Jakob Wassermann
Die Juden von Zirndorf
Jakob Wassermann

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Die Juden von Zirndorf

Erstes Kapitel

Im Jahre achtzehnhundertfünfundachtzig fing es in den Ebenen der Rednitz und Pegnitz einige Tage nach Maria Himmelfahrt an zu regnen, und es regnete fast unaufhörlich bis Mitte August. Die Saaten gingen zugrunde und alles Land war ein einziger See. Bis ins Tal der Zenn hinein erstreckte sich die Überflutung und nach Norden in die Erlanger und Bayersdorfer Gegend. Graugelb und gurgelnd schlug das Wasser gegen die Eisenbahndämme; die Fußstege waren weggerissen, die Hütten am Ufer zerstört; tagelang sah man Bretter und Balken und Fetzen von Schindeldächern mit der Strömung hinuntertreiben. In der Fischergasse und am Schießanger in Fürth beleckte das Wasser die Häuser, füllte die Keller und schlug drohend an die Schwelle kleiner Krämereien oder an die Wohnungen der Goldschläger, deren Gehämmer sonst mit anziehender Taktmäßigkeit das ganze Viertel erfüllte.

Wie eine geheimnisvolle Berginsel sah der Vestnerwald mit seinem viereckigen Turm in das überschwemmte Land. Wenn man von dort aus gegen Zirndorf hinunterblickte, ragten nur ein paar Pappeln oder die Bäume einer Obstanpflanzung oder quer durcheinander geschichtete Hopfenstangen oder der Pfahl, worauf bei Schützenfesten der bemalte Adler befestigt wird, aus dem Wasser hervor, das gelbschimmernd dalag, ohne sonderliche Bewegung wie ein matter Spiegel. Das Dorf selbst war zum größten Teil verschont geblieben, weil es etwas höher lag. Kein Rauch stieg aus den Schloten der Ziegelei am Eingang der Hauptstraße. Die roten Dächer sahen ergeben in das helle Grau des Himmels, und die Krähen, die mit unruhigerem Flügelschlag als sonst auf- und abflogen, stießen schmerzlich-gellende Schreie aus.

Den Wirten im Dorf ging es schlecht bei diesen feuchten Zeiten, besonders Sürich Sperling, dem Sebalderwirt und Herrn Ambrunn, der die »gläserne Burg« besaß. Das Turnerfest war auf den nächsten Sommer verschoben worden und die Fürther Kirchweih stand vor der Tür, wo ohnehin wieder alles Geld in die Stadt wandern würde. Als der Burgwirt keinen andern Ausweg sah, schickte er bei den Juden herum und ließ sagen, daß er koscheres Fleisch zum Aushacken bringen werde. Der Bauer litt gleichfalls schwer unter der Wassersflut und mancher, dem bislang eine selige Talerfülle im Beutel geklappert, schlich nunmehr gebückt und finster ins Wirtshaus, um seinen Groll zu vergessen.

Zwischen Altenberg und Zirndorf wurde der Verkehr durch Boote vermittelt, und an einem Donnerstag fuhren zwei Kähne ungefähr gleichzeitig, der eine von Zirndorf, der andere von Altenberg ab und befanden sich einander in Sehweite, noch ehe jeder hundert Meter zurückgelegt hatte. Der Wind strich übers Wasser und warf lautlose Wellen auf. In kleinen Entfernungen erhoben sich die Chausseebäume aus der Flut, und das dünne Zweigwerk hing trauernd nieder und wurde vom Wasser bespült. Die Bäume zeichneten den Weg vor und die Boote näherten sich einander rasch; das von Zirndorf kommende, in dem Sürich Sperling, seine zwei Knechte, der Milchmeier von Altenberg, der Metzger Frühwald von Fürth und ein fremd aussehender junger Mann saßen, glitt schneller dahin als das andere. Sie waren sich auf zehn Schritte nahe gekommen, und Sürich Sperling schrie eine Warnung hinüber; doch es lag etwas Gehässiges in seiner Stimme, und es hatte den Anschein, als suchte er das kleinere Boot zu kentern. Die Bedrohten wichen furchtsam aus, aber Sürich Sperling, der das aus einer alten Kohlenschaufel verfertigte Steuer handhabte, richtete die Spitze des Kahns gegen die Breitseite des andern Fahrzeugs, und dieses stieß daher ziemlich heftig an einen Baumstamm. Gleichzeitig ertönte ein entsetzlicher Schrei aus fünf oder sechs Kehlen, und ein junger Mensch von etwa siebzehn Jahren stürzte kopfüber ins Wasser. »Laßt das Judenpack ersaufen,« sagte Sürich Sperling, und die zwei Knechte und Herr Frühwald begannen zu lachen, während sie hastig davonruderten. Selbst der schwarzbärtige junge Mann lächelte, offenbar nur um seinen Reisegefährten gefällig zu sein. Dann warf er stirnrunzelnd den Rest einer Zigarre ins Wasser und sah mit angestrengten Blicken nach der Stelle des Unfalls zurück. Etwas Düsteres und Drohendes glomm in seinen Augen, als er die Anstalten beobachtete, unter welchen die jüdischen Männer den Verunglückten aus dem Wasser zu ziehen suchten.

