Jakob Wassermann
Die Juden von Zirndorf
Jakob Wassermann

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Elftes Kapitel

In heiterer Stimmung verließ Bojesen seine Wohnung und der neblige Dezembermorgen trübte nicht die Klarheit seines Innern. Da begegnete ihm der Postbote und händigte ihm ein Schreiben ein. Er riß den Brief auf und las:

Kommen Sie nicht wieder. Lassen Sie mir die Freiheit ganz, die ich einmal erwählt habe. Ich könnte ja fordern, aber ich bitte nur. Fragen Sie nicht, warum. Haben Sie nie bemerkt, daß, wenn zwei Schicksale sich verketten, der Weg doppelt so schmal wird? Das Leben ist zu klein und kann nicht durch einen großen Sinn regiert werden. Können Sie sich denken, daß man nicht mehr an all die schönen Worte glaubt, von Freiheit, Liebe, Seele und so weiter, sondern nur an das taube, blinde Ungefähr –? Der eine sucht sein Schicksal, den andern findet es. Kommen Sie nicht wieder!

Bojesen war nicht genug Frauenkenner, um die matte Energie des gequälten Schreibens zu durchschauen. Er nahm sich den Brief zu Herzen, kehrte hastig in seine Wohnung zurück, setzte sich an den Schreibtisch, kaute einige Zeit beklommen am Federhalter und begann:

Ich dachte eine starke Frau zu finden und fand eine schwache. Oder wie ist es? Was soll ich davon denken? Bedeutet das die Schrankenlosigkeit der Leidenschaft, von der du geträumt hast? Ist es die gewöhnliche, banale Romanreue? Sind die Flügel schon zerbrochen, ehe man sich über das Dach des nächsten Philisterhauses erhoben hat? Das Schicksal ist ungewöhnlich mit uns verfahren, und wir müssen uns ungewöhnlich an ihm revanchieren. Ich sehe dich noch in deiner Glut, in deinem Lächeln, in deiner Hinreißendheit. Und nun?

So weit war er gekommen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Zurückschauend gewahrte er seine Gattin und zuckte zusammen. »Erich, du schreibst an eine Frau,« sagte sie langsam und betont.

Sie war leichenblaß und hatte mit der Hand krampfhaft die Stuhllehne gefaßt.

In einem solchen Fall erfindet ein Mann entweder eine zärtliche Lüge oder er wird brutal. Bojesen lachte, schlug das angefangene Schreiben zusammen und zerfetzte es. Dann setzte er seinen Hut auf, um zu gehen.

»Erich, ich kenne sie nicht, diese Frau, aber sie wird dich zu Grund richten. Ich will mich nicht vor dich hinstellen mit Verzweiflungsausbrüchen. Ich bin dir nicht gut genug zur Offenheit, obwohl ich zu vielen Dingen nicht zu gut war, wie das schon so geht.«

»Aber du phantasierst ja, du träumst,« rief Bojesen, erschrocken und gespannt.

»Wir liegen immer noch Bett an Bett und auch du träumst.«

»Was soll das heißen?«

»Ich kann oft nachts nicht schlafen, und ich höre und sehe deine Träume. Die Ampel bescheint dein Gesicht und mit diesem Gesicht bist du dann bei ihr, verstehst du?«

Bojesen nagte an seinen Lippen. Er ging und war beschämt. Er kaufte Zigarren und begann zu rauchen, was er sonst des Vormittags nie zu tun pflegte. In den düsteren Korridoren des Schulgebäudes traf er die Herren, die, das akademische Viertel benutzend, gravitätisch oder tiefsinnig umherstolzierten, die Hand auf dem Rücken oder zwischen dem zweiten und dritten Knopf der Rockbrust.

Bojesen sah die finsteren Mienen seiner Kollegen nicht, oder gab vor, sie nicht zu sehen. Doch fühlte er wohl, daß etwas in der Luft lag. Nach Ablauf der Stunde kam der Pedell und bat ihn zum Rektor. Bojesen lächelte, entließ seine Schüler, schritt bedächtig die Stufen hinan und stand alsbald vor dem Herrscher des Schulreiches und fünf der ältesten Herren, die seine Garde bildeten.

»Herr Bojesen,« begann der Rektor feierlich mit einer fast unmerklichen Mischung von Sarkasmus und Schadenfreude, »Sie sind uns als Kollege lieb gewesen und als Lehrer wertvoll. Wir konnten uns täglich von der strengen Tatkraft überzeugen, mit der Sie Ihr Pensum durchführten. Wir glaubten, in Ihnen dereinst eine stolze Säule unserer Anstalt zu besitzen, einen verehrten und geachteten Mitbürger, einen tadellosen Erzieher. Vaterlandsliebe, einwandsfreier, sittlicher Wandel, Religiosität, das sind Tugenden, die die Brust eines Beraters der Jugend mehr schmücken als königliche Orden. Wir müssen bekennen, daß wir uns in Ihnen getäuscht haben.«

Ein undefinierbares Murmeln der Garde folgte dieser Ansprache.

»Was wollen Sie damit sagen, Herr Rektor?« entgegnete Bojesen ruhig.

