Jakob Wassermann
Die Juden von Zirndorf
Jakob Wassermann

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Fünftes Kapitel

Als Stefan Gudstikker mit dem kleinen Knaben das Innere des hallenden Gebäudes betreten hatte, hörte das Schreien wieder auf. Dennoch beschloß er, der Sache auf den Grund zu gehn. Er stieg die Treppe hinan, wurde nachdenklich gestimmt durch die düstere Stille des Hauses, schüttelte den Kopf über die mangelhafte Beleuchtung und betrachtete ein bemaltes Glasfenster, das den Propheten Jephta mit seiner Tochter zeigte. Er öffnete eine Türe, wobei sich das Bürschchen ungeduldig zwischen seine Beine drängte, und hatte einen weißgetünchten, fast finsteren Saal vor sich, in welchem Bett an Bett stand, dreißig oder vierzig wie in einer Kaserne, und über jedem der weißen Tücher schaute ein kaum weniger weißes Knabengesicht hervor, mit geschlossenen Augen, geschlossenen Lippen, angestrengten Lippen, die sich zu bemühen schienen, Seufzer zurückzuhalten. Eine dumpfe Luft schlug heraus und Gudstikker schloß schnell wieder zu, stand ratlos da und sah die Augen des zerlumpten Knaben verehrungsvoll und flehend auf sich ruhen. Da ertönte wieder das Schreien: lauter und eindringlicher. Der Kleine rang stumm die Hände und das Verzweifelte in der Gebärde trieb Gudstikker mehr an als Worte.

In einem schmalen Raum saß der Schuldiener mit einer blauen Brille, riesenhaften Filzschuhen und einer Art Kaftan und nickte schläfrig; wenn ihn sein Gegenüber, der Vorsteher, anredete, fuhr er auf, machte ein devotes Gesicht und schlug mit einem spanischen Rohr klatschend auf den Rücken eines etwa dreizehnjährigen Knaben, der mit Riemen auf ein Brett festgeschnallt war. Der Knabe öffnete dann den Mund zu einem Schrei, der lang hinhallte und langsam erstarb, worauf er in eine schmerzliche Starrheit verfiel. Dies alles hatte etwas Gespensterhaftes und Stefan Gudstikker hätte lachen müssen, wenn er nicht das Gesicht des Knaben gesehen hätte, ein altjunges Gesicht mit der Erfahrenheit früher Schmerzen und bohrend-unruhigen Augen, Knabenaugen, die manchem Mann zu denken geben konnten. Kaum sah der Bursche an Stefans Seite das Unglück seines Freundes, als er auf ihn zustürzte und bitterlich zu weinen anfing.

»Ruhig! was ist hier los?« rief der Vorsteher erstaunt.

»Was ist hier los?« wiederholte getreulich der mit den Filzschuhen und zeigte einen wahren Schwertfischzahn, der wie eine Schaufel aus der Unterlippe hervorragte.

»Wo kommt ihr her?« fragte der Vorsteher und schaute seine dicken Finger an, als wären sie durch die Erscheinung der Fremden beschmutzt.

»Wo kommt ihr her?« fragte auch der Blaubebrillte und versteckte seinen Zahn, so gut es ging.

Stefan Gudstikker erwiderte nichts, nahm sein Messer, durchschnitt die Riemen und hob den Knaben herab.

»Was soll das bedeuten? Was erlauben Sie sich, junger Mann?« donnerte der Vorsteher und suchte die Angst seines schlechten Gewissens vergeblich zu bemänteln.

»Was berechtigt Sie zu einer so grausamen Folter?« fragte Gudstikker finster.

»Er huldigt der Unzucht, verstehen Sie, und das muß bestraft werden. Da alle andern Mittel vergebens sind, muß er bestraft werden. Seine Mutter selbst hat ihn hergebracht, mir allein steht es zu, über seine Bestrafung zu entscheiden. Was haben Sie hier zu suchen und dieser nichtsnutzige Bengel, wessen erfrecht er sich?«

»Wollen Sie mir den Knaben für einige Tage überlassen?« fragte Gudstikker nach einigem Nachdenken. »Ich werde ihn heilen. Ich habe mich wissenschaftlich mit solchen Dingen beschäftigt.«

