Jakob Wassermann
Die Juden von Zirndorf
Jakob Wassermann

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Siebentes Kapitel

Als Frau Gudstikker am Morgen das Frühstück bereitete, mußte sie zum Brunnen, und als sie zurückkam, waren die beiden Knaben Sema und Wendelin verschwunden. Sie hatte nun wieder Grund zu jenen stoischen und schwarzsichtigen Betrachtungen, die ihr ein hartes Leben und ihre stolze Natur nahe legten. Ihre Gedanken nahmen stets einen erbarmungslosen Gang und dabei schonte sie nicht, was ihr teuer war. Als Stefan spät nachmittags nach Hause kam, fragte sie ihn, wo er herumgestreunt sei.

»Du weißt, ich streune nicht, Mutter,« entgegnete er mit blitzenden Augen, den Kopf hoch aufrichtend.

»Ja, ich weiß es,« entgegnete sie wie nachdenklich und blickte ironisch auf seine staubbedeckten Stiefel.

»Wo sind die Knaben?«

»Fort.«

»Wie?«

»Ich habe sie heimgeschickt.«

»Was heißt das? Du weißt doch, daß ich den Burschen brauchte! Es war ein interessanter Fall. Wie konntest du sie fortschicken?«

»Es ist nicht nötig, daß du mit Menschen spielst. Spiele mit deinen Ideen. Darüber bist du Herr.«

Gudstikker atmete schwer. »Mutter, ich betrete dein Haus nicht mehr,« preßte er endlich hervor und stürzte fort. Sie lächelte gutmütig hinter ihm her, öffnete das Fenster und schaute ihm lange Zeit nach.

Stefan Gudstikker ging zum Friseur, wo er über eine halbe Stunde saß, um sich Haar und Bart verschönen zu lassen, und bei Anbruch der Dämmerung erwartete er vor den Anlagen seine Verlobte.

»Sie haben mich fast geschlagen,« waren Käthes erste Worte. »Ich sei heimlich mit dir zusammengetroffen. Du sollst zu uns ins Haus kommen.«

»So.« Er nahm hastig ihren Arm und schritt weiter.

»Nein, nein,« wehrte sie angstvoll. »Nicht jetzt. Du darfst sie nicht herausfordern.«

»Ich schlag alles kurz und klein.« Er machte eine verzweifelte Gebärde der Auflehnung.

»Ach Stefan, warum ist das alles so! Warum hast du nicht viel Geld! Bei deinem Genie! Warum ist alles so traurig um uns!«

»Es wird anders, Liebchen, es wird anders! Ich werde Geld haben, Macht haben, alles was du willst. Ich werde die Welt aus den Angeln heben! Ich habe ein großes Werk vor! Du wirst sehen.«

»Ich glaube ja gern daran. Nur ist die Zeit so lang. Jeder Tag ein Jahr.«

»Nur Geduld. Du wirst sehen. Kann ich bei euch essen?«

»Willst du kommen? Wirklich? Und ohne Zorn? Wie herrlich!«

»Mach um Gotteswillen nicht so viel Ausrufezeichen in deine Rede! Das macht mich nervös! Ich hasse alle Ausrufezeichen!«

»Was hast du denn? Du bist so verbissen seit einigen Tagen.«

»Verbissen? Nein. Nachdenklich, ja. Ich verkehre da mit einem jungen Menschen, Agathon Geyer, einem Juden. Ich bin nicht sentimental, aber, – na, du mußtest ihn sehen. Er sieht aus wie, es klingt läppisch, aber ich muß immer an Aladdin mit der Wunderlampe denken. Und was am sonderbarsten ist, unter den Papieren meines Vaters, der ja auch Agathon hieß, hab ich Briefe von seiner Mutter gefunden. Sie sind mit Jette Pohl unterzeichnet. Sie war noch Mädchen damals. Schön, gescheit, liebenswürdig vielleicht. Etwas Merkwürdiges liegt in den Briefen, dasselbe, was in Agathons Augen liegt. Aber du schläfst ja?«

»Nein, ich bin nur müde.«

Familie Estrich war sehr liebenswürdig gegen Gudstikker und Gudstikker war ebenfalls liebenswürdig gegen die Familie Estrich. Er küßte seine künftige Schwiegermutter auf die Wange, fragte Herrn Estrich nach dem Gang der Ziegelei-Angelegenheit, sang nach dem Abendessen zur Guitarre, Volkslieder, die von treuer Liebe handelten und vom Kampf des Mannes um seinen Herd. Um elf Uhr ging er. Auf der Straße wurde sein Gesicht finster, herb und verzerrt. Er schlug sich an die Stirn und sprach zu sich selbst.

