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Die Lederflinte.

(1902)

Nicht weit von der Ilintzipußta lebte ein gar sonderbarer alter Kauz. Er hieß Wenzel von Jonak, schrieb sich aber Jonac, weil ihm sein wirklicher Name zu gewöhnlich erschien. Der Zufall will, daß ein Affe auf kroatisch Jopac heißt und ein Ochs Junac – Anlaß genug für boshafte Leute, den alten Herrn bis aufs Blut zu necken.

Jonac hatte einen Besitz unterhalb von Ilintzi. Kein Latifundium; ein kreuzlahmer Schimmel konnte an einem einzigen Vormittag alle Grenzen abtraben. Und Jonacs Besitz lag grade wie Chile mit der längsten Seite am Wasser. Das Wasser war ungeberdig genug, zweimal im Jahr den Papierkorb aus Jonacs Wirtschaftskanzlei zu schwemmen.

Herr von Jonac war also eigentlich ein recht armer Teufel. Sommers und Winters trug er denselben Rock, aß Knoblauch mit Maisbrot oder Maisbrot mit Knoblauch, je nachdem obs kalt oder warm war, und pflügte seinen Acker mit zwei Joch Ochsen, die jeden Rain auswendig wußten.

Und trotzdem zählte der alte Jonac zur Gesellschaft. Das machte sein Zug ins Großartige. Jonac war nämlich auch ein ganzer Weltweiser. Er leugnete alles, was er mit Händen greifen konnte, und glaubte nur an Unsichtbares. Freilich hatte er kein Barometer, um das Wetter vorher zu wissen; aber nicht aus Armut, wie die andern meinten, sondern nur, weil die Barometer allesamt nichts taugen. Allerdings blies der Wind durch alle Fugen in Jonacs Haus, nein, in das Kastell; Jonac ließ die Fugen offen – nicht aus Geldmangel, sondern weil frische Luft gesund ist. Jonac hatte steinalte Ochsen: weil der Humus durch sehr langsames Ackern erst richtig gebröselt und fruchtbar wird. Er hatte nur einen Knecht, der war zugleich Pandur, Diener, Jagdhüter und Hirt – weil eine gute Wirtschaft einheitlicher Leitung bedarf.

Jagdhüter! Du meine Güte! Wenzel Jonac hatte natürlich auch kein Jagdrecht. Aber nicht etwa, weil sein Grund so klein war – nein, weil die Gesetze so unvollkommen sind.

Nun ist es ein uraltes Recht des landsässigen Adels, wider schlechte Gesetze mit bewaffneter Hand aufzustehen – und das tat Jonac, indem er einfach einen alten Vorderlader ergriff und jagte. Er schoß Enten, die sich in seinen Sumpf verirrten – Bekassinen – hie und da ein Häschen – einen Reiher – alle fünf Jahre auch eine Fehe, die vor Lebensüberdruß ins Wasser gegangen war.

Die Anrainer duldeten es still und lächelten dazu, weil sie mußten. Wollte einer mit Jonac Finger ziehen, so blieb der Alte von der nächsten Jagd auf der Nachbarpußta aus, und der Streithans hatte das Nachsehen. Denn eine Jagd ohne Jonac war wie Speck ohne Salz, wie Kuchen ohne Schmalz, wie ein Frühling ohne Liebe.

Überallhin lud man den Alten mit seinem Vorderlader. Man freute sich, wenn er sich necken ließ, und doppelt, wenn er sich wehrte. Man sagte Neulingen, er wäre schwerhörig, und tanzte auf einem Bein vor Vergnügen, wenn sie wie die Büffel brüllten, um sich ihm verständlich zu machen. Oder man gab ihn für einen närrischen Exzellenzherrn aus und ergötzte sich an den Buckerln der Sonntagsjäger aus der Stadt. Einem Doktor aus Essegg, der fremd in der Gegend war, redete man gar ein, der alte Jonac wäre eigentlich der Obmann der Treiber und beanspruche nach der Jagd ein Trinkgeld. Von der Antwort, die Jonac dem Doktor damals gab, erzählte man sich noch jahrelang im ganzen Komitat.

Eines Tages nun war Kreisjagd auf unserm Hotter gewesen, und wie das in Slavonien schon ist, war nichts geschossen worden als etliche grüne Hüte, die vorwitzige Herren in die Luft geworfen hatten. Nachmittag kamen die Schützen alle zu uns auf die Ilintzipußta zum »Frühstück«. Papa hatte eine große Geweihsammlung voller Abnormitäten, die er in Oberungarn erbeutet und zusammengekauft hatte, überdies eine ganze Volière von allerlei ausgestopftem Federwild, meist Sumpfgeflügel aus der berühmten Obetzka Bara und sonst aller Welt. Dieses Museum wurde nun besichtigt.

Man schwatzte und trank zwischendurch, bis die Katze wieder auf ihre vier Pfoten fiel und Jonac daran kam.

