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2. Kapitel.

Ehe sich Rudolf zu Kleinthals begab, wollte er vorher noch rasch den Zimmern seiner seligen Mutter, die in unveränderlichem Zustande gelassen worden waren, einen kurzen Besuch abstatten.

Er klingelte und wandte sich mit der Frage an den eintretenden Kammerdiener: »Ist Marie da?«

»Jawohl, gnädiger Herr. Sie wartet auf die Aufträge des gnädigen Herrn.«

»Sagen Sie ihr, sie möchte die zweite Etage aufschließen; ich komme sofort nach oben.«

Marie, die gewesene Wirtschafterin der Frau Melmström, das getreue Faktotum, das die Ermordete an ihrem letzten Lebenstage in die Banken begleitet und mit ihr die Mieten eingezogen hatte, das Rudolf schon als Kind gepflegt hatte, war noch immer im Hause. Als der kleine Rudolf nach dem Tode seiner Mutter von Dr. Kleinthal in Pflege genommen wurde, ließ man sie bei dem Knaben, bei dem sie allmählich die Stelle einer Erzieherin und Vertrauensperson einnahm.

Wie oft hatte er zu jener Zeit, da er noch selbst Nachforschungen angestellt hatte, sich von ihr Auskünfte über jenen mysteriösen sogenannten Josef Kammgarn, den Diener der getöteten Mutter, geben lassen! Niemand konnte diesen genauer kennen, als gerade Marie. Trotzdem so viele Jahre vergangen waren, beharrte sie dabei, daß sie jenen Menschen sofort wiedererkennen würde, sobald er vor ihr stände.

Auf dem Treppenabsatz der zweiten Etage traf er bereits Marie an, der er in seiner jovialen, herzlichen Art die Hand reichte, nicht wie einem Diener, sondern wie einer alten Vertrauten des Hauses.

»Na, Marie, nichts Neues?«

»Nein, Herr Rudolf.«

»Wie sieht's oben aus bei der Mutter? Hast du alles sauber instand gehalten?«

»Ob ich's getan habe! Keiner von den Dienstboten hat die Zimmer betreten, wie Sie es gewollt haben.«

»Und die Blumen?«

»Jeden zweiten Tag bekam sie frische Blumen. Erst heute morgen.«

Er trat entblößten Hauptes – als ob er in eine Kirche trete – in die halb verdunkelte Wohnung, durchquerte den Salon, dessen bereits alt gewordene Möbel sein Blick flüchtig streifte, und lenkte dann seinen Schritt langsam nach dem Schlafzimmer.

Er trat an das Bett und stand davor mit gefalteten Händen, wie er es dereinst als Kind getan, als kindliche Gebete von seinen Lippen kamen. Sein feuchter Blick heftete sich dann auf eine große Photographie, die seine Mutter darstellte.

Einige Minuten später betrat er das gegenüberliegende Haus, um seine lieben Freunde, die Familie des Professors Kleinthal, zu besuchen.

Des Professors Tochter, Eva, war es selbst, die ihm öffnete, denn sie hatte ihn bereits kommen sehen – auf seine Ankunft durch ihren Bruder vorbereitet, weshalb sie sich ans Fenster gestellt hatte, um auf ihn zu warten.

In impulsiver Freude schlang sie ihren Arm um seinen Hals und küßte ihn herzlich. Waren sie doch miteinander auferzogen worden, seit welcher Zeit sie eine innige geschwisterliche Liebe verband. Nachdem Rudolf von Eva in den einfachen Salon geführt worden war, sagte sie zu ihm:

»Du wirst einige Augenblicke warten müssen, Papa ist in seinem Lehnstuhl eingeschlafen. Egon war ja bei dir und wird dir wohl gesagt haben –«

»Jawohl, und ich bin wirklich in großer Sorge darüber. Sag' mir, ist's denn schlimm?«

»Schlimm genug. Es kann stündlich eintreten, daß er das Augenlicht vollkommen verliert, wenn er nicht seiner Tätigkeit für lange Zeit entsagt. Sei still, da ist er.«

»Da bist du ja endlich, mein Sohn!« rief der alte Professor, mit freundlicher Miene sich nach dem Lehnstuhl hintastend, einen Fuß unsicher vor den anderen setzend. »Mir war's doch gleich, als ob ich in meinem Zimmer deine Stimme vernommen hätte. Da mußte ich doch gleich nachsehen, ob –«

»Und es geht Euch immer gut, Papa Kleinthal?«

»Aber famos. Und du? Wie geht's denn dir? Du hast mir geschrieben, daß du dich in Fräulein von Wesenthal verliebt hast? Hast'n guten Geschmack, Junge! Reizendes Geschöpf das, einfach und bescheiden. Ich war zwar nur einige Tage mit ihr zusammen damals – aber das genügt bei mir vollkommen, einen Menschen zu durchschauen. Du hast ihr jedenfalls auch gefallen. Na, denn los! Heirate sie doch! Du lebst zu einsam, zu zurückgezogen. Du mußt heiraten, mein Junge.«

»Ich hätte ja nichts dagegen. Was aber, wenn sie mich nicht haben will?«

»Sie wird dich schon haben wollen.«

»Und doch hat man mir die Hand verweigert.«

»Nicht möglich! Was? Das junge Mädchen?«

»Nein, ihr Vater.«

»Was für Gründe hat er dafür angeführt?«

Rudolf teilte dem Professor sein Gespräch mit Käthe von Wesenthal mit.