Dort herrschte große Ratlosigkeit, der Kahn wurde vom anschwellenden Wind und von einer leichten Strömung fortgetragen, und die Köpfe waren so verwirrt, daß der eine Ruderer das Fahrzeug dahin und der andere dorthin lenkte. Keiner konnte schwimmen. Wasser war ihnen das unfehlbar totbringende Element; und als Elkan Geyer in heller Angst um seinen Sohn den Rock von sich warf, um in die Flut zu springen, hielten ihn sechs Arme zurück, wobei das Boot fast zum Kippen gekommen wäre. Plötzlich stieß Bärman Schrot einen Freudenschrei aus. Agathon tauchte empor, erfaßte den weit überhängenden Ast eines Birnbaumes, dann schnellte er aus dem Wasser und kletterte mit erstaunlicher Behendigkeit ins Gezweig des Baumes. Als er oben saß, streckte er seinen Kopf wie aus einem Korbgeflecht heraus und sah spöttisch ins Boot. »Komm, Agathon!« rief Elkan Geyer mit der schüchternen Zärtlichkeit eines Schuldbewußten.

»Mag nicht!« schallte es kurz zurück.

»Aber komm doch!« bat Elkan erschrocken. Er kannte den wunderlichen Starrsinn seines Sohnes.

»Ich will nicht. Ich will nicht mehr in euer Boot.«

»Aber Agathon, deine Kleider sind naß, du wirst totkrank werden.«

»Gut, so will ich totkrank werden.«

»Hopp, mein Junge, hopp!« rief Isidor Rosenau entschlossen und befehlend.

»Ich will euch etwas sagen,« rief Agathon ernst. »Ich werde warten, bis Sürich Sperling zurückkommt und wenn es Nacht wird, und wenn es morgen wird. Ich will ihm sagen, daß er ein Hund ist, ich will ihm sagen, daß er es büßen muß. Ihr laßt euch ja alles gefallen. Wenn sie euch die Ohren abreißen, küßt ihr ihnen noch die Hand. Zu Hause könnt ihr dann schimpfen.«

»Aber Agathon, komm doch,« flehte Elkan Geyer. »Du kannst doch nicht droben sitzen bleiben bis in die Nacht, Gott behüte.«

»Ich bleibe sitzen,« beharrte Agathon und seine Augen funkelten.

»So eine Verrücktheit!« rief Isidor Rosenau entrüstet. Er packte sein Ruder und stieß den Kahn vom Baum. Elkan Geyer schlug jammernd die Hände zusammen und bat die Ruderer umzukehren, aber diese lachten ihn aus.

Der Kahn flog rasch gegen das Dorf und Elkan Geyer wartete ungeduldig auf die Landung, um allein wieder zurückfahren zu können. Den Kopf in die Hand gestützt, sah er verträumt hinaus gegen den Horizont, wo ein trübes Rot die Wolken zu säumen begann und sich auch im Wasser spiegelte mit einem seltsam schwanken Schein. Es war überhaupt etwas Verträumtes in Elkans Wesen; in seinem Blick lag flehende Hilflosigkeit; sein frühergrautes Haar war Zeuge davon, daß er alles zu Herzen nahm, woran andere nicht lange tragen. Ja, wenn es andere fortwarfen, hob es Elkan Geyer erst auf, und er wußte seine Angelegenheit immer von einer Seite anzugreifen, von wo sie mißlingen mußte.

Agathon fror auf seinem Baum erbärmlich. Aber er verzog keine Miene, wenn ihn auch schauderte in den nassen Kleidern; er machte ein Gesicht, als gelte es, sich vor den eigenen Leiden zu verstecken. Friedlich gluckste das Wasser; bei langem Hinlauschen war es, als plauderte es immer in demselben müden Tonfall mit hellen, wiederkommenden Lauten.

