Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Bakonja.

(1898)

Man denke nicht, auf der Pußta stünden alle Menschen einander gleich – auch da gibts eine Etikette und Rangunterschiede. Ein Fohlenhirt dünkt sich hoch erhaben über Knecht und Hirten und redet nur mit dem Schaffner, dem Paradekutscher und den Handwerksmeistern. Selbst der Oberknecht scheint ihm noch gering. – Und als einst des Kühhalters Töchterlein, die schöne Milka, sich in einen Schweinehirten verliebte, da war in allen Gesindestuben ein Schrei der Empörung ob der Mesalliance. Man atmete erleichtert auf, als Vater Kühhalter das Unmögliche verbot. – Und der Schmied ist mehr als solch ein lahmer Wagner, der Schäfer verachtet den Ochsenknecht. Der Schweinehirt kann nur mehr den Zigeuner treten – dort hört die Stufenleiter auf.

Über allen aber ist der Räuber; ein armer Bursche, doch ein freier Mann; selbst Grafen kann er um den Finger wickeln; ihn rühmt das Lied – er wirds den Guten lohnen und die Bösen strafen – sein ist das Gold, die Ehre – sein die Kraft, der Mut, der Kampf und Galgentod.


Damals sprach man in den bessern Kreisen der Pußta nur von Bakonja. In kaum zwei Monaten hatte er sich einen Namen gemacht – Maxim, ja auch Berkanitsch verblaßten neben ihm. Wo ich hinkam, hörte ich von Bakonja erzählen. Schweinehirts kleiner Stefan schwamm in Begeisterung. Auf der Beschlagbrücke waren sie voll des Lobes. Matthes, der Paradekutscher, duckte sich doch, bei Gott, nicht bald vor jemand – selbst er sprach von Bakonja nur mit Hochachtung.

Hätte es überhaupt noch einen gegeben, der zu überzeugen war – Bakonjas jüngste Tat hätte ihn umgestimmt. Der Schmiedemeister war gestern vom Georgimarkt aus Gutta heimgekommen und erzählte die Geschichte:

Hatten sich da auf der Pfarre von Gutta die geistlichen Herren zum Festessen versammelt – denn der Hausherr hieß Georg. Man war beim dritten Braten – da tat sich die Tür auf, und herein trat ein großer Mann mit einem langen weißen Mantel. Nahm den Hut vom Kopf und setzte sich auf einen leeren Stuhl, mitten unter die Gäste.

»He,« riefen die Kleriker, »wer bist du und was suchst du?«

»Halten zu Gnaden, hochwürdiger Herr Pfarrer – ich bin ein armer Bursche und möchte dem hochwürdigen Herrn Glück und Gesundheit wünschen. Ich heiße Bakonja.«

Sagte es und langte frischweg nach der Schüssel. Er aß vom Braten mit, vom Fisch und vom Konfekt – trank mit von Wein und Schnaps – dann stand er auf und ging von Gast zu Gast, mit dem Hut in der Hand:

»Ein paar Kreuzer für die armen Leute!«

Und sie zollten nicht nur Kreuzer – sie gaben zitternd alles, was sie hatten – Börsen, Uhren, Ringe und Geschmeide.

Als der Hut voll war bis an den Rand, griff Bakonja noch einmal nach dem großen Humpen, leerte ihn aufs Wohl der edeln Spender und ging – ging still, wie er gekommen war, von dannen. – Edle Spender – ja, das waren sie allesamt gewesen, denn Bakonja teilte die Beute mit den Bettlern.

Von nun an verging kein Tag ohne eine neue Kunde von Bakonja. Der blinde Ilia (er hatte nur ein Auge) wollte ihm im Leuckfeldschen Wald begegnet sein. Gabriel Warga behauptete gar, der berühmte Mann wäre sein Jugendfreund und hätte ihm erst unlängst wieder durch die gemeinsame Patin Grüße bestellen lassen. Gabriel Warga liebte es von jeher, sich mit vornehmen Bekanntschaften zu brüsten. Aber diese Aufschneidereien glaubte ihm denn doch niemand.