»Sind Sie Jude?«

»Nein.«

»Dann bedaure ich. Bedaure lebhaft.«

»Aber Herr Direktor,« erwiderte Gudstikker sanft. »Bei Ihrer Vernunft und Bildung müssen Sie doch einsehen, daß hier die Frage der Konfession von geringer Wichtigkeit ist. Ich bin wohlbekannt in der Stadt. Ich bringe den Knaben zu meiner Mutter, Frau Elise Gudstikker, und sobald Sie ihn zurückverlangen, können Sie ihn haben.«

»Ja, wenn Sie glauben,« meinte der Vorsteher unentschieden. »Gut«, sagte er dann, »auf acht Tage; vorausgesetzt, daß nichts geschieht, was die Religion beleidigt. Du kannst mit diesem braven Mann gehen, Sema Hellmut. Marsch! Troll' dich, Ungeratener.«

Gudstikker ging mit den zwei Knaben. Er lachte in sich hinein. Er wußte, daß der Vorsteher froh war, den Knaben los zu sein.

Zu Hause fand er die Mutter unpäßlich. Sie lag auf dem Sofa, sah etwas bekümmert aus, forderte ihn aber gar nicht auf, zu erklären, wie er zu den Kindern komme. Sie kannte sein jäh und abenteuerlich handelndes Wesen gut genug. Sie kannte auch seine redselige und mitteilsüchtige Natur zu sehr, um sich neugierig zu zeigen. Sie hatte eine eigentümliche Strenge im Gesicht, einen Blick, von dem man glaubte, daß er den Körper wie Glas durchdringe. Den jüdischen Knaben sah sie an, lachte leise und hart, betrachtete seine langen, dünnen Finger, das abgesetzte Handgelenk, nickte Stefan zu, legte sich ruhig wieder hin und sah mit spöttischem Lächeln in die Lampe.

»Können sie hier schlafen, Mutter? fragte Gudstikker.

Der Judenknabe schien alles tief in sich aufzunehmen, was er sah und hörte, dem Spiel seiner Augen nach zu schließen. Die einfache und gemütliche Stube mit dem weißen Kachelofen, der leise in sich hineinbrummte, die Nacht draußen mit dem einförmigen Flußgerausche, die stille Lampe, die alten Bilder an den Wänden, er besah es mit scheinbar verächtlicher Gelassenheit, doch mit einer gewissen inneren Unruhe. Er schien wenig empfänglich für die unaufhörlichen Liebkosungen seines Freundes, doch tauchte bisweilen sein Blick angstvoll in den des kleinen Zerlumpten.

»Nun, das ist doch jüdische Degeneration, wie sie im Buch steht,« sagte Gudstikker zu seiner Mutter.

»Ich weiß nicht, was im Buch steht,« entgegnete sie lakonisch. »Eigentlich sind die Juden viel bessere Menschen als wir, edlere Menschen. Sie trinken nicht, sie betrinken sich nicht, sie stehen besser da in der Welt als wir. Wenn bei uns nicht alles aus dem Leim geht, haben wirs den Juden zu danken.«

»Im Gegenteil. Sie sind ein Geschlecht von Zerstörern. Ich bin der Ansicht, daß unsere ganze Kulturkrankheit Judentum heißt.«

»Wer weiß, vielleicht heißt sie auch anders«, entgegnen Frau Gudstikker mit feinem Lächeln. »Das sind so Worte, mein Lieber. Ich bin zu dumm dazu!«

Gudstikker schwieg und verfolgte ein wunderliches Schauspiel zu seinen Füßen. Der große Bernhardinerhund erhob sich aus der Ofenecke, tappte zu den zwei Knaben, beschnüffelte den kleinen Zerlumpten, brummte, (er war kein Freund der Kinder), beschnüffelte Sema, und statt wieder zu brummen, leckte er die Hand des Knaben, ließ sich neben ihm nieder und blickte gespannt in dessen Gesicht, als ob er einen Befehl erwarte.

Am andern Tag gegen Mittag, kurz nachdem er aufgestanden war, bat Gudstikker seine Mutter um Geld. Sie erwiderte, daß sie schwer etwas entbehren könne, er möge einstweilen seine Uhr versetzen.

