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Zweites Kapitel.
Der Wanderer.

Für mich ist denn die Welt die Auster
Die mit dem Schwert ich öffnen will.

Altes Lied.

Es war an einem köstlichen Sommermorgen, bevor die Sonne ihre versengende Kraft erhalten hatte, und während der Thau die Luft noch kühlte und durchduftete, als ein junger Mann, welcher nordostwärts herkam, sich der Furth eines kleinen Flusses oder vielmehr breiten Baches näherte, welcher ein Arm des Cher war, unweit des königlichen Schlosses Plessis-les-Tours, dessen düstre und manchfache Gebäude sich im Hintergrunde über die weitgedehnten Wälder erhoben, von denen sie umgeben waren. Diese Waldungen enthielten eine hohe Jagd oder königliches Gehege, von einer Einfriedigung geschützt, die im Latein des Mittelalters plexitium hieß, und wovon noch so viele Dörfer in Frankreich den Namen Plessis führen. Das Schloß und Dorf aber, von dem hier die Rede ist, hieß Plessis les Tours, um es von anderen ähnlichen Namens zu unterscheiden, und war ungefähr zwei Meilen südlich von der schönen Stadt dieses Namens erbaut, der Hauptstadt der alten Touraine, deren reiche Ebene der Garten Frankreichs genannt wurde.

An dem Ufer des erwähnten Baches, welches demjenigen, dem sich der Reisende näherte, gegenüber lag, schienen zwei Männer, die in tiefem Gespräche begriffen sein mochten, von Zeit zu Zeit seine Bewegungen zu beobachten, denn da ihr Standpunkt weit höher lag, konnten sie ihn schon in beträchtlicher Entfernung bemerken.

Das Alter des jungen Reisenden mochte etwa neunzehn Jahr oder zwischen neunzehn und zwanzig sein, und sein Aeußeres, wie seine Person, die beide sehr einnehmend waren, gehörten gleichwohl dem Lande nicht an, in welchem er sich jetzt befand. Sein kurzer grauer Rock und die gleichen Beinkleider waren eher von flämischem als französischem Schnitt, während die spitze blaue Mütze, mit einem Distelzweig und einer Adlerfeder, bereits die schottische Kopfzierde erkennen ließen. Seine Kleidung war sehr nett, und mit der Sorgfalt eines jungen Mannes geordnet, der es weiß, daß er hübsch ist. Auf dem Rücken trug er ein Ränzchen, welches einige nöthige Gegenstände zu enthalten schien, an der linken Hand einen Falkenhandschuh, obwohl er keinen Vogel mit sich führte, und in der rechten einen starken Jagdstock. Ueber seine linke Schulter hing eine gestickte Schärpe, woran sich eine Tasche von Scharlachsammt befand, wie es damals die vornehmen Falkenjäger trugen, um das Falkenfutter darin zu bewahren, und noch andere Gegenstände, die zu dieser dazumals gepriesenen Jagdlust gehörten. Darüber hing kreuzweis ein zweites Schulterband, woran ein Jagdmesser oder couteau de chasse hing. Statt der großen Stiefeln jener Zeit trug er Halbstiefeln von halbgarem Hirschleder.

Obwohl seine Gestalt ihre volle Kraft noch nicht ereicht hatte, war er doch groß und rüstig, und die Leichtigkeit des Schrittes, mit der er nahte, zeigte, daß ihm seine Fußwanderung mehr zum Vergnügen als zur Last gereichte. Seine Gesichtsfarbe war schön, trotzdem, daß sie im Allgemeinen einen dunkeln Anflug hatte, womit die fremde Sonne oder auch wohl der stete Aufenthalt in der freien Luft seiner Heimat, sie in gewissem Grade gebräunt hatte.

Seine Züge, wenn auch nicht ganz regelmäßig, waren frei, offen und gefällig. Ein halbes Lächeln, welches aus einem glücklichen Ueberfluß an Lebenskraft und Muth zu entspringen schien, zeigte dann und wann, daß seine Zähne wohlgeformt und rein wie Elfenbein waren, während sein klares blaues Auge, voll gleichmäßiger Heiterkeit, für jeden Gegenstand, auf den es fiel, einen ganz eigenen Ausdruck zeigte, in welchem sich gute Laune, Leichtigkeit des Herzens und Entschlossenheit kund thaten.