Wie alle berühmten Männer hatte auch Bakonja seine Neider und Feinde. Alle möglichen Ammenmärchen über ihn hinterbrachte man der Gendarmerie. Da bildete sich jeder Postenführer ein, grade in seinem Bezirk halte sich Bakonja auf. Sie berichtetens wohl auch der Gespanschaft und dem Flügelkommando.

Verwirrung ohnegleichen. An fünf, sechs weltfernen Orten sah man den Räuber in einer Nacht in zehn Gestalten. Der Ruhmeskranz des Vielgesuchten blühte immer neu und täglich schöner.

Das Schönste aber: niemand wußte, wer Bakonja eigentlich war, niemand seinen Namen, seine Heimat.

Wenn wir abends bei Tisch saßen, erzählte Papa davon dem Fräulein. Er hatte es von dem oder jenem Bekannten in der Stadt gehört. So erfuhr ich es – von mir brühwarm Stefan, der kleine Schweinehirt – dann der Paradekutscher und alle andern.

Fräulein Wagemund lebte in beständiger Angst. Ehe sie sich zu Bett legte, geisterte sie durchs Haus, spähte in Kisten und Kasten, hinter die Vorhänge und sogar in die Bratröhre des Herdes, ob sich da kein Bösewicht verberge.

Stefan und ich, dann zehn oder zwölf von den Pußtarangen, spielten immer Räuber und Soldaten. Bakonja ward Mittelpunkt unsrer Phantasie. Stefan machte den Richter – ich war Bakonja und stahl Stefans Schweinchen. Dann gabs große Jagd – man fing und henkte mich.

Stefans Vater hatte nie im besten Ruf gestanden. Nun, durch Bakonjas Erfolge angeregt, verschwand er öfter denn je – auf zwei, drei, fünf Tage. Fast jeden Morgen raunte mir Stefan zu:

»Mein süßer Vater ist wieder stehlen gegangen.«

Der Alte war weg, seit gestern schon – wir wollten Räuber und Soldaten spielen – da stattete ich mich aus der Garderobe des alten Schweinehirten aus.

Ich glich nun einem wirklichen Räuber auf ein Haar. Fräulein Wagemund, stolz auf ihre Frisierkünste, nannte meine lange Mähne eine englische Babyfrisur – die Mähne kam meiner Räuberrolle trefflich zustatten. Des alten Hirten Pelzmütze saß mir darauf wie angemessen. Nur die Stiefel waren ein wenig zu groß. Dafür war wieder der Pelz zu kurz, denn ich war eine lange, dürre Stange.

»Eh,« sagte ich meinen Kumpanen, »wie wärs, wenn wir unser Fräulein ein wenig schreckten? Sie fürchtet sich so vor Bakonja.«

Stefan blinzelte mich an.

»Was du doch für ein Dummkopf bist, Junker! Ein Dummkopf, meiner Treu. Wenn wir das Fräulein schrecken gehen, schießt uns der gnädige Herr, dein Vater, übern Haufen.«

»Brauchen wir denn so nahe hinzugehen? Wir warten, bis es ein wenig finster ist – dann legen wir uns am Ende der Pappelallee in den Graben, und ich schieße ein paarmal in die Luft. Sollst sehen, wie sich das Fräulein fürchten wird!«

»Und wenn der gnädige Herr herauskommt?«

»Dann rufe ich ihm von weitem zu: Papa, ich bins – dein Marius.«

Ich redete Stefan zu, bis er einwilligte. Aber ich mußte vorher nach Haus gehen und die große Pistole holen, Stefans Lieblingswaffe. Zu allem war er doch bereit, wenn ich ihm die große Pistole borgte.

Ich bemühte mich, einen Augenblick abzupassen, wo Papa aus der Kanzlei gegangen ist, um die Pistole zu erwischen.