Er suchte ein Cafe auf, und in dem Augenblick, wo er den Raum betrat, erhielt sein Gesicht wieder den aufmerksamen und übertrieben stolzen Ausdruck. Er begrüßte den Lehrer Bojesen, setzt sich zu ihm an den Tisch, rieb sich fröhlich die Hände und erzählte eine heitere Schnurre von einem Soldaten und einem Fuhrmann, die er erfunden hatte, aber so darstellte, als ob er sie eben erlebt hätte. »Also wie geht es Ihnen, lieber Bojesen?« fragte er darauf und rieb sich wieder die Hände. »Gut?«

»Wenns nicht geht, so zwingt mans eben!«

»Sie sind immer allein. Ich habe Sie noch nicht anders als allein gesehen. Wie kommt das?«

»Nun, das ist so Gelehrtenart,« erwiderte Bojesen mit einer sanften Selbstironie. »Ich muß Ihnen sagen, diese Stadt, diese Menschen hier, sie liegen nicht innerhalb der Welt. Es ist etwas Verlorenes und Verkommenes, ein Sumpf.«

»Kein Wunder,« sagte Gudstikker, »wie leben wir denn! Sternenlos! Und unsre jüdischen Mitbürger sorgen dafür, daß uns der Himmel holder Ideale noch weiter fortrückt. Eigentlich wundre ich mich immer, wenn ich einen anständig gekleideten Menschen treffe, der kein Jude ist.«

»Freilich, das ist ein Kardinalthema,« gab Bojesen leicht errötend zu. »Und das ganze Land ist in dieser Beziehung, was unsre Stadt im kleinen ist. Die Juden bringen ja das geistige Leben der Nation in Bewegung, es ist wahr; schon deswegen weil die Presse in ihren Händen ist. Vielleicht ist das ein Unglück, vielleicht auch nicht. Vielleicht sind da diese scharfen Reagentien, diese Gewandtheit und Schlüpfrigkeit am Platz. Vielleicht hat ihre wirtschaftliche Unternehmungslust mehr Aufschwung im Gefolge, als unsrer Bedächtigkeit erreichbar wäre. Aber für das Hauptunglück halte ich, daß sie sich nun und von allen Seiten her auch in die Kunst eindrängen.«

»Ich verstehe; Sie haben recht,« murmelte Gudstikker, den die Beredsamkeit eines andern ungeduldig machte. »Aber schließlich, Kunst ist Kunst. Man kann ja Gold legieren, aber reines Gold kommt dabei nicht um den Wert.«