Er empfing und erwiederte den Gruß der wenigen Reisenden, die sich in jenen gefahrvollen Zeiten auf der Straße zeigten, mit der Bewegung, die für jeden paßte. Der umherstreifende Lanzknecht, halb Soldat halb Räuber, maß den Jüngling mit einem Blicke, als wolle er die Aussicht auf Beute gegen die Gefahr eines verzweifelten Widerstandes abwägen, und er las so viel Anzeichen des letztern mit dem furchtlosen Blicke des Reisenden, daß er seine böse Absicht mit einem sichern »Guten Morgen, Kamerad,« vertauschte, welches der junge Schotte in einem eben so kräftigen, wiewohl minder düstern Tone beantwortete. Der wandernde Pilger oder der bettelnde Mönch beantworteten seinen ehrerbietigen Gruß mit einem väterlichen Segensspruche, und die dunkeläugige Bauerdirne schaute ihm noch lange nach, nachdem sie aneinander vorübergegangen und sie ihm einen lachenden »guten Morgen« zugerufen hatte. Kurz, in seinem ganzen Wesen lag etwas Anziehendes, was nicht leicht der Aufmerksamkeit entging, und welches aus der Verbindung von furchtloser Offenheit und guter Laune mit einem leuchtenden Blick und schöner Gestalt entsprang. Es schien, als ob sein ganzes Wesen einen Menschen verkündete, der beim Eintritt in's Leben zwar die Uebel nicht fürchtet, die es begleiten, aber keine andern Mittel, um seine Mühseligkeiten zu bekämpfen, besitzt, als einen lebhaften Geist und ein so muthiges Herz; und mit solchen Gemüthern sympathisirt die Jugend schnell, und das Alter und die Erfahrung empfinden aufrichtige und herzliche Theilnahme für sie.

Der Jüngling, den wir schilderten, war von den beiden Personen längst gesehen worden, die auf der entgegengesetzten Seite des kleinen Flusses weilten, welcher ihn von dem Parke und dem Schlosse trennte; doch als er am felsigen Ufer zum Rande des Wassers, mit dem leichten Schritt eines Rehes, welches die Quelle besucht, herabstieg, sagte der Jüngere der beiden zu dem andern: »Es ist unser Mann! es ist der Böhme! versucht er's durch die Furth zu schreiten, so ist er ein verlorner Mann, denn das Wasser geht hoch und die Furth ist nicht zu passiren.«

»Laßt ihn das selber entdecken, Gevatter!« sagte der Aeltere; »es erspart vielleicht einen Strick und vernichtet ein Sprichwort.«

»Ich beurtheil' ihn nach seiner blauen Mütze,« sagte der Andere, »denn ich kann sein Gesicht nicht sehen. – Hört, Sir, er ruft, um zu erfahren, ob das Wasser tief ist.«

»Nichts geht über Erfahrung in der Welt,« antwortete der Andere, »laß ihn versuchen.«

Indessen ging der junge Mann, da er keinen Wink für's Gegentheil bekam, und das Stillschweigen derer, die er befragte, für eine Ermunterung vorwärts zu gehen aufnahm, in den Strom, ohne weitere Zögerung, als die das Ausziehen seiner Halbstiefeln erforderte. Die ältere Person rief ihm in diesem Augenblicke zu, vorsichtig zu sein, und fügte noch mit leiserem Tone zu ihrem Begleiter hinzu: » Mordieu – Gevatter – du hast dich schon wieder geirrt! das ist der böhmische Schwätzer nicht!«

Aber der Zuruf kam für den Jüngling zu spät. Entweder hörte er ihn nicht, oder konnte ihn nicht nützen, weil er sich schon im tiefen Strome befand. Für einen minder Beherzten oder in der Schwimmkunst nicht so Geübten wäre der Tod gewiß gewesen, denn der Bach war sowohl tief als stark.

»Bei Sanct Annen! er ist doch ein tüchtiger Bursch,« sagte der ältere Mann; »lauf, Gevatter, und mache deinen Fehler gut, indem du ihm hilfst, wenn du kannst. Er gehört zu deiner eigenen Schaar – wenn das alte Sprichwort Wahrheit sagt, wird ihn das Wasser nicht ertränken!«

In der That, der junge Reisende schwamm so kräftig und theilte die Wellen so gut, daß er, trotz der Stärke des Stroms, doch nur wenig unterhalb des gewöhnlichen Landungsplatzes hinabgeführt wurde.