In diesem Augenblick hatte er eine wunderliche Erscheinung. Aus dem Wasser hob sich ein Körper, die Arme breit in die Luft gestreckt, das Gesicht sehnsüchtig nach oben gerichtet. Lautlos wuchs die Gestalt herauf und ihre Muskeln schwollen wie unter einer gewaltigen Anstrengung. Daneben zeigte sich ein kleines Männchen, spitz, winzig, mit einem gefälligen Grinsen auf den Zügen, in beständigen Verbeugungen begriffen, und es reichte der großen Gestalt die Hand. Aber als diese die Hand nahm, sank sie tief und tiefer ins Wasser, wich angstvoll zurück, strauchelte und verflüchtigte sich im Dunst, der in der Ferne über dem Wasserspiegel lag. Mit vorgestrecktem Hals starrte Agathon hin und atmete tief auf, da er nichts weiter sah als die glatte Fläche und kein Geräusch vernahm als das klagende Glucksen des Wassers.

Als es zu dämmern anfing, wurde ein Ruderschlag hörbar. Elkan Geyer kam. Agathon zögerte nicht mehr und ließ sich ins Boot hinab. Sie fuhren heim aus der stillen Fläche, über die es langsam hindunkelte, und sprachen kein Wort miteinander. Die Krähen flogen ums Boot, lautlos und geängstigt, und bisweilen war das Wasser von einer Schicht gelber Blätter bedeckt. Die Röte am westlichen Himmel glich einer schmalen Schleife und wurde zusehends trüber und einige Wolken lagerten dort, die sensenschwingenden Männern glichen. Am Kirchhof landeten die beiden, schritten die kotige Straße des Dorfes hinauf und traten in ein kleines, grüngestrichenes Haus, das dem Verfall keinen Widerstand mehr bot und in jeder Stunde zusammenzubrechen schien. Das Dach drückte schwer auf Giebel und Mauern, und die unregelmäßigen Fenster glichen schielenden Augen. Elkan Geyer schritt durch einen finstern Gang mit brüchigen Ziegelsteinfließen, an vielen Türen vorbei in die Kammer, wo Obstvorräte und Spezereien für den Kramladen aufgestapelt lagen. Eine sonderbare Mischung von Gerüchen herrschte: es roch nach frischen Äpfeln und alten Stoffen, nach schlechter Schokolade, nach eingemachten Früchten, nach Essig und Konserven, nach geräuchertem Fleisch und Kaffee. Dazu lag feiner Mehlstaub in der Luft, und dunkelgrünes Tuch war über große Kasten gebreitet.

Agathon war seinem Vater gefolgt, der den Kerzenstumpf anzündete und bekümmert in das dürftige Flämmchen schaute. Mit seiner müden Stimme begann er zu reden: daß ihm wohl sein Ältester das Leben leichter machen könne, als er es täte, und wie er, Agathon, sich eigentlich die Zukunft vorstelle? Daran läge jetzt alles, mehr als alles; es sei bitter ernst und er, Elkan, werde jetzt alt und es werde ihm schon schwer, das viele Schulgeld aufzubringen. Auch dürfe er sich nicht schlecht benehmen gegen Sürich Sperling, denn er, Elkan, sei tief verschuldet bei diesem Mann, so daß er sich keinen Rat mehr wisse. Niemand wolle helfen, auch nicht Enoch Pohl, der es doch wahrscheinlich vermöchte. Elkan Geyer sagte mehr, als er beabsichtigte; er sah endlich, wie Agathons Glieder zitterten, vielleicht nicht nur der nassen Kleider wegen. Schnell gebot er ihm, sich umzukleiden, aber er solle es so anstellen, daß die Mutter nichts merke.

