Autorenseite

 << zurück weiter >> 

17. Kapitel.

Gleich am nächsten Vormittag begab sich Egon Kleinthal zu Judith, die ihn mit allen Anzeichen der Freude empfing und ihm mit ausgestreckten Händen entgegeneilte.

»Warum sind Sie nicht gestern abend gekommen, wie wir es verabredet hatten? Was war vorgefallen? Hat das Interesse, das Sie mir zu gewähren schienen, schon die längste Zeit gedauert?«

»Interessieren Sie sich etwa für mich?« fragte er. »Sie wissen nur zu gut, daß meine Verehrung für Sie tiefer ist – als sonst bei einem leeren Flirt. Ich gestehe Ihnen offen, daß ich Ihnen aus anderen Gründen – als rein aus Interesse – den Hof machte –«

»Ah – also auch Sie!« warf sie ihm fast verächtlich ins Gesicht, indes ein schwerer Seufzer ihre Brust hob.

»Nein, nein – lassen Sie mich erst ausreden, Judith. – Nicht, daß ich Sie für eine Frau gehalten hätte, die sich jedem ersten besten an den Hals wirft oder die man um einige tausend Mark sich erkauft.«

Mit kindlich verklärtem Gesichtchen, aus dem ein paar dunkle, mit Dankbarkeitstränen gefüllte Augen hervorleuchteten, nahte sie sich ihm: »Also nicht? Sie haben mich nicht für schlecht gehalten?« Matt lehnte sie sich an ihn und schloß sekundenlang die Augen. »Gott sei Dank, daß einer an mich glaubt – einer, einer –« Mit einem Male begann sie heiß zu schluchzen und warf sich, den Kopf in die Kissen vergrabend, auf die Ottomane.

Egon, nicht mehr Herr seiner Leidenschaft, kniete an ihrer Seite nieder, nahm die bebende Gestalt in seine Arme und bedeckte ihr Gesicht mit glühenden Küssen. Wie wenn die Sonne nach langem Regen das Gewölk zerteilt und den blauen Himmel als strahlenden Hintergrund hinter sich herzieht, verklärten sich auch Judiths Züge. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und flüsterte, seine Küsse erwidernd:

»Du liebst mich also, Egon? Du! Du!« Es klang wie ein unterdrücktes Jauchzen. »O Gott, ich danke dir!« Ihre Hände falteten sich wie zum Gebet.

Plötzlich kam Egon ein schrecklicher Verdacht. Mit einer raschen Bewegung gab er sie frei und sah sie beinahe drohend und höhnisch an: »Steckt vielleicht hier hinter auch eine Anastasia?«

Judith erbleichte und sprang empor. »Was willst du damit sagen?«

»Ich möchte nur wissen, ob diese eben stattgehabte Szene Wahrheit oder Dichtung war. Ob Anastasia dich nicht beauftragt hat, deine Liebenswürdigkeit nach und nach zu steigern, bis du es erreicht hast, mich vor Liebe trunken und vollkommen wahnsinnig zu machen?«

»Was für ein Interesse sollte denn Anastasia daran haben?« fragte sie, sich immer mehr verwirrend und langsam zurückweichend.

»Ein gar großes. Du weißt es wohl. Sage offen und ehrlich: Hat sie dir nicht den Auftrag gegeben, du sollst mich in dich verliebt machen, du sollst so liebenswürdig als nur möglich zu mir sein?«

Er sah ein, daß er in diesem höhnenden Tone eines strengen Richters nichts aus ihr herausbekommen würde. Auch tat ihm das arme Weib, dem Träne um Träne über die Wange lief, unsagbar leid. Er ging auf sie zu, zog sie sachte an sich und sagte weich und eindringlich:

»Siehst du, du wagst es nicht, zu leugnen. Du weinst. Das beweist mir, daß du mich doch ein wenig lieb hast. Und dafür danke ich dir. Lügen reimt sich nicht gut auf lieben. Du bewahrst geradezu mit Angst deine Geheimnisse für dich, obwohl sie dich oft ersticken, dir Licht und Luft rauben. Nun denn, Liebling, das ist nicht recht von dir. Du sollst mir vertrauen. Du hast in dieser Welt keinen ehrlicheren Freund als mich. – Ich werde vor dir von heute ab nie mehr ein Geheimnis haben und will dir sofort den Grund nennen, weshalb ich gestern verhindert wurde, dich zu sehen.«

Sie sah ihn scheu und fragend an, ohne es zu wagen, sich von seiner Seite zu rühren.

»Ich habe mich mit dir beschäftigt,« fuhr er mit gleicher Zärtlichkeit in der Stimme fort. »Ich versuchte, deine Zukunft und dein Glück zu sichern und dich aus den Händen deiner Feinde zu befreien.«

»Meiner Feinde?«

»Jawohl. Muß ich sie dir erst nennen? Anastasia, der Graf Straußberg und der Herr von Amadini,« sagte er mit fester Stimme. Sie wollte seinen Armen entfliehen, doch er hielt sie fest und zog sie wieder an seine Seite. – Mit einem erstickten Aufschrei, nicht mehr fähig, sich länger zu verstellen, barg sie aufschluchzend, von Scham zu Boden gedrückt, ihr Gesicht an seiner Brust. »Großer Gott! Sie wissen – –!«

»Oh, ich weiß noch so manches andere. Ich kenne dein ganzes Leben seit deiner Ankunft in Berlin, und wenn du willst, daß ich dir dies erzählen soll, dann verriegele sämtliche Türen, lasse die Portieren herunter, daß man uns nicht belauschen kann, und setze dich ohne Scheu – nicht gezwungen, sondern aus freien Stücken – an die Seite deines ersten, deines einzigen Freundes.«

Judith gehorchte ihm wie eine Schlafwandlerin; an ihren fein geschwungenen Schulterlinien merkte er, daß sie weinte. Doch anstatt sich an seine Seite zu setzen, kauerte sie sich in einen Winkel neben dem Kamin, die Arme auf die Knie gestützt, mit halbirren Augen auf den Teppich starrend und – je weiter Egon in der Schilderung ihrer Existenz kam – mit dem Kopf immer tiefer herabsinkend, bis ihre Stirne ihre Knie berührte und sie dasaß wie eine Verzweifelte.