»Damit soll gesagt sein, daß Sie, wie unsere gewissenhaften Nachforschungen zweifellos ergeben haben, in bezug auf Ihre moralische Führung nicht geeignet sind, einen günstigen Einfluß auf die Schüler zu üben, Herr Bojesen, – kurz, daß Sie sich auf Abwegen befinden. Als Mensch kommt es mir lediglich zu, Sie zu warnen, Sie kraft meines Alters aus tiefstem Herzen zu warnen. Als Vorstand dieses Instituts dagegen ist es meine Pflicht, Sie zu bitten, von Ihrer Lehrtätigkeit Abstand nehmen zu wollen, bis wir die Sachlage an das Ministerium berichtet und weiteren Bescheid empfangen haben.«

Bojesens Wangen und Stirn röteten sich und seine Hand zitterte. Doch der Rektor richtete sich straff empor und fuhr fort:

»Verteidigen Sie sich nicht. Suchen Sie uns nicht zu überzeugen, wovon es auch sei. Wir waren vorsichtig in bezug auf unsere Schritte. Sie verkehren in einer verrufenen Spelunke mit verrufenen Subjekten und verrufenen Frauenzimmern. Es ist schändlich und für mich als Haupt einer Anstalt, an deren Ruf kein Flecken haftet, deren pädagogischer Ruhm weit über die Grenzen unseres engeren Vaterlandes gedrungen ist, ich sage, es ist beschämend für mich, einen solchen Vorfall konstatieren zu müssen. Ihr unverzeihlicher Fehltritt fällt um so schwerer ins Gewicht, als Sie verehelicht sind und trotzdem nicht Ehrgefühl genug besaßen, Ihren Hang zu zügeln. Aber nicht einmal das allein war maßgebend für mich. Nur aus wenigen Andeutungen, die sich scharf in den Geist jugendlicher Zuhörer graben können, das werden Sie selbst gut genug wissen, ist erwiesen, daß Sie es im Unterricht nicht verschmähten, skeptische Worte fallen zu lassen, die die Religiosität der Schüler gefährden konnten, und daß Sie so auf dem verbrecherischen Wege sind, die scheußliche Zeitkrankheit des Atheismus und der Pietätlosigkeit mitverbreiten zu helfen. Wir wissen, daß Sie sich mit dem dimittierten Schüler Agathon Geyer auch nach seinem Vergehen noch liebevoll befaßt haben, und jetzt wird mir auch vieles von der unerhörten Tat dieses irregeleiteten Jünglings klar. Ich hoffe, Sie bereuen und werden ein besserer Mensch. Für die unschuldigen Blüten, die man Ihnen anvertraut hat, ist ein anderer Gärtner von nöten. Und jetzt bitte ich Sie, uns zu verlassen. Oder haben Sie noch etwas einzuwenden? Ich mache Sie aufmerksam, daß unsere Zeit kurz bemessen ist.«

Bojesen rührte sich nicht. Seine Augen schauten unverwandt ins Weite, als suchten sie sich mit den kommenden Stunden der Entbehrung und der Brotlosigkeit schon jetzt vertraut zu machen. Um seine Lippen spielte ein halb mitleidiges, halb trauriges Lächeln. Der Rektor blickte ratlos die fünf Gardeherren der Reihe nach an, die dann in derselben Reihenfolge schweigend die Kopfe schüttelten. Endlich sagte Bojesen: »Meine Verbrechen sind Verbrechen. Für Sie müssen es solche sein, natürlich. Ich kann also nichts dagegen einwenden. Aber was die ›unschuldigen Blüten‹ betrifft, darüber möchte ich noch ein paar Worte sagen. Das was ich anstrebte, war, die Schüler von selbst zum Denken zu bringen, aus Andeutungen und aus Anschauungen ein Gesetz zu konstruieren. Ich habe ihnen aus der Wissenschaft immer ein schmackhaftes Stück Brot gemacht, nicht ein Pensum für das Gedächtnis. Aber was Sie, meine Herren, unternehmen, ist aussichtslos. Sie machen aus der Schule eine Verdummungsanstalt, und kein munter fließendes Wasser wird aus diesem Sumpf herauskommen. Alle bleiben unglückselige Marionetten, oder wie Sie es nennen, faule Schüler. Aber faul sind nur Ihre Einrichtungen. Wer dem Geist der Jugend etwas nahe bringen will, muß es mit dem Herzen tun, nicht mit dem Vocabularium. Ich möchte sagen, er muß ein wenig spielen dabei, Sie müßten beinahe ein wenig Künstler sein. Hat mein verehrter Kollege, – verzeihen Sie: Exkollege, Lehrer der Geschichte, jemals daran gedacht, den Schüler mit den großen, menschlichen Dingen der Geschichte vertraut zu machen? jemals den Geist des grandiosen Zusammenhangs zu erklären versucht? jemals ein farbenreiches Bild daraus gemacht, und das wäre von höherem, sittlichem Wert als hunderttausend Jahreszahlen und Dynastiennamen. Und was Religiosität betrifft, Herr Rektor, so haben Sie keine Angst um mich. Beide zeigen sich nicht im Götzendienst. Was Sie mit diesen schönen Worten meinen, ist Duckmäuserei und Frömmelei. Vielleicht kommt die Zeit selbst für Sie noch, der Sie graue Haare haben, wo Sie mit Kummer an das denken werden, was ich Ihnen eben gesagt habe. Ich empfehle mich den Herren.«

Er eilte hinaus und ließ die sechs würdigen Schulmänner in unbeschreiblicher Verblüffung zurück. »Gehen Sie hinunter, Schachno, und verhindern Sie, daß er mit den Schülern spricht,« sagte der Rektor erregt.

