Jakob Wassermann
Die Juden von Zirndorf
Jakob Wassermann

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Zwölftes Kapitel

In dem dumpferhellten Vorflur der Schenke standen mit aufgerissenen Augen ein paar jüdische Händler, die um diese Zeit zu einem Glas Bier zu gehen pflegten, außerdem zwei Bauern: Jochen Gensfleisch und Jochen Wässerlein, dann Lämelchen Erdmann, der Gendarm Pavlovsky, wie immer schnaufend und wild um sich blickend, als wünsche er einen Widersetzlichen zu zermalmen und der Wirt selbst mit dem Gesicht eines alten Komödianten.

Gegen neun Uhr war Lämelchen Erdmann in die Schenke gekommen und die beiden Bauern hatten ihren Spaß mit ihm zu treiben und ihn zu zwingen versucht, die gelbe Katze des Wirts beim Schwanz zu fassen und emporzuheben.

Lämelchen blickte, bebend am ganzen Körper, um sich. Alle wußten, daß er einen namenlosen Abscheu vor Katzen hatte. Er wich jeder Katze in weitem Bogen aus und wenn die Katzen des Nachts vor seinem Hause schrien, verstopfte er sich die Ohren und lag dennoch voll fiebernder Furcht in seinem Bett.

Die jüdischen Händler, die schwatzend an einem Tisch beisammen saßen, wagten dem bedrängten Alten nicht beizustehen; sie runzelten die Stirn und sahen halb furchtsam, halb entrüstet hinüber. Der Wirt suchte sich ins Mittel zu legen, aber jetzt kamen der Doktor, der Schmied und der Apotheker herein und lachten, als sie sahen, daß Jochen Wässerlein die Katze nahm und sie wie einen Pelz Lämelchen Erdmann um den Nacken legte und wie der Unglückliche dann dastand mit einem Gesicht, das nicht mehr Angst, nicht mehr Schrecken ausdrückte, sondern etwas, das jenseits aller menschlichen Empfindungen lag. Das Kätzchen, das nicht scheu war, blieb faul sitzen, blinzelte, schloß die Augen und fuhr behaglich fort zu schnurren.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Elkan Geyer taumelte herein. Kopf, Gesicht, Hände und Kleider waren mit Kot besudelt, was um so sonderbarer war, als draußen überall Schnee lag und alles im Umkreis gefroren war. Seine Haare hingen steif, in drei oder vier Strähne verteilt, auf die Augenbrauen herab, den Hut schien er verloren zu haben. Sein Gesicht war weiß wie Kalk, eingefallen und verzerrt, in seinen Augen flackerte ein unstetes und beängstigendes Feuer, sein Mund war nicht geschlossen. Er machte eine weitausholende Gebärde wie ein Betrunkener, stützte sich mit beiden Händen auf eine Stuhllehne und sein Kopf sank tief zwischen seine Schultern.

»Allmächtiger Gott, was haste denn, Elkan?« raunte ihm einer der Händler zu. »Biste schikker?«

»Ich weiß gar nicht, was mit mir ist,« sagte Elkan langsam, legte die Hand über die Augen und sah dann alle, die sich um ihn herumgestellt hatten, mit leerem Ausdruck an. »Ich war beim Sürich Sperling in der Nacht,« murmelte er, dicht an den Apotheker herantretend. »Und wie alles still war, rief er nach mir, daß ich an sein Bett kommen sollte, und er fing an, im Zimmer Gesichter zu sehen, die von Hause kamen.«

»Ruf mir meinen Sohn!« schrie er auf einmal, streckte beide Hände vor sich aus und drehte sich ganz um sich selbst. Er fiel hin wie ein Stock, sein Hinterkopf stieß mit einem dumpfen Krach an das Tischeck und alle wandten sich schaudernd ab. Der Wirt schrie nach Wasser. Pavlovsky kam, Lämelchen lief fort und traf Agathon zufällig auf der Straße, der Doktor drängte die müßigen Zuschauer in den Flur und ging dann selbst ratlos hinaus, da der Unglückliche sich von niemand berühren ließ.

