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9. Karl Marx und Friedrich Engels in ihrer späteren außenpolitischen Auffassung

Wir kehren zu der Frage der eigenen Geschichte der sozialdemokratischen Auslandspolitik zurück – um in ihr eine Antwort auf die Frage, die sich jetzt aufdrängt, zu suchen. Kann sich die Sozialdemokratie, ohne ihre wirklich zentralen Prinzips und Bestrebungen aufzugeben, eine gewisse Art Nationalismus und Imperialismus einverleiben?

Ich sage »eine gewisse Art«, denn darin hat Marx in seinem »Manifest« ohne Zweifel recht, daß der Arbeiter, wenn er »national« ist, dies nicht genau » im Sinne der Bourgeoisie« zu sein braucht. Und mit dem Imperialismus ist es ebenso.

Nach Marx ist der Sozialismus an sich selbst eine Art Imperialismus – ein friedliches, föderalistisches Weltreich der wirtschaftlich und politisch einigen, gemeinsam organisierten Arbeiterklassen; einer der gewaltigsten, wenn auch unklarsten Staatsgedanken, der jemals in die Kampfarena der praktischen Politik hineingeworfen worden ist.

Noch eine Frage ist die: kann die Sozialdemokratie um jeden Preis, unter allen Umständen pazifistisch sein? Wenn nicht – wo und wann wird der Krieg als Notwendigkeit und Pflicht hingenommen? Und entstehen nicht innere Berührungspunkte zwischen der Sozialdemokratie und – – – dem Militarismus!?

Allerdings nicht mit einem Militarismus » im Sinne der Bourgeoisie«. Anstatt dessen aber eine Wechselwirkung zwischen straffem militärischem Organisations- und Autoritätsgeiste und dem straffsten wirtschaftlich-sozialen Organisations- und Autoritätsgeiste, der je existiert hat – nämlich mit dem, welchen das Proletariat, wie es heißt, unumgänglich haben muß, wenn es »die politische Macht« soll »erobern« und dann ausüben, sowie die neue »sozialistische Gesellschaftsordnung« soll gestalten und stabilisieren können. Mit schönen Redensarten soll dergleichen nicht gelingen. Sondern dazu dürfte etwas erforderlich sein, das proletarisch, d. h. in diesem Falle organisatorisch, jenem Blut und Eisen entspricht, womit die Bourgeoisie als Gesellschaftserbauerin so fleißig operiert hat, bekanntlich nicht zum wenigsten in dem demokratischen Musterlande Frankreich – obgleich man sich dort, in charakteristischer Engsichtigkeit und Selbstzufriedenheit, bei Erwähnung des schrecklichen Namens Bismarck fromm bekreuzt.

Es gilt nun, zunächst festzustellen, wie Marx und sein auf diesem Gebiete von ihm besonders hochgeschätzter Freund Friedrich Engels sich nach 1848, dem Jahre des »Manifestes«, zu den größten außenpolitischen Problemen stellten, die sie selbst als Zeitgenossen unmittelbar beobachten und diskutieren konnten. Der Mangel an Raum verbietet mir, hierbei weiter in der Zeit zurückzugehen als bis zur Krisis des Jahres 1870, wie sie in dem Briefwechsel zwischen Marx und Engels Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844-1883: Herausgegeben von A. Bebel und Ed. Bernstein. Band I – IV, Stuttgart 1913. besonders beleuchtet ist. Ich verweile gerade bei diesem Briefwechsel, weil er uns unmittelbar in medias res führt.

Der Briefwechsel ist in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts außerordentlich lebhaft gewesen – er umfaßt 76 Nummern – und dreht sich während der zweiten Hälfte des Jahres natürlich hauptsächlich um den Krieg zwischen Deutschland und Frankreich. Am 15. August 1870, also elf Tage nach Wörth und drei Tage vor Gravelotte, sendet der in Manchester wohnende Engels an seinen in London ansässigen, zurzeit aber in Ramsgate weilenden Freund Marx einen Brief, der folgende sehr merkwürdige Zusammenfassung der Ansicht eines marxistischen Sozialdemokraten über den Krieg und die allgemeine politische Lage enthält Op. cit., Band IV. Seite 319-320..

