaudert,« bemerkte sie mit vergnügter Miene, da sie sich freute, ihn glücklich zu sehen. »Ich sehe es dir immer an, wenn du sie gesprochen hast; sie scheint dir viel Vergnügen zu bereiten. Ich kann es zwar nicht begreifen, was du an dem Kinde findest.«

»Sie hat mir eben einen Heiratsantrag gemacht,« lachte er, »und als ein besonderes Lockmittel erbietet sie sich, mir stets alle Hemdenknöpfe anzunähen.«

»Was für ein überaus eigentümliches Kind! Woher mag sie nur auf solch unsinnige Ideen kommen?«

»Sie hält es durchaus nicht für Unsinn,« verteidigte Georg seine kleine Freundin. »Das Kind spricht stets in solch tödlichem Ernst, daß man nie wagt, sie auszulachen. Sie haben nur zu Hause kein Verständnis für ihre Eigenart.«

»Du bist ganz vernarrt in deinen kleinen, häßlichen Teufel, Georg. Ich finde, daß sie ein ganz reizloses Ding ist, und begreife nicht, wie sie die Schwester jenes süßen kleinen Engels sein kann.«

»Sie ist tausendmal mehr wert, als der Engel,« gab Georg gereizt zurück, und ließ dann das Thema fallen.

Er dachte nun auch nicht weiter mehr an die kleine Daisy Sinclair, bis er am nächsten Morgen während seiner Promenade zu seiner Verwunderung nur eine kleine Kinderstimme im Nachbargarten vernahm.

Und als der Tag verstrich, ohne daß das kleine elfenartige Gesichtchen mit den schwarzen Augen und dem Gewirr schwarzer Locken über die hohe Mauer guckte, und als es auch abends nicht am Fenster des Kinderzimmers erschien, ertappte er sich dabei, daß er eine gewisse Enttäuschung darüber empfand. – – –

Drei Tage verstrichen, ohne daß er seine kleine Prinzessin zu sehen bekam, und er freute sich aufrichtig, als am vierten, der sich als ein sehr schöner warmer herausstellte, ihr kleines blasses Gesichtchen über die Mauer blickte.

»Guten Tag, liebe Prinzessin!« rief er ihr eifrig zu. »Da bist du ja endlich! Wo hast du denn so lange gesteckt? Du hast ja deinen Prinzen ganz treulos im Stich gelassen!«

»Ich bin krank gewesen,« erwiderte sie ganz matt, »sehr krank.«

»Du armes kleines Dingchen! Du siehst auch furchtbar blaß aus. Was hat Dir denn gefehlt?«

»Es war vom Begießen mit dem Geist,« erklärte sie in heiserem Flüstertone.

»Was?« fragte Herr Evans erstaunt.

»Du weißt doch davon; wir sprachen ja neulich von dem Begießen, damit ich gut werden sollte.«

»Ich weiß noch immer nicht, wovon du jetzt sprichst,« erwiderte er rasch. »Aber ich möchte sehr gerne wissen, wie du es angestellt hast, dir diese entsetzliche Erkältung bei dem warmen Wetter zu holen.«

»Es war vom Begießen mit dem Geist, damit ich gut werden sollte,« wiederholte sie noch einmal hartnäckig. »Aber«, fügte sie dann traurig hinzu, »ich bin nicht ein bißchen gut geworden. Lise meint das auch, und sagt, sie glaubt nicht, daß ich es überhaupt jemals werde. Und ich habe doch so viel Spiritus aus dem Schrank genommen – furchtbar viel! Denn Lise sagte mir, Geist wäre Spiritus, als ich sie darum befragte. Und es machte das Bett so furchtbar naß und es roch so gräßlich; und sie waren alle böse auf mich, und sagten, ich wäre ein kleiner Teufel. Wie kann ich denn aber ein Teufel sein, wo ich doch nur was Gutes tun wollte?«

Herr Evans starrte in stummen Erstaunen auf das kleine Geschöpfchen, das ihn mit ihren großen und fragenden Augen so ernst und gedankenvoll anblickte.

»Ich weiß wirklich nicht, was man mit dir machen soll,« sprach er endlich.

»So sagte auch Mütterchen,« bemerkte die Kleine. »Aber du hast mir doch selbst gesagt, ich möchte es versuchen.«

»Niemals habe ich das getan!« rief der junge Doktor mit Nachdruck.

»Ja, du sagtest, es wäre am besten, wenn ich mich ins Bettchen legte und abwartete, ob ich dann gut würde.«

»Aber ich habe doch nicht gesagt, daß du dein Bettchen mit Spiritus begießen sollst. Du hättest dich ja bis auf den Tod erkälten können oder dir ein rheumatisches Fieber holen. Wußtest du denn nicht, daß der Prediger nur figürlich sprach?«

»Was ist ›figürlich‹ sprechen?«

»Das ist – hm das ist, wenn man von Dingen ein Bild entwirft; aber wenn du so etwas auch in Predigten hörst, mußt du es doch niemals tun.«

»Was hat es denn für einen Zweck, daß ich gehe, um sie anzuhören?« fragte die Kleine treffend.

Nun stand ihr junger Freund ratlos.

»Laß dir das lieber von deinem Onkel erklären«, sprach er schließlich. »Ich bin in kirchlichen Dingen nicht so bewandert wie er.«

»Onkel John kann mich nicht leiden«, entgegnete die scharfsichtige Kleine. »Deshalb werde ich ihn lieber nicht fragen. Aber ich habe Mütterchen versprochen, mich nicht mehr zu begießen; so muß ich mich schon bemühen, auf andere Weise gut zu werden. Kannst du mir nicht vielleicht ein gutes Mittel sagen?«

»Leider kann ich es nicht. Es tut mir sehr leid – aber ich weiß wirklich keines.«

Georg Evans empfand für einen Moment den Wunsch, der Kleinen zu raten, lieber keine weiteren Versuche zum Gutwerden anzustellen, da alle ihre Bemühungen stets so schlechte Folgen hatten. Aber nach nochmaliger Überlegung kam er zu der Überzeugung, daß es wohl noch sicherer wäre, ihr überhaupt keinen Rat zu erteilen, außer dem, sich sehr in acht zu nehmen.

»Ja, das werde ich tun«, versprach sie bereitwillig. »Und dabei fällt mir ein, daß Lise mir gesagt hat, ich solle nur herumgehen, und nie stille stehen, sonst könnte ich mich von neuem erkälten. Deshalb ist es vielleicht besser, wenn ich nun nicht mehr länger auf diesem Stuhl stehen bleibe.«

Und im nächsten Augenblick war sie verschwunden.

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