»Gewiß. Trotzdem ist eine Gefahr. Sehen Sie mal, früher hatten die Juden genug zu tun, sich die Gebiete zu erobern, die ihnen nahe standen. Plötzlich nahmen sie teil an der reichen Kultur, die sie selbst mitschaffen halfen und wuchsen in die Kunst hinein. Es war eine unausbleibliche Verbindung. Jetzt sehen Sie überall jüdische Künstler, erschreckend viele, erschreckend gute. Ich spreche nicht von denen aus vergangenen Jahrzehnten, das ist keine Frage mehr; sie haben meist mit der Kunst, wie ich sie meine, nichts zu tun. Von den heutigen will ich reden. Sie sind Künstler, echte Künstler, daran ist nicht zu zweifeln. Aber sie richten uns zugrunde. Alles, was wir erworben haben, lang und mühselig, damit können sie hantieren; alles, wonach wir ringen, das haben sie und wenn wir unser Blut hingeben für eine Sache, stecken sie dieselbe Sache schon lachend in ihre Tasche. Es fließt ihnen so zu, sie haben keinerlei Kampf damit zu bestehen. Und ich will Ihnen sagen, woran es liegt: sie haben keine Tiefe. Nur in die Breite gehen sie und wenn sie tief scheinen, ist es eine Lüge. Sie kommen ja aus dem Schoß eines wunderbaren Volkes. Welche Verfolgungen! welche Unterdrückungen! Aber wie ein Wurm krümmt sich dieser Volkskörper durch die Zeiten, unerschöpflich an Lebenskraft. Aber jetzt naht die Krisis. Sie nehmen uns die Wahrheit und die Aufrichtigkeit in der Kunst, das ist wichtiger als alles andere. Sie ersetzen es unbewußt mit dem Schein von Wahrheit, dem Schein von Aufrichtigkeit; sie bringen uns eine neue Art von Sentimentalität, die sich als Naivetät gibt und mit grüblerischer Wehmut nach den Gründen der Dinge schreit. Ich schwöre Ihnen, mein Lieber, das ist eines von den Dingen, die das Schicksal und das Leben ganzer Jahrhunderte verdüstern. Darin liegt die »Judenfrage«, wie man das Ding läppisch nennt. Darum müßten die Juden fort und tausendmal fort. Was ist alles andere, eine lokale Sache. Religion! Was ist uns Religion! Wir haben keine Religion mehr im kirchlichen Sinn. Sie sollen sich ein Land suchen, wo es auch immer sei, sie sollen einen König über sich setzen wie in den alten Zeiten, sollen ihren Weizen bauen und ihr Gras mähen und ihre Häuser aufrichten, sagen wir, in Australien, nur nicht bei uns. Sonst geht der Verfall weiter und wir werden sitzen, wie der Frosch an der Mergelgrube. Das Christentum hätte schon längst ausgeatmet, wenn das Judentum nicht wäre, abgesehen davon, daß es garnicht gekommen wäre und die germanischen Völker sich einen Gott nach ihrem Blut geschaffen hätten.«

Gudstikker hatte erstaunt und erstaunter zugehört, und er war so voll von Zweifeln und Einwänden, daß er zuletzt kein Wort herausbrachte und ein mißmutiges Gesicht schnitt. Bojesen lächelte schwermütig. »Ich bin abgeschweift von meinem Thema,« bemerkte er mit einer Miene, die um Verzeihung bat für das Feuer und die Leidenschaft seiner Worte. »Ich meinte, wie man hier lebt, darin sei etwas Unwürdiges, etwas Zeitloses und Teilnahmloses für die Zeit. Hier wird man entweder zum Fanatiker oder zum Dummkopf. Man kann nicht einmal Einfluß haben auf die Jugend, selbst das ist unmöglich. Es ist erstaunlich, aber es ist so, Sie dürfen mir glauben. Mein Gott, was ist das für eine Jugend! Sie hat nichts, als was man ihr schenkt. Sie ist so arm und man macht sie noch ärmer dadurch, wie man den Unterricht betreibt. Doch davon darf ich gar nicht reden.«

»Sie haben wohl Schlimmes hinter sich?« fragte Gudstikker, der sich völlig bewußt war, eine Allerweltsfrage zu tun. Aber er empfand deutlich, daß ihm dieser Mann heute nichts geheimhalten würde, daß er sich betäubte durch Mitteilung, und daß er sich jedem Fremden ebenso eröffnet hätte.

»Schlimmes? Nein. Es ist so gewöhnlich, zu gewöhnlich, um Aufhebens davon zu machen. Mein Vater war reich und hat mich enterbt, weil ich zur Wissenschaft ging. Ich sollte Soldat werden. Dann hat mich auch die Wissenschaft verstoßen, und da bin ich Lehrer geworden. Ich hätte schon ausgeharrt, aber es traf mich das Unglück, daß ich mich verliebte.«

Bojesen schwieg und sah sich mit träumenden Augen rings um. Der Raum leerte sich; die Kellner säuberten die Tische, viele Lichter wurden verlöscht, die weißen Marmorplatten starrten grell aus den dunklen Teilen des Saales. Die Uhr schien stillzustehn; die Zeit schien stillzustehn.

