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Neuntes Kapitel.
Die Eberjagd.

Umgeh'n will ich mit ungezog'nen Knaben,
Mit läst'gen Narr'n. Doch taugt für mich nicht der,
Deß Auge stets mißtrauisch auf mich schaut.

König Richard.

All' die Erfahrung, die der Cardinal vom Charakter seines Herrn hatte sammeln können, verhinderte nicht, daß er bei dieser Gelegenheit in einen großen politischen Irrthum fiel. Seine Eitelkeit verleitete ihn, zu glauben, er sei glücklicher gewesen, den Grafen von Crèvecoeur zum Verweilen zu Tours zu vermögen, als es ein andrer Vermittler, den der König hätte anwenden können, aller Wahrscheinlichkeit nach gewesen sein würde. Und da er von der Wichtigkeit überzeugt war, die Ludwig auf den Aufschub eines Krieges mit Burgund legte, so konnte er nicht umhin, zu zeigen, daß er wisse, welchen großen und annehmlichen Dienst er dem König geleistet habe. Er drängte sich näher zu des Königs Person, als er sonst gewohnt war, und bemühte sich, eine Unterhaltung über die Ereignisse des Morgens anzuknüpfen.

Dies war in mehr als einer Hinsicht unbedachtsam; denn Fürsten lieben es nicht, daß sich ihnen Unterthanen mit dem Bewußtsein des Verdienstes nähern, und so Anerkennung und Lohn für ihre Dienste erzwingen zu wollen scheinen; und Ludwig, der mißtrauischste Monarch, der je lebte, war besonders abgeneigt gegen und unzugänglich für Jeden, der Anspruch auf geleistete Dienste zu machen oder sich in Geheimnisse drängen zu wollen schien.

Aber hingerissen, wie es oft mit den Vorsichtigsten geschieht, von der selbstzufriedenen Laune des Augenblicks, fuhr der Cardinal fort, dem König zur Rechten zu reiten, das Gespräch, so weit es nur immer möglich, stets auf Crèvecoeur und seine Gesandtschaft lenkend, welches, obwohl dieser Gegenstand jetzt des Königs Gedanken hauptsächlich beschäftigen mochte, doch im Grunde gerade der war, über den er sich am wenigsten gern unterhalten mochte. Endlich gab Ludwig, der ihm zwar mit Aufmerksamkeit zugehört, aber dennoch nicht so geantwortet hatte, daß er die Unterhaltung hätte verlängern sollen, Dunois, der in geringer Entfernung ritt, ein Zeichen, auf die andere Seite seines Pferdes zu kommen.

»Zum Vergnügen und zur Erholung kamen wir hieher,« sagte er, »aber der ehrwürdige Vater will, daß wir Staatsrath halten.«

»Ich hoffe, Eure Hoheit werden mir die Theilnahme erlassen,« sagte Dunois; »ich bin geboren, die Schlachten Frankreichs zu fechten, und habe Herz und Hand dafür, aber ich habe keinen Kopf für's Rathpflegen.«

»Mylord Cardinal hat einen Kopf, der auf nichts Anderes sinnt,« sagte Ludwig; »er hat Crèvecoeur am Schloßthor beichten lassen, und er hat uns seine ganze Beichte mitgetheilt. – Sagtet Ihr nicht die ganze?« fuhr er fort, mit einem Nachdrucke auf dem Worte und einem Blick auf den Cardinal, der zwischen seinen langen dunkeln Wimpern hervorschoß, wie ein Dolch blitzt, wenn er aus der Scheide fährt.

Der Cardinal zitterte, als er, bemüht, des Königs Scherz zu erwidern, sagte: »daß, obwohl sein Stand ihn nöthige, die Geheimnisse der Beichtenden im Allgemeinen zu verbergen, es doch kein Sigillum confessionis gebe, welches des Königs Hauch nicht schmelzen könne.«