Gedankenvoll ging Elkan hinaus in den kleinen Hof, der zwischen Haus und Gemüsegarten lag, und trotzdem es schon ziemlich dunkel war, traf er seinen Schwiegervater noch bei der Arbeit. Enoch Pohl war zweiundachtzig Jahre alt, aber er übte noch immer sein Handwerk als Seiler aus. Er wanderte noch täglich den langen Weg nach Fürth, doch zu keiner Zeit hatte er eine Nacht unter fremdem Dach geschlafen, niemals hatte er für länger als zehn Stunden das Dorf verlassen. Er kannte keine Sehnsucht als die nach dem Gold, und Gefühlen anderer Art war er verschlossen. Die Welt, in der er lebte, veraltete ihm nicht, und er dachte auch nicht an den Tod. Er war fromm, d. h. er ging allmorgendlich und allabendlich zum Gottesdienst, um das Gebetstuch, das er seit neunundsechzig Jahren um die Schultern legte, von neuem zu küssen und das halbzersetzte Buch mit den braungewordenen Blättern von neuem aufzuschlagen.

Einige Sterne zuckten unter schnellen Wolken auf. Die Luft war satt von Feuchtigkeit und hatte etwas Durchdringendes. Das Laub des wilden Weins war blutrot und leuchtete durch die Dunkelheit. Von der »gläsernen Burg« herüber schallte das Geschrei der Zecher, und einer sang mit simpler Geduld und in flennenden Tönen immerfort dieselbe Melodie: spinn' spinne Töchterlein. Die Abendglocken begannen zu läuten; bald klang es fern, bald klang es nah.

Enoch Pohl hatte eine kleine, verrostete und verbogene Laterne angezündet, holte eine Wanne herbei, die mit Schafsdärmen angefüllt war und bedeckte sie mit einem tellerartigen Holzsturz, den er zur Beendigung seines Tagewerks mit Fugen für die Henkel des Bottichs versehen hatte.

»Nun, Vater,« flüsterte Elkan Geyer und sah ängstlich auf die Hände des Alten, die mit braunen Flecken und langen Haaren bedeckt waren.

Enoch schwieg.

»Und wenns Jette erfährt?« murmelte Elkan. »Schließlich ist sie doch dein Kind.«

»Sie waaß ja nix,« erwiderte Enoch mürrisch.

»Sie wirds bald wissen. Sürich Sperling ist ein Halsabschneider.«

»Wärst nit leichtsinnig gewesen. Mer hätten keine Scheuer zu bauen gebraucht. Ich kann der nit helfen. Ich ha ka Geld.«

Elkan rang stumm die Hände. Dann sagte er: »Du hast so vielen das Messer an die Gurgel gesetzt, Vater. Und jetzt bist du erbarmungslos gegen die eigenen Kinder.«

Enoch richtete sich langsam auf und machte eine abwehrende Armbewegung. Gleich darauf ging er ins Haus. Die Laterne zitterte in seiner Hand und sein Schatten schwankte hinter ihm auf dem schwarzen Erdreich.

Im Wohnzimmer rauchten die Kartoffeln auf dem Tisch, und zwei Heringe lagen in gelber Brühe auf einer Schüssel, Die Kinder hatten blecherne Teller vor sich, die alt waren und unappetitlich aussahen. In der Ofennische brodelte der Kaffee und sein Geruch vermischte sich mit dem übergelaufener und verbrannter Milch. Der Raum war niedrig und schwül, und eine von Tagen aufgehäufte Unordnung herrschte. Die Möbel standen krumm und schief, die Dielen waren rissig, und durch die gardinenlosen Fenster schaute unbehindert die schwarze Nacht und wer sonst noch wollte herein. Dennoch zeugte alles von der Hand einer bemühten Hausfrau, die nur zu schwach war, ihren Bereich zu regieren. Sie beherrschte auch ihre Kinder nicht, das sah man schon an den Gesichtern der Kinder, die so unbekümmert dasaßen, als ob sie niemals zu gehorchen brauchten. Sie griffen gierig in die Schüsseln und wenn eines ein größeres Stück Hering erwischte, erhob das andere ein neidisches Zetergeschrei. Eine Katze schlich unter dem Tisch herum, rieb sich an den Stuhlbeinen und stieß bisweilen ein begehrliches Miauen aus, worauf die dicke Bauernmagd schadenfroh kicherte. »Wo ist denn Agathon?« fragte der Knabe, ein lockiger Pausback von fünf Jahren. Frau Jettes Mund verzog sich ärgerlich. »Red nicht, wenn dus Mund voll hast!« schrie sie. Wie alle Frauen, die von ihren Kindern tyrannisiert werden, suchte sie durch grundlose Heftigkeit ihre Schwäche zu bemänteln. Enoch Pohl kam mit müdtappenden Schritten herein, pustete sein Laternchen aus und stellte es in den Eckschrank, der zugleich als Waschbehälter diente, wusch sich die Hände und sprach das übliche Gebet. Niemand beachtete ihn. Da er den Tisch besetzt fand, ließ er sich in die Ecke des Ledersofas fallen, seufzte und sah mit glanzlosen Augen in das Ofenloch, aus dem der purpurne Feuerschein zitterte. »Warum singt denn der Mann immer, Großpapa?« fragte der Pausbäckige. Enoch murrte und schüttelte den Kopf. »Was singt er denn, Großpapa?« – »Sei still!« schrie Frau Jette wieder und klopfte mit der Faust auf den Tisch, daß alles klapperte. »Spinn', spinne Töchterlein, singt er,« flüsterte dem Pausbäckigen schüchtern die ältere Schwester Mirjam zu, ein Kind von großer Schönheit. Plötzlich sprang Enoch auf, ergriff mit einem Satz das Kätzchen bei seinem aufgerichteten Schwanz, öffnete die Tür und warf das quietschende Geschöpf an die gegenüberliegende Flurwand. Da trat Elkan Geyer auf die Schwelle und warf dem Alten einen schmerzlichen Blick zu.

