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Vierzehntes Kapitel.
Die Reise.

Noch seh' ich, schönes Frankreich, dich, begünstigt
Von Kunst und von Natur – Noch liegst du vor mir;
Auch deine Söhne, denen Arbeit Spiel ist,
So reich vergolten vom dankbaren Boden;
Die sonngebrannten Töchter, heitren Auges,
Mit Rabenlocken. Doch, beglücktes Frankreich,
Du hattest manche Trauermähr zu sagen,
In alter Zeit, wie jetzt.

Ungenannter.

Alle Unterhaltung mit einem Jeden vermeidend, (denn so lautete sein Befehl,) eilte Quentin Durward, sich mit einem starken aber einfachen Harnisch, mit Arm- und Beinschienen, zu versehen, und das Haupt bedeckte er mit einem guten Helm ohne Visir. Dazu kam ein schöner Leibrock von Gemsleder, der fein gearbeitet und an den Säumen mit Stickerei geziert war, so wie er einem obern Beamten in einem vornehmen Haushalt etwa ziemen mochte.

Dies hatte Oliver in sein Zimmer gebracht, der, mit seinem ruhigen, einschmeichelnden Lächeln und Benehmen ihn benachrichtigte, sein Oheim sei auf Wache gerufen worden, vermuthlich damit er über diese geheimnißvollen Anstalten nicht Nachforschung anstellen möchte.

»Ihr werdet bei Eurem Verwandten entschuldigt werden,« sagte Oliver, wieder lächelnd; »und, mein liebster Sohn, wenn Ihr wohlbehalten nach Ausführung dieses schönen vertrauensvollen Auftrags zurückkehrt, so werdet Ihr sicherlich einer solchen Beförderung würdig befunden werden, die Euch der Pflicht überhebt, irgend Jemand Rechenschaft von Euren Bewegungen zu geben, indem sie Euch an die Spitze derjenigen stellt, die Euch Rechenschaft von den ihren ablegen müssen.«

So sprach Oliver der Teufel, während er bei sich selber wahrscheinlich berechnete, daß das Schicksal des armen Jünglings, dem er beim Sprechen so herzlich die Hand drückte, bei dem übertragenen Geschäfte nothwendig Tod oder Gefangenschaft sein müßte. Seinen schönen Worten fügte er eine kleine Goldbörse bei, um nothwendige Ausgaben auf der Reise zu bestreiten, und zugleich als ein Zeichen des Wohlwollens von Seiten des Königs.

Wenige Minuten vor Mitternacht begab sich Quentin, seiner Weisung gemäß, in den zweiten Schloßhof, und harrte unter dem Dauphinsthurme, der, wie der Leser weiß, den Gräfinnen von Croye als einstweiliger Aufenthalt angewiesen war. Auf diesem Versammlungsplatze fand er die Männer und Pferde, die das Gefolge bilden sollten, zwei, bereits mit Gepäck beladene, Maulthiere führend, und drei Zelter für die beiden Gräfinnen und eine treue Dienerin bereit haltend, nebst einem stattlichen Streitroß für ihn selbst, dessen stahlbeschlagener Sattel im bleichen Mondlicht glänzte. Kein Wort der Anerkennung ward von beiden Seiten gewechselt. Die Männer saßen wie regungslos in ihren Sätteln; und bei demselben matten Mondschein sah Quentin mit Vergnügen, daß sie alle bewaffnet waren und lange Lanzen in den Händen trugen. Es waren ihrer nur drei; einer von ihnen aber flüsterte Quentin im gascognischen Dialekt zu, daß ihr Wegweiser jenseit Tours zu ihnen stoßen werde.

Mittlerweile bewegten sich Lichter an den Fenstern des Thurmes hin und her, wie wenn hastige Vorbereitung bei den Bewohnern stattfinde. Endlich öffnete sich eine kleine Thür, die vom Erdgeschoß des Thurms in den Hof führte, und drei Frauen traten heraus, begleitet von einem in einen Mantel gehüllten Manne. Schweigend bestiegen sie die Zelter, die für sie bereit standen, während ihr Begleiter zu Fuß voran ging, und den wachsamen Garden, deren Posten sie nach einander passirten, die Paßworte und Losungen gab. So erreichten sie endlich die äußere dieser schrecklichen Barrieren. Hier blieb der Mann zu Fuße, der bisher ihr Wegweiser gewesen, stehen, und sprach leise und eifrig mit den beiden vordersten Frauen.