»Und da Seine Eminenz bereit ist,« sagte der König, »uns die Geheimnisse Anderer mitzutheilen, so erwartet er natürlich, daß auch wir so mittheilend gegen ihn sein sollen; und, um auf diesen gegenseitigen Fuß zu kommen, wünscht er besonders auch zu erfahren, ob jene beiden Damen von Croye wirklich in unserm Gebiete sind. Es thut uns leid, seine Neugier nicht befriedigen zu können, da wir selbst nicht wissen, an welchem Orte sich soeben irrende Fräulein, verkappte Prinzessinnen, unglückliche Gräfinnen innerhalb unsers Reichs befinden mögen; denn dieses ist, Dank dem Himmel und unsrer Frau von Embrun, zu ausgedehnt, als daß wir so leicht den begründetsten Nachforschungen Seiner Eminenz genügen könnten. Doch gesetzt, sie wären bei uns, was sagt Ihr dann, Dunois, zu unsers Vetters nachdrücklicher Forderung?«

»Ich will Euch antworten, mein Fürst, wenn Ihr mir aufrichtig sagen wollt, ob Ihr Krieg oder Frieden braucht,« erwiderte Dunois, mit einem Freimuth, der, da er aus der natürlichen Offenheit und Unerschrockenheit seines Charakters entsprang, ihn zuweilen zum großen Lieblinge Ludwig's machte, der gleich allen listigen Personen, eben so begierig war, in die Herzen Andrer zu sehen, als das eigene zu verschließen.

»Bei meiner Ehre,« sagte er, »es läge mir selber daran, Dunois, dir meine Absicht zu eröffnen, wenn ich sie nur selber genau wüßte. Aber angenommen, ich entschiede mich für Krieg, was sollte ich mit dieser schönen und reichen jungen Erbin thun, gesetzt, daß sie sich in meinem Gebiete befände?«

»Sie mit einem Eurer tapfern Gefährten verheirathen, welcher ein Herz hat, sie zu lieben, und einen Arm, sie zu schützen,« sagte Dunois.

»Dir selber, ha!« sagte der König. » Pasques-dieu! du bist politischer, als ich glaubte, bei all' deinem schlichten Wesen.«

»Sire,« sagte Dunois, »ich bin Alles, nur nicht politisch. Bei unsrer Frau von Orleans, ich komme sofort zu dem Punkte, sowie ich mein Pferd nach dem Ring reite. Eure Majestät ist dem Hause Orleans wenigstens eine glückliche Heirath schuldig.«

»Und ich will die Schuld zahlen, Graf. Pasques-dieu! ich will sie zahlen! – Siehst du nicht jenes glückliche Paar?«

Der König zeigte auf den unglücklichen Herzog von Orleans und die Prinzessin, die weder in zu großer Entfernung vom König zurückzubleiben wagten, noch in seinen Augen getrennt von einander scheinen wollten, und zwar neben einander ritten, aber doch einen Raum von zwei bis drei Schritt zwischen sich ließen, ein Raum, den Schüchternheit von der einen, Abneigung von der andern Seite zu vermindern verbot, obwohl sie ihn auch nicht zu vergrößern wagten.

Dunois sah nach der Richtung, wohin der König deutete, und da die Lage seines unglücklichen Verwandten und der ihm bestimmten Braut an Nichts so sehr, als an zwei Hunde erinnerte, die, fest zusammengekettet, trotzdem so weit auseinander bleiben, als es die Länge ihrer Halsbänder nur gestattet, so schüttelte er unwillkürlich sein Haupt, obwohl er dem heuchlerischen Tyrannen keine andre Antwort zu geben wagte. Ludwig schien seine Gedanken zu errathen.

»Es wird ein friedlicher, ruhiger Haushalt sein, den sie führen werden – nicht sehr durch Kinder gestört, glaub ich wohl. Aber die sind auch nicht immer ein Segen.«

Es war vielleicht die Erinnerung an seine eigene kindische Undankbarkeit, die den König nach der letzten Bemerkung eine Pause machen ließ, und die das höhnische Lächeln, das auf seinen Lippen zitterte, in Etwas verwandelte, was mehr dem Ausdrucke der Zerknirschung glich. Aber er fuhr alsbald in einem andern Tone fort.