»Mir scheint der Kasus so zu liegen: Deutschland ist durch Badinguet Spitzname Napoleons des Dritten. in einen Krieg um seine nationale Existenz hineingeritten. Unterliegt es gegen Badinguet, so ist der Bonapartismus auf Jahre gefestigt und Deutschland auf Jahre, vielleicht auf Generationen, kaputt. Von einer selbständigen deutschen Arbeiterbewegung ist dann auch keine Rede mehr, der Kampf um Herstellung der nationalen Existenz absorbiert dann alles, und bestenfalls geraten die deutschen Arbeiter ins Schlepptau der französischen. Siegt Deutschland, so ist der französische Bonapartismus jedenfalls kaputt, der ewige Krakeel wegen Herstellung der deutschen Einheit endlich beseitigt, die deutschen Arbeiter können sich auf ganz anderem, nationalem Maßstab als bisher organisieren, und die französischen, was auch für eine Regierung dort folgen mag, werden sicher ein freieres Feld haben als unter dem Bonapartismus. Die ganze Masse des deutschen Volkes aller Klassen hat eingesehen, daß es sich eben um die nationale Existenz in erster Linie handelt, und ist darum sofort eingesprungen. Daß eine deutsche politische Partei unter diesen Umständen à la Wilhelm Hiermit ist der Sozialdemokrat Wilhelm Liebknecht gemeint, dessen kopfloses, phrasenradikales Auftreten gegen die deutschen Staatsmänner 1870-71 von seinem Sohne Dr. Karl Liebknecht während des Weltkrieges 1914-16 mit noch größeren Übertreibungen nachgeahmt worden ist. die totale Obstruktion predigen und allerhand Nebenrücksichten über die Hauptrücksicht setzen (kann), scheint mir unmöglich.

Dazu kommt, daß der Badinguet diesen Krieg nicht hätte führen können ohne den Chauvinismus der Masse der französischen Bevölkerung, der Bourgeois, Kleinbürger, Bauern und des von Bonaparte in den großen Städten geschaffenen, aus den Bauern hervorgegangenen Bauernproletariats. Solange dieser Chauvinismus nicht auf den Kopf gehauen, und das gehörig, ist Friede zwischen Deutschland und Frankreich unmöglich. Man konnte erwarten, daß eine proletarische Revolution diese Arbeit übernehmen würde; seitdem aber der Krieg da ist, bleibt den Deutschen nichts übrig, als dies selbst und sofort zu tun.

Daß – und jetzt kommen die Nebenrücksichten – dieser Krieg von Lehmann Spitzname des Königs von Preußen und späteren Deutschen Kaisers., Bismarck und Co. kommandiert wird und ihnen zur augenblicklichen Glorie dienen muß, falls sie ihn glücklich durchführen, das verdanken wir der Misere der deutschen Bourgeoisie. Es ist allerdings sehr eklich, aber nicht zu ändern. Darum aber den Antibismarckismus zum allein leitenden Prinzip erheben, wäre absurd. Erstens tut Bismarck jetzt, wie 1866, ein Stück von unserer Arbeit, in seiner Weise und ohne es zu wollen, aber er tut's doch. Er schafft uns reineren Bord als vorher. Und dann sind wir nicht mehr anno 1815. Die Süddeutschen treten jetzt notwendig in den Reichstag ein, und damit erwächst dem Preußentum ein Gegengewicht. Dazu die nationalen Pflichten, die ihnen zufallen und die, wie du schon schriebst, die russische Allianz von vornherein verbieten, überhaupt à la Liebknecht, die ganze Geschichte seit 1866 rückgängig machen zu wollen, weil sie ihnen nicht gefällt, ist Blödsinn. Aber wir kennen ja unsere Mustersüddeutschen.