»Der Himmel segne Euch, Sire,« sagte eine Stimme, die magisch auf Quentin Durward's Ohr wirkte, »und er vergebe Euch, wenn Eure Absichten eigennütziger sind, als Eure Worte verkünden! Sicher unter dem Schutz des guten Bischofs von Lüttich gestellt zu sein, ist das höchste Ziel meiner Wünsche.«

Die Person, die so angeredet ward, murmelte eine unvernehmliche Antwort, und zog sich durch das Thor zurück, während Quentin in ihr beim Mondschimmer den König selbst erkannt zu haben glaubte, dessen Eifer für die Abreise seiner Gäste ihn wahrscheinlich vermocht hatte, selbst gegenwärtig zu sein, im Fall sich ihrerseits Zweifel, oder Schwierigkeiten auf Seiten der Schloßwachen erheben möchten.

Als die Reiter das Schloß im Rücken hatten, mußte man eine Zeit lang mit großer Vorsicht reiten, um die Fallgruben, Schlingen und ähnliche Dinge zu vermeiden, die zur Plage der Fremden angebracht waren. Der Gascogner besaß indeß die genaueste Kenntniß dieses Labyrinths, und nach einem viertelstündigen Ritt fanden sie sich jenseit der Gränzen von Plessis-Parc, und nicht weit von der Stadt Tours.

Der Mond, der jetzt frei von den Wolken war, die ihn vorher umhüllt hatten, goß ein Meer herrlichen Lichtes auf eine eben so herrliche Landschaft. Sie sahen die fürstliche Loire ihre majestätische Fluth durch die reichste Ebene Frankreichs rollen, und zwischen Ufern dahin wogen, die mit Thürmen und Terrassen, mit Oliven und Weinbergen geziert waren. Sie sahen die Mauern der Stadt Tours, der alten Hauptstadt der Touraine, die ihre Thürme und Festungswerke weiß im Mondlicht emporstreckte, während sich innerhalb ihrer Ringmauern die ungeheure gothische Masse erhob, die durch die Andacht des heiligen Bischofs Perpetuus schon im fünften Jahrhundert errichtet ward, und welche der fromme Eifer Karls des Großen und seiner Nachfolger mit so viel architektonischer Pracht erweiterte, daß sie zur herrlichsten Kirche in Frankreich wurde. Auch die Thürme der Kirche St. Gatien waren sichtbar, sowie die finstere Masse des Schlosses, welches in alten Zeiten die Residenz des Kaisers Valentinian gewesen sein soll.

Selbst die gegenwärtigen Umstände, die von so bedenklicher Natur waren, thaten der Bewunderung und dem Entzücken des jungen Schotten keinen Eintrag, womit dieser, gewohnt an die öde, obwohl ausdrucksvolle Landschaft seiner eignen Berge, und an die dortige Armuth des Bodens, eine Scene betrachtete, die Kunst und Natur wetteifernd mit ihrem reichsten Glanze zu schmücken schienen. Aber er ward zum Geschäfte des Augenblicks durch die Stimme der älteren Dame zurückgerufen (die mindestens eine Octave höher klang, als jene sanften Töne, die dem König Ludwig Adieu sagten), welche den Führer des Zuges zu sprechen verlangte. Sein Roß vorwärts treibend stellte sich als solchen Quentin den Damen vor, und ward nunmehr von Dame Hameline mit Fragen überhäuft.

»Wie heißt Ihr, und was ist Euer Rang?«

Er sagte beides.

»Seid Ihr auch vollkommen mit dem Wege bekannt?«

»Das,« erwiderte er, »könne er nicht behaupten; doch sei er mit gehörigen Instruktionen versehen, und habe am ersten Ruheplatz einen Wegweiser zu erwarten, der in jeder Hinsicht geeignet sei, ihnen die Richtung ihrer fernern Reise anzuzeigen; unterdessen werde ein Reiter, der sich so eben als vierter Mann zu ihnen gesellt hatte, auf der ersten Station ihr Führer sein.«

»Und warum seid Ihr zu diesem Amte erlesen, junger Herr?« sagte die Dame – »ich höre, Ihr wärt derselbe junge Mann, der neulich in der Gallerie die Wache versah, wo wir mit der Prinzessin von Frankreich zusammenkamen. Ihr scheint jung und unerfahren zu solchem Auftrag – überdies ein Fremder in Frankreich und sprecht auch die Sprache wie ein Fremder.«

»Ich bin gehalten, den Befehlen des Königs zu gehorchen, Madame, aber ich darf nicht darüber raisonniren,« antwortete der junge Krieger.