»Offen, mein Dunois, so sehr ich auch das heilige Sakrament der Ehe verehre« (hier bekreuzte er sich), »ich möchte doch lieber, das Haus Orleans gäbe mir so tapfere Krieger, wie deinen Vater und dich, die das französische Königsblut theilen, ohne seine Rechte in Anspruch zu nehmen, statt daß das Land in Stücke gerissen würde, gleich England, die aus der Nebenbuhlerschaft derer entspringen, die gesetzmäßige Ansprüche auf die Krone machen. Der Löwe sollte nie mehr als ein Junges haben.«

Dunois seufzte und schwieg, denn er wußte, daß ein Widerspruch den unumschränkten Herrscher nur gegen den Verwandten einnehmen würde, ohne diesem einen Dienst zu leisten; aber er konnte nicht umhin, im nächsten Moment hinzuzufügen:

»Da Eure Majestät auf meines Vaters Geburt anspielte, so muß ich gestehen, daß, die Schwachheit der Eltern bei Seite gesetzt, er vielleicht weit glücklicher war als Sohn einer ungesetzlichen Ehe, denn der Sohn gesetzlichen Hasses.«

»Du bist ein ärgerlicher Bursche, Dunois, so von der heiligen Ehe zu sprechen,« antwortete Ludwig scherzend. »Aber zum Teufel mit der Unterhaltung, denn der Eber ist aufgetrieben. – Laßt die Hunde los, im Namen des heiligen Hubert! – Ha! ha! tra–la–la–lira–la!« – Und des Königs Horn scholl lustig durch den Wald, während er vorwärts zur Jagd eilte, gefolgt von zwei oder drei seiner Garden, unter denen auch unser Freund Quentin Durward war. Und hierbei war bemerkenswerth, daß der König selbst im Verfolg dieses Lieblingsspiels, sich seiner Neigung zur Ironie überlassend, Muße fand, sich zu ergötzen, indem er den Cardinal Balue quälte.

Es war eine der Schwächen dieses unglücklichen Staatsmanns, wie wir anderswo schon andeuteten, daß er sich, obwohl von niederer Herkunft und beschränkter Erziehung, doch für fähig hielt, den Höfling und galanten Mann zu spielen. Allerdings betrat er nicht wirklich die Schranken, wie Becket, und warb nicht Soldaten, wie Wolsey. Aber Galanterie, worin jene Fortschritte machten, war auch sein Hauptaugenmerk; und gleicherweise affectirte er große Vorliebe zu dem kriegerischen Vergnügen der Jagd. So viel Glück er indessen auch bei gewissen Damen machen mochte, denen seine Macht, sein Reichthum und sein Einfluß als Staatsmann als Entschädigung für seinen Mangel an guter Gestalt und Benehmen gelten konnten, so waren die edlen Rosse, die er zu jedem noch so hohen Preise erkaufte, ganz unempfindlich für die Ehre, einen Cardinal zu tragen, und liehen ihm nicht mehr Ehrfurcht, als sie seinem Vater, dem Schneider, Müller oder Fuhrmann, gezollt haben würden, mit dem er in der Reitkunst wetteiferte. Der König wußte dies, und indem er sein eignes Roß immer aufreizte und neckte, brachte er das des Cardinals, den er sich dicht an der Seite hielt, in einen solchen Zustand des Aufruhrs gegen seinen Reiter, daß es offenbar ward, beide würden einander nicht lange mehr Gesellschaft leisten; und dann mitten unter dem Scheuen, Springen und Ausschlagen machte der königliche Plagegeist den Reiter wieder dadurch elend, daß er ihn über manche wichtige Angelegenheiten befragte, und ihm deutlich zu verstehen gab, er wolle Gelegenheit nehmen, ihm jetzt einige von den Staatsgeheimnissen mitzutheilen, die der Cardinal kurz zuvor so sehr zu erfahren wünschte.

Eine fatalere Situation läßt sich kaum denken, als die eines Geheimenraths, der gezwungen ist, seinem Fürsten zuzuhören und zu antworten, während jeder frische Sprung seines unbändigen Pferdes ihn in eine neue und immer bedenklichere Attitude versetzt – sein violetenes Gewand flog wehend nach allen Richtungen, und Nichts sicherte ihn vor einem jähen und gefährlichen Falle, außer die Tiefe des Sattels und seine Höhe vorn und hinten. Dunois lachte ohne Rückhalt; während der König, der auf besondere Weise seinen Spaß inwendig zu genießen pflegte, ohne laut zu lachen, seinem Minister milde Vorwürfe machte wegen seiner heftigen Leidenschaft für die Jagd, die ihm nicht erlaube, wenige Minuten den Geschäften zu widmen. »Ich will Euren ungestümen Lauf nicht länger hindern,« sagte er dann, den erschrockenen Cardinal anredend, während er zugleich sein eignes Pferd anspornte.

