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Sechstes Kapitel.
Die Zigeuner.

Sieh', wie er lustig, wie er toll,
Und wie er geht so stolz.
Er springt und tanzt den Reigen dort
Wohl unterm Galgenholz!

Altes Lied.

Die Weise, in der Quentin Durward erzogen worden war, war nicht von der Art, das Herz zu bilden oder vielleicht das moralische Gefühl zu kräftigen. Er, so wie seine ganze Familie, war zur Jagd, als einem Vergnügen, angeführt worden, und den Krieg hatte man sie als die einzige ernste Beschäftigung betrachten gelehrt; und die große Pflicht ihres Lebens war, die Angriffe ihrer Erbfeinde, von denen ihr Stamm endlich fast ganz vernichtet wurde, standhaft auszuhalten und trotzig zu erwidern. Gleichwohl mischte sich in diese Fehden ein Geist roher Chevalerie und selbst Courtoisie, die ihre Härte milderten; und so ward die Rache, worin allein ihr Recht bestand, immer mit einiger Rücksicht auf Menschlichkeit und Edelmuth verfolgt. Die Lehren des würdigen alten Mönchs, die vielleicht wegen einer langen Unpäßlichkeit und Widerwärtigkeit besser gemerkt worden waren, als es im Genusse des Glückes und der Gesundheit geschehen sein würde, hatten dem jungen Durward für sein Theil mehr Einsicht in die Pflichten der Menschlichkeit gegen Andere beigebracht; und bringt man die Unwissenheit jener Zeit in Anschlag, sowie die allgemeinen Vorurtheile, welche zu Gunsten eines kriegerischen Lebens herrschten, und desgleichen auch die Weise, nach welcher er selber erzogen war, so war der Jüngling geneigt, die moralischen Pflichten viel genauer zu verstehen, die ihm in seinem Stande oblagen, als es zu jener Zeit gewöhnlich war.

Er überdachte das Gespräch mit seinem Oheim mit einem Gefühle von Verlegenheit und getäuschter Erwartung. Seine Hoffnungen waren nicht gering gewesen; denn obwohl von Verkehr durch Briefe keine Rede sein konnte, so brachte doch ein Pilger oder ein verstümmelter Krieger zuweilen Lesly's Namen nach Glen-Houlakin, und alle stimmten überein im Lobe seines unerschütterlichen Muthes und seines Glückes bei so manchen kleinen Unternehmungen, die ihm sein Herr übertragen hatte. Quentin's Einbildungskraft hatte diese Skizze auf eine Weise ausgeführt und seinen glücklichen und kühnen Oheim (dessen Thaten wahrscheinlich in der Erzählung nichts verloren) einigen der Kämpen und fahrenden Ritter beigesellt, von denen die Minstrels sangen, und welche Kronen und Königstöchter durch Schwert und Lanze gewannen. Er war nunmehr genöthigt, seinen Vetter in der Ordnung der Ritterschaft weit tiefer zu setzen, wiewohl er, geblendet durch die hohe Achtung gegen seine Eltern und diejenigen, welche denselben in der Verwandtschaft nahe standen, – durch jedes frühe Vorurtheil zu ihren Gunsten gestimmt, – dabei unerfahren und leidenschaftlich das Andenken seiner Mutter ehrend, in dem einzigen Bruder dieser theuren Nahestehenden nicht den Charakter sah, den er in Wahrheit besaß, und welcher der eines gewöhnlichen Miethsoldaten war, nicht besser und auch nicht eben schlechter, als die Zahl derer von gleichem Gewerbe, welche durch ihre Gegenwart den zerrütteten Zustand Frankreichs nur noch verschlimmern konnten.

Ohne gerade grausamen Sinnes zu sein, war Balafré aus Gewohnheit gleichgiltig gegen Menschenleben und Menschenleiden; er war vollkommen unwissend, beutegierig, ohne Bedenklichkeit, wie sie zu erlangen war, und verschwenderisch, wenn er sie zur Befriedigung seiner Leidenschaften verwandte. Die Gewohnheit, einzig und allein auf seine Interessen zu achten, hatte ihn zu einem der selbstsüchtigsten Wesen von der Welt gemacht, so daß er selten fähig war, wie der Leser bemerkt haben wird, einen Gegenstand lange zu behandeln, ohne zu prüfen, wie er sich zu ihm selbst verhalte, oder, wie man es nennt, ohne die Sache zu seiner eignen zu machen, aber nicht nach den Gefühlen, welche sich auf die goldne Regel gründeten, sondern nach ganz verschiedenen. Dazu kam noch, daß der enge Kreis seiner Pflichten und seiner Vergnügungen allmählig auch seine Gedanken, Hoffnungen und Wünsche eingeengt und größtentheils den stürmischen Geist der Ehre, sowie das Verlangen nach Auszeichnung in Waffen gedämpft hatte, wodurch seine Jugend einst begeistert worden war. Kurz, Balafré war ein strenger Krieger, verhärtet, selbstisch und engherzig; thätig und kühn in der Befolgung seiner Pflicht, kümmerte er sich um wenig, was darüber hinausging, außer daß er eine bequeme äußere Frömmigkeit beobachtete, die dann und wann durch eine Ausschweifung versüßt wurde, an welcher sein Genosse und Beichtvater, Bruder Bonifaz, Theil nahm. Wäre sein Gesicht nur von umfassenderem Charakter gewesen, so wäre er wahrscheinlich zu einer bedeutendern Befehlshaberstelle befördert worden. Denn der König, der jeden Soldaten seiner Leibwache persönlich kannte, setzte großes Vertrauen in Balafré's Muth und Treue, dabei hatte der Schotte auch Klugheit und Geschick genug, die Eigenheiten dieses Fürsten vollkommen zu verstehen und sich ihnen zu bequemen. Trotzdem war seine Fähigkeit doch allzu beschränkt, als daß er zu einem höhern Range hätte aufsteigen können, und obwohl ihm Ludwig bei vielen Gelegenheiten große Freundlichkeit bezeigte, blieb Balafré doch immer bloßer Leibgardist oder schottischer Bogenschütze.