Unterdeß eilte der Jüngere der beiden Fremden nach dem Ufer hinab, um Hilfe zu leisten, während ihm der andere langsamern Schrittes folgte, und, während ihm der andere näher kam, zu sich selber sagte: »Ich wußte wohl, das Wasser würde den jungen Burschen nicht ersäufen. Wahrhaftig! er ist am Ufer und greift nach seinem Stocke! – Wenn ich nicht eile, prügelt er meinen Gevatter für die einzige freundliche Handlung aus, die ich ihn je vollbringen oder verursachen sah, während seines ganzen Lebens.«

Freilich war einiger Grund vorhanden, ein solches Ende des Abenteuers zu vermuthen, denn der schmucke Schotte war bereits auf den jüngern Samariter, der ihm zu Hilfe eilte, mit diesen zornigen Worten losgegangen: – »Unhöflicher Hund! warum hast du nicht Antwort gegeben, als ich dich anrief, ob der Uebergang zu unternehmen wäre? Der böse Feind soll mich holen, wenn ich dich nicht lehre, bei nächster Gelegenheit den Fremden den schuldigen Respekt zu zeigen!«

Diese Worte waren von dem bezeichnenden Schwingen des Stockes begleitet, welches man le moulinet nennt, weil der Künstler den Stock in der Mitte hält und beide Enden in allen Richtungen, gleich den in Bewegung gesetzten Windmühlflügeln schwingt. Sein Gegner legte, als er sich so bedrohet sah, die Hand an's Schwert, denn er war einer von denen, die bei jeder Gelegenheit eher zum Handeln als zum Reden bereit sind; jedoch sein mehr geltender Kamerad, der herbeikam, befahl ihm still zu sein, und indem er sich an den jungen Mann wandte, beschuldigte er diesen der Voreiligkeit, weil er sich in die angeschwollene Fluth gestürzt hätte, und der ungemäßigten Heftigkeit, weil er mit dem Manne Streit beginne, der zu seinem Beistand herzugeeilt sei.

Als sich der Jüngling so von einem Manne von vorgerückten Jahren und achtbarem Ansehn tadeln hörte, senkte er sogleich seine Waffe und sagte, es sei ihm Leid, wenn er ihnen Unrecht gethan hätte; in Wahrheit aber schien es ihm doch, als hätten sie ihn ruhig sein Leben in Gefahr setzen lassen, weil sie ihm nicht bei Zeiten ein Wort der Warnung gegeben, und dieß Benehmen zieme sich doch weder für ehrbare Männer noch gute Christen oder ehrbare Bürger, wofür er sie ansah.

»Lieber Sohn,« sagte die ältere Person, »deinem Gesicht und deinem Accent nach scheinst du ein Fremder; und da solltest du bedenken, daß uns nicht so leicht wird deinen Dialekt zu verstehen, als dir es wird, ihn zu sprechen!« –

»Gut, Vater!« entgegnete der Jüngling; »es kümmert mich wenig, daß ich ein Bischen untergetaucht bin, und euch sei es auch verziehn, daß ihr zum Theil die Ursache davon waret; aber ihr müßt mich zu einem andern Ort bringen, wo ich meine Kleidung trocknen kann, denn es ist dieß mein einziger Rock, den ich doch etwas anständig halten muß.«

»Für wen hältst du uns denn, lieber Sohn?« fragte der ältere Fremde als Antwort auf jene Bitte.