Ich meine die Leute Engels meint seine Parteigenossen. können:

1. sich der nationalen Bewegung anschließen – wie stark sie ist, siehst du aus Kugelmanns Brief – soweit und solange sie sich auf Verteidigung Deutschlands beschränkt (was die Offensive bis zum Frieden unter Umständen nicht ausschließt),

2. den Unterschied zwischen den deutsch-nationalen Interessen und den dynastisch-preußischen dabei betonen,

3. jeder Annexion von Elsaß und Lothringen entgegenwirken – Bismarck läßt die Absicht durchblicken, diese an Bayern und Baden zu annektieren –

4. sobald in Paris eine republikanische, nicht chauvinistische Regierung am Ruder ist, auf ehrenvollen Frieden mit ihr hinwirken,

5. die Einheit der Interessen der deutschen und französischen Arbeiter, die den Krieg nicht gebilligt und die sich auch nicht bekriegen, fortwährend hervorheben,

6. Rußland wie in der internationalen Adresse.

Amüsant ist bei Wilhelm Wilhelm Liebknecht! die Behauptung, weil Bismarck ein ehemaliger Spießgeselle des Badinguet Napoleon III., sei der wahre Standpunkt, sich neutral zu halten. Wenn das die allgemeine Meinung in Deutschland wäre, hätten wir bald wieder einen Rheinbund, und der edle Wilhelm Wilhelm Liebknecht! sollte mal sehen, was er in dem für eine Rolle spielte und wo die Arbeiterbewegung bliebe. Ein Volk, das immer nur Hiebe bekommt und Tritte, ist allerdings das wahre, um eine soziale Revolution zu machen, und dazu in Wilhelms Wilhelm Liebknecht! geliebten Kleinstaaten!

Wilhelm Wilhelm Liebknecht! hat offenbar auf Sieg des Bonaparte gerechnet, bloß damit sein Bismarck dabei draufgehe. Du erinnerst dich, wie er ihm immer mit den Franzosen drohte. Du bist natürlich auf Wilhelms Wilhelm Liebknecht! Seite« Daß diese Worte ironisch gemeint sind, beweist Marxens folgender Brief. – – –

 

Diesen Brief beantwortet Karl Marx am 17. August 1870 folgendermaßen.

– – – – »Dein Brief stimmt ganz mit dem Plan der Antwort überein, die ich mir im Kopf bereits zurechtgemacht. Indes wollte ich in einer so wichtigen Sache – es handelt sich dabei um Verhaltungsinstruktion für die deutschen Arbeiter – nicht vorgehen ohne vorherige Rücksprache mit Dir.

Liebknecht schließt seine Übereinstimmung mit mir

1. aus der Adresse der Internationale;

2. aus dem Umstand, daß ich seine und Bebels Erklärung im Reichstag gebilligt habe.

Das war ein ›Moment‹, wo die Prinzipienreiterei un acte de courage war, woraus aber keineswegs folgt, daß dieser Moment fortdauert, und noch viel weniger, daß die Stellung des deutschen Proletariats in einem Krieg, der national ist, sich in Wilhelms Op. cit. IV, S. 322-323. Antipathie gegen die Preußen zusammenfaßt. Es wäre gerade so, als wenn wir, weil wir im passenden Moment unsere Stimme gegen die ›bonapartistische‹ Befreiung Italiens erhoben, die relative Unabhängigkeit, die Italien infolge dieses Krieges erhalten hat, redressieren wollten.

Das Elsaß-Lothringen-Gelüst scheint in zwei Kreisen vorzuherrschen, in der preußischen Kamarilla und im süddeutschen Bierpatriotismus. Es wäre das größte Unglück, welches Europa und ganz spezifisch Deutschland treffen könnte. Du wirst gesehen haben, daß die meisten russischen Blätter bereits von der Notwendigkeit europäisch-diplomatischer Intervention sprechen, um das europäische Gleichgewicht zu erhalten.