Warum er denn immer noch seine lederne Flinte habe, fragte man ihn. Er pflegte nämlich seinen alten Vorderlader in einem Juchtenfutteral zu tragen.

Jonac lächelte. Sein Gewehr verpacke er so sorglich, weil es einfach unersetzlich sei. Wenn es etwa Schaden nähme – wo gäbe es ein Gewehr von ähnlichem Brand? Was die Herren da haben: Lancaster, Fusil Ideal, Hammerleß, Shoke-bor – das sei alles plumper Schwindel. Das sollte ihm einer nachmachen, was er mit seiner unübertrefflichen Flinte vermöge: auf hundert Schritte einen Vogel von der höchsten Pappel herunterzulinieren.

Allgemeines Gejohle. Ich hörte gar nicht mehr hin, sondern schlich sofort ins andre Zimmer, ergriff einen von Papas ausgestopften Vögeln und warf ihn rasch und heimlich durchs Fenster in den Garten.

Mein Freund, Schweinehirts kleiner Stefan, trieb sich just ums Haus herum. Ich rief ihn näher.

»He, einer von uns beiden muß sogleich auf die Pappel klettern,« sagte ich hastig.

Er wollte noch etwas fragen, ich schnitt ihm kurz die Rede ab:

»Willst du oder nicht – für ein Vierkreuzerstück?«

Er wollte selbstverständlich.

Stefan, dachte ich mir, krallt auf die Pappel und nimmt ein Ende von Papas Meßband mit; wenn er oben ist, binde ich den Vogel am andern Ende an, Stefan zieht ihn hoch und schlingt ihn mit Draht in einen von den Wipfelzweigen. Es traf sich herrlich, daß Stefan immer Draht und dergleichen bei sich hatte.

Zehn Minuten später kehrte ich atemlos in das Zimmer zurück, wo die Schützen frühstückten. Sie sprachen immer noch von Onkel Jonacs lederner Flinte. Der Essegger Doktor wollte sich auf zwanzig Schritte weit als Scheibe aufstellen und wettete, Jonac treffe ihn nicht in den ...

»Papa,« rief ich, »auf der Pappel sitzt ein Geier!«

Alle sprangen auf. Die einen liefen ans Fenster, die andern an die Tür. Allen voran war der alte Jonac mit der Lederflinte. »Pst – pst,« machte er und pirschte gebückt vor, auf die Pappel zu.

»Wetten Sie – wetten Sie zuerst!« zischten die Herren auf der Veranda. »Einen Eimer Wein – gilts?«

Jonac nickte siegesfroh zurück.

Unterdessen war der Alte in einen Busch geschloffen, lag mit den Füßen in der Entenpfütze, packte umständlich seinen Vorderlader aus dem Futteral, zielte umständlich ...

Bum!

Oben auf der Pappel flogen die Federn, aber es rührte sich nichts. Die Herren auf der Veranda zappelten und wieherten wie ein Pferdestall vor dem Morgenhafer.

Jonac schüttelte den Kopf.

Bum!

Wieder federte der Vogel, aber er rührte sich nicht.

»Fluch deinen Urahnen, irrsinniger, toter Geier!« schrie Jonac. »Was stellst du dich lebendig und kommst nicht herunter?«

Er stand auf, zerriß zwei Pulversäckchen mit den Zähnen, tat zwei Unschlittlappen auf die Ladung, zwei Handvoll Schrot darauf und wieder zwei Lappen, stampfte das Ganze mit dem Ladestock fest ...

Bum!

Nichts.

Bum!

Nach jedem Schuß wettete er immer noch auf einen Eimer Wein. Zuletzt warens sieben.

Ich stand neben Papa und sah voller Interesse zu.

Papa faßte mich plötzlich an einem Ohr und ging ins Zimmer, ohne loszulassen. Ein Blick auf die Sammlung – und Papa wußte alles.

Onkel Jonac kroch aus der Entenpfütze und schritt zur Pappel. Kein Zweifel, der Geier war eine Leiche. Warum baumelte er oben, statt herabzufallen?

Vielleicht hatte ihm der Draht den Kopf abgewürgt – kurz, der Geier hatte endlich ein Einsehen und kollerte in hundert Sprüngen von Ast zu Ast. Mit Triumphgeheul und glänzenden Augen verfolgte Jonac seinen Weg bis zur Erde.

Da – – ja, was war das? Onkel Jonac erblaßte. Lärmend drängten sich die Schützen heran. Eine ausgestopfte, aufgebäumte, kopflose Spottgeburt, und auf dem Standbrettel ein nettes Zettelchen mit der Aufschrift:

Kagus Rhinochetus jubatus aus Neukaledonien.

»Marius,« rief Papa vor dem Schlafengehen, »daß du mir das schönste Stück meiner Sammlung ruiniert hast, tät ich dir noch verzeihen. Aber daß ich statt des armen alten Narren sieben Eimer Wein hab auftischen müssen – das, du Elende, zieh ich dir dereinst von der Mitgift ab.«


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