Ohne seines Oheims Charakter völlig zu durchschauen, fühlte sich Quentin doch verletzt durch die Gleichgiltigkeit, die er der unglücklichen Ausrottung der ganzen Familie seines Schwagers bewies; und dabei konnte er auch nicht umhin, sich höchlich zu wundern, daß ihm ein so naher Verwandter nicht den Beistand seiner Börse anbot, den er, ohne Meister Peters Edelmuth, geradezu hätte von ihm erbitten müssen. Indeß that er seinem Oheim Unrecht, wenn er glaubte, daß dieser Mangel an Aufmerksamkeit in Bezug auf seine wahrscheinlichen Bedürfnisse dem Geize zuzuschreiben sei. Da er gerade gegenwärtig selber kein Geld brauchte, war es dem Balafré nicht eingefallen, daß sich sein Neffe in drückender Verlegenheit befinden möge; außerdem hielt er einen nahen Anverwandten zu sehr für einen Theil seiner selbst, als daß er für das Wohl seines lebenden Neffen nicht eben so hätte sorgen sollen, als er bemüht war, für das seiner verstorbenen Schwester und ihres Gatten zu sorgen. Was aber auch immer der Beweggrund war, so blieb diese Vernachlässigung dem jungen Durward doch keineswegs erfreulich, und er wünschte mehr als einmal, daß er beim Herzog von Burgund Dienste genommen hätte, bevor er sich mit dessen Förster gestritten hatte. »Was dann auch aus mir geworden wäre,« dachte er bei sich selbst, »ich hätte doch dann stets meinen Muth durch den Gedanken aufrecht erhalten können, daß ich im schlimmsten Falle einen zuverlässigen Freund an diesem meinem Oheim behalten hätte. Aber nun hab' ich ihn gesehen, und leider hab' ich mehr Beistand bei einem ganz fremden Bürgersmann gefunden, als bei meiner eigenen Mutter Bruder, der mein Landsmann und ein Cavalier ist! Man könnte wirklich glauben, der Hieb, der alle Milde aus seinem Gesicht weggetilgt hat, hätte zu gleicher Zeit jeden Tropfen edlen Blutes aus seinem Leibe gezapft.«

Durward bedauerte, daß sich die Gelegenheit nicht gefunden hatte, des Meister Peter gegen Balafré zu erwähnen, in der Hoffnung, eine genaue Nachricht über diese Person zu erhalten; aber des Oheims Fragen hatten einander gedrängt, und der Ruf der großen Glocke von St. Martin zu Tours hatte ihre Unterhaltung allzuplötzlich unterbrochen. Es fiel ihm ein, daß der alte Mann, der seinem Aeußern nach mürrisch und unfreundlich, in seinen Reden beißend und höhnisch, gleichwohl in seinen Handlungen edelmüthig und freigebig war; und solch' ein Fremder wiegt einen kalten Vetter auf – »Was sagt unser altes schottisches Sprichwort? ›Besser Verwendung von Fremden, als entfremdete Verwandtschaft Dieses Motto ist auf einem Dolch gravirt, der einer Person gehörte, welche nur zu viel Grund hatte, eine solche Devise zu wählen. Der Besitzer hinterließ meinem Vater den Dolch, an welchen sich viele seltsame Begebenheiten knüpften, die noch einmal erzählt werden dürften. Die Waffe ist jetzt in meinem Besitz..‹ Ich werde diesen Mann zu finden suchen, und mich dünkt, das kann kein schweres Geschäft sein, wenn er so reich ist, wie mein Wirth von ihm sagt. Er wird mir zum mindesten guten Rath wegen meines fernern Benehmens ertheilen; und wenn er in fremde Länder geht, wie viel solche Leute thun, so denk' ich, wird dies ein eben so abenteuerlicher Dienst sein, als jener der Wachen Ludwig's.«

Während Quentin diesem Gedanken nachhing, gab ihm ein Flüstern aus jenen geheimen Winkeln des Herzens, wo so vieles liegt, was der Eigenthümer nicht kennt oder doch nicht gern anerkennt, die Idee ein, daß vielleicht jene Dame des Thurmes, sie mit dem Schleier und der Laute, die abenteuerliche Reise theilen möchte.

Als der schottische Jüngling diese Betrachtungen anstellte, begegnete er zwei würdig aussehenden Männern, dem Anschein nach Bürgern von Tours, die er, die Mütze mit schuldiger Ehrfurcht der Jugend vor dem Alter ziehend, ehrerbietig ersuchte, ihn nach dem Hause des Meister Peter zu weisen.

»Das Haus wessen, lieber Sohn?« sagte der eine der Vorübergehenden.

»Des Meister Peter, des großen Seidenhändlers, der all' die Maulbeerbäume im Parke dort pflanzte,« sagte Durward.

»Junger Mann,« sagte derjenige der beiden, der ihm zunächst stand, »Ihr habt Euer schlechtes Gewerbe ein wenig zu früh angefangen.«

»Und seid nicht an die rechten Leute gekommen, um Eure Possen zu üben,« sagte der andere, noch mürrischer. »Der Syndicus von Tours ist nicht gewohnt, sich von landstreichenden Spaßmachern aus fremden Ländern hänseln zu lassen.«

Quentin war so erstaunt über die grundlose Beleidigung, welche die beiden anständig scheinenden Personen in einer sehr einfachen und höflichen Frage gefunden hatten, daß er vergaß, über ihre grobe Antwort zornig zu werden, und ihnen nachstarrte, während sie mit beschleunigtem Schritte weitergingen, oft nach ihm umschauend, als wünschten sie, so bald als möglich aus seinem Bereich zu kommen.

Darauf begegnete er einer Schaar Winzer, und richtete die nämliche Frage an sie; und statt der Antwort verlangten sie zu wissen, ob er nach Meister Peter, dem Schulmeister, verlange, oder nach Meister Peter, dem Zimmermann; oder nach Meister Peter, dem Büttel; oder einem halben Dutzend noch anderer Meister Peters? Als keiner von diesen mit der Beschreibung der Person, nach der er fragte, übereinstimmte, beschuldigten ihn die Landleute, er wolle sie zum besten haben, und drohten ihm mit einer Tracht Prügel für seine Unverschämtheit. Der Aelteste unter ihnen, der einigen Einfluß auf die Andern übte, wußte sie jedoch von Gewaltthätigkeiten abzuhalten.