Eine Fensterscheibe klirrte leise. Aller Blicke wandten sich hin. Mirjam stieß einen Schrei aus, Frau Jette blieb der Bissen im Mund stecken. »Sürich Sperling,« murmelte Enoch. In der Tat war es das rote Gesicht des Wirts, das zu einer breiten Fratze verzerrt, augenlos und mit plattgedrückter Nase hereinstierte. Elkan Geyer wurde totenbleich und machte einen Schritt gegen das Fenster, doch da war Sürich Sperling schon wieder verschwunden. Mirjam lief dem Vater in die Arme, der das Kind aufhob und es küßte. Enoch rückte sich in seinem Sofawinkel zurecht, um geduldig zu warten, bis am Tisch ein Platz für ihn frei würde.

»Wo ist Agathon?« fragte jetzt auch Frau Jette und blickte ihren Mann forschend an. Elkan Geyer sah sich erstaunt um, stellte das Kind auf die Erde, und ein Schatten von Besorgnis ging über seine Stirn. Er öffnete die Tür und rief Agathons Namen in den Flur; keine Antwort. Frau Jette wollte hinausgehen, aber Elkan hielt sie zurück, schlug die Tür zu und setzte sich an den Tisch, um zu essen.

Er machte ein verdrießliches Gesicht, als vor dem Haus Lärm ertönte und gleich darauf die Rosenaus Mädchen hereinstürmten, die sich stets aus irgend einem Grunde atemlos und erhitzt gebärdeten. Ihnen folgte ihr Bruder Isidor: würdig, ernst, gemessen. Er trug einen steifen englischen Hut, Krawatten nach der neuesten Mode, umgestülpte Hosen und hellgelbe kotbedeckte Schuhe. Seine Finger waren mit Ringen bedeckt und seine Uhrkette war schwer von goldenem Behängsel. Er hatte etwas Impertinentes in seinem Wesen wie ein Mensch, dem nichts in der Welt mehr neu ist; er ging in der Stadt am liebsten dorthin, wo man ihn nicht kannte, und nichts beglückte ihn mehr, als wenn man ihn für einen Christen hielt. Klara Rosenau berichtete hastig die neueste Neuigkeit: ein junger Mann wohne seit gestern im Dorf mit der Absicht, über den Kauf der Ziegelei zu verhandeln. Er sei sehr schön und heiße Stefan Gudstikker, doch niemand wisse, was es sonst für eine Bewandtnis mit ihm habe. Bei der Nennung des Namens begann Frau Jette zu zittern, lehnte sich kraftlos zurück und schloß die Augen.

Elkan Geyer und Isidor standen beim Ofen und flüsterten miteinander. Der schwächliche und furchtsame Elkan schien von wilder Beredsamkeit ergriffen, aber Isidor zuckte fortwährend die Achseln, und sein Gesicht wurde grausam und kalt.