Was er von ihr wußte, verhalf ihm auch, zu erfahren, was er nicht wußte. Beobachtung und Eingebung ergänzten ihm gewisse Einzelheiten, die ihm fehlten. Er gab sich den Anschein, als wüßte er selbst die kleinsten und nebensächlichsten Details, um nur so rasch wie möglich dahin zu gelangen, wohin er gelangen wollte. Ohne ihr Zeit zu lassen, Einwendungen zu machen, kam er schließlich auf den Diamantendiebstahl zu sprechen, dessen Vorgang er ihr schilderte, als wenn er ihn vor sich sähe. Doch entlastete er sie bei den Motiven, die der Tat zugrunde lagen, gänzlich und schob alle Verantwortlichkeit Anastasia und ihren Genossen zu. Anstatt Judith zu erschrecken oder einzuschüchtern, wie es die anderen bisher taten, versuchte er es, sie im Gegenteil aufzurichten und sie von der Schuld reinzuwaschen.

Judith hatte stillschweigend zugehört und nach und nach ihre Augen zu jenem erhoben, der ihr wie ein Retter in der Not erschienen war, den sie von Minute zu Minute inniger und dankbarer bewunderte, darüber staunend, daß er fast die geheimsten Gedanken ihrer Seele erraten hatte – Gedanken, die sie oft selbst nicht zu denken gewagt hatte. Allmählich war sie von ihrem Stuhl herabgeglitten und kniete jetzt vor ihm, sich an sein Knie lehnend, wissend, daß sie geborgen war – wie das Kind, das vertrauensvoll den Worten seines Vaters lauscht.

»Seit jenem Tage, da die Herzogin gegen dich eine Klage eingereicht hatte, glaubten jene Elenden, von dir alles verlangen zu können. Du wurdest zu ihrem willenlosen Werkzeug, zu ihrer Sache, ihrer Sklavin! Was alles werden sie dir seit damals wohl aufgetragen haben! In welche neuen Verbrechen und Schurkereien zogen sie dich vielleicht ahnungslos mit hinein? Mir werden später darüber sprechen. Denn wir wollen versuchen, das wieder gut zu machen, was sie verschuldet haben. Einstweilen wollen wir über uns beide reden. Schon bevor du mir bei Anastasia erschienen warst, wußte ich bereits, daß du entzückend schön warst. Anastasia hat mir mit Absicht deine Reize in den verlockendsten Farben geschildert. – Sie hatte nicht übertrieben. Unwillkürlich machte ich dir den Hof – und du erwidertest meine Sympathie, allerdings weil dir befohlen worden war, mir zu gefallen und mich zu umgarnen.«

»Ich brauche nicht zu heucheln, denn du gefielst mir vom ersten Augenblick an,« murmelte sie halb verschämt.

»Nein, so rasch ging es doch nicht. Du bist keine Frau mit impulsivem Temperament. Du brauchst deine gewisse Zeit, um dich nach und nach an einen Menschen anzuschließen. Und so ward ich auch erst allmählich dein Freund. Ich kenne dich ja so gut, meine Judith!«

»Ja, du kennst mich!« rief sie dankbar aus, seine Hand küssend, die auf ihrem Kopf ruhte.

»Weshalb also warf man uns derart gegenseitig in die Arme? Jedenfalls, weil deine Sklavenhalter in mir sich einen Mitarbeiter, einen männlichen Sklaven verschaffen wollten. Du allein genügtest ihnen nicht mehr. Sie dachten, ich als Mann könnte ihnen mehr nützen. Wie aber sollten sie mich gewinnen? Durch Bestechung? Sie wußten nur zu gut, daß ich nicht käuflich war. Und sie wollten und mußten mich zu einem willenlosen Werkzeug machen. Deshalb suchten sie mich in der Sache der Herzogin von Wondringham zu kompromittieren.«

»Du hast es also gemerkt?«

»Und ob ich es gemerkt habe,« erwiderte er lächelnd. »Ich habe dir längst vergeben. Ich habe ganz gut dein Zögern und dein Sträuben verstanden. Ich weiß, wie sehr du darunter gelitten hast, als du an mich die Bitte gerichtet hast, den Schmuck zu versetzen.«

»Ja, es ist wahr, ich hatte Angst für dich. Doch warum hast du ihn denn versetzt, wenn du Gefahr sahst und wenn du alles erraten hast?«

Er legte seine Hand auf ihr Haar und erwiderte ihr lächelnd:

»Beruhige dich, Liebling, ich bin nicht so naiv, als Anastasia glaubte, und als du selbst geglaubt hast … bis zum heutigen Tage. Deine Diamanten oder vielmehr die der Herzogin sind niemals versetzt worden?«