»Seid Ihr von adeliger Geburt?« fragte sie weiter.

»Das kann ich fest versichern, Madame!« erwiderte Quentin.

»Und seid Ihr nicht,« sagte die jüngere Dame, ihn, wiewohl mit schüchternem Tone anredend, »der nämliche, den ich sah, als ich gerufen ward, um dem König in jenem Wirthshaus aufzuwarten?«

Mit gedämpfter Stimme, vielleicht wegen gleicher Gefühle der Schüchternheit, antwortete Quentin bejahend.

»Dann dünkt mich, Cousine,« sagte Dame Isabelle zur Gräfin Hameline, »werden wir sicher sein unter dem Geleit dieses jungen Herrn; er sieht zum mindesten nicht darnach aus, als könne man ihm die Vollziehung eines Planes verrätherischer Grausamkeit gegen zwei hilflose Frauen mit Sicherheit anvertrauen.«

»Bei meiner Ehre, Madame,« sagte Durward, »beim Ruhm meines Hauses, bei den Gebeinen meiner Ahnen, ich könnte mich nicht um den Preis von Frankreich und Schottland der Verrätherei oder Grausamkeit gegen Euch schuldig machen.«

»Wohlgesprochen, junger Mann,« sagte Dame Hameline; »aber wir sind gewohnt, schöne Reden vom König von Frankreich und seinen Gehilfen zu hören. Wir wurden durch dergleichen verleitet, Zuflucht in Frankreich zu suchen, als der Schutz des Bischofs von Lüttich mit weniger Gefahr, als jetzt, erlangt werden konnte, oder als wir uns dem des Kaisers Wenzeslaus von Deutschland, oder Eduards von England hätten anvertrauen können. Und welchen Erfolg hatten die Verheißungen des Königs? In einem obscuren und schmachvollen Versteck verborgen zu sein, unter plebejischen Namen, wie eine Art verbotener Waare, in jenem elenden Wirthshaus, wo wir – die, wie du weißt, Marthon,« (ihre Dienerin anredend,) »unsern Kopfputz stets nur unter einem Baldachin ordnen ließen, und auf einer drei Stufen hohen Estrade, – wo wir genöthigt waren, auf den bloßen Dielen stehend, als wären wir zwei Milchmädchen, uns selber zu kleiden.«

Marthon bestätigte als traurige Wahrheit, was ihre Gebieterin sprach.

»Ich wollte, dies wäre unser ärgstes Uebel gewesen, liebe Tante,« sagte Dame Isabelle; »dann hätt' ich dem Prunke froh entsagt.«

»Doch nicht der Gesellschaft,« sagte die ältere Gräfin; »dies, meine süße Nichte, war unmöglich.«

»Ich würde Allem entsagt haben, liebste Tante,« antwortete Isabelle mit einer Stimme, die ihrem jungen Führer und Beschützer in's Herz drang, »Allem für einen sichern und anständigen Aufenthalt. Ich wünsche nicht – Gott weiß es, ich wünschte es nie – einen Krieg zwischen Frankreich und meiner Heimath Burgund zu veranlassen, oder daß meinetwegen Menschenleben verloren gehen sollten. Ich bat bloß um Erlaubniß, mich in's Kloster von Marmoutier, oder in ein anderes heiliges Asyl, zurückziehen zu dürfen.«