Als Agathon zu seinem Vater trat, nahm ihn der mit beiden Händen beim Kopf, zog ihn zu sich herunter und flüsterte: »Agathon, ich will dir was sagen, aber sei still in die Ewigkeit. Ich habe Sürich Sperling durch mein Wünschen in den Tod gebracht. Ich bin herumgegangen wie ein Geschlagener vor dem Herrn und hab's auf meinem Herzen lasten gefühlt, daß ich sterben muß, weil mein schuldiges Herz befleckt ist. Sag nichts, bin ich tot, so hab ich gebüßt und der jüdische Name braucht nicht verunreinigt zu werden. Ich wollte mir das Leben nehmen und hab mich hinuntergestürzt in den Steinbruch, daß es aussehen sollte wie ein Unglück. Aber die Decke vom gefrorenen Wasser ist durchbrochen und da hab ich mich ins Dorf geschleppt. Was schaust du so? Ich atme schwer und rede schwer. Hol jüdische Männer, daß sie mich heimtragen.«

Während Agathon hinter dem Handwagen herschritt, womit der Vater nach Hans gefahren wurde, während er angstvoll nach einer Aufklärung suchte, die ihm seine Vernunft verweigerte, stieg seine innere Erregung mehr und mehr. Allmählich kam ein Nachdenken über ihn, so wie es selten einem Menschen vergönnt ist, in sich die Dinge der Welt zu sehen. Er war plötzlich nicht mehr jung; Einsicht und Inspiration überflügelten seine Jahre. Er hatte etwas begangen, wofür ein anderer sühnte und litt. Er jedoch hatte sich gereinigt und erhoben gefühlt dadurch; es war ihm danach geschehen, als hätte man seine Hände entfesselt zu freiem Gebrauch. Er war sehend geworden und alles um ihn herum, Menschen und Dinge und Fügungen, hatten einen Bund geschlossen, ihn zu schützen. Er hatte sich keiner irdischen Macht unterworfen gefühlt, doch auch keiner göttlichen. Eine Stimme in ihm, die aber fremd war und ihn schaudern ließ, so oft er sie vernahm, rief ihn hinaus, rief ihn fort von den Seinen und er ahnte, zu welchem Krieg sie ihn befehligte.

Daheim sah er bestürzte und erschrockene Gesichter. Die Kartoffeln standen unberührt und erkaltet auf dem Tisch. Die Petroleumlampe war ausgelöscht worden, und die Talgkerze stand auf dem Kommode-Eck in einem mit Grünspan überzogenen Leuchter. Mirjam saß auf der Bank und hielt den Kopf in den Händen.

Vor seines Vaters Bett in der Kammer stehend, rief Agathon den bleich, mit geschlossenen Augen Daliegenden an. Elkan öffnete die Lider mit einem entsetzten Starrblick. Tiefe Furchen liefen auf beiden Seiten seines Gesichts bis zu den Mundwinkeln herab und erinnerten an die übertriebenen Falten eines grotesken Schnitzwerks.

Agathon stieß mit einer ungeschickten Bewegung an das wackelige Tischchen vor dem Bett, der Leuchter fiel um und es war finster. Unwillkürlich atmete er auf, als ob er gewünscht hätte, es möge finster sein. Doch erblickte er an der Wand, die nur durch einen Bretterverschlag gebildet wurde und einen ursprünglich größeren Raum in zwei erbärmliche Löcher teilte, ein glühendes Schimmern, und als er näher trat, sah er im andern Gemach seine Mutter sitzen, die den Oberkörper über den Tisch gelegt hatte. Das Gesicht war verdeckt durch die verschränkten Arme. Vor ihr saß der Gast von damals mit seinem Asketengesicht, den dünnen Lippen, den kaltfunkelnden Augen, den hageren Mönchsfingern. Finster starrte er vor sich hin, als ob er in ein Grab schaute. Und er schaute in ein Grab. Er selbst hatte es gegraben mit seinesgleichen um darin alles zu verscharren, was frei und schön ist. Desungeachtet betete er die Worte der Schrift: Sochrenu lachajim melech chofes bachajim; gedenke unser, o Herr, zum Leben, der du Wohlgefallen hast am Leben.