»Du hast mir aber doch den Pfandschein gebracht?«

»Den Pfandschein über eine andere Garnitur, die der deinigen beinahe aufs Haar glich.«

»Und wie konntest du dir sie verschaffen?«

»Ganz einfach, indem ich sie bei Friedländer gekauft habe.«

»Ja, bist du denn so reich, so mir nichts, dir nichts einen Schmuck von solchem Werte zu kaufen?« rief sie voll Staunen. »Du bist also nicht …«

»… ein armer Teufel, ein Schwächling, der gezwungen ist, sich anderen mit Leib und Seele zu verschreiben, wie du, meine arme Judith? Doch nicht so ganz, als du vielleicht glaubst. Wenn ich auch selbst kein Vermögen besitze, so habe ich doch aufrichtige Freunde, die außerordentlich reich sind und die derartigen Einfluß haben, daß sie, wenn du mir vollkommen vertrauen und mir in allem gehorchen willst – dich vor jenen Elenden schützen werden, die dich jetzt in Knechtschaft halten, und die es erreichen können, daß Anastasia und Genossen vor mir und meinen Freunden noch erzittern werden.«

»Oh, rede, rede!« rief sie mit gefalteten Händen. »Ich will dir in allem gehorchen, ich schwöre es dir bei meinem Leben!«

»Also gut. – Aber vorerst will ich dir den Beweis bringen, daß das, was ich dir gesagt habe, wahr ist.« Sie machte eine abwehrende Bewegung, als ob sie sich durch einen Zweifel an ihr gekränkt fühlte.

»Nein, nein,« fuhr er fort. »Du hast so lange im Leben der Lüge und des Scheins gelebt, daß du alles Recht hast, an den Menschen und ihren Worten zu zweifeln. Nimm, bitte, aus meinem Ueberzieher, dort auf dem Fauteuil, das Paket, das in meiner rechten Seitentasche steckt.«

Sie erhob sich und betastete den Ueberzieher nach dem Paket und reichte Egon das Verlangte.

»Nein, nein, behalte es nur,« sagte er ihr, »und lies, was auf dem Umschlag geschrieben steht.«

Während sie voll tiefen Erstaunens die daraufgeschriebenen Zeilen las, sagte er:

»Du siehst, die in diesem Paket befindlichen Gegenstände wurden am 2. Februar, an jenem Tage, an dem ich dir den Pfandschein gebracht habe, bei dem betreffenden Polizeikommissar deponiert. Ich gebrauchte damals Vorsichtsmaßregeln, die ich heute nicht mehr zu nehmen brauche, und auch nicht nehmen will, weil ich absolutes Vertrauen in dich setze …«

Sie umschlang ihn mit Dankbarkeit und Liebe und flüsterte ihm innig zu: »Das kannst du auch.«

Er löste sich sanft aus ihren Armen und hieß ihr die Siegel erbrechen und die auf dem zweiten Umschlag geschriebenen Zeilen lesen.

»Oh mein Gott,« rief sie, nachdem sie zu Ende gelesen hatte, »wie lange du schon alles von mir weißt! Und du hast mir kein Wort darüber gesagt!«

»Konnte und durfte ich denn damals schon solches Vertrauen in dich setzen – wie heute?«

»Wer ist denn dieser Rudolf Melmström, der neben deinem Namen hier unterzeichnet hat? Ist das jener Melmström, der bekannte Millionär?«

»Er selbst.«

»Und das ist dein Freund?«

»Mein intimster Freund, mein Bruder, möchte ich sagen. Hat es denn Anastasia dir nicht gesagt?«

»Nein, niemals.«

»Und doch muß sie davon wissen.«

»Sie sagt mir doch nicht alles.«

»Das dachte ich mir wohl. Dir einzugestehen, daß Rudolf mein intimster Freund ist, hieße soviel, als dir mitteilen, daß du einen mächtigen Beschützer hast, der dich in die Lage versetzt, sie nicht mehr zu fürchten und dir später deine Zukunft sichern wird, wenn du ihm wertvolle Dienste leistest.«

»Das will ich gern tun, wenn du ihn lieb hast und es wünschest.«

»Wenn sie aber auch mit dir über Rudolf in Beziehung auf meine Person nicht gesprochen hat, wird sie doch seinen Namen in ihrer Unterhaltung mit Amadini und Straußberg einmal genannt haben?«

»Nein, niemals. Sie reden in meiner Gegenwart nur von Dingen, in denen ich ihnen dienlich sein könnte.«

»Also nicht? – Das wundert mich. – Hat Anastasia niemals entdeckt, daß ich einen anderen Schmuck untergeschoben habe?«

»Sie hat mir nie davon gesprochen. Vielleicht weiß sie es selbst nicht.«

»Doch hat sie dir hier in meiner Gegenwart den Pfandschein weggenommen.«

»Allerdings, aber vielleicht hat sie die Diamanten nicht ausgelöst.«

»Doch wird sie es getan und infolgedessen das übrige erraten haben.«

»Woraus schließt du das?«

»Weil sie mich in Ruhe läßt und mich auf Grund dessen, daß ich den Schmuck versetzt habe, nicht zwingt, nach ihrem Willen zu handeln. Als sie damals den Versuch gemacht hat, mich zu kompromittieren, hatte sie jedenfalls ganz bestimmte Absichten mit mir. Wenn sie sie nun aufgegeben hat, so tat sie es nur deshalb, weil sie mich durchschaut und in mir einen Gegner und keinen Bundesgenossen gefunden hat.«