»Und nun wundern Sie sich jedenfalls, daß ich hier sitze,« begann Lehrer Bojesen wieder mit gedämpfter Stimme, »und nicht daheim bei dieser Frau, in die ich mich verliebt habe? Jeden Abend bin ich hier zu treffen im Kreis meiner sublimen Gedanken, denen ich Audienz gebe. Ich weiß nicht, welcher Geist uns immer noch mit der Ehe foltert, uns, die wir mit frischgewaschenen Manschetten ins zwanzigste Jahrhundert treten sollen. An die Harmonie der Flitterwochen bin ich ja bereit zu glauben, vielleicht noch ein Jahr länger, aber dann? Sagen Sie mir, lieber Freund, was soll man tun mit einer Frau, die so schön ist, wie sie jung ist, wie sie anmutig ist, und die nicht hungrig wird an ihrem Körper? Verstehen Sie mich? Sie hat kein Verlangen, liebt seelisch und wie die schönen Dinge alle heißen, nennt es Schmutz, wenn sich die Leiber vereinigen, wie es die Natur sanktioniert hat. Vielleicht ist das auch eine Zeitkrankheit, eine Frauenkrankheit, aber was soll man tun mit einem solchen Weib? Man kann ihr nichts mehr geben, nichts. Sie wird einem zum Stein!«

Gudstikker nickte und spielte peinlich berührt mit einem Streichholz.

»Ja,« fuhr Bojesen mit einer offenbaren und immer steigenden Lust, sich selbst zu zerfleischen und preiszugeben, fort, »wenn sonst etwas wäre. Ich wünsche Ihnen niemals, Lehrer zu sein. Was sind das für Herren, auf deren guten Willen man angewiesen ist! Doch lassen Sie mich aufhören zu reden, erzählen Sie mir etwas.«

Gudstikker fragte Bojesen, ob er Agathon Geyer kenne, und Bojesen bejahte. Er scheine ihm ein ziemlich talentloser Schüler zu sein, wie alle. Er meine, Talent im höheren Sinn, wobei das Bewußtsein eines Zieles sei, ein um der Sache willen Schaffen. Das könne er bei keinem dieser Schüler finden, die die ganze Schule als eine Art Strafarbeit oder Hindernisrennen betrachten. »Das kommt von oben und geht durch bis zum Pedell. Arbeitergeist. In wessen Augen ein Evangelium glänzt, der ist gebrandmarkt. Das Beste wird von Strebern geleistet. Nun malen Sie sich das aus.«

Die beiden Männer zahlten ihre Zeche. Wie Wellen schwankten die Nebel auf der Straße. Am Bahnhof verabschiedete sich Gudstikker.

Bojesen empfand jenes Grauen vor den eigenen vier Wänden, das den energielosen Naturen oft eigen ist, und er fürchtete die stumme Sprache seiner Bücher, seiner Spiegel, seiner Kerze. Ein warmer Wind erhob sich, der allmählich zum Sturm anwuchs, und seinen Hut mit beiden Händen festhaltend, schritt er langsam dahin, froh des Kampfes mit dem Element. Er achtete nicht des Weges, den er schritt, er war froh, allein zu sein, ihm war, als ob es völlig einsam wäre auf dem Erdball. In dem bergigen Viertel am Fluß kam er an ein Haus, dessen erleuchtete Fenster mit den Worten geschmückt waren: »Zum siebenten Himmel«.