»So sprichst du wie eine Thörin, Nichte,« antwortete die ältere Dame, »und nicht wie eine Tochter meines edlen Bruders. Gut, daß noch Jemand lebt, der etwas von dem Geiste des edlen Hauses von Croye besitzt. Wie sollte eine hochgeborne Dame von einem sonnverbrannten Milchmädchen unterschieden werden, wenn nicht dadurch, daß man für die eine Lanzen, für die andere bloß Haselstöcke zersplittert? Ich sage dir, Mädchen, daß, als ich noch ganz jung, kaum älter als du, war, das berühmte Kampfspiel zu Haflinghem mir zu Ehren gehalten ward; der Ausforderer waren vier, der Angreifenden zwölf. Es währte drei Tage, und kostete zwei kühnen Rittern das Leben, außerdem ward ein Rückgrat, ein Schlüsselbein, drei Beine und zwei Arme gebrochen, ungerechnet die Fleischwunden und Quetschungen, die der Herold gar nicht zählen konnte; und so wurden die Damen unsers Hauses stets geehrt. Ach, hättet Ihr nur halb das Herz Eurer edlen Ahnen, Ihr würdet Mittel finden, an einem Hofe, wo Frauenliebe und Waffenruhm noch Werth haben, ein Turnier zu veranlassen, dessen Preis Eure Hand sein sollte, gleich wie es mit Eurer Urgroßmutter, gesegneten Andenkens, beim Lanzenbruch zu Straßburg der Fall war; und so würdet Ihr die beste Lanze in Europa gewinnen, um die Rechte des Hauses von Croye zu behaupten, sowohl gegen die Bedrückung Burgunds, wie gegen die Politik Frankreichs.«

»Aber, liebe Tante,« antwortete die jüngere Gräfin, »mir ist von meiner alten Amme erzählt worden, daß, obwohl der Rheingraf die beste Lanze beim Tournier zu Straßburg war, und er so die Hand meiner verehrten Ahne gewann, doch die Partie keine glückliche war, da er meine Urgroßmutter, gesegneten Andenkens, gar oft schalt, ja zuweilen gar schlug.«

»Und warum nicht?« sagte die ältere Gräfin in ihrer romantischen Begeisterung für das Ritterthum; »warum sollten jene siegreichen Arme, gewohnt, auf der Reise Schläge auszutheilen, ihrer Kraft daheim Gewalt anthun? Tausendmal lieber wollte ich des Tags zweimal geschlagen werden, von einem Gemahl, dessen Arm von Andern eben so gefürchtet wäre, als von mir, als das Weib eines Feiglings, der die Hand weder gegen sein Weib, noch gegen sonst Jemand aufzuheben wagt!«

»Ich würde Euch zur Freude an einem so thätigen Gemahl Glück wünschen, liebe Muhme,« erwiderte Isabelle, »ohne Euch zu beneiden; denn wenn auch gebrochene Beine bei Turnieren beliebt sind, so ist doch nichts weniger liebenswürdig im Frauengemach.«

»Ei, das Schlagen ist ja doch keine nothwendige Folge der Heirath eines waffenberühmten Ritters,« sagte Dame Hameline; »obwohl es wahr ist, daß unser Vorfahr, gesegneten Andenkens, der Rheingraf Gottfried, etwas rauher Natur war, und den Genuß des Rheinweins sehr liebte. – Der vollkommne Ritter ist ein Lamm unter Damen, und ein Löwe unter Lanzen. Da war Thibault von Montigni, Gott sei mit ihm! – er war die sanfteste Seele, die lebte, und nicht nur, daß er nie so unhöflich war, seine Hand gegen seine Gemahlin zu erheben, nein, bei unsrer Frau! er, der alle Feinde außerm Hause schlug, fand sogar eine schöne Feindin, die ihn im Hause bearbeiten konnte. – Nun, das war seine eigne Schuld – er war einer von den Ausforderern beim Kampfspiel zu Haflinghem, und er stritt so tapfer, daß, wenn es dem Himmel und Eurem Großvater gefallen hätte, sich dort eine Frau von Montigni gefunden haben würde, die seiner sanften Natur sanfter begegnet wäre.«

Die Gräfin Isabelle, die Grund hatte, das Kampfspiel von Haflinghem zu fürchten, als einen Gegenstand, wobei ihre Muhme stets unerschöpflich war, ließ die Unterhaltung aufhören; und Quentin, der den Zartsinn eines fein erzogenen Mannes besaß, und daher fürchtete, seine Gegenwart möchte ein Hinderniß ihrer Unterhaltung sein, ritt vorwärts zu dem Wegweiser, als ob er ihm einige Fragen, die Reiseroute betreffend, vorlegen wollte.

Unterdeß setzten die Damen ihre Reise schweigend fort, oder doch mit nur gleichgiltiger Unterhaltung, bis der Tag anzubrechen begann; und da sie mehrere Stunden zu Pferde gewesen waren, suchte Quentin, welcher besorgte, sie möchten ermüdet sein, ungeduldig zu erfahren, wie weit man bis zum nächsten Ruheorte hätte.