Daran dachte Bojesen nicht. Er hatte bereits das Schulhaus verlassen und ging bis die Häuser zu Ende waren, bis die Ebene vor ihm lag. Und wie er weiter und immer weiter ging, vergaß er auch mehr und mehr seinen persönlichen Schmerz, und das Drückende und Gedrücktsein, das in ihm war, löste sich auf in allgemeine Wehmut um etwas unbestimmtes Verlorenes, in eine wie hingehauchte Trauer um vergebliches Ringen. Er empfand jene Müdigkeit zu denken, die zu vagen, aber tröstlichen Bildern führt, bis an die Pforte der Melancholie, wo sie sich mit liebevoller Innigkeit an alle Gegenstände der Natur hängt und auch dem zufälligen Flug eines Vogels eine tiefe, vorbedeutungsvolle Wichtigkeit verleiht.

Still und neblig, wie erfroren, lag da oder dort ein Dorf. Gleich einer Wand von Schleiern erhob sich bisweilen ein Gehölz. Der Himmel war unbeweglich; keine einzelne Wolke war zu sehen, nur eine schwerhingezogene Decke. Dornenhecken standen am Weg und vermehrten das Grüblerische, Insichgekehrte dieser Landschaft. Raben flogen lautlos über die Äcker, setzten sich majestätisch auf schwarze Erdschollen, die aus dem Schnee ragten und guckten furchtlos mit schlauen und boshaften Augen auf den Wanderer.

Als es dunkelte, kam er zurück in die Stadt, und es war ihm, als ob er ein Jahr lang fortgewesen wäre. In langsamem Gleichmut als wäre es die Folge eines weit zurückliegenden Entschlusses, wanderte er nach der Richtung von Jeanettens Wohnung und fand sie zu Hause.

Sie war nicht erstaunt, ihn zu sehen und reichte ihm ruhig die Hand.

»Man weiß natürlich schon in der ganzen Stadt, wo ich bin und was ich treibe,« sagte sie im Lauf des Gesprächs verächtlich. »Die Herren der Gesellschaft werden zum ›siebenten Himmel‹ kommen, und ich werde die Sensation sein, der Stadtklatsch. Das ist mir widerlich. Wenn ich mit meinen Vorübungen fertig bin, geh ich nach Paris. Ich brauche anderes Leben. Es wird auch ein anderer Tod sein, wenn es so kommt.« Sie lachte.

»Fort gehst du? Und was für Vorbereitungen meinst du?«

»Tanz! Die menschlichen Leidenschaften im Tanz. Der Tanz soll wieder Kunst werden. Ich denke zum Beispiel an einen Tanz der Liebe. Alles ist Feuer, hinneigende und verborgene Glut. Jede Linie andächtig und verzückt und schließlich die unterdrückte Erregtheit. Dann der Haß. Offene Glut, wildes Gebärdenspiel, wildes Spiel aller Linien. Dann viele andere. Ich denk' es mir wundervoll. Eure andern Künste haben abgewirtschaftet. Sie beruhen auf der Eitelkeit. Es gibt nur noch Wissenschaft und Tanz in der Zukunft.«

Bojesen sah hilflos vor sich hin. Redensarten, dachte er.

Jeanette begann jetzt wieder zu tanzen: auf den Zehen, den Körper in wellenhaften Bewegungen vor- und zurückbiegend und mit schwärmerischem Gesicht und weitgeöffneten Augen in den Spiegel schauend. Dann holte sie Wein, dessen Purpur in den dunklen Gläsern und in der beginnenden Dämmerung schwarz erschien.

Währenddem öffnete sich die Tür und Bojesen sah einen alten, sehr gebückten Mann mit einem Hausierkasten sich mühselig hereinschleppen. Es war Gedalja, den Jeanette vor einiger Zeit auf der Straße getroffen hatte und der nun fast täglich zu ihr kam. Er setzte keuchend den Kasten am Ofen nieder und trocknete sich die Stirn mit dem Rockärmel. Bojesen schaute Jeanette an, begriff und wollte gehen. Aber sie befahl ihm durch einen Blick, zu bleiben und zündete die Lampe an. »Hast du was verkauft, Großvaterle?« fragte sie, die Hand in die des Alten legend.