»Ihr merkt ja an seiner Rede und seiner Narrenkappe,« sagte er, »daß er einer von den fremden Marktschreiern ist, die in's Land gekommen sind, und die von einigen Zauberer und Wahrsager, von andern Gaukler oder so ähnlich genannt werden, und es weiß Niemand, was die für Possen im Schilde führen. Ich habe von so einem gehört, der einen Liard zahlte, um sich satt und voll von Trauben in eines armen Mannes Weinberg zu essen; und er aß so viel, daß man einen Wagen damit hätte beladen können, und doch öffnete er nicht einen Knopf an seiner Weste. – Und daher laßt ihn ruhig gehen und seines Weges ziehen, wie wir den unsern. – Und Ihr, Freund, wenn Ihr Arges vorhabt, geht ruhig fürbaß, im Namen Gottes, unsrer Frau von Marmoutier und St. Martins von Tours, und stört uns nicht mehr mit Eurem Meister Peter, was wohl nur ein anderer uns nicht bekannter Name für den Teufel sein mag.«

Der Schotte, der sich hier als die schwächere Partei fand, hielt es für's Gerathenste, ohne Erwiderung weiter zu gehen; aber die Bauern, die zuerst Abscheu vor ihm empfunden hatten, wegen seiner vermeintlichen Talente zum Zaubern und Traubenverschlingen, faßten, als er sich etwas entfernt hatte, ein Herz, und nachdem sie einige Schimpfreden und Verwünschungen ausgestoßen hatten, gaben sie diesen endlich durch einen Steinhagel Nachdruck, obwohl in solcher Entfernung, daß er dem Gegenstande ihres Unmuths wenig oder gar kein Leid zufügte. Quentin aber fing im Weitergehen zu glauben an, daß er entweder selbst bezaubert sei, oder daß die Leute von Touraine die dümmsten, rohesten und ungastfreundlichsten Bauern in ganz Frankreich wären. Der nächste Vorfall, der sich bei seiner Beobachtung darbot, konnte diese Meinung nicht mildern.

Auf einer geringen Anhöhe, die sich über dem reißenden und schönen Cher, in gerader Linie seines Pfades, erhob, befanden sich zwei oder drei große Nußbäume zufällig in solcher Stellung, daß sie eine schöne und ausgezeichnete Gruppe bildeten. Zur Seite derselben standen drei oder vier Bauern regungslos, die Augen aufwärts gekehrt und dem Anschein nach fest auf einen Gegenstand zwischen den Zweigen des zunächst stehenden Baumes geheftet. Die Betrachtungen der Jugend sind selten so tief, daß sie nicht leicht dem geringsten Antriebe der Neugierde weichen sollten, so wie das Steinchen, das zufällig der Hand entsinkt, die Oberfläche eines glatten Wasserspiegels erregt. Quentin beflügelte seine Schritte, rannte die Anhöhe hinan und kam zeitig genug, um Zeuge des schrecklichen Schauspiels zu sein, welches die Aufmerksamkeit dieser Gaffer auf sich zog, – und welches nichts Geringeres war, als der Körper eines Mannes, der, im letzten Todeskampfe begriffen, an einem der Zweige hing.

»Warum schneidet ihr ihn nicht ab?« fragte der junge Schotte, dessen Hand eben so bereit war, dem Unglück beizustehen, als seine eigne Ehre zu behaupten, wenn er diese gefährdet glaubte.

Einer von den Bauern, der ihm einen Blick zuwandte, aus dem die Furcht allen Ausdruck außer ihrem eigenen verbannt hatte, und ein Gesicht, gleich wie Kalk, deutete auf ein in die Rinde des Baumes geschnittenes Zeichen, welches auf gleiche Weise rohe Aehnlichkeit mit einer Lilie hatte, wie gewisse zauberkräftige Striche, die unsern Steuerbeamten wohl bekannt, mit einem breiten Pfeil haben. Da unser junger Durward weder dieses Zeichen kannte, noch seiner Bedeutung nach zu würdigen wußte, so klomm er eilig den Baum hinan, zog aus seiner Tasche das jedem Hochländer oder Waidmann sehr nöthige Instrument, den treuen Skene dhu Schwarzes Messer; eine Art Messer ohne Scharnier oder Scheide, früher bei den Hochländern sehr üblich, die selten reisten ohne solch' eine garstige Waffe, wiewohl es jetzt selten gebraucht wird., und schnitt, indem er den Untenstehenden zurief, den Körper aufzufangen, das Seil los, und das in weniger als einer Minute, seit er die Nothwendigkeit eingesehen hatte.

Aber seine Menschlichkeit fand bei den Umstehenden schlechten Beistand. Weit entfernt, Durward irgend eine Hilfe zu leisten, schienen sie vielmehr über die Keckheit seiner That verwundert und nahmen die Flucht mit einer Uebereinstimmung, als ob sie gefürchtet hätten, durch bloßes Zuschauen der Theilnahme an dem kühnen Unternehmen verdächtig zu werden. Der Körper, der von unten keine Unterstützung fand, fiel schwer zur Erde, und zwar auf eine Weise, daß Quentin, der augenblicklich nachsprang, den Schmerz hatte, zu sehen, daß auch der letzte Funke des Lebens schon erloschen war. Indeß gab er seinen freundlichen Vorsatz nicht ohne weitere Anstrengungen auf. Er befreite den Hals des unglücklichen Menschen von dem fürchterlichen Stricke, knöpfte den Rock auf, spritzte ihm Wasser in's Gesicht, und wandte alle die üblichen Mittel an, um das unterdrückte Leben wieder zurückzurufen.

Während er so menschenfreundlich beschäftigt war, erhob sich auf einmal ein wildes Geschrei von Stimmen um ihn her, und das in einer Sprache, die er nicht kannte; er hatte kaum Zeit zu beobachten, daß er von verschiedenen Männern und Weibern von sonderbarem und fremdem Ansehn umgeben war, als er sich heftig an beiden Armen gepackt fühlte, während im nämlichen Augenblick ein blankes Messer auf seine Kehle gerichtet war.

»Bleicher Sklave von Eblis,« sagte ein Mann in unvollkommenem Französisch, »willst du berauben, den du ermordet hast? – Aber wir haben dich – und du sollst es büßen!« –

Bei diesen Worten wurden von allen Seiten Messer nach ihm gezückt, und die grimmigen und verzerrten Gesichter, die ihn anstarrten, glichen denen von Wölfen, die auf ihre Beute stürzen.

