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21. Kapitel.

Am Vormittag des 1. Juni fuhr Wesenthal in aller Frühe in die Stadt und begab sich direkt in Rudolfs Wohnung nach der Königgrätzer Straße, wo er unmittelbar darauf einen Hausverwalter nach dem anderen empfing, die er alle brieflich hierher bestellt hatte. Als er die Mieten eingenommen und gebucht hatte, fuhr er nach mehreren Banken, um daselbst Interessen und Dividenden, die von einer Unmenge fälliger Titel herstammten, einzukassieren. Das alles nahm so viel Zeit in Anspruch, daß er nicht einmal Gelegenheit fand, zu Mittag zu essen.

Ziemlich spät abends fuhr er mit einer Summe von neunmalhunderttausend Mark wieder nach Potsdam hinaus. Kein Mensch hätte diesem so bescheiden aussehenden Herrn angesehen, daß er eine so große Summe Geldes mit sich führte.

Daheim angekommen, öffnete er das an sich unscheinbare Paket und machte aus dem Papiergelde, nachdem er sich überzeugt hatte, daß sowohl die Türen als auch die Fensterladen festgeschlossen waren, kleine Häufchen zu je hundert Tausendmarkscheinen im Werte von achtmalhunderttausend Mark sowie von den restierenden hunderttausend Mark wieder zwei Häufchen, jedes zu fünfzigtausend Mark. Diese legte er dann derartig auf den Schreibtisch, daß sie jedem sofort in die Augen fallen mußten.

Obwohl es noch nicht ganz neun Uhr war, und er Amadini und Straußberg erst um ein Uhr nachts erwartete, war er doch nicht imstande, zu arbeiten. Das Bewußtsein, daß bei dem riskanten Coup, den er vor hatte, auch das Geld seines Schwiegersohnes eine Rolle spielte und – unter Umständen – verloren war, machte ihn nervös. Ruhelos lief er im Zimmer auf und ab. Er wußte, daß er, sobald er vor der Entscheidung stand, ruhig werden würde. Innerlich sah er vollkommen kalten Auges dem Ende entgegen. Er segnete sogar das Geschick, daß es endlich einmal sein Ende beschlossen hatte.

Denn Wesenthal zweifelte keinen Augenblick, daß er im bevorstehenden Kampfe – allerdings mit den beiden anderen – fallen würde.

Vielleicht war dies auch die beste Lösung so.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb an seinen Schwiegersohn, indem er mitteilte, daß und welche Gelder er erhoben hatte, jeden Posten genau nach seinen Vermerken zu detaillierend.

Er klingelte seinem Mädchen, das alsbald erschien: »Mathilde gehen Sie zu dem Herrn Doktor hinüber und bitten Sie ihn, mir etwas Veronal herüberzuschicken, damit ich schlafen kann. Ich vergaß es ihm heute zu sagen. Ich bin furchtbar müde und weiß, daß ich doch nicht werde schlafen können. – Dieser Brief an meinen Schwiegersohn wird morgen eingeschrieben. Erledigen Sie das, so lange ich noch im Bett bin. Also – springen Sie rasch zum Doktor hinüber, mir das Schlafmittel zu holen. Dann können Sie nach oben gehen. Das Veronal legen Sie mir auf den Nachttisch. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, gnädiger Herr.« Das Mädchen entfernte sich. Er lauschte ihren Schritten auf dem Kies der Gartenwege.

Minuten verstrichen. Endlich hörte er sie wiederkommen, das Haus verschließen und den großen Riegel innen vor die Tür schieben. Bald darauf vernahm er ihren schweren Schritt auf der Treppe, bis er verhallte.

»So. Die ist schlafen gegangen,« murmelte er halblaut zu sich selbst. »Jetzt können Kanonen losgehen – sie hörte es doch nicht. – Ich bin bereit. Sie können kommen.« Seine Hand faßte nach einem Gegenstand, den er in der Rocktasche verborgen hatte. Er versuchte das elektrische Licht, ob es funktionierte und sich leicht abdrehen und wieder aufdrehen ließ. Dann löschte er das Licht, öffnete die Fensterladen und wartete im Dunkeln.

Es konnte noch nicht zehn Uhr sein, als er draußen im Garten zwei Gestalten bemerkte, die längs der Gebüsche an das Haus heranschlichen. Wesenthal machte Licht, ging hinaus und öffnete die Haustüre.