Doch Papa ging nicht. Es dauerte eine Stunde – zwei Stunden – er blieb immerzu. Der Rote Kohn war bei ihm und handelte um Hafer.

»Fünf ein Viertel,« forderte Papa – »das ist aber auch das Äußerste.«

»Unmöglich, Herr Roda – ich soll so leben: der Hafer ist schlecht geputzt und dumpft.«

»Was? Der Hafer dumpft?« – Papa und Herr Kohn schnüffelten an dem Muster. – »Der Hafer dumpft? Mein schöner, reiner Hafer? Eine Sünde, ihn überhaupt herzugeben.«

Mir wurde das Warten allmählich zu lang. Ich ging hin, roch an dem Muster und sagte:

»Sie haben recht, Herr Kohn – der Hafer dumpft.«

Kohn lachte.

Papa sah mich einen Moment verdutzt an und rief:

»Marius! Frechling! Der Hafer dumpft?«

»Ja, Papa.«

Papa stieg das Blut zu Kopf. Er biß die Zähne zusammen und murmelte nur:

»Trottel!«

Das Feilschen um den Hafer fing von neuem an. Die Sonne ging zur Rüste. Kohn saß wie festgenagelt, Papa mit ihm. Der Hafer stand zwischen vier Gulden neunzig und fünf Gulden zehn.

»Herr Kohn,« sagte ich, »eilen Sie heim! Es wird dunkel. Die Gegend ist jetzt unsicher – erst gestern ist ein Mann Ihrer Größe erschlagen worden, der auch Kohn geheißen hat.«

Sie hörten nicht auf mich.

Die Uhr schlug sieben. Der Hafer stand auf fünf Gulden »ab hier« und »ab dort«. – Endlich einigten sie sich: Papa mußte den Hafer nach Gutta fahren, in Kohns Säcken. Gewogen sollte aber hier werden – zu Kohns Gewichten hatte Papa kein Vertrauen.

Papa begleitete Herrn Kohn hinaus zum Wagen – ich warf unterdessen rasch die große Pistole durchs Fenster auf den Rasen, dann Papas Expreßbüchse und die Jagdtasche. Und stellte mich wieder hin, als wäre nichts geschehen. Draußen versuchte Herr Kohn Papa »das bißchen Erbsen« abzuschmeicheln, das er im Winkel des Schüttbodens erblickt hatte.

Ich schlüpfte hinaus – ums Haus herum – nahm die Sachen an mich und eilte zu Schweinehirts Stefan. Er hatte die Herde schon heimgetrieben und pfiff sich eins vor der Maisdarre.

Wir verkleideten uns wie heute nachmittag – auch Stefan nahm ein Paar Stiefel seines Vaters – und liefen ans Ende der Pappelallee. Ich sah nach – die Büchse war geladen, das volle Magazin. Wir öffneten mühselig eine Patrone, um mit dem Pulver auch die Pistole zu laden. Zündhütchen hatte Stefan immer bei sich.

»Schnell, schnell, Junker – es kommt ein Wagen!«

Bum – bum – bum!

Alles klappte, bloß die große Pistole ging wieder einmal nicht los.

Dann flohen wir der Pußta zu: Stefan nach Haus – ich in den Stall, wo ich die Verkleidung von mir warf – und blitzflink in die Kanzlei, um das Gewehr und die Pistole an den Rechen zu bringen.

Papa war nach dem Schafeinfang gegangen. Auf die Schüsse – das Geschrei – noch mehr auf das Gebell sämtlicher Pußtahunde eilte er zurück.

Kaum hatte ich die Kanzlei hinter mir geschlossen, da stürzte er schon herbei und ergriff die Büchse. Er merkte gar nicht, daß sie eben erst abgeschossen war, obwohl mans deutlich riechen konnte.

»Wer hat geschossen?« rief er.

Der Herr Rote Kohn stand händeringend inmitten einer erregten Gruppe. Er war schon fortgefahren, aber wieder umgekehrt, als er die Schüsse hörte.

