Sophie Wörishöffer
Robert des Schiffsjungen Fahrten und Abenteuer auf der deutschen Handels- und Kriegsflotte
Sophie Wörishöffer

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Achtes Kapitel

Im hohen Norden

Kennt ihr das Märchen von der Entstehung Norwegens? Laßt's euch erzählen.

Als Gott der Herr die Welt erschaffen und alles ringsumher geordnet hatte, da blickte er zufrieden auf das vollendete Werk. Plötzlich aber wurde sein Nachsinnen gewaltsam gestört durch den Fall eines ungeheueren Felsblockes, der in das Meer stürzte. Empor blickend gewahrte der Schöpfer den Teufel, wie er hohnlachend dem gewichtigen, von seiner Hand geschleuderten Körper nachschaute. »Die Achse des neu entstandenen Erdballes soll brechen!« rief Luzifer, »der ganze Bau soll in Trümmer fallen, weil ich ihn hasse!«

Aber Gottes Liebe war stärker als der Grimm des Bösen. Zwar schwankte der Erdball und drehte sich, in seinen Grundfesten erschüttert, um die eigene Achse, aber des Herrn Hand gab dem Felsblock einen Halt im Meer und sein Herz erbarmte sich des toten, starren. Er segnete die wildzerrissenen, schwarzen, überall wie unheimliche Riesen aus dem Ozean auftauchenden Berge und streute in die tiefen Täler den letzten Rest übriggebliebener Erde. Aber ach! er begann mit diesem Werke der Barmherzigkeit im Süden, wo alsbald Fruchtbäume und grüne Matten und goldene Ährenfelder aufsproßten. – er behielt für den Norden kein Körnchen Erde zurück.

Dennoch belebte des Weltenschöpfers Segen auch die kahlen, toten Felsen. Keine Blume blüht dort, keine Frucht reift und kein Vogel singt, aber in die ewigstarren Eisfelder setzte Gott ein Geschöpf, das. halb Kuh, halb Hirsch. mit Milch und Butter, Blut, Fleisch, Fell und Sehnen die Menschen vor dem Hungertode bewahrt, – das Renntier. Und alle Ströme, alle Seen und Flüsse, das Meer und die Morde füllte er mit Legionen von Fischen, und in die Herzen der Bewohner pflanzte er mit mildem Erbarmen jene Vaterlandsliebe, die auch den unfruchtbarsten Felsgrat zur trauten Heimat macht, die alles vergißt um der teuren Stätte willen, wo einst die Wiege gestanden und wo das Grab gegraben werden wird.

Das ist Norwegen, das ist die Natur der Schöpfung und der Menschen hoch oben unter dem siebzigsten Breitengrade, wo der Walfisch und der Eisbär zu den Bewohnern zählen.

Abwechselnd schwarz und mit Eis überzogen ragen die Felsspitzen vom Meer bis zu den Wolken in hundertfachen Absätzen hoch und immer höher empor. Hier schlug die Brandung, grünlich schillernd, weißschäumend und gewaltig wie ein wildes Urweltsgeschöpf donnernd im sprungartigen Anprall gegen einen Felsen, der seit dem ersten Schöpfungstage die granitne Brust flach und unbewehrt dem Toben des Ozeans darbietet, der wie ein Kaiser im wallenden Mantel von Schnee und Eissplittern stolz über seine Vasallen dahinblickt, dessen Haupt die Sonnenstrahlen gekrönt, seit sich das erste junge Morgenrot aus der Urnacht löste.

Dort stürzten die Wellen, einander überholend, zurückdrängend, einander an unsichtbaren Klippen zerschellend, wie von Feinden getrieben, in regelloser Flucht durch die schwarzen, steinernen Säulen, unter deren Bogen ein heimliches Echo wohnt, das spottend seit Jahrtausenden jeden Laut zurückwirft, – hier wälzte sich ein breiter Wasserarm zwischen himmelhohen Steinwänden, und dort kroch ein blauer Streif wie eine geschmeidige Schlange in den schmalen Spalt hinein, um zu verschwinden und vielleicht weiter hin im tiefen Tale als Gießbach brausend und zischend herabzustürzen auf den Fuß des Felsengebirges.

Wie die Ruinen und halb verkohlten Überreste einer durch Feuersbrunst zerstörten Riesenstadt, so ragten die zerrissenen, vielgespaltenen und vielgeformten Felsgipfel aus dem Meere hervor, wie ein starrer, himmelaufstrebender Gürtel von Granit umgaben sie terrassenförmig das Land. Und über den höchsten Spitzen erglänzten schneebedeckt, unnahbar und ehrfurchtgebietend die fernen Häupter der Riesenberge, blauverhüllt vom Duft, von Wolkenschleiern umschlossen, vom Zauber der Sage geheiligt. – –

Die Sonne schien hell herab, das Meer lag ruhig wie ein schlummernder Riese, die Möwen schwebten mit Weißen Flügeln über das Wasser dahin, und hoch oben in der reinen, eiskalten Luft zog ein Adler seine Bahn – –

Er neigte sich tiefer und tiefer herab, er spähte mit seitwärts gewandtem Kopfe und zog immer engere, kleinere Kreise – –

Was da unten die gaukelnden Wellen spielend emporheben und wieder mit Schaumarmen in die Tiefe zu locken scheinen, was sie bald der Küste zuführen wollten und bald von derselben entfernten, das weiße, stille Menschenantlitz mit der klaffenden Stirnwunde und den geschlossenen Augen, – war es ein willkommener Fund, eine Beute für die kreischende Brut im unzugänglichen Felsennest?

Tiefer senkte sich der Raubvogel, noch tiefer – – –

So bleich die Lippen, so reglos die ganze Gestalt – der da auf den Fluten treibt, ist tot – –

Noch wenige Armeslängen und der Adler packt mit scharfem Schnabel seine Beute. Schon schwebt er unmittelbar über dem Körper des Leblosen –

Da fliegt ein schweres Holzstück sausend durch die Luft, das Raubtier stößt einen Schrei des Entsetzens aus und taumelt empor in eiliger Flucht – –

Schwarze Arme teilen die Flut, ein Negerantlitz beugt sich mitleidsvoll über den toten Knaben, und kräftige Hände tragen ihn an den Strand, auf das Bette von Felsen und Schnee.

Bild

Mongo, der alte Matrose, schüttelte den Kopf.

»Wenig Hoffnung,« denkt er, »aber doch will ich's versuchen, doch alles mögliche tun, bevor ich den armen Jungen seinem Schicksal überlasse!«

Und er entblößt die Brust des Bewegungslosen, er reibt mit Schnee die starren Glieder, er walkt den ganzen Körper, wie der Bäcker den Teig, damit das verschluckte Wasser herauslaufe, er haucht den eigenen Atem zwischen die kalten Lippen –

Und endlich, endlich, nach langer, unermüdlicher Anstrengung hört er den schwachen Seufzer, der das zurückkehrende Leben verkündet. Ein Freudenstrahl überstiegt das schwarze Gesicht.


»Wo bin ich? – Wo sind die übrigen?«

Robert griff mit beiden Händen in den Schnee, wie um sich zu halten, um sich zu überzeugen, daß er wache. Seine Augen forschten gespannt in den Zügen des Negers. »Mongo,« fragte er »wo ist der ›Vogel Greif‹?«

Der Schwarze schüttelte den Kopf. »Frage die Wellen, Bob (Abkürzung für Robert), frage den Sturm. Jedes hat ein Teilchen davongetragen.«

Robert erhob sich auf die Ellbogen. In diesem Augenblick war selbst sein Trotz, sein unversieglicher Mut gebrochen. Wo noch vor kurzem das schwere, stattliche Fahrzeug gelegen, da dehnten sich die Wogen in blauer Unendlichkeit, wo ihn ein sicheres, festes Dach vor Sturm und Schnee beschützt, da spielte der Wind, über Eiswüsten streichend, mit kaltem Umfangen durch sein Haar, um seine Glieder.

»Mongo,« flüsterte er, »sind wir die einzigen Geretteten?«

»Ja, Bob. Als ich zur Besinnung kam, da war alles fort, alles dahin, nur ein paar Trümmer schwammen auf den Wellen, und weiterhin zwischen Klippen sah ich dich. Das übrige weißt du. – Ich fürchte, wir sind dem Tode des Ertrinkens nur entgangen, um dem des Verhungerns anheimzufallen,« setzte er hinzu.

Robert erhob sich mit schmerzenden Gliedern und versuchte es, einige Schritte zu gehen. »Nichts ist verloren, nichts ist verfallen, Mongo,« antwortete er, eine Zuversicht heuchelnd, die er in Wirklichkeit nicht besaß. »Auf, wir müssen in den Klippen nachsuchen, ob irgendwo ein Vorratsfaß oder einige Waffen an das Ufer gespült sind. Es waren Kisten voll von Säbeln und Pistolen an Bord.«

Mongo lächelte ungläubig. »Was wolltest du damit, Bob?

Der junge Abenteurer richtete sich immer straffer empor. »Gegen Feinde uns wehren, Mongo, und Beute machen, damit wir essen können. Laß uns suchen.«

Der Neger war zwar nicht überzeugt, aber er erhob sich doch und begann mit Robert die Klippen zu durchstreifen. Bretter, Bohlen und Planken, Stücke von den Kajüttenmöbeln, Segeltuch und hundert andere Kleinigkeiten trieben auf den Fluten, aber es war nichts zu finden, das mit einer Waffe oder etwas Genießbarem die mindeste Ähnlichkeit gehabt hätte.

Stunde nach Stunde verging, die beiden emsigen Sucher stillten den nagenden Hunger mit etwas Schnee, den sie im Munde schmelzen ließen, sie trösteten sich gegenseitig und durchstöberten unermüdlich jede Felsspalte, immer in der Hoffnung, doch noch irgend etwas Brauchbares zu finden. »Vielleicht hier,« rief Robert, so oft er in eine neue Vertiefung hinabsah, »es muß uns doch endlich gelingen.«

Aber nichts zeigte sich den forschenden Augen. Langsam brach die Dämmerung herein. Stern nach Stern erschien am Himmel, der Mond erhob sich in festen, klaren Umrissen, aber nicht der geringste Erfolg krönte die Bemühungen so vieler Stunden. Unsere beiden Schiffbrüchigen sahen einander fragend an.

»Was nun, Bob?« sagte kopfschüttelnd der Neger.

»Erst einmal fort von hier!« versetzte munter der andere. »Vielleicht lebt hinter den nächsten Bergen ein Stamm der Küstenlappen, und wenn wir diesen erreicht haben, so ist wenigstens das Leben gerettet. Der Winter hat ausgetobt, Mongo, das Ärgste ist überstanden, daher laß uns kämpfen, so lange wir atmen.«

Der Schwarze antwortete nicht. Er ging an Roberts Seite landeinwärts über Klippen und Vorsprünge, durch Schluchten und Täler, bis sie auf einen verhältnismäßig flacheren Landstrich trafen, wo sich bequemer Fuß fassen ließ und wo die Kälte weit geringer erschien, da hier der eisige, von Norden kommende Hauch des Meeres keinen Eingang fand. Beide hatten sich zum möglichsten Schutz gegen Raubtiere mit Trümmern von Schiffsplanken bewaffnet und wanderten Seite an Seite schweigend dahin.

Mond und Sterne verbreiteten einen so hellen Schein, daß nur in den Schluchten der Felsen die Nacht ihr schauerliches Recht geltend machen konnte. Zuweilen krächzte ein Raubvogel oder strich mit scheuer Hast ein weißer Hase vorüber, sonst war alles still.

Robert beobachtete Schritt um Schritt die Pflanzenwelt, auf welche er trat. Daß hier in dieser nördlichen Zone nichts Genießbares wuchs, wußte er freilich sehr wohl, aber das war es auch nicht, was er suchte, sondern seine Aufmerksamkeit galt einem ganz anderen Gegenstände.

An diesen Küstenstrichen nistet auf flachem Boden in den Ranken der kümmerlichen Pflanzen, namentlich der wollblättrigen Weide, der große Eistaucher, dessen Eier, denen unserer Gänse gleich, in niederen Nestern ausgebrütet werden. Robert hatte gelesen, daß mit diesen Nestern zuweilen ganze Morgen Landes bedeckt sind, und daher war seine Hoffnung, wenigstens einige Vogelfamilien aufzufinden, durchaus nicht ganz unbegründet. Sein Blick durchdrang suchend das Halbdunkel, er haftete an jedem kleinen Gebüsch, das sich bis zur Höhe von zwei oder höchstens drei Fuß über den Boden erhob, und bewunderte die unabsehbaren Strecken der Renntierflechte, deren filzartiges Gewebe mattgrün und bräunlich den Felsboden überzog.

Die wollblättrige Weide fand sich in reichem Flor. Sie besitzt eine Länge von zehn bis zwölf Fuß, welche indessen nicht als Stamm emporstrebt, sondern in der Weise einer Schlingpflanze am Boden dahinkriecht. Robert wußte, daß in der Umgebung dieser Gewächse auch der Eistaucher zu finden fei, und vergnügt erhob er sich von den Knieen, um seinem Gefährten Mut einzusprechen.

»Auf, Mongo,« sagte er, »jetzt werden wir Eier speisen. Gib nur acht, bald ist der Tisch für uns gedeckt.«

Der Neger seufzte schmerzlich. »Mich friert,« entgegnete er. »Es ist für den Sohn der heißesten Zone schrecklich, unter Eis und Felsen zu sterben!«

»Stille, Mongo, wer denkt daran! Du mußt besseren Mut fassen. Alter!«

Und Robert versuchte es, den Schwarzen ins Plaudern zu bringen. Das würde seine Seele auffrischen, ihn ermuntern, ihn neu beleben und die Wanderung durch Hunger und Kälte erträglicher machen. »Erzähle mir einmal, wo du geboren bist, alter Seewolf,« fuhr er fort. »Natürlich in Afrika, wo die Sonne am stärksten brennt.«

Der Schwarze nickte. Er schien sich stolzer zu erheben, schien sicherer zu gehen und mit festerem Tone zu sprechen. »Wer ich bin?« fragte er, halb traurig, halb triumphierend, »wer ich bin? – der rechtmäßige König von Dahomey, mein Junge.«

Robert lachte, daß wenigstens sechs verschiedene Felsenechos lustig den Klang zurückwarfen, als ergebe sich ringsumher eine ganze zahlreiche Gesellschaft der ungezügeltsten Heiterkeit. »Du ein Bild König?« wiederholte er. »Alle tausend Donnerwetter, da muß ja ein gewöhnlicher Sterblicher wenigstens zehn Schritte hinter dir gehen und dich Majestät nennen!«

Der Neger lachte gutmütig mit. »Du junger Spitzbube,« schmunzelte er, »du übermütiger Schlingel. Aber was ich gesagt habe, ist buchstäblich wahr.«

»Nun,« rief unser Freund, »und wie kamst du denn von deinem Bambusthron in die Munkejacke hinein?«

Der alte Matrose schauderte, halb vor Kälte, halb in der Erinnerung an das, was er vor dieser Unglücksfahrt im Leben schon erlitten. »Ich wurde mit Hunderten meiner Brüder als Sklave nach Nordamerika verkauft,« antwortete er.

»Als Sklave?« wiederholte aufhorchend unser Freund. »Du armer Mongo, wie kam das? – Erzähle doch von deinen Schicksalen! Wenn wir den Ernst und die Gefahren des Augenblickes vergessen, so werden wir die Wanderung weit leichter ertragen.«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Die Wanderung ohne Ziel!« sagte er düster.

»Das weißt du ja noch nicht, Mongo. Erzähle inzwischen, wie es aussieht in dem königlichen Paläste in Dahomey, welche Sitten dort herrschen, was man speist und wie die Leibgarde zusammengesetzt ist. Kennt man überhaupt bei deinem Stamm Gesetz und Rechte?«

Der alte Neger schwieg längere Zeit. »Rechte?« sagte er dann. »Nein, Bob, das Volk hat keine, kennt und wünscht keine Rechte, nur der König herrscht nach Laune und Willkür gemeinschaftlich mit den Priestern, die zwischen ihm und seinen Untertanen als Vermittler stehen. Siehst du mein Junge, ich bin jetzt seit länger als dreißig Jahren ein Christ wie du, ich verabscheue natürlich die Grausamkeit und die zügellose Wildheit meines Volkes, aber dennoch geht mir das Herz weit auf, wenn ich an Afrika zurückdenke.

Die Stadt, wo ich geboren wurde, heißt Abomey, und das königliche Haus meines Vaters war eine große, breite Halle aus Bambusstäben und Lehm, mit einem Dache von Segeltuch. Zahme Strauße gingen majestätisch nickend auf und ab, junge Panther spielten mit mir im Sande, und die zahlreichen Sklaven waren meine Pferde, auf deren Rücken ich spazieren ritt, so oft es mir beliebte. Ich trug, als das Königskind von Dahomey, an meinem Körper nur Seide und, goldene Spangen, ich spielte mit den Schädeln erschlagener Feinde und schoß zur Kurzweil die auf Stangen gesteckten Köpfe hingerichteter Untertanen mit dem hölzernen Bogen herab.

Ach, Bob, du kennst Afrika nicht, das Paradies der Erde, den Zaubergarten, wo Blüte und Frucht an einem Zweige winken, wo nie die Natur das Feierkleid ablegt, wo ihre Schönheit ewig ist. Knospender Frühling, lachender Sommer und segensschwerer Herbst, alles zugleich, alles ganz und überreichlich, sinnenberauschend! – ach, du kennst Afrika nicht.

Die Bananen, die Tomaten, die Palmen in allen ihren Arten, die Melonen, Ananas, Feigen und Orangen, die Trauben und Granatäpfel, – sie wachsen deiner pflückenden Hand entgegen, ohne daß du zu säen oder das Feld zu bestellen brauchst; die Bambusstäbe liefern dir das Dach, unter welchem du ruhst, das Meer ist dein Badeplatz, die Sonne dein Feuer. Du bedarfst als Kleidung nur jenes Feigenblattes unserer ersten Voreltern, du kennst keine Arbeit, keine Mühe und Sorgen; das Leben ist überall Genuß, nirgends ein Kampf. – Ach, es grämt mich doch, so in der Eiswüste enden zu sollen, – es grauet mir vor dem Norden mit seinem Frost und Sturm!«

Robert schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich liebe den Norden, alter Mongo!« versetzte er, »ich liebe das Feste, Stolze, Großartige, – ich will säen, mit Schweiß und Mühe säen, bevor ich ernte, ich will nichts geschenkt haben, sondern alles erringen, verdienen, durch Kampf und Sieg dem Leben abtrotzen. Siehst du, Exkönig vom Schlaraffenland, wenn jetzt ein gedeckter Tisch hier am Wege stände, dann könnte wohl der Einfältigste sich dazu setzen und die guten Dinge übern Schnabel nehmen, nicht wahr? – Aber schau her, es gehört schon ein bißchen Geduld und Verständnis dazu, aus diesen kleinen Brustfedern, welche hier und da auf dem Boden liegen, auf den Strich zu schließen, den der Eisvogel bewohnt. Gib nur acht, ich finde bald die Nester, und dann schmeckt das mühsam Erworbene besser, als hätte es der Zufall hergeweht. – Horch, schrie nicht dort ein Vogel?«

Der Neger faßte den Stock fester in die Hand. »Ein Tier war es jedenfalls!« versetzte er.

Robert schlich auf den Zehenspitzen um die nächste Biegung des felsigen Weges herum und dann ertönte ein heller Jubelschrei, dem sich ein Kreischen, Flattern und Piepsen von zahlreichen Vogelstimmen beigesellte. »Hurra, Mongo, Hurra! Wenigstens tausend Nester, wenigstens dreitausend große Eier!« rief Robert. »Jetzt laß uns essen, und wenn jemals ein Abendbrot besser geschmeckt hat, als dieses aus rohen Eidottern und etwas Natureis, so will ich nicht – Robert heißen. Lappland soll leben!«

Er schleuderte, nachdem er das erste Ei getrunken, die zerbrochene Schale hoch in die Luft und machte sich über das zweite her. Der Neger folgte seinem Beispiel, so daß während der nächsten Minuten das Gespräch völlig stockte. Wenn eine der aufgeschreckten angstvollen Vögelmütter zu nahe herankam, so mußte der Stock aushelfen, und endlich sahen die beiden Schmausenden einander gesättigt ins Auge.

»Fühlst du jetzt neue Kräfte, Mongo?«

»Du bist ein Schlingel. Ich habe dir's ja schon früher gesagt.«

Robert lachte. »Wer schweigt oder die Antwort umgeht, der hat zugestimmt, wie du weißt, Alter. Jetzt nehmen wir noch ein paar Eier mit uns – aus jedem Nest eins, der armen Mütter wegen – und dann weiter. Ein Labetrunk glitzert ja in jeder Felsspalte.«

Er ging voran, eine lustige Seemannsmelodie pfeifend. »Komm, Mongo,« fuhr er fort, »rasch nach Afrika, dort ist's gemütlicher als hier in Lappland. Du hast mir den Palast beschrieben und deine Spielgefährten, zweibeinige sowohl als Vierfüßler; jetzt sei so gut, ein wenig von der Leibgarde zu sprechen. Gibt es Soldaten bei euch?«

Der Neger lächelte, daß seine weißen Zähne hervorschimmerten. »Amazonen, mein Junge, ein reguläres Korps von Weibern,« versetzte er. »Damit führte mein Vater Krieg und hat viele Schlachten siegreich gewonnen. Die tapferen Frauen sind, wie alle Einwohner des Königreichs, bis zum Gürtel unbekleidet, tragen aber an allen Gelenken, in Nase und Ohren Massen von Zieraten, Ketten und Spangen, Knöpfe, Glasperlen und Federschmuck. Sie führen als Waffe einen kurzen Hirschfänger, den sie mit großer Geschicklichkeit zu handhaben wissen. Ihre Musik besteht aus Trommel und Pfeife.

Wenn indessen die alljährlichen Menschenopfer beginnen, so tritt erst diese eigentümliche Garde in ihre wahre Bedeutung. Der dazu bestimmte Tag fällt nach christlicher Rechnung auf den sechsten Mai, und die Feier selbst ist wahrhaft bestialischer Natur. Hast du starke Nerven, Bob, um das anhören zu können?«

Unser Freund nickte lebhaft. »Gewiß, Mongo, da es keine Erfindungen, keine Bilder einer rohen Phantasie sind, die du mir erzählen willst, sondern ein Stück Völkerkunde, etwas wirklich Vorhandenes, so laß mich alles erfahren. Die Opfer eines heidnischen Volkes können überhaupt nicht anders als nur scheußlich und von empörender Natur gedacht werden, glaube ich.«

Der Neger seufzte. »Ja, du hast recht, Bob,« antwortete er, »scheußlich ist alles das. Aber da es dein Wunsch ist, diese Dinge kennen zu lernen, so höre weiter. Jenes Fest, von dem ich dir berichtete, wird zu Ehren Abomas, der großen Abgottsschlange, gefeiert, und zwar folgendermaßen. Der König, mein Vater, eröffnet in Person den Zug. Seine Kleidung besteht aus weiten türkischen Hosen, gelben Maroquinstiefeln, eine Unzahl verschiedenfarbiger seidener Hals- und Leibbinden und einem Dreimaster mit wallenden Straußenfedern. Ihn umgeben seine weiblichen Gardisten in einer Anzahl von etwa zweihundert gänzlich verwilderter, blutdürstiger Geschöpfe, und nun beginnt das eigentliche Opfer.

Etwas von dem mit farbiger Seide und metallenen Zieraten reichgeschmückten Thron entfernt harren hinter einer dornigen Hecke vielleicht fünfzig bis sechzig Gefangene, die schon vorher zum Tode verurteilt waren und die nun durch die Amazonen bis an den Thronsessel geschleppt werden. Bluttriefend, zerfetzt an allen Gliedern kehren diese entmenschten Furien mit ihren Opfern über die tausend spitzen Stacheln der Hecke zum Richtplatz zurück, und nun entreißt der König der ersten, welche ihm ihren Sklaven zu Füßen legt, das Schwert, um damit auf einen Schlag das Haupt des Unglücklichen vom Rumpfe zu trennen.

Ist erst einmal Blut geflossen, so beginnt eine Szene, wie sie grauenhafter nicht gedacht werden kann, wie sie sich nicht erzählen läßt, ohne den tiefsten Abscheu zu wecken. Es scheint, als ob sich eine Art von Wahnsinn des Gehirnes bemächtigt, als ob die Grenze zwischen Mensch und Tier für den Augenblick niedergerissen worden sei. Fünf Tage lang dauert das Morden, wobei die Amazonen zuletzt das warme Blut ihrer Opfer mit Branntwein vermischen und es trinken, während der gräßlich Verstümmelte noch lebend zusteht. Am sechsten Tage, nachdem Massen von Sklaven getötet worden sind, kehrt alles zur gewohnten Ruhe zurück.«

Robert hatte schweigend angehört, was der Alte erzählte. »Das übersteigt freilich alles Glaubliche,« sagte er, als jener schwieg. »Ich begreife nicht, wie sich ein Volk von seinem Herrscher dergleichen gefallen lassen kann. Ist dies das einzige Opfer, welches stattfindet?«

Der Schwarze verneinte. »Es gibt noch eine zweite heilige Schlange, Daboy genannt, und diese fordert das Opfer einer einzigen, aber der schönsten Jungfrau des Landes. Alljährlich am ersten November erläßt der König einen Befehl, daß sein Injumann oder Oberpriester die Runde macht, um das unglückliche Mädchen, welches getötet werden soll, auszuwählen. Während dieser Stunden darf kein Untertan das Haus verlassen, denn wer etwa dem Priester begegnen würde, der wäre des Todes schuldig. Das dumme, irregeleitete Volk verlöscht sogar aus Furcht gesehen zu werden, sein Feuer in den Hütten.

Um Mitternacht verläßt der Injumann einen geweihten Hain, dessen Betretung allen nicht zur geistlichen Brüderschaft gehörenden Negern auf das strengste untersagt ist. Seine Kleidung besteht aus einem langen, von schwarzem Pelz angefertigten Gewande, das wie ein Frauenrock bis auf den Fußboden herabfällt. Eine eben solche Kapuze bedeckt den Kopf, welcher mit dieser mächtigen, spitz zulaufenden und übermäßig großen Haube genau wie die Schnauze eines Bären aussieht, – die Hände stecken in Tigertatzen und vor dem Gesicht befindet sich eine ganz weiße Maske mit überlanger spitzer Nase.«

»Ha, ha, ha,« lachte Robert, außerstande, seine Heiterkeit länger im Zaum zu halten. »Der reine Polichinell, wie ich ihn in Hamburg habe auf der Straße reiten sehen, mit einem großen Knittel bewaffnet und von eben solchem Äußeren. Das ist darauf berechnet, den dummen Schwarzen Respekt einzuflößen! Nimm's nicht übel, Mongo, aber darüber mußte ich wirklich lachen.«

Der Alte gab ihm einen scherzhaften Schlag auf die Schulter. »Tu dir keinen Zwang an, mein Junge,« sagte er gutmütig. »Ich weiß ja selbst sehr wohl, daß nicht anderes dahinter steckt und daß der Injumann meines Vaters ein großer Spitzbube war, ein Gauner, der seinen Vorteil kannte und zu erfassen verstand. Er besaß auch, um für alle Fälle gerüstet zu bleiben, ein Gefolge von zehn Priestern, die ähnlich gekleidet waren und die ihn auf Schritt und Tritt begleiteten. Diese schreckliche Schar findet auf ihrem Wege jede Tür weit geöffnet, um nach dem schönsten Mädchen spähen zu können, sobald sich aber der greuliche Lärm, den alle elf einer Art von Tuba oder Trompete ohne die mindeste Übereinstimmung entlocken, von weitem hören läßt, fallen sämtliche Einwohner auf ihre Kniee und verbergen das Gesicht im Sande. Wer es nicht täte, dessen Kopf wäre verwirkt.

So zieht der Injumann bis zum nächstfolgenden Morgen durch die Straßen umher, indem er auch zur Befestigung seines Ansehens von Zeit zu Zeit in einer Hütte ein paar Menschen ermordet und mit Anbruch der Dämmerung plötzlich das erkorene Opfer packt, um es in den geheiligten Hain zu schleppen. Während er das zitternde Mädchen entführt, müssen die Eltern und sonstigen Angehörigen das Gesicht wie alle übrigen im Sande verbergen und dürfen durch keine Bewegung, keinen Laut verraten, daß sie überhaupt von dem ganzen Vorgang Kenntnis besitzen. Auch am folgenden Tage scheint kein Glied der Familie das junge Mädchen zu vermissen, wenn nicht etwa gar, wie das häufig geschieht, Vater und Mutter mit der Ehre prahlen, welche ihnen durch die Wahl des Injumann zuteil geworden.

Am dritten Tage versammelt sich das ganze Volk und mit ihm der König, am Ufer eines Flusses. Greuliche Musik begrüßt den Herrscher, das Opfer wird herbeigeführt und der Injumann, jetzt in gewöhnlicher Kleidung, naht von anderer Seite. Das Gesicht sowie der ganze Körper des unglücklichen Wesens sind bis zu den Fußspitzen herab mit Kreide dick bestrichen, so daß es selbst den Eltern unmöglich werden würde, ihr Kind zu erkennen. Langsamen, gemessenen Schrittes bewegt sich das bebende Opfer bis zu einer Bank, an welcher es in liegender Stellung befestigt wird. Der Injumann nimmt neben ihm seinen Platz und scheint mit emporgewandten Blicken auf das Volk den Segen der Gottheit herabzuflehen, worauf nach einem einzigen Schwertstreich der Kopf des Schlachtopfers in den Fluß hinabrollt. Der blutende Körper wird sorgfältig unter dem höchsten Baume auf eine Matte gelegt, wo er bleiben soll, bis ihn die Göttin Daboy in das Land der Ruhe tragt. Tatsächlich aber –«

»Bringen ihn die Priester schon in der nächsten Nacht bei Seite, um dann dem Volke von einem Wunder erzählen zu können, nicht wahr?« fragte Robert.

»So ist es, Bob!« versetzte der Neger. »Aber trotz aller dieser Abscheulichkeiten, trotzdem, daß ich unmöglich unter meinen Landsleuten noch leben und diese Greuel wieder mitmachen könnte, – liebe ich Afrika. Unter seiner Sonne möchte ich begraben liegen, seine Erde wäre mein letztes Bett und das Rauschen seiner Palmen mein Grabgesang. Es ist seltsam, aber je älter ich werde, desto heftiger packt mich das Heimweh.«

Robert seufzte für sich. Die ganze öde, vollständig tote, versteinerte Umgebung war wohl dazu angetan, die Sehnsucht nach trauten, gemütlichen Räumen, die Erinnerung an Liebe und Glück als eine Art von Schmerz erscheinen zu lassen. »Es ist doch nichts im Leben vollkommen,« dachte unser junger Freund, »alles will teuer bezahlt sein durch ein Opfer, das gebracht werden muß, ehe man es erringt.«

Und während er sich diesem Gedanken hingab, erschien vor den Blicken seiner Seele die ehrwürdige Gestalt der alten Mutter, wie sie strickend im Lederstuhl saß und ihn tröstete, wenn irgend ein Kinderleid seine Augen mit Tränen füllte, »Hat alles im Leben eine gute und eine schlimme Seite, mein Robert,« konnte sie dann wohl sagen. »Du darfst nie auf ungeteilte Freude hoffen, wenn du nicht die bitterste Täuschung erleiden willst. – Das eine, was man will, und das andere, was man muß! – so heißt es allemal.«

Stumm ging er neben seinem Gefährten eine lange Zeit dahin, bis er endlich leise fragte: »Und du warst nie wieder in deiner Heimat, Mongo?«

»Nie!« antwortete der Neger. »Nachdem ich dreißig Jahre lang Sklave gewesen, hatte ich von dem Christentum und dem Segen bürgerlicher Gesittung zuviel gesehen und die Barbarei meiner Väter zu sehr verabscheuen gelernt, um jemals wieder in Afrika leben zu können, am wenigsten als König von Dahomey, dessen Thron aus den Schädeln Erschlagener aufgebaut ist, dessen Füße die Köpfe von Sklaven als Schemel benutzen und der alljährlich diese grauenvollen Opfer begehen muß. Ich bleibe meiner Heimat fern, – eben um des Heimatgefühles willen, so seltsam das auch klingen mag.«

Robert verstand den Alten vollkommen, und ernste Gedanken wälzten sich hinter seiner jugendlichen Stirn. Wie vieles hatte er schon erkannt und wie manchen Irrtum eingesehen, obgleich doch erst anderthalb Jahre seit Beginn seiner Irrfahrten verstrichen waren! – Er dachte an den strengen, unbeugsamen Vater in diesem Augenblick mit einer Art von Rührung. Der Alte hatte wohl gewußt, wie schwer es ist, sich den Weg durch das Leben selbst zu bahnen, er wollte keineswegs sein eigenes, launenhaftes Gelüst zur Geltung bringen, wenn er des Sohnes Geschick in feste Grenzen bannte, sondern er hoffte und wünschte, dem einzigen, innig geliebten Kinde einen sicheren Hafen zu bereiten, wo ihn die Wogen des Lebens nur in leisem, gemäßigtem Anprall erreichen konnten, er wollte mit vollen Händen geben, anstatt, wie Robert geglaubt, in willkürlicher Grausamkeit rauben.