»Vater!« flüsterte Agathon leidenschaftlich. »Vater, hör mich an.«

»Licht, Licht!« erwiderte Elkan dumpf.

»Hör mich erst, Vater. Es ist nicht wahr, daß du Sürich Sperling getötet hast. Ich hab's getan.«

»Nein, Agathon, du willst eine Wohltat an mir verrichten, aber es ist umsonst.«

»Weißt du denn noch, wie es war?«

»Sobald er nur ins Haus kam, hab ich ihm das Böses gewünscht, was man einem Menschen zudenken kann. Ich bin auf den Knien vor ihm gelegen und hab geschluchzt wie ein Kind, aber er hat kein Erbarmen mit mir und meinen Kindern gehabt. Wie ein Narr bin ich nach Geld gelaufen und ging über Land und dachte mir, wenn er doch tot wäre. Und immer war der Gedanke in mir, bis der Tag kam, wo er dich ins Wasser stieß, und in der Nacht darauf lag ich da und mein glühender Wunsch war wie ein Engel mit feurigem Schwert, wie auf einer Feuerkugel schwebte er aus meiner Brust heraus und ging hin und öffnete das Tor und mein Auge begleitete seine Rachegestalt und sah, wie er ans Bett des Elenden trat und das finstere Herz durchbohrte und ich lag da und jubelte. Später freilich bäumte sich meine Seele dagegen auf und das ganze Leben war mir ein schwarzes Gewand.«

Atemlos staunend hatte Agathon gelauscht: all das war sein Erlebnis, sein Gesicht, nur hatte ihn das Schicksal dann nicht verworfen, sondern erhöht.

»Es war ein Traum, Vater,« sagte er mit seltsamer Freudigkeit und jene hinreißende Inspiration kam wieder über ihn. »Ich war es, ich hab es getan, mein Engel schwebte hinüber, meine Rache hat ihn getötet. Ich bin kein Jude mehr und auch kein Christ mehr und meine Tat ist über dich gekommen, weil du ein Jude bist und ich von deinem Blut. Weil dein Haus, deine Wände, deine Kleider, deine Messer und dein Gebet es nicht dulden dürfen, und sie mußten alles das an dich heften, wovon ich frei war und frei sein mußte. Denn ich weiß, was bevorsteht, Vater, und meine Hände sind schon ausgestreckt für das Werk. Mir ist, als ob mit Sürich Sperling die ganze christliche Religion gestorben wäre, oder vielleicht nur der böse Geist in diesem Volk, durch den es hassen mußte und Blut vergießen und wußte nicht warum und war selber gequält dadurch. Nimm dein Leben wieder, trag es froher, preß es an die Brust, glaube mir, daß du schuldlos bist!«

Elkan Geyer hatte sich erschrocken aufgerichtet und ihm war, als sähe er seines Sohnes Gesicht in der Dunkelheit leuchten. Dann ächzte er plötzlich schwach auf und verlor das Bewußtsein. Agathon rief nach Licht.