»Und wenn er mir das Haus wegnimmt und das letzte Stück Brot, was soll ich tun?« jammerte Elkan, »wer wird helfen?«

Isidor nickte mit schaler Teilnahme und klimperte mit den Talern in seiner Tasche. Und Elkan Geyer fuhr fort: »Der Sürich ist nicht wie Gläubiger sonst, das muß man nicht glauben. Es ist ein eigner Geist in ihm. Er kommt herein und in seinen Augen funkelts vor Haß. Er kommt herein, streckt seinen Hals, lacht, knipst mit den Fingern, er ist unheimlich, jawohl, aber er hat etwas Edles an sich wie ein Löwe. Man müßte einmal von Herzen mit ihm sprechen, vielleicht will er gar nicht das Böse.«

Die Frauen und die Kinder unterhielten sich abseits. Nur Enoch blickte starr auf die beiden Männer und sein gelbes Gesicht mit dem struppigen Bartrand schien versteinert. Er grämte sich, daß man ihm nichts zu essen gab und weil alle seiner vergaßen wie eines abgebrauchten Hausrats. »Sie lauern auf meinen Tod,« dachte er, »aber ich werde noch lange nicht sterben.« Das Kätzchen miaute vor der Tür. Er hörte es nicht; in dunklen Bildern stieg Vergangenes herauf und mischte sich mit Bildern der Gegenwart.

»Ach ja, euern Agathon hab ich gesehen!« rief plötzlich Helene Rosenau. Und sie schilderte nun einen sonderbaren Auftritt, dessen Zeugin sie gewesen und der die Zuhörer mit stummer Erregung erfüllte. Da sie merkte, daß das Vorgefallene am Ende wichtiger war als sie geahnt, suchte sie durch theatralisches Gebaren ihr langes Schweigen vergessen zu machen.

Sürich Sperling war vor seinem Haus am Kirchenplatz gestanden und sein Gesicht war gerötet vom Feuer der Schmiede gegenüber. Da ging Lämelchen Erdmann, ein kleines altes Jüdchen vorüber und sein Köpfchen wackelte betrübt hin und her. Sürich Sperling rief, es solle zu ihm kommen. Und als Lämelchen sich furchtsam aus dem Staube machen wollte, ging Sürich hin und zog es bei den Ohren zu seiner Treppe. Er stierte dem Kleinen lange in die Augen, und sein Mund begann zu lächeln. »Hin ist hin,« sagte er und machte mit dem Arm eine unbestimmte weite Gebärde. »Ich bin ein Mann, mit dem's die Welt verdorben hat. Wenn ich einen Juden seh', kocht mein Blut. Ich kann die Juden riechen, wie der Hund das Wild. Schmied komm mal rüber, leg' den Kerl da unter deinen Amboß.« Der Schmied trat ins Freie und nickte Sürich freundlich zu, der den Kopf des Lämelchen niederzog, daß das Männchen zu schreien anfing. Plötzlich trat Agathon Geyer aus dem Schatten des Brunnens, stürzte auf den Wirt zu und spie ihm ins Gesicht. Sürich Sperling ließ sein Opfer los, packte Agathon, nahm ihn wie ein Paket und verschwand mit ihm im Haus. Der Schmied lachte, die Mägde am Brunnen lachten; alle fanden den Sebalderwirt höchst spaßhaft.

Und war er denn nicht ein prächtiges Menschen-Exemplar? »Er ist ein Germane, das Urbild des Germanen,« sagte Professor Brünotte in Fürth, der Philologe. Sürich Sperling haßte die Juden unbeschreiblich; jede Gebärde, jede Stimme, jede Handlung eines Juden regte ihn auf wie Wein. Es war unerhört und wunderlich; keines Mengen Erfahrung wies einen ähnlichen Fall auf. Er war ein Tier: wild, stolz, unbezähmbar, keinem Vernunftgrund der Welt zugänglich. Niemals hatte er vor einem Herrn den Nacken gebeugt; nie war er wie andere junge Leute seiner Abkunft Knecht gewesen. Es gab Leute, die sich fürchteten, wenn jemand von der Regierung ins Dorf kam; sie fürchteten ein Unglück für den Regierungsmann und für den Wirt. Denn Sürich Sperling verachtete den Adel, verachtete das Gesetz, verachtete den Pfaffen und verachtete die Obrigkeit. Er war ein Sohn der großen Natur rings umher, der großen Ebene, die sich riesenleibig dehnt. Doch war sein Gemüt kindlich, und er war leicht zu lenken. Oft war er rätselhaft in seinem Wesen, schrie und tobte und war innerlich traurig. Sein Vater soll ein Riese gewesen sein, und von seiner Mutter erzählte man sich seltsame Dinge wie von einer Messalina. Sürich Sperling paßte nicht in das enge Dorf. »Das Urbild des Germanen« fand hier kein Bett, worin es bequem ruhen konnte.


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