Kugelmann verwechselt einen defensiven Krieg mit defensiven militärischen Operationen. Also wenn ein Kerl mich auf der Straße überfällt, so darf ich nur seine Hiebe parieren, aber nicht ihn knock down, weil ich mich damit in einen Angreifer verwandeln würde! Der want an Dialektik guckt an allen diesen Leuten aus jedem Worte heraus – – – – – –« Op. cit. IV. S. 327..

 

Die sich aus diesen Briefen ergebenden auffallenden Übereinstimmungen zwischen gewissen Situationen und Auffassungen während des Krieges 1870-71 und während des Weltkrieges 1914-16 werden sicherlich manch einen überraschen.

Die entscheidende nationale und staatliche Bedeutung des deutsch-französischen Krieges für Deutschland wird darin betont, und desgleichen die Unmöglichkeit einer modernen Arbeiterbewegung in Deutschland, solange das nationalstaatliche Problem nicht gelöst sein werde – d. h. solange, wie die Hauptmasse des deutschen Volkes nicht ihr wirtschaftliches und politisches Leben in einem starken, nationaldeutschen Ganzstaate, der dem französischen, englischen und russischen ebenbürtig sei, führen und darin ihre wirtschaftliche und politische Entwicklung fortsetzen könne. Unter anderen Umständen wäre an »eine selbständige deutsche Arbeiterbewegung« nicht zu denken. Und es liegt Engels nicht zum wenigsten am Herzen, daß die deutschen Arbeiter nicht »ins Schlepptau« der französischen geraten. Die beiden deutschen Gründer der Internationale wußten, daß ihre Schöpfung, falls sie lebensfähig bleiben sollte, die eigentümlichen geistigen Kräfte, die ihr einzig und allein eine starke deutsche Arbeiterbewegung zuführen konnte, nicht zu entbehren vermöchte.

Demnächst ist es auffallend, welche eigentümliche Rolle der Name Liebknecht in diesen Briefen spielt – eine Rolle, die wir aus dem Auftreten seines Sohnes fünfundvierzig Jahre später unter ähnlichen Verhältnissen nur zu gut kennen. Wilhelm Liebknecht will »totale Obstruktion« treiben und »allerhand Nebenrücksichten über die Hauptrücksicht setzen«. Ihm ist das rein Negative, der Haß gegen Preußen und Bismarck, wichtiger als das Positive: die Errichtung des Deutschen Reiches. Die demokratische »Prinzipienreiterei« ist ihm wichtiger als die praktischen politischen Realitäten, die doch, nach Engels Worten, deutlich erkennbar einschlossen, daß Bismarck unbewußt für die deutsche Sozialdemokratie arbeitete, wie sehr er sie auch bewußt bekämpfte. Hierin stehen die Realpolitiker Marx und Engels im schärfsten Gegensatze zu dem doktrinären, des tieferen Verständnisses für die betreffenden Erscheinungen gänzlich ermangelnden Phrasenpolitikers Wilhelm Liebknecht – welcher in dieser Hinsicht offenbar der würdige Vater des Dr. Karl Liebknecht ist, der sich im Weltkriege einen herostratischen Namen gemacht hat.

Auf dieselbe Weise, wie dieser letztere als ein marxistischer Sozialdemokrat besonders »radikaler Richtung« zu gelten sucht, wollte sich augenscheinlich auch sein Vater Wilhelm Liebknecht Marxens Mantel umhängen, um dadurch die Autorität seiner wirrigen Ideen innerhalb der Arbeiterbewegung zu verstärken. Doch Marx selbst weist ihn, wie wir sehen, entschieden ab. Zur größeren Gewißheit läßt sich noch ein Dokument dieser, dank dem Dr. Karl Liebknecht noch höchst aktuellen Angelegenheit anführen.