»Nun, für wohlhabende Bürger jedenfalls,« sagte der Jüngling; »oder, halt! Euch, Herr, für einen Geldwechsler oder Kornhändler; und dieser Mann ist ein Fleischer oder Viehhändler.«

»Du hast unsere Eigenschaften so ziemlich erkannt,« sagte der Aeltere lächelnd. »Mein Geschäft ist freilich, so viel Gold, als nur möglich, einzuwechseln, und meines Gevatters Geschäft hat auch etwas von dem eines Fleischers. Was deine Bequemlichkeit betrifft, so wollen wir versuchen, dir behilflich zu sein, vor allem jedoch muß ich erfahren, wer du bist und wohin du gehst. Denn gegenwärtig sind die Straßen überfüllt von Reisenden zu Fuß und zu Roß, welche eher Alles andre im Kopfe tragen, als Redlichkeit und Gottesfurcht.«

Der junge Mann warf nochmals einen scharfen und forschenden Blick auf den Redner, und auf dessen schweigsamen Begleiter, wie wenn er auch noch im Zweifel stehe, ob sie ihrerseits auch das Vertrauen, was sie verlangten, verdienten, und das Resultat seiner Betrachtung war dieß: –

Der älteste und ausgezeichnetere dieser beider Männer glich in Kleidung und äußerm Ansehen einem Kaufmann oder Krämer jener Zeit. Wamms, Beinkleider und Mantel waren von der nämlichen dunkeln Farbe, doch so abgetragen, daß der scharfsehende junge Schotte begriff, der Mann sei entweder sehr reich, oder sehr arm; wahrscheinlich das erstere. Seine Kleidung war übrigens eng und kurz, was damals nicht für anständig bei dem Adel, auch nicht einmal unter dem höhern Bürgerstande galt, wo man meist weite Röcke zu tragen pflegte, die bis auf die Mitte des Beines herunterhingen.

Der Ausdruck im Gesicht dieses Mannes war zum Theil anziehend, zum Theil abstoßend. Seine harten Züge, eingefallenen Wangen und hohlen Augen hatten trotzdem den Ausdruck von Schlauheit und einer Laune, die ganz mit dem Charakter des jungen Abenteurers harmonirte. Aber die nämlichen gesunkenen Augen, die unter dem Schatten dichter schwarzer Augenbrauen hervorsahen, hatten auch etwas Gebieterisches und Zweideutiges. Vielleicht wurde diese Wirkung noch durch eine niedrige Pelzmütze verstärkt, die tief in die Stirn gedrückt war, und so den Schatten verstärkte, unter welchem die Augen hervorblitzten; doch so viel ist gewiß, der junge Fremde fand einige Schwierigkeit, diese Blicke mit dem Unscheinbaren seines Aeußern in anderer Hinsicht in Einklang zu bringen. Seine Mütze besonders, an welcher alle nur einigermaßen bedeutende Leute Gold- oder Silberverzierung zeigten, war bloß mit einem schlechten Bilde der Jungfrau aus Blei geziert, wie es die ärmern Pilger von Loretto bringen.

Sein Begleiter war ein starkgebauter Mann von mittler Größe, über zehn Jahr jünger als sein Gefährte, mit einem immer zu Boden schauenden Gesicht, und einem nichts Gutes weissagenden Lächeln, wenn er ja einmal diesem Antriebe nachgab, was übrigens nie geschah, außer als Antwort auf gewisse geheime Zeichen, die zwischen ihm und dem ältern Fremden gewechselt zu werden schienen. Dieser Mann war mit einem Schwert und einem Dolch bewaffnet; und der junge Schotte bemerkte, daß er unter seinem einfachen Kleide einen Jazeran oder ein bewegliches Panzerhemd von Metallringen trug, welches, weil es oft auch diejenigen führten, die, selbst bei friedlichem Gewerbe, zu jener gefahrreichen Zeit häufig auf der Landstraße verkehrten, den jungen Mann in seiner Vermuthung bestärkte, daß der Eigenthümer desselben ein Fleischer, Viehhändler, oder etwas dergleichen sein müsse.

Der junge Fremde, in einem Blick das Resultat der Beobachtung zusammenfassend, dessen Darstellung uns einige Zeit kostete, antwortete nach einer momentanen Pause: »ich weiß nicht, mit wem ich zu sprechen die Ehre habe,« (zugleich machte er eine leichte Verbeugung,) »doch gilt das mir gleich, der ich ein junger Schottländer bin, und hieher komme, um mein Glück in Frankreich, oder sonst irgendwo, nach der Sitte meiner Landsleute zu suchen.«