In den Augen des jungen Matrosen schimmerte es feucht, er legte den Arm um des Negers Schultern. »Du, Mongo, wollen wir da hinauf klettern, hoch hinauf, wo der Felsgrat über den Abgrund hängt – und uns hinunterstürzen? Dann hat all der Zwiespalt, innerer und äußerer, ein schnelles Ende.«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Du Wildfang, du Heißblut, wie der Augenblick mit dir durchgeht gleich einem feurigen Renner, der Peitsche und Zügel abgeworfen hat! Bist du es etwa jetzt, dem die Beschwerden der Wanderung zu groß werden?«

Robert errötete tief. »Wahrlich nicht, Mongo,« rief er, »aber du hattest mich mit deiner Erzählung ganz rappelköpfisch gemacht. Warum kann man's denn nicht zusammenfassen und festhalten, all das verschiedene Besitztum des Lebens? Warum ist das Gelingen so schwer und so unsicher? – Sieh, wenn ich ein Schneider geblieben wäre, fein still und bescheiden, anspruchslos, die Mütze in der Hand und den Buckel krumm, dann hätte ich können ein gemachter Mann werden, der sich in vier engen Pfählen die Welt träumt, Taler auf Taler legt und endlich stirbt wie eine Pflanze, die der Herbst verweht – und wenn du nach Dahomey zurückkehren wolltest, so könntest du gar ein König sein; – aber nun sag mir, warum es uns, gerade uns, von innen heraus forttreibt, da wo das Glück unserer wartet! Kannst du das Rätsel lösen, Alter?«

Der Schwarze wiegte bedächtig den Kopf. »Kalkuliere, ich kann es,« sagte er freundlich lächelnd. »Der Mensch soll sich überwinden lernen, das ist's.«

Robert schüttelte sich. »Du, dergleichen beklemmt die Brust!« antwortete er. »Paß auf, ich muß einmal einen Schrei ausstoßen, daß sich die alten Berge wundern, sonst ersticke ich!«

Er blieb stehen und streckte beide Arme aus, wie um seinen Lungen den weitesten Spielraum zu verschaffen. Dann wiederhallten die düsteren Bergesschluchten von einem langgedehnten Schrei, der als Echo noch minutenlang, erst stärker und immer schwächer werdend, in der Ferne nachklang. – Unwillkürlich horchten die beiden Wanderer, als müsse doch eine Antwort erfolgen, als müsse der Ton seine Bestimmung erreicht haben und seinen Zweck erfüllen.

Aber ringsumher schwieg alles. Die versteinerte Natur zeigte in der Felsenbrust keinen Atem, – der Wind fuhr kalt über kalte Höhen daher, sonst kein Laut, keine Lebensnähe.

Die beiden setzten ihren Weg fort. Immermehr ging es bergan, immer steiler wurde der Pfad, immer spärlicher der Pflanzenwuchs. Endlich begann der Boden zu knistern und zu krachen, – das Eis war hier nicht geschmolzen, sondern bedeckte als harte Schicht den Felsen. Nur langsam vermochten die Wanderer vorzudringen.

Am Himmel erlosch Stern nach Stern, die kalte Luft schnitt förmlich in die Lungen der beiden und raubte ihnen fast alle Kräfte. Gesprochen wurde nicht mehr.

Der Neger berührte Roberts Schulter. »Dort hinter dem Felsblock,« sagte er mit matter Stimme, – »laß uns einen Augenblick rasten. Du bist jung, Freund, aber meine Glieder versagen fast den Dienst.«

Robert nickte stumm. Er ließ den Alten sich setzen und bot ihm das letzte Ei, welches von vorhin übrig geblieben war. »Erhole dich, Mongo,« sagte er. »Ich glaube, daß dort die Sonne aufgeht, – wir werden also wenigstens bald sehen können, in welcher Umgebung wir uns befinden.«

Er erkletterte den höchsten Gipfel und beobachtete von hier aus das allmähliche Heraufziehen des Tagesgestirnes. Erst gelblich und dann in leichtes Rot übergehend, spielten breite Säume an den Wolkenrändern, Feuerschlangen ähnlich, die weiter kriechend an Fülle zunahmen und deren Licht langsam anfing, nach unten hin die Gipfel und ragenden Felskämme zu erhellen, während noch die Schluchten im tiefsten Dunkel dalagen.

Spitze nach Spitze trat scharf hervor, hier wie ein Kirchturm, schlank und vereinzelt, dort wie ein knieendes Weib, vom weiten faltigen Mantel umhüllt, und dort wieder wie eine mittelalterliche Ritterburg mit Zinnen und Türmen und hohem Söller – –

Tiefer, in jeder Minute tiefer, dringen die goldenen Sonnenstrahlen. Überall Zacken an Zacken, wohin das Auge blickt, überall Erz und Stein, wie gemeißelt die ganze Umgebung. Nur ein Adlerpaar schwebt fern am Wolkensaum dem Tagesgestirn entgegen, sonst ist es, als liege der Hauch des Todes über dieser hehren granitnen Welt. Kein Baum, kein Tier, keine Menschenwohnung, ja nicht einmal ein grünes Blatt erinnert an das Leben, wie es doch überall durch die Adern der Schöpfung pulst – –

Jetzt stand die Sonne hoch am Himmel. Robert wandte sich, um rückwärts zu blicken, und nun atmete er auf. Was dort im Tale so blau und silbern erglänzte, das war das Meer, das war seine geliebte – seine vergötterte Welt. Er breitete die Arme aus, wie in sehnsüchtigem Umfangen. »Zweimal hast du mich treulos verlassen, falscher Ozean,« dachte er, »und doch liebe ich dich, doch will ich alles daransetzen, wieder zu dir zurückzukehren. Ach, hätte ich ein Boot, das schlechteste, kleinste von allen, ich führe hinaus, bis mir ein Schiff oder eine Ansiedelung zwischen den Klippen begegnen würde, – ich wäre freier, kräftiger, als hier unter den starren Felsen!« – –

Er hob sich auf die Zehenspitzen und überschaute das wallende Element, so weit sein Auge trug, dann aber, nachdem er sich überzeugt, daß kein Schiff in der Nähe befindlich, ging er zurück zu seinem alten Kameraden, der noch immer den Kopf an die Felswand lehnte und ihn mit trübem Lächeln empfing. Robert sah mitleidig, wie grau das früher so glänzende Schwarz des Negers geworden und wie hinfällig seine Haltung.

»Auf, Mongo,« sagte er ermunternd, »hier können wir nicht bleiben, Freund, du weißt es, so gern ich dich auch schonen möchte. Sieh, das dort ist das Eismeer, also die Nordgrenze von Lappland, mithin führt der Weg durch diesen Engpaß, dem Meere gerade gegenüberliegend, nach Süden. Wir müssen ihn verfolgen, Freund, damit uns Wanderlappen begegnen, denen wir uns auf ihrem Zuge nach den Lofoten anschließen können. Auf, Mongo!«

Der Schwarze erhob sich nickend. »Du hast recht, Bob,« antwortete er, »obwohl ich doch nicht glaube, daß es uns etwas nützen wird. Aber vorerst, mein junger Freund – es ist, wie du dich ohne Zweifel erinnerst, Sonntag heute!«

Er nahm das Taschentuch, welches er an Stelle der verlorenen Mütze um den Kopf gewunden, herab, und Robert tat ein gleiches. So standen die beiden einander in jeder Beziehung so ungleichen Leidensgefährten mit entblößten Häuptern und sahen vom Felsen herab stumm in das schweigende, steinerne Tal zu ihren Füßen. Vielleicht dachten sie kaum ganz bewußt, dachten keine Worte, keine Gebete, aber dennoch hörten ihre Seelen ein Klingen wie vom Kirchenglocken, doch wendeten sich ihre Blicke langsam zur Sonne, und ein stiller, tiefer Friede kam über beide.

Unter dem blauen, weitgespannten Himmelszelt lag ja auch diese verlassene Küste, von Gottes Sonne erwärmt wurden ja auch hier ihre erstarrten Glieder, und wie einst der glühende Sand der Tropen sein Opfer herausgeben mußte, so konnten auch die Felsen des eisigen Nordens nach höherem Willen bestimmt sein, das Leben zu erhalten, dessen Ziel nicht erreicht war. – –

Robert lächelte dem Alten entgegen. »Komm,« sagte er, »nun geht's bergab. Das wird dir leichter werden.«

Mongo antwortete nicht. Nachdem die bunten Turbane geordnet worden waren, schritten beide Wandrer durch einen schmalen Felsenpaß, dessen beide Seiten sich zuweilen über ihren Köpfen berührten, in das Tal hinab und sahen nun eine unermeßliche Ebene vor sich ausgebreitet. Die Vegetation zeigte hier wieder Unmassen von Renntierflechten, aber auch schon einige kleine verkrüppelte Gebüsche, welche Robert als Kiefern erkannte, obgleich noch jegliches grüne Blatt fehlte. Er suchte zu seinem heimlichen Bedauern vergebens unter allen Ranken nach Vogelnestern, – es fand sich kein einziges.

»Mongo,« erinnerte er, »du bist gestern mit deiner Erzählung im Rückstand geblieben. Wie gerietest du in die Sklaverei der Amerikaner, Freund?«

»Durch den Krieg,« versetzte der Neger. »Ich zählte vielleicht vierzehn Jahre, als uns ein feindlicher Stamm überfiel und in einer einzigen Schlacht zu Grunde richtete. Mit etwa vierzig oder fünfzig anderen Gefangenen, Männern und Frauen, wurde ich nach Lagos geschleppt, wo ein Sklavenschiff bereit lag, uns nach Südamerika zu bringen.«

Robert horchte hoch auf. »Mongo, du sagst ein ›Sklavenschiff?‹ – gab es denn ehemals Fahrzeuge, welche für den Menschenhandel ganz besonders eingerichtet waren?«

Der Schwarze nickte. »Freilich, mein Junge. Die Kostbarkeit der Ware erforderte eine sehr sorgfältige Behandlung derselben, weshalb auch kein Fahrzeug der gesamten Handelsmarine eine solche Sauberkeit, Ordnung und Zierlichkeit aufzuweisen hatte, wie dies bei den Sklavenschiffen der Fall war. An jedem Morgen mußte das Verdeck eines solchen Schiffes mit Sand und Steinen abgekratzt werden, dann ließ der Kapitän alle einzelnen Sklaven an sich vorüber gehen und bewachte selbst die regelmäßigen Mahlzeiten seiner lebendigen Fracht. Es gab auch täglich Rum, um den Skorbut zu verhüten, aber von irgend einer Freiheit, von Menschenrechten konnte natürlich keine Rede sein.«

Robert horchte atemlos. Er vergaß Hunger und Einsamkeit, um der ganzen herben Entrüstung seiner Seele Luft zu machen. »Also zu solchen schändlichen Zwecken fanden sich Seeleute?« rief er. »Sie ließen sich Wohl gar für ihr Stillschweigen bezahlen?«

»Das will ich meinen, Bob. Die Matrosen eines Sklavenschiffes müssen Henkersdienste tun und dürfen daher keine zartfühlenderen oder hochsinnigeren Naturen sein, als es diese Mörder von Beruf gewöhnlich sind. Zuerst wird an Bord des Schiffes der Sklave vollständig entkleidet und das Haar glatt abrasiert, dann bringt man die Männer in den Raum und die Weiber in die Kajütte, während sämtliche Kinder auf dem Verdeck bleiben, wo ihnen als einziger Schutz gegen das Wetter ein Stück Segeltuch gewährt wird. Ihrer zehn essen die Unglücklichen aus einer Schüssel, und zwar immer dasjenige Gericht, welches der Stamm im freien Zustande als tägliche Speise zu genießen pflegte, ein Brei aus Reis, Mehl, Yamswurzeln oder Bohnen.

Um die ungleiche Verteilung zu vermeiden, muß das ganze Verfahren nach dem von einem Matrosen gegebenen Zeichen vor sich gehen. Bei dem ersten Wink dürfen die Schwarzen zugreifen und bei dem zweiten schlucken. So wiederholt sich das Verfahren, bis alle gesättigt sind. Es kommen aber auch Fälle vor, wo sich einzelne in der Absicht des Selbstmordes weigern, irgend eine Speise zu genießen, und diese werden dann scharf beobachtet. Meldet der Aufpasser, daß die Krankheit erfunden ist, so beeilt man sich, den scheinbar verlorenen Appetit durch die neunschwänzige Katze wieder herzustellen, scheint aber der Sklave tatsächlich leidend zu sein, so kommt er auf die Krankenliste, d. h. man hängt ihm eine Schnur mit einem Knopf um den Hals und schickt ihn in das Vorderkastell.

Wenn alle gegessen haben, so müssen sie die Hände und das Gesicht in Seewasser waschen, außerdem reinigt man ihnen dreimal wöchentlich das Innere des Mundes mit Weinessig, ebenso werden die Männer rasiert und allen die Nägel abgeschnitten, weil sie fast fortwährend, namentlich des Nachts, miteinander kämpfen.«

Robert hob fragend den Blick. »Aber weshalb, Mongo? Diese Männer hätten einig sein müssen, alle für einen und einer für alle, dann wäre es ihren Peinigern weniger leicht geworden, sie zu knechten!«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Sie waren damals, vor nahezu vierzig Jahren, nicht viel besser als Tiere,« antwortete er, »sie ließen sich mißhandeln, ohne mehr als einige seltene, von Mischlingen angefachte Aufstände zu wagen – Männer konnte man diese entnervten Geschöpfe nicht nennen, obgleich Rachsucht und Grausamkeit in jedem einzelnen schlummerten. Wie sie vor dem Injumann ihrer Heimat die Gesichter im Sande verborgen, so beugten sie vor den Weißen das Haupt und ließen sich zur Schlachtbank führen gleich zahmen Schafen oder Gänsen, die dem Todesstreich wehrlos entgegengehen.«

Robert klopfte vertraulich die Achsel des Alten. »Armer Mongo,« sagte er, »und alle diese Leiden hast auch du erduldet?«

Der Neger lächelte. » Diese, mein Bob? O ich sage dir, daß es nichts war, mich auf dem Sklavenschiff allnächtlich zu halber Länge zusammen zu krümmen, des beschränkten Raumes wegen, daß es nichts war, mich mit dem Eisenring um den Hals an die Decksplanken schließen zu lassen und am Tage mit noch einem andern Unglücksgefährten zusammen an eine fußlange Eisenstange geschmiedet zu sein, die es weder ihm noch mir erlaubte, eine schnelle, unvorhergesehene Bewegung zu machen, – nichts gegen das was ich späterhin erlebte.«

»Ach,« rief Robert, »nachdem du verkauft worden warst, Mongo?«

»Ja, Kind, zu jener Zeit. Als junger Bursche in deinem Alter, kräftig, sorglos, unbekümmert um die Zukunft, ertrug ich alle Mühseligkeiten des ungewohnten Lebens, ohne mir viel daraus zu machen, wechselte oft meine Herren, weil immer hohe Preise für mich bezahlt wurden, und erwarb mir überall Freunde, – aber späterhin kam das Unglück. Glaubst du wohl, Bob, daß ich vier Kinder besitze, – auch einen Jungen in deinem Alter! – und daß sie mir samt meiner Frau aus dem Hause weg verkauft wurden, während ich machtlos zusehen mußte, wie man sie fortschleppte, die armen Unglücklichen, Hilflosen!«

Robert stand still. Seine Augen flammten im Zorne. »Mongo!« sagte er, »Mongo! und du schlugst nicht alles tot, was dir in den Weg kam? Du ließest dir die Deinigen rauben, ohne sie zu verteidigen?«

Der Neger seufzte. »Mein Bob, das kennst du nicht!« versetzte er. »Mit mir litten noch sechzehn andere brave Männer das gleiche Schicksal, und selbst unser Gebieter, ein guter, menschenfreundlicher Herr, ging an diesem Tage blaß und traurig umher, aber er konnte nicht anders handeln als er tat, die bestehenden Verhältnisse zwangen ihn zu der unvermeidlichen Grausamkeit, welche seinem Herzen ganz fern lag. Ich würde ihm heute noch die Hand drücken, wenn er mir begegnen sollte.«

»Mongo, dem Manne, der dir Frau und Kinder verkaufte?«

»Ja, Bob, ja. Es geht im Leben nirgends mit dem Kopf durch die Wand, das habe ich dir schon so häufig gesagt, – der Mensch muß es lernen, sich in das Unabänderliche zu fügen.«

»Sieh,« fuhr er fort, »wir lebten auf einer Farm (Ansiedelung, Landgut), etwa zehn Meilen von New Orleans entfernt, und unser Gebieter behandelte uns gut, vielleicht zu gut sogar, er achtete in seinem Sklaven den Mitmenschen und war der menschenfreundlichste, liebenswürdigste Grundbesitzer der ganzen Umgebung. Jeder Neger hatte seine Hütte und sein Gärtchen, jeder durfte es wagen, frei und offen mit der Herrschaft über alles das zu sprechen, was er wünschte und worüber er sich mit Recht beklagen zu können glaubte – aber eben deshalb war auch dieser gütige und gerechte Mann von allen benachbarten Farmern gehaßt. Als ein paar Jahre des Mißwachses und verschiedener Überschwemmungen ihn in Geldverlegenheiten brachten, da fand er alle Türen verschlossen, bis endlich ein Wucherer ihn in die Krallen bekam und das schöne Grundstück mit sämtlichem toten Inventar gegen eine Fabrik in der Stadt vertauschte. Was half also alle Trauer, alle Verzweiflung, – das lebende Inventar, nämlich die Sklaven, mußte unter den Hammer, um die Umzugskosten und die der ersten Einrichtung zu decken. Wir Männer waren für die Fabrikarbeit bestimmt, aber mit den Frauen und Kindern konnte die Herrschaft in der Stadt nichts anfangen, also diese wurden verauktioniert. O, mein Bob – das war ein fürchterlicher Tag, und mehr als einmal habe ich während dieser Stunden im innersten Herzen gedacht, daß es eine schreckliche, aber gerechte Wiedervergeltung sei für die Menschenopfer von Dahomey!

Was meine Väter durch zahllose Menschenalter ihren Untertanen zugefügt, das wurde jetzt gerächt – es war zum Sterben traurig, Bob, aber doch noch besser, als wäre ich regierender König geworden und hätte das Leid über andere Herzen gebracht! –

Unser Gebieter berief uns alle zu sich. Er war so blaß wie eine frischgetünchte Wand, als er das schreckliche Urteil ausgesprochen hatte. ›Ihr wißt es, Leute,‹ sagt er, ›ich kann nicht anders. Wollte in Gottes Namen Konkurs erklären und als Squatter im Urwalde neu wieder anfangen, wenn ich damit so viele Familien vor Leid und Unglück bewahren könnte, aber was würde das nützen? Meine Gläubiger verkaufen euch doch.‹

Niemand antwortete ihm, denn da war kein einziger, der nicht gewußt hätte, daß der arme Herr die Wahrheit sprach. Einen Eigentümer mußte damals der Sklave haben, so gut wie jedes Haustier, jeder Gegenstand irgend jemand gehören muß. Es erhob sich keine Stimme, kein Widerspruch, nur ein verhaltenes Schluchzen bemerkten wir, – das kam von einem, der mit seiner alten Mutter zusammen lebte und der es nicht ertragen konnte, ruhig an den Verkauf der gebrechlichen Greisin zu denken. Unser Herr legte seine Hand über die schmerzende Stirn. ›Wenn ihr mich tötet,‹ sagte er, ›wenn ihr mich nicht lebend aus eurer Mitte laßt, – so kann ich das begreifen.‹

Und da tat es mir im Herzen leid um den unglücklichen Mann, Bob. Ich ging zu ihm, der immer gütig und freundlich gewesen, und gab ihm die Hand, ein Mensch dem andern. Und alle meine Brüder taten dasselbe.«

»Mongo, Mongo, – ich hätte ihn zwischen meinen Fäusten erwürgt!«

Der Neger sah ruhig in das glänzende Auge seines jungen Gefährten. »Weil du noch keine Besonnenheit erworben hast, mein Bob, weil du bis jetzt nur das für wahr und echt hältst, was sich wie ein Wirbelsturm Bahn bricht,« antwortete er. »Glaub mir, ich fühlte es tief genug, als sich mein Weib und meine Kinder zum letztenmal an mich hingen, aber ich trug das für mich allein, Bob, ich machte weder den Meinigen, noch dem armen Herrn das Herz schwerer, als es ohnehin schon war.«

Robert verstummte vor dieser Seelengröße des armen, unwissenden Schwarzen. Er ist mehr Fürst, als er selbst ahnt, dachte unser junger Heißsporn, solche Gesinnung muß man wahrhaft königlich nennen.

»Hast du die Deinen nie wiedergesehen, Mongo?« fragte er nach einer Pause.

»Meine älteren Söhne!« versetzte der Neger. »Sie haben mich, als später der Bürgerkrieg ausbrach, aufgesucht und dann Seite an Seite mit mir für die Freiheit des schwarzen Volkes gekämpft. Sind beide an einem Tage gefallen, die armen Jungen – ich selbst habe sie begraben.«

»Armer Mongo! – Und deine anderen Kinder, deine Frau?«

»Der Jüngste lebt. Ich sagte ja, er ist in deinem Alter und fährt zur See wie wir. Von meiner Frau und Tochter habe ich nie wieder gehört. Sie sind damals nach Matanzas verkauft und meinen Nachforschungen ganz entrückt worden.«

»Aber Mongo, wie ist es einem Menschen möglich, das alles so ruhig zu ertragen? Wahrhaftig, ich an deiner Stelle hätte –«

Der Neger lächelte. »Nun, kleiner Bob, was hättest du?«

»Ich weiß es nicht!« gestand unser Freund. »Aber gewiß ist es, daß ich niemals lernen werde, ein Unglück, etwas, das sich meinen Absichten gerade in den Weg stellt, mit Ruhe oder gar mit heiterer Ergebung zu tragen.«

Mongo sah ihn gutmütig spottend an. »Wollen's noch nicht aufgeben,« antwortete er. »Die Zeit ändert vieles und macht aus jungen Brauseköpfen ernste, verständige Männer. Wir müßten freilich erst einmal wieder aus diesen Einöden heraus und unter Menschen sein, bevor es überhaupt möglich ist, an irgend etwas anderes zu denken. Findest du nicht, daß der Boden fortwährend an Festigkeit zu verlieren scheint?«

Robert erschrak. »Mongo,« stammelte er, »du hast recht. Was bedeutet das?«

Der Neger blickte sorgenvoll über die endlose Niederung hinweg. »Es ist ein Sumpf in der Nähe!« versetzte er. »Wir wandern ihm entgegen, fürchte ich.«

»Mein Gott, – was soll dann aus uns werden?«

Der Neger schwieg, und beide gingen vorwärts, ohne auf etwas anderes zu achten, oder an anderes zu denken als nur an den Augenblick mit seiner drohenden Gefahr. Immer unsicherer wurde das Erdreich unter ihren Füßen, bis endlich die zähe Masse das fernere Vordringen unmöglich machte. Robert schleuderte einen Stein etwa zwanzig Schritte weit hinaus und schon dort spritzte der Schlamm hoch empor.

Was nun? dachte er unwillkürlich.

Mongo prüfte bedächtig beide Seiten des langgestreckten Tales. Zur Linken die ununterbrochene Felsenkette mit himmelhohen Spitzen, zur Rechten niedere Anhöhen, vielfach zerklüftet und unwegsam, aber doch die einzige Aussicht auf einen festen Fußpfad, der sich wenigstens betreten ließ, ohne tückisch, plötzlich unter den Schritten der Wandernden zu versinken und mit schwarzen Armen die Ahnungslosen hinabzuziehen in die schaurige Tiefe.

»Dorthin müssen wir uns wenden!« sagte er. »Es ist vergebens, fürchte ich, aber dennoch – laß uns das letzte versuchen.«

»Wie mich der Durst quält!« seufzte Robert. »Was gäbe ich um eine Handvoll von dem Schnee, der dort oben liegt!«

»Mir wäre ein Fuhrwerk lieber,« meinte mit dem Versuch zu scherzen der Neger. »Die alten Beine wollen nicht so recht weiter, namentlich wenn einer ein Seemann ist, der immer nur im Vorderschiff wie auf einer Präsentierschüssel einherschreitet, ohne die Kräfte anders als mit den Fäusten zu üben.«

Während dieser Unterhaltung suchten die beiden Verirrten den Rand des Sumpfes, um auf kürzestem Wege in das jenseitige Felsengebirge hinüberzugelangen. Ihre Richtung verlor dadurch den südlichen Strich und wurde etwas westlich, aber das ließ sich nicht ändern, weil eben durchaus keine Wahl blieb. Nach stundenlangem Klettern, Überspringen und Ausbiegen war endlich der Zugang jenes anderen Felsenlabyrinthes erreicht, und unsere Wanderer drangen abermals vor, ohne zu wissen wohin.

Der Hunger quälte beide, die Mattigkeit des Negers wurde immer größer und die Beschwerden des Weges von Viertelstunde zu Viertelstunde unerträglicher. Zuweilen öffnete sich unter den Füßen der Pilger plötzlich die Erde, und ein Felsspalt, ins Bodenlose hinabgähnend, zeigte sich den erschreckten Blicken, zuweilen schoß springend und stäubend ein Gießbach rechts oder links über die Klippen herab, fast erreichbar den dürstenden Lippen, nur auf Fußbreite von denselben getrennt, aber durch eine Kluft von schwindelnder Tiefe, über die kein Steg dahinführte. Robert beugte sich halb verzweifelt vor, so weit es ihm irgend möglich war, er suchte mit den Händen die silberklaren Tropfen zu erfassen, er schwebte fast mit halbem Leibe über der schwarzen Tiefe, aber ganz vergeblich. Der Wasserstaub feuchtete sein Gesicht, während er vor Durst gerade durch den Anblick des ersehnten Labsals fast rasend wurde.

»Es ist vergeblich,« seufzte er. »Laß uns weitergehen, Mongo, ich kann den Bach nicht sehen, ich sterbe beinahe vor Durst.«

Der Alte richtete sich aus seiner zusammengesunkenen Haltung wieder auf. »Daß dich nach dem kalten Wasser so verlangt,« murmelte er, »ich begreife es nicht. Mir wäre ein bißchen Wärme viel lieber. Hu, wie kalt ist es hier oben.«

Wieder ging es vorwärts, ohne daß weiter gesprochen wurde. Es schien, als sei die Lage zu ernst, zu unerträglich, um noch eine Unterhaltung zu gestatten. Nur zuweilen hustete der Schwarze, wenn ein neuer Windstoß, kälter als die früheren, über den Höhenkamm daherzog.

Die Sonne begann hinter den entfernteren Bergen zu versinken. Robert dachte mit innerem Grauen an den Einbruch der Nacht und an die Notwendigkeit, diese langen, düsteren Stunden frierend und hungernd auf den Steinen zu verbringen. Ihn schwindelte bereits, sein Kopf schmerzte, und die Neigung, zu schlafen um jeden Preis, wurde immer stärker. Er hatte die Augen schließen und alles um sich herum vergessen mögen.

»Wärme!« ächzte Mongo, »ach Wärme! Ich kann nicht weiter.«

»Wasser, Wasser, – meine Zunge klebt am Gaumen.«

»Laß uns eine Stelle suchen, wo wir sitzen können,« flüsterte matt der Neger. »Meine Füße tragen mich nicht weiter. Oder nein, Bob, geh du allein vorwärts, geh mit Gottes bestem Segen, mein Kind und überlaß mich dem Tode, der schon seine Arme nach mir ausstreckt. Du sollst nicht bei mir bleiben, hörst du.«

Robert schüttelte den Kopf. »Nimmer, Mungo, nimmer. Ehe ich dich verlasse, sterben wir miteinander. Still, still, keine Macht der Welt ändert diesen Entschluß.«

Der Alte blieb erschöpft mitten im Wege stehen. »Wie plötzlich das hereinbricht,« murmelte er. »Ich kann unmöglich weiter gehen, Bob.«

Robert zog den Arm des Negers unter den seinen. »Dort sehe ich eine Art von Vorsprung oder Plattform,« sagte er, »komm, Mongo, stütze dich auf mich. Wir wollen langsam hingehen.«

Schritt vor Schritt den taumelnden alten Mann führend, gelangte er an eine Art von Terrasse oder natürlicher Bank, vor welcher sich ein breiter Felsspalt dehnte. Was hinter diesem letzteren lag, das war ein schwarzer verwitterter Fels mit zahllosen Schluchten und Höhlungen, deren tiefes Dunkel den Wandernden unheimlich entgegengähnte.

Robert kümmerte sich nicht mehr um die nächste Umgebung. Er selbst war weit entkräfteter, als er dem Alten zugestehen wollte, und auf seinen Augenlidern lastete es wie Blei. »Das ist der Tod,« dachte er. »Hunger und Kälte drohen das Leben zu besiegen. O es wäre schrecklich, über alle Begriffe schrecklich, hier zwischen nackten Felsen zu sterben, erfrierend, verschmachtend, von aller Welt verlassen – den Raubtieren zur Beute.«

Mongo legte die todkalte Rechte auf seines jungen Freundes Achsel. »Bob,« sagte er noch einmal, »Bob, geh fort. Du mußt leben so lange als möglich, weil du jung bist, um deiner Zukunft, deiner Eltern willen. Geh, weshalb willst du mich sterben sehen?

– Noch bist du nicht hungrig genug, um mein Blut trinken zu können, – geh! – geh! –«

Robert schluchzte ohne es zu wissen, aus Schwäche. »Dein Blut, Mongo? Großer Gott, sprich nicht so schreckliche Worte! – Ich sterbe mit dir, oder wir –«

Er unterbrach sich plötzlich selbst. »Mongo, was ist das? – Ein Schatten, der sich bewegt, dort, – dort!«

Seine ausgestreckte Hand deutete auf den gegenüberliegenden Felsen. »Sieh, Mongo, ich bitte dich, sieh!«

Der Neger öffnete gleichgültig die Augen. Ein matter, seelenloser Blick streifte die bezeichnete Richtung. »Wo, Bob? Ich sehe nichts!«

Im nächsten Augenblick sanken die Wimpern bereits schwer wieder herab, das Leben schien mit schnellen Schritten zu entfliehen. Seine Lippen bebten wie die eines bewußtlosen Fieberkranken.

Roberts Herz klopfte mit verdoppelten Schlägen. Dort drüben bewegte sich ohne Zweifel ein lebendes Wesen. Schatten zuckten auf und verschwanden, er sah es deutlich – und er sah sogar noch mehr, – den Kopf eines Tieres mit geöffnetem Maule und lechzender Zunge, – er hörte heiseres Schnaufen –

»Mongo, Mongo, ein Wolf!«

Er konnte sich um den Alten nicht mehr bekümmern. Langsam erschien jetzt hinter der Felsenecke jenseits der breiten Kluft die hagere, langgestreckte Gestalt des Raubtieres. Der dicke, unförmliche Kopf, die falschen, schiefstehenden Augen, namentlich aber die heiße, rote Zunge verrieten den schlauen Feind, welcher nur vom äußersten Hunger getrieben werden kann, einen lebenden Menschen anzufallen, der dann aber auch alles an alles setzt und unerbittlich sein Opfer verfolgt, bis er es ergriffen und überwältigt hat.

Das Tier mußte halb verhungert sein, denn es bestand fast nur noch aus Haut und Knochen. Das fahlgelbe, ins Weißliche spielende Fell hing ihm schlottrig um die Rippen, und der lange, behaarte Schweif schleppte am Boden.