»Ja, du wirst recht haben. Sie spricht mir auch nicht mehr in denselben überschwänglichen Ausdrücken von dir wie früher. Und doch befragt sie mich alle Augenblicke, wie du zu mir bist, was du sagst, was du denkst, was du tust. Namentlich interessiert sie sich, wie weit unsere gegenseitigen Beziehungen gediehen sind und macht mir zum Vorwurf, daß ich dich nicht bis zum äußersten in mich verliebt mache.«

»Natürlich. Du sollst mir doch die Krallen beschneiden und mir die Zähne ausbrechen, damit sie von mir nichts mehr zu fürchten hat. Sage ihr jetzt also, daß ich wahnsinnig in dich verliebt und aus Liebe zu dir zu allem fähig wäre.«

»Wollte Gott, ich spräche die Wahrheit,« seufzte sie, sich müde und matt an seine Brust lehnend.

»Laß dir mit meiner Liebe genügen wie sie ist,« erwiderte er zärtlich. »Du machst keinen schlechten Tausch. – Komm, Liebling, und öffne jetzt das Paket, damit du dich überzeugst, daß es wirklich der Schmuck der Herzogin ist, den es enthält.«

Sie entfernte die Umhüllung, die die Etuis umgab, öffnete jedes und sagte: »Jawohl, das sind sie. Hätte ich den Schmuck doch nie im Leben berührt und getragen!«

»Du wirst dafür einen anderen tragen,« erwiderte er ihr.

»Wie meinst du das?«

»Ich schenke dir im Namen meines Freundes die andere Garnitur, die ich in deinem Auftrage statt dieser hier verseht habe. Du wirst bei diesem Tausch nicht verlieren, denn jene ist noch viel schöner.«

»Ich danke dir und deinem Freunde für die gute Absicht,« lächelte sie traurig. »Aber ich kenne Anastasia; die wird ihre Beute nicht so leicht aus den Händen lassen.«

»Dann wird sie es tun, sobald ich es nur will. Glaubst du etwa, daß ich den Schmuck in den Händen dieser Hochstaplerin lassen werde? Ich sehe, daß du noch immer Angst vor ihr hast. Komm, setze dich hierher – so – dicht mir gegenüber, und ich werde dir jetzt sagen, wie du es anstellen mußt, dich von ihr und jenen beiden anderen frei zu machen.«

Den Oberkörper vorgebeugt, die Hände in denen Egons, ihm dicht gegenüber sitzend, lauschte Judith gespannt auf die Worte des Geliebten.

»Vor allem eine Frage,« begann er. »Und vergiß nicht, daß ich auf deine volle Offenheit und Ehrlichkeit rechne.«

»Darauf kannst du rechnen,« erwiderte sie einfach.

»Hast du außer der Geschichte mit den Diamanten unter dem Einfluß Anastasias und ihrer Spießgesellen etwa noch irgend etwas anderes Strafbares begangen, wofür dich die Justiz belangen könnte?«

»Nein,« erwiderte sie, ohne zu zögern, und sah ihm dabei ehrlich in die Augen.

»Wenn also die Klage der Herzogin beseitigt ist und du von ihr Verzeihung erlangt hast, so hast du nichts mehr zu fürchten?«

»Nichts. Weder von privater Seite, noch von der Polizei.«

»Um also deine Furcht zu beheben, um dich frei zu fühlen und das wieder gut zu machen, was du Uebles begangen hast, wirst du heute die Diamanten der Herzogin zurückerstatten.«

»Gott, wie lange wollte ich das schon tun; aber Anastasia hatte es mir doch verboten.«

»Anastasia hat dir weder etwas zu ver- noch zu gebieten. Und wenn du ihr jetzt noch zum Schein nachgibst, so ist es, um mir in gewissem Sinne zu helfen. – Also – du wirst das tun?«

»Natürlich. Ich werde die Garnitur gleich wieder einwickeln und sie durch mein Mädchen der Herzogin zuschicken.«

Sie wollte sich eben erheben, als er sie zurückhielt.

»Warte einen Augenblick, das ist nicht so einfach, als du zu glauben scheinst! Die Herzogin wird nicht wissen, woher ihr der Schmuck zugeht. Sie könnte das Verdienst dieser Rückgabe vielleicht einer anderen Person zuschreiben als dir.«

»Und wenn ich ihr ausführlich schreibe und den Brief mit meinem Namen unterzeichne?«

»Nein, du darfst nicht schreiben, sondern mußt persönlich zur Herzogin hingehen.«

Sie erschrak derart, daß ihr alle Farbe aus dem an und für sich schon blassen Gesichte wich. – »Das werde ich niemals über mich bringen. Nur das verlange nicht von mir.«

»Doch werde ich es tun, und bestehe ich darauf. Da du ihr gegenüber einen Fehler begangen hast, so mußt du eben den Mut haben, persönlich um Verzeihung zu bitten, dich ohne jede Scham oder Stolz zu demütigen, um von der so schwer Beleidigten auch Verzeihung zu erlangen.«

»Sie wird mir niemals verzeihen!«

»Weshalb nicht?«

»Ich habe ihr viel schwereres Leid zugefügt, als du denkst. Wenn es nur der Diebstahl wäre! Aber der Verrat – der so niedrige und gemeine Verrat, den ich an ihr begangen habe!« rief sie verzweifelt aus, indem sie schluchzend die Hände vor's Gesicht schlug.