Gedalja verneinte. »Se welln nix haben. Se sind alle versehen. Se welln bloß ihren Spaß haben mit em alten Juden. Ich will nit klagen, Enkelin, nit klagen. Aber was for Gesichter wer ich sehn, wenn ich sterb'? Wer wird reden zu mir in die lange Nächte? Hast de schon gesehn en alten Mann über neunzig, wo hat kein Haus un kein Hof und kein Bett? Bin ich nit gewesen e Vieh, daß ich nit gewesen bin e Wucherer un e Betrüger? Wo soll ich haben en neuen Rock, wenn der wird sein zu Fetzen? Wo sin meine Kinder, daß se sitzen zu meine Füße und lauschen meine Worte? O Enkelin, es is gut, zu nehmen e Schwert und zu zerreißen sein eignes Herz.«

Bojesen blickte nicht vom Boden empor. Gedalja begann wieder: »Ich waaß nit, was de hast getan un was de hast vor im Leben, Jeanette. Aber ich seh d'rs an an deine Stirn und deine Augen, daß de willst hoch naus, daß de hast überspannte Gedanken vom Leben un von die Menschen. Es gibt im Jüdischen e Sprichwort un haaßt: wenn Schabbes-Nachme afn Mittwoch fallt, kriegt die Schmue Vernunft. So is es mit deine Pläne. Schabbes-Nachme fallt alleweil afn Schabbes, natürlicherweis. Sei vernünftig vorher! Sei immer bei dir un hab gut acht auf deine Handlungen. Schlaf nit ein in der Nacht, wenn de nit hast ausgelöscht 's Licht; nor die Toren scheuen den Schlaf beim Finstern. Bleib' e gute Jüdin, wenn de aach nit glaubst, denn wir sin e großes Volk mit bedeutende Gelehrte. Merk d'r was ich hab' gesagt. Haste vielleicht was z'essen? Hab Hunger. Bin in ganzen Tag rumgeloffen, bis nach Burgfarrnbach nüber.«

Bojesen, dem es schwer ums Herz war, schickte sich zum Aufbruch an. Jeanette begleitete ihn liebenswürdig hinaus, sagte aber nichts. Er haßte diese Liebenswürdigkeit an ihr, die undurchdringlich war wie ein Panzer.

Er irrte lange Zeit durch die Straßen, aß gegen sieben Uhr irgendwo zu Nacht, setzte seine ruhelose Wanderung fort und kam endlich wieder vor Jeanettens Wohnung an, wo immer noch die Fenster erleuchtet waren. Am gegenüberliegenden Haus sah er einen jungen Mann im Schnee stehen. Er glaubte, diese blassen, unbestimmten Züge zu erkennen, ging hinüber und stand vor Nieberding, der den Blick nicht von Jeanettens Fenstern wandte. Bojesen lächelte ironisch. Der andere gewahrte ihn, und eine Zeitlang standen sie Auge in Auge, ohne eine Bewegung. »Wie lange stehen Sie schon?« fragte endlich Bojesen mit schlecht verhehltem Spott. Aber Nieberding überraschte ihn, indem er ihm die Hand bot und sagte: »Weshalb wollen Sie mich verhöhnen? Was würden Sie sagen, wenn ich bissige Reden führte, weil ich Sie etwa am Grab Ihres Vaters sähe? Ich stehe am Grab meiner Liebe. Es ist mehr als eine Phrase.« Er schob seinen Arm unter den Bojesens und zog ihn mit sich fort.

»Aber sind Sie jetzt nicht glücklich?« fragte Bojesen noch immer sarkastisch.

»Glücklich? weil ich leide? Allerdings in gewissem Sinn.«

»Sie sind Arzt?«

»Verzeihen Sie, – ein Wort: kommen Sie eben von ihr?«

»Nein.«

»Ob ich Arzt bin? Nein. Ich war es.«

»Ein schöner Beruf.«

»J–Ja!«

»Aber er macht hart, grausam.«

»Im Gegenteil. Aber Sie spotten immer noch.«

»Im Gegenteil –?«

»Er hebt uns. Macht weich, bereichert die Gefühle.«

»Das sind Worte. Es gibt solche und solche Ärzte.«

»Allerdings.«

Darauf schwiegen sie. »Verzeihen Sie,« sagte Nieberding, »darf ich Sie zu einem Abendessen einladen?«

»Danke, ich habe schon gegessen.«

»Aber dann kommen Sie auf ein Glas Wein zu mir.«

»Wenn es Ihnen nicht unbequem ist –.« Nieberdings offene Herzlichkeit und seine kindlich-schüchterne Art, zu fragen, beschämten Bojesen ein wenig. Bald saßen sie in Nieberdings kleinem Salon, wo ein behagliches Feuer brannte. Bojesen sah hier Jeanettens Schatten weilen und empfand eine nagende Unruhe. Cornely kam mit ihrem rätselhaften Lächeln und für Bojesen war es seltsam zu sehen, wie sie den Bruder verehrungsvoll küßte und wieder ging.

Nach einem schier endlosen Schweigen fragte Nieberding hastig: »Was halten Sie von Jeanette Löwengard?«

Bojesen schwieg und zuckte die Achseln. »Sie ist ein feines Tier,« sagte er endlich leise mit einem lauernden Zucken der Mundwinkel.

Nieberding blickte verletzt auf. Aber im Nu unterwarf er sich Bojesen wieder.