Bojesen ging hinein. Vor dichtem Rauch sah er zuerst überhaupt nichts. Ein säuerlicher Geruch von abgestandenem Bier drang auf ihn ein. Dann sah er im Hintergrund neben dem Büffet das Podium mit einem verwahrlosten Vorhang. Die Tische starrten von verschütteten Getränken und Speiseresten. Die Stühle lagen teils auf der Erde, teils standen sie auf einem Haufen; einer stand auf dem Tisch. In einer Nische befand sich die Ruine eines Billards und die Ruine eines Klaviers. Eine verblühte Dame stellte eine Flasche Wein vor den Ankömmling hin und erklärte, daß die heutige Galavorstellung unterblieben sei, weil das Publikum sich geprügelt habe. Bojesen starrte in die Höhe, in irgend eine sonnige Ferne und murmelte: »Geliebt und verloren.« So saß er eine Stunde lang, ohne sich zu rühren. Plötzlich schob sich der Vorhang über dem Podium zur Seite, und der Kopf eines jungen Weibes mit nackten Schultern guckte heraus. Das Gesicht war leuchtend bleich, mit einer niederen Stirn, mit Augen von einem ruhigen, leidenschaftlichen Feuer, mit einem trotzigen Mund. »Holla Luisina! Es lebe das Proletariat!« rief eine heisere, aber jugendliche Stimme. Bojesen schaute hin, sah jedoch niemand. Das junge Mädchen nickte lächelnd zurück, prüfte Bojesen mit flüchtigem Blick und verschwand. Bojesen vergaß niemals den bösen Ausdruck des Gesichts in jener Sekunde, da sie ihn angeschaut. Wieder saß er lange, ohne zu wissen, was er tun oder denken sollte. Dann stand er auf, ging zum Podium, schlug den Vorhang zurück, und sah eine armselige Bühne vor sich, mit zerrissenen Kulissen an der Seite. In einer Ecke saß Luisina und lächelte ihn spöttisch an, als er auf sie zukam. »Wollen Sie spionieren?« fragte sie schroff. »Es steht Ihnen nichts im Weg. Mein Name ist Luisina Stellamare. Sie halten es für unwahrscheinlich? Sie glauben, daß ich Barbara Müller heiße? Möglich. Aber sobald es Ihr Amt erlaubt, bitte ich, mich des verdrießlichen Anblickes Ihrer Person zu entheben.«

»Es lebe die Anarchie!« rief die exaltierte Stimme wieder. »Morgenröte! Fackeltanz! Meine Seele ist wie ein Lamm am Ostertag. Es lebe der Messias!«

»Das ist der Glühende,« sagte Luisina, Bojesen zunickend. »Er ist meine Fanfare.« Sie lachte, und dies Lachen klang, wie wenn Glasscheiben klirren. Dann wurde sie wieder ernst, drohend und verächtlich ernst. »Ja,« sagte sie mit einem Wesen, als erachte sie ihre Worte als zu wertvoll, um gesprochen zu werden, »ich bin aus der Art geschlagen, ungeraten, landflüchtig. Ich lebe nun das Leben, wie ich es will, auf eigene Faust, auf eigene Taler, mit der Erlaubnis zu jauchzen, wenn ich will und zu lieben, wenn ich will. Wollen Sie noch mehr wissen? Meine Biographie ist erst nach meinem Tod zu haben.«

»Ich bin der tanzende Stern des Chaos!« erschallte die Stimme des Glühenden; eine fette Stimme brummte befriedigt bravo.

Bojesen hatte sich an eine Kulisse gelehnt und sah Luisina mit halbgeschlossenen Lidern unverwandt an. »Glauben Sie an Zufälle?« fragte er endlich. »Ich bin hier hereingekommen mit dem Bewußtsein, daß ich Ihnen begegnen würde. Meine Seele wußte davon. Ich kenne Sie nicht, wer Sie auch sein mögen, ich will Sie nicht kennen. Nur wünschte ich einen anderen Rahmen für dies Bild.«

»Ach!« Luisina sprang überrascht und stirnrunzelnd auf. In ihrem Wesen war etwas so Fischhaftes, beunruhigend Lebendiges, daß Bojesen auf jedes ihrer Worte, jede ihrer Gebärden harrte. Sie kam auf ihn zu, lauernd wie ein Tiger, bohrte den Blick ihrer blauen Augen fest in den seinen und sagte: »Kommen Sie hierher, um den müden Mann zu spielen? Sprechen von Seele? Hier gibts keine Seele! Hier wird gelacht, getanzt, gesungen und getrunken, und wer hier eintritt, lasse seine Seele fahren. Ihre Dienerin, Monsieur.« Damit ging sie graziös und schnell.

Und Bojesen ging auch, legte sein Geld auf den Tisch und ging. Er verlor sich selbst in der Nacht. Er zählte die Laternen in den Straßen. Dann stand er auf der Brücke und starrte in den Fluß und dachte nach, woher all das Wasser kam, wohin es ging; warum fließt es in weiten Streifen und Falten dahin, nicht glatt wie ein Glas? dachte er. Was rauscht es leise, was schlägt es an die steinernen Pfeiler?