Bevor Balue ein Wort der Erwiderung oder Entschuldigung hervorbringen konnte, nahm sein Pferd das Gebiß zwischen die Zähne und stürzte im unaufhaltsamen Galopp fort, bald den König und Dunois hinter sich lassend, die in geregelterem Schritt folgten und sich an des Staatsmanns trauriger Lage ergötzten. Wenn einer unsrer Leser einmal einen solch' unwillkürlich heftigen Ritt machen mußte (wie wir selber erlebt haben), so wird er eine genügende Idee haben von der Pein, Gefahr und Lächerlichkeit der Situation. Jene vier Beine des Quadrupeden, die keineswegs unter des Reiters Herrschaft, manchmal nicht einmal unter der des Thiers stehen, dem sie noch näher angehören, fliegen dann auf solch' eine Weise, als ob die hintersten die vordersten zu überholen gedächten – dann die anklammernden Beine des Zweifüßlers, die wir so innig auf die grüne Erde zu setzen wünschen, die aber das Elend nur vermehren, indem sie die Seiten des Thieres pressen, – die Hände, welche den Zaum mit der Mähne vertauschten, – der Leib, der, statt aufrecht sitzend den Schwerpunkt zu behaupten, wie Ehrn Angelo zu empfehlen pflegte, oder, gleich einem Jockey zu Newmarket, sich vorwärts zu beugen, liegt oder hängt vielmehr auf dem Rücken des Thiers, in nicht viel bessern Umständen, als ein Kornsack – dies Alles zusammen vollendet ein Gemälde, welches ebenso ergötzlich für den Zuschauer, als unbequem und trostlos für den Darsteller ist. Aber kommt dazu noch die Sonderbarkeit der Kleidung oder Figur des unseligen Ritters – ein Amtskleid, eine glänzende Uniform oder ein anderes besonderes Costüm, – ist die Scene der Handlung ein Wettrennen, eine Revue, eine Prozession oder sonst ein öffentlicher und frequentierter Ort, wenn dann der arme Teufel einem unauslöschlich schallenden Gelächter entgehen will, so muß er wenigstens ein oder zwei Glieder brechen, oder, was noch effektvoller sein wird, auf der Stelle todt bleiben; denn um einen wohlfeilern Preis wird sein Fall eher alles Andre erregen, als ernstes Mitgefühl. Bei gegenwärtiger Gelegenheit gab das kurze violetfarbene Kleid des Cardinals, welches er als Reitkleid zu tragen pflegte (er hatte seine langen Gewänder abgelegt, ehe er das Schloß verließ), seine Scharlachstrümpfe und Scharlachhut mit den langen hinten hängenden Schnüren, verbunden mit seiner äußersten Hilflosigkeit, dieser Darstellung seiner Reitkunst einen unendlichen Reiz.

Das Pferd, welches die Angelegenheiten ganz in seine eigne Hand genommen hatte, flog mehr, als es galoppirte, auf einen langen, grünen Baumgang hin, überholte die Hunde, die den Eber verfolgten, warf dann ein oder zwei Jägerburschen nieder, die von hinten gar keinen Angriff erwartet hatten, – trat verschiedene Hunde nieder und verwirrte die Jagd ungemein, – angereizt durch den lärmenden Ruf und die Drohungen der Jäger, trug es den entsetzten Cardinal vor dem schrecklichen Thiere selbst vorbei, welches im scharfen Trott daherrauschte, wüthend und mit Schaum bedeckt, den es mit seinen Hauern umherschleuderte. Balue, als er sich dem Eber so nahe sah, stieß ein schreckliches Hilfgeschrei aus, und dies oder vielleicht der Anblick des Ebers, äußerte eine solche Wirkung auf sein Roß, daß das Thier seinen stürmischen Lauf plötzlich unterbrach, indem es auf die Seite sprang, so daß der Cardinal, der schon lange, nur weil es immer gradaus ging, seinen Sitz noch behauptet hatte, jetzt schwer zu Boden fiel. Das Ende von Balue's Jagd fand so nah' beim Eber statt, daß, wäre das Thier in diesem Augenblick nicht zu sehr mit seinen eignen Affairen beschäftigt gewesen, die Nachbarschaft so unheilvoll für den Cardinal hätte werden können, wie sie dem Favila, König der Westgothen, in Spanien geworden sein soll. Der mächtige Geistliche kam indeß mit der Angst weg, und indem er so hastig als möglich den Hunden und Jägern aus dem Wege kroch, sah er die ganze Jagd an sich vorübersausen, ohne daß ihm Beistand geworden wäre; denn die Jäger wurden zu jener Zeit durch dergleichen Mißgeschick so wenig zu Mitleid bewegt, als heut' zu Tage.