Der junge Schotte verlor Muth und Geistesgegenwart noch nicht. »Was denkt ihr, ihr Herren?« sagte er; »wenn das eures Freundes Körper ist, so habe ich ihn soeben aus reiner Menschenliebe abgeschnitten, und ihr werdet besser thun, wenn ihr ihn in's Leben zu rufen versucht, als wenn ihr einen unschuldigen Fremden mißhandelt, dem jener vielleicht sein Davonkommen verdankt.«

Die Weiber hatten sich indeß des Leichnams bemächtigt, und die Versuche, ihn zu beleben, fortgesetzt, die Durward schon angewandt hatte, aber mit gleich schlechtem Erfolg, so daß sie endlich, von ihren fruchtlosen Bemühungen abstehend, sich all' ihren orientalischen Ausbrüchen des Kummers zu überlassen schienen; die Weiber erhoben ein erbärmliches Geheul und zerrauften ihr langes schwarzes Haar, während die Männer ihre Kleider zerrissen und Staub auf ihre Häupter zu streuen schienen. Sie wurden allmählig von diesen Trauerceremonien so sehr beschäftigt, daß sie auf Durward gar nicht weiter achteten, von dessen Unschuld sie wahrscheinlich durch die Umstände überzeugt worden waren. Es würde sicher das Klügste gewesen sein, wenn er das wilde Volk sich selber überlassen hätte, aber er war in fast rücksichtsloser Verachtung der Gefahr erzogen worden, und fühlte all' den Drang jugendlicher Neugier.

Diese eigenthümliche Versammlung von Männern und Frauen trug Mützen und Turbane, dem Anscheine nach seiner eigenen Kopfbedeckung weit ähnlicher, als den Hüten, die in Frankreich gewöhnlich waren. Verschiedene von den Männern hatten krause schwarze Bärte, und die Farbe von Allen war fast so dunkel, wie die der Afrikaner. Einer oder zwei, die ihre Häuptlinge schienen, hatten einige seltsame Zierrathen von Silber um den Hals und an den Ohren, und trugen scharlachene, gelbe oder lichtgrüne Schärpen; aber Beine und Arme waren nackt, und der ganze Trupp hatte ein elendes und schmutziges Ansehen. Durward sah keine Waffen bei ihnen, außer die langen Messer, womit sie ihn kaum erst bedroht hatten, und einen kurzen krummen Säbel oder mohrisches Schwert, welches ein lebhaft aussehender junger Mann trug, der oft seine Hand an den Griff legte, während er an den Andern aus der Gesellschaft bei den Aeußerungen ihres wilden Schmerzes vorüberging und Drohungen der Rache damit zu mischen schien.

Der Anblick dieser wilden und schreienden Gruppe war so verschieden von Allem, was Quentin bisher von dergleichen gesehen hatte, daß er sie beinahe für eine Schaar Sarazenen zu halten geneigt war, von jenen »Heidenhunden«, die die Gegner von den edlen Rittern und christlichen Fürsten in all' den Romanzen waren, die er bis jetzt gehört oder gelesen hatte, und er war schon im Begriff, sich aus einer so gefährlichen Nachbarschaft zu entfernen, als man Pferdegetrappel vernahm, und die vermeinten Sarazenen, die indeß den Leichnam ihres Kameraden auf die Schultern genommen hatten, von einer Abtheilung französischer Soldaten angegriffen wurden.

Diese plötzliche Erscheinung verwandelte die gemessenen Klagen der Trauernden in ein unregelmäßiges Schreckensgeschrei. Der Leichnam ward sogleich an den Boden geworfen, und diejenigen, welche dabei standen, zeigten die äußerste und geschickteste Gewandtheit im Entfliehen, indem sie sich durch das Getümmel der Pferde arbeiteten und zwischen den gegen sie erhobenen Lanzenspitzen, während Ausrufungen ertönten, wie: »nieder mit den verfluchter Heidenspitzbuben – fangt und tödtet – bindet sie wie Bestien – spießt sie wie Wölfe!«

Die Ausrufungen wurden von entsprechenden Gewaltthätigkeiten begleitet; aber die Behendigkeit der Fliehenden war so groß, und der Boden durch Gebüsch und Dickicht für die Reiter so ungünstig gemacht, daß bloß zwei niedergeworfen und gefangen wurden, deren einer der junge Mann mit dem Schwert war, der vorher Widerstand geleistet hatte. Quentin, den das Geschick zu dieser Zeit zum Ziel seiner Launen gemacht zu haben schien, war alsbald von den Soldaten ergriffen, die ihm, trotz seines Widerstrebens, die Hände mit einem Strick banden. Diejenigen, die ihn fingen, zeigten bei dieser Operation ein Geschick und eine Fertigkeit, welche bewies, daß sie in Sachen der Polizei keine Neulinge waren.

Quentin blickte ängstlich nach dem Führer der Reiter, von dem er Freiheit zu erlangen hoffte, und er wußte nicht, sollte er sich freuen oder bekümmern, als er in ihm den abwärtsblickenden und schweigenden Gefährten Meister Peters erkannte. Allerdings mußte der Offizier, welches Verbrechens diese Fremden sich auch schuldig gemacht haben mochten, aus der Geschichte des Morgens wissen, daß er, Durward, keinerlei Verbindungen mit ihnen hatte; aber schwieriger war die Frage, ob dieser finstere Mann ein günstiger Richter oder williger Zeuge in seiner Angelegenheit sein würde, und er blieb unentschieden, ob er seine Lage verbessern würde, wenn er sich direkt an ihn wendete.

Doch zur Bedenklichkeit blieb wenig Zeit. »Trois-Echelles und Petit-André!« sagte der zu Boden blickende Offizier zu zweien von seiner Schaar, »diese Bäume stehen hier ganz bequem. Ich will doch diese ungläubigen diebischen Zauberer lehren, des Königs Gerechtigkeit zu höhnen, wenn sie einen von ihrem verfluchten Stamme getroffen hat. Steigt ab, meine Kinder, und verrichtet flink euer Amt!«

Trois-Echelles und Petit-André waren augenblicklich zu Fuß, und Quentin bemerkte, daß jeder von ihnen an seinem Sattel ein oder zwei Bündel von Stricken befestigt hatte, welche sie schnell lösten, worauf sich zeigte, daß jeder derselben, mit der schrecklichen Schlinge versehen, zur Execution bereit war. Das Blut in Quentin's Adern erstarrte, als er sah, daß man drei Stricke auswählte und die Absicht verrieth, daß man einen um seinen eignen Hals legen wollte. Laut rief er den Offizier an, erinnerte ihn an ihr Zusammentreffen am Morgen, nahm das Recht eines freien Schotten in Anspruch, der hier in befreundetem und verbündetem Lande sei, und läugnete jede Kenntniß der Personen, mit denen er ergriffen war, so wie ihrer Missethaten, völlig ab.