In ruhigem Fall sank der Schnee, bisweilen glitzernd und gleißend im Lichtstrom eines Fensters, als Agathon am späten Abend noch umherwanderte. Er begegnete Stefan Gudstikker in der Nähe der Ziegelei und wich ihm aus. Er hatte keine Sympathien mehr für Gudstikker, der zu den Menschen gehörte, die bei ihren Versicherungen stets die Hand auf das Herz legen. Auch hatte er die Gewohnheit, wenn er mit einem Menschen in Streit gelegen, dem andern einen langen Brief zu schreiben, voll von advokatischen Wendungen und rätselhaften Andeutungen auf Ewiges, Zukünftiges und Unveränderliches, – Lügenworte, Verlegenheitsworte. Er liebte die eigene Melancholie, prahlte gern vor Unkundigen, verriet die Pläne zu seinen Arbeiten jedermann in überschwenglichen Schilderungen und Prophezeiungen, schimpfte über alles Große und Anerkannte, sofern es von Lebenden ausging, erhorchte aber dabei stets des Zuhörers Meinung vorher, der er entweder, wenn es sein Vorteil heischte, beipflichtete, oder sie in einem hinterlistigen Feldzug besiegte. All das wußte Agathon, wenn er auch neben diesem Neid, dieser Verbitterung und Großmannssucht einen hohen Zug gewahrte, durch den Gudstikker fähig war, das wirklich Große zu verstehen und sich ihm hinzugeben.

Als Agathon am Haus der Frau Olifat vorbeiging, sah er einen helleren Lichtschimmer als sonst aus den Fenstern strahlen. Er stieg auf einen an der Straße liegenden Quaderstein und erblickte ein Bild voll Frieden. Monika saß am Klavier in einem alten, blauen Kleid, das die Arme entblößt ließ, und sie spielte in einer schweren, langsamen, trägen Art, das Gesicht nach oben gewendet, wie wenn sie einer oft gehörten und nun vergessenen Melodie nachhinge. Ihre sonst so geschwätzige Mutter schien stumm und sah aus, als ob sie ihr ganzes Leben an sich vorbeiziehen ließe. Agathon wandte sich ab und blickte in die finstere Landschaft. Er war bewegt. Ziellos ging er weiter, – zur Höhe. In der Luft hing eine Fülle feinen Schneestaubs. Bald kamen die Tannen und eine furchtbare Finsternis brütete zwischen ihnen. Fern im Norden sah er den Lichtschein über Nürnberg. Als er dann wieder umkehrte, gewahrte er den Kirchturm des Dorfes wie eine drohende Nachtgestalt.

Wieder ging Agathon vor das Olifatsche Haus, wieder starrte er nachdenklich zu den Fenstern empor und entschloß sich endlich, trotzdem es schon elf Uhr geschlagen hatte, hinaufzugehen.

Frau Olifat, eine unansehnliche Dame, die beständig etwas einfältig lächelte und von ihrer großen Vergangenheit zu erzählen liebte, lag auf dem Sofa und las. Monika spielte mit ihrer kleinen Schwester Ball. Sie saß auf einem Schemel, fing den Ball auf oder warf ihn fort, beides mit gleichgültiger Gebärde und ohne die Richtung ihres in der Ferne weilenden Blickes zu ändern.

Agathon setzte sich zu ihr auf einen zweiten Schemel, stützte den Kopf in die Hand und den Arm aufs Knie und betrachtete Monikas Hände, die weiß und fein waren, mit schlanken Fingern und blassen Nägeln. An der Linken trug sie einen spiralförmig gewundenen Ring, der nur locker saß, und den sie bei jeder Bewegung mechanisch zurückschob. Jede Bewegung selbst schien nur mechanisch, oft sanken die Hände matt in den Schoß und blieben müßig liegen, selbst wenn der Ball schon durch die Luft flog; dann legte sie den Kopf zur Seite und ließ ihn an sich vorbeisausen. »Esther muß jetzt zu Bett, il est tard,« rief Frau Olifat, aber die Mädchen achteten nicht darauf und begannen ein anderes Spiel. Monika setzte sich auf die Erde und legte zwanzig Spielkarten rund um sich herum. Nun sollte Esther mit verbundenen Augen die Herz-Dame suchen. Ein seltsames Spiel, um so mehr, als Monika dabei fortwährend lächelte und gespannt auf die Karten sah; ihr Lächeln hatte etwas von dem einer Wahnsinnigen.

»Warum bist du so eifrig beim Spiel, Monika?« fragte Agathon, eigentümlich bewegt.