» Pasques-dieu! und das ist eine wackre Sitte,« sagte der ältere Fremde. »Ihr scheint ein stattlicher junger Bursch und gerade im rechten Alter, um Euer Glück sowohl bei Männern als bei Frauen zu machen. Was sagt Ihr dazu? Ich bin ein Kaufmann und brauche einen Burschen als Gehilfen bei meinem Handel – aber wahrscheinlich seid Ihr zu sehr Gentleman, um Euch zu solch einem handwerksmäßigen Geschäft herzugeben?«

»Werther Herr,« sagte der Jüngling, »wenn Ihr Euer Anerbieten ernstlich meint – woran ich freilich zweifle – so bin ich Euch Dank dafür schuldig und danke Euch allerdings; nur fürchte ich, ich würde für Euren Dienst ganz untauglich sein.«

»Wie!« rief der Aeltere; »gewiß verstehst du den Bogen besser zu spannen, als einen Waarenballen zu schnüren: kannst das Schwert besser handhaben, als die Feder – nicht?«

»Herr,« antwortete der Jüngling, »ich bin ein Braeman, und daher auch, wie wir sagen, ein Bogenmann. Doch bin ich auch in einem Kloster gewesen, wo mich die guten Väter lesen und schreiben, ja sogar rechnen lehrten.« –

» Pasques-dieu! das ist ganz herrlich!« sagte der Kaufmann. »Bei unsrer Frau von Embrun, du bist ein Wunderkind, Mensch!«

»Spart Euren Scherz, lieber Herr!« sagte der Jünglinge welcher mit dem scherzhaften Wesen seiner neuen Bekanntschaft nicht sehr zufrieden war. »Ich muß gehen, um mich zu trocknen, statt länger hier zu stehen, und Fragen zu beantworten.«

Der Kaufmann lachte nur noch lauter als er sprach, und antwortete: » Pasques-dieu! das Sprichwort hat Recht: Fier comme un Ecossois! aber komm nur junger Mann, du bist aus einem Lande, welches ich achte, denn ich habe zu seiner Zeit auch schon in Schottland Handel getrieben; ein guter ehrlicher Menschenschlag ist dort; willst du nun mit uns in's Dorf kommen, so sollst du ein Glas Branntwein und ein warmes Frühstück haben, um dein Untertauchen gut zu machen. Doch tete-bleu! was thut Ihr mit dem Jagdhandschuh an Eurer Hand? Wißt Ihr nicht, daß das Jagen in den königlichen Gehegen nicht gestattet ist?«

»Dieß lehrte mich schon,« antwortete der Jüngling, »ein schurkischer Förster des Herzogs von Burgund. Ich ließ nur meinen Falken fliegen, den ich mit aus Schottland gebracht hatte und mit dem ich Ehre einzulegen hoffte, und zwar auf einen Reiher in der Nähe von Péronne, und der schurkische Schelm schoß mir meinen Vogel mit einem Pfeile herunter.«

»Und was thatest du?« sagte der Kaufmann.

»Ich prügelte ihn,« sagte der Jüngling, seinen Stab schwingend, »beinahe zu Tode, wie nur ein Christenmensch den andern prügeln mag – sein Blut wollt' ich nicht auf mein Gewissen laden.«

»Weißt du auch,« sagte der Bürger, daß der Herzog von Burgund, wenn du in seine Hände gefallen wärst, dich hätte aufhängen lassen, wie eine Haselnuß?«

»Ja, es ist mir gesagt worden, er sei damit eben so schnell bei der Hand, wie der König von Frankreich. Aber da mir dieser Fall nahe bei Péronne begegnete, so machte ich einen Sprung über die Gränze und lachte ihn aus. Wäre er nicht so eilig gewesen, so hätte ich vielleich Dienste bei ihm genommen.«

»Er wird schwerlich einen solchen Paladin vermissen, wie Ihr seid, wenn der Waffenstillstand aufhören sollte;« sagte der Kaufmann, und warf dabei einen Blick auf seinen eigenen Gefährten, den dieser mit seinem niederwärts blickenden Lächeln erwiderte, welches über sein Gesicht glänzte, wie ein vorübergehendes Meteor den Winterhimmel erhellt.

