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Der Johannissegen

            Am Sankt Johannisabend
Ging sonst im Heiligtum,
Die Christgemeinde labend,
Der Kelch des Jüngers um;
Im stillen Abendgrauen
Ging um der Feuersaft,
Der Schönheit gab den Frauen,
Den Männern Mut und Kraft.

Kaum beugten sich, zu nippen,
Die Frauen nach dem Wein,
So brannt' auf ihren Lippen
Ein morgenroter Schein,
Auf ihren Wangen blühte
Der Maienrose Glanz.
Kein Licht am Altar glühte,
Doch schwand die Dämmrung ganz;

Der Männer Auge flammte
Von kühner Thatenlust,
Der Stolz, der angestammte,
Hob mächt'ger Haupt und Brust;
Für ihres Landes Ehre
Ward manch Gelübd' gethan,
Da hob die blanke Wehre
Sich funkelnd himmelan.

Viel Altes ist versunken,
Viel Neues wuchs herein,
Und längst nicht mehr getrunken
Wird der Johanniswein;
Auf Frauenwangen brennet
Noch stets sein rosig Blut,
Ihr, deutsche Männer, kennet
Auch ihr noch seine Glut?


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