Straußberg und Amadini – in eine Art von Radmänteln gehüllt und äußerst reduziert in ihren Ballonmützen aussehend, – waren erst hoch überrascht, daß Wesenthal sie derart einließ, beruhigten sich aber, als er ihnen sagte: »Durch Klingeln oder Klopfen an den Scheiben hätten Sie mein Mädchen wecken können. Und das ist überflüssig. – Bitte.« Durch eine Handbewegung forderte er sie auf, näher zu treten.

Sobald sie in das Schreibzimmer eingetreten waren, in dem die beiden elektrischen Lampen glühten, die eine auf dem Schreibtisch, die andere auf dem Mitteltisch, schloß er hinter sich das Zimmer ab und bemerkte mit vollkommen ruhiger Stimme:

»Ich hatte sie nicht so früh erwartet.«

»Das kann ich mir denken,« erwiderte Straußberg. »Wir haben aber überlegt, daß wir, wenn wir den letzten Zug nehmen würden, kaum mehr nach Berlin zurückkommen könnten, was Ihnen auch nicht angenehm wäre, da Sie ja den Wunsch hegen, uns so rasch wie möglich Berlin verlassen zu sehen. – Deshalb verlieren wir keine Zeit, und haben Sie die Güte, uns die bewußte Summe einzuhändigen.«

»Nein,« sagte Wesenthal, ohne sich zu bewegen – kurz und scharf, aber mit unerschütterlicher Festigkeit.

Die beiden wechselten die Farbe und traten einen Schritt zurück. »Was – und – – – warum nicht, wenn man fragen darf?« zwang sich Straußberg zu einem Lächeln.

»Ebenso, wie Sie sich die Stunde Ihres Kommens anders überlegt haben, habe ich es mir mit dem Ausfolgen des Geldes anders überlegt,« sagte Wesenthal in seiner unheimlichen Ruhe, ohne einen Zug seines Gesichtes zu verändern.

Die jähe Blässe Amadinis verwandelte sich in dunkles Rot des Zornes: »Habe ich's nicht von Anfang an gesagt, daß er nie daran gedacht hat, uns das Geld zu geben,« schrie Amadini, dessen Gesichtszüge sich schrecklich verzerrten.

»Vielleicht hat er es nicht einmal erhoben,« zischte der Graf mit übereinandergebissenen Zähnen, nur mit Mühe sich zur Ruhe zwingend.

Wesenthal lächelte verächtlich und wies nach dem Schreibtisch: »Haben Sie die Güte, jene beiden Bücher aufzuheben, und Sie werden darunter zwei gleiche Päckchen Banknoten finden – allerdings nicht zwölfmalhunderttausend, sondern nur neunmalhunderttausend Mark.«

Straußberg brach in ein hysterisches Lachen aus: »Also das hat er gemeint, der alte Spaßvogel! Uns einen solchen Schrecken einzujagen! Nun – neunmalhunderttausend Mark sind auch nicht zu verachten! – Und wie schön er das Geld in zwei Partien eingeteilt hat! – Rasch, Amadini, nehmen Sie, da ist Ihr Anteil – ich nehme den meinen –«

Mit einer unheimlichen Gier und Hast begannen sie ihre Taschen mit dem Gelde vollzustopfen, ohne jedoch Wesenthal aus den Augen zu lassen, der sie ruhig, nur durch den Schreibtisch von ihnen getrennt, das Geld einstecken ließ, ohne durch eine Bewegung oder durch ein Wort dagegen etwas einzuwenden. Der Ausdruck Wesenthals beunruhigte sie noch immer etwas.

Als Straußberg und Amadini ihre Arbeit beendet hatten, zog Wesenthal ganz gelassen seinen Revolver aus der Tasche und redete sie kalten Tones an:

»Ich habe Ihnen dieses Geld nicht gegeben, wie ich gleich zu Anfang bemerkt habe, sondern es Ihnen verweigert. Da ich meinen Schwiegersohn vertrete, könnte ich euch beide schlankweg über den Haufen schießen, ehe ihr noch eure Waffen hervorgeholt habt. Doch ich hasse jeden gemeinen Mord. Verteidigt euch – wenn ihr den Mut habt, zwei gegen einen den Kampf aufzunehmen.«

Straußberg hatte inzwischen schon seinen Revolver gezogen, schlich sich wie eine Katze geduckt seitwärts und hoffte, Wesenthal zu überraschen. Er gab Feuer – die Kugel streifte Wesenthals Arm, ohne ihn jedoch zu verletzen.

»Nun komme ich,« rief Wesenthal mit eisiger Ruhe, den Rücken durch die Wand gedeckt.