»Die Räuber,« jammerte er, »die Räuber! Nicht einmal hundert Schritte von der Pußta ist der Mensch seines Lebens sicher.«

»Was?« rief Papa. »Räuber? Wo?«

»Dort in der Pappelallee.«

Alle rannten hinaus: der Schaffner – der Paradekutscher – der blinde Ilia – sieben, acht andre – Papa an der Spitze. Bei der Einfahrt in die Pußta blieben sie stehen.

»Mir nach, Leute!« brüllte Papa. »Fürchtet ihr euch etwa?«

»Eh ... eh ... hm ... –« sagte der Schaffner. »Fürchten? Nein. Aber man hat doch Angst. Wer weiß, wie viele ihrer dort sind.«

»Wenigstens zwanzig,« versicherte der blinde Ilia. »Herr, um Gottes willen, lassen Sie die Hand davon!«

»Ach was – vorwärts!«

Papa ging allein.

Indessen sagten die andern:

»Das ist Bakonja gewesen.«

»Freilich – wer sonst?«.

»Zwanzig warens? Gott straf mich, wenn ich nicht dreißig gesehen habe. Bakonja im weißen Mantel voran.«

»Zurück,« hat er geschrien, »oder ich schieße! – Warum sind Sie nicht gleich umgekehrt, Herr Kohn? Meinen Sie, Bakonja läßt mit sich spaßen?«

»Nü – bin ich nicht gleich umgekehrt? Michel, du bist mein Zeuge. Was quackst du da für Unsinn, Ilia? Du willst Herrn Bakonja wohl gegen mich aufhetzen?«

Kohn schrie aus Leibeskräften, damit Herr Bakonja ihn höre:

»Ich habe gewiß nichts gegen Herrn Bakonja. Aber ich bin ein armer Mann, ich habe fünf Kinder zu ernähren. Was sag ich fünf – es sind doch sieben.«

Papa kam zurück; er hatte keine Menschenseele gefunden. Er fragte die Leute aus, wo die Schüsse gefallen wären, wer etwas gesehen hätte.

Den Ort gaben einige richtig an – andre wollten von zwei Seiten schießen gehört haben – Kohn gar von allen Seiten. Ilia blieb bei zwanzig Räubern, die er gesehen hatte. Der Paradekutscher, eine vorsichtige Natur, hatte nichts gesehen und nichts gehört.

»Wo bist du gewesen, Marius?«

»Ich, Papa?«

»Nun ja. Wo haben sie geschossen?«

»Geschossen, Papa?«

»Na – wirds?«

»Geschossen? Ich denke, dort oben bei der Pappelallee, mehr gegen das Ende zu, hat Herr Kohn geschossen.«

»Was – ich – geschossen?« widersprach Kohn möglichst laut. »Ich? Mit meinen fünf oder sieben Kindern? Auf Herrn Bakonja? Lieber laß ich mich – Gott behüte – foltern, als ihm was anzutun.«

»Marius, weißt du nichts Näheres?« fragte Papa mißtrauisch. »Ich glaube, es könnten kleine Jungen oder dergleichen ...«

»O, Papa, diesmal warens gewiß keine kleinen Jungen. Ich habe selber zwei Kerls gesehen – zwei Fremde – einen mit einem weißen Mantel, er war ein großer Mann, und ... und ...«

»Also scheint es doch seine Richtigkeit zu haben mit dem weißen Mantel.«

Unterdessen waren auch die Weiber herbeigelaufen, die Hunde machten ein Höllenkonzert.


Plötzlich hielt ein Wagen und noch einer. Im Abenddunkel, im Schreien hatte man ihr Nahen nicht bemerkt. Bajonette blitzten – hurtig sprangen Gendarmen herab – ihrer vier – dann zwei Herren im Zivil. Einer kommandierte:

»Fangt ihn! Im Namen des Gesetzes! Wenn er versuchen sollte, zu entrinnen, schießt ihn nieder! Halt! Keiner rühre sich!«

Die Gendarmen hatten die Gewehre fertig genommen und musterten die Menge. Alle standen wie Bildsäulen.