Fast schien es, als sei das Tier im Begriff zum Sprunge anzusetzen, dann aber zog es sich plötzlich zurück, wie im Bedenken, ob für die weite Entfernung seine Kraft ausreichen werde. Eine Art von kurzem, dem Gebell des Hundes ähnlichem Kläffen ausstoßend, beobachtete es die beiden unerwarteten Gäste seines Felsengebietes, die Menschen inmitten einer grauenvollen Wildnis.

Robert hatte alle seine Geistesgegenwart beisammen. Er maß in Gedanken die Breite der Kluft und fragte sich, ob der Angriff wahrscheinlich sei. – Wenn das Tier glücklich herüberkam, dann war er verloren, dann gab es gegen diese fürchterlichen Zähne keine Waffen.

Freilich, er hätte fliehen können, aber dann mußte er den hilflosen Alten im Stiche lassen. Kein Zweifel kam in seine Seele. »Nie, nie, und wenn ich in der nächsten Minute von den Fangzähnen der Bestie in Stücke zerrissen werde!«

Fast schien es, als sei dieser Gedanke prophetisch. Der Wolf trat auf den äußersten Rand des Felsens, setzte Vorder- und Hinterfüße so nahe als nur möglich nebeneinander und duckte sich zum gewaltigen Sprung. Ihn trieb augenscheinlich der nagende Hunger, selbst das Verzweifeltste zu unternehmen, um nur überhaupt für die knurrenden Eingeweide etwas zu erlangen.

Robert wurde immer ruhiger, je naher der entscheidende Augenblick herankam. Er wußte, was einzig ihm übrig blieb, wenn der Wolf den Sprung wagte, und er war entschlossen, sein eigenes und Mongos Leben so teuer als nur möglich zu verkaufen.

Seine Fäuste waren geballt, sein Auge begegnete dem Blick des Raubtieres.

Da erhob sich der Wolf, wie es schien zögernd, mit innerem Widerstreben zum Sprunge. Im nächsten Augenblick schwebte die dürre, gelbe Gestalt über dem Abgrund in der Luft.

Das war es, worauf Robert gewartet. Mit dem Aufgebot aller seiner Kräfte warf er die linke Faust der Bestie entgegen, während er selbst sich mit der Rechten an den Felsen klammerte. Hätte der Wolf mit Krallen oder Zähnen die jenseitige Grenze seines Standpunktes erreichen können, so würden auch selbst die vereinten Kräfte mehrerer Männer ihn von dort nicht wieder vertrieben haben, wogegen bei dem übermäßig weiten Sprung, den er wagte, schon der Stoß von Roberts Faust genügte, um ihn das Gleichgewicht verlieren zu lassen.

Sekundenlang drehte sich, mit allen Gliedern arbeitend und ringend, das große Tier in der Luft, dann stürzte es mit dumpfem Poltern, hier und da aufschlagend oder an die Wände streifend, hinab in das Bodenlose. Robert hörte ein kurzes Ächzen, einige röchelnde Töne, – und darauf wurde alles still.

Seine Hand wischte von der Stirn den Schweiß, welcher trotz des eisigkalten Windes in großen Tropfen daraufstand. Er fühlte daß er taumelte, daß seine Blicke unsicher wurden. Und was war das? – Was strömte warm über die linke Hand herab?

Blut! – Ganze Ströme von Blut. Eine tiefe Fleischwunde zog sich über die obere Fläche der Hand dahin, vielleicht von den scharfen Felszacken gerissen, vielleicht von den Zähnen der wutschnaubenden Bestie.

Unser junger Freund sah sich rasch nach dem Alten um. Was hatte vorhin der Neger gesagt: »Mein Blut möchtest du ja doch nicht trinken!« Das fiel ihm jetzt plötzlich wieder ein. Vielleicht ließ sich durch den roten, warmen Saft das fliehende Leben des Verhungernden zurückhalten, vielleicht konnte Mongo noch schlucken und sich erholen.

Er trat zu dem Betäubten, legte dessen Kopf in seinen rechten Arm und ließ von der Wunde der linken Hand das Blut auf die halbgeschlossenen Lippen träufeln. Schon bei den ersten Tropfen sah er, wie Mongo begierig sog, aber offenbar ohne das Bewußtsein dessen, was um ihn herum geschah.

»Es ist gut,« dachte Robert, »daß mich der Wolf ein wenig schrammte. So hat dieser arme alte Bursche doch ein letztes Labsal erhalten, bis seine Seele davoneilt, ihrer ewigen Bestimmung entgegen. Wir werden beide hinüberschlummern, er und ich, und schlafend erfrieren. Aber doch freut mich's, daß ich den Wolf tötete, – es muß gräßlich sein, lebend von Zähnen und Krallen zerrissen zu werden.«

Er ließ, nachdem die Wunde ausgeblutet, den Kopf des Negers sanft gegen die Felsenlehne zurücksinken und suchte selbst eine etwas bequemere Stellung. Mongos Lippen bewegten sich. »Das war gut,« murmelte er, »ach, so warm. Nun möchte ich schlafen.«

Robert lächelte, während sein Herz vor Wehmut schwoll. Er nahm in Gedanken Abschied von allen, die er liebte. Morgen mit Tagesanbruch würde das Leben entflohen sein, er fühlte es, und der nächste Wolf, welcher dann des Weges kam, konnte zwei Leichen verzehren. –

Ein Schauer überrieselte ihn. Gab es denn keine, – keine Rettung?

Aber nein, es war alles verloren. Schon der Versuch, aufzustehen und einige Schritte zu gehen, mißlang vollständig. Sobald er sich erhob, drehten die Felsen und Klüfte, ja selbst die Sterne am Himmel sich im Kreise herum – –

Und dabei fühlte er weder Frost noch Hunger, nur eine unbeschreibliche Mattigkeit, ein Verlangen nach Schlaf, das fast bis zur Betäubung gesteigert war. Er schloß die Augen und faltete die Hände. »Vater im Himmel, dir befehle ich meine Seele, – vergib mir meine Schuld und laß mich – selig auferstehn –«

Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Er fühlte sich wie auf Flaum gebettet, wie getragen, er glaubte schon in einer besseren Welt zu atmen, und aller Druck war von seiner Brust genommen. Tönten nicht dort durch die hehre Stille des Abends leise Glöckchen? Bewegte sich's nicht wie dunkle Schatten durch den Felsenpaß zur Seite des Abhanges?

Ein halblauter Anruf durchdrang die Luft. Wie Gespenster verschwanden die nächtlichen Gestalten, – ein leises Knacken wurde rings in den Felsspalten gehört.

Robert lächelte. Er wußte es jetzt, ihm hatte von der ganzen grauenvollen Wanderung durch die Steinwüste nur geträumt, – er war nicht einsam, nicht verlassen, sondern Menschen beugten sich über ihn, faßten seine Hände und redeten in fremder Sprache. Er wurde aufgehoben, ein scharfer Geruch drang in seine Nase und heiß wie fließendes Feuer lief Branntwein durch seine Kehle hinab.

Aus flüchtige Augenblicke erwachte er ganz. Im Sternenschein sah er kleine, dunkelhäutige und seltsam in Renntierfelle gekleidete Menschen um sich herum versammelt, er hörte, daß sie miteinander sprachen und fühlte die Wärme des eingeflößten Branntweins alle seine Adern durchrieseln.

»Das sind wandernde Lappen,« dachte er voll Entzücken, »gottlob! – gottlob!«

Und dann war er außerstande, länger dem Schlafe zu widerstehen. – –

Als er erwachte, strahlte die Sonne hell vom Himmel herab. Ein Dach aus Renntierfellen wölbte sich über seinem Kopfe, Felle lagen unter ihm und auf ihm, während sich Mongo an seiner Seite wohlgebettet eines festen Schlafes erfreute. Der Alte atmete ruhig, seine Farbe war nicht mehr so grau, sein ganzes Aussehen besser.

Robert schob die Felle zurück und erhob sich, um mehr zu erfahren. Als er durch eine Spalte der Zelttücher hinaustrat ins Freie, da drohten zwar die Füße noch stark mit offener Widersetzlichkeit, aber er überwand diese Schwäche und blickte um sich. Ein vollständiges Zeltlager der Wanderlappen zeigte sich seinen Blicken. Überall waren auf starke Pfähle die Renntierfelle gespannt, überall wimmelte es von den braunen Gestalten, die hin- und herliefen, um auf heißen Steinen ihre Mehlkuchen zu backen, die Renntiere zu beaufsichtigen oder zu melken, und die, welche den belebenden Saft bereits verabfolgt, hinunterzutreiben in das Tal, wo Renntierflechte und Moos wuchsen, das sich die klugen Geschöpfe selbst aufsuchten.

Nur ein mächtiges, großes Tier, ein Sechzehnender mit mehreren Glöckchen um den schlanken Hals, stand festgebunden neben einem Zelt, das etwas größer war als die übrigen. Dieses Renn (wie es die Lappen nennen) schien ausnahmsweise und gegen alle sonstige Gewohnheit als Reittier zu dienen, denn auf seinem breiten Rücken lag ein Sattel aus Leder und Wollenzeug. An den Zeltstangen hingen Zügel, Peitsche und verschiedene Geräte, während alles den äußeren Anschein der größten Armut aufwies. Die Kleidung schien bei Männern und Frauen gleich; sie bestand überall aus einem langen Pelzrock, der enge Beinkleider von demselben Stoff erkennen ließ. Dazu kam eine spitze mit Federn geschmückte Mütze und sogenannte »Komager«, d. h. selbstgefertigte plumpe Stiefel aus Renntierleder. Eine kurze Pfeife sah Robert fast zwischen aller Lippen.

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Er behielt vollständig Zeit zu dieser Umschau, da sich niemand besonders um ihn bekümmerte, sondern jeder vollauf mit dem Frühstück beschäftigt schien. Eine alte Frau, abschreckend häßlich und braun wie eine Indianerin, hockte neben einem flachen Fels, auf welchem helles Feuer loderte. Sie rührte in dem darüber hängenden eisernen Kessel und sang mit tiefem Kehltone ein Lied, dessen schwermütige Weise zu der ganzen verödeten Umgebung vortrefflich paßte. Als letztes Wort jedes Verses hörte Robert immer einen und denselben Namen »Jubinal!« –

»Das wird die Zauberin des Stammes sein,« dachte er. »Die heilt Kranke und bespricht das Vieh und liest in den Sternen. Vielleicht gehört ihr gar dieses prachtvolle Renntier mit seinen klugen Augen.«

Er streichelte den braunen Rücken, indes ihn die Alte heimlich beobachtend ansah. Dann stand sie auf und brachte ihm einen hölzernen Napf voll dampfender Milchsuppe samt Löffel. Ihre Gebärden luden ihn ein sich zu setzen und zuzulangen.

Robert übersah den schwärzlichen Rand der Schüssel und den plumpen Löffel von äußerst zweifelhafter Sauberkeit; er atmete mit wahrem Entzücken den Duft der frischen Milch. Aber das wollte er nicht allein genießen, sondern Mongo sollte es mit ihm teilen.

Er nickte lebhaften Dank und machte Miene, in das Zelt zurückzukehren, als ihn die Alte am Arm festhielt. Ihre Handbewegungen zeigten ihm, daß für seinen Begleiter noch reichlich Suppe vorhanden sei, er möge nur getrost essen.

Und so setzte er sich denn auf ein Felsstück, um das sonderbare Mahl zu beginnen. Einige der braunen Gebirgssöhne brachten ihm heiße Mehlkuchen, die er vielleicht zu Hause in Pinneberg kaum für Pickas gut genug gefunden hätte, die ihm aber, erfroren und halb verhungert wie er war, ganz köstlich mundeten.

Das Mütterchen am Herd füllte mit stillem Lächeln zum zweitenmal den großen Napf und freute sich sichtlich, als auch diese Portion hinter Roberts Lippen verschwand.

Was sie sagte klang so entschieden wie ein »Nun wirst du's aushalten, mein Söhnchen!« daß er den Sinn deutlich heraushörte und mitlachte. Seine Kräfte waren jetzt so ziemlich zurückgekehrt, sein Mut und die Neigung für abenteuerliche Erlebnisse hatten ihre Spannkraft vollständig wiedergefunden. Er ging von einer Gruppe zur anderen, versuchte überall vergeblichem deutscher oder englischer Sprache eine Unterhaltung anzuknüpfen und ließ sich endlich eine jener kurzen, verräucherten Pfeifen anbieten, die von allen geraucht wurden.

Nachdem er die Glieder der wandernden Familie einzeln begrüßt, ging er in sein Zelt zurück und sah nach dem Neger, den er schlafend verlassen. Mongo lag mit offenen Augen da und schien zu glauben, daß er träume. Ein Dach über ihm, warme Felle um ihn herum – er begriff nicht, was das alles bedeuten könne.

»Bob!« murmelte er. »Bob, wo sind wir?«

Robert lachte. »Noch auf derselben Stelle von gestern, Alter,« versetzte er fröhlich. »Die Geister des Gebirges haben uns alles Nötige hergebracht und stehen auch ferner zu unserer Verfügung. Soll ich sie dir zeigen?«

Mongo richtete sich mühsam auf. »Du sitzest bereits wieder auf dem hohen Pferd, Spitzbube,« sagte er gutmütig lächelnd. »Leih mir für ein paar Züge die Pfeife, hörst du!«

Unser Freund gab sofort das zweifelhafte Labsal dem Alten, und dieser rauchte tüchtig darauf los. »Ach,« sagte er, »das wärmt, – das tut wohl!«

Und als er eine Zeitlang wie im Nachsinnen dagelegen, indes der heiße Rauch sein Gesicht umspielte, heftete er plötzlich auf Robert einen fragenden Blick. »Du,« sagte er, »Bob, was war das gestern, was hast du mir zu trinken gegeben? Es rief mich von den Pforten des Todes wieder ins Leben zurück! – War es Branntwein aus den Flaschen der Lappen?«

Robert errötete. »Ich glaube wohl, Mongo!« versicherte er.

Da sah dieser die große, klaffende Wunde an seines jungen Gefährten Hand. »Bob,« rief er, »Bob, du sprichst die Unwahrheit, – du hast mich dein Blut trinken lassen, du guter Kerl!«

Unser Freund lachte. »Mach um Gotteswillen keine Heldentat daraus,« versetzte er in heiterem Tone. »Der Wolf hatte das Loch gerissen, also konnte ich dir wohl den angenehmen Trunk in den Mund laufen lassen! Brr! ich sollte dich eigentlich um Verzeihung bitten, Schwarzer!«

Der Neger reichte ihm matt die Hand. »Du bist ein braver, seelenguter Junge, mein Bob,« sagte er gerührt, »und wenn mein Leben auch nur das eines alten Niggers ist, – gerettet hast du's doch. Während dich die Wunde brannte, während du selbst dürstend und leidend dastandest, dachte deine Menschenliebe noch an mich, der ich dein Blut trinken konnte. Sei gesegnet dafür, du Schlingel mit dem ungestümen Sinn und dem warmen Herzen!«

Robert schüttelte die dargebotene Hand. »Und so weiter!« lachte er. »Jetzt steh nur auf, Alter und stütze dich auf mich, daß du hinauskommst in den Frühstückssalon von Felsen mit blauer Wolkendecke darüber. Draußen wächst eine warme Milchsuppe, sage ich dir, daß dein Magen verborgene Schleusen auftut und mehr vertilgen kann, als sonst in vier Mahlzeiten!«

Er half dem Alten sich zu erheben und führte ihn dann in die Sonne, wo er zitternd auf den nächsten Sitz zurücksank. »Hat mich doch verteufelt angegriffen, Bob,« murmelte er. »Bin wahrhaftig ganz hin!«

Robert sprang zurück und brachte einige Felle, die er dem Alten über die Schultern legte, und dann erschien auch das braune Weib mit der Holzschale, deren Inhalt den Neger neu belebte. Er schlürfte in langen, behaglichen Zügen. »Du,« sagte er endlich, »hat sich der Häuptling schon gezeigt, oder sahst du ihn noch nicht?«

«Welcher Häuptling, Mongo?«

»Nun, einen Anführer wird der Stamm doch haben, Kind. Und in diesem Zelt hier wohnt er.«

Seine ausgestreckte Rechte deutete auf das größere und etwas sorgfältiger hergerichtete Zelt, welches schon früher unserem Freunde aufgefallen war. »Das ist der Priester oder Anführer,« setzte er hinzu. »Dort hinter den Fellen steckt er, das kannst du mir glauben.«

»So locke ihn heraus, Mongo.«

Der Neger lächelte. »Wie leicht du umspringst mit solcher braunen Majestät, Bursche. Und nebenbei – wer kann sich in seiner Sprache verständlich machen?«

»Ja, da steckt der Knoten. Ich hoffte, daß diese braven Schmutzfinken dänisch reden würden, dann hätte ich zur Not antworten können, aber es muß mehr russisch sein, was sie zu Tage fördern, – dem Grunzen ihrer Renntiere nicht unähnlich.«

»Du junger Taugenichts, wie dir der Kamm schwillt, sobald es einigermaßen leidlich geht! – Und ich habe dich doch gestern abend beten hören – du dachtest vielleicht laut, als es schien, daß alles verloren sei.«

Robert drohte errötend dem Alten mit dem Zeigefinger. »Nun,« sagte er, »darf denn ein tüchtiger Kerl nicht mehr in der Not seinen Herrgott anrufen, ohne von solch einem bösartigen, hinterlistigen Mongo gleich belauscht zu werden? Du Erzschelm stelltest dich schlafend, um mich den Wolf allein töten zu lassen, jetzt weiß ich's.«

Der Neger sah fragend von seiner Suppenschüssel auf. »Den Wolf, Bob? Ich denke, du hast die Geschichte nur geträumt!«

»Den Geier auch!« lachte Robert. »Die blutgierige Bestie liegt dort drüben im Abgrund, und hier meine Hand zeigt die Spuren des Kampfes.«

Er hob die Wunde empor, so daß Mongo heftig erschrak. »Nun, nun,« rief er, »und damit läufst du so ruhig umher, als sei es ein Mückenstich. Aber warte, die braune Hexe dort wird gewiß irgend eine Salbe besitzen, oder ich müßte mich auf solche kluge Mütterchen nicht verstehn.«

Er erhob sich und ging langsamen Schrittes, noch schwankend wie ein Linienschiff unter vollen Segeln, auf den Herd zu und setzte sich dort neben die Alte, mit der er ein pantomimisches Gespräch anknüpfte. Freilich redeten beide, aber das konnte nicht gezählt werden, da keines das andere verstand, und dennoch mußte Mongo seinen Zweck erreicht haben, denn das Mütterchen humpelte fort, um aus einem der Zelte einen alten verrosteten Blechnapf herbeizuholen, den sie alsdann von einer dichten Staubschicht befreite, einige Splitter und Steine herauswarf, und darauf mit einem Messer den Inhalt auf ein weiches Lederläppchen strich.

»Komm her, Bob!« rief der Neger. »Laß dir die Hand verbinden!«

Robert näherte sich gehorsam. »Weiß Gott,« dachte er, »wie sich die beiden alten Menschen verständigt haben. Es muß schon so eine Art von Verwandtschaft sein, welche die braune Schmutzhexe und mein schwarzer Freund gegenseitig fühlen, anders könnte ich mir die Sache nicht erklären.«

Er ging aber doch hin und spürte auch schon sehr bald die angenehme Wirkung der Salbe. Das Brennen an den Rändern der Wunde hörte auf, die straffgespannte Haut wurde wieder weich und die Röte begann zu sinken. Mongo erklärte, daß jetzt die Sache ohne Gefahr sei. »Und wo haben wir nun den erlegten Wolf?« fragte er. »Der Bursche muß doch diesen guten Leuten sein Fell abtreten, wenn die Kluft nur einigermaßen zugänglich ist.«

Robert eilte zu der Stelle, welche ihm vom gestrigen Abend her noch deutlich erinnerlich war, und blickte in den sonnenbeleuchteten Abgrund hinab. »Da unten liegt der Räuber,« rief er, »du kannst ihn von hier aus deutlich sehen, Mongo, aber heraufholen läßt er sich nicht. In den zackigen Spalt hinein würde kein Mensch gelangen.«

Mongo lächelte. »Kein Weißer, mein Bob, aber diese Söhne der gebirgigen Wildnis verstehen das anders. Gib nur acht, was du erleben wirst.«

Er winkte einen der Lappen zu sich heran und zeigte ihm in seiner Gebärdensprache das erlegte Tier, sowie den jungen Weißen als glücklichen Besieger desselben. Der Renntierjäger schien kaum seinen Augen zu trauen. »Mit der bloßen Faust?« fragten die erstaunten Mienen. Robert nickte lachend. Er deutete in den Abgrund hinab und schüttelte den Kopf, als wolle er sagen: »Aber dorthin führt doch kein Weg?«

Der Lappe pfiff durch die Zähne. Dann besprach er sich mit einigen anderen, die neugierig herbeikamen und lebhaft durcheinander redeten. Der ganze Trupp machte sich an die Untersuchung der Felsschlucht, um zu erspähen, ob nicht ein Weg hinabführe auf den untersten Grund, aber hier war alle Mühe vergebens, – man mußte von oben hineinsteigen, oder man kam niemals dahin.

Robert bat die Leute, das Wagnis aufzugeben, fand jedoch damit nicht das geringste Gehör. Im Gegenteil, einer der gewandtesten Bursche ließ sich von den übrigen ein festes Seil um den Leib schnüren, das drei Männer in ihren Händen hielten, und kletterte dann, versehen mit einem langen, unten zugespitzten Alpenstock, von Klippe zu Klippe in die Schlucht hinein. Mehr als einmal verloren seine Füße den festen Halt, so daß er plötzlich über der schwindelnden Tiefe in freier Luft am Seil schwebte, aber ohne ein Zeichen von Hast oder Unruhe suchte er die nächste Spitze, welche ihm gestattete, darauf zu treten, ohne alle Besorgnis vertraute er den sehnigen Armen seiner Brüder, die oben das Seil hielten, und gelangte so allmählich von Stufe zu Stufe immer tiefer hinab. In der Mitte des Weges verengerte sich der Spalt dermaßen, daß es unmöglich schien, hier eine freie Bewegung auszuführen. Während der tollkühne Jäger halben Leibes in dem engen Gange stand, vermochte er nicht zu sehen, wohin seine Füße traten, sondern suchte tastend mit den Zehenspitzen nach einem erreichbaren Halt.

Oben schwieg alles. Robert und Mongo sahen einander an. »Was wird er jetzt tun?« dachten beide, ohne jedoch auch nur ein einziges Wort zu sprechen.

Der Lappe rief in seinen tiefen Kehltönen einige kurze Silben herauf, und sogleich ließen die drei Männer, welche ihn trugen, langsam Zoll um Zoll das Seil in die Tiefe hinab, bis endlich aus dem Schacht ein neuer Zuruf verkündete, daß unten der Jäger wieder festen Fuß gefaßt. Er hatte sich, frei am Seil hängend, furchtlos von den Fäusten der Obenstehenden durch dm Engpaß tragen lassen und konnte jetzt wieder klettern.

Robert klatschte unwillkürlich in die Hände. Das war mehr, als selbst ein tüchtiger Seemann, der im Toben der Elemente außenbords die Strickleitern erklettert, zu leisten vermag. Diese Ruhe, diese tollkühne Sicherheit flößten ihm hohe Achtung ein. Obgleich jedenfalls der Lappe dort unten weder lesen noch schreiben konnte, obgleich er nie in einem festen Hause gewohnt oder die Sitten wohlerzogener Menschen kennen gelernt hatte, so waren doch seine körperlichen Fähigkeiten bei weitem besser ausgebildet, als dies im Schoße der Zivilisation jemals zu geschehen pflegt. Robert bewunderte diese kaltblütige Unerschrockenheit, welche ihm ja immer als höchste Tugend des Mannes galt.

»Bravo!« rief er. »Bravo!«

Die Lappen beachteten diese Beifallsbezeugung nicht im geringsten. Sie hielten höchstwahrscheinlich die ganze Sache für ein sehr alltägliches Ereignis, und dachten nur an die Wolfshaut, welche sie um jeden Preis an sich bringen wollten. Vom Grunde der Schlucht herauf tönten jetzt wieder einige Worte, denen ein sofortiges Nachgeben des Seiles folgte. Während einer der Männer dasselbe in Händen behielt, liefen die beiden anderen fort, um ein zweites ähnliches herbeizuholen, welches alsdann auf den Felsboden der Schlucht herabgelassen wurde. Nachdem der untenstehende Jäger dies Seil an dem Körper des toten Wolfes befestigt, ließ er sich in derselben Weise wie er hinuntergekommen war auch wieder heraufbefördern, und dann machten sich alle vier darüber her, mit vereinten Kräften den Wolf heraufzuziehen.

»Siehst du!« sagte Mongo. »Ich wußte es wohl. So verbringen diese Leute das ganze Leben. Immer in Gefahr, immer auf der Jagd, kletternd und springend, die gesunden Glieder aufs Spiel setzend und den Tod verachtend, – das ist ihr Beruf. Im Sommer fangen sie auf unzugänglichen Klippen und in tief versteckten Felsenhöhlen die jungen Möwen, die Alken und Schwimmvögel, im Winter jagen sie das Renn, und zu allen Jahreszeiten kämpfen sie mit den großen Raubtieren, um doch für diese unausgesetzten Mühen und Beschwerden kaum so viel zu erringen, daß sie sich an jedem Tage satt essen können. Das ist der strenge, geizige Norden.«

Roberts Augen leuchteten. »Aber er erzieht Männer, Mongo!« versetzte er. »Im Süden eilt der Mensch von Genuß zu Genuß, die Erde gibt ihm freiwillig alles, was er gebraucht, und erschlafft ihn daher ebensowohl, wie sie ihn übermütig macht. Denke an die Menschenopfer von Dahomey, Alter, und frage dich, ob sie hier im Norden unter Männern wie diese möglich wären?«

Mongo wiegte den Kopf. »Hm, hm,« antwortete er. »Menschen werden nicht mehr abgeschlachtet, das ist sicher, aber dennoch –«

»Nun, Mongo, dennoch?« –

Der Neger hob die Hand. »Ich weiß nichts Bestimmtes,« versetzte er, »möchte indessen behaupten, daß doch diese Leute noch Heiden sind. Es gibt so kleine Zeichen dafür.«

Robert schüttelte den Kopf. »Das ist unmöglich, Alter. Seit länger als hundert Jahren sind die letzten Lappen zum Christentum bekehrt, werden getauft und konfirmiert wie nur irgend ein anderer schwedischer oder norwegischer Untertan.«

Mongo lachte. »Das wohl, mein Bob, das wohl. Sie zahlen auch Steuern und sind doch Wilde, ebenso lassen sie ihre Kinder taufen und beten doch zu Pakal und Jubinal. Ich bin im Leben gar zu oft zu Trondjhem gewesen und habe selbst mit Leuten gesprochen, die das Innere von Finnmarken bereist hatten. Dorthin gehen noch heute die Missionare ebensowohl wie nach Grönland oder Afrika.« –

Die Lappen hatten mittlerweile den toten Wolf heraufgezogen und über den Rand des Abgrundes auf die feste Erde gelegt. Das Tier war ein Riese seiner Art, fast vier Fuß lang, und mit Zähnen, die auch dem Mutigsten Furcht einflößen konnten.

»Armer Kerl!« lachte Robert, »du hofftest, halb verhungert wie du warst, auf einen fetten Braten und fandest dagegen den Tod.«

Mongo nickte. »Ging es Sheppard und Morris besser als diesem unvernünftigen Tier?« fragte er. »Sie wollten Gewalt an die Stelle des Rechts treten lassen und mußten mit ihrem eigenen Leben die Zeche bezahlen. Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.«

»Die Unglücklichen!« schauderte Robert. »Sahst du ihre Leichen, Mongo?«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Ich sah einen Hai, Bob, wie er mit grünlich schillerndem Rücken, einem glänzenden Streifen gleich, das Wasser durchschnitt und die Trümmer des gestrandeten Schiffes umschwamm. Ein Delphin glitt an ihm vorüber, ohne daß er es bemerkte, – er mußte also wohl sehr gesättigt sein.« – –

Robert antwortete nicht. Seine Blicke bewunderten die schnellen Handgriffe, mit denen der Wolf des Pelzes entkleidet und der Sehnen und Därme beraubt wurde. Als die unbrauchbaren Überreste ohne lange Umstände wieder in den Felsspalt zurückgeworfen waren, hing bald die ganze Beute an ausgespannten Seilen und ließ sich von dem scharfen Nordost vollständig austrocknen. Die Lappen gingen in den Zelten ihren verschiedenen Arbeiten nach, machten Holzschnitzwaren, verfertigten aus Renntiersehnen einen groben Zwirn und strickten Handschuhe. Die Frauen webten einen braunen Wollenstoff, aus welchem die Sommerkleider bestehen, und das alte Mütterchen kochte auf den Steinen des Herdes zum Mittagsmahl ein Stück gedörrtes Renntierfleisch, dem Zwiebeln und verschiedene Wurzeln zugesetzt wurden.

Noch immer hatte sich die Tür jenes stattlichen Zeltes nicht geöffnet.

Robert und Mongo machten sich auf, um die Ausdehnung und die nächste Umgebung des Lappenlagers in Augenschein zu nehmen. Da sie mit keinem der Männer sprechen konnten, so mußte die Verständigung über ferneres Beieinanderbleiben von selbst erfolgen. Gutmütig und harmlos, wie die armen Leute waren, schien das offenbar ihrerseits als eine ganz zweifellos ausgemachte Sache zu gelten.

Mongo sah vor einem der Zelte einen Lappen mit der Handschuhstrickerei beschäftigt auf einem Stein sitzen. Das luftige Gebäude lag etwas abseits von den übrigen, war ganz schmucklos und niedrig, dabei auch hinsichtlich der Sauberkeit noch mehr vernachlässigt, als alles, was diese Menschen umgab. Es schien als Stall zu dienen, denn aus dem Innern des kleinen Raumes drang das lustige Krähen einer Hahnenstimme bis weit in das Gebirge hinaus.

Mongo lächelte eigentümlich. »Komm,« sagte er, »laß uns einmal in dies Zelt hineinsehen. Alle anderen wurden ja unseren Blicken geöffnet, warum also dies nicht?«

Er ging mit Robert bis an die Wand aus Fellen und wäre im nächsten Augenblick eingedrungen, wenn nicht der Lappe plötzlich den Arm ausgestreckt hätte. Ein verständliches Kopfschütteln zeigte seine Weigerung, dem Begehr der Fremden Folge zu leisten. In diesem Augenblick krähte der Hahn zum zweitenmal, wobei ersichtlich der langgezogene Ton den Lappen zu erschrecken schien. Er zuckte und sah mißtrauisch empor.