In einem Briefe vom 2. September Op. cit. IV. S. 327. 1870 schreibt Marx unter anderem folgendes über sein Verhältnis zu Wilhelm Liebknecht. »– – – – In meinem ausführlichen Antwortschreiben an das Braunschweiger Komitee habe ich die schöne ›Identität‹ mit mir, worin unser Wilhelm sich, sobald es seinen Zwecken dient, anderen vorstellt, ein für allemal beseitigt. Es ist gut, daß er mir die Gelegenheit gab, mich einmal offiziell über dies von ihm unterhaltene malentendu zu erklären.« – – –

 

Ein zweiter merkwürdiger, noch außerordentlich aktueller Zug in den angeführten Briefen ist Engels Hervorheben des französischen Chauvinismus, seiner eigentümlichen Charakterart und seiner Verbreitung ziemlich tief drunten in den Schichten der Gesellschaft. »Solange dieser Chauvinismus nicht auf den Kopf gehauen, und das gehörig, ist Friede zwischen Deutschland und Frankreich unmöglich.« Auch dieser Zug kann mit noch zwei weiteren Dokumenten in geeigneter Weise beleuchtet werden.

In einem vom 4. September 1870 datierten Briefe schreibt Engels unter anderem folgendes Op. cit. IV, S. 329-330.. »– – – – Man bekommt bei diesen ewigen kleinen Paniks der Franzosen – die alle aus Angst vor dem Moment hervorgehen, in dem man endlich die Wahrheit erfahren muß – eine viel bessere Idee von der Schreckensherrschaft. Wir verstehen darunter die Herrschaft von Leuten, die Schrecken einflößen; umgekehrt, es ist die Herrschaft von Leuten, die selbst erschrocken sind. La terreur, das sind großenteils nutzlose Grausamkeiten, begangen von Leuten, die selbst Angst haben, zu ihrer Selbstberuhigung. Ich bin überzeugt, daß die Schule der Schreckensherrschaft Während der großen französischen Revolution. anno 1793 fast ausschließlich auf den überängsteten, sich als Patrioten gebarenden Bourgeois, auf den kleinen Spießbürger und auf den bei der terreur sein Geschäft machenden Lumpenmob fällt. Bei der jetzigen kleinen terreur sind es auch gerade diese Klassen – – –.«

Dann lesen wir noch in einem Briefe, den Engels am 7. September 1870 geschrieben:

»– – – – Wenn die Pariser internationale Proklamation einigermaßen getreu hertelegraphiert (ist), so beweist sie allerdings, daß die Leute noch vollständig unter der Herrschaft der Phrase stehen. Diese Menschen, die den Badinguet Napoleon III. zwanzig Jahre geduldet, die noch vor sechs Monaten nicht verhindern konnten, daß er 6 Millionen Stimmen gegen 1½ (Millionen) erhielt und daß er sie ohne Grund und Vorwand auf Deutschland hetzte, diese Leute verlangen jetzt, weil die deutschen Siege ihnen eine Republik – et laquelle! – geschenkt haben, die Deutschen sollen sofort den heiligen Boden Frankreichs verlassen, sonst guerre à outrance! Es ist ganz die alte Einbildung von der Überlegenheit Frankreichs, von dem durch 1793 geheiligten Boden, den keine späteren französischen Schweinereien entheiligen können, von der Heiligkeit der Phrase Republik – – – –« Op. cit. IV. S. 331..

Aber das Eigentümliche und Verhängnisvolle ist, daß der französischen Phrase – noch heute – durchaus nicht in Frankreich allein als einem Zuge des französischen Patriotismus, sondern auch außerhalb Frankreichs als einem Zuge eines internationalen, »radikalen« politischen Glaubensbekenntnisses gehuldigt wird. Und keineswegs steht es so gut, wie Engels und Marx, im großen und ganzen wenigstens, zu glauben scheinen, daß das Proletariat und seine Führer gegen Ansteckung gefeit sind. Beweise dieser Behauptung werden gegenwärtig außerordentlich reichlich geliefert – z. B. von den ententefreundlichen Richtungen innerhalb der sozialdemokratischen Partei der neutralen Länder.