Der König sagte, als er vorüberritt, zu Dunois: »dort liegt Seine Eminenz ziemlich tief – er ist kein großer Jäger, obwohl er es als Fischer (wenn es Geheimnisse zu haschen gilt) dem St. Peter selber gleich thun mag. Er hat aber, denk' ich, für dies Mal genug.«

Der Cardinal hörte die Worte nicht, aber der höhnische Blick, mit dem sie gesprochen waren, ließ ihn ihren Inhalt im Allgemeinen errathen. Man sagt, der Teufel ergreife solche Gelegenheiten zur Versuchung, wie ihm hier durch Balue's Leidenschaften geboten wurden, die so bitterlich durch den Hohn des Königs erregt worden waren. Die momentane Furcht war vorbei, sobald er sich überzeugt hatte, sein Fall habe ihn nicht verletzt; aber gekränkte Eitelkeit und Rachgefühl gegen seinen Fürsten hatten einen nachhaltigen Einfluß auf seine Gefühle.

Nachdem die ganze Jagd vorübergegangen war, kam noch ein einzelner Ritter, der mehr ein Zuschauer als ein Theilnehmer des Vergnügens schien, mit ein oder zwei Dienern herangeritten, und drückte sein nicht geringes Erstaunen aus, den Cardinal hier zur Erde, ohne Pferd und Gefolge und in einer Beschaffenheit zu finden, welche die Natur des Ereignisses, das ihn hieher gebracht, sehr deutlich zeigte. Absteigen, seinen Beistand unter diesen Umständen anbieten – einen seiner Begleiter vermögen, dem Cardinal einen ruhigen und sichern Zelter zu überlassen – sein Erstaunen ausdrücken über das Betragen des französischen Hofs, welches ihm gestattete, so die weisesten Staatsmänner den Gefahren der Jagd zu überlassen und in ihren Nöthen keine Hülfe zu senden: dies waren die natürlichen Mittel des Trostes und der Unterstützung, die ein so seltsames Zusammentreffen dem Grafen Crèvecoeur an die Hand gab; denn der burgundische Gesandte war es, welcher dem gefallenen Cardinal zu Hilfe kam.

Er fand den Minister in einer glücklichen Zeit und Stimmung, um einige jener Angriffe auf seine Treue zu versuchen, denen Balue, wie wohl bekannt ist, zuzuhören die sträfliche Schwachheit hatte. Schon am Morgen, wie der mißtrauische Sinn Ludwig's argwohnte, war mehr zwischen ihnen vorgegangen, als der Cardinal wagen durfte, seinem Herrn zu hinterbringen. Aber wiewohl er schon da mit selbstgefälligen Ohren von dem hohen Werth gehört hatte, den, wie Crèvecoeur versicherte, der Herzog von Burgund auf seine Person und Talente legte, auch ein Gefühl von Versuchung nicht bannen konnte, als der Graf auf den freigebigen Charakter seines Herrn und die reichen Pfründen Flanderns hindeutete, so war es doch erst nach diesem Zufall, der, wie wir berichteten, ihn höchlich erbitterte, daß er aus verwundeter Eitelkeit zur schlimmen Stunde beschloß, Ludwig XI. zu zeigen, daß kein Feind gefährlicher sein kann, als ein beleidigter Freund und Vertrauter.

Bei gegenwärtiger Gelegenheit ersuchte er Crèvecoeur dringend, ihn zu verlassen, damit sie nicht beobachtet würden, aber er bestimmte ihm eine Zusammenkunft für den Abend in der Abtei St. Martin zu Tours, nach der Vesper; und das in einem Tone, der den Burgunder versicherte, daß sein Herr einen Vortheil erhalten habe, den er kaum hatte hoffen können, außer in solch' einem Augenblick der Erbitterung.