In demselben Augenblick fiel schon Straußberg, als er gerade im Begriff war, zum zweiten Male loszudrücken, von der Kugel Wesenthals tödlich getroffen, vornüber zu Boden.

Amadini, feig wie gewöhnlich, wo es galt, mit offenem Visier zu kämpfen, hatte sich in einen Winkel des Zimmers geflüchtet, sich daselbst mit schlotternden Knien zusammenkauernd, ohne imstande zu sein, die Hand, die die Schußwaffe hielt, zu erheben.

»Los denn, Feigling,« rief ihm Wesenthal zu. »Verteidigen Sie sich!« Er hätte ihn ja spielend leicht niederschießen können, doch wollte er es nicht. Er ließ das Schicksal – wie in einem Duell – walten, um zu sehen, ob er noch weiter leben dürfte oder nicht. In dieser Erwartung des sicheren Todes sollte seine Sühne für das Vergangene liegen.

Amadini begriff trotz seiner Angst, daß das Vorgehen Wesenthals, das aus einer Strafvollstreckung ein Duell machte, die Chancen zwischen ihnen beiden so ziemlich ausglich. Erst dann erhob er langsam den Arm, um zu zielen. Doch wieder packte ihn die Furcht, daß er bei diesem zweifelhaften Licht seinen Gegner verfehlen und das Spiel verlieren könnte.

Da kam ihm blitzschnell ein Gedanke: Ueberfallen wollte er ihn.

Mit einer raschen Handbewegung drehte er den Hahn der elektrischen Beleuchtung um, so daß es mit einem Male stockfinster im Zimmer wurde und man nicht die Hand vor den Augen sehen konnte.

Ein furchtbares Schweigen herrschte zwischen beiden.

Amadini vernahm das Keuchen eines Menschen. – Das war sein eigener Atem.

Einige Sekunden verstrichen so – – – – eine Ewigkeit!

Da war es plötzlich Wesenthal, als hörte er etwas sich links heranschleichen – wie das Kriechen eines Menschen über den Teppich.

Kein Zweifel – Amadini kroch auf allen Vieren auf ihn zu, um ihn zu überfallen und vielleicht zu erwürgen, wie er es einst mit der Mutter Rudolfs getan. – Das war die Vergeltung.

Er hielt den Atem an, um zu hören, woher das Geräusch kam. – Alles schwieg. Nur die Nacht sang ihr flimmerndes Lied.

Fieberhaft suchten seine weit aufgerissenen Augen. – Jetzt packte ihn die Angst, – nervöse Angst. Diese Ungewißheit im undurchdringlichen Dunkel war gräßlich.

Wesenthal blickte nach rechts – nach links – als wollte er das Dunkel durchdringen. Ohne es zu wissen, blickte er zu hoch.

Da plötzlich glühten ganz tief unten – ganz nahe von ihm zwei Lichter auf – die Augen Amadinis!

Als Katzenaugen hatte man sie bezeichnet.

Nein – diese Bezeichnung war schlecht.

Das waren die Augen eines Tigers, der in den Dschungeln seiner Beute auflauert.

Des Tigers – Amadini!

Jetzt, da Wesenthal wußte, wo sein Gegner war, wurde er wieder ruhig. Eisig, ruhig und kaltblütig.

Das Keuchen Amadinis hatte aufgehört.

Er ließ das Raubtier ganz dicht an sich herankriechen und zielte – zielte zwischen die beiden Tigeraugen –

Eine kurze Detonation – –

Die Lichter hatten aufgehört zu glühen – –

Darauf wieder tiefes Schweigen.

Als er nichts mehr hörte, trat er einen raschen Schritt nach dem Schreibtisch und drehte die Lampe auf.

Beide Körper lagen regungslos auf der Erde.

Wesenthal beugte sich erst über den einen, dann über den anderen.

Beide waren tot.

Mit ihrem Tod – mit der Sicherheit, daß sie tot waren – kam wieder der Lebensdrang in ihn.

Er öffnete das Fenster, gab einige Schüsse in die Nacht hinaus ab und rief laut um Hilfe. Passanten, die sich am Gitter des Gartens zeigten, rief er zu, rasch nach der Polizei zu eilen, – man habe bei ihm eingebrochen.