Da trat Papa vor.

»Guten Abend, Herr Vizegespan! Wen wollen Sie denn fangen?«

»Ist er nicht hier?«

»Wer, bitte?«

»Er. Wir sind ihm auf der Spur.«

»Wem, bitte?«

»Dem Bakonja.«

»Der ist nicht hier.«

»Wo ist er also?«

»Ja, das müssen Sie wissen, wenn Sie ihm auf der Spur sind.«

»Wer hat also geschossen? Man hat mir im Dorf drüben gesagt, Bakonja ... Der Lärm – das Hundegebell ...«

Papa erzählte nun, was er wußte: er hatte vor etwa einer Stunde rasch nacheinander drei Schüsse fallen gehört – war hergekommen, hatte gesucht, aber niemand gesehen.

Der Vizegespan begann die andern auszufragen und erfuhr, was er wollte: die Zusammensetzung der Räuberbande – die Personsbeschreibung der wichtigsten Mitglieder – über Bakonja selbst einen förmlichen Steckbrief.

Dann hielt er Kriegsrat mit dem Postenführer. Sie entschlossen sich, von einer Verfolgung der Räuber in Anbetracht der Übermacht und der späten Stunde zwar vorläufig abzusehen, dagegen sofort am Ort der Tat nachzuforschen. Papa mußte einen reitenden Boten beistellen, der folgenden Brief mit nach Gutta bekam:

»Bakonja auf Pußta Ilintzi eruiert. Bande etwa zwanzig Mann stark. Bitte um Verstärkung der Patrouille durch eine Eskadron, um zum Angriff schreiten zu können.

Wuitsch, Vgsp.«

Man holte alle vorhandenen Laternen herbei. Papa, die beiden Beamten, die Gendarmen und eine Schar von Zeugen – natürlich auch ich – gingen hinaus an den Ort des »versuchten Raubmordes«.

Man suchte die Pappelallee ab, um frische Fußspuren zu finden. Ich ging mit einer Laterne in der Hand voran und fand die Fußspuren mit verblüffender Sicherheit. Einer von den Beamten nahm einen Zollstab und maß.

»Es gibt so vielerlei Spuren hier,« sagte der Vizegespan, »daß die Angabe von zwanzig Räubern kaum übertrieben ist. Aber, Gott sei Dank, die Spuren sind im weichen Boden so gut abgedrückt, daß sie eine wichtige Grundlage meiner Untersuchung bilden werden. Schreiben Sie, Herr Adjunkt:

›Großer Männerfuß mit eins, zwei, drei ... acht, neun, zehn, elf Nägeln. Absatzeisen, vorn breit. – Mittelgroßer Männerfuß mit sieben Nägeln, vorn halbbreit ...‹«

So gings fort ins Endlose. Fünfzehn Paar Stiefel stellte man ganz deutlich fest, »außerdem minder deutliche Spuren in großer Anzahl.« – Man fand etliche Körner schwarzen Schießpulvers – Teile eines Pelzes – einen metallnen, doppelt gelochten Hosenknopf – eine halbe Zwiebel – weiter vom Tatort noch eine ganze Menge corpora delicti.

Ich stand dabei und dankte Gott, daß ich die leeren Patronenhülsen in die Tasche gesteckt hatte. Himmel, wenn sie draufkämen, daß ich und Schweinehirts kleiner Stefan das alles angezettelt haben!

Der Postenführer hatte die Bäume abgesucht.

»Herr Vizegespan,« jubelte er plötzlich, »eine frische Schußnarbe!«

Man grub mit einem Messer nach und schnitt aus dem Bast ein amerikanisches Expreßgeschoß. Wie da alle überrascht waren!

Und wie ich zitterte!

»Ha, jetzt weiß ich,« schrie einer von den Gendarmen. »Vor zwei Jahren ist in Pest ein Einbruch verübt worden – unter der Beute war ein Karabiner. Auch das hat also Bakonja getan.«

Das Geschoß ging von Hand zu Hand. Es war ein Langgeschoß, vorn ganz abgeplattet, wie ein Pilz gestaucht.