Der Offizier, welchen Durward so anredete, würdigte ihn kaum eines Blickes, während er sprach, und nahm gar keine Notiz davon, als jener sich auf die frühere Bekanntschaft berief. Er wandte sich nun zu einigen der Bauern, die jetzt herzugekommen waren, um entweder freiwillig gegen die Gefangenen zu zeugen, oder aus Neugier, und sagte kurz: »War dieser junge Mensch bei den Vagabunden?«

»Ja, er war es, Sir, und wenn es Ew. Edeln gefällt, Herr Profoß,« antwortete einer von den Bauern, »er war der erste, der schändlicherweise den Schurken abschnitt, den Sr. Majestät Gerechtigkeit nach Verdienst hängen ließ, wie wir schon sagten.«

»Ich schwöre bei Gott und dem heiligen Martin von Tours, daß ich ihn habe mit ihnen gehen sehen,« sagte ein Anderer, »als sie unsere métairie plünderten.«

»Aber Vater,« sagte ein Knabe, »jener Heide war ja schwarz, und dieser Jüngling ist schön; jener hatte kurzes krauses Haar, und dieser hat schöne lange Locken.«

»Ja wohl, Kind,« sagte der Bauer; »und vielleicht wirst du auch sagen, jener hatte einen grünen Rock und der dort ein graues Wamms. Aber der Herr Profoß weiß selbst, daß sie ihre Gesichter so leicht wie ihre Jacken wechseln können, so daß ich noch immer glaube, er war derselbe.«

»Es ist genug,« sagte der Offizier, »daß ihr gesehen habt, wie er sich in die Gerechtigkeitspflege des Königs mischte, indem er versuchte, einen hingerichteten Verräther zu retten. Trois-Echelles und Petit-André, an's Werk!«

»Halt, Herr Offizier!« rief der Jüngling in Todesangst; »hört mich reden – laßt mich nicht schuldlos sterben! mein Blut wird von Euch gefordert werden durch meine Landsleute in dieser Welt, und durch des Himmels Gerechtigkeit in der künftigen.«

»In beiden will ich meine Thaten verantworten,« sagte der Profoß kalt, und gab den Henkern mit seiner linken Hand ein Zeichen; dann zeigte er mit einem Lächeln triumphirender Bosheit mit dem Finger auf seinen rechten Arm, den er in der Binde trug, wahrscheinlich wegen des Schlages, den ihm Durward diesen Morgen ertheilt hatte.

»Erbärmlicher, rachsüchtiger Bösewicht!« antwortete Durward, der sich überzeugte, daß Privatrache der einzige Beweggrund von dieses Mannes Härte war, und daß sich von ihm kein Erbarmen erwarten ließe.

»Der arme Junge rast,« sagte der Profoß; »sag' ihm ein Wort des Trostes, eh' er die Reise antritt, Trois-Echelles; du bist ja ein trostreicher Mann in solchen Fällen, wenn ein Beichtvater nicht zu haben ist. Gib ihm eine Minute lang geistlichen Rath und dann macht die Sache kurz. Ich muß noch die Runde machen. Soldaten, folgt mir!«

Der Profoß ritt fort, gefolgt von seiner Wache, außer zwei oder drei, die zurückblieben, um bei der Hinrichtung zu helfen. Der unglückliche Jüngling schaute ihm mit einem von Verzweiflung verdunkelten Blicke nach, und glaubte mit jedem Hufschlag des hinwegeilenden Rosses die letzte Möglichkeit seiner Rettung entschwinden zu sehn. Er blickte in Todesangst umher, und war erstaunt, selbst in diesem Augenblicke die stoische Gleichgültigkeit seiner Mitgefangenen zu bemerken. Sie hatten anfänglich alle Zeichen der Furcht blicken lassen und auf jede Weise zu entwischen gesucht, aber jetzt, wo sie, dem Anschein nach, dem unvermeidlichen Tode entgegengingen, erwarteten sie mit unerschütterlichem Gleichmuthe die Ankunft desselben. Die Scene ihres bevorstehenden Endes machte vielleicht, daß ihre gebräunten Wangen eine mehr gelbe Farbe annahmen; aber ihre Züge wurden dadurch nicht aufgeregt, und der Ausdruck gefühllosen Stolzes erlosch in ihren Augen nicht. Sie glichen den Füchsen, die, wenn sie all' ihre Listen und schlauen Versuche zu entwischen erschöpft haben, mit düstrer und stummer Beherztheit sterben, welche Bären und Wölfe, die trotzigern Gegenstände der Jagd, nicht an sich blicken lassen.

Sie wurden nicht erschüttert durch das Benehmen der schrecklichen Henker, die bei ihrem Werke mit mehr Bedächtigkeit, als ihr Herr befohlen hatte, verfuhren, was wahrscheinlich seinen Grund darin hatte, daß sie aus Gewohnheit eine Art von Vergnügen in der Verwaltung ihres schrecklichen Amtes fanden. Wir widmen ihrer Schilderung einen Augenblick, weil unter einer tyrannischen Regierung, mag sie nun despotisch oder populär sein, der Charakter des Henkers ein Gegenstand von großer Wichtigkeit ist.

Diese Gerichtspersonen waren wesentlich verschieden in ihrem Ansehen und ihrem Benehmen. Ludwig pflegte sie Demokrit und Heraklit zu nennen, und ihr Herr, der Profoß, nannte sie: Jean-qui-pleure, und Jean-qui-rit.