 

Diese Sozialdemokraten können überdies sowohl von Engels wie von Marx etwas über den Unterschied zwischen einem Angriffskriege und einer strategischen Offensive in einem Verteidigungskriege lernen. Marx bedient sich eines sehr milden Ausdruckes, wenn er von dem »Mangel dieser Leute an Logik« spricht, und Engels betont ausdrücklich – was gewöhnlichem Menschenverstande als selbstverständlich gilt – daß die Aufgabe, ein angegriffenes Land zu verteidigen, »die Offensive unter Umständen bis zum Frieden« nicht ausschließe. Was der Angegriffene braucht, ist ein Friede, der ihn vor neuen Angriffen schützt. Die Besetzung des Gebietes seines Gegners, ganz oder teilweise, kann das einzige Mittel sein, einen solchen Frieden zu erzwingen – der darum noch nicht zur Annexion dessen, was während des Krieges besetzt worden ist, zu führen braucht. Wenn man unter solchen Verhältnissen, wie die Franzosen 1870 getan und jetzt während des Weltkrieges tun, das Aufheben der Besetzung als Bedingung stellt, damit überhaupt von Friedensunterhandlungen die Rede sein könne, so ist dies natürlich bloß eine eigentümliche Art und Weise, rund heraus zu erklären, daß man von Frieden erst dann sprechen wolle, wenn man Aussicht habe, als Sieger die Friedensbedingungen diktieren zu können.

Den Umstand, daß die Besetzung Elsaß-Lothringens (nebst vielen anderen Teilen, die vor dem Ausbruche des Krieges im Jahre 1870 zum Reichsgebiete Frankreichs gehörten) schließlich zur Annexion führte, sah Marx als »das größte Unglück, welches Europa und ganz spezifisch Deutschland treffen könnte«, an, und Engels scheint diese Ansicht in der Hauptsache geteilt zu haben. Marx und Engels erblicken hierin eine zukünftige Gefahr des europäischen Friedens, und zwar zunächst in Gestalt eines gegen Deutschland gerichteten Bündnisses zwischen Frankreich und Rußland. Leider haben sie sich hinsichtlich der französisch-russischen Allianz und ihrer schließlichen Wirkungen als wahre Propheten erwiesen.

Ob dies die Richtigkeit ihrer Theorie und der ihrer zahlreichen Gesinnungsgenossen über die Annexion Elsaß-Lothringens als Grundursache des Krieges, zu welchem es schließlich zwischen Frankreich und Deutschland kommen würde, zu beweisen vermag, ist eine ganz andere Sache. Dieser Krieg ist jetzt gekommen – aber seine Ursachen lassen sich durchaus nicht so engbegrenzt konstruieren, wie diese Theorie es mit sich bringt.

Bismarck hatte 1871 völlig klar erkannt, daß der französische Chauvinismus ein besiegtes Frankreich zu Deutschlands unversöhnlichem, rachsüchtigem Feinde machen werde, ganz unabhängig von der Annexion gewisser Landesteile – die überdies weder ursprünglich französisch, noch ganz französiert waren und die sich Frankreich auch nicht auf besonders saubere Weise angeeignet hatte. Ich glaube, daß der Völkerpsychologe und Historiker wohl daran tut, diese Auffassung des großen Baumeisters des deutschen Reiches zu beachten und gründlich zu erwägen. Was nach 1871 in der französischen Politik gegärt hat, das ist etwas viel Bittereres, als der Kummer um die verlorenen Grenzprovinzen, nämlich der Gram darüber, daß Frankreich seine Übermachtstellung gegen den östlichen Nachbarn eingebüßt hat. Davon zeugen, wie wir sehen werden, die französischen Dokumente aus dem Weltkriege mit aller möglichen Deutlichkeit.


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