»Acht Millimeter,« sagte Papa.

Die Gendarmen leuchteten weiter und fanden Spuren. Neue Überraschung: die Spuren führten nach der Pußta.

»Dadurch gewinnen die Aussagen Ihrer Leute nur an Wahrscheinlichkeit, Herr Roda,« sagten die Beamten. »Ihre Leute wollen die Kerls in unmittelbarer Nähe gesehen haben.«

Wie ich zitterte!

»Vor dem Zaun, auf dem Brachfeld, verlieren sich die Spuren. Als die Räuber die Pußta alarmiert sahen, sind sie wohl nach dem Dorf zu geflohen.«

»Wir wissen, was wir haben wissen wollen, und machen für heute ein Ende,« entschied der Vizegespan. »Wenn Sie erlauben, Herr Roda, möchte ich mich und meine Begleiter für heute nacht bei Ihnen unterbringen. Wir sind sehr müde und brauchen dringend Ruhe.«

Papa war einverstanden. Man ging nach Haus.

Schnell machte Lisi die Betten zurecht, und die sechs Gäste waren leidlich versorgt. Auch Herr Kohn bekam ein Lager.

Schlafen konnten sie freilich alle nicht. Fräulein Wagemund wimmerte die ganze Nacht wie eine angeschossene Katze.

In dieser Nacht wollte ich dreimal aufstehen und Papa meine Streiche beichten. Aber im Zimmer zwischen mir und ihm lag der Herr Vizegespan und sann über die wertvollen Grundlagen nach, die er heute gewonnen hatte ...

Am Morgen, zeitig wie nie, als die Hähne noch krähten, stand ich auf.

Als ich hinauskam, fand ich die Gesellschaft schon wieder versammelt. In eifrigem Erörtern stand die Pußtadienerschaft umher. Ebenso eifrig wisperten die Gendarmen untereinander. Sie waren aufgeregt, erwarteten sie doch für heute »einen Zusammenstoß«.

In der Kanzlei saßen der Vizegespan und Papa und frühstückten. Schüchtern kam ich hinzu, aber den Tee mochte ich nicht berühren.

Papa war argwöhnisch gewesen – das Expreßgeschoß hatte ihn umgestimmt. Von gewöhnlichen Wildschützen, an die er bisher gedacht hatte, konnte das Geschoß gewiß nicht herrühren. In ganz Slawonien hatte ja seines Wissens ein Gewehr solcher Art nur er selbst – und vielleicht Bakonja.

Der Vizegespan erging sich in Vermutungen – er schwelgte in dem Gedanken, Bakonja an den Galgen zu kriegen. Und gelingen müßte es diesmal, meinte er. So nahe auf den Fersen sei er dem Gauner trotz monatelangen Bemühungen noch nicht gewesen.

Insbesondre die Mannigfaltigkeit der Spuren beweise, daß man es hier mit Bakonja zu tun habe. Wer anders konnte eine so große Bande gesammelt haben?

Papa erlaubte sich einen Einwand: wozu sollte Bakonja – wenn er es wirklich war – das aufgefundene Geschoß spreche allerdings dafür – wozu sollte er überhaupt geschossen haben?

»Nun, offenbar, um den Roten Kohn zu berauben.«

»Herr Vizegespan, es war noch recht hell um die Zeit – Herr Kohn, seiner eignen Aussage nach, keine hundert Schritte von der Pußtaeinfahrt weg – ist das die richtige Gelegenheit für einen Raubanfall? Wird ein Mensch von Vernunft die Sache auf so dumme Art anlegen?«

»Dumm nennen Sie das, Herr Roda? Ich sage Ihnen: es ist der listigste Versuch, der mir je vorgekommen ist. Dem ganzen Plan, der kühnen Anlage nach erkenne ich meinen Vogel. – Was hätten Sie getan, wenn Kohn unter Ihren Augen wirklich ermordet worden wäre?«

»Ich wäre natürlich sofort zu Hilfe geeilt.«

»Da haben Sies. Sie wären zu Hilfe geeilt. Das hat ja der Bandit eben provozieren wollen. Nicht auf Kohn hat ers abgesehen gehabt – nein, auf Sie, auf Ihr Geld und Gut, Ihr Weib und Kind.«

»Ich habe überhaupt keine Frau,« entgegnete Papa lächelnd.