Trois-Echelles war ein langer, hagerer und schrecklicher Mensch, mit einer eigenthümlichen Gravität im Gesichte und einem langen Rosenkranz um den Hals, den er den armen Sündern, die er hinrichten sollte, zum Gebrauch anzubieten pflegte. Er hatte ein oder zwei lateinische Sprüche im Munde, bezüglich auf die Nichtigkeit und Eitelkeit des menschlichen Lebens; und wäre es gewöhnlich gewesen, in seiner Person verschiedene Aemter zu vereinigen, so würde er das Amt eines Beichtvaters für die Gefangenen mit dem des Henkers recht gerne zusammen verwaltet haben. Petit-André hingegen war ein fröhlicher, runder, lebhafter kleiner Mann, der sein Hinrichtungsamt so trefflich verwaltete, als wenn es die unterhaltendste Beschäftigung von der Welt gewesen wäre. Er schien eine Art zärtlicher Zuneigung zu seinen Schlachtopfern zu empfinden, und sprach immer in freundlichen und sanften Ausdrücken von ihnen. Sie waren seine armen ehrlichen Schelme, seine lieben Freunde, Gevattern, seine guten alten Papa's, je nach ihrem Alter oder Geschlecht; und wenn Trois-Echelles bemüht war, ihnen eine religiöse oder philosophische Betrachtung der Zukunft einzuflößen, so verfehlte Petit-André selten, sie mit einigen Späßen zu unterhalten und ihnen so den Abschied vom Leben als etwas Leichtes, Verächtliches, was der ernsten Betrachtung nicht werth, darzustellen.

Ich kann nicht sagen, warum es so war, aber diese beiden trefflichen Personen waren, trotz der Verschiedenheit ihrer Talente und der Seltenheit von Personen solches Gewerbes, doch weit mehr verabscheut, als vielleicht andre ihres Gleichen, sowohl vorher als nachher, und diejenigen, die sie einigermaßen kannten, waren blos in Zweifel, ob der ernste, pathetische Trois-Echelles, oder der muntere, komische, behende Petit-André Gegenstand der größeren Furcht oder des tieferen Abscheues sei. Gewiß ist, sie trugen in beiderlei Hinsicht über jeden Henker in Frankreich den Sieg davon, es müßte denn ihr Meister Tristan l'Hermite, der berühmte Generalprofoß, oder sein Meister, Ludwig XI., gewesen sein.

Man wird nicht vermuthen, daß Quentin Durward jetzt diese Betrachtungen anstellte. Leben, Tod, Zeit und Ewigkeit schwammen vor seinen Blicken – eine furchtbare und überwältigende Aussicht, vor welcher die menschliche Natur in ihrer Schwäche zurückschaudert, wenn auch der menschliche Stolz sich gern dagegen sträuben möchte. Er wandte sich zu dem Gotte seiner Väter, und während er dies that, trat die kleine, ungeschmückte, dachlose Kapelle, die jetzt die Gebeine fast all' seiner Familienglieder umschloß, vor seinen Geist. »Unsre Erbfeinde gaben meinen Verwandten Gräber in unserm eignen Lande,« dachte er, »aber ich soll die Raben und Geier eines fremden Landes nähren, gleich als ob ich exkommunicirt wäre.« Die Thränen stürzten ihm unwillkürlich vom Auge. Trois-Echelles, der ihn bei der Schulter faßte, wünschte ihm Glück zu seiner frommen Stimmung beim Tode, und rief ernst und pathetisch: » beati, qui in Domino moriuntur;« auch bemerkte er, daß die Seele selig wäre, die den Körper verließ, während Thränen im Auge wären. Petit-André klopfte ihn auf die andre Schulter, und rief: »Muth, mein lieber Sohn! Da du einmal zum Tanze mußt, so eröffne den Ball nur lustig, denn alle Geigen sind im Gange,« und zugleich schwenkte er den Strang, um seinem Scherze Nachdruck zu geben. Als der Jüngling seinen entsetzten Blick erst auf den einen, dann auf den andern wandte, machten sie ihre Meinung deutlicher, indem sie ihn sanft nach dem unseligen Baume hinzogen, und ihn baten, guten Muths zu sein, denn die Sache wäre im Augenblick vorbei.

Bei dieser schrecklichen Predigt warf der Jüngling einen muthlosen Blick umher. »Ist irgend ein guter Christ da, der mich hört,« sagte er, »der dem Ludwig Lesly von der schottischen Garde, in diesem Lande Balafré genannt, sagen will, daß sein Neffe hier schändlich gemordet wird?«

Diese Worte waren zur rechten Zeit gesagt, denn ein Bogenschütz der schottischen Garde, herbeigezogen durch die Vorbereitungen zur Hinrichtung, stand mit einigen Vorübergehenden dabei, um den Vorgang mit anzusehen.

»Bedenkt, was ihr thut,« sagte er zu den Henkern; »wenn der junge Mann ein geborner Schotte ist, so leid' ich es nicht, daß ihm hier so mitgespielt wird.«

»Der Himmel steh' uns bei, Herr Ritter,« sagte Trois-Echelles; »aber wir müssen unsere Befehle vollziehen!« und damit zog er Durward an einem Arme vorwärts.

»Das kürzeste Spiel ist immer das beste!« sagte Petit-André, ihn bei dem andern fortzerrend.

Quentin jedoch hatte Worte des Trostes gehört, und all' seine Kraft anstrengend, warf er plötzlich die Gesetzvollstrecker bei Seite, und lief, noch mit gebundenen Händen, zu dem schottischen Bogenschützen. »Steh' mir bei, Landsmann,« sagte er in seiner Muttersprache, »bei der Liebe zu Schottland und St. Andreas! Ich bin unschuldig – ich bin euer geborner Landsmann. Steh' mir bei, damit du es einst am letzten Tage verantworten kannst.«

»Bei St. Andreas! Ihr Weg zu dir geht durch mich,« sagte der Bogenschütze und entblößte sein Schwert.

»Zerschneide meine Bande, Landsmann!« sagte Quentin, »und ich will selber etwas für mich thun.«

Dies war gethan mit einer Berührung von des Bogenschützen Waffe, und der befreite Gefangene, plötzlich auf Einen von der Wache des Profoß losspringend, entriß diesem die Hellebarde, die er trug, und sagte: »Nun kommt an, wenn ihr es wagt!«

Die beiden Beamten flüsterten unter einander.

»Du reite dem Generalprofoß nach,« sagte Trois-Echelles, »und ich will sie hier aufhalten, wenn ich kann. Soldaten von des Profoß Wache, zu den Waffen!«

Petit-André bestieg sein Pferd und verließ den Platz; die Andern vom Gefolge des Profoß zogen sich auf Befehl des Trois-Echelles so eilig zusammen, daß sie während der entstandenen Verwirrung die andern beiden Gefangenen entwischen ließen. Vielleicht war auch der Eifer, sie festzuhalten, nicht sehr groß, denn sie hatten sich längst am Blute solcher Elenden gesättigt, und gleich andern wilden Thieren waren sie durch langes Morden des Blutbades überdrüssig. Aber der Vorwand war, daß sie unmittelbar zum Schutze des Trois-Echelles aufgerufen zu sein meinten; denn es fand eine Eifersucht zwischen den schottischen Bogenschützen und der Wache des Profoß statt, welche gelegentlich zu offenem Zwiste ward.