»Was für ein Verrat? Gestehe mir alles, liebes Kind. Um dich zu retten, muß ich eben alles wissen, alles, bis auf die kleinste Kleinigkeit.«

Sie lehnte sich etwas zurück, und ohne ihm in die Augen sehen zu können, erzählte sie mit gesenkten Blicken:

»Seit dem Tage meines Eintritts habe ich die Herzogin auf Befehl Anastasias ausspioniert. Ich habe meiner Peinigerin jede ihrer Handlungen treulich hinterbracht. Durch mich hat Anastasia auch erfahren, daß die Herzogin zu einem Vetter, einem früheren Verlobten, in Beziehungen stand. Es war mir geglückt, ein Paket Briefe zu unterschlagen, die an sie adressiert gewesen waren, sowie zwei von ihr selbst geschriebene Briefe, die sie mir anvertraut hatte, um sie nach der Post zu bringen, da sie gerade verhindert war, auszugehen.«

Egon schüttelte verständnislos den Kopf. Er faßte es nicht, wie es so etwas nur geben konnte. Um jedoch Judith nicht zu sehr zu entmutigen, sagte er: »Ich verstehe. Auf diese Art haben sie sie in Händen, um sie schamlos auszubeuten und zu verhindern, die Klage gegen dich weiter zu verfolgen.«

»Ja,« murmelte sie.

»Und was ist aus den Briefen geworden?« fragte er.

»Sie sind hier in meiner Verwahrung.«

»Anastasia hat sie dir anvertraut? Das wundert mich aber!«

»Warum? Wo hätte sie sie auch schließlich lassen sollen? Bei sich etwa? Bei ihr verkehren so viele Menschen, zu viel Dienerschaft, der sie mißtraut. Oder beim Grafen? Er wohnt im Hotel, in dem jeder Zutritt hat und die Möbel mehr oder weniger alle schlecht schließen. Oder bei Amadini? In der Vereinskasse? Sie wollte doch Amadini so wenig wie möglich in alle die Angelegenheiten einweihen, die mich betrafen, aus Furcht, daß dies zwischen ihm und mir nähere Beziehungen herstellen könnte. Sie ist ja lächerlich eifersüchtig; du hast's ja gesehen. Außerdem mußten mir ja diese Briefe ein Unterpfand meiner Ruhe sein; denn so lange ich sie in Händen hatte, wußte ich, daß mich die Herzogin nie und nimmer anzeigen würde. Also war ich ihr der sicherste Tresor.«

»Nun denn,« erwiderte Egon voll Ruhe, »du wirst ihr außer dem Schmuck auch sofort die Briefe zurückgeben. Versuche aber um Gottes willen nicht, bei der Rückgabe der Herzogin irgendwelche Bedingungen zu stellen. Ueberlasse es ihr, zu tun, was sie für gut befindet. Zeigt sie sich nicht großmütig – was ich aber kaum voraussehe – mußt du eben die Konsequenzen tragen. Es ist dies die einzige Art, deine Schuld zu sühnen.«

Judith blickte starr zu Boden und atmete schwer, während Egon sie angstvoll betrachtete. Denn willigte sie ein, sich dem zu unterwerfen, dann wußte er, daß sie noch zu retten war. Er sah, wie sie mit sich kämpfte. Endlich warf sie stolz den Kopf zurück und reichte ihm fast feierlich die Hand.

»Du hast recht, Egon! Seit dem Tode meiner armen Mutter zum ersten Male, daß mir ein Mann einen ehrbaren Vorschlag macht. Denn bisher? –« Sie lächelte unsagbar bitter und traurig und schüttelte sich geekelt: »Ach – wenn du wüßtest! Wenn du gehört hättest, was mir diese Männer ins Ohr geflüstert, was sie mir für Vorschläge und Anträge gemacht haben! Nun, das ist jetzt vorbei. Lieber in der Gefangenschaft, als dieses furchtbar belastete Gewissen mit sich herumtragen!«

Egon konnte sich nicht enthalten, sie – beinahe mit einem Jubelschrei – an die Brust zu reißen. »Judith! Sei gesegnet für diesen Entschluß! Nun weiß ich auch, daß du gerettet bist. Nicht ich – sondern du allein hast dich gerettet, wenn ich dich auch geleitet habe.«

Sie legte ihren Kopf an seine Schulter, umschlang seinen Hals mit beiden Armen, wie ein hilfesuchendes Kind und weinte leise und schmerzlich.

»Komm, Liebling, sei wieder gut. Ich will dir mein Ehrenwort verpfänden, daß dir die Herzogin verzeiht. Und sobald sie dir verziehen hat, bittest du sie, einige Tage darüber noch Stillschweigen zu bewahren. Denn – damit meine Pläne reüssieren –, müssen dich Anastasia und ihre Genossen immer noch als ihre willenlose Sklavin betrachten. Du mußt ihnen sogar heimliche Mitteilungen über meine Person machen, um sie hinters Licht zu führen. Du mußt ihnen unter anderem erzählen, daß du mich in dich so weit verliebt gemacht hast, daß ich dir von meiner Freundschaft mit Rudolf Melmström erzählt habe. Denn das wissen sie ja schon; sie erfahren also in Wahrheit nichts neues durch dich, sondern gewinnen durch deine scheinbare Indiskretion nur noch mehr Vertrauen zu dir. – Noch eins! Woher weißt du, daß sie eine Vereinskasse haben?«