»Und Sie,« fuhr Bojesen fort, »welche Art von Frauen lieben Sie eigentlich? Sagen Sie nicht, daß es Jeanette sei, das steht Ihnen fern. Sie lieben die schlanken, überzarten Formen, Sie lieben Frauen, die größer sind als Sie, die präraphaelitischen Gestalten, hab' ich nicht recht?«

Nieberding blickte furchtsam sein Gegenüber an. Er wagte nicht zu widersprechen. Bojesens weit aufgerissene Augen schienen etwas anderes zu sagen, als was er jetzt sprach. Sein Mund war ein wenig geöffnet, und seine Haltung glich der einer Katze. Er war wie verwandelt.

Nach einer Weile begann Eduard Nieberding: »Sie haben neulich beliebt, mich als den Typus des modernen Verfallsjuden hinzustellen. So war es doch, nicht? Ich habe viel darüber nachgedacht. Wenn etwas von Ihren Anschauungen begründet ist, ist es dies: wir wirklich modernen Juden haben aufgehört, Juden zu sein. Wir sind in unserer Seele Christen geworden. Nicht Christen nach der Form, sondern nach dem Geist.«

Bojesen nickte halb verächtlich, halb bekümmert. »Das ist es ja,« sagte er. »Das ist es, was uns ins Unglück stürzen wird. Ja, Sie werden das Christentum aufbauen! Wir sollen wieder Mumien werden, da wir angefangen haben, die Fenster zu öffnen und die Moderluft zu vertreiben. Sind wir nicht ein krankes Geschlecht bis ins Mark? Sehen Sie mich an, was ich bin! Heute bin ich neunundzwanzig! Was werde ich mit vierzig sein! Das geistige Christentum! Und wie belieben Sie das andere zu nennen, das unsere säftereiche Rasse aufgelöst und vernichtet hat binnen sechzehnhundert oder weniger Jahren. Was ist schuld, wenn wir den natürlichsten Vorgang des Lebens zu einem Akt der Lüsternheit machen? Wenn wir in den Schulen Maschinen züchten, statt Menschen? Wenn tausende von großen Weibern auf der Gasse und in Spezialitätentheatern lungern und eine anämische Herde tummelt sich im Salon? Wenn wir nicht hinauskommen über die niedrigen Begriffe von Ehre und Nächstenliebe, wenn unsere Dichter Hysterie für Tragik nehmen? Sie, moderner Jude, sind daran schuld mit Ihrem Mystizismus und Ihrem asketischen Verlangen, der Sie im Schnee stehen und Ihre Geliebte nur seelisch begehren, der Sie das frevelhafte Wort von der Selbstüberwindung neuprägen. Ja, ja! richten Sie nur das Christentum wieder auf! Hauen Sie nur die Renaissance, von der große Menschen geträumt haben, in Stücke, bevor sie geboren ist! Nur zu!«

»Mit all dem sagen Sie eigentlich nichts Neues,« erwiderte Nieberding traurig und mit gesenkter Stimme. »Aber das ist ja gleich, wenn Sie es fühlen. Ist es denn so schlimm? Wieviel Poesie und Verklärung hat uns nur allein die katholische Kirche gegeben.«

»Lassen Sie uns hier nicht von Poesie reden. Lassen wir die Poesie beiseite, samt der Verklärung, ich bitte Sie. Das sind triste Dinge, zu deren Verteidigung die Poesie der katholischen Kirche nötig ist. Und reden Sie niemals per ›uns‹, wenn Sie so etwas sagen, das ist ein wenig komisch. Sie sind ein Emigrant, und es gibt kein Bindeglied zwischen Ihnen und uns. Beachten Sie die Zeichen der Zeit. Rekrutieren Sie sich, seien Sie nicht blind.«

»Warum denn? warum?« rief Nieberding und sprang mit verzweifelter Gebärde empor. »Haben wir denn noch nicht genug bezahlt? mit Leib und Leben und Seele und Freiheit bezahlt? Ist es denn unmöglich, euch zu befriedigen? Seit Jahrhunderten dienen wir euch, unsere Besten haben so viel Gutes gewirkt, daß ihr es heute noch nicht einmal ermessen könnt, wir lieben eure Sprache, wir haben unser Blut für euer Vaterland vergossen, keine Werbung war uns zu demütigend, im stillen saßen wir und harrten auf das Licht der Erlösung und als ihr uns das schenktet, wofür ein eingesperrt gewesener Hund euch nicht einmal die Finger lecken würde, da dankten wir euch durch einen ungemessenen Überschwall von Kräften und Talenten, – und trotz alledem, wenn heute ein beschnittener Kerl bankrott macht, so wendet sich euer unverborgener Haß nicht gegen ihn, sondern gegen uns und die verlogenste von allen verlogenen Phrasen muß aufmarschieren, um euch einen Schein von Grund und Recht zu geben: ihr sprecht von Rassenhaß und Rassenkluft, wo es besser wäre, von dem Neid und dem Geifer des Stumpfsinns zu reden, und als ob nicht ein Pommer und ein Franke von verschiedenerem Blut und Geist wären als ein Jude und ein sogenannter Germane. Rekrutieren sollen wir uns? Was heißt das? Sollen wir ein Land kaufen und einen Staat gründen? Das hieße uns vernichten. Wir sind stark als Einzelne, das ist eben das Geniale an uns, wenn Sie das kühne Wort verzeihen wollen; als Nation wären wir das Gespött der ganzen Welt. Wir sind stark als Helfer, als Diener des Geistes, wir sind groß als Priester, aber wir sind nicht ein Volk, das zu politischen Taten aufgelegt ist.«