Unterdessen verfolgte Ludwig, der, wiewohl der klügste Fürst seiner Zeit, doch bei dieser, wie bei andern Gelegenheiten, seine Klugheit hatte von der Leidenschaft überflügeln lassen, eifrig die Jagd des wilden Ebers, welche nun zu einem interessanten Punkte gediehen war. Es hatte sich getroffen, daß ein Sounder (d. i. in der Sprache jener Zeit ein nur zweijähriger Eber) die Spur des eigentlichen Gegenstandes der Jagd gekreuzt, und so alle Hunde (außer zwei oder drei Paar alter tüchtiger Hunde) und den größern Theil der Jäger nach sich gezogen hatte. Der König sah mit innerem Vergnügen, daß Dunois, wie die Andern, dieser falschen Spur folgte, und freute sich in Geheim an dem Gedanken, über diesen vollkommenen Ritter zu triumphiren in der Kunst der Jägerei, die damals fast für eben so rühmlich, als der Krieg, galt. Ludwig war gut beritten und folgte den Hunden auf dem Fuße, so daß, als der eigentliche Eber sich in ein Stück Moorgrund wandte, Niemand als der König selber ihm nahe war.

Ludwig zeigte alle Tapferkeit und Gewandtheit eines erfahrnen Jägers; denn, ohne der Gefahr zu achten, ritt er auf das furchtbare Thier los, welches sich mit Wuth gegen die Hunde vertheidigte, und traf es mit seinem Eberspieß; aber da sich das Pferd vor dem Eber scheute, so war der Stoß nicht so wirksam, um ihn zu tödten oder unschädlich zu machen. Keine Anstrengung vermochte das Pferd, noch einmal anzugreifen, so daß der König abstieg und zu Fuß gegen das wüthende Thier ging, in der Hand eines von den kurzen, scharfen, spitzigen Schwertern entblößt haltend, dessen sich die Jäger in solchen Fällen bedienen. Der Eber verließ sogleich die Hunde und stürzte gegen den menschlichen Feind, während der König, seine Stellung nehmend und festen Fuß fassend, ihm das Schwert entgegenhielt, in der Absicht, nach des Ebers Hals zu zielen, oder vielmehr nach der Brust am Halsbein; in diesem Falle würde das Gewicht des Thieres und der Ungestüm seines Laufes seinen Untergang gefördert haben. Aber bei der Feuchtigkeit des Bodens glitt der König, gerade als dies feine und gefährliche Manöver vollführt werden sollte, aus, so daß die Spitze des Schwerts den Panzer der Borsten an der äußern Seite der Schulter des Thieres traf, ohne einen Eindruck zu machen, und Ludwig fiel platt auf den Boden. Dies war insofern ein Glück für den König, als das Thier wegen des Falles des Fürsten seinen Gegenstoß auch verfehlte, und blos mit dem Hauzahn des Königs kurzes Jagdkleid schlitzte, statt ihm den Leib aufzureißen. Aber als der Eber, der in der Hitze ein wenig weiter gerannt war, umkehrte, um den Angriff auf den König zu erneuern, gerade in dem Augenblick, als er aufstehen wollte, so kam das Leben Ludwig's in drohende Gefahr. In diesem kritischen Augenblick kam Quentin Durward, der durch die Langsamkeit seines Rosses bei der Jagd zurückgeblieben war, aber dennoch des Königs Horn wohl unterschieden hatte und diesem gefolgt war, herangeritten und durchbohrte das Thier mit seinem Speer.

Der König, der indeß auf die Füße gekommen war, kam nun wieder Durward zu Hilfe und durchschnitt des Thieres Kehle mit seinem Schwert. Eh' er aber ein Wort zu Quentin sprach, maß er des Thieres Größe durch Schritt und Fuß – dann wischte er sich den Schweiß von der Stirne, das Blut von der Hand, nahm seinen Jagdhut ab, hängte ihn an einen Busch, und betete andächtig vor den kleinen daran befestigten Bleifiguren; endlich blickte er auf Durward und sagte: »Bist du es, mein junger Schotte? – Du hast deine Jägerschaft wohl begonnen, und Meister Peter ist dir eine bessere Mahlzeit schuldig, als er dir in der fleur-de-Lys dort gab. – Warum sprichst du nicht? Du hast, dünkt mich, deine Munterkeit und dein Feuer am Hofe verloren, wo Andere Beides finden.«

Quentin, der ein so schlauer Jüngling war, als je einen die schottische Luft gemacht hatte, hatte mehr ehrerbietige Scheu als Vertrauen zu seinem gefährlichen Herrn, und war zu klug, die gefährliche Erlaubniß zur Vertraulichkeit zu nützen, wozu er eingeladen zu sein schien. Er antwortete in wenigen und wohlgewählten Worten, daß, wenn er überhaupt Seine Majestät anzureden wage, es nur geschehe, um Verzeihung für die grobe Dreistigkeit zu erbitten, womit er sich gegen den König betragen, als er dessen hohen Rang noch nicht kannte.