»Wir sind stark genug, die stolzen Schotten zweimal zu schlagen, wenn es euch gefällt,« sagte der eine dieser Soldaten zu Trois-Echelles.

Aber dieser vorsichtige Beamte gab ihm ein Zeichen, ruhig zu sein, und wendete sich mit großer Höflichkeit an den schottischen Bogenschützen. »Gewiß, Herr, es ist dies eine große Beleidigung gegen den Generalprofoß, daß Ihr es wagt, den Lauf der Gerechtigkeit des Königs zu hemmen, die gesetzmäßig durch sein Amt verwaltet wird; und Ihr handelt unrechtmäßig gegen mich, der ich in gesetzmäßigem Besitz meines Gefangenen bin. Auch ist es eine nicht gut angewandte Freundlichkeit zu dem jungen Manne, denn es können ihm noch fünfzig Gelegenheiten, zu hangen, vorkommen, ohne daß er sich in dem glücklichen Zustande der Vorbereitung befindet, wie er eben war, eh' Eure Dazwischenkunft zur unrechten Zeit eintrat.«

»Wenn mein junger Landsmann,« sagte der Schotte lächelnd, »der Meinung ist, daß ich ihm Unrecht gethan habe, so will ich ihn ohne ein Wort des Streites Euch wieder überantworten.«

»Nein, nein! um des Himmels willen, nein!« rief Quentin. »Eher mögt Ihr mir den Kopf mit Eurem langen Schwert abschlagen, – das würde sich eher zu meinem Range passen, als durch die Hände solcher schlechten Kerle zu sterben.«

»Hört, wie er schimpft!« sagte der Gesetzvollstrecker. »Ach, wie schnell unsre besten Entschlüsse vorübergehen! Er war in einer seligen Stimmung zum Abschied, aber nun ist er in zwei Minuten ein Verächter obrigkeitlichen Ansehns geworden.«

»Sagt mir nun,« fuhr der Bogenschütze fort, »was dieser junge Mann begangen hat?«

»Er hat sich unterstanden,« antwortete Trois-Echelles mit einiger Würde, »den todten Leib eines Hingerichteten herabzunehmen, während die fleur-de-lys den Baum bezeichnete, woran ich ihn eigenhändig gehangen hatte.«

»Wie verhält sich das, junger Mann?« sagte der Bogenschütze. »Wie kamt Ihr dazu, Euch einer solchen Ungebühr schuldig zu machen?«

»So wahr ich Euren Schutz wünsche,« antwortete Durward, »ich will Euch die Wahrheit sagen, als wär' es meine Beichte. Ich sah einen Mann am Baume zappeln, und unternahm es, ihn abzuschneiden, aus bloßer Menschenliebe. Ich dachte weder an fleur-de-lys, noch an Nelkenblume, und glaubte eben so wenig den König von Frankreich zu beleidigen, als unsern Vater, den Papst.«

»Was hattest du dich aber mit dem todten Leibe zu befassen?« sagte der Bogenschütze; »du wirst sie hängen sehn, in der Nähe dieses Gentleman, an jedem Baume wie Trauben, und du wirst genug zu thun haben, wenn du in diesem Lande hinter dem Knüpfauf Aehrenlese halten willst. Ich werde jedoch einen Landsmann nicht verlassen, wo ich helfen kann. – Hört an, Herr Gerichtsbeamter, Ihr seht, dies ist blos ein Mißverständniß. Ihr solltet doch einiges Mitgefühl mit einem so jungen Reisenden haben. Bei uns zu Hause war er nicht gewohnt, so schnelle Proceduren zu sehn, wie die Euren und die Eures Herrn.«

»Nicht etwa, weil sie dort nicht nöthig wären, nein, Herr Bogenschütze!« sagte Petit-André, der in diesem Augenblick zurückkam. »Bleib' fest, Trois-Echelles, denn hier kommt der Generalprofoß; wir werden gleich sehen, wie er es aufnehmen wird, daß ihm das Werk aus der Hand genommen worden, eh' es beendet war.«

»Und zur rechten Zeit,« sagte der Bogenschütze, »kommen da einige meiner Kameraden.«

Gerade als der Profoß Tristan auf der einen Seite des Hügels, der die Scene des Streits war, mit seiner Patrouille heranritt, kamen vier oder fünf Bogenschützen eilig zur andern herauf, und der Balafré an ihrer Spitze.

In diesem Bedrängniß zeigte Lesly keineswegs die Gleichgiltigkeit gegen seinen Neffen, deren Quentin ihn im Herzen beschuldigte. Denn er bemerkte kaum, daß sein Kamerad und Durward sich in vertheidigender Stellung befanden, als er ausrief: »Cunningham, ich danke dir. – Gentlemen, Kameraden, leiht mir Eure Hilfe – 's ist ein junger schottischer Edelmann, mein Neffe – Lindesay – Guthrie – Tyrie, zieht und haut ein!«

Nun war alle Aussicht zu einem verzweifelten Kampfe zwischen den Parteien vorhanden, die an Zahl zwar nicht gleich waren, aber die bessern Waffen der schottischen Reiter gaben ihnen ebenso viel Aussicht auf Sieg. Der Generalprofoß aber, sei es, daß er es auf den Erfolg eines Gefechtes nicht wagen wollte, oder, daß er glaubte, es werde dem König unangenehm sein, gab seinen Begleitern ein Zeichen, nichts Gewaltthätiges zu unternehmen, während er den Balafré, der sich an die Spitze der andern Partei gestellt hatte, fragte, »was er, ein Ritter aus des Königs Leibgarde, beabsichtige, indem er sich der Hinrichtung eines Verbrechers widersetze?«

»Ich läugne, daß ich das thue,« antwortete Balafré. »Heiliger Martin! es ist, denk' ich, ein Unterschied zwischen der Hinrichtung eines Verbrechers und der Ermordung meines Neffen!«

»Euer Neffe kann ein Verbrecher sein, so gut, als jeder Andre, Herr,« sagte der Generalprofoß. »Und jeder Fremde in Frankreich ist dem Gesetz Frankreichs unterworfen.«

»Ja, aber wir haben Privilegien, wir schottischen Bogenschützen,« sagte Balafré; »haben wir keine, Kameraden?«