»Mutter,« erwiderte er ernst, »du weißt, daß das gegen meine Natur geht. Willst du aushelfen oder willst du nicht?«

Sie gab, was sie konnte. »Wie lange wird es noch dauern, bis deine großen Ideen verwirklicht sind,« sagte sie sarkastisch seufzend. »Dein Wahn ist nicht billig.«

Gudstikker lachte verächtlich und ging. Nach dem Essen begab er sich ins Cafehaus, vergrub sich in Zeitungen, saugte alle belletristischen, politischen und vermischten Neuigkeiten in sich auf wie ein trockener Schwamm das Wasser, zahlte erst als es dämmerte, dann ging er zu einem Trödler, versetzte sein Uhr und machte sich auf den Weg nach Zirndorf, um die Nacht in der Ziegelei zu verbringen.

Die Flut war nun so weit zurückgetreten, daß die gewöhnlichen Wege gangbar waren. Bei Dambach war ein Notsteg errichtet und schwankte hin und her wie eine Schaukel. Abenddunst huschte schattenhaft über das Wasser, das rauschend dahinschoß. Dann trat der Mond heraus, kalt, klar, eine halbe Scheibe. Aus der öden Ebene wurde ein Nebelreich, die ferne Stadt schien eine alte Festung, aus Rauch und Staub erbaut, der Wald schien zu hüpfen, oder sich zu verschieben wie eine Kulisse. Der Mond war tausendmal in tausend Wellen zu sehen, auch in dem ruhigen breiten Wasser, womit die Wiesen überschwemmt waren. Lichter schauten aus einem Weiler, flimmerlos, matte Punkte wie Leuchtkäfer; ein Bauer schrie, ein Hund bellte, dann fingen plötzlich die Glocken von der Stadt herüberzuläuten, eine unendliche Melodie, die langsam strömte wie dunkler Wein aus grünem Glas.

Gudstikker sah eine Gestalt vor sich. Sie wanderte müßig dahin, griff nach Stauden am Weg, nach Halmen, warf Steine ins Wasser. Es war Agathon. Gudstikker griff aus und wünschte guten Abend. Agathon erschrak.

»Was denken Sie so den langem Weg ins Dorf?« fragte Gudstikker.

»An vieles. Oder an nichts.«

»Mir scheint, mir scheint, Sie sind ein Träumer, ein heimtückischer Träumer, ein versteckt kochendes Wasser. Niemand ahnt, daß es kocht, auf einmal fliegt der Deckel herunter –!«

Agathon lächelte überlegen. »Warum glauben Sie das?« fragte er sanft. »Sie kennen mich doch kaum. Sie wollen mir nur imponieren.«

Gudstikker schüttelte melancholisch den Kopf. Dann schnupperte er die Luft durch die Nase und rief: »Was für ein Abend! Zum Sterben schön. Aber dafür haben Sie ja keinen Sinn. Juden haben keinen Natursinn. Übrigens muß ich Ihnen etwas erzählen. Ich hatte gestern ein merkwürdiges Abenteuer. Als ich am jüdischen Waisenhaus vorbeiging, hörte ich furchtbares Schreien. Die Straße menschenleer, ein kleiner Junge stürzt auf mich zu, nennt mich Herr Jesus, zerrt mich die Stiege hinauf, durch drei, vier Schlafsäle, durch ein ödes Schulzimmer, durch eine Art Betsal und ich höre wieder schreien.«

»Im Haus?«

»Im Haus. Ich öffne eine Tür, zwei große Kerle, in schwarzem Talar stehen da, der eine betet und der andre schlägt mit einer Hundspeitsche auf den Knaben los. Ich, wie toll, schlage den einen zu Boden, drücke den anderen an die Wand, nehme den Knaben ab und gehe mit ihm fort. Die beiden Zuchtmeister mir nach, auf der Gasse entsteht ein Auflauf und schließlich hab' ich noch Mühe, die Elenden vor der Wut des Volkes zu retten.« Gudstikker ward bleich bei dem Bericht; es war, als sähe er alles mit doppelter Deutlichkeit vor sich.

Agathon sah seinen Begleiter mit leisem Mißtrauen von der Seite an. »Weshalb hatten sie ihn denn so gezüchtigt?« fragte er.

Gudstikker sagte etwas, wobei Agathon die Hände zusammenschlug.