»In einer halben Stunde,« antwortete der Wegweiser, »sollt Ihr ihn sehen.«

»Und dann überlaßt Ihr uns einem andern Wegweiser?« fuhr Quentin fort.

»Allerdings, Herr Bogenschütze,« erwiederte der Mann; »meine Reisen sind stets kurz und direkt. – Wenn Ihr und Andre, Herr Bogenschütze, nach dem Bogen geht, so geh' ich stets nach der Sehne.«

Der Mond war während dem längst untergegangen, und die Morgendämmerung begann sich im Osten mehr und mehr zu hellen und die Fläche eines kleinen Sees zu bestrahlen, an dessen Rande sie kurze Zeit hingeritten waren. Dieser See lag in der Mitte einer weiten Ebene, die zwar mit einzelnen Bäumen, Pflanzungen und Gebüschen bedeckt war, dennoch aber genug offene Räume hatte, so daß man die Gegenstände bereits ziemlich genau unterscheiden konnte. Quentin warf den Blick auf die Person, neben der er ritt, und erkannte unter dem Schatten eines breitrandigen, niedergekrempten Huts, der dem Sombrero eines spanischen Bauers glich, die spaßhaften Züge desselben Petit-André, dessen Finger kürzlich sammt denen seines düstern Bruders Trois-Echelles, so unerfreulich thätig an seiner Kehle gewesen waren. – Von Abscheu getrieben, wobei auch die Furcht nicht ganz fehlte (denn in seiner Heimath galt der Henker für einen Gegenstand abergläubischen Schreckens), welche sein neuliches Entkommen nicht vermindert hatte, lenkte Durward instinktmäßig den Kopf seines Pferdes zur Rechten ab, gab ihm zu gleicher Zeit die Sporen und ließ es eine halbe Volte machen, so daß er acht Fuß von seinem gehässigen Gefährten entfernt ward.

»Hoho, hoho!« rief Petit-André; »bei unsrer Frau von der Grève, unser junger Krieger besinnt sich auf alte Bekanntschaft. – Wie, Kamerad, Ihr seid, hoff' ich, nicht voll Grolls? – Jeder verdient sich sein Brod in diesem Lande. Niemand braucht sich zu schämen, durch meine Hände gegangen zu sein, denn ich nehm' es mit Jedem auf, der je ein lebendig Geschöpf an einen todten Baum hing. – Und Gott hat mir die Gnade erzeigt, daß ich von je ein lustiger Kerl war – ha ha ha! – Ich könnte Euch solche Witze erzählen, die ich zwischen dem Fuße der Leiter und dem Gipfel des Galgens gerissen habe, daß ich, meiner Seel! genöthigt war, mein Amt schnell zu verrichten, aus Furcht, die Kerle möchten lachend sterben, und so meinem Mysterium Schande machen!«

Bei diesen Worten trieb er sein Pferd seitwärts, um den Zwischenraum, den der junge Schotte zwischen sich und ihm gelassen, wieder auszugleichen, indem er sagte: »Wohlan, Herr Bogenschütze, laßt keine Feindschaft zwischen uns sein! – Was mich anlangt, ich thue meine Pflicht stets ohne Bosheit und leichten Herzens, und nie liebe ich einen Menschen mehr, als wenn ich ihm meine Schlinge um den Hals lege, um ihn zum Ritter vom Orden des heiligen Patibularius zu weihen, wie der Caplan des Generalprofoß, der würdige Vater Vaconeldiablo, den Schutzpatron des Profoßamts zu nennen pflegt.«

»Zurück, elender Mensch!« rief Quentin, als der Gesetzvollstrecker sich ihm wieder näher anschließen wollte, »oder ich werde versucht sein, dich zu lehren, welche Entfernung zwischen Ehrenmännern und solch' einem Auswurf stattfinden muß.«