Der junge Schotte aber drückte plötzlich seine Mütze auf das rechte Auge herab, wie einer der es übel nimmt, daß er belächelt wird, und sagte mit festem Ton: »Meine Herrn, und vorzüglich Ihr, Sir, der ältere, der wohl auch der Verständigste sein sollte, Ihr werdet doch hoffentlich keinen vernünftigen Grund, über mich zu scherzen, finden. Den Ton Eurer Unterhaltung liebe ich überhaupt nicht. Ich nehme wohl einen Scherz von Jedermann an, und einen Tadel deßgleichen von einem, der älter ist als ich, und ich danke Euch dafür, Sir, wenn ich mir bewußt bin, ihn verdient zu haben; aber es ist mir unerträglich, mich wie ein Kind behandelt zu sehen, da ich, Gott sei Dank! Manns genug bin, Euch beiden die Stirne zu bieten, wenn Ihr mich noch ferner reizt.«

Der älteste Mann schien fast vor Lachen über das Benehmen des Burschen ersticken zu wollen – seines Gefährten Hand faßte leise nach dem Schwertgriff; dies bemerkte der Jüngling und gab ihm einen Schlag über die Hand, der ihn unfähig machte, zuzugreifen; dadurch wurde die Lust des ältern Begleiters nur noch erhöht. »Halt, halt!« rief er, »mein wackrer Schotte! um deines eignen Vaterlandes willen! Und Ihr, Gevatter, laßt Euren drohenden Blick weg! Pasques-dieu! Wir wollen ordentlich und billig handeln! Wir wollen das Naßwerden gegen den Schlag auf die Hand setzen, der mit so viel Grazie und Behendigkeit geführt ward. Und hört Ihr, mein junger Freund,« sagte er mit düsterm Ernst zu dem Jünglinge, wodurch dieser trotz alles Widerstrebens doch bezähmt ward, – »keine Gewaltthätigkeit weiter! Bei mir ist sie nicht gut angewandt, und wie Ihr seht, hat mein Gevatter genug daran. Laßt mich Euren Namen wissen.«

»Auf höfliche Frage kann ich höflich antworten,« sagte der Jüngling, »und Eurem Alter will ich den geziemenden Respekt nicht weigern, wenn Ihr meine Geduld durch Neckerei nicht reizt. Seit ich hier in Frankreich und Flandern bin, nennen mich die Leute, nach ihrer Art, den Schuft mit der Sammettasche, weil ich diesen Falkenbeutel an der Seite trage. Mein wahrer Name daheim ist Quentin Durward

»Durward!« sagte der Frager; »ist es ein edler Name?«

»Seit fünfzehn Ahnen ist er in unserer Familie,« sagte der junge Mann; »und daher kommt eben mein Widerwille gegen jedes andre Geschäft als das der Waffen.«

»Ein ächter Schotte! Viel Blut und Stolz, und bedeutender Mangel an Dukaten, darauf wett' ich. – Gut, Gevatter,« sagte er zum Gefährten, »geh voraus, und laß uns ein Frühstück besorgen, an jener Maulbeerpflanzung; der junge Mann hier wird ihm gewiß ebensoviel Ehre widerfahren lassen, als eine verhungerte Maus dem Käse einer guten Hausfrau. Und was den Böhmen betrifft – so höre wohl« –

Sein Gefährte antwortete mit einem düstern, doch bedeutenden Lächeln, und schritt dann auf einen runden Platz hin, während der ältere Mann sein Gespräch mit dem jungen Durward fortsetzte: »Ihr und ich wollen zusammengehen, auf unserm Wege durch den Wald können wir zugleich in St. Hubert's Kapelle eine Messe hören, denn es ist nicht gut an unser Fleischliches zu denken, so lange dem Geistlichen nicht genügt ward.«

Durward hatte als guter Katholik nichts dagegen einzuwenden, wenn er auch jedenfalls wünschte, erst seine Kleider zu trocknen und sich zu erquicken. Indeß verlor man den Gefährten mit zu Boden gesenktem Blicke bald aus den Augen, setzte jedoch selber den nämlichen Weg fort, den jener eingeschlagen hatte, bis man auf diesem zu einem Wald mit hohen Bäumen, untermischt mit Dickicht und Gebüsch, gelangte, der von langen Alleen durchschnitten war, durch welche man in der Ferne kleine Heerden von Wild mit einer Sicherheit umherwandeln sah, welche bewies, daß sie sich eines vollkommenen Schutzes bewußt waren.