Nach wenigen Minuten waren einige Schutzleute und ein Polizeileutnant zur Stelle, denen er seine Angaben machte. Er bat ihn, an Egon Kleinthal depeschieren zu dürfen, der vielleicht die nötigen Aufklärungen über seine Person geben könnte. Natürlich gestattete ihm dies der Kommissar, der inzwischen eingetroffen war, und es nicht für nötig hielt, Wesenthal in Untersuchungshaft abzuführen, da dessen Stellung in Potsdam genugsam bekannt war und Wesenthal als das Muster eines ruhigen Bürgers, Gelehrten und Vaters galt.

Nach den ersten Aussagen Wesenthals, sowie nachdem man bei den Erschossenen noch das Geld vorfand, galt es für erwiesen, daß Wesenthal in der Notwehr gehandelt habe. Gleichzeitig mit der Depesche an die Berliner Kriminalpolizei – zwecks Rekognoszierung der beiden Verbrecher – war die Depesche an Egon abgegangen.

Mit dem ersten Frühzuge traf er in Potsdam ein.

Schon unterwegs begegneten ihm Leute, die mit geheimnisvollen Mienen von einem Morde sich erzählten.

Von der Ferne schon sah er das sonst so stille Häuschen von einer dichten Menschenmenge umlagert. Er beschleunigte seinen Schritt – denn da mußte jedenfalls etwas vorgefallen sein.

Sobald er in das Haus trat, in das er von dem davor postierten Schutzmann nur mit Mühe eingelassen worden war, eilte ihm Wesenthal – bleich, aber doch ruhig – entgegen und empfing ihn mit den Worten:

»Bald hätten Sie mich nicht mehr gesehen. Gestern abend sind zwei Strolche hier eingebrochen – hatten sich, während ich einige Minuten das Zimmer verlassen hatte, des ganzen Geldes, das ich in Rudolfs Namen einkassiert hatte, bemächtigt. – Als ich wieder eintrat – um ein Haar wäre es zu Ende gewesen. Da! – hier hat die Kugel des einen gestreift.«

Egon erblaßte vor Erregung. »Und die Einbrecher? Haben Sie sie?«

»Erschossen habe ich sie, sonst hätten sie mich erschossen.«

Von einem plötzlichen Einfall durchblitzt, fragte Egon, ob er die Toten sehen könnte.

Wesenthal betrat, nachdem er den Kriminalkommissar und den Polizeileutnant um Erlaubnis gebeten hatte, mit Egon allein das Schreibzimmer, das noch immer – bis zum Eintreffen der Staatsanwaltschaft – unberührt geblieben war.

Sobald Egon die Toten erblickt hatte, rief er halblaut – mit vor Entsetzen erstickter Stimme:

»Straußberg! – Amadini!«

»Also doch??« fragte Wesenthal gedämpft. »Ich dachte es mir. Ich kannte sie ja nicht, da ich sie nie gesehen hatte.«

Er faßte Egon an der Hand und zog ihn in die Fensternische: »Was Sie mir da gesagt haben, Kleinthal, bleibe zwischen uns. Sie werden kaum als Zeuge vernommen werden. – Ihnen aber will ich folgendes in Eile und Kürze sagen: Als ich damals, als Sie mir mitteilten, daß Sie die beiden gefunden hätten, Rudolf nicht zurückberief, wollte ich erst versuchen, ob ich nicht das Rachewerk anstelle meines Schwiegersohnes vollenden könnte. Ich verbreitete überall das Gerücht, daß ich die Gelder meines Schwiegersohnes in Verwahrung hätte – daß ich am ersten wieder einen gehörigen Posten einkassieren müßte. Amadini und Straußberg waren doch – infolge der Rückgabe der Briefe durch Frau von Rastori – total mittellos. Jetzt, da sie sich erkannt wußten, mußten sie sowohl Sie als auch mich, den Schwiegervater des sie mit dem Tode bedrohenden Feindes, ununterbrochen umspüren, um die Schritte zu entdecken und herauszubekommen, die Sie und vielleicht auch ich gegen jene beiden unternehmen würden. Deshalb war auch anzunehmen, daß sie von dem Gerücht, das ich aussprengen ließ, Kunde erhalten würden. Warum sollten sie nicht bei mir versuchen, dasselbe zu tun, wie einst bei Frau Melmström? Hier übrigens – in dieser verlassenen Gegend – konnten sie viel leichter reüssieren, als dort in der belebten Königgrätzer Straße. Kurz und gut – ich lebte – sozusagen – bei offenen Türen, und zwar ohne jegliche Vorsichtsmaßregeln – wohlverstanden »äußerliche« –, was in jedem anderen Falle als in diesem wirklich Leichtsinn gewesen wäre. Ich hatte mich nicht verrechnet. In ihrer Verkleidung umschlichen sie gestern abend das Haus. Das Fenster auflassend – das Geld neben der Lampe auf dem Schreibtisch – verließ ich absichtlich für einige Minuten das Zimmer, welchen Augenblick sie benutzten, einzusteigen und das Geld an sich zu nehmen. Als ich eintrat, hatte ich bereits den gespannten Revolver in Händen, worauf sie vermutlich nicht vorbereitet gewesen waren. In dem Augenblick, als der eine – der lange – Feuer gab, fiel auch schon der andere, von meiner Kugel getroffen. Und dann – habe ich auch den anderen erledigt?