»Der Tausend, wie hitzig Ihr seid!« sagte der Kerl; »hättet Ihr gesagt, ehrliche Männer, so wäre noch etwas Wahres darin gewesen; – aber was Ehrenmänner betrifft, lieber Gott, mit denen hab' ich täglich so nahe und genau zu thun, wie es auch beinah mit Euch der Fall gewesen wäre. – Doch, Friede mit Euch, und wählt Euch Eure Gesellschaft nach Belieben. Ich würde eine Flasche Auvergnat spendirt haben, um jede Unfreundlichkeit wegzuwaschen – aber Ihr wollt meine Höflichkeit verachten. – Gut. Seid so mürrisch, wie Ihr wollt, – ich zanke mich nie mit meinen Kunden – meinen lustigen Seilhüpfern, meinen fröhlichen Tänzern, meinen kleinen Spielkameraden, wie Hans Fleischer zu seinen Lämmern sagt – mit all' denen, welchen, wie Ew. Gnaden, S. T. R. I. C. K. auf die Stirn geschrieben ist – nein, nein, mögen sie mich behandeln wie sie wollen, mein guter Dienst bleibt ihnen am Ende doch gewiß – und Ihr werdet selber sehen, wenn Ihr nächstens wieder unter Petit-André's Hände kommt, daß er Beleidigungen zu vergeben weiß.«

Nach diesen Worten schloß er die Rede mit einem spöttischen Blick und jenem Zungenschnalzen, womit man ein träges Pferd antreibt, lenkte nach der andern Seite, und überließ es dem Jünglinge, die Spöttereien, die er ihm eingebrockt hatte, so gut es sein stolzer schottischer Magen vermochte, zu verdauen. Quentin spürte zwar ein heftiges Verlangen, ihn mit seinem Lanzenschaft zu bearbeiten, so lang er halten wollte; aber er bezähmte seine Leidenschaft, indem er bedachte, daß Händel mit einem solchen Menschen ihm nie und nirgends Ehre bringen könnten, und daß jeder Zwist bei dieser Gelegenheit eine Amtsverletzung wäre, die gefährliche Folgen nach sich ziehen könnte. Er verschluckte daher seinen Aerger über die unzeitigen Handwerksscherze des Monsieur Petit-André, und tröstete sich mit dem frommen Wunsche, daß sie die Ohren seiner schönen Schutzbefohlenen nicht erreicht haben möchten, auf die sie schwerlich eine günstige Meinung von Demjenigen hervorbringen könnten, der solchen Spöttereien ausgesetzt sei. Aber schnell wurden diese Gedanken verscheucht durch das gleichzeitige Geschrei beider Damen: »Seht zurück – seht zurück! – Um des Himmels willen, sorgt für Euch, wie für uns – wir sind verfolgt!«

Quentin schaute sich eilig um, und erblickte zwei bewaffnete Männer, die ihnen folgten und die in so schnellem Schritte ritten, daß sie der Gesellschaft bald nahe kommen mußten. »Es können,« sagte er, »nur Leute des Profoß sein, die ihre Runde im Walde machen. – Sieh' zu,« sagte er zu Petit-André, »was für Leute es sind.«

Petit-André gehorchte, wandte sich lustig im Sattel um, und sagte, nachdem er seine Beobachtung angestellt hatte: »die dort, lieber Herr, sind weder Eure Kameraden, noch meine – weder Bogenschützen noch Leute des Profoß – denn mir scheint, sie tragen Helme mit geschlossenem Visir, und ebenfalls Ringkragen. – Die Pest auf diese Ringkragen vor allen andern Stücken der Rüstung! – Ich habe oft eine ganze Stunde vertrödelt, eh' ich sie aufknüpfen konnte.«

»Reitet vorwärts, gnädige Damen,« sagte Durward, ohne auf Petit-André zu achten, »nicht so schnell, daß es scheinen könnte, ihr wolltet fliehn, und doch schnell genug, um das Hinderniß zu benutzen, welches ich sogleich diesen Männern, die uns folgen, in den Weg legen werde.«

Die Gräfin Isabelle sah den Wegweiser an, flüsterte dann ihrer Muhme etwas in's Ohr, welche darauf zu Quentin sagte: – »Wir haben Vertrauen zu Euch, lieber Bogenschütze, und wollen lieber jedmögliche Gefahr in Eurer Gesellschaft erwarten, als daß wir mit diesem Manne weiter ziehn, dessen Miene uns nichts Gutes zu bedeuten scheint.«

»Es sei, wie ihr befehlt, meine Damen,« sagte der Jüngling. – »Es sind ihrer nur zwei, die hinter uns kommen; und sind es auch Ritter, wie ihre Waffen anzudeuten scheinen, so sollen sie doch, wofern sie Böses beabsichtigen, lernen, wie ein schottischer Edelmann in der Gegenwart und zur Vertheidigung solcher Damen, wie ihr, seine Schuldigkeit zu thun weiß. – Wer von euch,« fuhr er fort, die Wachen, die er befehligte, anredend, »ist Willens, mein Kamerad zu sein und eine Lanze mit jenen Rittern zu brechen?«

Zwei von den Männern waren unschlüssig; aber der dritte, Bertrand Guyot, schwur, er wolle, cap de dieu! sich mit ihnen messen zur Ehre von Gascogne, und wären es auch Ritter von König Arthur's Tafelrunde.