»Ja, es ist eine schmutzige Welt, in der wir leben,« seufzte der andere. »Wir waten durch den Kot, in dem sich die Sterne spiegeln. Wir sind zu gebildet, um noch brauchbare Menschen zu sein. Wir wissen zu viel, wir schnüffeln zu viel in uns selber herum. Die Psychologie hat lauter Hamlets aus uns gemacht. Sürich Sperling, der war kein Hamlet, der war ein Fortinbras.«

»Warum reden Sie immer wieder von Sürich Sperling!« sagte Agathon gequält.

Gudstikker blieb stehen, heftete seine Blicke durchdringend auf den Gefährten und seine Augen sahen groß und feurig aus im Licht des Mondes. Sie waren auf dem Hügelkamm angelangt. Die Waldnacht starrte sie an, in der Tiefe schimmerten die Lichter von Zirndorf. Agathon lehnte sich an einen Baumstamm; sein Gesicht hatte einen visionären Ausdruck. »Ich sehe ihn,« sagte er.

Gudstikker wich scheu zurück.

»Hören Sie,« fuhr Agathon fort, »mir ist, als könnte ich auch die Zukunft sehen. Einer hat mich so weit hinaufgehoben, daß ich sie sehen kann: Sürich Sperling. Nicht weil er gelebt hat, sondern weil er tot ist. Aber fragen Sie nicht.«

Sie gingen weiter. Gudstikker kaute an einer erloschenen Zigarette. Über den Mond zogen flaumige Wollen, ohne daß sie seinen Glanz zu mindern vermochten.

»Was ist eigentlich Ihr Beruf?« fragte Agathon.

Gudstikker errötete. »Ich schreibe,« sagte er, bemüht, sich selbst zu verspotten. »Ich mache in Kunst. Vielleicht wird man bald von mir hören.«

»Aber nicht lange,« fügte Agathon versunken hinzu. »Sie haben bloß Funken, keine Flamme.« Er brach erschrocken ab, als er bemerkte, wie Gudstikkers Gesicht sich verzerrte.

An der Ziegelei trennten sie sich. Agathon ging heim. Es war Vorabendfeier des Laubhüttenfestes. Zum erstenmal hatte Elkan Geyer keine Hütte gebaut. Doch fromme Liebe übergoldete die Ärmlichkeit. Aus nichtigen Dingen war unter den Händen Frau Jettes Poesie entstanden; Apfel, Nüsse, Trauben lagerten auf blendend weißen Decken, Dielen und Fenster waren gescheuert, eine kupferne Ampel brannte über dem Tisch.

Enoch Pohl starrte im Sofawinkel. Der fremde Gast war wieder da und las Gebete. Elkan Gebers Gesicht war wie durchpflügt von Unglück. So ging er seit dem Mord herum, keine Silbe war aus ihm herauszubringen. Die verschuldete Summe hatte er im letzten Augenblick noch aufgetrieben und dem Bruder des Toten eingehändigt. Frau Jette siechte hin. Es war oft, als ringe sie mit einer unsichtbaren Macht und sei nicht stark genug, die Arme frei zu bekommen. Daher leuchtete es bisweilen dämonisch auf in ihren Augen, wie von der Gewißheit der Niederlage erfüllt und doch voll trotziger Widerstandslust. Die Sorge um die Kinder beschäftigte sie am meisten, und sie glaubte Ruhe zu haben, wenn nur Elkan endlich die streitige Vorbeterstelle erhielte.

Um neun Uhr wurden die Kleinen ins Bett geschickt. Alles war still. Der Gast las die Zeitung für das Judentum und sah plötzlich empor.

»Es steht schlimm mit Jisroel,« sagte er. »Habt ihr gelesen von Rußland? Is der Jüd ein Verbrecher, daß er sich soll steinigen lassen von die Gojim? Es wird ein böses End nehmen, ein End mit Schrecken.«

Sie sprachen dann vom Brand in Roth und vom Bankrott einiger Nürnberger Bankfirmen. Frau Jette sagte, daß Isidor Rosenau entschlossen sei, sein Geld beim Baron Löwengard zu erheben. Das sei lächerlich, warf Enoch hin; Löwengard sei sicher wie Rothschild. Der Gast hörte es nicht; er redete sich in eine flammende Hitze gegen die Christen und wurde schließlich phantastisch in seinen Anklagen. Er ist um ein paar Jahrhunderte verspätet, dachte Agathon. Er kannte viele solcher Juden; das Gebet ging ihnen über alles, über Gott selbst und wer nicht betete, war der Feind, der Christ; etwas Unreines, Übelriechendes lag über diesen Eiferern wie über abgestandener Speise.