Ein ungeduldiger Laut, verbunden mit dem gebieterischen Ausstrecken des Zeigefingers, machten es unseren Freunden zur Pflicht, ihre Absicht sofort aufzugeben und einen anderen Weg einzuschlagen. Mongo hatte auch alles erfahren, was er wissen wollte. »Dort werden die Opfertiere gefangen gehalten,« sagte er. »Glaub mir, der Stamm hätte sich nie so weit nach Norden hinauf verirrt, wenn nicht die Reise mit einem geheimen Zweck verbunden wäre. Diese christlich getauften und konfirmierten norwegischen Untertanen wollen einen heidnischen Götzendienst verrichten, deshalb sind sie hier.«

»O Mongo, du träumst!«

»Nichts weniger als das, mein Junge. Die Regierung verfolgt und bestraft natürlich solche Ausschreitungen, aber dennoch kann sie dieselben nicht unterdrücken, sondern nur aus dem Bereich ihrer Blicke verbannen. Hier, wo kein Dorf und keine Ansiedelung mehr steht, wo kein Baum oder Strauch wächst und kein Mensch seinen Wohnsitz aufschlagen könnte, – hier hört das Gesetz auf, ein Gesetz zu sein. Die »Saita«, d. h. der Tempel oder Opferstein Jubinals, ist in dieser unwegsamen Wüste vor allen Blicken, allen Entheiligungen und Beobachtungen wirksam beschützt. Das Opfer kann vollzogen werden, ohne die heidnische Schar straffällig zu machen, und eben deshalb wandert der Stamm auf seinem Wege zum Meer über dies wüste Gestein. Gib nur acht, wir werden die »Saita« sehr bald finden.«

Robert konnte nicht glauben, was der Neger sagte. »Aber Mongo,« wandte er ein, »wie wäre das möglich? Bedenke doch den steten Verkehr der Lappen mit den Norwegern, ihren Küstenhandel, ihre Besuche auf den Märkten von Bergen und Trondjhem! Sie sind längst schon keine Wilden mehr.«

Mongo schüttelte den Kopf. »Lappen und Lappen,« antwortete er, »das ist bedeutend verschieden. Während die Grenznachbarn des »Norrlandes« am Lyngenfjord schon beinahe als gewöhnliche norwegische Ansiedler und Viehzüchter gelten können, sind die nomadischen Stämme in den Wildnissen an der Polargrenze wieder ein ganz anderer Menschenschlag, der zu den Samojeden und Kirgisen in weit näherer Verwandtschaft steht als zu den Weißen. Du mußt bedenken, daß Norwegen von einem Ende zum anderen gemessen seine dreihundert Meilen lang ist.«

Robert nickte. »Das wußte ich nun freilich auch, Mongo,« antwortete er. »Aber woher hast du alle diese Einzelheiten erfahren?«

»Kind, ich bin seit länger als fünf Jahren ein Walfischfänger. Was soll ein solcher alter Mensch machen? In den Fabriken und Reitställen wollen die Leute einen vollkräftigen Arbeiter haben, und in den vornehmen Häusern einen jungen, gewandten Diener, – also blieb mir nichts übrig, als auf Grönlandsfahrern den Tran auszubraten, dafür taugt jeder, der nur Augen und Hände besitzt.«

»Und nun gib acht,« fuhr er fort, »dort hockt wieder eine Lappe mit kurzer Pfeife und hölzernen Stricknadeln zwischen den Fingern. Es ist die Saita, welche er bewacht.«

Mongo versuchte nicht, sich diesem zweiten Hüter bemerklich zu machen. Robert und er wandten sich seitwärts, um die ziemlich hohe Felsspitze von hinten zu überschauen. »Siehst du,« flüsterte der Neger, »dort wimmelt es von eingegrabenen Figuren und Zeichen. Das sind sogenannte ›Runensprüche‹, die aus der vorchristlichen Zeit herstammen.«

»Die will ich in der Nähe sehen!« versicherte Robert, »und müßte ich zu diesem Zweck länger als der ganze Stamm hier an Ort und Stelle bleiben. Mongo, wer hat dir das alles erzählt?«

Der Schwarze lächelte. »Bin fast sechzig Jahre alt, du Heißsporn, das vergiß nicht. Wenn einer von dieser Anzahl von Jahren gegen zwei Drittel in guten Häusern gelebt hat, viel mit Missionaren verkehrte und im allgemeinen an der Geschichte der farbigen Völkerstämme außerordentlichen Anteil nahm, so ist es kein Wunder, daß er ihre Religionsübungen, oder besser gesagt, ihren Götzendienst, genau studiert hat. Ich könnte dir voraussagen, wie lange die Lappen noch bleiben und – was dort im Innern der Felsenhöhle am letzten Abend ihres Hierseins vollzogen werden wird.«

Robert zitterte vor Neugier. »Nun, Mongo, und –?«

»Willst du es nicht lieber selbst ansehen?« lächelte der Neger.

»Gewiß. Aber wird man uns zulassen?«

»Wahrlich, nein!« lachte Mongo. »Komm, laß uns einen Zugang suchen, der von anderer Seite hinausführt. Dieser braune Geselle mit seiner rührenden Einfalt zeigt uns ja, daß hier die ›Saita‹ liegen muß.«

Die beiden Abenteurer umgingen spähend den Felsen, dessen Rückwand sich in ein Gewirre von Klippen und Schluchten verlor, den aber doch eine ziemlich breite Kluft von seiner Nachbarschaft derartig trennte, daß wenigstens kein Mensch ohne weiteres hinübergelangen konnte. Desto besser ließ sich freilich der ganze obere Raum von hier aus frei überblicken, namentlich da die hinteren Zacken und Spitzen bedeutend höher lagen als der vordere glatte Felskegel. Mongo und Robert sahen eine Art von flachem, den Boden um etwa drei Fuß überragendem natürlichen Sockel von Granit, den indessen Menschenhände geformt und abgeschliffen haben mußten, vielleicht vor tausend Jahren schon, da sich die Runensprüche als halb verwischt und zerschlissen zeigten. – In der Mitte des flachen Steines war alles schwarz überkohlt.

»Siehst du,« flüsterte Mongo, »darum die beschwerliche Reise in den höchsten Norden hinauf, wo nicht einmal Brennmaterial zu haben ist, wo die Renntiere halb verhungern und Greise und Kinder vor Kälte umkommen. Wenn der Vollmond hoch am Himmel steht, wird hier das Opferfest gefeiert.«

»Und dazu, meinst du, dient der Hahn, welcher in jener verschlossenen Hütte krähte?«

»Ein Pferd, ein Hahn und ein Habicht,« entgegnete Mongo. »Das Pferd wird hier der äußeren Verhältnisse wegen durch ein Renn ersetzt, höchstwahrscheinlich ein ganz weißes, was man sehr selten findet. Früher nahm man, anstatt dieser Tiere, Menschen, so z.B. für das große jährliche Sühnopfer deren neunundzwanzig mit einer eben so starken Anzahl von Tieren.«

»Aber das muß doch in der vorchristlichen Zeit gewesen sein, Mongo?«

»Natürlich. Die letzten Überreste dieser Greuel aber haben sich hier in der Wildnis zum Teil noch erhalten, wenn auch nur unter dem Deckmantel der gänzlichen Weltabgelegenheit und nur an Tieren verübt.«

»Mongo, hast du selbst jemals dergleichen mit angesehen?«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Außerhalb meiner Heimat nicht, Bob. Aber ich will dir Gelegenheit geben, deine Neugier zu befriedigen, indem ich das Zelt behüte und niemand hineinlasse, angeblich weil du krank seiest, – indes hier auf diesem Felsen deine Augen die Geheimnisse Jubinals und seiner Anhänger erforschen mögen. Nur laß dich nicht abfassen, Junge, sonst könnten deine Gebeine nur allzuschnell denen des Hahns und des Habichts nachwandern müssen.«

Robert lachte lustig. »Ich ein lappländisches Opfertier,« rief er. »O du lieber Gott, wenn das mein Alter gehört hätte, bei grundsätzlich alles, was außerhalb Europas liegt, für greulich heidnisches Unwesen erklärt.«

Mongo lachte mit. »Jetzt komm nur,« sagte er, »wir müssen uns doch unseren schmutzigen Gastfreunden wieder zugesellen und versuchen, ihre Arbeiten zu teilen. Auch könnte es keineswegs schaden, wenn uns ein Stück Renntierfleisch zwischen die Zähne geriete.«

Sie gingen zu den Zelten zurück, und hier sah Robert, wie mehrere Frauen beschäftigt waren, aus einem groben, selbstgewebten Stoff die verschiedensten Kleidungsstücke zuzuschneiden. Er lachte so lustig, daß die Lappländerinnen voll Erstaunen aufblickten.

»Du, Mongo,« rief er, »habe ich dir nicht die Fischgräte gezeigt, mit welcher ich mir auf meiner kubanischen Insel einen Anzug nähte? – Das war ein Lehrlingsjahr des fahrenden Schneiders, und jetzt kommt das zweite. Hochverehrte, in Schmutz getauchte, mit Tran gesalbte, mit Zwiebeln parfümierte und ohne Kenntnis der Seife oder des Handtuches herangewachsene Beherrscherin der Renntierzone,« wandte er sich dann an die rauchende, und aus kleinen, rötlichen Schlitzaugen verwundert dreinschauende Frau, »wollen Sie mir huldreichst gestatten, die Schere aus Ihren braunen Pfoten zu entwenden und Ihrer eingefrorenen Phantasie durch die Kenntnisse des deutschen Kleiderkünstlers zu Hilfe zu kommen? – Ich bin heute »Tailleur« aus Laune.«

Er nahm mit zierlichem Griff und der ernsthaftesten Miene von der Welt die Schere und begann zu Mongos großem Ergötzen den unförmlichen, sackartigen Rock der Lappländerin in ein hübsches, glattsitzendes Kleidungsstück zu verwandeln. Als er es mit großen Stichen zufammengeheftet hatte, überreichte er es der Eigentümerin, die ihm begierig auf die Finger sah und offenbar nicht erwarten konnte, den neuen Schmuck ihren Gevatterinnen zu zeigen. Sobald sie den Rock in der Hand hielt, eilte sie fort, und das Durcheinander von Frauenstimmen zeigte nur zu bald, welches Aufsehen Roberts Kunst erregt hatte. Von allen Seiten kamen die Weiber mit großen Zeugballen herbei.

»Da hast du's!« rief laut lachend der Neger. »Jetzt ist dein Urteil gesprochen, vorwitziger Bursch! Du bist nun – –«

»Leibschneider der Zwerge!« ergänzte Robert. »Hurra, das deutsche Märchen ist Wirklichkeit geworden.«

Und der nächsten herantretenden Lappländerin mit gewandter Verbeugung den Wollenstoff abnehmend, schmetterte er mit heller Stimme das bekannte Schneiderlied über die Felskuppen dahin: »Es tranken ihrer neunzig und neunmalneunundneunzig aus einem Fingerhut.« – »Hut!« riefen die Echos, »Hut!« und ganz leise, kaum vernehmbar widerhallend, in der Ferne »Hut!«

Mongo sah mit stillem Vergnügen das hübsche, lebensfrohe Gesicht und die schlanke, ebenmäßige Gestalt Roberts. »Ist ein prächtiger Kerl,« dachte er, »hat ein Herz wie ein Kind, und Mut wie ein Löwe. Jetzt sitzt er doch bei der Nähnadel, als sei er ein eingefleischter Schneider, und gestern abend hat er mit derselben Faust einen Wolf erlegt.«

Robert blinzelte ihm zu. »Weißt du, was ich im Grunde erreichen will?« fragte er. »Eine Mütze für dich und mich, Mongo. Die Taschentücher sind doch auf die Dauer unbequem. Aus diesen Abfällen aber stelle ich uns beiden ein paar tadellose Kopfbedeckungen her.«

Mongo nickte. »Soll mir sehr angenehm sein, junger Spitzbube. Kannst mich vielleicht als Altgesellen verwenden?«

»Tut mir leid, Tranbrater. Die Nähnadel ist kein Rührlöffel. Aber geh fort und stibitze mir irgendwo eine Pfeife, wenn du kannst. Diese braunen Heiden rauchen freilich Moos anstatt Tabak, glaube ich, aber in der Not frißt der Teufel Fliegen, wie du weißt. Ich möchte nicht gerne mit erfrorener Nase wieder nach Pinneberg zurückkehren.«

Mongo lachte. »Wie kommt es, daß wir so vortrefflich bei Laune sind?« fragte er.

»Hm, ich denke, weil wir nur noch wie durch ein Wunder dem Leben erhalten blieben, Alter. Am Rande der Vernichtung lernt man den Wert des Daseins erst kennen. – Schau her, das wird für deine Wolle die neue Zier. Sollen auch Ohrenklappen daran kommen?«

»Wenn du so viel Stoff auf die Seite bringen kannst, ja. Ich will einstweilen Pfeifen besorgen.«

Mongo humpelte davon und verständigte sich abermals durch Gebärden mit der Alten, die ihm zu ein Paar Pfeifen verhalf, deren eine er dem nähenden Robert zwischen die Lippen schob. »Jetzt werde ich mich nach etwas Feuchtem, Gebranntem umsehen,« fügte er hinzu. »Es ist außerordentlich frisch hier oben.«

»Du solltest unter deine Felle kriechen,« riet Robert. »Das Klima sagt dir offenbar nicht zu.«

»Nun, nun – dir vielleicht, Monsieur Naseweis?«

»Naserot, willst du sagen, Bester. Ich befinde mich übrigens ganz vortrefflich.«

»Schlingel.« – –

Und mit diesem lachend gesprochenen Worte entfernte sich der Alte, während Robert zurückblieb, von den Frauen wie von einer Herde aufgescheuchter Gänse umschnattert. Er hatte sehr bald eine tüchtige Anzahl von Röcken zugeschnitten und nähte dann tapfer darauf los, um für seinen alten Freund noch vor Anbruch der Nacht die warme Mütze fertig zu machen. Bei dieser Arbeit behielt er das Zelt des Häuptlings immer im Auge, aber ohne das Mindeste zu entdecken. Als die braune Alte das Fleischgericht für gar hielt, trug sie eine Schüssel voll davon bis vor die Tür aus Fellen und entfernte sich wieder, ohne hineingesehen oder gesprochen zu haben.

Robert beobachtete verstohlen diesen kleinen Vorgang. Was würde jetzt geschehen?

Da kam hinter den Fellen eine braune Hand zum Vorschein. Leise wurde der Holznapf nach innen gezogen.

»Sieh, du Schlingel,« dachte belustigt unser Freund. »Da sitzest du im Trocknen und pflegst die faule Haut, indes deine betörten Brüder arbeiten. Kann mir schon denken, wie die Gaukelei eingefädelt wird, – du betest und rufst Jubinals Gnade auf deinen Stamm herab, als würdige Vorbereitung für das Opferfest, nicht wahr? In der Tat aber läßt du dir's wohl sein, und hast keineswegs vergessen, eine tüchtige Flasche voll Branntwein in die geweihte Einsamkeit mit hineinzunehmen. – Will aber die Geschichte mit ansehen um jeden Preis.«

Er stand auf und näherte sich mit bittenden Gebärden der Alten am Feuer. Obgleich die Wunde, welche ihm der Wolf gerissen, auf dem Rücken seiner Hand befindlich war, so schmerzte sie ihn doch bei der Näharbeit sehr stark, und daher hoffte er auf ein wenig Salbe, die ihm das Mütterchen auch bereitwilligst verabfolgte. Ein Gericht Fleisch mit Zwiebeln erhielt er nebenbei.

»Wozu diese Leute eigentlich ihre Wohnungen haben,« dachte er. »Alles geschieht im Freien, essen, arbeiten, plaudern, kochen. Die Hütte ist nur Schlafstätte.«

Er verspeiste nicht ohne einiges Widerstreben das vorgesetzte Gericht und half dann gutmütig der Alten, die Menge von hölzernen Löffeln und Schüsseln wieder abzuwaschen. Handtücher gab es nicht, sondern jeder Napf wurde umgestülpt, und damit war alles getan, was die Reinlichkeitsbedürfnisse des Stammes erforderten.

Nachdem Robert die Mütze für den Alten vollendet, war es bereits dunkel geworden, und mehrere von den Männern gingen in die Ebene hinab, um die Renntiere herbei zu treiben. Fast alle kamen auf den bekannten schrillen Pfiff ihrer Hüter freiwillig daher getrabt und ließen sich melken, diejenigen aber, welche das Zeichen des Hirten unbeachtet ließen, wurden mit einem langen ledernen Lasso eingefangen. Robert zahlte über hundert Köpfe, darunter mindestens dreißig milchgebende Kühe, natürlich aber zu dieser Jahreszeit keine Kälber. Die ganze Herde wurde, nachdem sie gezählt worden war, ohne weiteres für die Nacht sich selber überlassen. Diese Tiere, eben so anhänglich als klug, bedürfen des Zwanges nicht, sondern folgen wie Hunde ihrem Herrn.

Nur das Reittier blieb gefesselt. Jedenfalls gehörte es dem Zauberer, der hinter seinen Zeltwänden kürzlich einen so gesunden Appetit entwickelt hatte. Robert lachte, so oft er sich der Hand erinnerte, welche den schätzbaren Napf sorgfältig in Sicherheit brachte, wahrend jedenfalls der ganze Stamm gläubig annahm, daß mit dem Inhalt des Geschirres den Göttern ein Opfer bereitet werde. Er freute sich auf den Anblick des letzteren dermaßen, daß ihm die nächste Nacht nur von Feuer und krähenden Hähnen träumte. So merkwürdig hatte er sich die Reise an den Nordpol auch in seinen kühnsten Erwartungen nicht gedacht, solches Schauspiel hatte er im Lichte des neunzehnten Jahrhunderts auch nicht einmal für möglich gehalten.

Am nächsten Morgen war seine erste Frage: »Mongo, worauf warten die braunen Gesellen, ehe sie ihre Zauberkünste beginnen?«

Der Neger kroch behaglich tiefer in die warmen Felle hinein. »Auf den Vollmond, du ungeduldiger Mensch,« sagte er. »Für heute geschieht noch nichts.«

Und so wurde es tatsächlich. Der zweite Tag verging wie der erste, Robert entwickelte seine Schneiderkünste, beobachtete das verschlossene Zelt und rauchte jenes geheimnisvolle Etwas, das er heute im höchsten Grimm gegen Mongo für Abschnitzel von Kohl oder Rüben erklärte. Die neue Mütze saß ihm keck auf einem Ohr, die großen Seestiefel hatten frischen Tranglanz erhalten und die zerrissene Jacke war mit Renntierzwirn ausgebessert worden. Beide Hände in den Taschen stand er vor dem Alten.

»Mongo, du bist in diesem Augenblick mein Spiegel!« sagte er. »Wie sehe ich aus?«

»Hm! – Wie einer, der noch manchen Klapps bekommt, ehe aus ihm ein vernünftiger Mensch wird.«

Robert lachte. »Paß auf den Mond, Schwarzer,« antwortete er. »Ich hätte große Lust, mir von einem dieser braunen Kerle ein Gewehr zu leihen und ein wenig auf die Jagd zu gehen. Länger als zwei Tage halte ich es bei der Nähnadel nicht aus.«

Mongo schüttelte den Kopf. »Und wenn du dich verirrst, Bursche?«

»Hat keine Not. Ich bin vor Anbruch der Nacht zurück. Aber Mongo, gib gut acht auf den Stand des Mondes, hörst du! Und noch eins, besorge mir durch deine braune Freundin ein Gewehr, Alter. Du und sie, ihr seid ja doch Vertraute, nicht wahr?«

»Sehr vertraut!« nickte der Neger. »Sie schenkt mir die größte Zwiebel aus dem Topf, und ich zerhacke ihr dafür das Brennholz. Dann zeigen wir uns gegenseitig, wie an den Handgelenken und in den Schultern die Gicht reißt, oder wir schaudern miteinander, wenn der Ostwind über die Berggipfel pfeift. Ja, – es ist ein entzückendes Dasein, das Leben unter dem fünfundsiebzigsten Grad nördlicher Breite.«

Robert streckte sich lang aus und warf die Arme hoch empor. »Dieser prächtige Norden,« rief er lachend, »diese Musik des Ostwindes! – Geh, Alter, geh, schmeichle mir eine Schießwaffe heraus, Gewehr oder Bogen, wenn es nur etwas ist.«

Und Mongo ging. Robert lehnte sich an den nächsten Felsen, um zu lachen, als er sah, wie der Neger das Küchenbeil nahm und es auf die Alte anlegte, um ihr seinen Wunsch begreiflich zu machen. Sie verstand sofort das Gesagte, hinkte zu einem der jungen Männer und redete mit ihm lange hin und her. Der Lappe schien zuerst das Gesuch rund abschlagen zu wollen, später aber erhob er sich und brachte mit verdrossenem Wesen eine alte Jagdflinte herbei. Der nötige Schießbedarf hing in einem kleinen Lederbeutel daran.

So ausgerüstet wanderte Robert davon. Die Luft war klar und ruhig, der Himmel blau und die Sonne heute wärmer als je vorher. An den Strand konnte unser junger Freund nicht gelangen, da dieser viel zu weit entfernt war, er mußte sich also mit einem Ausflug in die höchsten Gebirgsgegenden begnügen. Vielleicht sah er ja von dort aus in weiter Ferne das blaue, geliebte Meer, vielleicht konnte er einen Gedankengruß hinübersenden zu weißen Segeln, die langsam im Sonnenglanz dahin glitten. – –

Das Gewehr auf der Schulter ging er pfeifend weiter. Längst hatte er sich in einem Berggipfel von sonderbarer, tierähnlicher Gestalt eine Art von Wegweiser erschaffen, der ihn nicht irreleiten konnte. Sobald er das Bild in gerader Richtung vor sich sah oder demselben genau den Rücken kehrte, befand er sich dem Lappenlager gegenüber, – also mutig vorwärts in die Wildnis hinein, lustig das deutsche Lied den nordischen Felskuppen zugesungen und mit dem Echo um die Wette den Kehrreim wiederholt:

»Es zogen drei Jäger wohl auf die Birsch,
Trara! Trara!
Sie wollten erjagen den weißen Hirsch,
Trara! Trara!«

Und wie ein Chor sang das Echo »Trara! – Trara!« –

Robert lief, bis die Lungen den Dienst versagten, er kletterte über die unwegsamsten Pässe und sprang wie ein Seiltänzer von Klippe zu Klippe, nur um seinem Übermut die Zügel schießen zu lassen. Immer höher und höher hinauf trugen ihn die flinken Füße, immer weiter entfernte er sich von den Zelten der Lappen. Es war aber auch zu verlockend schön hier oben – wie in einem Tempel fast. Überall hohe Säulen, regelmäßig und großartig von der Hand der Natur zum gewaltigen Bau vereint. Hohe Bogen schwangen sich von Kuppe zu Kuppe, gedämpft fiel das Sonnenlicht in den mittleren, freien Raum und brausend wie Orgelton sang der Ost seine gehaltenen Melodien.

»Warum nicht hier oben die Saita Jubinals?« dachte er. »Kann es denn eine noch schönere Stelle geben?«

Er sah ringsumher. Kein Baum, kein Strauch, keine Spur des Lebens und doch großartig das Ganze, doch erhebend und packend zugleich der Eindruck, den es hervorbrachte. Langsam wanderte er durch das Schiff dieser natürlichen Kirche, an deren entgegengesetzter Seite ein Wasserfall mit donnerähnlichem Tosen zwischen die zerklüfteten Felsen hinabstürzte. Schäumend, Silbertropfen spritzend und ringsumher alles mit seinem Gischt umhüllend, siel die blaue Flut auf das Gestein herab. Spitze Zacken ragten daraus hervor, aber kein Zeichen verriet, wo die angesammelte Wassermasse einen Abzugskanal gefunden. Ewig sich füllend, ewig trinkend aus dem unerschöpflichen Born, der von oben herab sich ergoß, blieb dennoch das Felsental nur ein Durchgang, der keinen Tropfen des bewegten Wassers in seinem Schoße zurückbehielt.

Robert blickte staunend hinab. Wohin gelangten diese schäumenden Massen? – –

Da sah er eine kleine weiße Möwe mit grauem, perlartigem Federmantel, wie sie kreischend von oben herab in den Felsspalt mehr taumelte als flog. Die ausgebreiteten Flügel glänzten von schimmernden, unzähligen Wassertropfen, die roten Füßchen suchten auf dem, von immer neuen Sturzwellen überschütteten Gestein vergeblich einen festen Halt, und das Köpfchen duckte sich, wie in der Wahrnehmung einer Gefahr.

Im gleichen Augenblick gewahrte auch unser Freund den. Räuber, der das kleine, scheue Tierchen verfolgte. Ein riesiger Seeadler schoß herab, an der Möwe vorüber und fast in das Wasser hinein. Er hielt sich mit den scharfen Fängen auf einer vorspringenden Klippe und schien eine Weile außer Fassung, weil er sein Opfer in blinder Eile verfehlt hatte.

Die Möwe schwebte hoch in der Luft, ehe sich ihr Verfolger des Raubes versichern konnte.

Alle Jagdlust erwachte in Roberts Seele, als er den Adler so nahe bei seinem eigenen Versteck aus den Klippen sitzen sah. Gegen drei Fuß lang, von frischem Braun mit milchweißem Kopf und Hals, sowie mit hervorstehendem ganz weißem Schwanz, war der König der Lüfte ein besonders großes, sehr schönes Tier, dessen stolze Haltung und feuriges Auge ihm ein wahrhaft vornehmes, fürstliches Aussehen gaben.

Er saß auf der vorspringenden Klippe und bog den schlanken Hals, um der entfliehenden Möwe nachzusehen, dann breitete er die Flügel aus, zornig wie es schien, mit wilden Gebärden und so weit es ihm möglich war.

Robert hielt den Atem an. Über sieben Fuß mochte das Tier messen, wenn von einer äußersten Spitze zur andern gerechnet wurde, – gleich einem Riesenbildwerk, unbeweglich wie der Granit ringsumher saß es auf der schmalen Felszacke. Die Wassertropfen schleuderten spielend einen Perlenregen über das braune Gefieder herab, voll Zorn blickte das Auge der entkommenen Möwe nach.

Robert hob das schon im Beginn seiner Wanderung geladene Gewehr. Sollte er die Todesbotschaft entsenden?

Fast war es ein Mord. Das Fleisch des Adlers konnte nicht gegessen werden, – sein Leben in der pfadlosen Steinwüste schadete niemand. Mit welchem Recht durfte er die schlanke, gewölbte Brust durchbohren?

Da schien es, als wolle sich der Adler erheben und den Flug durch die Lüfte weiter verfolgen. Robert besann sich nicht länger, – es lockte ihn zu unwiderstehlich. Der Schuß krachte in zehnfaltigem Bergesecho, der Pulverdampf schwebte über der Kluft und neugierigen Blickes sah der junge Schütze hinab. Die Klippe war leer.

Er trat bis an den äußersten Rand und beugte sich vor, um besser in den sprudelnden Gischt hineinschauen zu können. An den unteren Zacken und Klippen mußte ja das getroffene Tier hängen geblieben sein, da es auf der kreisenden, schaumbedeckten Oberfläche nicht zu erblicken war. Wenigstens einige Federn, einige Blutspuren mußte er finden.

Aber ob er seine Augen noch so sehr anstrengte, ob er zwischen jede Klippe blickte und zehnmal die ganze Umgebung musternd überflog, – es zeigte sich nichts. Dahin, wo das Wasser blieb, war auch der Vogel gekommen, auf geheimnisvolle, unerklärliche Weise verschwanden beide, ohne eine Spur ihres Daseins in der zerklüfteten, verwitterten Umgebung zurückzulassen.

Robert sah kopfschüttelnd an der andern Seite des Berges herab. Er befand sich in einer Höhe von mindestens zweihundert Fuß über dem Talkessel, welcher in den Sumpf ausmündete. Vielleicht ließ sich also auf halbem Wege, in der Mitte und am Fuße des Berges, diesem seltsamen, wie ein mitternächtlicher Spuk verschwindenden Wasserfall noch weiter nachforschen. Gedacht, getan; unser junger Wagehals suchte vorsichtig kletternd einen Pfad an der ziemlich steil abfallenden Gebirgswand, deren vielfache Vorsprünge, Ecken und Plattformen seinen Füßen als Stützpunkte dienten. Ehe er tiefer eindrang, überzeugte er sich von der Möglichkeit des Rückweges, ehe er das ganze Gewicht seines Körpers auf der Fußspitze ruhen ließ, prüfte er die Haltbarkeit des Steines, auf welchen er trat. So Schritt für Schritt hinabsteigend, sah er immer unter sich, nie aber zur Seite des Weges und auf diese Weise verlor er die eingeschlagene Richtung vollständig aus den Augen. Hinter ihm, vor ihm, rechts und links türmte sich das Gebirge, überall führten stufenartige Abhänge in die Tiefe, immer mehr verloren die Sonnenstrahlen an Licht und Wärme, immer weniger Zutritt fand der Wind, und fast bis zur Unerträglichkeit steigerte sich die herrschende Kälte.

Robert bemerkte davon nichts. Seine Tollkühnheit riß ihn über alle Schranken dahin. Er wollte den erlegten Adler wiederfinden, wollte wissen, wohin das unterirdische Wasser gelangte und wie tief hinab in den Schoß der Erde ihn dieser Weg führen werde, daher kletterte er rüstig weiter, immer im Glauben, daß es leicht sein müsse, wieder hinaufzusteigen, sobald er Lust habe. Das ging ja von Stufe zu Stufe, bequem wie eine Treppe und gewiß tausendmal besser als in den schaukelnden Wanten des Schiffes.

Tiefer, immer tiefer kletterte er hinab. Dämmerung umgab seinen Blick, der Wind schwieg ganz, die Luft war kalt wie Eis.

Und jetzt stand er auf festem Boden. Vor ihm wölbte sich eine enge, finstere Halle, von granitnem Bogen überdacht, mit flachem, ebenem Fußwege. Wahrend das Innere dieser Felsenhöhle fast nächtlich dunkel erschien, zeigte am äußersten Ende derselben ein goldener Lichtschimmer, daß dort die Sonne ungehindert von oben herab ihre Strahlen entsenden konnte. Robert hielt das wieder geladene Gewehr schußgerecht in der Hand und drang mutig vor.

Die Grotte besaß nur geringe Ausdehnung. Schon nach zehn bis zwölf Schritten erweiterte sie sich bedeutend, das Tageslicht fiel voll herein und eine Art von scharfkantiger Brüstung erhob sich unmittelbar vor Roberts Füßen. Der Weg war hier plötzlich zu Ende.

Das Schauspiel aber, welches sich jetzt den Blicken des jungen Mannes darbot, war schöner und prachtvoller als alles bisher Gesehene. In einer Tiefe von vielleicht zwanzig bis dreißig Fuß lag zwischen den Felsen ein blauer See, dessen Oberfläche, glatt und regungslos wie ein Spiegel, nie vom Windhauch berührt schien, nie in zornigen Wellen gebebt hatte, nie von einem lebenden Wesen bewohnt war. Anscheinend unergründlich tief, bis ins innerste Mark der alten Erde dringend, vielleicht seine verzweigten Adern meilenweit unter dem Gebirge erstreckend, lag das Wasser gleich einem samtnen Teppich, und von allen Seiten hoben sich aus dem blauen Schoße die Felsen empor, hier in schlanken, anmutigen Formen aufsteigend, dort verworren und wild, als hatten die alten Götter der Sagenzeit im Kampfe Trümmer auf Trümmer geschleudert, als hätte die Erde unter ihren Fußtritten gebebt und wäre in tausend Scherben zerfallen, die nun als kraußverflochtenes Gewirre über- und nebeneinander lagen. Vorspringende Altane streckten sich plötzlich aus der Mauer heraus und spiegelten ihre gefälligen Formen in der darunter liegenden Flut, stumpfe Kegel hoben die wenig schönen Häupter zu Hunderten aus dem zackigen Gestein empor und umgaben eine Säule, die schlank und schmucklos wie ein Kirchturm zum Himmel ragte.

Das war eine Welt für sich, das schien nicht mehr der Erde anzugehören, – das belastete fast die sterbliche Brust.

Bis an den oberen Rand dieses tiefen, mit Wasser gefüllten Tales konnte kein menschlicher Fuß gelangen. Robert wußte, welche Bergspitze es war und daß er heute schon vergeblich gesucht hatte, sie zu erklimmen. Er befand sich im Schoße der uralten Steinriesen, in geheimnisvoller, tiefverborgener Mitte, aus der kein Ton empordrang zur Oberwelt.

Was jeden anderen erschreckt haben würde, das erfüllte ihn mit stolzer Freude. Er hob den Lauf des Gewehres langsam empor und zielte auf die schlanke Turmspitze. Wie hier im eingeschlossenen Räume der Schuß krachen mußte! – –

Und dann wälzte sich der donnerähnliche Schall an den Wänden dahin. Wie betäubender Lärm aus zehn, – zwanzig Geschützen, kaum zu ertragen, so krachte es und rollte und hallte wider. Die höchste Spitze derselben, ein Stückchen wie ein kleiner Stein, war herabgeschossen und fiel plötzlich in das stille, blaue Wasser. An den Wänden spielten kleine, weiße Schaumwellen, während inmitten des Sees die zitternden unregelmäßigen Kreise immer größer und größer wurden. Nach wenigen Minuten war alles so still wie zuvor.

Robert lud das Gewehr und hing es an dem Lederriemen wieder über seine Schulter, dann, nach einem letzten, bewundernden Rückblick, suchte er durch die Grotte den Rückweg. Erst jetzt fiel ihm ein, daß er weder den Adler, noch den weiteren Lauf des Wasserfalles gesehen hatte. Es mußte also mitten in dem Gewirre von Klippen, entweder zur Rechten oder zur Linken, auf halber Höhe des oberen Bergsturzes noch einen Zwischenraum geben, durch welchen das Wasser langsam fließend in den See gelangte und wo auch der Adler hängen geblieben war.

Diesen wollte er finden.