»Also auf Ihr Kind. Auf dieses brave, liebe Mädchen.«

Der Herr Vizegespan strich mir zärtlich übers Haar.

Mir war das Herz so schwer, daß ich meinte, unter der Last meiner Sünde erliegen zu müssen. Was hatte ich mir da mit dem einfältigen Räuberspiel eingebrockt!

Als der Herr Vizegespan hinausgegangen war, um einige Anordnungen zu treffen, atmete ich tief auf und sprach:

»Papa, weißt du, was ich glaube?«

»Mach mir eine Buttersemmel zurecht und glaub dann etwas!«

Ich strich seufzend die Semmel.

»Hier, Papa! Weißt du aber auch, was ich glaube?«

»Nun?«

»Ich ... ich ... glaube, es war doch nicht der Rote Kohn, der geschossen hat.«

»Gut, daß du mich erinnerst. Ich bin dir noch was schuldig. Du hast gestern behauptet, der Hafer dumpft. Die Bemerkung war ebenso blöd wie verlogen, Marius.«

»Aber ... laß das jetzt, Papa. Ich ... will dir sagen, was ich glaube ...«

»Bin gar nicht neugierig, mein Sohn. Du bleibst zur Strafe für deine Taktlosigkeit heute den ganzen Tag auf deinem Zimmer. Marsch!«

Mir standen die Tränen in den Augen. Ich wollte um jeden Preis gestehen, meine Schuld drückte mich wie ein Alp.

»Ja, Papa, aber ... aber ... ich glaube, weißt du ...«

»Kein Aber und kein Glauben. Glauben heißt nichts wissen. Wer nichts weiß, redet nicht drein. Der Hafer dumpft nicht, und du bist eine vorlaute Kröte.«

Pferdegetrappel ... Ich ringe mit meinem bessern Ich, während Papa hinauseilt, um zu sehen, was es wieder gebe.

Ulanen sind da, vier Mann, mit Karabinern im Arm. Sie spähen in die Pußta. Dort oben aber auf dem Weg von Gradina trabt eine ganze Kolonne, in eine Staubwolke gehüllt. Sie schwenken den Weg zur Pußta ein – voran der Rittmeister mit gezogenem Säbel – der Trompeter mit dem roten Roßbusch an der Tschapka hinter ihm – dann in endlosem Zug die Reiter mit den Piken.

Der Kommandant sprengt heran. Er fragt die Gendarmen nach irgend etwas, hebt den Säbel und läßt die Schwadron halten.

»Absitzen!«

Die Piken fliegen zur Erde, die Reiter schnellen auf einmal aus den Sätteln.

Wie die Pferde dampfen! Es muß ein scharfer Ritt gewesen sein.

Ach, und alles das wegen meines albernen Räuberspielens! Ich muß, ich muß gestehen.

Ich rufe Papa, aber er hört mich nicht. Er steht mit dem Vizegespan und dem Rittmeister dort in heftiger Debatte. »Zwanzig Räuber – zahlreiche Schüsse – doppelt gelochter Hosenknopf – Langgeschoß« – dringen als Bruchstücke des erregten Gespräches an mein Ohr.

Der Rittmeister entscheidet:

»Ich werde also füttern und dann patrouillieren lassen.«

»Papa – Papa!« flehe ich weinerlich.

»Wie, Marius, du bist noch immer hier? Willst du endlich deinen Zimmerarrest antreten? Marsch!«

Fräulein Wagemund unterhält sich zum Glück mit den Offizieren – sonst führte sie mich sicherlich ins Haus.

