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Zigeuner sind ehrlich.

(1902)

Als ich noch ein kleines Mädchen war, an die neun Jahre alt – da fiel mir eines Tages ein, den alten Awram zu besuchen. Er war ein Zigeuner vom Stamm der Kesselschmiede; wohnte einen Büchsenschuß weit von der Pußta am Anfang des Dorfs Ilintzi in einer Lehmhütte.

»Guten Tag, mein goldnes, süßes Fräuleinchen!« grüßte er. »Schön, daß du dich deines alten Freundes noch erinnerst.«

»Gott helfe bei der Arbeit, Onkel Awram! Ich komme mit einer Bitte.«

»Mit einer Bitte, Rubinblume? Was mags für eine Bitte sein?«

»Man hört so viel von Dieben erzählen, und ich bin begierig, einen zu sehen. Möchtest du mir einen Dieb zeigen? Nicht einen gewöhnlichen Gänsedieb wie Ilia, keinen, der nur Trauben stiehlt wie Schweinehirts kleiner Stefan; nein, weißt du, einen wirklichen, einen echten, rechten Spitzbuben.«

Der alte Awram schüttelte verwundert den Kopf.

»Was die Herrenleute doch für Einfälle haben schon von Kind auf! Du willst Diebe sehen und kommst zu den Zigeunern? Zigeuner sind ehrlich, Euer Gnaden, kleines Mädchen, nur schrecklich arm. Sie müssen Kessel flicken und allerhand Schmiedearbeit tun für eine Handvoll Weizen – und doch verhungern, wenn ihnen gute Menschen nicht hie und da einen Löffel Schmalz dazu schenken. – Sag, hast du einen Löffel Schmalz bei dir, gute Tochter, einen Finger Speck, eine Pfeife Tabak? Du hast noch nie so tanzen gesehen, wie der alte Awram tanzt, auf alte Zigeunerart über zwei Axtstiele. Gib Geld, gute Tochter, gib Geld, du wirst es nicht bereuen! Das können nicht alle Zigeuner, wie eine Kröte über zwei Axtstiele hüpfen.«

Ich gab ihm zehn Kreuzer. Er küßte mir die Hand.

»Und wo sind die zwei Äxte, Euer Gnaden, kleines Mädchen, damit ich wie eine Kröte nach alter Zigeunerart darüberhüpfe? Hast du sie mitgebracht, gute Tochter? Denn wisse, der alte Awram ist so arm, daß er keine Axt im Hause hat. Wieviel Geld könnte sich der alte Awram noch verdienen – von Herrschaften und Grafen – wenn er zwei kleine hübsche Äxte hätte, um darüberzuhüpfen! Geh, meine süße Braut, geh heim und hol zwei Äxte her; es wird dich nicht gereuen.«

»Nein, nein. Äxte darf ich dir nicht bringen, Papa leidet es nicht. Weißt du noch, wie er gescholten hat, als ich dir ein Kalb gab für eine Maultrommel?«

»Freilich weiß ichs noch, Töchterchen. Das Kalb ist unterdes ein großer Stier geworden und weidet mit dem herrschaftlichen Vieh. So oft ich ihn sehe, kommen mir die Tränen in die Augen, und auch der Stier blickt mir so traurig nach. Was hat er für ein Leben in der großen Herde? Bei mir wäre er der einzige gewesen, ich hätte ihn wie einen Sohn gehalten. Erst unlängst lief er mir wieder nach und brüllte. Er weiß ganz gut, daß er von Rechts wegen mir gehört, durch redlichen Handel.«

»Die Maultrommel,« wandte ich ein, »war nur vier Kreuzer wert.«

»Kind, das sagen Leute, die sich nicht darauf verstehen. Es ist ein Unterschied zwischen Maultrommel und Maultrommel. Meine war aus Amerika, ich hatte sie von meinem süßen Schwiegersohn, der ist dort Bärentreiber. Mein leiblicher Bruder, Geiger des Königs in Londonland, er kanns bestätigen.«

»Awram,« unterbrach ich, denn ich wollte zur Sache kommen, »sieh, hier hab ich einen Silbergulden, den hat mir mein Großpapa geschenkt. Ich gebe dir ihn, wenn du mir einen Dieb zeigst.«

»Gib her, goldnes Grafenkind, gib mir ihn! Der alte Awram wird tanzen.«

»Tanzen sollst du nicht. Du sollst mir einen Dieb zeigen.«

»Einen Dieb? Woher nehmen und nicht stehlen? Doch ich wills versuchen, Euer Gnaden, mein Mädchen. Nichts ist dem alten Awram zu schwer, wenn dus verlangst. Wir wollen zusammen fortgehen, einen Dieb suchen. Komm, komm, Töchterchen!«

Awram holte einen Sack vom Herd, warf ihn über die Schulter, und wir gingen. Die Sonne brannte heiß, der Staub war knöchelhoch. Nie zuvor war ich so weit zu Fuß gewandert.

»Sind wir bald da, Awram?«

»Noch ein kleines Stündchen, Kind, dann zeige ich dir einen Dieb.«

»Einen richtigen, einen tüchtigen?«

»Kind, vor dem, den ich dir zeige, haben selbst die Gendarmen Angst. Wenn dir der arme Awram einen Dieb zeigt, ist es kein hergelaufener. – Siehst du den Turm? Das ist das Schwabendorf. Dort werden wir ruhen, Wasser trinken und uns einen Dieb ansehen.«

Awram schritt wieder aus und warf seinen Sack herum.