Vor dem ziemlich dunkeln Ausgang der Höhle erhoben sich so viele Stufen und Zacken, daß es auch einem mit der Örtlichkeit vollkommen vertrauten Besucher auf den ersten Blick unmöglich gewesen wäre, hier diejenigen herauszufinden, welche ihm vorhin als Treppe gedient hatten. Robert sah hinauf. Von allen Seiten Schluchten und Kuppen, Spalten und Engpässe, – hoch oben in weiter Ferne hier oder da ein Streifen des blauen Himmels, aber bei alle dem kein Zeichen des Weges, der ihn hierher geführt.

Noch schlug sein Herz so ruhig wie immer, aber trotzdem begann er die einzelnen Stufen des Gesteines der Reihe nach mit den Augen in Verbindung zu bringen und zu berechnen, welcher Pfad ganz bis nach oben fortgesetzt sei. Vergebens! Dieser mündete nach rechts, jener nach links, der dritte lief in eine steile, ganz glatte Wand, und der vierte zeigte Unterbrechungen, über welche kein menschlicher Fuß hätte hinwegspringen können. Robert fragte sich umsonst, wie er durch dieses Gewirre überhaupt bis auf den Boden der Schlucht hinabgelangt sei.

Aber gleichviel. Die Sache mußte auf gutes Glück hin versucht werden. Er kletterte mit der Hast der Aufregung an den nächsten Spalten empor und fühlte bald den Wind wieder um seine Stirn spielen. Jedenfalls war er höher herausgedrungen, das gab ihm neuen Mut.

Von Zeit zu Zeit prüfte er die Entfernung des Tageslichtes von seinem augenblicklichen Standpunkt. Sonderbar, – sie blieb immer die gleiche.

Wo er sich jetzt befand, war er auch vorhin nicht gewesen, dessen erinnerte er sich deutlich.

Die Zacken hörten auf und eine Art von Rinne oder Durchgang führte tiefer in den Fels hinein. Zugleich hörte Robert ein starkes Rauschen und Stürzen wie von Wasser. Ganz in seiner Nähe plätscherte es, aber gleichwohl sah er nichts. Vorsichtig weitergehend suchte er überall die Spuren des verlorenen Weges, wobei er jedoch mit leisem Grauen bemerkte, daß sich die Rinne, in welcher er vordrang, allmählich senkte.

Er kehrte um bis zu der Stelle, wo das starke Rauschen hörbar gewesen. Es tönte ununterbrochen hinter der Felswand fort, aber dennoch ließ sich kein Tropfen Wasser erspähen, dennoch war das Gestein überall vollkommen trocken und fest.

»Vielleicht,« dachte Robert, »führt dieser ausgehöhlte Pfad mit leichter Mühe bis auf den flachen Erdboden herab. Man muß es versuchen.«

Er ging weiter, bis nach einer Wanderung von fünf Minuten der Paß sich dermaßen verengte, daß er kaum noch ein Durchschlüpfen gestattete. Robert kroch vorwärts, – er maß mit sorgenvollem Blick die Höhe bis zum Erscheinen des Tageslichtes.

Aber hier erschrak er doch so sehr, daß es kalt über seinen Rücken herablief. Was er sah, war die zierliche, schlanke Spitze des turmartigen Felsens, – er befand sich sonach bedeutend unter dem Spiegel des Sees.

Einen Augenblick lang stockte das Blut in seinen Adern. Kalter Schweiß brach hervor, und seine Kniee versagten den Dienst. Das geheimnisvolle, unterirdische Wasser hatte ihn verlockt, den Zauberberg zu betreten und aus seinen verschlungenen Irrgängen den Rückweg zur Sonne, zu den Menschen vergeblich zu suchen. –

Kindheitsmärchen flatterten wie zerrissene Nebelschleier vor seinen geistigen Blicken, er dachte an Rübezahl, an den Leibschneider der Zwerge, an »Schneewittchen über den Bergen, bei den sieben Zwergen,« an den Kobold Rumpelstilzchen und all die anderen Gestalten, deren Abenteuer er so begierig gelesen, an deren Stelle er sich tausendmal gewünscht und die nicht wenig dazu beigetragen hatten, seine Phantasie, seine Wanderlust so ungewöhnlich stark zu entfalten.

Jetzt war er so ein verzauberter, gefangener Sterblicher, der dem Bann des Hexenmeisters nicht früh genug aus dem Wege ging, und hinter dessen Schritten sich die Felsen, gehorsam ihrem Herrn, leise aneinander schoben, so daß er nimmer wieder an die Oberfläche gelangte, – nimmer zurück zu den Seinen.

Ein Schauder überlief ihn. Der stille, bergestiefe See hoch über seinem Haupte, – das war eigen beklemmend und seltsam. – –

Sollte er rückwärts gehen oder vordringen?

Er entschied sich für letzteres. Vielleicht, flüsterte die Hoffnung, liegt der Ausgang ganz nahe, – vielleicht sind es nur noch wenige Schritte bis zur flachen Erde.

Und fast schien es, als sei diese Vermutung die richtige gewesen. Der schmale Schacht lief aus in ein freies, weites Tal. Robert sah sich plötzlich von dem Druck der umgebenden engen Felsmassen erlöst und jubelte laut heraus.

Aber als er näher herankam, – was war das?

Kleine Wasserlachen, glitzernd im Schein der untergehenden Sonne, hatten sich hier und da gebildet, kleine Vertiefungen waren mit bläulichem Schlamm überzogen, – ein unangenehmer Geruch wie von Schimmel und Moder erfüllte die Luft.

Robert wollte nicht glauben, was sich seinen Sinnen gebieterisch aufdrängte. Er setzte den Fuß auf die schwarze glatte Flache, – aber er tat es zögernd, vorsichtig.

Eine kleine Lache bildete sich, wo seine Sohle flüchtig geruht. Robert taumelte zurück vor Schreck – es war ein Sumpf, an dessen Rand die Felsspalte ausmündete.

Eine Art von Betäubung faßte die Sinne des jungen Mannes. Jetzt mußte er den ganzen, beschwerlichen Weg bis zur Oberfläche des festen Landes noch einmal machen, mußte wieder suchen und messen, mußte neuen Täuschungen entgegengehen.

Aber sollte sich denn der Sumpf durchaus nicht durchschreiten lassen? – Es war doch schrecklich, so ganz nahe an dem ersehnten Ziel zu stehen und es nicht erreichen zu können, nur weil der Boden unter den Füßen so tückisch versank. –

Er versuchte es noch einmal. Umsonst, ganz umsonst. Wenn er fester auftrat, so spritzte ihm das schlammige Naß entgegen.

Halb verzweifelt entschloß er sich umzukehren. Ihm graute vor dem Rauschen des unsichtbaren Wassers: er eilte so schnell als möglich an dieser Stelle vorüber und atmete auf, als er sie hinter sich hatte.

Weiter, immer weiter hinein in das vielzackige Wirrnis. Roberts Hände bluteten bereits, aber dennoch ließ er nicht ab, den früheren Pfad zu suchen. Da oben am Himmel erlosch merklich das goldene Tageslicht, – er mußte eilen, wenn ihn nicht die Nacht in diesem Felsengrabe überraschen sollte. Wieder hatte er einen Gipfel erklettert und hielt Umschau.

Keine Verbindung mit den höhergelegenen Spitzen, kein Pfad, der von einer Kuppe zur andern geführt hätte.

Robert preßte die Lippen zusammen. Er dachte nicht mehr, rechnete oder beobachtete nicht mehr. Alle seine Pulse hämmerten, zehnmal machte er denselben Weg, zehnmal kam er im Kreislauf an den eben verlassenen Ort zurück. – –

Alle Schüsse bis auf einen, den er für den Fall eines Angriffes bewahrte, sandte er in die Luft empor, um möglicherweise den Lappen ein Zeichen zu geben, niemand antwortete, niemand hatte ihn gehört.

Von Zeit zu Zeit machte er kurze Rast. Die Schläfen hämmerten von andrängendem Blut, Hände und Füße schmerzten heftig, die Lungen atmeten schwer. Wie lange noch und er würde ermattet zurücksinken, unfähig, länger diesen ebenso fruchtlosen, als gewaltigen Anstrengungen zu trotzen.

Aber solche Augenblicke der Erholung waren kurz. Getrieben von innerer Unruhe sprang er schon nach wenigen Minuten vom Felsensitz wieder auf und begann mit schwindenden Kräften den erneuten Kampf.

Und dann kam ein Augenblick, wo er sich für verloren hielt. Ein Felsblock, welcher nur lose gelegen haben mußte, – vielleicht vom Blitz einmal aus größerer Höhe herabgestürzt – ein schwerer, platter Felsblock rollte unter seinen Füßen in eine tiefe Kluft hinein und riß ihn unwiderstehlich mit sich fort. Robert schloß die Augen; er konnte nichts tun, um sich zu retten, und erwartete daher widerstandslos den letzten, vernichtenden Schlag. Auf dem Rücken liegend, das Gewehr in beiden Händen, glitt er auf dem großen Stein in die Tiefe hinab.

Aber diesmal sollte ihm kein Schade geschehen. Als der Block auf Klippen und Spitzen einen Halt gefunden, konnte sich Robert unversehrt von seinem harten Sitz erheben; er war tüchtig durchgerüttelt und hatte die Kniee geschunden, im übrigen jedoch schien der plötzliche Sturz keine schlimmen Folgen gehabt zu haben.

Robert überblickte wieder die Gegend. Es war kaum mehr Tag und keine Zeit zu verlieren, wenn er noch einen Versuch machen wollte, das Lager der Lappen vor Einbruch vollständiger Dunkelheit zu erreichen. Vorsichtig stieg er am nächsten Felsgrat wieder empor.

Und da – o Glück! Da rauschte der Wasserfall in seiner unmittelbaren Nähe, da stand er wieder in dem tempelartigen Raum, von wo aus er vor drei langen, fürchterlichen Stunden die Wanderung in das Innere des Berges unternommen.

Jetzt erst vergönnte er sich eine längere Rast, um aufzuatmen. Der Rückweg war gesichert, die Zeit, wo ihn Mongo erwarten mußte, noch nicht überschritten, und die Richtung des Lappenlagers leicht gefunden. Zwischen den Bergen, wo die Zelte standen, brannte ein Feuer, das durch die Dämmerung erkennbar herüberschimmerte.

Robert trocknete den Schweiß von der Stirn. Ein Gefühl, als habe er vermessen gehandelt und abermals Gott herausgefordert, bemächtigte sich seiner Seele. Wie wunderbar hatte ihn der fallende Stein gerade in dem Augenblick, wo er sich verloren wähnte, gerettet! – Wie wunderbar fügte es sich, daß er gerade dahin gleiten mußte, wo er über die unübersteigliche Kluft zur Brücke wurde, auf der Roberts Füße mit Sicherheit ruhen konnten!

»Ich will vorsichtiger werden,« dachte unser junger Freund, »und – ich will dem Alten von der ganzen Geschichte kein Wort erzählen. Wenn ich zu ungestüm vorwärts ging, so habe ich auch ein paar böse Stunden dafür erlitten, deshalb kümmert es keinen, als nur den lieben Herrgott und mich selbst.«

Er machte sich auf den Heimweg, ohne die ernste Stimmung abschütteln zu können. Solche Stunden, wie die im Schoße verschlungener und pfadloser Gebirge, solche Stunden voll Einsamkeit und steter Todesnähe hinterlassen in dem aufgeschreckten Herzen ihre Spuren, die nicht so ganz leicht wieder verwischt werden.

Als Robert mit langsamen Schritten die äußere Umgebung des Lagers betrat, kam ihm Mongo entgegen. »Pst, mein Bob, sprich mit niemand,« flüsterte er. »laß mich nur das Gewehr abgeben und geh du gleich in unser Zelt. Wenn mich nicht alle Zeichen trügen, so wird in dieser Nacht das Opferfest gefeiert werden, wahrscheinlich beschleunigt um unserer Nähe willen. Ich habe so meine Beobachtungen gemacht.«

Robert fühlte sich von den Worten des Alten ganz eigentümlich berührt. Gerade in dieser Nacht einer so wunderbaren Rettung aus höchster Not sollte er also einem Gottesdienst beiwohnen, der, wenn auch immerhin nur heidnisches Zauberwesen, doch der Verehrung des Ewigen galt! – Er konnte nicht mehr lachen, als er des bevorstehenden Schauspiels dachte.

»Heute, Mongo?« stammelte er. »Das kommt früher, als du erwartetest.«

Der Neger rieb fröstelnd die Hände. »Schadet ja nicht, mein Bob,« versetzte er. »Um so eher machen wir uns auf nach dem Süden, – nach Bergen, wo sich für uns beide schon eine Heuer finden wird.«

Über Roberts Gesicht flog plötzlicher Purpur. »Eine Heuer!« wiederholte er, »ach, Mongo, wenn wir erst wieder Schiffsplanken unter den Füßen fühlen!«

»Will mich auch von Herzen freuen, sobald es heißt: Anker herauf!« versetzte der Alte. »Aber jetzt geh du nur in unser Zelt, mein Junge.«

Robert verschwand, und der Neger brachte das Gewehr zurück, wofür er einige Mehlkuchen und einen Napf mit Milch von der alten Frau eintauschte. Robert fühlte indessen durchaus keine Eßlust, sondern konnte noch immer den erhaltenen mächtigen Eindruck nicht wieder verbannen, so daß endlich Mongo die veränderte Stimmung seines jungen Freundes bemerken mußte. »Hast du eigentlich nichts geschossen, Junge?« fragte er. »Das Gewehr war doch mehr als einmal zu hören.«

Unser Freund errötete stark. »Ich habe einen Adler erlegt, Mongo, ein prachtvolles Tier, aber – der Körper fiel zwischen die Klippen, ich konnte ihn nicht erreichen.«

»So wollen wir morgen, wenn dazu noch Zeit bleibt, miteinander hingehen, Bob. Es wäre doch hübsch, als Andenken an diese Eiswüste einen Adlerflügel mitzunehmen.«

Robert schüttelte den Kopf. »Ich habe es versucht, Mongo, – dahin, wo das tote Tier liegt, führt kein Weg. Überall feste granitne Wände, Jahrtausende altes Gestein, und doch rauscht in nächster Nähe der unsichtbare Wasserfall. Weißt du, ich glaube, daß viele dieser Felsen hohl oder doch von Einschnitten durchkreuzt sind.«

Der Alte nickte. »Natürlich. Bob, woher kämen sonst die Sagen und Märchen von den Bewohnern unterirdischer Felshöhlen? – Hier zu Lande hausen die »Trollen« (Berghexen) in jedem Gebirge.«

In Roberts Seele stammte bei diesen Worten des Negers der alte trotzige Übermut auf Augenblicke heiß empor. »Mit noch zwölf oder zwanzig tüchtigen Männern, mit Leitern und Stricken und Lebensmitteln versehen, möchte ich die Geheimnisse dieser Felsen ergründen,« rief er, »möchte mir den Durchgang erzwingen, wo sie ihn verweigern, und überall auf den Grund sehen!«

Mongo lächelte freundlich, wie das gereifte Alter gegenüber dem jugendlichen Ungestüm zu lächeln Pflegt. »Überall mein Bob?« wiederholte er, »glaubst du das wirklich? Denkst du, daß dir vorbehalten sei, was Tausende vergeblich mit ihren besten Kräften erprobten?«

Roberts Herz klopfte heftig. »Und warum nicht, Mongo? Einer kann nur der erste sein, das mußt du zugeben. Wenn vielleicht tausend Jahre vor meiner Geburt schon ein verzweifelter, ruheloser Forscher das Rauschen dieses unsichtbaren Falles hörte, und rechts und links, oben und unten, in allen Spalten, allen Klüften das versteckte Wasser suchte, wenn Fieber seine Adern durchströmte und wenn er zehnmal vergeblich dem Tode trotzte, um das Geheimnis zu durchdringen, – ist es darum gesagt, daß kein Sterblicher mehr Glück haben soll als er?«

Mongo beugte sich in der Dunkelheit des Zeltes weit vor und beleuchtete mit der kurzen Pfeife das blasse Gesicht des anderen. »Und glaubst du,« fragte er langsam betonend, »daß es ein so großer Gewinn sein würde, das Innere dieses einen Felsens kennen zu lernen? – Tausende bleiben unerforscht, Rätsel reiht sich an Rätsel, indes du alt wirst, mein Bob, indes andere dir vorauseilen und ernten, wo du säetest. Denk an die Nordpolfahrer, an ihre ungeheuren Anstrengungen bis herab auf unsere Tage. Keiner hat das Ziel erreicht, keiner wird es erreichen, aber viele hundert brave Männer wurden ein Opfer ihres Wissensdurstes, – sie starben, sozusagen an den Pforten des Schöpfungsgeheimnisses, das zu durchdringen dem Menschen nicht bestimmt ist; sie starben mit der verhängnisvollen unerfüllbaren Sehnsucht, einen Schleier zu heben, der ihren Händen entrückt wurde, als sie ihn zu erfassen glaubten.«

Roberts Augen glühten im inneren Feuer. »So wolltest du sagen, daß das Leben zu viel wert wäre, um es für die Ergründung verborgener Tiefen der Natur und des Wissens daranzusetzen, Mongo? Sollten tüchtige Männer, so lange noch ein Fleck Erde unbekannt und unerforscht daliegt, die Hände müßig falten und denken: vielleicht hätte ich bei der Sache meinen persönlichen Schaden?«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Nein,« antwortete er, »nein, gewiß nicht, mein Bob. Aber es ist ein Unterschied zwischen besonnener Forschung und dem Ungestüm, der Gott versucht, indem er alle Schranken niederreißt und kecklich sagt: Ich will!«

Robert schob den hölzernen Napf zur Seite und warf sich der Länge nach auf die Renntierfelle. »Mongo,« seufzte er, »und doch gibt es auf Erden keine größere Seligkeit, als im Bewußtsein feiner Kraft sagen zu können: Ich will!«

Er wiederholte wie in einer Art von Rausch die letzten Worte: »Ich will!«

Eine Pause des Schweigens verging, dann fragte plötzlich der Alte: »Kennst du die Geschichte vom König Belsazar, mein Junge?«

»Nein. Was war's mit ihm, Mongo?«

»Nun, er lebte herrlich und in Freuden, ohne sich um göttliche oder menschliche Gesetze zu bekümmern, nur wie er wollte, und eines Tages sogar, als er erhitzt vom Wein seines Übermutes kein Ende mehr wußte, da schrieb er an die Wand des Saales die kecken Worte »Jehovah, dir künd' ich auf ewig Hohn, ich bin der König von Babylon.« – Aber was geschah plötzlich, indes seine Schranzen und Speichellecker Beifall klatschten? Eine Hand erschien an der Mauer und verwischte die Schrift, nicht einmal, sondern immer wieder, so oft der König den frevlen Ausspruch erneuerte.

Noch in derselben Nacht ermordeten bestochene Diener den Tyrannen.«

»Sieh, mein Bob,« fuhr der Alte fort, »das paßt auf dich und paßt auch wieder nicht. Du bist ein braver Kerl, aber ein Tollkopf, der das Eisen biegen und mit dem Leben spielen möchte. Die unheimliche Hand, welche dem Belsazar Halt gebot, täte auch dir manchmal gut.«

Robert antwortete nichts. Hatte der kluge, alte Mann mit dem schwarzen Gesicht und dem weißen Haar doch tiefer gesehen, als er ihm verstatten wollte? Hatte er in seinem Herzen die verborgene Unruhe gelesen?

Fast schien es so, denn Mongo kam auf das Gespräch nicht wieder zurück. Er sah durch die Spalten der Felle und prüfte ringsum die stille Umgebung. »Es ist Zeit, Junge,« flüsterte er dann. »Mach, daß du hinkommst, schleiche dich vorsichtig auf dem Nebenwege zum Felsen und laß mich sorgen, daß niemand hier eindringt. Die Kerle sind alle verschwunden.«

Robert erhob sich hastig vom Lager. »Auf Wiedersehn!« gab er zurück. »Das Opfer möchte ich um keinen Preis verfehlen.«

Mongo legte die Hand auf seinen Arm. »Aber wenn sie dich entdecken sollten, Bob – du kennst mich! Sobald ich dich rufen höre, antwortet dir das Kriegsgeschrei von Dahomey, und dein Freund kommt mit dem Holzbeil seiner liebenswürdigen Vertrauten, welches er zu diesem Zweck schon in Sicherheit brachte. Dort unter den Fellen liegt es.«

Robert lachte. »Bist ein Querkopf, Alter,« fügte er, »ein richtiger Moralprediger, aber das Herz hast du auf dem rechten Fleck und ich glaube die Faust auch. Möchte mich mit dir, trotz deiner sechzig, nicht erzürnen.«

Der Neger schmunzelte zufrieden. »Kalkuliere, daß du recht hast, Junge. Und war doch vor Mangel und Kälte schon fast umgekommen, wäre längst ein toter Mann, wenn mich nicht dein warmes, junges Blut am Leben erhalten hätte!«

Robert knöpfte die Jacke von oben bis unten übereinander. »Das stimmt, Mongo, aber wo wäre ich, wenn mich nicht dein schwarzer Arm aus dem Wasser gezogen hätte?«

»Im Haifischmagen, junger Spitzbube. Mach, daß du fortkommst.«

Sie trennten sich lachend, und Robert schlich davon; um auf Umwegen an jenen Felsen zu gelangen, von wo aus man die Opferstätte bequem überblicken konnte. Als er näher herankam, zeigte es sich, daß der ganze Stamm mit Ausnahme seiner weiblichen Angehörigen bereits versammelt war, und daß auf dem Felsen, der zur Feier dieses seltsamen Gottesdienstes ausersehen worden, schon ein helles Feuer brannte.

Die Beleuchtung war an diesem Abend nur gerade hell genug, um die benachbarten Zinnen und Kuppen in dunklen Umrissen von dem herrschenden Dämmergrau der späten Stunde abzuzeichnen. Wie ebenso viele Riesenwächter, Ungeheuer aus der Fabelzeit, erhoben rings die alten Berge ihre Häupter, von Wolken verschleiert stand inmitten seines Sternengefolges der Mond am Himmel, und zu Füßen des Opfersteines, neben jenen Runensprüchen ferner Jahrhunderte, scharten sich die dunklen, pelzbekleideten Söhne der Wildnis, um mit entblößten Stirnen ehrfurchtsvoll schweigend ihre Andacht zu verrichten.

Wahrscheinlich hatte der größere Teil derselben daheim im Winterquartier in der kleinen, hölzernen Kirche aus der Hand des wandernden Missionars die Christentaufe und später den Segen der Konfirmation empfangen, aber dennoch betete das Herz zu Jubinal, wie es die Voreltern getan und wie es dem ersten Erwachen des Kindes von Vater und Mutter schon heimlich eingeprägt worden war. Die Christen, d.h. die Skandinavier, hatten Schritt um Schritt das Gebiet der Ureinwohner erobert und sie zurückgetrieben in die unwegsame Steinwüste, sie geknechtet und verachtet, – wie konnte also ihre aufgedrängte Religion die gekränkten Herzen für sich gewinnen?

Heimlich waren es Jubinal und Tiermer, Storjunkar und Peime, die sie auch selbst in den schmucklosen Tempeln verehrten, welche ihnen die Regierung zu Stockholm in ihre Dörfer hineinbauen ließ.

Robert konnte sich bis an die äußerste Brüstung vorwagen und alles überblicken, ohne selbst gesehen zu werden. Das erste was er bemerkte, waren die für das Opfer ausersehenen Tiere, ein weißes Renntierkalb, ein Habicht und ein Hahn, ersteres von einem der Lappen am Seil gehalten und letztere in Körben aus Weidengeflecht. Auch der Zauberer war zugegen, nur konnte ihm Robert seiner Stellung wegen nicht ins Gesicht sehen, sondern gewahrte nur eine Gestalt, die sich in nichts von der der übrigen Männer unterschied, weißes spärliches Haar und ein langes Gewand, das, mit schwarzen Pelzstreifen besetzt, aus dem Fell eines Eisbären gefertigt schien. Den Kopf bedeckte eine übergroße, spitze Mütze, aus Federn und Bast künstlich geflochten und mit Muscheln geschmückt.

In der Hand trug dieser Mann ein großes, blitzendes Messer.

Vor ihm loderte jetzt das von mächtigen Holzblöcken unterhaltene Feuer hoch empor, während er selbst in unbeweglichem Stillschweigen verharrte, und erst nachdem er offenbar ein stummes Gebet beendet, plötzlich das Messer auf den nächsten Felsen legte, um sich mit erhobenen Händen einer bestimmten Stelle in der Steinwand zu nähern. Ein kräftiger Griff schob zwei der kleineren Blöcke langsam zur Seite, – es zeigte sich eine hinter denselben verborgene, finstere Kluft.

Sobald die Sterne wichen, waren sämtliche Lappen auf ihre Kniee gesunken und hatten das Gesicht in den Händen verborgen, als fürchteten sie die körperliche Nähe eines höheren, allmächtigen Wesens, das vielleicht imstande war, sie durch einen einzigen Blick zu töten oder ihre verborgensten Sünden auf der Stirn zu lesen.

Der Zauberer nahm aus dem dunklen Raume eine seltsam geformte, steinerne Puppe von der Größe eines sechsjährigen Kindes und nur den Rumpf darstellend, ohne Arme oder Beine. Uralt, verwittert und grau, war die Gestalt plump behauen, mit einem Kopf, der ohne Hals in gleicher Breite der Schultern aus dem Körper herauswuchs. Das Gesicht zeigte sich abschreckend häßlich, während in der Gegend der rechten Achselhöhle aus dem armlosen Rumpf ein kleiner, stumpfer Hammer hervorragte.

Diesen Götzen setzte der Opfernde mit allen Zeichen der höchsten Ehrfurcht und Vorsicht auf die Mitte der Tischplatte. Dann, nachdem er lange stumm in das häßliche Antlitz gesehen, erhob er den Blick und sprach laut zu den Versammelten einige Worte, die Robert natürlich nicht verstand, die aber offenbar andeuten sollten, daß sich Jubinal in gnädiger Stimmung befinde und daß es seine Verehrer wagen dürften, ihr Antlitz zu erheben.

Robert bemerkte auch sehr bald, wie einer nach dem anderen schüchtern emporsah, wie sich diese, in stündlicher Todesgefahr aufgewachsenen, stündlich mit allen Schrecken der Wildnis ringenden Männer scheu aneinander drängten, wie sie kaum zu atmen, kaum die Köpfe zu erheben wagten, weil eine unförmliche Steinpuppe vor ihnen auf dem Felsentisch stand.

Dann griff der Zauberer zu dem blanken Messer. Ein Wink brachte die Opfertiere in seine Nähe. Zuerst schnitt er dem weißen Kälbchen die Stirnhaare ab, ebenso dem Hahn und dem Habicht die kleinen Federn über den Augen, darauf warf er alle diese Dinge in das Feuer, welches sie knisternd verzehrte.

Hierauf zog er aus den Taschen seines weiten Gewandes eine Handvoll Gerstenkörner und bestreute mit denselben alle drei Tiere, worauf dann das Abschlachten seinen Anfang nahm. Eine Kufe von Holz stand bereit, das Blut aufzufangen, mehrere Männer hielten die zuckenden Glieder der Opfer, und nach wenigen Minuten war dieser vorbereitende Teil des Festes lautlos vorübergegangen.

Robert fühlte sich ziemlich enttäuscht. Er hatte bis jetzt nichts gesehen, was ihm irgend wie feierlich erschienen wäre; auch den nächstfolgenden Brauch fand er eher widerwärtig als erhebend. Der Zauberer nahm das Holzgefäß mit dem angesammelten Blute und begann ringsumher sowohl den Opferstein als auch den Fußboden und die greuliche Figur zu bespritzen. Bot letztere ohnehin schon einen sehr gräßlichen Anblick, so wurde sie durch die sofort gerinnenden schwärzlichen Tropfen wahrhaft abschreckend. Robert begriff nicht, wie es möglich sei, ein so unschönes Bild anzubeten.

Von diesem Augenblick an wurde indessen die Sache etwas erträglicher. Der Zauberer nahm aus dem Fleisch der getöteten Tiere die Lebern, Herzen und Lungen heraus, dann warf er alles übrige in die Flammen, während er dazu mit lauter Stimme ein Gebet sprach. Dichter, schwarzer Rauch wälzte sich in die Nachtluft empor, Massen von Funken wirbelten auf und ein nahes Echo warf den Schall zurück. –

Noch während die Knochen langsam verkohlten, während der Zauberer immerfort betete, steckte er die herausgenommenen Teile der Opfertiere an einen Spieß, den er über dem verglimmenden Feuer langsam drehte. Von Zeit zu Zeit übergoß er das Fleisch mit einigen stark duftenden Tropfen aus einer kleinen Flasche. Der Geruch, welcher sich entwickelte, war angenehm, aber fast betäubend, Robert konnte sich nicht erinnern, denselben schon früher irgendwo kennen gelernt zu haben.

Und dann begann eine Feierlichkeit, die durchaus dem christlichen Abendmahl glich. Die gebratenen Herzen, Lungen und Lebern wurden in ebenso viele Stückchen zerschnitten als Andächtige gegenwärtig waren, und darauf eine mit Stroh umflochtene Flasche hervorgeholt, die dem Geruch nach einen starken, alten Wein enthalten mußte.

Der Zauberer nahm seinen Platz neben dem Götzenbilde und hielt in einer Hand eine Schüssel mit den Fleischstücken, in der anderen die große Flasche. Auf ein gegebenes Zeichen bewegte sich der erste, dem Eingang zu dieser offenen Kapelle am nächsten stehende Lappe mit scheuem, langsamem Schritt bis vor den Opferstein, wo er demütig und mit auf der Brust gekreuzten Armen das Steinbild begrüßte, um dann von der Platte des Zauberers einen Bissen und aus der Steinflasche einen Schluck zu erhalten. Ihm nach folgte der zweite und so in ununterbrochener Reihe alle Anwesenden.

Während dieser Handlung wurde kein Wort gesprochen, keine einzige unnötige Bewegung gemacht. Schweigend, wie er gekommen, trat jeder Lappe wieder an seinen Platz zurück, und eben in diesem Ernst, dieser strengen Feierlichkeit lag etwas Erhebendes. Das Feuer war fast erloschen, nur zuweilen knisterten und flammten rote Brände noch plötzlich empor, sonst aber versank nach und nach der Holzstoß in graue, stäubende Asche, der Rauch lichtete sich, die Umrisse der dunklen Gestalten verschwammen allmählich und nur jener feine, durchdringende Duft blieb in der Atmosphäre zurück.

Robert fühlte sich tiefer ergriffen, als er selbst es für möglich gehalten. Unwillkürlich erinnerte er sich des Tages, wo er in der Dorfkirche zu Rellingen das Abendmahl empfangen. Wenn auch jenes christliche Sakrament und dieses heidnische Opfer der armen unwissenden Lappen aus ganz verschiedenen Anschauungen entsprangen, beide waren der äußere Eindruck der Religion, des allen Menschenherzen gemeinsamen Bedürfnisses, sich an eine höhere, unbeirrbare Macht schutzsuchend zu lehnen.

Was aber dem jugendlichen Mute, der unschuldigen Unbefangenheit unseres Freundes bisher ganz entgangen war, das lernte er hier in der Wildnis kennen, die geistige und nicht bloß äußerliche Bedeutung eines Gottesdienstes. Allsonntäglich war er früher mit Vater und Mutter zur Kirche gegangen, ohne Widerrede freilich und ohne leichtfertige Gedanken, aber doch auch nur gewohnheitsmäßig, während ihm durchaus nichts gefehlt haben würde, wenn jede Religionsübung unterblieben wäre. Die armen, ungebildeten Hirten dagegen brauchten für die bevorstehenden Käufe und Verkäufe, für den Fischfang und die Reise nach dem Süden vor allen Dingen den Segen und den Beistand Jubinals, sie pilgerten meilenweit durch Wüste und Sumpf, um auf den alten, geweihten Steinen ihrer Vorväter das Opfer darzubringen und ihre Gebete mit denen des Zauberers zu vereinigen. – Es wurde still in seiner Seele, als er daran dachte, und wieder fielen ihm Mongos Worte ein: ›Hüte dich vor dem ungestümen: Ich will!‹ –

Der Gottesdienst des braunen Völkchens war jetzt beendet. Die Steinpuppe wurde hinter den beiden beweglichen Felsblöcken verborgen, die Asche in alle vier Winde verstreut und das hölzerne Gefäß, sowie Schüssel, Messer und Flasche einem der Männer überantwortet. Stillschweigend, wie sie gekommen waren, entfernten sich die Lappen.