Es fließt der Fluß und stehet nicht
Und Gott ist und vergehet nicht

murmelte er vor sich hin. Er suchte ein kleines Gasthaus auf, wo er in einem harten Bett, in feuchter Kammer den Rest der Nacht schlaflos zubrachte, von einem Bild gepeinigt, das die wachen Glieder zittern ließ, bis der Leib unwillig zurückkehrte in die Finsternis der Kammer mit dem Lichtfleck von Fenster.

Als er am Morgen dem Schulhaus zuschritt, dachte er an seine Frau daheim. Aber sie rückte ihm noch ferner in diesen Gedanken, als da er ihrer vergessen hatte; sie verschwand in dem Nebel, der die Gassen näßte und emporstieg zum Himmel, um selber während des Tages Himmel zu sein.

Im Laboratorium lärmten schon die Schüler. Bei seinem Eintritt wurde es still, und alle erhoben sich. Die Bänke waren amphitheatralisch aufgebaut, Schränke mit Mineralien klebten an den Wänden. Auf dem langen Tisch standen und lagen Retorten, Brennapparate, Röhren, Schmelztiegel, Drahtnetze, Flaschen und Schachteln. Bald nach Beginn des Unterrichts kam der Rektor; er übergab Bojesen ein kleines Schreibheft und sagte ernst: »Sie sind Ordinarius von Agathon Geyer. Lesen Sie dies und kommen Sie in einer Stunde aufs Rektorat.« Gnädig nickend verschwand er.

Bojesen suchte sein Privatzimmer auf, wo ein starker Chlorgeruch herrschte. Auf dem Heft stand: Deutsche Aufsätze von Agathon Geyer. Bojesen blätterte bis zu dem letzten, vom Rektor signierten Thema: Was soll uns die Schule sein? und las zuerst ziemlich gleichgültig. Die Schrift war schlecht, schattenhaft, fieberhaft; die Buchstaben schienen aufeinander loszustürzen, besinnungslos hinzutaumeln, dann schien irgend einer plötzlich steif zu stehen, Halt zu gebieten, aber nichts konnte die allgemeine Verwirrung hemmen. Bojesen las mit wachsendem Erstaunen, erst kopfschüttelnd, dann erratend, dann erblassend, und als er am Schluß angelangt war, stützte er den Kopf in die Hand, nickte trostlos vor sich hin und begann das Stück des Schülers noch einmal zu lesen, bedächtiger und immer mehr verwundert, welch klare und fast dichterische Form die glühende Seele des Unmündigen gefunden hatte.