Sie richtete ihre Augen trotzig und verwundert auf ihn. Dann sagte sie: »Wenn du die Dame erwischst, darfst du mich schlagen, Esther.«

Sie legte sich mit dem ganzen Körper auf die Dielen, streckte die Arme über sich hinaus und schloß die Augen.

Als Agathon sich verabschiedete, folgte ihm Monika mit einem kleinen Lämpchen in den Flur. Doch ein starker Zugwind schlug ihnen entgegen und löschte das Licht aus. Eine kurze Zeitlang standen sie unschlüssig im Dunkeln, noch geblendet vom Licht des Zimmers, dann konnten sie einander sehen und fanden, daß es gar nicht finster sei. Indes Agathon an der Treppe gute Nacht sagen wollte, lehnte sich Monika weit über die Brüstung und er sah ihre wilden Augen leuchten. Er streckte beide Hände nach ihr aus und wußte nicht, wie er sie plötzlich ganz in den Armen hielt und seine Lippen behutsam und voll Innigkeit auf ihre beiden Augen drückte. Sie lag wie eine leblose Masse an seiner Brust, und obwohl sie weder weinte noch sprach, zuckten ihre Lippen unaufhörlich.

Dann stand Agathon vor dem Gartentor und träumte, sah über das weite, nachtdunkle, schneeblaue Land, und fühlte gleichsam in seinen Augen, wie sehr er dies Land liebte, das ihm Heimat war.

Als er am nächsten Morgen, es war der erste Weihnachtstag, an Estrichs Zaun vorbeikam, hörte er grimmiges Schelten im Hause. Er lauschte. Es war die wetternde, böse Stimme des Alten. Er traf dann Gudstikker, der ihm mit großer Erzählerfreude den Grund des Streites berichtete. Der Bruder des Alten sei ein heruntergekommener Mensch, der nichts mehr besitze, als ein ererbtes Patrizierhaus in Nürnberg, das er nicht verkaufen dürfe. Er sei ein höchst sonderbarer Kumpan, Alchymist, suche schon seit zwanzig Jahren den Stein der Weisen und habe dabei ein großes Vermögen verschwendet. Nun sei er zum Bruder betteln gekommen. Merkwürdig sei dabei nur, daß Käthe an diesem verrückten Onkel Goldmacher mit überschwenglicher Zärtlichkeit hänge. Onkel Baldewin komme bei ihr gleich neben der Bibel. »Wie glücklich sich doch manches trifft in der Welt,« schloß er in philosophischer Art seine Ausführungen, »daß solch ein närrischer Karpfen auch noch Baldewin heißen muß. Zu dumm!« Er schüttelte sich vor Lachen, schaute auf seine Uhr, die er dann ans Ohr legte und eilte davon.

Daheim angelangt, sah Agathon einen Postboten, der für den Feiertagsgang von Frau Jette ein Trinkgeld erbat. Er hatte die Zeugenvorladung für die Verhandlung gegen Enoch Pohl gebracht. Frau Jette vermochte kaum ihren Namen unter den Empfangszettel zu setzen. Elkan Geyer würde Zeugnis ablegen – im Himmel. Er lag in Krämpfen und Fieberträumen und Frau Jette hatte niemand, der ihr beistehen konnte. Die Magd hatte sie gestern schon fortgeschickt, sie konnte das fremde Maul nicht mehr füttern, sie, die jeden Pfennig bewachen mußte.

Gegen die Mittagszeit entstand ein Schreien und Durcheinanderreden vor den Fenstern. Agathon blickte hinaus. Die Rosenaus Mädchen verkündeten mit roten Gesichtern irgend einen aufregenden Vorfall. Agathon hätte es kaum beachtet, da die beiden zum Zeitvertreib alles zur Katastrophe aufbauschten, aber als Isidor ihm winkte, hinauszukommen, folgte er und erfuhr, daß sich eine von den vertriebenen, russischen Judenfamilien auf der Altenberger Landstraße befinde und vor Elend und Hunger nicht weiter könne.