Robert hatte im Augenblick ganz vergessen, daß ihn bei etwaiger Entdeckung der Tod mit unbedingter Sicherheit ereilen würde. Sorglos sprang er, nachdem der letzte der Andächtigen verschwunden war, bis an den Fuß des geweihten Felsens, um jetzt, wo kein Hüter mehr im Wege stand, die Örtlichkeit genauer zu besichtigen, namentlich aber das merkwürdige Götzenbild aus nächster Nähe zu betrachten.

Mit der Hand an den verschiebbaren Blöcken hielt er indessen plötzlich inne. War es redlich und zartfühlend gehandelt, hinter dem Rücken der Eigentümer das wohlverwahrte Behältnis zu erbrechen und durch bloße Neugierde zu entweihen, was jene für heilig hielten? – Durfte er da eindringen, wo man ihm den Zutritt unbedingt verweigert haben würde?

Das Bedenken währte nur kurze Zeit, dann hatte Roberts besseres Selbst einen guten Kampf gekämpft, er wandte sich und suchte die Hütte, in der Mongo rauchend saß. »Du,« sagte er nach einer Pause, »das war kein Hokuspokus, wie ich erwartet hatte.«

»Sicherlich nicht, mein Bob. Ich möchte überhaupt keines Volkes Religion mit dieser Bezeichnung verunglimpfen. Eins ist in allen Irrtümern immer wahr, nämlich der Glaube an ein höheres Wesen, – und in dem Einen ist alles enthalten.«

Robert antwortete nicht, nur nach einer Pause sagte er leise »Gute Nacht!« –

Zum erstenmal im Leben empfand er jene ruhige Freude, welche uns die Selbstüberwindung zu gewähren pflegt. Er hatte, obgleich erfüllt von dem Verlangen, das Götzenbild in Händen zu halten, doch freiwillig entsagt, um die Rechte anderer nicht zu verletzen. – Im Traume erschien ihm Mohrs Bild, und der Alte lächelte freundlich. ›Denk immer an mein Schicksal, Kind‹ hörte er ihn flüstern, ›und beherrsche das heiße Blut. Ich kann, was ich muß, das ist das höchste Ziel.‹

 

Am nächsten Morgen begann mit Tagesanbruch die Zurüstung zum Aufbruch. Als Robert und Mongo aus dem Zelt hervorkrochen, war unten im Tale schon rege Tätigkeit entfaltet. Die Lasttiere standen gekoppelt, die übrigen hatte man mit Glocken versehen, und mehrere Treiber, mit Stöcken und Lassos in den Händen, waren so aufgestellt, daß sie die zusammengetriebenen Tiere erfolgreich an jeder Flucht verhindern konnten.

Wo das Zelt des Zauberers gestanden, da wehte jetzt der Wind über die kahle Fläche. Es war abgebrochen und jede Spur beseitigt, ebenso fand sich unter den Lappen kein einziger, den Robert als jenen eisgrauen Oberpriester der letzten Nacht hätte wieder erkennen können. Alle Männer beschäftigten sich mit dem Abbruch des Lagers oder packten die Renntiere und trugen zusammen, was sie selbst auf ihren eigenen Rücken durch die Wüste schaffen mußten.

Auch ein Wagen, halb Schlitten halb Karre, mit zwei tüchtigen Renntieren bespannt und mit einem ledernen Schutzdach versehen, wurde hervorgezogen; da hinein setzte man die kleinen Kinder und die alten Frauen, sowie etwaige Kranke, während alle übrigen auf ihren eigenen Füßen den Weg über sechzig bis achtzig Meilen zurücklegen mußten. Robert und Mongo halfen überall, so daß gegen neun Uhr morgens, nachdem das Frühstück eingenommen, die kleine Karawane ihren Zug beginnen konnte. Vierzig bepackte Renntiere, alle am Leitseil eines Führers oder einer Führerin, wanderten, zu zwei und zwei gekoppelt, mit der Sicherheit kletternder Ziegen über die Gebirge dahin, obgleich ihre Last keineswegs leicht war. Die Zelte, die Decken, das Brennmaterial, Kochgerät und alle zum Verkauf angefertigten Waren, sowie die gesammelten Pelze lagen auf ihren breiten, geduldigen Rücken, und doch mußten sie, wenn die Stunde der Mahlzeit schlug, sich die spärliche Kost aus Renntierflechten selbst zusammensuchen, mußten sogar stellenweise den Schnee aufscharren, ehe sie zu ihrer Nahrung gelangen konnten.

Die braune Alte verteilte dann warme Milch und Mehlkuchen sowie etwas Fleisch, das zu diesem Zwecke vorher gekocht worden war; der ganze Stamm lagerte sich um den Wagen, und mitten in der Wildnis wurde ein fröhliches Mahl gehalten. Bei solchen Gelegenheiten sah Robert auch den Zauberer, der auf seinem großen gezähmten Renn den Zug eröffnete und dem alle eine gewisse Ehrfurcht bezeugten. Er war offenbar der Eigentümer der Renntierherde, während sich andere ärmere Familien ihm dienend angeschlossen hatten und gegen bestimmtes Entgelt in seiner Begleitung nach den Lofoten zogen.

Die Lappen sind auf solches Zusammenhalten gebieterisch angewiesen, da ihre unüberwindliche Abneigung gegen feste Wohnsitze, und die Unmöglichkeit der Bodenkultur anderseits, sie zum Nomadenleben zwingen, während doch alljährlich durch die Weißen ihr Grund und Boden geschmälert wird, ihre Weideplätze verschwinden und ihre Freiheit immer mehr Beschränkung erleidet. Es ergeht ihnen wie den Indianern Nordamerikas, – langsam aber sicher sterben sie aus. Einstweilen fliehen sie höher und höher hinauf in den unwegsamen Norden, wird ihnen von Jahr zu Jahr die Möglichkeit zu leben schwerer gemacht und müssen sie sich zu großen Familien zusammentun, um bestehen zu können.

Robert wußte seiner Wanderlust keine Grenzen. Die ganze Sache erschien ihm wie der Zug der Israeliten durch die Wüste, dem gelobten Lande entgegen. Jetzt gab es keine Gefahr mehr, sondern nur Beschwerden, und diese machten ihm trotz Mongos Seufzen und Brummen inniges Vergnügen. »Siehst du dies Gebirge?« konnte er sagen. »Da hinüber möchte ich klettern, Alter!«

»So lauf, daß dir die Knochen knacken, du unkluger Geselle. Als ob es noch nicht schlimm genug wäre, durch Sümpfe und über steinige Hügel hinweg zu pilgern!«

Robert lachte. »So sei nicht so unwirsch, Schwarzer. Es ist ja bereits bedeutend wärmer und an geschützten Stellen wächst ab und zu ein Bäumchen. Noch vierzehn Tage, dann haben wir die Weideplätze der reichen Lappenfürsten vor uns, dann folgt noch ein kurzer Aufenthalt in den Lofoten und mit erster Gelegenheit geht es nach Bergen oder Trondjhem, wo immer um diese Zeit eine Menge von Schiffen angetroffen wird. Es gelingt uns ja vortrefflich, Alter.«

»O ausgezeichnet! Nur daß die Sohlen bluten und der Rücken schmerzt. O Jemine, ein Seemann, der meilenweit zu Fuß gehen muß, das ist ja schrecklich.«

Robert unterdrückte einen Seufzer. »Freilich, Mongo,« antwortete er, »wenn wir ein Boot besäßen und Wasser, um darauf zu schwimmen, das wäre angenehmer.«

Der Neger schüttelte den Kopf. »Ein Schiff, Bob, ein Schiff!« rief er lebhaft. »Wie schrecklich und verhängnisvoll es werden kann, nur Wasser und ein Boot zu besitzen, das läßt du dir nicht träumen. Nein, nein, da lob ich mir noch das feste Land, wenn es auch ein bißchen steinig ist und die Füße zerreißt.«

Robert trat näher an des Alten Seite. »Du,« sagte er, »hast du solch eine Bootfahrt erlebt? – Spinne ein Garn, Exkönig von Dahomey, das hilft dir über die Fußschmerzen hinweg.«

»Meinst du, Schlingel? Ich denke, es ist dazu auch noch früh genug, wenn wir uns abends zur Erholung auf den harten Steinboden strecken.«

Und dabei blieb es. Als die beiden, vom tüchtigen Marsch ermüdet, sich unter ihren Fellen zur Ruhe legten und sich rauchend und plaudernd die Zeit bis zum Einschlafen vertrieben, da erzählte Mongo von seiner verhängnisvollen Bootfahrt.

»Es war auf einem Passagierschiff,« sagte er, »einer Bremer Bark, die Auswanderer nach Australien bringen sollte. Es befand sich darunter auch die Familie eines wohlhabenden Kaufmanns, welcher nach Sidney übersiedeln wollte, bei dem aber unterwegs eine schwere Brustkrankheit zum Ausbruch kam. – Wir hatten eine ausgezeichnete Fahrt und befanden uns bereits im Indischen Ozean. Noch heute weiß ich nicht, wie die Geschichte entstand, aber plötzlich in der Nacht ertönte aus dem Zwischendeck der Ruf: ›Feuer! – Feuer!‹ Du kannst dir die Verwirrung denken, Bob, beschreiben läßt sich das gar nicht. Die Frauen kreischten oder wurden mitten auf dem Deck ohnmächtig, so daß man die armen, hilflosen Geschöpfe wie kleine Kinder forttragen mußte, die Männer kamen fassungslos die Treppe heraufgestürzt und jammerten angesichts des Feuers und des Wassers über ihr schreckliches Schicksal, die Kinder schluchzten, weil sie alle Erwachsenen in Tränen und Aufregung sahen, und das Schiffsvolk endlich arbeitete mit der Hast der Todesangst an den Booten, um diese ins Wasser hinabzulassen und mit dem nötigen Mundvorrat zu versehen. Wir hatten in anbetracht der vielen Menschen eine große Gig und noch drei weitere Boote zur Verfügung, aber was wollte das sagen, wo wenigstens achtzig Personen Platz finden oder mit dem brennenden Schiff in die Tiefe versinken mußten?

Und diese Erkenntnis verbreitete sich unter allen Anwesenden auf das schnellste. In Todesangst drängte sich jeder an die Schanzkleidung, um in das nächste Boot hinab zu springen. Solche Stunden bringen ja auch den Besten außer Fassung und zerstören alle möglichen menschlichen Bande. Da kennt der, hinter dem der Knochenmann die Arme ausstreckt, keinen Freund und keinen Bruder mehr, da stößt er vielleicht den, welchen er noch vor einer Stunde sein Liebstes nannte, mitleidslos zurück, um selbst dem Verfolger zu entrinnen.

Aber unser Kapitän war ein richtiger Mann, ein Kerl, der den Kopf oben behielt auch im stärksten Sturm, und dessen eiserner Wille immer Gehör fand. Er trat mit dem geladenen Revolver unter die erregte Menge.

›Ruhig, Leute,‹ rief er gebieterisch aus, ›noch bin ich der Befehlshaber auf diesem Schiffe und verlange Gehorsam. Obersteuermann, nehmen Sie einen der drei Schiffsjungen, vier Matrosen und sechs von den Passagieren in die Gig. Hier, diesen Herrn mit den beiden Damen und drei Kindern. Gott befohlen, Roland, – kommen Sie glücklich an die nächste Insel.‹ –

Er drückte die Hand des ersten Maaten, der ihm einige leise Worte zuflüsterte, worauf unser braver Kapitän mit einem Kopfschütteln antwortete. Dann wurden vier Mann ausgewählt – darunter ich – der heulende Junge mit Rippenstößen ermuntert und die Passagiere in das Boot hinunter befördert. Mein Bub, das war ein schrecklicher Auftritt. Der Kapitän hatte sich in der Eile verzählt und nur drei Kinder gerechnet, es klammerten sich aber deren vier laut jammernd an die Kleider der Mutter, welche natürlich kein einziges Kind zurücklassen wollte. Da half nichts, der Kapitän mußte nachgeben, obgleich schon die Anzahl von zwölf Personen für unsere Gig eine viel zu große war. Wir stießen so schnell als nur möglich von dem brennenden Schiffe ab, indes der Kapitän mit gespanntem Revolver dem Nachdrängen der Geängstigten wehrte. Ohne diese kaltblütige Entschlossenheit unseres Führers hätten sich zwanzig Menschen zumal in das kleine Fahrzeug gestürzt und es rettungslos untersinken lassen.

So sahen wir denn in augenblicklicher Sicherheit vor dem Tode aus einiger Entfernung zu dem unglücklichen, brennenden Schiff hinüber und konnten beobachten, wie der Kapitän auch die drei kleineren Boote bemannte. In jedes ein Steuerkundiger, ein Matrose, ein Junge und fünf Passagiere, immer Frauen und Kinder zuerst. Als das letzte Boot im Begriff war abzustoßen, wurde der mutige Mann, welcher an sich selbst keinen Augenblick gedacht hatte, von der Mehrzahl der Verzweifelten zurückgeworfen und wenigstens ein Dutzend Männer sprangen über die Schanzkleidung in das Boot hinein. Natürlich entstand ein Getümmel, ein Schreien und Drohen, zuletzt ein vielstimmiger Ausruf des Entsetzens, und dann sank das Fahrzeug vor unseren Augen pfeilschnell in die Tiefe, um bald darauf kieloberst wieder emporzukommen. Einzelne der Ertrinkenden tauchten noch ein paarmal aus dem Wasser hervor, griffen mit den Armen wild über die Oberfläche hinaus und brachten rings das Meer in schnellere Bewegung, – dann wurde es still um das Schiff herum, nur noch einige Matrosen schwammen zu dem gekenterten Boote, richteten es auf und nahmen die Plätze ihrer verunglückten, dem blinden Wahnwitz der Passagiere geopferten Kameraden ein. Der Wind wurde indessen stärker, er blies mit kurzen Stößen in die bereits zum Teil brennenden Segel und trieb so das steuerlose Schiff vor sich her, während die rote, höllische Glut alles in ihren weiten Feuermantel hüllte. Der Kapitän stand mit verschränkten Armen am Heck und grüßte noch einmal zu uns herüber, dann entschwand das Schiff unseren Blicken. Es sauste in fürchterlicher Fahrt, wie von bösen Geistern getrieben, dahin, – wir sahen die brennenden Masten stürzen, einen Augenblick lang verbreitete sich Tageshelle und dann erlosch plötzlich alles. Die See war unaufhaltsam über ihre Beute dahingegangen.

Wir konnten uns dem Mitgefühl für die unglücklichen Kameraden nicht lange ungestört hingeben, denn unsere eigene Lage war bedenklich genug. Die Gig mochte etwa zweiundzwanzig Fuß lang sein und vier Fuß breit, denkt man sich also diesen Raum von so vielen Personen, darunter Frauen und Kinder, eingenommen, dann wird einem der Ernst der Lage vollständig klar. Überdies waren auch die Matrosen von Anfang an mutlos, weil an unser Boot die Unglückszahl ihre schlimmen Fäden geknüpft hatte. Dreizehn Personen! wie konnte das gut gehen?

Ärgerliche Blicke verfolgten das kleinste Kind der Frau, welche sich zu einer Trennung von demselben durchaus nicht hatte verstehen können. Ein Murren durchlief den Kreis der Seeleute. ›Eines ist an Bord zu viel!‹ sagten sie ziemlich ohne Scheu.

Roland, unser Steuermann, ließ aber dergleichen nicht aufkommen, er stellte sofort einen Mann an das Ruder, einen anderen an den Ausguck und den Jungen an das Wasserschaufeln, so daß die beginnende Meuterei im Keime erstickt wurde. Freilich hatte die arme Mutter wohl verstanden, daß man ihr Kind verwünschte, und ein krampfhaftes Schluchzen war die Folge dieser Wahrnehmung. Sie ihrerseits hielt jetzt durch diese Herzlosigkeit der Matrosen das kleine Geschöpf für gefährdet und fiel von einer Ohnmacht in die andere. Nun stelle dir die Geschichte vor, Bob, ein hustender Papa, der seine Isländisch-Moos-Bonbons hinter das verhüllende Wollentuch schiebt, eine alte Großmama, die vor Angst und Schrecken kaum noch ihr Bewußtsein behält, die ohnmächtige junge Frau, das schreiende Baby und drei andere unruhige, krabbelnde Kinder, – dazu ein Seegang, daß uns die Wellen nur immer so in die Gig hineinstürzten und der Junge nicht so viel ausschaufeln konnte, als in derselben Zeit wieder zurückrauschte. Lieber Gott, die Lage der armen Frau war schrecklich, ich habe sie von Herzen bedauert. Dabei war kein trockener Faden an uns allen, die armen Kinder standen bis an die Kniee im Wasser, und jede neue See überschüttete sie mit einem Sprühregen.

Die Schiffsordnung wurde genau innegehalten, der Mundvorrat regelmäßig verteilt und das Wasser so sparsam als möglich verbraucht, aber dennoch schien die Stunde, wo wir alle vor Hunger und Durst umkommen mußten, mit ziemlicher Gewißheit vorauszusehen. Vierzehn lange Tage hatten wir schon in dem gebrechlichen, kleinen Fahrzeug auf hoher See verbracht, die Frauen und Kinder lagen im Fieber, der Schwindsüchtige hustete sich fast zu Tode, aber noch war uns kein Schiff, keine Küste begegnet, und das Wasser in den Fässern begann zu schwinden.

Die Matrosen murrten wieder: ›Dreizehn an Bord! wir treiben wie der fliegende Holländer rastlos über den Ozean dahin und finden kein Land bis in alle Ewigkeit.‹

Roland verbot solche Worte, aber heimlich wurden sie doch geflüstert, nur daß die arme Mutter sie nicht mehr hörte. Ein Fieber hatte ihre Sinne ergriffen, sie lag im heftigsten Delirium, und mußte offenbar immer mit den Schreckensszenen der Feuersnacht beschäftigt sein, denn alle ihre verworrenen Reden bekundeten die Seelenangst, welche sie im Fieberwahn fortwährend wieder durchlebte.

Am fünfzehnten Tage besaßen wir nur noch einige wenige Stücke Brot und keinen Tropfen Wasser mehr, aber – es gab auch eine Person in dem verlassenen, verschlagenen Boote weniger. Die kranke Frau war ihren Leiden erlegen, ohne das verlorene Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Auch der Säugling lag verschmachtend in den Armen seiner stumpfsinnigen Großmutter, die immer noch bei jeder stärkeren Bewegung des Bootes ein ›Ach, du allerhöchster Gott!« nicht unterdrücken konnte. Mein lebenlang werde ich die Leidensgestalt dieser Greisin nicht vergessen, wie sie so wochenlang vor mir da saß, unveränderlich mit dem weißseidenen Hute und dem grauen Kleide, auf dessen Schleppe die Matrosen bei jeder Bewegung traten. Die arme Alte war wie ein Steinbild, sie schien an ihren Platz gewachsen, und selbst als wir die Leiche ihrer Schwiegertochter so schonend als möglich über Bord setzten, indem wir derselben als Geleit ein leeres Wasserfaß mit in die Tiefe hinabgaben, – selbst in diesem Augenblick liefen nur die großen Tränen über das runzelvolle, ganz weiße Gesicht herab, aber sie schluchzte nicht und rührte kein Glied.

Am nächstfolgenden Tage starb auch das Kleine.

Wir waren jetzt an Bord nur noch unserer elf, aber doch schwebte nach wie vor ein Unstern über dem Boote. Unsere Zungen klebten am Gaumen, unsere Lippen wurden schwärzlich und aufgesprungen, unsere Kräfte, schon erschöpft durch den Mangel an Nahrung, drohten uns zu verlassen. Wir erwarteten in einer Art dumpfer Verzweiflung den Tod, die kleinen Kinder schliefen fast immer.

Da, eines frühen Morgens – ich werde den Augenblick nie im Leben wieder vergessen – erhob sich der Matrose am Ausguck plötzlich auf die Fußspitzen. ›Land!‹ rief er mit schwacher, aber vor Entzücken schluchzender Stimme, ›Land!‹

Alles taumelte auf. Unser Steuermann versuchte ein Hurra, das ihm in der Kehle stecken blieb, der Junge fuhr mit beiden Knöcheln seiner Daumen in die Augen, und der hustende Schwindsüchtige fragte in heiserem Tone: ›Ist es das Festland von Australien?‹

Er dachte nur an sich, und trotz seiner schrecklichen Krankheit, die ihn mit einem so sicheren Verderben bedrohte, war Rettung aus der augenblicklichen Gefahr doch der einzige Gedanke, den er fassen konnte, alles andere war ihm gleichgültig.

Die alte Großmutter rührte sich nicht. Sie hatte höchstwahrscheinlich den Ausruf des Matrosen nicht einmal verstanden.

Und doch wiederholten alle von Zeit zu Zeit das erlösende, glückbringende Wort: ›Land! – Land!‹ –

Alle Blicke hingen an dem grünen, baumreichen Ufer, an den immer naher und näher aus dem Wasser hervortretenden Umrissen der Küste. Es grünte und blühte in allen Farben, hohe Wipfel rauschten im Morgenwind, Kletterpflanzen schlangen ihren Arm von Zweig zu Zweig, bunte Vögel, namentlich Papageien, wiegten sich in den Laubkronen, und hier oder da lugte ein Affe aus dem Gebüsch. Dazu die goldenen Sonnenstrahlen und die heitere, gewürzige Luft, die Aussicht auf Wasser, vielleicht auch auf frische Früchte. – kurz, wir waren in einer Art von Taumel.

›Ist es Australien?‹ krächzte wieder der unglückliche Kranke.

Roland war der einzige, welcher vollkommen ruhig blieb und auch jetzt noch die Ordnung aufrecht erhielt. ›Es ist eine Insel, mein Herr,‹ versetzte er, ›wo unser Aufenthalt nicht von Dauer sein kann, weil auf diesen Gebieten Wilde hausen, und zwar ein sehr bösartiger, grausamer Stamm, dessen vergiftete Pfeile auch bei dem geringsten Streifschuß töten.‹

Der Herr erschrak sehr.›Mein Gott, ich gehe gar nicht an Land.‹ stammelte er.

›Das ist auch keineswegs erforderlich,‹ versetzte Roland lächelnd.

Die Küste war inzwischen erreicht, und wir sahen Kokospalmen mit reifen Früchten behangen, Bananen und Feigen. Unser Jubel kannte keine Grenzen.

Ich sage dir, Bob, das ging wie auf Flügeln, bis die reifen Nüsse angebohrt waren und jeder von uns diesen natürlichen Becher an die Lippen setzte. Der alten Frau und den armen kleinen kranken Kindern flößte ich die Labung ein, obschon es bei den letzteren nicht viel mehr nützte, als sie vor dem Ende noch einmal zu erquicken, aber ich dachte immer so lebhaft an meine eigenen Würmchen, die auch einst so schutzlos, fremder Gnade überlassen, in die Welt hinausgestoßen worden waren, und darum erbarmte ich mich der Verlassenen. Ihrem Vater konnten wir trotz alles Zuredens keine Kokosmilch aufdrängen. ›Das reizt den Husten,‹ antwortete er, ›Nüsse sind sehr schädlich.‹

Und dann, nachdem der erste Heißhunger gestillt war, schafften wir Vorräte in das Boot. Zwei Mann gingen mit geladenen Gewehren tiefer in die Wildnis hinein und suchten einen Quell, indes zwei andere die nächststehende, schlanke Palme in aller Eile fällten und die Früchte an Bord brachten. Auch Bananen und Feigen rafften wir zusammen, so viel sich tragen ließ, dann nahm unser Steuermann mit dem Oktanten genau die Sonnenhöhe, zeigte uns auf der Karte, wo wir waren, und nachdem die beiden vorhandenen Fässer mit wundervollem, frischem Wasser gefüllt waren, wollten wir eben vom Lande abstoßen, als uns aus den nächsten Büschen das Kriegsgeschrei der Malaien entgegenschallte und ein Hagel von Pfeilen rechts und links das Wasser durchbohrte. Die halbnackten, gelben Gestalten, die häßlichen Gesichter und das wütende Geschrei übten im ersten Augenblick ihre Wirkung, so daß wir nicht rechtzeitig genug vom Lande abstießen, um einem zweiten Hagel hölzerner Pfeile zu entgehen, obwohl wieder keiner traf. Nur ein einziger bohrte sich in den weißen Hut der Dame, die ihn ärgerlich ergriff und über Bord warf.

Zugleich aber stürzten sich sechs oder zehn Wilde in das Wasser und schwammen aus allen Kräften dem Boote nach, offenbar um es mit der Übermacht ihrer Fäuste zu erobern, der schwindsüchtige Herr stieß einen lauten Schrei aus.

›Leute, Leute, um des Himmels willen, erschlagt die Räuber,‹ rief er.

Unsere Matrosen machten auch wirklich Miene, die Lenkung des Bootes gänzlich fallen zu lassen und den Kampf mit den Malaien aufzunehmen, aber Roland verhinderte rechtzeitig dies tolle Wagnis, welches unfehlbar den Untergang aller im Boot Befindlichen hatte herbeiführen müssen. Auch selbst im Fall eines vollständigen Sieges über die Schwimmenden wäre ja der Anprall vergifteter Pfeile für uns der sichere Tod gewesen.

Seine Befehle, mit festem Tone gegeben, brachten das kleine Fahrzeug in noch schnelleren Flug, und bald hatten wir die Freude, sowohl die schwimmenden Wilden, als auch ihre Geschosse weit hinter uns zurückbleiben zu sehen. Nur das teuflische Kriegsgeschrei gellte uns in ohnmächtiger Wut über den Ozean nach.

Wir hatten aber doch wieder auf mindestens acht Tage Mundvorrat und Wasser, daher verspotteten wir aus sicherer Entfernung die wütenden Gelben und sangen ihnen Spottlieder zu oder warfen Kokosschalen nach den auf und ab tauchenden Köpfen. Der Kranke hustete, daß es in jedem Augenblick schien, als müsse die eingefallene Brust springen.

Und so fuhren wir auf gutes Glück hin weiter. Tag um Tag verging, eine Kokosnuß nach der anderen wurde zersägt, wir alle waren krank von der unverdaulichen Nahrung, und ehe eine Woche seit jenem Besuch auf der Insel verflossen war, starben die unglücklichen kleinen Kinder aus Mangel an passender Pflege vor unseren Augen hin, ohne daß wir die Mittel besaßen, sie zu retten. Am neunten Tage hatten wir wieder keinen Tropfen Wasser mehr und lagen bei fast völliger Windstille in Verzweiflung auf dem Boden des Fahrzeuges.

Nur Roland behielt den festen, unerschütterlichen Mut. Er zeigte uns auf der Karte, wo sich das Boot befand und daß wir dem kleinen Hafen von Plangei auf Sumatra ganz nahe sein müßten, ja, daß das Land in jedem Augenblick sichtbar werden könne, aber – seine Worte machten keinen Eindruck. Mit schmerzendem Kopfe, trockener Zunge und dem Tuben des Fiebers in allen Adern ist es dem Menschen unmöglich, andere als sinnliche Wahrnehmungen zu machen. Wir dachten nicht mehr, sondern gaben uns ohne Gegenwehr der tiefsten Mutlosigkeit hin.

Es wurde Nacht, die See ging hoch und höher, der Sturm entfesselte seine weißen Schwingen und noch einmal erbarmte sich Gott der Verschmachtenden, – Ströme von Regen sielen herab auf unsere brennenden Stirnen, wir konnten trinken, trinken!

Mein Bob, du ahnst nicht, was es heißt, langsam zu verdursten. Die schwerste Krankheit, der heftigste Schmerz sind dagegen Kinderspiel.

Roland nickte sehr zufrieden. ›Jetzt gebt acht, Leute,‹ rief er. ›Es zieht ein Gewitter herauf, und wo die Blitze herabfahren, da ist Land.‹

Neu erfrischt und belebt hoben sich alle Köpfe. Wir waren bis auf die Haut durchnäßt, unsere Füße standen bis über die Knöchel im blanken Wasser, aber das ließ sich doch immer noch weit besser ertragen als vorher der quälende Durst. Neugierig sahen wir unserem derzeitigen Schiffsführer über die Schulter, als er in der Dunkelheit einen noch dunkleren Punkt bezeichnete ›Ich möchte wetten, daß dort das Ufer liegt!‹ rief er.

Wir strengten unsere Augen an und rieten hin und her, bis plötzlich der erste, gelbe Blitz über den Horizont dahinlief und gedankenschnell herabzuckte, dann jubelte der Steuermann ein lautes Hurra.

›Seht ihr's, Kinder, seht ihr's Dort ist Land.‹

›Wissen Sie das gewiß, Herr?‹ fragte einer der Matrosen.

›So gewiß, wie man überhaupt derartige Regeln aufstellen kann,‹ versetzte Roland. ›Nur ausnahmsweise schlägt der Blitz in der Nähe des Landes ins Wasser. Aber für diesen Fall befürchte ich nichts, da der elektrische Funke immer die gleiche Richtung verfolgt. Vor uns ist Land!‹

Diese sichere Überzeugung verfehlte ihre Wirkung keineswegs, obwohl eine neue schwere Sorge die Kräfte aller in Anspruch nahm. Wir hatten auf schwankem Boote, ohne mehr als ein einziges Segel und ohne eine Notspiere den andrängenden heftigen Gewittersturm zu bestehen, oder wir ertranken im Angesicht der Küste. Es fragte sich jetzt, welche von beiden Möglichkeiten über die andere den Sieg davontragen würde.

Blitz und Donner rasten immer stärker, der Sturm heulte und der Regen floß in Strömen herab, aber doch waren wir voll retteten Passagiere des verbrannten Schiffes an das bremensche Konsulat abzuliefern und zu Protokoll zu geben, was im Boote geschehen war, seit es schutzlos den Ozean durchpflügte. Von den drei kleinen Booten, die mit uns zugleich abstießen, hatten wir ja, wie ich zu erzählen vergaß, nie etwas wiedergesehen.«

Robert hatte mit lebhaftem Interesse diese Schilderung des Alten angehört und bei den letzten Worten desselben erschrak er. »Und ihr erfuhrt auch später nichts, Mongo?« fragte er voll Teilnahme.

»Doch!« nickte der Neger. »Ein aus der Sundastraße kommendes Schiff hat die vier treibenden, gekenterten Boote aufgefischt und eingeliefert. Sie trugen sämtlich den Namen ›Susanna,‹ erwiesen sich also dadurch als die zu der verbrannten Bark gehörigen kleinen Rettungsboote, – aber von den Insassen war keiner erhalten geblieben. Gottes Wege sind unerforschlich, mein Bob. So viel junges, blühendes Leben raffte die Vernichtung in wenigen Stunden dahin, und zwei Menschen, die dem Tode bereits bedingungslos verfallen waren, blieben für den Augenblick unversehrt. Wir brachten sowohl die blödsinnige alte Frau, als auch den kranken Mann wohlbehalten nach Padang, wo sie der Konsul in Empfang nahm und mit dem nächsten Dampfer nach Hause schickte. Wir Seeleute erhielten die Heuer ausbezahlt, man sammelte für uns und tat alles Mögliche, um uns die Leiden dieser schrecklichen Reise vergessen zu machen, dennoch aber wird mir jede Einzelheit derselben ewig im Gedächtnis bleiben. Was wir wahrend der Dauer jener Unglücksfahrt ertragen, das spottet aller Schilderung und laßt sich fürchterlicher nicht denken.«

Robert zog seine Decke über die Schultern herauf. »Ich glaube es dir, Mongo,« nickte er. »Die Tatlosigkeit, die enge Gefangenschaft auf so kleinem Raume muß ganz entsetzlich gewesen sein. Ich wäre gewiß –«

»Nun?« fragte nach einer Pause der Alte.