Bojesen blickte überrascht in das Gesicht des jungen Mannes, das durch die Erregung beinahe schön war. »Sie haben Recht,« erwiderte er ernst. »Und doch kann nicht geleugnet werden, daß wir viel schneller dem Abgrund zurollen, seit die Juden emanzipiert sind, wie das prächtige Wort nun einmal heißt. Ich kenne so viele gebildete Juden, wirkliche Menschen, Künstler oder Männer der Wissenschaft oder auch Kaufleute, aber ich muß sagen, so sympathisch und lieb mir die meisten sind, sie haben alle einen seelischen Defekt, einen sittlichen Krankheitsstoff, der ihre andersblütige Umgebung alsbald ansteckt. Worin das besteht, ist mir ein Rätsel. Aber sie sind es, die mich immer am schmerzlichsten empfinden lassen, daß wir im Begriff sind, eine Nation von Säufern, Strebern und Phlegmatikern zu werden. Ihr seid eben Dämmerungskinder, Propheten der Dämmerung, manchmal vielleicht der Morgendämmerung, diesmal aber sicher der Abenddämmerung. Tragt ihr nicht einen großen Teil der Schuld, wenn unsre Reichen und Vornehmen Geist und Ohren mit Musik verstopfen? Niemals war ein blödsinniger Musikkultus zu solchen Ehren gelangt. Es mutet mich so kindisch an, wenn in Paris die Gräfin Rothschild ihre Hündin mit dem Hund eines Marquis oder Lords öffentlich und feierlich verlobt und unter großem Gepränge Hochzeit halten läßt. In Rom war das alles seinerzeit viel großartiger. Wir können nicht einmal eine anständige Dekadenze inszenieren. Unsere gute Gesellschaft ist ausschließlich auf das Vertreiben der Langeweile angewiesen und die Kunst hat keine Lebensnotwendigkeit, sondern sie verrichtet Hofnarrendienste oder gefällt sich in volksfremder Unnahbarkeit oder wird zum weltflüchtigen Traum. Betrachten Sie nur einmal eine Erscheinung wie Richard Wagner. Wie aufgedonnert, wie asketisch, wie mönchisch, wie schmerztrunken, wie jüdisch! Daher auch sein rasender Haß gegen das Judentum.«

Eine Zeitlang war es still im Zimmer. Beide schauten finster sinnend in ihre Gläser. Dann begann Bojesen von neuem:

»Und doch! und doch! Ich weiß nicht, welcher Dämon mir diesen Gedanken eingegeben hat: es ist mir, als müsse gerade aus den Juden noch einmal ein großer Prophet aufstehen, der alles wieder zusammenleimt. Es ist selten, aber bisweilen trifft man einen Juden, der das herrlichste Menschenexemplar ist, was man finden kann. Alle reinen Glieder der Rasse scheinen sich vereinigt zu haben, ihn hervorzubringen, ihn mit allen köstlichen Eigenschaften auszustatten, die die Nation je besessen hat: Kraft und Tiefe, sittliche Größe und Freiheit, kurz, alles und alles, ausgenommen vielleicht den Humor. In seinem Kopf sitzen ein paar Augen voll Mildheit und Güte, man möchte sagen Frommheit in einem neuen Sinn, feurig und doch wieder schüchtern, phantasievoll und nach keiner Seite hin borniert, – kurz, wundervoll.«

Nieberding spielte mit einer Aschenschale, die in Form einer Ampel an einem Traggestell hing. Er drehte das mattbraune Gefäß um die eigene Achse, wobei die Kettchen klapperten. »Es ist sonderbar,« sagte er, »wie alles, auch das Bedeutende und Wichtige, gering erscheint, wenn man es mit dem eigentlichen Sinn des Lebens vergleicht.«

»Ja aber was ist der eigentliche Sinn? Hoffentlich antworten Sie nicht wie der gelehrte Mann, den ich einmal fragte, was er selbst für einen Zweck habe, da er die Welt schrecklich vernünftig fand. Ich bin eine Verdichtungsmaschine, sagte er pathetisch.«

»Ach, ich meine nur alles zusammengenommen gegen das Unendliche betrachtet. Symbol, Symbol, alles nur Symbol. Kennen Sie dieses Experiment der Fakire: sie bezeichnen einen Kreis im Zimmer, dessen Peripherie niemand überschreiten darf. Dann schauen sie, es ist helllichter Tag, fest auf eine Kerze und plötzlich, der Fakir selbst steht am andern Ende des Zimmers, plötzlich brennt die Kerze, ohne daß jemand daran gerührt. Nun ist aber das Seltsame, sowie einer die vorgeschriebene Kreislinie überschreitet, ist das Licht für ihn verschwunden. Das enthält für mich ein Stück Lösung des ganzen Lebensrätsels.«

»Ich muß gehn,« sagte Bojesen, »es ist spät.«

»Wieviel Uhr ist es?«

»Zwölf.«

»Schon! Darf ich Sie begleiten?«

Sie gingen. Kalt und klar war die Nacht, bis an die fernsten Grenzen lichtlos und still. Nieberding murmelte:

»Mühsam ist der Pfad und lang,
kein geschmückter Priester schreit
ein versöhnliches Gebenedeit,
wenn dein Fuß im Finstern vorwärts drang.«

»Von wem ist das?« fragte Bojesen.