»Was klirrt in deinem Sack?«

»Das Handwerkszeug zum Kesselflicken, sieben Dinge: Hammer, Zange, Nietenkopf; Amboß, Lötkolben, Zinn und Kohle. Nicht eins darf man vergessen.«

»Du willst Kessel flicken, Awram?«

»Wie klug du bist! Alles errätst du; das Geheimste bleibt dir nicht verborgen. – Hast du auch noch deinen Gulden, den du dem armen Awram geben wolltest?«

Ich griff in meine Tasche und bejahte.

»Tu ihn lieber in deinen seidnen Kittel, Töchterchen, damit du ihn nicht verlierst!«

Ich gehorchte.

»Höre, Awram, was für einen sonderbaren Ring hast du?« – Er war von Eisen und trug eine Spitze, gleich einem Hufstollen.

»Der Ring, gräfliche Rubinblume? Der Ring? Wie du ihn gleich erspäht hast! Das ist des armen Zigeuners Arbeitgeber. Solang ich ihn trage, gibts Kessel zu flicken.«

»Ist das ein Zaubermittel?«

»Ein arabischer Zauber. Er lenkt mich dahin, wos schlechte Kessel gibt.«

»Das möchte ich sehen.«

Wir waren im Schwabendorf angekommen, aber Awram ging an den ersten Höfen stumm vorüber. Da sei er unlängst eingekehrt, erzählte er. Ins achte, neunte Bauernhaus trat er vorsichtig ein. Die Hunde kläfften toll. Eine Frau erschien im Säulengang.

»He, silberne Frau Mutter, habt Ihr löcherige Kesselchen in euerm Steinhaus? Hundert Jahre mögt Ihr leben und Brot mit einem Zahn kaun für ein wenig Arbeit.«

»Nichts da! Pack dich, Zigeuner!« schrie die Alte, und ihre Hunde heulten ärger denn zuvor.

»He, Schaffnerin, so laßt mich doch Eure Kesselchen sehen, vielleicht haben sie hie und da ein Löchlein, klein wie ein Nadelöhr. Flick ich sie heute, kostets ein Weizenkorn; morgen hat das Feuer schon den Boden weggebrannt und den Trank gesoffen statt der Schweine.«

Alles ging in den Wind; die Frau zeigte ihre Kessel nicht.

»Weiter denn in Gottes Namen!« sagte Awram, ging wieder stumm vorbei an sieben Türen, ehe er die achte öffnete. Diesmal traf er eine junge Bäuerin; sie hatte freilich für ihn keine Arbeit, aber ließ die Kessel wenigstens untersuchen.

»Du guckst vergebens nach schadhaften Stellen.« – Die Frau lächelte.

»Dankt Gott, Hausfrau, daß ich gekommen bin! Denn seht, hier ist ein Loch!« Und schon steckte Awram seinen Finger durch das Kesselblech. Die Frau war bestürzt und wollte es zuerst gar nicht recht glauben. Dann bat sie Awram um Hilfe. Unter einem Maulbeerbaum am Brunnen fachte der alte Zigeuner Feuer an und nietete und hämmerte drauf los. Es gab dann noch ein Feilschen um den Preis, und weiter gings – mit wechselndem Glück.

Gegen Abend sagte Awram:

»Siehst du nun, Euer Gnaden, wie mich der Ring geführt hat?«

»Er hat dich geführt?«

»Nicht? Wenn ich einen Kessel ansehe, ist er durchlöchert wie mein Hut.«

»Unsinn! Ich hab schon bemerkt, wie du es machst, Awram: wo ein Strich mit roter Kreide an der Tür ist, da trittst du ein. Wer hat den Strich gezogen? Wohl andre Zigeuner, die vor dir dagewesen sind?«

»Kind, du irrst. Alles macht mein arabischer Zauber.«

»Das glaub ich wohl. So wie man dir einen Kessel in die Hand gibt: knacks! – bohrst du ein Loch ein mit dem Stollen deines Ringes.«

Awram beteuerte bei allen Heiligen seine Unschuld, aber ich glaubte ihm nicht.

»Wenn du so redest, Tochter, geh lieber deiner Wege! Es ist spät; du kannst nicht immer beim armen Awram bleiben, der hat ohnehin so viele Kinder zu ernähren.«

»Aber du hast mir doch einen Dieb zeigen wollen?«

»Morgen, nächstens,« brummte er, »wenn du artiger gewesen bist.«

»Awram,« bat ich, »meinen Silbergulden schenk ich dir, wenn dus noch heute tust.«

Er blickte auf und lachte.

»Einen Dieb? Für einen Silbergulden? Kind, wo hast du deinen Silbergulden?«

Ich griff in die Tasche – ich suchte und suchte – nichts. Mein Gulden war weg.

Je länger mein Gesicht ward, desto vergnüglicher schmunzelte der Alte.

»Töchterchen, wenn du Diebe sehen willst, darfst du sie nicht bei den Zigeunern suchen. Zigeuner sind ehrlich, süße Rubinblume. Zigeuner sind ehrlich wie Apostel.«

»Awram, du hast mir den Gulden gestohlen.« – Ich wollte weinen.

»Gestohlen? Ich habe den Gulden gestohlen? Ei, so geh nach Haus und leg dich in dein herrschaftliches Bett, denn du hast einen Dieb gesehen. Morgen aber bring mir den Gulden, den du mir als Lohn dafür versprochen hast. Und bring auch Äxte mit, damit ich nach alter Zigeunerart darüber hüpfe, Töchterchen, ganz wie eine Kröte, ganz wie eine Kröte. Du hast noch nie was Hübscheres erlebt.«


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