Während er so sprach, kamen die zwei Ritter – denn von geringerem Range schienen sie nicht, – beim Nachtrab an, wohin sich Durward nebst seinem muthigen Genossen mittlerweile selbst begeben hatte. Jene waren angethan mit trefflichen Rüstungen von polirtem Stahl, doch ohne irgend eine Devise, wonach man sie hätte unterscheiden können.

Als sie sich näherten, rief einer von ihnen Quentin zu: »Herr Knappe, macht Platz – wir kommen, um Euch von Eurem Posten abzulösen, der über Euren Rang und Stand ist. Ihr werdet wohl thun, diese Damen unserer Sorge zu überlassen, wozu wir auch geeigneter sind, da wir wissen, sie sind unter der Eurigen nicht viel besser als Gefangene.«

»Als Antwort auf euer Verlangen, meine Herren,« erwiderte Durward, »wißt, daß erstlich dieses Amt mir von meinem derzeitigen Fürsten übertragen ist; und daß zweitens, wie unwürdig ich dessen auch sein mag, die Damen doch wünschen, unter meinem Schutze zu bleiben.«

»Wie, Kerl!« rief einer von den Kämpen, »willst du, ein landstreichender Bettler, dich gegen Ritter solcher Ausdrücke des Widerstandes bedienen?«

»Allerdings sind es Ausdrücke des Widerstandes,« sagte Quentin, »da sie sich Eurem unverschämten und rechtlosen Angriff widersetzen; und wenn ein Unterschied des Ranges zwischen uns stattfindet, was ich noch nicht weiß, so hat ihn Eure Unhöflichkeit schon beseitigt. Zieht Euer Schwert, oder, wenn Ihr die Lanze brauchen wollt, so nehmt Eure Stellung ein.«

Während die Ritter ihre Rosse umwandten und etwa hundert und fünfzig Schritte zurückritten, blickte Quentin auf die Damen, verbeugte sich tief im Sattel, als ob er einen günstigen Blick von ihnen wünschte, und während sie, als Zeichen der Ermuthigung ihm mit ihren Tüchern zuwinkten, hatten die beiden Gegner die zum Angriff nöthige Entfernung erreicht.

Durward rief dem Gascogner zu, sich wie ein Mann zu zeigen, setzte sein Roß in Bewegung, und die vier Reiter trafen in vollem Lauf in der Mitte des Raumes zusammen, der sie erst getrennt hatte. Der Stoß war für den armen Gascogner unheilvoll; denn sein Gegner, der das Gesicht zum Ziel nahm, welches durch kein Visir geschützt war, rannte ihn durch's Auge in's Gehirn, so daß er todt vom Rosse fiel.

Quentin, obwohl er des nämlichen Vortheils entbehrte, beugte sich im Sattel so geschickt, daß die feindliche Lanze, seine Wange leicht streifend, über seiner rechten Schulter hinfuhr, während sein eigner Speer, den Gegner genau auf der Brust treffend, diesen zu Boden warf. Quentin sprang vom Pferd, um des gefallenen Gegners Helm zu öffnen; aber als der andere Ritter (der noch gar nicht gesprochen hatte,) das Schicksal seines Gefährten sah, stieg er noch eiliger als Durward ab, und rief, seinen bewußtlos daliegenden Freund deckend, aus: »Im Namen Gottes und St. Martins, guter Freund, steig' auf und zieh' mit deinem Weibsvolk deiner Wege! – Ventre Saint Gris, sie haben diesen Morgen Unheils genug gestiftet!«

»Mit Eurer Erlaubniß, Herr Ritter!« sagte Quentin, den der drohende Ton, in welchem jener Rath gegeben wurde, beleidigte, »erst will ich sehn, mit wem ich es zu thun hatte, und erfahren, wer mir für den Tod meines Kameraden verantwortlich sein soll.«