»Von Gudstikker. Er hat ein Buch sehr schöner Verse veröffentlicht. Ich muß ihn aufsuchen, muß mit ihm sprechen. Ein großes Talent.«

»Kein Charakter, doch ein Genie,« sagte Bojesen bitter.

»Was meinen Sie damit?«

»Nun, dieses große Talent, – ich kenne es genau und schon lange. Eine Intrigantenseele, ein verwickelter Lügenkomplex. Was soll man dazu sagen. Die Kunst eines solchen Menschen ist vergänglich, selbst wenn sie für den Augenblick noch so sehr blendet.«

Sie gingen vorbei an Bojesens Wohnung und wanderten weiter in die Stadt hinein. Ihr Schweigen war nicht das von vertrauten Menschen, sondern ein beunruhigtes und mißtrauisches. Selten waren noch Fenster erleuchtet. Der Turm einer Kirche erhob sich plötzlich auf einem Platz und dies gab der ganzen Umgebung einen solchen Ausdruck stummer Majestät, daß Bojesen glaubte, mit verschärften Ohren könne man die Orgel klingen hören. Auf der Königsstraße blieben sie vor einem kleinen Wirtshaus stehen. Durch die grünverhängten Fenster drang die Fistelstimme einer Soubrette, die ein laszives Lied mit entschiedener Betonung zum besten gab. Die Stimme war so, daß man die Haltung des Körpers darnach beurteilen konnte; ja, man glaubte, die falsch lächelnden Lippen und die gezierten Gesten zu sehen. Wütendes Händeklatschen belohnte die Leistung, und der Klavierspieler gab einen Tusch. Da sah Bojesen, wie sich Nieberding an den Kopf schlug, auflachte und wieder auflachte und dann davonstürzte. Bojesen sah ihm kopfschüttelnd nach und setzte seinen Weg allein fort.

Auf einmal sah er eine Schar von zehn bis zwölf Knaben auf der Straße stehen, sich lautlos um einen Mittelpunkt scharen, sich lautlos ordnen und dann ebenso geheimnisvoll die Straße hinaufmarschieren. Sie trugen die schwarze Mütze der Waisenhauszöglinge bis auf zwei, die an der Spitze gingen. In dem einen erkannte Bojesen sofort Agathon Geyer.

Bojesen, zu erstaunt, um nach Gründen zu raten, beschloß, dem Zug zu folgen. Er empfand eine unerklärliche Scheu, die ihn hinderte, Agathon kurzweg anzureden. Die Wanderung ging über die schlechten und winkeligen Gassen des Altstadtviertels und über den Schießanger und Bojesen wurde so begierig, zu erfahren, was all dies bedeute, daß er seine Vorsicht vergaß und sich den Knaben zu sehr näherte. Einige standen still und wandten sich ihm zu. Agathon kam, stutzte, erkannte ihn, ließ den Kopf sinken und schwieg. Der Himmel schien von einem weit entfernten Licht innerlich erleuchtet und Bojesen konnte jeden Zug in Agathons Gesicht erkennen.

»Tun Sie es nicht! Folgen Sie uns nicht!« sagte Agathon endlich flehend.

»Was geschieht hier, Agathon?« fragte Bojesen, und er war seltsam bewegt, aus einem Grund, der ihm später zu denken gab. Er war matt und feig geworden diesem jungen Menschen gegenüber.

»Nichts Unrechtes, Herr Bojesen,« entgegnete Agathon, heftete den Blick fest in den des Lehrers und lächelte so, daß Bojesen ihm die Hand hinstreckte. Er machte sich auf den Rückweg, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen. »Wie romantisch,« murmelte er und suchte sich im Innern über Agathon zu stellen; aber sein Herz war beklommen.

Am andern Tag, als er über die Wiesen spazieren ging, sah er Agathon von ferne. Er hatte nicht das Verlangen, ihn anzureden; er empfand ein Vertrauen zu ihm, das ihm Neugierde als etwas Verächtliches erscheinen ließ. Agathon ging langsam, mit in sich gekehrtem Blick; seine Kleider waren etwas beschmutzt. Noch nie hatte Bojesen den Ausdruck einer solch gespannten Erwartung, eines fast atemlosen Lauschens in einem Gesicht erblickt. Am Eingang des Nadelwäldchens entschwand er seinen Blicken.