»Ihr fragtet mich, ob ich ein guter Bogenschütze wäre,« sagte der junge Schotte; »gebt mir einen Bogen und einige Pfeile, und Ihr sollt den Augenblick ein Stück Wildpret haben.«

» Pasques-dieu! mein junger Freund!« sagte sein Begleiter, »nehmt Euch davor in Acht; mein Gevatter dort hat ein besonderes Auge auf das Wild, es steht unter seiner Aufsicht und er ist ein strenger Wildhüter.«

»Er hat aber mehr das Ansehen eines Fleischers, als eines heitern Forstmanns,« antwortete Durward; »ich kann mir nicht denken, daß sein hündisch gesenkter Blick einem Menschen gehören kann, der sich auf das edle Waidwerk versteht.«

»Ja, junger Freund,« antwortete der Begleiter, »auf den ersten Anblick sieht mein Gevatter allerdings etwas häßlich aus, aber wenn man erst näher mit ihm bekannt ist, so kann man sich nie über ihn beklagen.«

Quentin Durward fand etwas Eigenes und unangenehm Bedeutsames in dem Tone, womit diese Worte ausgesprochen wurden, und als er nun plötzlich den Redenden anblickte, glaubte er in dem Gesicht, in dem leichten Lächeln, das seine Oberlippe umzog, und in dem damit verbundenen Blicke seines durchdringenden düstern Auges, Etwas zu entdecken, was seine unangenehme Ueberraschung zu rechtfertigen schien. »Ich habe oft von Räubern gehört,« dachte er bei sich, »und von listigen Spitzbuben und Kehlabschneidern – Wie, wenn jener Kerl ein Mörder, und dieser alte Schuft sein Helfershelfer wäre? Ich will auf meiner Hut sein; sie werden bei mir nichts als derbe schottische Hiebe holen.«

Während er so im Stillen dachte, kamen sie an eine freie Stelle, wo die hohen Bäume weniger dicht standen, und wo der Fußboden von Buschholz und Dickicht befreit, mit einem Grasteppich vom sanftesten und frischesten Grün überkleidet war, welches, vor den sengenden Sonnenstrahlen geschirmt, hier viel schöner zu gedeihen schien, als man es sonst in Frankreich zu sehen pflegt. Die Bäume, die an dieser abgeschiedenen Stelle meist aus Buchen und Ulmen von ungeheurer Größe bestanden, erhoben sich gleich großen Laubhügeln in die Luft. Mitten unter diesen prächtigen Söhnen der Erde streckte sich auch, an der offensten Stelle der Waldlichtung, eine kleine Kapelle empor, in deren Nähe ein Bächlein dahinrieselte. Ihre Bauart war von der rohesten und einfachsten Art, und daneben befand sich eine niedere Wohnung zur Aufnahme des Eremiten oder einsamen Priesters, der dort weilte, um regelmäßig die Pflichten des Altars zu versehen. In einer kleinen Nische über dem bogenförmigen Eingang stand ein steinernes Bild des Sankt Hubertus, mit dem Jagdhorn, das ihm um den Hals hing, und ein Rudel Windhunde zu seinen Füßen. Die Lage der Kapelle mitten in einem Jagdgehege, das so reichlich mit Wild versehen war, machte die Widmung derselben für den heiligen Jäger besonders passend.

Gegen dieses kleine geweihte Gebäude lenkte der alte Mann seine Schritte, ihm folgte der junge Durward nach, und als sie sich näherten, erschien der Priester, mit der Amtstracht angethan und eben im Begriff sich aus seiner Behausung nach der Kapelle, wahrscheinlich der heiligen Amtsverrichtung wegen, zu begeben. Durward verbeugte sich ehrerbietig vor dem Priester, wie es die Achtung, die seinem heiligen Amte gebührte, wohl erforderte, während sein Begleiter mit scheinbar noch tieferer Ehrfurcht auf ein Knie niedersank, um den Segen des heiligen Mannes zu empfangen, und ihm dann in das Heiligthum folgte, mit einem Schritt, und auf solche Art, die die innigste Zerknirschung und Demuth anzudeuten schien.