»Das zu erfahren oder zu erzählen, sollst du nimmer erleben,« antwortete der Ritter. »Zieh' in Frieden deiner Wege, guter Bursch. Wenn wir Narren waren, eure Reise zu unterbrechen, so haben wir das Schlimmste davon, denn du hast mehr Unheil angerichtet, als dein Leben und das deiner ganzen Schaar aufwiegen kann. – Nun, wenn du es haben willst,« (denn Quentin zog jetzt sein Schwert und trat ihm näher,) »so nimm es hin, auf Tod und Leben!«

Mit diesen Worten führte er einen solchen Hieb auf des Schotten Helm, als dieser (obwohl geboren, wo es derbe Hiebe in Fülle gab,) doch bis jetzt dergleichen nur aus Romanzen gekannt hatte. Er fuhr nieder wie ein Donnerkeil, schlug das Stichblatt des Schwerts ab, das der junge Krieger zur Deckung seines Hauptes erhoben hatte, und spaltete seinen erprobten Helm so weit, daß sein Haar berührt wurde, doch ohne weitere Verletzung; Durward, der von dem Schlage betäubt auf sein Knie sank, war indeß der Gnade des Ritters preisgegeben, hätte dieser einen zweiten Hieb führen wollen. Aber Mitleid mit Durward's Jugend, oder Bewunderung seiner Tapferkeit, oder edelmüthige Beobachtung gerechten Kampfes hielten ihn ab, einen solchen Vortheil zu nützen; Quentin aber sammelte sich, sprang auf und griff den Gegner mit solchem Nachdruck an, der den Entschluß anzudeuten schien, zu siegen oder zu sterben, und zugleich auch mit der Geistesgegenwart, die nöthig war, wenn er den Streit mit glücklichem Erfolg ausfechten wollte. Entschlossen, sich nicht wieder so schrecklichen Hieben auszusetzen, wie ihn zuvor einer betroffen hatte, nützte er den Vortheil größerer Gelenkigkeit, vermehrt noch durch die verhältnißmäßige Leichtigkeit seiner Rüstung, um den Gegner zu ermüden, indem er mit einer Gewandtheit der Bewegung und mit einer Schnelligkeit des Angriffs sich nach allen Seiten wandte, daß es der Ritter in seiner schwerfälligen Rüstung schwierig fand, sich ohne Ermüdung zu vertheidigen.

Umsonst rief dieser großmüthige Gegner Quentin laut zu, »daß kein Grund zu fechten mehr zwischen ihnen sei, und daß er sich ungern gezwungen sehen werde, ihn zu verletzen.« Einzig Gehör gebend dem leidenschaftlichen Wunsche, die Schmach seiner vorübergehenden Niederlage zu sühnen, fuhr Durward fort, ihn mit Blitzesschnelle anzugreifen – bald bedrohte er ihn mit der Schärfe, bald mit der Spitze seines Schwertes, und behielt die Bewegungen seines Gegners immer so im Auge, da er von Jenes überlegener Kraft so schrecklichen Beweis hatte, daß er stets bereit war, rückwärts oder zur Seite zu springen, um seiner furchtbaren Waffe auszuweichen.

»Nun, daß der Teufel dich hartnäckigen und übermüthigen Narren,« murmelte der Ritter, »der nicht ruhig sein kann, bis ihm der Kopf zerschlagen ist!« So sagend veränderte er seine Art zu fechten, sammelte sich, als ob er blos vertheidigungsweise kämpfen wollte, und schien sich damit zu begnügen, die Hiebe, die Quentin unablässig gegen ihn führte, nur zu pariren, mit dem geheimen Entschluß, den Augenblick, wenn Erschöpfung oder ein falscher oder unbedachter Schritt des jungen Kriegers eine Blöße geben würde, dazu zu nützen, dem Gefecht mit einem einzigen Schlage ein Ende zu machen. Wahrscheinlich hätte diese listige Politik Erfolg gehabt, wenn es von dem Geschick nicht anders bestimmt worden wäre.

Der Zweikampf ward noch äußerst hitzig geführt, als eine zahlreiche Reiterschaar heranritt, mit dem Rufe: »Halt, im Namen des Königs!« Beide Kämpfer traten zurück – und Quentin sah mit Erstaunen, daß sein Hauptmann, Lord Crawford, an der Spitze des Zuges war, der ihren Kampf unterbrochen hatte. Deßgleichen war Tristan L'Hermite mit zwei oder drei der Seinigen dabei; die ganze Schaar mochte etwa aus zwanzig Reitern bestehen.



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