»Aus verschiedenen Bemerkungen und Anspielungen, die ihnen in meiner Gegenwart entschlüpft sind. Eines Tages hatte ich Geld verlangt, um einen Lieferanten zu bezahlen, worauf mir Anastasia sagte, sie hätte kein Geld, und Amadini fragte, ob in der Vereinskasse nicht noch etwas wäre.«

»Demnach befindet sich die Kasse bei Amadini?«

»Ja, gewiß.«

»Du glaubst also, daß Anastasia Wertpapiere oder Wertsachen, die sie kompromittieren könnten, nicht bei sich behält?«

»Das glaube ich bestimmt.«

»Folglich wird auch der Schmuck in der bewußten Vereinskasse eingeschlossen sein?«

»Jedenfalls doch.«

»Das ist ja besser, als ich dachte. Du wirst also von Amadini den Schmuck zurückverlangen, den er dir auch sofort geben wird.«

»Ich verstehe dich nicht. Weshalb sollte er mir den Schmuck zurückgeben?«

»Du darfst nicht vergessen, daß Amadini in dich wahnsinnig verliebt und imstande ist, für dich jede Dummheit zu begehen.«

»Nun, und?« fragte sie beklommen.

»Du wirst ihm gegenüber, natürlich mit gewisser Reserve, die Rolle spielen, die du in Anastasias Auftrag mit mir spielen solltest. Du wirst ihn heute abend bei Anastasia treffen, sei kokett, sogar äußerst kokett mit ihm, und du wirst ihn völlig in dein Garn locken.«

»Wenn ich ihm gegenüber liebenswürdig bin, würde er mir mißtrauen. Er ist an Liebenswürdigkeit meinerseits nicht gewöhnt.«

»Beruhige dich. Auch Männer in seinem Alter lassen sich von Frauen, die sie lieben, immer noch umgarnen. Er wird nicht lange nach dem Wie und Warum deiner Zuvorkommenheit fragen. Eitel, wie er ist, wird er sich einbilden, du hättest dich von seiner Toggenburgiade schließlich doch erweichen lassen. Vielleicht glaubt er auch, daß sich in deine Liebenswürdigkeit etwas Interesse für seine Börse mischt.«

»Namentlich, wenn ich von ihm die Diamanten verlange,« fügte Judith hinzu. »Denn das willst du doch damit bezwecken, nicht wahr?«

»Jawohl, wenn auch der Schmuck für mich erst in zweiter Linie in Betracht kommt. Mir liegen in erster Linie die Konsequenzen am Herzen, die die Herausgabe des Schmuckes durch Amadini zur Folge haben wird. Denn dadurch kann mit einem Schlage die ganze langjährige Allianz dieser drei in die Brüche gehen.«

Sie dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Du hast recht. Auch ich glaube, daß er der Mann ist, für mich einen solchen Wahnsinn zu begehen. Aber das, was er von mir fordern dürfte, dürfte auch mit seinem Wahnsinn im Einklang stehen.«

»Ohne Zweifel. Du mußt auch, je mehr er verlangt, desto mehr versprechen Nur werden wir, ehe du dein Versprechen zu halten brauchst, ihn auch schon in Händen haben. Du wirst doch nicht von mir glauben, daß ich dich auch nur auf einen Augenblick der Willkür jenes Buben allein überlassen werde.«

»Also gut. Auch das soll geschehen. Ich vertraue dir in allem.«

»Noch sind wir nicht zu Ende. Du mußt mir noch manches sagen, um klarer zu sehen und rascher zum Ziele zu gelangen. – Du bist so ziemlich orientiert, wie es Anastasia und Genossen anstellen, sich stets wieder neue Geldmittel zu verschaffen?«

»Ich denke doch. Sie suchen die Geheimnisse der Leute auszukundschaften, und lassen sich dann ihr Stillschweigen äußerst teuer bezahlen.«

»Ist das alles? Weißt du nicht, ob sie nicht noch andere Sachen begangen haben, andere Verbrechen?«

»Ich würde mich gar nicht darüber wundern. Vor langer, langer Zeit muß etwas Schreckliches vorgefallen sein, etwas von äußerster Tragweite, das Amadini in die Botmäßigkeit seiner Frau gebracht hat. Denn du ahnst ja gar nicht, wie Amadini vor Anastasia zittert.«

»Und Straußberg?«

»Der weniger; denn die beiden anderen haben ihn zu nötig.«

»Wozu nötig?«

»Gott, er gibt ihnen Ratschläge und leitet die ganze Durchführung. Er ist der Kopf und sie sind die Arme.«

»Und hast du sonst wirklich nichts in ihrem Auftrage getan, außer dem Diamantendiebstahl?«

Judith schloß schmerzlich die Augen. Man sah ihr an, wie schwer ihr das Geständnis wurde. Mit gesenktem Haupte gestand sie ihm: »Doch. Einmal. Ich bekam den Auftrag, einen verheirateten Mann, einen Familienvater, eine sehr bekannte Persönlichkeit, in mich verliebt zu machen. Das ist mir auch gelungen; darauf schrieb er mir überschwängliche, vor Leidenschaft glühende Liebesbriefe …«

»Deren Rückgabe ihm vermutlich sehr teuer zu stehen kam,« ergänzte Egon.