Man hat den Pferden Futterbeutel um die Ohren gehängt – sie fressen ihren Hafer. Die Reiter schöpfen Wasser aus dem Pußtabrunnen, um die Tiere zu tränken.

Der Trompeter schmettert das Signal »Satteln«. Die Patrouillen sollen abreiten.

Auch Papa hat sein Pferd fertig machen lassen und will mit dem Rittmeister hinaus. Er hat den Patronengürtel umgeschnallt und schwingt in der Rechten seinen Expreßstutzen – er nimmt die alten Patronen heraus – tut einen Blick durch die Läufe – er sieht, daß das Gewehr abgeschossen ist ...

»Papa!«

»Marius!«

Ich schlinge meinen Arm um seinen Hals und raune ihm ins Ohr:

»Papa, liebster Papa, ich, ich habe gestern abend geschossen.«

»Herr Vizegespan,« ruft in diesem Augenblick der Gendarm von unserm Stall her, »Herr Vizegespan, eine überaus wichtige Entdeckung!«

Der Führer hält meinen Anzug von gestern hoch empor, die Kleider des alten Schweinehirten. Ich hatte sie im Stall liegen lassen.

Alle Herren umstehen den Gendarm.

»Die Kleider rühren von den Räubern her. Da – drei leere Patronenhülsen, die ich in der Tasche gefunden habe.«

»Bitte, Herr Gendarm, das sind meine Kleider,« winsle ich.

Der Rittmeister mustert mich starr, der Vizegespan lacht.

»Wie ist das möglich, kleines Fräulein?«

»Eigentlich nicht meine Kleider, wissen Sie – aber die, die ich anhatte, als ich gestern Räuber spielte und dreimal in die Luft schoß.«

Die Herren machen ein Gesicht, als wären sie gradenwegs vom Himmel gefallen. – Ich erzähle reumütig alles.

Der Postenführer hat indessen unbeirrt alle Taschen der Kleider abgesucht und ein Päckchen darin gefunden. Es enthält einen Stempel mit der Umschrift »Gemeindeamt Widowoselo«.

»Wem gehören die Kleider sonst, Fräulein?«

»Schweinehirts Stefan seinem Vater.«

»Wo wohnt Schweinehirts Stefan sein Vater?«

»Dort.«

Der Gendarm geht.

Die Herren sehen verwundert und betroffen den Stempel an.

Ehe wir noch zur Besinnung kommen, führen die Gendarmen unsern guten, braven Schweinehirten gefesselt herbei; der Postenführer sagt:

»Herr Vizegespan, ich melde gehorsamst, daß Bakonja gefangen ist.«

Als man die Hütte des Hirten durchsuchte, fand man Hunderte von Gulden bar – Waffen – Gold – Silber – allerlei gestohlenes und geraubtes Gut in Menge – und leere Viehpässe. Wenn er eben ein Pferd gestohlen hatte, stellte er sich mit Hilfe des Stempels gleich einen tauglichen Paß dazu aus. Seit Monaten schon waren die Pässe mit der Bezeichnung »Widowoselo« der Behörde als Fälschungen bekannt gewesen – endlich fand man ihren Urheber in Bakonja.

Er kam nachher samt zwei Genossen, die man später ausforschte, ins Zuchthaus.

Der Herr Vizegespan kriegte eine großartige öffentliche Belobung für seine Umsicht und Tatkraft – der Postenführer den auf des Räubers Kopf ausgesetzten Preis von tausend Gulden.

Verdient hätte eigentlich ich den Preis. Aber damals fühlte ich mich genug belohnt durch die Verzeihung, die mir Papa gewährte.

Noch heute, nach so vielen Jahren, sind die Leute auf Pußta Ilintzi stolz auf ihren vormaligen berühmten Schweinehirten. Gabriel Warga behauptet, er wär mit ihm verwandt gewesen.


 << zurück weiter >>