Das Innere der Kapelle war auf eine Weise geschmückt, die mit der Beschäftigung des Schutzheiligen, so lange er auf Erden geweilt hatte, übereinkam. Die reichsten Felle von Thieren, welche in den verschiedenen Ländern der Erde Gegenstände der Jagd sind, vertraten die Stelle von Teppichen um den Altar und an andern Orten, und die charakteristischen Verzierungen von Hörnern, Bogen, Köchern und andern Emblemen der Jagd, befanden sich rings an den Wänden, untermengt mit Köpfen von Hirschen, Wölfen und andern wilden Thieren. Alles trug hier einen dem Waldleben entsprechenden Charakter, und selbst die Messe bewies durch ihre bedeutende Abkürzung, daß sie von der Art war, welche man eine Jagdmesse nennt, weil man sich ihrer vor Edeln und Mächtigen bediente, die, wenn sie der kirchlichen Feier beiwohnten, gewöhnlich ungeduldig des Beginns ihres Lieblingsvergnügens harrten.

Dennoch schien während der kurzen Ceremonie Durward's Begleiter die strengste und genaueste Aufmerksamkeit zu beweisen; während Durward, gar nicht mit so religiösen Gedanken beschäftigt, es sich kaum verzeihen konnte, daß er bei sich selbst gegen den Charakter eines so frommen und demüthigen Mannes so entehrenden Argwohn genährt habe. Denn weit entfernt, ihn noch für den Gefährten und Helfershelfer eines Räubers zu halten, konnte er sich kaum enthalten, ihn für eine fast heilige Person anzusehen.

Als die Messe geendigt war, gingen sie zusammen von der Kapelle, und der ältere sagte zu seinem jüngern Kameraden: »Wir haben hier nicht mehr weit bis zum Dorf – Ihr könnt nunmehr guten Gewissens Euer Frühstück halten – folgt mir.«

Sich rechts wendend und einen Pfad einschlagend, der allmählig aufwärts zu steigen schien, empfahl er seinem Begleiter, den Pfad ja nicht zu verlassen, sondern sich im Gegentheil immer so viel als möglich in der Mitte zu halten. Durward konnte nicht umhin, nach der Ursache dieser Vorsichtsmaßregel zu fragen.

»Ihr seid nun in der Nähe des Hofes, junger Mann,« antwortete sein Führer; »und, Pasques-dieu! es ist ein Unterschied, ob Ihr in dieser Region oder an Euren Heidehügeln wandelt. Jede Elle dieses Bodens, mit Ausnahme des Pfades, auf dem wir hier gehen, ist gefahrvoll und fast ungangbar gemacht worden, und zwar durch Schlingen und Fußangeln, mit Sichelklingen versehen, die dem unvorsichtigen Wanderer die Beine so flink abschneiden können, wie eine Gartenscheere die Auswüchse einer Hecke wegschneidet; auch Eisen sind da, die den Fuß Euch durchstechen würden, und Gruben, tief genug, um Euch für immer zu begraben; denn Ihr seid nun in den Umgebungen des königlichen Schlosses, dessen Fronte wir sogleich erblicken werden.«

»Wär' ich der König von Frankreich,« sagte der junge Mann, »ich würde mir nicht so viel Mühe mit Schlingen und Fußangeln machen, sondern ich würde statt dessen so gut zu regieren suchen, daß Niemand wagen sollte, meiner Wohnung mit schlechtem Vorsatze zu nahen; und was die anlangt, die friedlich und arglos hieher kämen, ei, je mehr deren kämen, desto besser sollte mir's dünken.«

Sein Begleiter schaute sich mit unruhigem Blicke um und sagte: »Still, still, Sir Schelm mit der Sammettasche! Ich vergaß Euch zu sagen, daß eine der größten Gefahren in diesen Gehegen die ist, daß selbst die Blätter aus den Bäumen wie eben so viel Ohren sind, die alles, was hier gesprochen wird, zu des Königs eigenem Cabinet tragen.«

»Das kümmert mich wenig,« antwortete Quentin Durward; »ich trage eine schottische Zunge im Munde, kühn genug, meine Meinung dem König Ludwig, Gott segne ihn, in's Gesicht zu sagen, – und, was die Ohren betrifft, von denen Ihr sprecht, wenn ich diese an einem menschlichen Kopfe sitzen sähe, so wollt' ich sie wohl mit meinem Waidmesser abschneiden.«



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