»Nein. Sie pflegen solche Korrespondenzen nicht auf einmal zu verkaufen. Der Graf würde sonst das ganze Geld im Spiel durchbringen. Sie verkaufen Brief um Brief, jeden einzeln.«

»Und sind noch viele Briefe von jener Person vorhanden?«

»Vielleicht zwanzig …«

»Und wo sind diese aufbewahrt?«

»Hier, in diesem Schreibtisch, dessen Schlüssel Anastasia immer bei sich trägt.«

»Du wirst dir also einen zweiten Schlüssel machen lassen, und gleich morgen die Briefe persönlich jener Person überbringen, die durch deine Hilfe das Opfer so vieler Erpressungen geworden ist, um sie – ebenso wie die Herzogin – zu bitten, fürs erste keine Schritte gegen die Erpresser zu unternehmen, da bereits von meiner Seite – du kannst ruhig meinen Namen nennen – Schritte in dieser Beziehung eingeleitet worden sind.«

»Wenn aber Anastasia und die anderen von dieser Seite kein Geld erhalten,« warf Judith ängstlich ein, »wird Anastasia doch alles erraten und mich im Verdacht haben; sie wird den Schreibtisch öffnen und …«

»… dann werden sie dir nicht mehr schaden können,« unterbrach sie Egon. »Wir werden rascher vorgehen als sie. Wir dürfen aber keinen Augenblick verlieren. – Um wieviel Uhr trifft man die Herzogin zu Hause?«

»Täglich gegen fünf Uhr nachmittags.«

»Empfängt sie Gesellschaft bei sich?«

»Nein; da ist sie noch allein. Sie empfängt erst abends von neun Uhr ab.«

»Wirst du nicht etwa dem Herzog begegnen?«

»Nein. Er verbringt seinen Nachmittag im Klub und kehrt erst ziemlich spät zurück.«

»Jetzt ist es erst vier Uhr. Dir bleibt noch so viel Zeit, dich rasch umzukleiden. Und dann fahren wir zur Herzogin.«

Unwillkürlich erbleichte sie abermals bei dem Gedanken, der Herzogin gegenüberzutreten. Doch raffte sie sich auf und sagte mit dankbarem Lächeln: »Ich danke dir, daß du mich begleiten willst. Denn ich weiß nicht, ob ich bis zu Ende die Kraft gehabt hätte, deinen Auftrag zu vollführen.«

»Nicht meinen Auftrag, sondern den, den dir dein Gewissen vorschreibt,« verbesserte Egon streng. »Du mußt eben die Kraft haben.«

Unterwegs, in geschlossener Droschke, fragte sie Egon: »Wenn sie mich aber nicht empfängt?«

»Das bezweifle ich. Wenn sie vielleicht auch einen Augenblick schwankend sein wird, was sie tun soll, wird doch ihre Neugierde, was du von ihr willst, und auch ihre Furcht, du könntest von Anastasia geschickt sein, überwiegen.«

Die ganze Fahrt über sprach sie kein Wort mehr, sondern brütete dumpf vor sich hin. Als der Wagen hielt, schreckte sie empor. »Sind wir schon da?«

»Ja, mein Kind! Geh jetzt und fasse Mut. Gott wird dich nicht verlassen. Ich warte.«

Judith, ganz in Schwarz gekleidet, das Gesicht mit einem dichten, schwarzen Schleier verhüllt, um vom Portier nicht erkannt zu werden, verließ den Wagen und verschwand darauf im Portal des Palais.

Mit fieberhafter Ungeduld wartete Egon. Viertelstunde um Viertelstunde verrann. – Judith kam noch immer nicht. Wie, wenn sie überhaupt nicht mehr kam und die Herzogin sie vom Fleck verhaften ließ?

Endlich – nach beinahe fünf Viertelstunden – sah er Judith das Palais verlassen. An ihrem leichten Schritt bereits erkannte er, daß alles gut gegangen war.

Sobald sie an seiner Seite saß, machten sich ihre hochgradig erregten Nerven in einem heftigen Weinkrampf Luft. Erst nach und nach kam sie wieder zu sich und war imstande, zu erzählen. Mit fest gefalteten Händen und nach oben gerichtetem Blick, mit einem Lächeln der Verklärung seufzte sie unsagbar erleichtert auf: »Dem Himmel Dank, das wäre geschehen!«

»Erzähle. Was ist vorgefallen?«

»Sie empfing mich erst mit eisiger Kälte. Allmählich, als sie mich um Vergebung bitten hörte, als sie erkannte, daß ich als Bittende und nicht als Drohende kam, erging sie sich in den leidenschaftlichsten Vorwürfen. Ich ließ alle geduldig über mich ergehen, bis ich mich zu ihren Füßen warf und begann, mich selbst schwerer anzuklagen, als sie es getan hatte. Da beruhigte sie sich nach und nach und schließlich hat sie mir – glaube ich – wirklich – ehrlichen Herzens verziehen.«

»Hat sie sich nicht sehr über deine plötzliche Sinnesänderung gewundert?«

»Allerdings. Aber ich sagte ihr, daß mich der Zufall einen ehrbaren, festen Charakter finden und lieben ließ, durch den ich eine bessere und anständigere Frau zu werden hoffte. Sie schien mich verstanden zu haben. Ich kam heute gerade zur rechten Zeit zu ihr. Die drei scheinen sie immer noch bis ins unglaubliche auszubeuten und zu bedrohen. Sie haben sie erst gestern wissen lassen, daß sie bis Ende dieser Woche unbedingt fünfzigtausend Mark von ihr haben müßten. Seit Nächten hatte die Herzogin kein Auge geschlossen und sich den Kopf zerbrochen, woher sie die Summe nehmen sollte, ohne etwas davon ihrem Gatten zu sagen. Sie soll ihnen bereits an hundertzwanzigtausend Mark gegeben haben.«