»Der Kampf muß furchtbar gewesen sein,« sagte Egon leise.

»Das war er,« erwiderte Wesenthal schlicht und ruhig.

»Und Sie haben mir nichts von Ihren Plänen gesagt! Mich nicht an der furchtbaren Gefahr, in der Sie schwebten, teilnehmen lassen!«

»Das konnte ich nicht. Ihre Anwesenheit hier hätte die Polizei in Erstaunen setzen müssen. Sie wären als Zeuge vernommen worden und hätten Dinge aussagen müssen, die besser nicht mehr in die Öffentlichkeit kommen sollen. Sie hätten die Toten agnoszieren müssen – damit wären die alten Geschichten vom Morde der Mutter Rudolfs wieder aufgefrischt worden – das Gericht hätte sich vielleicht gefragt, ob es wirklich unsererseits bloß Notwehr gewesen war, oder ob auch die Absicht unterlag, sich an den bisher noch nicht entdeckten Verbrechern zu rächen. – Wozu das wieder an das Tageslicht zerren? Wie die Sache heute liegt, handelt es sich nicht um einen Racheakt, sondern um Notwehr, Einbrechern gegenüber. – Sobald Rudolf zurück sein wird, wollen wir ihm die Wahrheit mitteilen. Allerdings ist es uns nur gelungen, zwei von jenen dreien zu erwischen und zu richten. Doch Rudolf hatte ja versprochen, sich damit zu begnügen, und den dritten – den wenigst Schuldigen – Kammgarn oder wie er heißt, laufen zu lassen. Somit hat das Drama sein Ende gefunden, und Rudolf und Käthe können, ohne mit hineingezogen worden zu sein, ruhig und unangefochten weiter leben.«

*

Es bleibt uns nicht mehr viel zu berichten.

Bald nach der Rückkehr des jungen Ehepaares fand die Vermählung Egons mit Judith von Rastori statt, die an der leitenden Hand Egons ein anderes, gutes und reines Wesen wurde.

Wesenthal, gegen den keine Anklage seitens der Staatsanwaltschaft erhoben wurde, da es klar war, daß er in Notwehr gehandelt, blieb in seiner Villa in Potsdam und lehnte es mit Entschiedenheit ab, zu seinem Schwiegersohn zu ziehen. Er wollte nichts von dem Vermögen und den Vorteilen und Annehmlichkeiten des Melmströmschen Erbes, so lieb er auch Rudolf hatte.

Sein Kind wußte er geborgen – die Tat war äußerlich gesühnt und gerächt worden – was sollte er noch mit seinem fluchbeladenen Gewissen?

So schloß er sich denn dem jungen Ehepaar Kleinthal an, als sie ihre Hochzeitsreise nach Tirol machten, um dann allein das Ampezzotal zu bereisen.

Dort – in einem Hotel – wurde Wesenthal als Leiche gefunden. Die Aerzte konstatierten übermäßigen Genuß von Morphium.

So namenlos schmerzlich Käthe auch unter dem Verlust ihres abgöttisch geliebten Vaters zu leiden hatte, legte sich doch allmählich auch dieser Schmerz, den Rudolf durch seine rührenden Liebe und Aufmerksamkeit zu mildern suchte.

Nach und nach ergab sie sich dem Unvermeidlichen. Wie konnte sie allein sich gegen das Naturgesetz wehren, daß im Herbst die gelben Blätter fallen und im Lenz sich die Welt mit neuem Grün schmückt und neue Blüten treibt?

Auch in ihrem tiefgeheimsten Innern erglomm das Wunderbare, dessen Tönen sie angstvoll und hoffend lauschte, – gehegt und gepflegt von ihrem Gatten, dessen höchster Wunsch, Vater zu werden, in Erfüllung gehen sollte.

 

Ende.

 


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