»Still, Mann!« sagte der König; »deine Rauheit vergeb' ich dir wegen deines Geistes und deiner Klugheit. Ich bewunderte, wie nahe du auf meines Gevatters Tristan Beschäftigung riethest. Wie ich hörte, hast du seitdem beinahe sein Handwerk selber empfunden. Ich bitte dich, sei vor ihm auf der Hut; er ist ein Kaufmann, der mit rauhen Armbändern und dichten Halsbändern handelt. Hilf mir auf's Pferd – ich bin dir gewogen und will dir Gutes thun. Baue auf keines Menschen Gunst, außer auf meine – auch nicht einmal auf die deines Oheims oder Lord Crawford's – und sage nichts von deinem Beistand in dieser Ebersache; denn wer sich dessen rühmt, was er in solchem Falle einem König geleistet, der muß seine Prahlerei als seinen Lohn ansehen.«

Der König stieß darauf in's Horn, welches Dunois und verschiedene Diener herbeizog, deren Compliment über die Erlegung eines so edlen Thieres er empfing, indem er sich ohne Bedenken einen größern Theil des Verdienstes aneignete, als ihm gebührte; denn er erwähnte Durward's Beistand nur so nebenbei, wie ein vornehmer Jäger, der, sich der großen Anzahl der gefangenen Vögel rühmend, die Gegenwart und Hilfe des Wildwärters weiter nicht anschlägt. Darauf befahl er Dunois, zu sorgen, daß der erlegte Eber der Brüderschaft zu St. Martin zu Tours gesendet werde, damit sie einen Festbraten hätten und des Königs bei ihren Andachtsübungen gedenken möchten.

»Und,« sagte Ludwig, »wer hat Se. Eminenz den Herrn Cardinal gesehen? Mich dünkt, es wäre eine schlechte Höflichkeit und wenig Achtung gegen die heilige Kirche, wenn man ihn zu Fuß hier im Walde ließe.«

»Gefällt es Euch, Sire,« – sagte Durward, als er sah, daß Alle schwiegen, »ich sah den Herrn Cardinal mit einem Pferde versorgt, auf welchem er den Wald verließ.«

»Der Himmel sorgt für die Seinen,« sagte der König. »Vorwärts, nach dem Schlosse, meine Herren; wir wollen heute nicht mehr jagen. – Ihr, Herr Knappe,« wandte er sich zu Quentin, »reicht mir mein Jagdmesser – zur Seite des Platzes dort fiel es mir aus der Scheide. Reitet voran, Dunois – ich folge sogleich.«

Ludwig, dessen leichteste Bewegungen oft wie Kriegslisten vollführt wurden, gewann so Gelegenheit, Durward heimlich zu fragen: »Mein guter Schotte, du hast ein Auge, wie ich sehe – kannst du mir sagen, wer dem Cardinal zum Pferd verhalf? – Ein Fremder, wahrscheinlich; denn, da ich ohne anzuhalten vorüberritt, so werden die Hofleute ihm eben nicht so eilig dergleichen guten Dienst erwiesen haben.«

»Ich sah diejenigen, die Seiner Eminenz beistanden, nur einen Augenblick, Sire,« sagte Quentin; »es war bloß ein flüchtiger Blick, denn ich war unglücklicherweise zurückgeblieben, und ritt schnell, um auf meinen Platz zu kommen; doch denk' ich, es war der Gesandte von Burgund und seine Leute.«

»Ha!« sagte Ludwig. – »Wohl, sei es so – Frankreich wird es mit ihnen aufnehmen.«

Sonst ereignete sich weiter nichts Merkwürdiges, und der König kehrte mit seinem Gefolge nach dem Schlosse zurück.



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