»Nun, von heute ab sollen diese Vampyre nichts mehr von ihr bekommen, auch keinen Pfennig mehr,« rief Egon, dem die Röte der Empörung in die Stirn stieg. »Aber genug davon. Jetzt wollen wir fürs erste wieder Mensch sein. – Mir ist die Aufregung ordentlich in den Magen gestiegen – verzeih diese Trivialität. Aber ich habe einen unbändigen Hunger. Wollen wir zusammen in einem verschwiegenen Winkel zu Mittag essen?«

»O ja,« rief sie dankbar, sich glücklich an ihn schmiegend. »Ich habe diese Stunden ein halbes Menschenalter durchlebt. Ein neuer Mensch bin ich geworden, dank deiner Liebe und Güte, mein Egon. Großer Gott, wenn ich bedenke, was aus mir geworden wäre, wenn du nicht meinen Weg gekreuzt hättest! Aber – nicht wahr,« fügte sie ängstlich bittend hinzu, »du wirst mich nicht verlassen! Ich bin noch zu sehr Neuling auf dem Wege des Guten und Rechtlichen, daß ich unwillkürlich und unwissentlich einen Fehler begehen könnte, der mich in ein falsches Licht bringt. Sei und bleibe mein Lehrer und übe Nachsicht mit mir.«

Statt jeder Antwort zog er sie an sich und küßte ihre dunklen, sammetweichen Augen. »Nur noch wenige Tage – und dann bist du frei für immer. Und vergiß nicht heute abend deine Rolle, die du mit Amadini zu spielen hast.«

»Sie wird mir, bei Gott, nicht leicht werden,« seufzte sie, eben als die Droschke vor einem Weinrestaurant Unter den Linden hielt.

*

In ihrer neuesten Toilette, den Glanz des Glückes und der Zufriedenheit mit sich selbst auf ihrer schneeigen Stirne, schöner als jemals, trat Judith von Rastori gegen sieben Uhr abends in den Salon Anastasia. Das beste Zeugnis ihrer Schönheit gab ihr Anastasia, die ihr einen ihrer haßvollsten Blicke zuwarf, indes sie von Amadini, der etwas abseits stand und von seiner Frau nicht gesehen werden konnte, förmlich mit den Augen verschlungen wurde. Doch diese stumme Bewunderung par distance schien ihm jedenfalls nicht zu genügen, denn er benützte einen Augenblick, in dem seine ehrwürdige Gemahlin den Bedienten einige Aufträge erteilte, um sich Judith zu nähern und ihr zuzuflüstern:

»Sie mißbrauchen wahrhaftig heute abend Ihr Recht, schön zu sein, Judith. Das ist eine Grausamkeit denen gegenüber, die Sie anbeten. Warum zeigen Sie sich nur immer so streng und grausam mir gegenüber?«

Sie antwortete mit einer Koketterie und versteckten Liebenswürdigkeit, die ihm bisher an ihr fremd gewesen war:

»Weil Sie Furcht haben. Das ist mein einziger Grund.«

»Furcht? Vor wem? Vor was?«

»Vor Anastasia. Sie wissen es ganz gut. Deshalb müssen Sie auch begreifen, daß ich sie fürchte – gerade Sie, da Sie ja auch vor ihr zittern!«

»Oh! Um eine Stunde mit Ihnen zu verbringen, würde ich mich mit Wonne ihrem Zorn und ihren Brutalitäten, deren sie fähig wäre, aussetzen.«

»Das bezweifle ich,« erwiderte Judith kokett. Sie trat ganz dicht an ihn heran und streifte ihn absichtlich mit ihren schönen, blendend weißen Schultern, um ihm sekundenlang tief in die Augen zu blicken.

»Gewähren Sie mir eine Zusammenkunft, Judith, ich beschwöre Sie! Sie werden sehen, daß ich meine Frau nicht fürchte.«

»Umsonst! Sie würden ja doch nicht kommen!«

»Versuchen Sie es doch!«

»Nun gut denn – –! Ich riskiere viel, Baron! Ich erwarte Sie also morgen um sechs Uhr.«

»Und wo?«

»Bei mir, in der Kochstraße. Dort sind wir sicherer. Sollte Ihre Frau zufälligerweise davon Kenntnis erhalten, so ist es eben an Ihnen, irgendeinen plausiblen Grund zu erfinden, weshalb Sie mich in einer wichtigen Sache oder um mir einen wichtigen Auftrag zu geben – sprechen mußten.«

»Ich Ihnen einen Auftrag geben?« flüsterte er leidenschaftlich. »An mir ist es, Ihre Aufträge zu erfüllen.«

»Das wollen wir erst sehen. Vor allen Dingen müssen Sie erst zu mir kommen, was ich noch bezweifle. Gehen Sie! Da ist sie.«

Mehrere Male an diesem Abend trafen sie sich wie zufällig; und jedesmal lockte ihn Judith mit versteckten Worten und Blicken, die zu nichts verpflichteten.

Amadini war im siebenten Himmel. Auch nicht einen Augenblick kam ihm der Gedanke, daß sie ihr Spiel mit ihm treiben konnte, sondern er bildete sich ein, wie Egon es vorausgesagt hatte, daß sie sich doch endlich hatte von seinen stummen Werbungen erweichen lassen.


 << zurück weiter >>