Gegen drei Uhr kam Agathon ins Dorf zurück. Er begegnete Frau Olifat, die aus ihrem Haus kam. Sie bemerkte seinen Gruß nicht. Auf ihrem Gesicht lag etwas so finster Drohendes neben einer bangen Ratlosigkeit, ja Verzweiflung, daß Agathon ihr erschreckt nachsah, dann eilends ins Haus ging und am Wohnzimmer pochte. Das kleine Mädchen öffnete, legte den Zeigefinger auf die Lippen und deutete dann wortlos auf das Sofa, wo Monika lag. Agathon schlich auf den Fußspitzen hin. Sie schien zu schlafen. Ihre Wangen glühten. Durch die geschlossenen Lider und die langen Wimpern schimmerte es wie von aufbewahrten Tränen. Der Körper lag in einer gequälten Lage, der Kopf und die Beine nach rückwärts gebogen. Die Finger waren in den Stoff des Polsters eingekrampft, die Lippen waren in leiser Bewegung. Agathon ging es wie ein Stich von der Stirn bis zum Knie. Nicht nur Angst und Schrecken waren es, sondern er hatte plötzlich die unwiderstehliche Begierde, diese unhörbar flüsternden Lippen zu küssen. Die wogende Brust des Mädchens, die leidenschaftliche Glut, in der sie lag, hilflos einer Wucht von Träumen überliefert, der schwach geöffnete Mund mit den begehrlich blitzenden Zähnen, – das ließ Agathon schaudern, und er verdeckte die Augen mit der Hand. Aber noch deutlicher sah er so das Bild, und er seufzte schwer, streichelte flüchtig, wie huschend, das glatte Haar der kleinen Esther und verließ das Zimmer. Alles Klare, Gute, Getröstete seines Innern war wie verblasen. Er ging heim, es dunkelte schon, und er war so erregt, daß er wie blind umhertappte. Das Haus war wie ausgestorben; doch als er in den Flur trat, um in seine Kammer zu gehen, stand wieder wie damals die Magd unter ihrer Türe. Wieder wie damals stand sie breit und gleichsam wartend vor dem düstern Kerzenschein. Ein trotziges und sinnliches Lächeln umspielte ihre dicken Lippen und Agathon starrte sie furchtsam an, wie ein Schicksal, dem er nicht entrinnen konnte. Sie sprach ihn an, aber er hörte es nicht; sie tätschelte seine Hand, und er fühlte es nicht. Sie nahm sein Gesicht mit grober Zärtlichkeit zwischen Daumen und Zeigefinger ihrer Linken und lachte; er war wie versteinert. Begierde, Trotz und Scham wollten fast seine Brust sprengen. Endlich machte er sich keuchend los und stürzte mit drei Sätzen die morsche Treppe hinab.

Die Finsternis des Hofes empfing ihn, – es wurde ihm zu eng. Er eilte hinaus, bis in die Felder und über den Kirchhof und wußte nicht, wieviel Zeit verronnen war, als er wieder vor Frau Olifats Haus stand und hinaufschaute. Da öffnete sich die Gartentür; Monika war es. Sie blickte hinauf und hinunter, und als sie Agathon gewahrte, erschrak sie, kam schnell auf ihn zu, stockte, machte wieder ein paar Schritte, stockte wieder und fiel endlich nieder, umklammerte fest Agathons Knie und begann klagend und kummervoll zu schluchzen.

Agathon wurde bis in die Lippen bleich. »Was ist denn nur!« stammelte er. Aber sie antwortete nicht, er sah ihre Schultern zucken, und ihr Weinen wurde immer verstörter und fassungsloser. Es schien aus einer Tiefe zu kommen, wohin sonst nicht leicht ein menschlicher Schmerz gelangt. Agathon wollte sie emporziehen, doch sie wehrte ihm heftig, fast zornig. Endlich und ganz unerwartet war sie still geworden, hielt die Schläfe mit beiden Händen und sah zu ihm auf mit einem gebrochenen Blick, in dem etwas Böses und Schuldiges war und der von einer Andern zu kommen schien als jener Monika, die Agathon bisher gekannt. Er wagte nichts zu sagen.

»Ach, Agathon,« flüsterte endlich Monika mit einer weitentfernten Stimme, »ich hab dich erwartet, so lange, so lange. Denke nicht schlecht von mir, tu's nicht. Höre mich an, wenn du kannst und verstoß mich nicht. Es hat Gott gewollt, daß ich hier so werden sollte, wie ich bin. O Agathon! Agathon!« Und sie blickte mit dem Ausdruck tierischer Verzweiflung in sein Gesicht. Da stieg in Agathon eine Angst vor ihr auf, wie sie in einer finstern Landschaft kommen mag, wenn uns vor einem unsichtbaren Begleiter graut. Er machte sich los von ihr; aus irgend einem Grunde erschien sie ihm niedrig, er drückte ihr unentschlossen die Hand und sagte beklommen gute Nacht. Kaum war er fort, so bereute er tief, was er getan, doch die Stimme des Lämelchen Erdmann schreckte ihn empor aus seinem Brüten. Lämelchen Erdmann stand vor dem Wirtshaus, focht mit den Armen durch die Luft und schrie Agathon zu, den er im Schein des Laternenlichts erkannte:

»He! Agathon! schnell! Dein Vater! Dein Vater!«


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