»Nichts. Mongo. Gute Nacht!«

»Gute Nacht, mein Söhnchen.«

Die beiden schliefen Seite an Seite unter den warmen Renntierfellen, bis am nächsten Morgen das gewohnte Zeichen, eine Art von Kuhhorn, mit seinen melancholischen Brummtönen zur Weiterreise mahnte. Fort ging es über Berge und Täler, und mit jedem neuen Sonnenschein entfaltete sich alles ringsumher zum Erwachen, zum Leben. Der Boden verlor die Felsbildung, der Wind hörte auf, Kälte und Regen mit sich zu führen, die Umgebung begann zu grünen und zu blühen, während der Baumwuchs von Meile zu Meile erstarkte. Es gab jetzt schon Kiefern, Birken und schlanke Tannen, weiterhin sogar einige kleine Eichen, es wurde wärmer, als die Wandernden im Interesse ihrer Lungen eigentlich wünschten, und dann zuletzt kam der Tag, wo man bei dem großen Lappenlager am Fuße des Kilpis angelangt war. Die Maalself stürzte vom hohen, stumpfen Kegel mit donnerndem Rauschen in ihr steinernes Bette herab, die Abhänge des himmelhohen Felsens erhoben sich kantig und zackig in düsterer Majestät bis zu den Wolken fast empor, und hohe Bäume ragten im Schmuck des jungen Grün aus dem tiefen Tale herauf. Hier war jeder fußbreit Boden das fruchtbarste Ackerland, hier bedeckte ein ununterbrochener samtner Rasen die Erde, und wohin das Auge traf, da begegneten ihm käuende oder bequem ausgestreckte Renntiere, die sämtlich mit Glocken versehen waren und deren weitgedehnten Futterplatz man sorgfältig eingefriedigt hatte.

Zur Seite des Wasserfalles an einer besonders geschützten Stelle erhoben sich die Wohngebäude, die Stall- und Arbeitsräume der Lappen, alles nur riesige Zelte, mit vier Stämmen in der Erde befestigt und durch Pflöcke gehalten, aber von geteertem oder geöltem Segeltuch und mit der vortrefflichsten Ausstattung versehen. Wie bei dem wandernden Stamme in allen Stücken die bitterste, trostlose Armut zutage trat, so herrschte hier bei den reicheren Verwandten ein offenbarer Wohlstand, welcher sich namentlich in der Kleidung ausprägte. Anstatt der rohen, ungeschlachten Säcke aus Fellen trugen diese Hirten und Hirtinnen das Kostüm der weißen Kolonisten, nämlich die ersteren das blusenartige Jagdhemd mit tuchenen Beinkleidern, großen Lederstiefeln und schwarzem, spitzem Hut, den eine Adlerfeder schwankend überragte, – und die Frauen das braune oder helle Kleid mit langen Flechten und einer breiten schneeweißen Schürze.

Die geöffneten Türen des großen, vorderen Zeltes zeigten im Innern desselben eine vollständig eingerichtete Meierei. Es wurde Butter und Käse bereitet, man scheuerte die blanken Geräte und kochte an einem riesigen Feuer für die ganze große Schar das Mittagsessen.

Roberts Blicke hafteten voll Entzücken an dem lebensfrischen, erheiternden Bilde. Überall reges Treiben und Schaffen, überall Bewegung, Singen und Lachen. Von der nahen See herüber brachten einige Männer ein tüchtiges Gericht Fische, andere schlachteten ein Renntier, und wieder an dritter Stelle unterhandelte ein weißer, behäbiger Herr, offenbar ein Engländer, mit musternden Blicken um den Ankauf des schönsten Tierpaares, das er wahrscheinlich für irgend einen zoologischen Garten bestimmt haben mochte.

Kurz, es hatte hier alles ein durchaus anderes Ansehen als bei den armen Nomaden, die im Winter Handschuhe stricken und Zwirn- und Holzgeräte arbeiten, um dasselbe im Frühling gegen die unentbehrlichsten Lebensmittel und Hausgeräte bei dem Krämerkolonisten einzutauschen, und dennoch trotz aller Mühe ewig dessen Schuldner zu bleiben. Dieser Stamm sprach ein fast reines Dänisch, er trieb bedeutenden Handel und stellte zu den Fischern, welche jahraus jahrein die Lofoten besuchen und Tausende von Silberspezies aus dessen nassen Tiefen hervorholen, eine bedeutende Anzahl seiner Angehörigen.

Der Zauberer verließ, als man den Lagerplatz erreicht hatte, sein Reittier und näherte sich, allen übrigen voran, dem Wohnzelt, das höchst wahrscheinlich einem Anführer oder besonders reichen Manne gehören mochte. Schon sehr bald kam er zurück, begleitet von einem Lappen, der ihm Zeltplätze anwies und der dann die Herde einer Musterung unterwarf. Jedem Tier, welches den übrigen zugesellt wurde, schnitt er ein Zeichen in das Haar, diejenigen aber, deren Alter sie als Milchlieferanten nicht länger tauglich erscheinen ließ, wurden zum Schlachten bestimmt und in einem gesonderten Raum verwahrt. Alles, was Robert sah, deutete auf höchste Ordnung und Wohlhabenheit.

Von ihm selbst und seinem schwarzen Gefährten mußte der Zauberer auch gesprochen haben, da sich der junge Lappe, nachdem er die Tiere besorgt, den beiden näherte und ihnen seine derben, braunen Fäuste darbot.

»Ihr seid willkommen,« sagte er in einer Sprache, die so sehr an die dänische erinnerte, daß ihn Robert sofort verstand. »Bleibt unsere Gäste, so lange es euch beliebt und seid zufrieden mit dem, was wir bieten können, einen redlichen Sinn und einfache Kost. Hier ist niemand reicher als der andere, hier sind keine Herren und keine Diener, sondern jeder findet sein bescheidenes Teil an den Gaben Gottes. Kommt in das Zelt meines Vaters und eßt und trinkt.«

Robert schlug sofort ein. Freilich klang die Rede des jungen Burschen etwas blumenreich und außergewöhnlich, aber doch so vertrauenerweckend, daß er sie dem Neger übersetzte und dann mit ihm in das Zelt ging, wo Renntiermilch, Bärenschinken und eine kalte gebratene Renntierkeule, sowie die bekannten Mehlkuchen den Fremdlingen vorgesetzt wurden. Nach wenigen Stunden schon waren beide mit den neuen Bekannten bestens befreundet, und Helge, der Sohn des alten Stammführers, hatte ihnen versprochen, sie schon morgen nach dem Westfjord mitzunehmen, wo jetzt die getrockneten Fische von den Stangen gehoben und eingeheimst wurden, nachdem sie seit März der Sonne und dem Wind ausgesetzt gewesen.

Für diese letztere Arbeit, sowie für das Verladen und Packen der Ware trafen die Wanderlappen hier ein, indes die Männer von der ersten Reise, dem Märzfischzug, bereits wieder in die Einöde gegangen waren, um dort wahrend der Sommermonate zu ernten, was der kurze Sonnenschein dem Boden abgerungen, um zu jagen und die Stammtiere der zahllosen Renntierherden zu weiden. Ewig unterwegs, lebt ja und stirbt der Lappe auf der Wanderschaft über die Gebirgszacken und Steinbrüche seiner öden Heimat.

Robert sprang vor Vergnügen, während Mongo den ganzen Tag ausruhte und sich von den Strapazen des Spazierganges durch hundert Meilen wieder zu erholen suchte. »Hier sind Lebensmittel im Überfluß,« sagte er, »ich brauche also kein Brennholz zu spalten oder Wasser herbei zu schleppen, wie damals oben in dem verwünschten Gebirge, wo eine Zwiebel schon ein Leckerbissen war und ein Stück gekochtes Leder ein Feiertagsschmaus. Meine alte Freundin sitzt, wie ich sehe, auch den lieben, langen Tag im Sonnenschein ohne zu arbeiten, – ich mache es wie sie.«

Robert lachte und bestieg mit Helge die großen, geduldigen Renntiere, welche sie nach dem Westfjord bringen sollten. Seine Reitkunst war zwar seit Pinneberg nicht mehr geübt worden, so daß er wie ein richtiger Seemann auf dem Rücken des Tieres hing, das heißt wie eine Feuerzange auf dem Rost. Helge lachte unbändig, aber schon nach kurzer Zeit hatte unser junger Freund den anfänglichen Schrecken überwunden, die Hörner des gutmütigen Tieres losgelassen und sich straffer aufgerichtet. »Habe ich doch nie im Leben gehört, daß die Renntiere zum Reiten benutzt werden,« sagte er. »Ich hielt sie nur für milchgebende Kühe, deren Fell und Fleisch man wie das der Rinder verwendet.«

Helge nickte. »Ist auch ganz so wie du sagst, Herr,« antwortete er. »Die gewöhnlichen Renntiere aus den Finnmarken setzen ihren Reiter sogleich ab oder lassen überhaupt solchen Versuch nicht erst zu, aber die von der Halbinsel Kola, eine größere, zahmere Sorte, die indessen selten eingefangen wird, eignet sich zum Reiten ganz besonders. Du kannst ruhig sein, als säßest du auf deiner Mutter Schoß, der Tiermer wird dich nicht abwerfen.«

Robert sah auf. »Tiermer?« wiederholte er, »das Wort habe ich schon häusig gehört. Was bedeutet es?«

Der Lappe sah ihn mißtrauisch an. »Weiß nicht, Herr,« antwortete er kurz. »Ist eben ein Name wie deiner und meiner auch.«

»Du sollst mich nicht Herr nennen, Helge,« rief unser Freund. »Ich heiße Robert, gewöhnlich abgekürzt in Bob!«

Der Lappe neigte lächelnd den Kopf. »Aber du bist ein Weißer,« sagte er, »und du verachtest, wie alle deine Brüder, die armen, schmutzigen Bewohner der Wüste.«

Robert lachte hell auf. »Ich und jemand verachten!« rief er. »Überhaupt tut das kein Deutscher, mußt du wissen, mein lieber Helge. Wir schätzen den Mann nach seinem Verdienst, aber nicht nach seiner Farbe.«

Der junge Lappe seufzte tief. »Dann möchte ich, daß die Finnmarken anstatt an das Norrland lieber an deine Heimat stießen, Bob. Hier haben die Samelads in ihren Nachbarn keine Freunde, sondern sie sind geduldet wie die Tiere der Wüste, da man sie nicht töten darf.«

Robert schwieg. Er dachte an das heidnische Opfer hoch oben auf den Felsspitzen der äußersten Eismeerregion, an das steinerne Götzenbild und die Blutstropfen auf dem abschreckenden Antlitz desselben, er glaubte plötzlich den feinen Wohlgeruch wieder zu atmen und sah die braunen Gestalten, wie sie sich vor dem Bilde Jubinals tief verneigten und dann das sonderbare Abendmahl aus den Herzen der Opfertiere empfingen – –

Dabei hatte er das »Tiermer« gehört, er wußte es jetzt gewiß.

Schweigend ritt er mit seinem Begleiter vorwärts. Der breite Westfjord schimmerte schon von weitem herüber, als er das erste Wort sprach: »Bist du ein Christ, Helge?«

Derselbe mißtrauische Blick von vorhin streifte ihn wieder. »Wir sind alle Christen, Herr,« versetzte der Bursche.

»Auch der Stamm, mit welchem ich hierher kam?«

»Auch dieser. Wo trafst du übrigens meine Brüder?«

»Am Eismeer,« antwortete Robert. »Hoch oben im unwegsamen Gebirge, das der Neger und ich überklettert hatten.«

»So, so. Rastete der Stamm an dieser Stelle?«

»Einige Tage lang. Ich konnte mit niemand sprechen, weiß also nicht, zu welchem Zweck. – Aber sag mir doch,« setzte er in der Absicht, den Gegenstand des Gesprächs zu wechseln, hinzu, »sag mir doch, wie dein Renntier heißt, Freund Helge.«

Der junge Lappe schien einen Augenblick zu zögern, dann aber heftete er den Blick auf Roberts Gesicht und antwortete ruhig: »Das Tier heißt Jubinal.«

»Jubi –«

Robert ließ den Namen unvollendet. Er besann sich zur rechten Zeit, daß es gefährlich und undankbar zugleich sein würde, die Geheimnisse der armen Nomaden auszuplaudern. »Es kam mir wieder so vor, als hätte ich auch dies Wort schon einmal gehört,« sagte er nur. »Vielleicht heißen viele Tiere so.«

»Sehr viele,« war die einsilbige Antwort.

Wieder stockte das Gespräch, und Robert wandte seine ganze Aufmerksamkeit dem Westfjord zu. Da sah er an langen Stangen am Ufer die Millionen getrockneter Fische in der Luft schweben und überall unter denselben die arbeitenden Männer, welche diese reichliche Beute in Sicherheit brachten.

In den Buchten lagen zu Tausenden die Fischerboote und weiterhin auf freiem Wasser die Jachten, welche den Ertrag des Fanges nach Tromsö bringen. Robert sah voll sehnsüchtigen Entzückens die schlanken Fahrzeuge mit weißem Bug und weißen, glänzenden Segeln. »Helge,« sagte er, »kennst du keinen von allen diesen Kapitänen?«

Der Lappe nickte. »Kenne sie alle, Herr. Sind die Krämer von den Ansiedelungen in den Schluchten und an den Fjords, jeder führt sein eigenes Schiff.«

Robert sah sehr erstaunt aus. »Krämer?« wiederholte er. »Und diese Männer sind zugleich auch Seeleute?«

»Freilich. Seefahrer, Großhändler, Geldbesitzer, Krämer und Viehzüchter, alles zugleich. Hier ist nur der etwas wert, welcher die rauhe Gegend und das rauhe Wetter auf sechserlei Weise auszubeuten versteht. Eine könnte ihn nicht ernähren.«

Robert fühlte sich ziemlich enttäuscht. »So hat also wohl jede dieser Amphibien, die mit dem Segeltuch und der Krämerschürze zugleich hantieren, ihre Schiffsbesatzung fix und fertig in Knechten und Lehrjungen dastehen!« rief er verächtlich aus.

»Du sagst es, Herr!« antwortete der Lappe.

»Und fremde, wirkliche Matrosen werden nicht geheuert?«

»Auf diesen Jachten, nein. Du mußt dich in Bergen nach einem Schiffer umsehen. Sie sind vorhanden aus aller Herren Länder.«

Robert atmete auf. »Helge, wüßtest du uns bald Gelegenheit dahin?« fragte er den jungen Lappen.

Dieser zuckte die Achseln. »Müssen sehen, Herr.« versetzte er.

Robert begriff nicht, weshalb der junge Mensch plötzlich so verändert und schweigsam erschien. Helge hatte offenbar anfänglich großes Gefallen an ihm gefunden, und jetzt war er fast kalt geworden. Nachdem das Ziel erreicht und die Renntiere an einen Baum gebunden, näherte er sich unserem jungen Freunde. »Du bleibst an meiner Seite, Herr!« sagte er leise, aber im Ton eines Befehls. »Begleite mich, ich habe mit jenen Männern zu sprechen.«

Dabei deutete er mit der Rechten auf eine Gruppe von Lappen, welche auf langen Holzbänken die gedörrten Fische zu einzelnen Haufen schichteten und bei dieser Arbeit laut sangen oder sprachen, während sich der salzige, unangenehme Geruch weithin bemerkbar machte. »Wir reiten in einer Viertelstunde zurück,« fügte er bei.

Robert schüttelte den Kopf. Etwas in ihm sträubte sich gegen diesen Ton. »Ich bleibe am Strande,« versetzte er, »und zwar um womöglich mit einem der Schiffer zu sprechen.«

»Das verbiete ich,« beharrte der Lappe.

»Du? – Mit welchem Rechte?«

»Ich zwinge dich dazu! – Du bist ein Gast im Zelt meines Vaters, du bist ein deutscher Bettler, den die Wellen an unseren Strand warfen, das vergiß nicht.«

Roberts Blut schoß heiß in seine Wangen. Das Wort »Bettler« beraubte ihn wieder einmal aller seiner wenigen Besonnenheit. Ehe sich der Lappe dessen versah, brannte auf seinem Gesicht ein Schlag, der ihn fast zu Boden geworfen hätte. »Nimm das von dem Deutschen!« rief zornig unser Freund. »Und wenn du dich mit mir zu messen wünschest, so komm! Wir werden ja sehen, wessen Muskeln stärker sind, die des Bettlers, oder die des Unverschämten, der da glaubt, für ein Stück Brot, welches er verschenkt, den Empfänger beleidigen zu dürfen.«

Er stand mit blitzenden Augen und geballten Fäusten vor seinem Gegner, der zwar wütend wie ein gereiztes Raubtier dreinschaute, aber dennoch keine Miene machte, die empfangene Ohrfeige zurückzuzahlen. »Bist du auch noch ein Feigling dazu?« rief er.

In diesem Augenblick legte sich von hinten die Hornspitze einer langen Pfeife auf seine Schulter, und als er sich umsah, bemerkte er einen älteren Mann in Schiffertracht, der mit spöttischer Miene den ganzen Auftritt beobachtet hatte.

»Schlagen sich zwei junge Narren auf offener Heerstraße!« sagte er spöttisch lachend.

»Der Lappe hat mich beleidigt!« rief hoch errötend unser Freund. »Er hat mich einen Bettler genannt, weil ich schiffbrüchig an diese Küste geworfen wurde und auf der Wanderung vom Eismeer hierher notgedrungen das Brot der schmutzigen Horde essen mußte. Ist das gut und gerecht, Herr?«

Der Mann antwortete nicht. Seine blauen, klugen Augen forschten in dem Gesicht des Lappen. »Warum tatest du das, Helge?« fragte er.

Es erfolgte indessen von seiten des jungen Renntierhirten keine Auskunft. Seine Züge behielten den düsteren Ausdruck, aber er schwieg vollständig.

Der Norweger lächelte schlau. »Du bist also am Nordkap gestrandet?« wandte er sich zu unserem jungen Freunde. »Als Walfischfänger natürlich? Und da oben trafst du die Lappen?«

»Ja, Herr.«

»Wir kennen hier keine Herren, Bursch. Ich bin der Patron Gulbrandson, damit kannst du auskommen. – Und du, Schlingel,« redete er den anderen an, indes sich der breite Mund zum Grinsen verzog, »du fürchtest, daß dieser schlagfertige junge Recke überall ausplaudern möchte, was höchst wahrscheinlich da oben in der Eiswüste passiert ist, nicht wahr? Oder denkst du, daß deine schmutzigen Gesellen am Nordkap, wo kein Baum wächst und kein Leben gedeiht, – zu Jesus Christus gebetet haben, he?«

Helge sah mit mißtrauischem Blick empor. »Wir sind alle Christen, Patron Gulbrandson,« antwortete er düster.

»Aha! dachte wohl, daß ich den Nagel auf den Kopf getroffen hätte,« lachte der Norweger. »Ist nicht angenehm, für Götzendienerei und Heidenkram vor den Amtmann berufen zu werden und in das Gefängnis zu wandern, wie? Kann mir das lebhaft denken, und kein Jubinal und kein Tiermer schützt davor, wenn's herauskommt. Würdest aber doch nicht hingehen und wie ein altes Weib ausschwatzen, was du gesehen hast, Bursche, ist's nicht so?« wandte er sich an den erstaunten Robert, welcher jetzt erst den Zusammenhang der Dinge vollständig begriff.

Eine Handbewegung antwortete ihm. »Ich weiß nichts!« rief der junge Matrose, »aber wäre es auch der Fall, so brächte mich keine Macht dazu, den Verräter zu spielen. Pfui, solche Erbärmlichkeit. – Das kann nur der vermuten, welcher weiß, daß er es bei nächster Gelegenheit selbst so machen würde.«

Patron Gulbrandson lachte. »Du gefällst mir,« nickte er. »Willst sicherlich eine Heuer annehmen, nicht wahr? Möchtest nach Bergen fahren, denke ich.«

»Ja, ach ja. In das Lager der Lappen gehe ich nicht wieder zurück, und sollte ich hier verhungern müssen. Nehmen Sie mich mit nach Tromsö, Patron.«

Der Norweger rauchte in großen Wolken. »Kennen hier zu Lande gar kein »Sie«, brummte er. »Ist das dänische und deutsche Sitte, wir mögen's nicht. Nennt einer den anderen du und wenn's der Amtmann von Tromsö selber ist. Aber du gefällst mir, Junge, habe dir's ja schon gesagt, ist Mut in dir und eine kecke Art, mag dich leiden, mit einem Wort. – Meine Jacht geht morgen nach Tromsö unter Segel, und wenn du mit willst, so stelle dich ein, ich erlaube es. Aber vorher noch Frieden mit diesem Burschen hier. Der Mensch soll nicht im Zorne scheiden, und wäre es auch von einem gelben, schmutzigen Lappen.«

Da drehte sich Helge plötzlich ab, und rannte wie ein Hase in Sprüngen zu den Renntieren, deren Halfter er durchschnitt und sich auf den Rücken des einen schwang.

Mit einem wilden, gellenden Schrei, raubvogelartig und doch menschlich boshaft, sprengte er in das Gebirge zurück. Wie der Blitz schoß ihm Tiermer, das ledige Renn, auf den Fersen nach.

»Fort ist er!« sagte Olaf Gulbrandson. »Sie sind nicht zu trennen, die drei Gestalten, in welchen sich ausschließlich das Leben der Eiswüste offenbart, die Heidengötter, die Lappen und ihre Renntiere. Sie gehören zusammen, und wenn bis zum jüngsten Tage von unserem Herrn und Heiland gepredigt werden würde.«

Er hatte das mehr für sich als zu seinem jungen Begleiter gesprochen. Jetzt erst sah er, daß Robert mit Leichenblässe dem dahinjagenden Hirten nachblickte. »Nun?« rief er, »was ficht dich an, Junge? Siehst ja aus, wie ein altes Weib, das im Gebirge dem Trollen begegnet ist!«

Robert gab ganz verstört den erstaunten Blick des Patrons zurück. »Leb wohl,« sagte er, »ich muß fort, kann mich nicht länger aufhalten, Patron. Da oben bei den Lappen ist noch ein Gefährte von mir, ein alter Neger, den ich nicht verlassen darf!«

Er wollte forteilen, aber Olaf Gulbrandson hielt ihn am Arm zurück. »Du bist nicht gescheit, Junge,« rief er, »denkst, daß es dir möglich wäre, zu Fuß über die Fjellen zu laufen?«

»Ich muß, und wenn ich erliegen sollte. Sie könnten den Alten ermorden.«

»Pah! das fällt ihnen nicht ein. Sie bewachen ihn, bis er auf einem Schiff sitzt und der Stamm ins Innere des Landes zurückgeht. Wer hieß dich denn auch, ihm von dem Baalsdienst seiner Genossen zu erzählen?«

»Das habe ich nicht getan!« rief lebhaft der Matrose. »Du sollst mir keine solche Unzartheit zutrauen, Patron! Ich wußte noch nicht einmal, was der Lappe dachte, als er schon aus diesem und dem zusammengesetzt hatte, daß ich – Nun, meine Schuld ist es nicht. Aber den Neger muß ich auf freien Füßen sehen, daher kann ich leider von deinem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch machen, Patron Gulbrandson. Ich danke dir nochmals, und nun laß mich fort, hörst du.«

»Das tu ich nicht. Junge, du läufst in dein Verderben hinein, blind und toll wie ein Verrückter. Zehn Wege öffnen sich hinter den nächsten Felsen deinem Blick, fünf Stunden müßtest du marschieren, auch wenn es dir gelänge, dich zurechtzufinden, also gib den Plan auf. Der Neger wird nicht gemordet, ich, Olaf Gulbrandson, stehe dir dafür.«

Robert schüttelte den Kopf. »Sind die Norweger so treulose Freunde, daß du mir raten kannst, den Gefährten im Stich zu lassen und selbst das Glück für mich allein beim Schopf zu nehmen, indes sein Schicksal von der Großmut einiger Wilden abhängt, – Patron Gulbrandson, sind sie das wirklich?«

Der Schiffer runzelte die Stirn. »Sind alle Grünschnabel in Deutschland so keck, alten Leuten derartige Fragen zu stellen, Bursche?«

Robert wandte sich ab. »Lebewohl, Patron, ich danke dir nochmals für dein freundliches Anerbieten, obgleich ich dasselbe leider nicht annehmen kann. Wenn Mongo und ich hier an Ort und Stelle sind, so wird deine Jacht bereits die Anker gelichtet haben. Glück auf die Fahrt.«

Er grüßte und ging ohne weiteres fort, den Spuren der beiden galoppierenden Renntiere nach. Olaf Gulbrandson schob die Pelzmütze auf den Hinterkopf zurück, rauchte wie ein Fabrikschornstein und sah sprachlos vor sich hin, bis Roberts schlanke Gestalt seinen Blicken zu entschwinden drohte, dann ermannte er sich.

»Hallo, Junge,« rief die gewaltige Stimme, »hast du denn rein den Teufel im Leibe? Ich will dir helfen, dir Leute mitgeben, hörst du? Komm zurück, Schlingel.«

Robert stand unschlüssig still, als er aber den Norweger mit langen Schritten nachsetzen sah, kehrte er um und ging ihm entgegen. »Sprichst du im Ernst, Patron Gulbrandson?« fragte er. »Sonst halte mich nicht auf; es würde zu nichts nützen.«

Der Norweger hatte sich außer Atem gelaufen. »Ich scherze nie, Junge,« antwortete er, »aber am allerwenigsten in ernsthafter Angelegenheit. Du sollst ein paar Kerle haben, die des Weges kundig sind, und Brot und Fleisch auf die Wanderung, sonst könntest du nicht lebend in das Lappenlager kommen. Wart ein bißchen!«

Sein gellender, langgezogener Pfiff rief aus einem der Boote mehrere Männer herbei, welche in ledernen Kleidern, mit schweren Stiefeln und Pelzmützen an Land kamen, begleitet von einer ganz kleinen, länglichen Hundeart, die sie zum Vogelfang zwischen den Klippen verwendeten. Es waren sogenannte »Quäner«, Mischlinge von Lappen und Weißen, also der Natur der Sache nach die glühendsten Feinde der gelben Rasse.

Olaf Gulbrandson schien diese Leute in seinem Lohn und Brot zu haben, denn er befahl ihnen mit kurzen Worten, den nötigen Mundvorrat aufzupacken und den jungen Matrosen in das Lappenlager zu führen. Heimlich flüsterte er dabei noch einige Worte, die Robert nicht verstand.

Die Vogeljäger gingen zu einer Bretterhütte am Strande und kamen dann sehr bald zurück, auf den Schultern eine Art von Lederranzen und in den Händen lange, eisenbeschlagene Stöcke. So gerüstet begaben sie sich mit Robert, nachdem dieser nochmals herzlich gedankt, auf den Weg, und alle dreie marschierten in die Steinwüste hinein.

Patron Gulbrandson sah ihnen mit zufriedenem Lächeln nach. »Ist ein kecker Geselle,« murmelte er, »könnte ein Normann sein, so festen Willen hat er. Wird's durchsetzen, wird den Schwarzen befreien, und sollte es blutige Köpfe kosten.«

Er kehrte zu den arbeitenden Lappen zurück, indes die drei anderen ohne viele Worte fürbaß gingen. Auch die Quäner waren überzeugt, daß dem Neger kein Leid geschehen werde, und diese dreifache Versicherung beruhigte unsern Freund einigermaßen. – Es war finstere Nacht, als er mit seinen beiden Begleitern das Lager der Lappen erreichte.

Die Renntiere grunzten in ihrer eigentümlichen Weise, die Zelte lagen in dunklen Umrissen da, und alles war totenstill. Robert teilte geräuschlos die Vorhänge des luftigen Gebäudes, in welchem er und Mongo während der letzten Nacht geschlafen, er tastete am Boden und untersuchte mit Händen und Füßen den ganzen kleinen Raum.

Vergebens, – es war niemand drinnen.

Ein eisiges Grauen überlief seine Glieder. Wo sollte er jetzt den Alten suchen?

Leise flüsternd teilte er seine Entdeckung den beiden Quänern mit. »Wollen wir Lärm machen, das ganze Lager in Aufruhr bringen, mit Gericht und Geistlichkeit drohen?« fragte er.

Ein Zischen, wie ein halblautes verächtliches Lachen, traf sein Ohr. »Schau her,« versetzte einer der Vogelfänger, »hier ist das Mittel, den Verlorenen aufzufinden, freilich nur, wenn du irgend einen Gegenstand besitzest, der mit ihm in Berührung gekommen ist, den er getragen hat, oder worauf er lag. Gibt es dergleichen?«

Er zog bei diesen Worten die beiden kleinen, wieselähnlichen Hunde aus den Taschen seines weiten Lederrockes hervor und setzte sie sorgfältig auf den Boden. »Sind keine Felle im Zelt?« fragte er. »Das wäre das beste.«

Robert unterdrückte einen Jubellaut. »Hier! Hier!« versetzte er, »aber werden die kleinen Dinger imstande sein, eine Spur zu verfolgen?«

Die Quäner antworteten nicht. Vielleicht hielten sie es unter ihrer Würde, dem unwissenden Fremden über die Eigenschaften der Hündchen einen weiteren Aufschluß zu geben, vielleicht waren sie im allgemeinen sehr schweigsam, wie das bei den tief innerlichen, markigen Naturen des nordischen Stammes häufig getroffen wird. Sie rieben nur mit den Renntierfellen die Schnauzen der beiden kleinen Tiere, dann folgte der leise bestimmte Befehl: »Such, Freia! Such, Thor.«

Die Hunde gehorchten sofort. Sie schnupperten eine Zeitlang am Boden und wandten sich dann wie auf Verabredung dem eingezäunten Platze zu, wo die Renntiere gefangen gehalten wurden. Dort gingen sie spürend und suchend im Kreise herum.

»Sven,« flüsterte einer der Vogeljäger, »gib mir die Flasche. Wir werden noch meilenweit wandern müssen, Sven.«

Der andere reichte das Verlangte. »Weshalb, Steen Norrick?« fragte er.

»Das wirst du sehen, Sven. Aha, da kommt es schon.«

Die Hunde hatten sich wahrend dieser kurzen Unterhaltung in Bewegung gesetzt und trabten, anstatt einem der Zelte vielmehr dem Ausgang des Tales zu. Über eine Viertelstunde lang gingen die drei Männer schweigend den Tieren nach, bis endlich Robert seiner Unruhe nicht länger gebieten konnte. »Ich bitte euch,« sagte er, »wohin soll das führen? Die Hunde laufen auf das Geratewohl ins Gebirge hinein.«

Steen Norrick pfiff leise. »Du kannst vielleicht ein Schiff steuern, oder ein Segel am obersten Top befestigen, Freund,« sagte er, »aber von der Jagd verstehst du nichts. Überlasse es uns. zu beurteilen, was Thor und Freia zu leisten vermögen. Diese Hunde laufen nie zu ihrem Vergnügen in der Welt herum, wie eure Luxushunde tun, sondern sie arbeiten und spüren ihr lebenlang, ganz wie wir selbst. – Nun, was gibt's denn, Freia?«

Die letzteren Worte galten der kleinen Hündin, welche augenscheinlich die Spur verloren hatte, und nun winselnd zurücklief, um dieselbe zu suchen. Aber so oft auch der Faden wieder aufgefunden wurde, – an einer bestimmten Stelle zerriß er immer aufs neue. Es schien unzweifelhaft, daß hier des Negers Füße den Boden verlassen hatten.

Die Vogeljäger teilten sich. Bei dem schwachen Schein des Mondes nahm der eine das Hündchen Thor unter den Arm und ging mit ihm etwa zwölf bis zwanzig Schritte weiter in den Wald hinein, während Sven, der andere, bei Freia blieb und diese in der nächsten Umgebung jener Stelle, wo die Spur aufhörte, weitersuchen ließ.

Robert sah stumm auf das Treiben der beiden riesigen, schweigsamen Männer, die mit ihren derben Gliedern und ihren Hünengestalten den Eindruck der größten Zuversichtlichkeit machten. Er dachte in halber Beschämung an den Patron Gulbrandson. Was wäre wohl aus ihm geworden, wenn sich der erfahrene alte Mann nicht so väterlich des ungestümen jungen Fremdlings angenommen hätte?

Ruhe, predigte er sich selbst, Ruhe! Ich würde lieber das ganze Lappenlager vom Erdboden vertilgt haben, als daß ich die Vorsicht walten ließ. Aber doch ist dies der richtige Weg. Die beiden Jäger sehen nicht aus, als könnten sie etwas Unbesonnenes, Nutzloses anfangen.

Er beobachtete wechselweise die Versuche der Quäner. Während Steen Norrick von Zeit zu Zeit das Hündchen einige Schritte weit vorwärts trug, brachte Sven das seinige an jede Felsspalte, jeden Engpaß und jede Klippe, aber augenscheinlich ohne den geringsten Erfolg, bis endlich der erstere einen halblauten Ruf ertönen ließ. Der Quäner ergriff sogleich den kleinen Spürhund, folgte mit langen Schritten dem Vorangegangenen und überließ es unserm Freunde zu folgen wie er konnte. Der Eifer ihres Berufes hatte offenbar die beiden Vogeljäger ergriffen, daß sie darüber alles andere vergaßen.