Die Unglücksstätte war nur eine Viertelstunde vom Dorf entfernt, und als Agathon dort war, bot sich ihm ein schrecklicher Anblick. Ein Mann, oder nur noch der Schatten eines Mannes, lag auf der Erde, und seine erloschenen Blicke irrten stier durch die Luft. Die Frau, ein Weib von etwa dreißig Jahren, das vielleicht noch vor Wochen schön gewesen war, jetzt aber das Aussehen einer Greisin hatte, kniete vor ihm und wimmerte wie ein geschlagener Hund. Ihre Finger schienen erfroren. Sie trug in Tüchern ein Kind auf dem Rücken, ein zweites, noch Säugling, lag im Schnee, ein Knabe von nicht mehr als sechs Jahren stand zusammengekrümmt, mit verweintem, schmierigen Gesicht neben ihr, klammerte sich, schlotternd vor Frost, an ihren Rock und richtete zuweilen in fremdländischen Lauten eine verzweifelte Frage an seine Mutter.

Agathon, nicht geneigt zu träumen, unterbrach das Fragen und Gaffen der andern, schickte Mirjam, die mitgelaufen war, zurück um einen Wagen zu holen, und da sich die Rosenaus zur Beherbergung der Unglücklichen erboten, waren seine Dienste bald überflüssig. Erst in der Nacht, die nun folgte, kamen die Gedanken. Er empfand eine eherne Zusammengehörigkeit mit seinem Volk, und doch haßte er dies Volk, – jetzt mehr als je. Er haßte die Frommen und haßte die, die sich des religiösen Gewands entäußert hatten und wie Trümmer eines großen Baues verloren auf dem Ozean des Lebens trieben, verachtet oder mächtig, doch auf jeden Fall Schmarotzer auf einem fremden Stamm. Inmitten fremden Lebens ein fremdes Volk, voll gezwungener Fröhlichkeit, in einem unsichtbaren Ghetto. Der alte Herrlichkeitsgedanke ist verrauscht und mit den Spuren zweitausendjährigen Elends am Leibe spielen sie die Herren und bedecken ihre Wunden, ihre Unzulänglichkeit, die Schmach der Unterdrückung mit einem Mantel von Gold. Und er haßte auch die andern, diese ungroßmütigen Gastgeber mit ihrem Munde voll Lügen und Phrasen und falschen Versicherungen, mit ihren trügerischen Gesetzen und scheinheiligen Göttern. Und er haßte die Zeit, die sinnlos hinrollende, atemlose Zeit, die Hoffnung gibt, um sie nur mit dem Tode einzulösen und die Glieder mit Krankheit schlägt, wenn der Geist den Körper überwinden will.

Gleichwohl erfüllte ihn die ungeheuerste Sehnsucht nach dem Leben irgendwo da draußen und er beschloß, auszugehen wie einst David, der sich ein Königreich gewann. Halb im Traum gewann sein Vorsatz Kraft und Unumstößlichkeit.

Am andern Vormittag packte er ein schmales Bündel und reichte seiner Mutter die Hand zum Abschied. Frau Jette war so erschrocken, daß sie sich nicht fassen konnte. Sie konnte den Entschluß des Sohnes nicht mißbilligen, nur fragte sie, weshalb er gerade jetzt fort wolle, da der Vater auf den Tod krank sei.

Agathon schüttelte den Kopf. Zwischen ihm und seinem Vater durfte kein Band mehr sein. Gewaltsam und unerbittlich drängte es ihn fort, und er ließ sich durch nichts bestimmen, zu sagen, wohin er sich wenden würde Er nahm auch die paar Groschen, die ihm die Mutter bot, nicht an, sondern versicherte lächelnd, daß er kein Geld brauche. Er steckte ein Dutzend Äpfel in das Bündel, Käse und Brot, küßte die Mutter und die Geschwister und ging in den kalten Wintertag hinein.


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