»Ja,« sagte Elkan Geyer müde, »das ist ja ganz recht, aber schließlich sind wir doch nur Geduldete. Wir speisen an einer fremden Tafel und bei einem fremden Volk. Was können wir fordern? Nichts. Erobert haben wir ja genug, die einen viel, die andern wenig.«

»Und wenn der Messias kommt, wird alles unser sein,« murmelte der Gast und drückte die Augen zusammen.

Elkan bog den Kopf leicht vor und seine beiden Mundwinkel zuckten. Darin lag schmerzlicher Zweifel. Agathon liebte in diesem Augenblick den Vater sehr.

Bald sagte er gute Nacht. Ihm war wunderlich zu Mut. Er hatte ein Gefühl von Macht und Freiheit; ihm war, als könne er die bunten Verwicklungen des Lebens lösen, wenn er nur die Hand erhob. Er wollte noch nicht schlafen, darum ging er in den Hof und schlürfte die Nacht in sich ein, die so still war, spätsommerlich lau, trotzdem der Oktober schon weit vorgerückt war. Der zerbrochene Zaun, der verwilderte Gemüsegarten, in der Ferne die Felder, die niederen Häuser, alles zitterte in der sanften Bronzierung des sinkenden Mondes. Er hörte etwas murmeln, ging ohne Furcht den Lauten nach, öffnete das Scheunentor und wurde bleich vor Bestürzung, als er auf einem Strohlager den alten Gedalja gewahrte, der in einen Kerzenstumpf blickte und Agathon eifrig zu sich herwinkte, als er ihn gewahrte.

»Psch! nix reden!« rief er mit unterdrückter Stimme. »Mausstill sein, sonst schneid' ich d'r ab die Ohren. Setz' dich her zu mir, und ich will d'r sagen was Guts für dein Leben. Hör zu, Jung. Ob de bist reich, ob de bist arm, 's is ganz egal; ob de bist gottesfürchtig, ob de bist nit gottesfürchtig, 's is aach egal. Müßt ich sonst sitzen auf Stroh in der Scheune wie Hiob, und unterm Gras wie Nebukodnezor? Ich will dir geben en guten Rat un sollst'n nit vergessen in deinem Leben. Sag' niemals, un wenn de wirst siebzig Jahr, sag' niemals, daß de hast einen Menschen, wozu de haben kannst Vertrauen. Gott im Himmel, bin ich geworden neunzig Jahr, un meine Kinder schämen sich meiner. Hab' ich gehabt e Gut, e Haus un e Viech un e Frau, un es Unglück is gekommen un hat aufgesperrt seinen Rachen, daß ich jetzt sein muß heimlich in der Scheune meines Vetters, bis er wird sein willig, mir zu geben e Kammer für die Nacht. Glauben is kaaner mehr in der Welt, ich spürs am eignen Fleisch, Gott hat die Zeit verloren, sie is ihm gefallen aus der Hand, nebbich. Du hörst se schreien von Juden un Christen, aber was se meinen is das Geld un was se nicht meinen, is die Frommheit. Was is Gott? Is das Gott, wenn ich mach e Kreuz, wenn ich bet in der Thora? Is das Papier Gott? Is das Holz Gott? Is Gott der Himmel, is Gott der Mond? Nix is Gott; Gott is meine Gutwilligkeit un mein Armsein. Ich bin Gott, du bist Gott, e Gespenst is Gott, e Stück Armut und Elend.«

Er hatte die Hände erhoben und seine Augen standen voll Tränen. Zerrissen mit sich und der Welt lag er da. Agathon war versteinert. Dann begann der Alte wieder, leiser und ruhiger: »Jetzt gehste wieder hin, wo de bist hergekommen, legst dich schlafen un bist still. Du bist e gescheiter Mensch un wirst schweigen. Ich muß sein allein. Ich kann nit sehn vor mir e menschliches Gesicht.«

Agathon wandte sich, verschloß die Tür, ging ins Haus, in sein Zimmer, kleidete sich aus, – alles wie bewußtlos. Dann legte er sich ins Bett und dachte nach, weit über Mitternacht hinaus.


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