»Hast du die Spur gefunden, Steen Norrick?«

Der andere deutete mit der Rechten auf das Zwerghündchen. »Von nun an wird's besser gehen,« sagte er. »Behalte Freia nur im Arm, ich bin meiner Sache sicher.«

Schweigend setzte der kleine Zug seine Wanderung fort, bis nach etwa fünfzig Schritten die gleiche Szene sich wiederholte. Jetzt aber war und blieb die Spur verloren.

Beide Jäger sahen einander, von einem Gedanken ergriffen, ins Auge. »Renntiere!« sagte Sven. »Der Neger sollte reiten und weigerte sich, er fiel herab, wurde weiter geschleift, wieder auf das Renntier gehoben und festgebunden.«

Steen Norrick nickte. »Du sagst es, Sven Böge!« versetzte er. »Gut, so haben wir's leichter.«

Nach diesem Ausspruch pflückten sie sorgfältig das spärliche Moos, welches auf dem Felsboden wuchs, und rieben aufs neue die Schnauzen der beiden Hunde. »Such! Such!«

Thor und Freia folgten jetzt den Spuren der Renntiere. Es ging ohne Unterbrechung talauf, talab, immer weiter, und als gegen Morgen der Boden etwas sumpfig wurde, erkannte man deutlich im Dämmergrau des jungen Tages die Spuren der Hufe, welche sich auf der feuchten, moorigen Erde scharf abgedrückt hatten.

»Wahrhaftig!« rief Robert, »wahrhaftig, eure Hunde behalten recht. Wie habt ihr ihnen die Fähigkeit des Spürens beigebracht und wozu dient sie euch, da ihr nur Vögel jagt?«

Steen Norrick lächelte. »Du fragst viel auf einmal, Fremder,« versetzte er. »Aber wisse, daß die Fähigkeit des Spürens diesen Tieren von der Natur geschenkt wurde; kein Menschenwitz vermöchte das zu lehren. Wir richten sie nur besonders ab auf den Vogelfang, weil sie dazu die passende Größe haben.«

»Wieso das?« fragte neugierig unser Freund.

»Nun, da die Alken und Möwen in Felsritzen ihre Nester bauen, so braucht man diese winzigen Hündchen, um sie aufzuspüren. Wohin kein Menschenfuß gelangt, wohin kein Blick zu dringen vermag, da finden Thor und Freia die brütenden Vögel, denen man dann meistens mit leichter Mühe die Eier wegnehmen kann. In vielen Fällen sind auch die alten Tiere zu erreichen, während man ohne solche Hunde nur selten eins auftreibt.«

Robert staunte schweigend. Immer neue Wunder erschloß ihm die Natur, – wahrlich, Mongo hatte recht, er konnte die Sehnsucht nie stillen, den Becher nie bis zum letzten Tropfen leeren. Und doch fühlte er ein so reges Verlangen, alles kennen zu lernen! –

Weiter ging es, immer weiter, obwohl Roberts Kräfte anfingen nachzulassen. Man war jetzt zehn Stunden ohne Aufenthalt marschiert, und die kleinen Hunde eilten immer noch nebeneinander, mit der Nase am Boden vorwärts. Es schien, als sei bis jetzt an kein Ende dieser aufregenden Wanderung zu denken.

Da hob plötzlich Steen Norrick die Hand. Alle drei Männer standen still.

»Ein Renn!« flüsterte der Vogeljäger, »ich höre deutlich das Grunzen.«

Die beiden andern horchten atemlos. Allen vernehmbar klang jetzt der leise Ton durch die stille Morgenluft zum zweitenmal herüber.

Es konnte keine Täuschung obwalten. Hinter einem Gebüsch befanden sich die Gesuchten.

Steen Norrick legte den Finger auf den Mund. Dann lockte er durch eine Bewegung seiner Hand die beiden Hündchen zu sich heran, reichte jedem aus dem Ranzen ein Stück Fleisch und versenkte sie wieder in seine weiten Rocktaschen.

Dann kamen aus den Brusttaschen der beiden Jäger in aller Stille, ohne Verabredung oder Verzug, zwei doppelläufige Pistolen zum Vorschein. Mit gespanntem Hahn, den schweren Bergstock in der Linken, schlichen die riesigen Nordländer vorwärts, und Robert folgte ihnen.

Helges Stimme tönte sehr bald der kleinen Schar entgegen. Was er aber sprach, das blieb unserm Freunde unverständlich, da es die Mundart der Gebirgslappen war, in der er jedenfalls einen Kameraden anredete. So eifrig auch Robert horchte, den Sinn des Gesagten verstand er nicht.

Desto besser begriffen freilich die Vogeljäger. Sie sahen einander lächelnd an, und dann bückte sich Steen Norrick zu dem viel kleineren Robert herab: »Der gelbe Schurke hat deinen Freund geknebelt und ihm seit seiner eigenen Rückkehr vom Westfjord keine Nahrungsmittel mehr gegeben,« raunte er. »Es ist seine Absicht, den Neger noch eine ganze Tagereise weit in die Wüste zu führen und ihn dort halbverhungert auszusetzen, damit er nie wieder zu den Weißen zurückkehren könne. Jetzt laß mich weiter horchen, aber schweig ganz still!«

Robert bezwang mit unsäglicher Mühe die aufwallende Entrüstung. Er fühlte zu entschieden das Übergewicht der beiden Vogeljäger, als daß er es gewagt hätte, den Anordnungen derselben zu widersprechen, aber vor lauter Ungeduld preßte er inzwischen die Zähne in den Stock, welchen ihm Sven Böge unterwegs geschnitten. »Könnte ich den Schädel dieses Halunken zerschmettern,« dachte er, »ach, könnte ich nur wenigstens laut schreien und mir Luft machen!«

Aber das ging nicht. Die Lappen sprachen fortwährend miteinander, und Steen Norrick horchte angestrengt. »Dachte es wohl,« flüsterte er in Roberts Ohr, »dir war das gleiche Schicksal zugeteilt. Sobald du dich im Lager wieder blicken ließest, wollte man auch dich in die Wüste führen. Kannst deinem Herrgott danken, daß du die Geschichte von den heidnischen Greueln nicht am Feuer der Lappen erzähltest, sonst wärest auch du jetzt auf dem Rücken eines dieser Tiere von der Insel Kola rettungslos in die Steinwüste gebracht worden und keine menschliche Seele hätte dein Verschwinden bemerkt, keine Kunde wäre zu den Deinen über das Meer geflogen, nur der eisige Sturm von den Hochgebirgen konnte dir ein Totenlied singen, Wolf und Adler rauften sich um deine Gebeine. Werde vorsichtiger, Knabe, ehe du die Sitten und Gefahren fremder Länder gegen dich herausforderst!«

Robert antwortete nicht. Dunkle Glut färbte seine Wangen. Das war eine ernste und zugleich milde Lehre, aber sie drang ihm eben ihrer Einfachheit wegen tief ins Herz. Wie nahe schwebte über seinem Haupte das Verderben, und wie schrecklich hatte er den ahnungslosen Neger in die Folgen der eigenen Unbesonnenheit mit hineingezogen! –

Steen Norrick nahm jetzt die Pistole schußgerecht und winkte seinem Begleiter, dasselbe zu tun. Wie ein Gespenst aus dem mitternächtlichen Grabe emporsteigt, lautlos und plötzlich, so standen im nächsten Augenblick die Riesengestalten der beiden Vogeljäger vor den entsetzten Lappen, die, ihrer Sache vollständig sicher, sich ganz bequem in das Moos gelagert hatten und bei Branntwein und reichlichen Speisen eine längere Rast hielten, indes der unglückliche Mongo auf dem Rücken des Renntiers, dermaßen von Seilen umschnürt, daß er kaum zu atmen vermochte, in halber Betäubung dalag. Seinen Bitten um einen Trunk Wasser war mit Hohnlachen geantwortet worden.

Sobald Robert sah, daß die Vogeljäger den Kampf aufnahmen, drang er mit einem laut Hallenden »Hurra Mongo, die Hilfe ist da!« – in das Gebüsch hinein und ohne Verzug bis zu dem gefesselten Freunde. »Sven Böge!« rief er, »Sven Böge, gib mir dein Messer!«

Der Riese trat, ohne die beiden wie versteinert dasitzenden Lappen aus den Augen zu verlieren, näher und überreichte dem jungen Matrosen ein Messer, das bestimmt sein mochte, im Notfall einem Bären den Genickfang zu geben. Robert zerschnitt jubelnd die Seile und half dem Alten, sich des freien Gebrauches seiner Glieder erst einmal wieder völlig zu versichern. Die Branntweinflasche und die gebratene Renntierkeule der Lappen mußten dazu das Ihrige beitragen, obwohl Mongos Hals so zusammengeschnürt war, daß ihm die Sprache anfänglich versagte.

Helge und sein verbrecherischer Gefährte hatten sich inzwischen einigermaßen gesammelt und waren von ihren Sitzen aufgesprungen. »Was wollt ihr, Steen Norrick und Sven Böge?« fragte mit finsterem Blick der Sohn des Lappenhäuptlings, »weshalb bedroht ihr friedliche Jäger? Setzt euch zu uns, und nehmt fürlieb, was wir zu bieten haben.«

Diese Dreistigkeit empörte selbst die ruhigen Nordländer. »Schurken!« rief Sven Böge, während sein Gefährte in heftigem Abscheu auf den Boden spuckte, »elende, gelbe Diebe und Heiden, die ihr seid. Wollt ihr etwa leugnen, diesen Neger hier als Gefangenen in die Wüste geschleppt zu haben, – wollt ihr leugnen, daß oben am Nordkap ein greuliches Zauberwesen betrieben worden ist, ihr Spitzbuben und Heiligtumsschänder?«

»Auf!« befahl Steen Norrick. »Wir bringen euch an Händen und Füßen gefesselt nach der Stadt, angeklagt der Götzendienerei und des Menschenraubes. Da könnt ihr im dunklen Kerker eure Schandtaten bereuen. Wir beide, mein Vetter und Genosse Sven Böge und ich selbst, werden bezeugen, daß ihr alles dieses eingestanden habt, denn wir haben vorhin eure ganze Unterhaltung Wort für Wort mit angehört.«

Diese Worte änderten plötzlich die ganze Lage. Während sich der zweite Lappe auf die Kniee warf und heulend um Gnade flehte, kreuzte Helge die Arme und sah unverwandt in das Gesicht des Vogeljägers. »Geh. Steen Norrick, geh und bringe uns in das Gefängnis, Sohn des weißen Vaters, dessen Weib – deine Mutter, Steen Norrick! – auch aus dem Stamme der Samelads hervorgegangen war. Schände den Herd, an welchem deine Mutter gelebt, schände dein eigenes Mischblut, indem du die Hälfte desselben dem Büttel preisgibst.«

Die Adern auf der Stirn des Nordländers schwollen zu Strängen, seine Augen glühten, seine Fäuste ballten sich, und schon im nächsten Augenblick krachte der Schuß, den indes Sven Böges plötzlicher, geschickt angebrachter Schlag gegen den Lauf der Pistole unschädlich verhallen ließ. Der Vogeljäger war an jener wunden Stelle berührt, die im Herzen des Mannes bei leisester Berührung schon schmerzt, – man hatte ihm den dunklen Fleck seiner Abstammung vorgeworfen und dadurch seinen Zorn auf das heftigste gereizt.

»Laß mich!« knirschte er, mit Sven Böges kräftigen Armen ringend. »Laß mich, der gelbe Hund soll sterben.«

»Steen Norrick,« sagte mit warnender Stimme der andere, »besinne dich! Hast du vergessen, was der Patron Gulbrandson befahl?«

Der Jäger schien zu erschrecken, wenigstens zögerte er. »Willst du dich von diesen schmutzigen Schuften nach Belieben kränken lassen?« schrie er.

»Ein Lappe kann mich nicht beleidigen noch kränken, Steen Norrick.«

»Das sagt der Sohn einer Frau aus dem Blute der Samelads!« murmelte Helge.

»Die Pest über dich!« – –

Und mit diesen Worten stürzte sich der Nordländer auf den Lappen, welchen er unfehlbar zerdrückt haben würde, wenn nicht eine anderweitige Einmischung diesem Vorhaben plötzlich entgegengetreten wäre. Die beiden kleinen Hündchen, durch die ungestümen Bewegungen ihres Trägers in Gefahr gebracht, begannen jämmerlich zu heulen, so daß der Vogeljäger erschrak, als habe ihn eine Schlange gebissen. Den Lappen von sich schleudernd, beschwichtigte er seine Lieblinge, indes Sven Böge mit energischer Handbewegung den zweiten Gelben vom Boden emporzog und ihm befahl, die Tiere aufzuzäumen. Nachdem das geschehen, erhielten Mongo und Robert die Anweisung, sich reisefertig zu halten, und das dritte Renn wurde mit Vorräten beladen, ehe es der Nordländer am Zügel ergriff.

»Komm hierher, Helge!« gebot er.

Der Lappe gehorchte zögernd. Sein Gesicht war vor Zorn und Furcht aschgrau. Sven Böge packte ihn wie einen Warenballen und untersuchte mit seinen großen Händen jede Falte, jede Tasche, ehe er ihn wieder freigab. Nachdem bei dem zweiten Farbigen das gleiche vollführt und auch hier keine Schußwaffen gefunden worden waren, trieb der Jäger die Renntiere zum Aufbruch. »Vorwärts!« gebot er. Und dann sich zu den Lappen wendend, fügte er bei: »Daß ihr euch in gemessener Entfernung haltet, Spitzbuben! Wer sein gelbes Gesicht sehen läßt, den trifft eine Kugel!«

Ein Zungenschlag brachte die Tiere in Bewegung. Robert und Mongo ritten, während die Vogeljäger zu beiden Seiten gingen. Steen Norrick schien sich seines heftigen Zornes einigermaßen zu schämen, denn er biß die Lippen aufeinander und sprach keine Silbe.

Robert klopfte ihm auf die Achsel. »Wie können wir dir jemals genug danken, dir und deinem Vetter?« fragte er. »Ihr habt uns beiden das Leben gerettet.«

Der Nordländer lächelte. »Mach nicht so viele Worte, Fremder,« versetzte er, »oder würdest du in unserer Lage anders gehandelt haben?«

»Nein!« rief mit überzeugender Sicherheit der junge Schiffer, »nein, wahrlich nicht!«

Die Vogeljäger sahen ihn sehr wohlgefällig an. »Nun also!« versetzte Steen Norrick.

Und dann ging es im ersten Sonnengold des Morgens durch das Gebirge dahin. Die eisernen Gestalten der beiden Nordländer schienen von keiner Ermattung, keiner Müdigkeit erfaßt werden zu können. Ebenso straff und so sicher, wie sie vor reichlich zehn Stunden die Wanderung angetreten, marschierten sie auch jetzt noch über den Steinboden dahin, bis gegen Mittag eine Rast gemacht wurde, wobei der vorhandene Mundvorrat den Weg alles Fleisches ging. Robert verließ neu gestärkt sein Reittier, nahm die leeren Ranzen und Körbe auf den Rücken und überredete die Nordländer, jetzt zu reiten. Er selbst ging an Mongos Seite und erzählte diesem, was sich während der Zeit ihrer Trennung zugetragen. Der Neger konnte immer noch kein Wort sprechen, aber er drohte gutmütig mit erhobenem Zeigefinger, als ihm der junge Sausewind erzählte, daß er gegen den Lappen ganz ahnungslos die Namen, »Jubinal« und »Tiermer« als ihm wohlbekannt hingeworfen habe.

Robert errötete wieder. »Ich will vorsichtiger werden, Alter,« sagte er in englischer Sprache, »diese Lehre soll mir nicht verloren gehen.«

»Du junger Spitzbube!« wollte Mongo mit seinem Lieblingsausdrucke antworten, aber es erfolgte nur ein unverständliches Krächzen, so daß alle laut lachten.

In bester Stimmung erreichte der kleine Zug gegen Abend die Uferstrecke des Westfjord, wo gestern diese ganze abenteuerliche Fahrt ihren Anfang genommen. Das Lappenlager hatten die Jäger seitwärts umgangen, so daß keinerlei Streit oder Kampf entstanden war.

Roberts erster Blick galt dem Wasser. Er hob sich auf die Zehenspitzen, wo gestern abend die Wimpel der Jacht im Sonnenschimmer sich bauschten, und – – was er heimlich gehofft, das bestätigte sich. Das hübsche Schiffchen lag noch vor Anker, während Patron Gulbrandson breitspurig und mit der langen Pfeife im Munde auf dem Strandwege stand.

Sein lederfarbenes Gesicht lachte, als er die Ankömmlinge sah. »Halloh!« rief er, »das nenne ich eine gute Hand! Habt drei Renntiere erbeutet und einen Neger. Brr, wird aber das schwarze Menschenkind in der Stadt ein Aufsehen erregen!«

Robert streckte mit überwallender Dankbarkeit dem Alten seine beiden Hände entgegen. »Du hattest recht, Patron Gulbrandson,« sagte er, »und ich bitte dich wegen meiner unüberlegten Worte um Verzeihung!«

Der Norweger schmunzelte. »Konnte mir denken, was inzwischen geschehen ist,« antwortete er, »kenne die gelben Spitzbuben seit vierzig Jahren aus täglichem Verkehr, und weiß was sie wert sind. Feige ist das Volk, hinterlistig und versteckt. Haben wohl Ach und Weh geschrien, als die Quäner des Weges kamen, dachten nicht, daß hinterm Berge auch noch Leute wohnten?«

Die beiden Vogeljäger erzählten nun alles, was sich zugetragen, und der Patron nickte äußerst zufrieden. »Wolltet gern mit nächster Gelegenheit nach Tromsö, ihr beiden?« fragte er, mit der Pfeifenspitze zugleich auf Robert und den Neger deutend.

Letzterer verstand ihn nicht, aber Robert antwortete an seiner Stelle und sah unwillkürlich dabei voll Sehnsucht hinaus auf den Fjord, wo sich die hübsche Jacht vor ihren Ankerketten schaukelte. »Würdest du deine Güte dahin ausdehnen, uns an Bord des »Heimdal« mitzunehmen, Patron Gulbrandson?« fragte er. »Der amerikanische Konsul in Bergen –«

»Soll sich um seine eigenen Angelegenheiten bekümmern,« schloß brummend der Alte. »Denke wohl, daß Olaf Gulbrandson der Mann ist, um ein paar schiffbrüchigen Seeleuten ein Stücklein Brot zu schenken, ohne daß es ihm jemand wieder in den Schrank zurückliefern müßte. Könnt an Bord gehen, der Schwarze und du, euch vom Steuermann eine richtige Mahlzeit geben lassen und euch in den Hängematten aufs Ohr legen. So, ihr wißt nun Bescheid!«

Er wehrte alle Dankesäußerungen von sich ab und schritt langsam zu den Arbeitern an der Holzbank, wo er einem Lappen befahl, die drei Renntiere wieder in das Lager seiner Brüder zurückzuführen. Dann trat er in die Hütte der beiden Quäner, wo jedenfalls verschiedene Abschlüsse und Rechnungen ins reine gebracht wurden, denn die Jacht hatte ihre volle Ladung an getrockneten Fischen und Federn bereits erhalten, das sahen unsere Freunde, als sie an Bord kamen, auf den ersten Blick. Höchst wahrscheinlich erwartete man nur den Patron, um die Anker zu lichten.

Robert und Mongo verzehrten mit bestem Appetit die seltsame Suppe, welche ihnen der Steuermann vorsetzte, nämlich Hafergrütze mit getrockneten Pflaumen und kleinen Heringen, das norwegische Nationalgericht. Sie lachten dabei heimlich, und der Neger schauderte sogar ein wenig, aber später glich das tüchtige Stück Pökelfleisch mit Klößen alles Befremdliche vollständig wieder aus, obwohl jegliches Gemüse, das hier in der Polarzone den Wert einer seltenen, ausländischen Frucht gehabt hätte, natürlich an Bord des »Heimdal« durchaus fehlte. Man kennt in diesen Breiten nicht einmal den Anbau der Kartoffel, die während des zu kurzen, heißen Sommers lang ins Kraut schießt, aber keine Knollen setzt.

Nach dem Essen taten unsre beiden Abenteurer wie ihnen geheißen worden war: sie suchten die langentbehrte Ruhe und schliefen bald wie die Bären, ohne zu bemerken, daß an Deck die Anker gelichtet wurden, und daß der »Heimdal« durch die blauen Fluten dahinschoß wie ein Delphin, der sich in dem freien, nassen Element nach Herzenslust tummelt.

Erst gegen Morgen erwachte Robert und glaubte zu träumen, als er den Seegang fühlte und die Wellen klatschend an das Schiff schlagen hörte. Er schloß nochmals die Augen, um sich der schmeichelnden Empfindung wieder hinzugeben, und erst als ihm die Erinnerung langsam alle Bilder der letztvergangenen Tage zurückführte, sprang er aus seiner Hängematte heraus, um womöglich an Deck ein wenig zu helfen und die gebotene Gastfreundschaft des »Heimdal« nach Kräften zu vergelten. Er konnte sich auch nicht länger versagen, einmal wieder in die Masten zu klettern und sich da oben in freier Luft vom Wind schaukeln zu lassen.

An Bord des Schiffes befanden sich außer dem Patron und dem Steuermann nur noch drei Matrosen, lauter Hünengestalten, schweigsam wie die Vogeljäger und offenbar ebensowenig wirkliche Seeleute wie ihr Herr und Gebieter selbst. Robert konnte überall ohne Geheiß zugreifen, er fand Arbeit genug für mehr als einen Mann.

Olaf Gulbrandson sah es mit zufriedenem Lächeln, daß sich sein junger Gast nützlich zu machen suchte. »Ist ein gutes Ding, wenn der Mensch den Müßiggang haßt und sich für besser hält als die stumme, vernunftlose Kreatur, die nur genießt, ohne es dem Schöpfer zurückzuzahlen mit tüchtiger, redlicher Arbeit. Sieh, Junge, was du verzehrst, das schenke ich dir, und was du verdienst, das bezahle ich. – Den Schwarzen laß nur in seiner Hängematte bleiben, damit die geschundenen Glieder zu Kräften kommen, ehe er eine neue Heuer annimmt.«

Und so geschah es auch. Robert half an Deck, während der »Heimdal« vier Tage lang durch die Sunde und Fjorde und endlich durch die Straße von Tromsö dahinlief, um am Morgen des fünften an der hölzernen Landungstreppe sich zu vertäuen, wie der Seemannsausdruck heißt.

Während die eingeheimsten Fische und Federn auf ein größeres, nach Bergen bestimmtes Schiff des Patrons verladen wurden, sollte die Jacht zurückfahren und eine neue Partie Salz und Lebensmittel den Arbeitern auf den Lofoten zuführen. Olaf Gulbrandson selbst überwachte in Tromsö den Verlauf der Dinge, aber er wollte nicht wieder an die Fischplätze zurückkehren, sondern persönlich seine Waren in Bergen verkaufen, wie er denn auch längst bei sich beschlossen hatte, Robert und den Neger dorthin mitzunehmen. Mongo half jetzt tüchtig, die Federsäcke und Ballen trockener Fische aus dem Raume herauszubefördern, er hatte sich bestens erholt und konnte sogar nach einer einförmigen Negermelodie ein englisches Lied singen, in dessen Weise die Norweger mit einfielen, ohne zu ahnen, welchen Sinn die Worte hatten.

Robert lachte ausgelassen, so oft er das wunderliche Quartett des Schwarzen und der drei norwegischen Matrosen mit anhörte. Gewandt und flink, wie er war, übersetzte er endlich die Strophen ins Dänische, so daß nun in zwei verschiedenen Sprachen gesungen wurde, was auf Deutsch etwa folgendermaßen lautete:

»Neger auf dem Land – Sehen, das Schiff kommt in,
»Der Kap'tän kommt an Land – Mit der Hand am Kinn.
»Kaufmannsschiff ahoi, Kaufmannsschiff ahoi, –
»Gib die Taler mir.«

Dabei fiel Ballen nach Ballen und Sack nach Sack in den Raum der »Ellen Gulbrandson,« wie das Schiff zu Ehren der verstorbenen Frau des Patrons genannt worden war. Schon nach wenigen Tagen konnte die Reise fortgehen, und zwar nicht wie Robert geglaubt hatte im offenen Meer, sondern durch ein förmliches Labyrinth, einen verschlungenen Irrgarten von Wasserpfaden zwischen den Felsen, von kleinen und großen Seen, Engpässen und Stromschnellen, immer im Angesicht der Küste und in einer Umgebung, die großartiger kaum gedacht werden konnte.

Als das weite Wasserbecken des Hafens, rings umschlossen von einem Halbkreis glatter Felsen, sich den Blicken der Schiffer zeigte, als Robert endlich wieder die Masten von zahlreichen Fahrzeugen aus aller Herren Länder zum Himmel emporragen sah, da hüpfte ihm das Herz vor Vergnügen.

Hier erschien das Leben im Licht seines gewohnten Aussehens. Blumen blühten, Baumwipfel rauschten im Wind, stattliche Gärten und leichte, vornehme Landhäuser schmeichelten dem Auge, indes ferne, weißüberglänzte Berggipfel, die Riesen unter ihren Nachbarn, auch selbst hier noch wie eine ernste Mahnung an die ewig tote Wüste hinter diesem lachenden Paradiese, ihre Häupter erhoben. Hunderte von Menschen zeigten sich auf der Straße, man bemerkte Lastfuhrwerke und die Equipagen reicher Leute, kurz, man war von den letzten Grenzen der Gesittung so recht in den Schoß derselben zurückgekehrt, wie denn auch die Berechnung des Patrons eine durchmessene Strecke von zweihundert Meilen nachwies.

Diesen weiten Weg hatte die »Ellen Gulbrandson« in zwölf Tagen gemacht; alles, was der Patron unternommen, war vom besten Glücke begünstigt worden und daher seine Stimmung eine sehr rosige. Er schlug mit der flachen Hand auf Roberts Schulter und sah ihn wohlgefällig an. »Junge,« sagte er, »bleib in meinem Lohn und Brot, du bist gerade so einer, wie ich es gern habe, kein Rührmichnichtan und Buttermilchsprinz, sondern ein Bursche, der seine Kräfte fühlt und sie gebrauchen will. Schlag ein, Bob! Im Sommer auf der Küstenfahrt zwischen Bergen und den Lofoten, im Winter zu Hause am Baalsfjord, wo meine Speicher stehen und wo die erhandelten Waren an die Fischer verkauft werden. Kannst hineinwachsen in mein Geschäft, Junge, kannst mit der Zeit ein Gaardbesitzer sein, ja, und kannst sogar dermaleinst meine Enkelin heiraten, wenn du ein gemachter Mann bist, der seine Schiffe auf dem Wasser und seine Packhäuser am Lande besitzt. Freilich zählt das Püppchen jetzt erst fünf Jahre, aber es ist auch noch ein weiter Weg vom Leichtmatrosen bis zum selbständigen Patron und Eigentümer.«

Robert hatte anfänglich ernsthaft zugehört, dann aber lachte er laut. Der Gedanke, von seiner einstmaligen Frau zu sprechen, war doch wirklich urkomisch. Wie konnte der vernünftige Kaufmann solche Scherze machen?

»Nimm es um Gottes willen nicht übel, Patron Gulbrandson,« antwortete er endlich, »aber das, was du sagtest, war zu lustig, ich konnte mir nicht helfen.«

Der Alte verzog wohlgefällig den breiten Mund. »So lache doch in Gottes Namen,« versetzte er. »Wer lacht, der sündigt nicht. Aber unser Handel ist fix und fertig, was?«

Robert schüttelte den Kopf. »Kann nicht, Patron,« antwortete er, »kann nicht, und wenn mir's das Leben kosten sollte. Ich bin dir zweifach großen, herzlichen Dank schuldig, ich werde bis zum letzten Atemzuge niemals vergessen, was du mir und dem alten Neger getan, aber mich in ein Haus sperren lassen kann ich nicht.«

»Dummes Zeug das! Alle Menschen leben in Häusern, du auch!«

»Nein, Patron, ich nicht. Laß dir sagen, daß ich der einzige Sohn meiner Eltern bin, daß mir zu Hause in Deutschland ein sicheres, behäbiges Los bereitet war und daß ich heimlich bei dunkler Nacht davonlief, um frei zu sein, um ein Seemann zu werden. Nun weißt du, warum ich nicht mit dir ziehen kann!«

Der Alte schien nicht so recht mit sich im Reinen, ob er hier tadeln oder loben solle, ob ein »du arger Sünder!« oder ein »Verwetterter Kerl!« seinen Empfindungen besseren Ausdruck verleihe. Er wiederholte nur das Wort »Davongelaufen?«

»Ja, Patron Gulbrandson,«

»Mithin willst du also jetzt auf einem Hamburger Schiff heuern, um deine Eltern aufzusuchen und sie geziemend um Verzeihung zu bitten?«

Robert errötete. »Das kann ich noch nicht, Patron,« versetzte er. »Mein Stolz verbietet mir, mit leeren Händen zurückzukommen, und da bisher das Unglück jedesmal wieder verschlang, was ich mit Fleiß zusammengebracht, so muß ich erst einmal eine gute Reise hinter mir und einige hundert Taler in der Tasche haben, bevor ich heimkehre. Wirklich, ich hatte überall Mißgeschick!«

Olaf Gulbrandson hob mahnend den Finger. »So ganz unverdient, Bursche?« fragte er. »Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß dir's wohl ergehe und du lange lebest auf Erden. Hast den guten Satz ganz vergessen, he?«

»Gewiß nicht, Patron, aber – von der See lassen kann ich nimmer.«

Der Alte kehrte sich ab. »Nun, nun,« brummte er, »habe dir nichts zu befehlen, mußt deine eigene Haut zu Markte tragen. Segen wird's niemals bringen, darauf darfst du dich immerhin fest verlassen. Das unrechte Gut gedeiht nicht.«

Als er aber späterhin im Boot an einen der großen amerikanischen Dreimaster heranfuhr, da dachte er doch ganz im stillen: »Schade, daß der Bengel so hartnäckig ist. Ich hätte ihn gern mit mir nach Hause genommen. Ist gute Art darin und kecker, frischer Mut. Schade! – Schade!«

Mit dem Kapitän des Amerikaners verabredete er dann eine Heuer für Robert sowohl wie für den Neger, schenkte jedem einen tüchtigen Anzug und brachte sie in seiner eigenen Jolle an Bord. »Vorher aber schreibst du an deine Eltern,« ermahnte er unseren Freund, »ich selbst will den Brief auf die Post geben.«

Robert gehorchte und schilderte den Seinen alles, was ihm neuerdings begegnet war, ebenso bat er sie, ihm nach San Francisco, seinem nächsten Bestimmungsort, eine Antwort vorauszuschicken. Nachdem er noch das Versprechen baldiger Rückkehr hinzugefügt, schloß er mit der erneuten, herzlichen Versicherung seiner Kindesliebe und der Bitte, ihm den unüberlegten Jugendstreich zu verzeihen.

Patron Gulbrandson versenkte den Brief in die Tasche des weiten Lederrockes, dann zahlte er beiden Seeleuten auf Heller und Pfennig, was sie während der Herreise verdient hatten und schüttelte ihnen zum letztenmal die Hand. »Lebt wohl! Lebt wohl!« –

Mongo dankte ihm wieder und wieder für die Rettung von einem schrecklichen Tode, bat ihn, die beiden Vogeljäger zu grüßen, und es den Sohn des Lappenhäuptlings nicht entgelten zu lassen, daß er ihn so heimtückisch überfallen und in die Wüste geschleppt habe, – – Robert hielt immer noch des Nordländers Rechte. Der Abschied wurde allen schwer. »Könntest ja bei mir bleiben, Junge!« sagte halb grollend, halb wehmütig Olaf Gulbrandson.

Aber unser Freund schüttelte den Kopf. »Es kann nicht sein, Patron!«

»Nun, so behüt dich Gott, Wildfang!«

Die Jolle stieß ab und einige Minuten später war sie im Gewirre der vielen Fahrzeuge den Blicken Roberts auf immer entschwunden.

Zwei Tage später lichtete der »Stern von San Francisco« die Anker, und mit lustigem Matrosengesang begann die neue Fahrt der ungewissen Zukunft des Seemannes entgegen, dem Glücke und dem Gelingen nachstrebend. Was sie bringen wird, das weiß nur Gott.


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