»Ja, ja,« riefen alle miteinander. »Privilegien – Privilegien! Lang lebe der König Ludwig – lang lebe der kühne Balafré – lang lebe die schottische Wache – und Tod allen, die unsre Privilegien beeinträchtigen wollen!«

»Nehmt Vernunft an, ihr Herren Reiter!« sagte der Generalprofoß. »Bedenkt meinen Auftrag!«

»Von Euch nehmen wir keine Vernunft an,« sagte Cunningham; »unsre eignen Offiziere werden uns Vernunft lehren. Wir wollen von des Königs Gnade, oder von unserm eignen Hauptmann gerichtet werden, jetzt, da der Lord-Großconnetable nicht gegenwärtig ist.«

»Und wir wollen von Niemand gehängt sein,« sagte Lindesay, »als von Sandie Wilson, dem alten Profoß unsers eignen Corps.«

»Es würde eine bestimmte Beeinträchtigung Sandie's sein, der ein so ehrlicher Mann ist, wie nur irgend einer, der einem die Schlinge umlegt, wenn wir Jemand anders hier verfahren ließen,« sagte Balafré. »Sollte ich selber gehangen werden, kein andrer dürfte mir die Schlinge um den Hals legen.«

»Aber hört nur,« sagte der Profoß, »dieser junge Mann gehört nicht zu Euch, und kann nicht Theil daran haben, was Ihr Eure Privilegien nennt.«

»Was wir unsre Privilegien nennen, das soll auch dafür gelten müssen,« sagte Cunningham.

»Wir wollen sie nicht in Zweifel ziehen hören!« war das allgemeine Geschrei der Bogenschützen.

»Ihr seid toll, meine Herren!« sagte Tristan l'Hermite – »Niemand bestreitet Eure Privilegien, aber der junge Mann gehört nicht zu Euch.«

»Er ist mein Neffe,« sagte Balafré mit triumphirender Miene.

»Aber nicht Bogenschütze der Garde, denk' ich,« erwiederte Tristan l'Hermite.

Die Bogenschützen sahen einander mit Ungewißheit an.

»Sei beharrlich, Kamerad,« flüsterte Cunningham dem Balafré zu, »sag', er sei bei uns aufgenommen.«

»Heiliger Martin! Du hast recht, lieber Landsmann!« antwortete Balafré, und so schwur er mit erhobener Stimme, daß er heute selbst seinen Verwandten als einen seines Gefolges angenommen habe.

Diese Erklärung war ein entscheidendes Argument.

»Es ist gut, ihr Herren,« sagte der Profoß Tristan, der des Königs ängstliche Besorgniß über eine Entzweiung, die unter seinen Garden entstehen könnte, kannte. – »Ihr kennt, wie Ihr sagt, Eure Privilegien, und es ist nicht meiner Pflicht angemessen, mit des Königs Garden zu streiten, sobald es zu vermeiden ist. Doch will ich diese Sache des Königs eigener Entscheidung vorlegen; und ich kann Euch versichern, daß ich auf diese Weise milder handle, als vielleicht meine Pflicht verlangt.«

So sagend setzte er seine Schaar in Bewegung, während die Bogenschützen, die auf ihrem Platze zurückgeblieben, eilig Rath hielten, was nun zunächst zu thun sei.

»Wir müssen zuerst die Sache unserm Hauptmann, Lord Crawford, vortragen und des jungen Mannes Namen in die Liste setzen.«

»Aber, Gentlemen, und meine würdigen Freunde und Retter,« sagte Quentin mit einigem Stocken, »ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich Dienst unter Euch nehmen will, oder nicht.«

»Dann bestimme dich nur,« sagte sein Oheim, »ob Du das thun, oder gehangen werden willst – denn ich versichre dir, der du mein eigner Neffe bist, ich sehe keine andre Möglichkeit für dich, dem Galgen zu entwischen.«

Das war ein unbestreitbares Argument, und bestimmte alsbald Durward, auf das einzugehen, was er außerdem für gar nicht annehmlich angesehen haben würde; aber die kaum geschehene Rettung vom Stricke, den er schon um seinen Hals gefühlt hatte, würde ihn wahrscheinlich mit einer noch schlimmern Alternative versöhnt haben.

»Er muß mit uns heim nach der Kaserne gehen,« sagte Cunningham; »außerhalb unserer Gränzen ist keine Sicherheit für ihn, so lange diese Menschenjäger umherspüren.«

»Kann ich mich für diese Nacht nicht in dem Gasthause verbergen, wo ich frühstückte, lieber Oheim?« fragte der Jüngling, der vielleicht, gleich manchen Rekruten, dachte, schon eine einzige Nacht der Freiheit sei ein Gewinn.

»Ja, lieber Neffe,« sagte der Oheim spöttisch, »wenn wir das Vergnügen haben wollen, dich Morgen aus einem Kanale, oder Sumpfe, oder vielleicht in einen Sack gesteckt, um besser schwimmen zu können, aus der Loire fischen zu können – denn das wäre wahrscheinlich das Ende. Der Generalprofoß lächelte, als wir uns trennten,« fuhr er, sich zu Cunningham wendend, fort, »und das ist ein Zeichen, daß er gefährliche Gedanken hat.«

»Mich kümmert seine Gefahr nicht,« sagte Cunningham; »solch' Wild, wie wir, ist über seinen Vogelbolzen. Aber ich wollte, du erzähltest die ganze Fahrt dem Oliver, der stets mit der schottischen Garde gut Freund ist, und den Vater Ludwig eher sehen wird, eh' es der Profoß kann, denn er muß ihn morgen früh barbiren.«

»Doch hört,« sagte Balafré, »mit leerer Hand geht es schlecht bei Oliver, und ich bin so kahl, wie eine Birke im December.«

»So sind wir Alle,« sagte Cunningham – »Oliver muß sich mit unserm schottischen Worte begnügen. Wir wollen beim nächsten Löhnungstag etwas Hübsches unter uns zusammenmachen; und wenn er hoffen darf zu theilen, so verlaßt Euch darauf, der Zahltag wird um so eher kommen.«

»Und nun zum Schlosse,« sagte Balafré; »und mein Neffe soll uns unterwegs erzählen, wie er sich den Generalprofoß auf den Hals gebracht hat, damit wir wissen, wie wir unsern Bericht an Crawford und Oliver einzurichten haben.«



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