Die Schule, so lautete der Aufsatz, sollte uns das Tor zum Leben aufmachen. Sie sollte uns erwachsen machen, mutig und gefahrenkundig. Sie sollte uns zu tüchtigen, edlen Menschen machen. Sie sollte uns die Lehrer lieben lehren und die Lehrer sollten uns lehren, das Leben zu lieben, den künftigen Beruf, die Menschen, die großen Männer der Vergangenheit, die großen Ideen, die Freude an der Freundschaft, an der Natur. Sie sollten uns überlegen sein. Sie sollten uns liebevoll entgegenkommen, damit wir froh würden. Aber ist das alles wahr? Bereitet uns die Schule für den Beruf vor? Wenn wir sie verlassen, wissen wir vielleicht, was wir werden sollen, aber nicht, was wir sind. Die Schule speichert Kenntnisse in uns auf, die tot bleiben. Wir werden in unserer Seele nicht harmonisch. Die Natur bleibt uns tot wie das Leben. Niemals werden wir ihre Sprache verstehen. Daran seid ihr schuld und ich muß euch anklagen. Warum kümmern sich die Lehrer nicht um die Seele der Schüler, sondern bloß um das, was sie gelernt haben? Warum bleiben wir die Stopfgänse, die ihr ausschimpft, wenn sie nicht beständig fressen wollen? Warum fürchtet man den Lehrer oder verachtet ihn, statt ihn zu lieben? Ihr seid die Feinde der Schüler, darum spionieren sie nach euren Schwächen; ihr sitzt auf dem Pult und seid wie ein Buch, statt wie ein Mensch. Was ihr sagt, ist euch leblos geworden, weil es euch langweilt. Warum seid ihr so hochmütig? seht auf uns herunter von einem Turm, so daß wir ganz klein sind? zu hochmütig sogar, um uns über das Wichtigste des Lebens aufzuklären? Warum eröffnet ihr uns nicht das Geheimnis der Geburt? Warum tut das die Schule nicht, trotzdem sich so oft Gelegenheit bietet? Wie viel reiner bliebe dann die Phantasie der Knaben. Jetzt machen sie eklen Schmutz daraus und kichern, blinzeln, erröten bei jedem Gedicht eines Dichters, durchsuchen sogar die Bibel nach jenen Stellen, haben immerfort schmierige Heimlichkeiten. Ist das nicht schrecklich? Sie haben deshalb keine Ehrfurcht; vor keinem Menschen und keinem Ding und die ganze Welt ist ihnen etwas Klebrig-Unanständiges. Sie treiben Dinge, an die man nicht denken darf, ohne verrückt zu werden. Warum bemerken das die Lehrer nicht? Warum verhindern es die Lehrer nicht? Warum? Warum sitzt ihr auf eurem Pult und seid durch eine Mauer von uns getrennt? Niemals können eure Schüler glückliche Menschen werden, und daran seid ihr schuld mit eurem kalten, eisigen Herzen. Jeder, der ins Leben tritt, muß erst euch und eure Schule und eure Lieblosigkeit vergessen; vielleicht kann er dann Festigkeit erlangen. Aber glücklich wird er nie. Was ich geschrieben habe, mußte ich schreiben und jetzt ist mir leicht. Eine unwiderstehliche Stimme im Innern hat mir befohlen.

Bojesens Lippen zitterten und seine Arme; sein Leib zitterte. Es war etwas aufgewühlt in ihm, dessen er sich schämte: der Neid um diesen großen und ahnungslosen Wahrheitsmut. Er war so tief erschüttert, daß er den Raum, in dem er sich befand, nur wie durch Schleier sehen konnte. Im Treppenhaus läutete die Zehnuhrglocke, und er ging, seine Schüler zu entlassen. Dann schritt er selbst hinaus, durch die Korridore, trat an das hohe Fenster und sah in den Hof hinab, der auf allen Seiten von Mauern und Häusern eingeschlossen war. Er sah ins Gewühl der Knaben, die mit wildem Geschrei umhertollten, aber darin war nichts von Freiheitsgefühl und frischer Jugendlichkeit. Ja, er sah es mit seinen eigenen Augen: dies war das Jauchzen des Sträflings, dem die Kette gelockert wird, das krampfhafte, unwahrscheinliche Jauchzen des Rekruten am Sonntag, wenn er Heimat und Heimweh und Kaserne vergißt. Das war keine Jugend für den Gebrauch der kommenden Zeit, diese Jugend mit den umränderten Augen und hervorstehenden Backenknochen, dem zynischen brutalen schreiähnlichen freudlosen Lachen, den häßlichen Bewegungen und dem lichtlosen Blick. Das war eine vergängliche Sorte von Menschen, er sah es selbst.

Und als er weiterging, erblickte er Agathon, an einen Pfeiler gelehnt, allein. Als er den Lehrer gewahrte, wandte sich Agathon langsam und schritt in das Klassenzimmer. Bojesen folgte ihm (der Saal war leer) und machte die Tür zu. Agathon wurde leichenblaß und schloß wie im Schmerz die Augen. Bojesen nahm seine Hand, legte seine rechte Hand auf Agathons Schulter und sah ihn durchdringend an. Dann strich er mit der Hand über Agathons Haar, schmeichelnd und liebkosend, und niemals zuvor oder nachher hatte dieser ein solches Glücksgefühl gehabt, so unirdisch, grenzenlos und heiter. Der Kampf des Lebens lag vor ihm wie ein leicht lösbares Rätsel, dies Haus, diese Schulbänke schienen mit Glück verbrämt. Er verstand seinen Lehrer; er wußte, was die Berührung seiner Hand zu bedeuten hatte.

Eine Viertelstunde später wurde er zum Rektor gerufen.


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