»Das ist ja alles Quatsch!« rief der Professor zornig. »Ich kann mir auch gar nicht denken, daß das die wahren Gründe sind. Ich wette, dahinter steckt irgend was anderes. Ich werde dieser Tage nach Potsdam hinüberfahren und versuchen, die richtigen, die wahren Gründe von ihm zu erfahren. – Du ißt doch mit uns, mein Junge?«

»Nein, ich esse zu Haus, ich habe Egon eingeladen.«

»Ach, du mißtraust wohl unserem Menu? – Das ist nicht recht – gar nicht recht. Es ist nämlich ganz ausgezeichnet. Nur dein Schaden.«

Der alte Herr war innerlich natürlich ganz und gar nicht dieser Ansicht, doch wollte er Rudolf auch in den kleinsten Kleinigkeiten täuschen und ihn glauben machen, daß sie opulent lebten und sich keinen Lebensgenuß versagten. –

Nach dem Essen konnten endlich Rudolf und Egon ungestört miteinander reden.

Rudolf teilte vor allem seinem Freunde mit, daß er die Absicht gehabt habe, zu heiraten, daß ihm jedoch Herr von Wesenthal die Hand seiner Tochter und aus welchen Gründen er sie ihm verweigert, und was er mit Käthe zum letztenmal gesprochen hatte. Er teilte ihm auch mit, daß er nun noch mehr trachten werde, die Mörder seiner Mutter zu entdecken, um dann ganz und gar seiner Verlobten, respektive seiner Frau zu leben.

»Du hast doch bisher ununterbrochen Nachforschungen angestellt,« bemerkte Egon. »Wie kannst du heute hoffen, mehr Chancen zu haben, zum Ziele zu gelangen, als bisher? Die Gesichter verändern sich, die Gestalten verlieren ihre ursprüngliche Form und Haltung und die Leute, die man gern wiedererkennen möchte, werden nach und nach total unkenntlich.«

»Du irrst dich. Die Augen verändern sich weder in ihrer Farbe, noch in ihrem Ausdruck.«

»Ach! Die Katzenaugen! Immer dieselbe fixe Idee, den Menschen mit den Katzenaugen wiederzufinden.«

»Das ist auch nicht unmöglich; denn ich habe bis jetzt schlecht gesucht.«

»Du hast doch überall gesucht?«

»Eigentlich doch nicht. Einen Weltteil der Gesellschaft habe ich bisher fast gar nicht durchforscht.«

»Und welcher wäre das?«

»Erinnerst du dich, da du ja doch mit mir die alten Zeitungen gelesen und auch die Akten durchgesehen hast, an die Aussagen jener Fächerhändlerin in der Lindenstraße, und an die Aussagen ihrer Verkäuferin?«

»Von dem Leuchten seiner Augen im Dunkeln, weshalb man ihm den Spitznamen »der Herr mit den Katzenaugen« gegeben hatte? Allerdings erinnere ich mich.«

»Der Chef der Sicherheitspolizei hat damals sofort diesen Menschen als einen der Schuldigen bezeichnet, wobei er namentlich sich auf diesen Umstand stützte: die fragliche Person, nachdem sie bis dahin fast täglich die Fächerdame besucht hatte, war gerade zur Zeit des Verbrechens gegen Ende Dezember vom Schauplatz verschwunden und auch während der ersten Hälfte des Januar, wo das Verbrechen begangen worden war, verschwunden geblieben.«

»Diese Verdachtsmomente waren jedoch von keinem Nutzen,« warf Egon dazwischen ein. »Die beiden auf seine Fährte gehetzten und als Privatdetektive benutzten Frauen haben nichts entdecken können.«

»Neuer Beweis, daß man vollkommen im Recht war, jenen Menschen zu verdächtigen. Er verbarg sich jedenfalls, nachdem das Verbrechen begangen worden war. Würde er sich nicht versteckt haben, so hätte doch jene Person, die ihn so genau gekannt hat, ihn irgendwo in der Welt entdecken oder auch nur sehen müssen. Bedenke, daß die Beschreibung, die sie von jenem gemacht hatte, sich vollkommen mit den Eindrücken deckte, die ich als Kind von dem Manne empfangen habe.«

»Angenommen, es wäre so,« sagte Egon, eine Zigarre ansteckend. »Wenn du ihn bisher nicht gefunden hast, wo willst du ihn denn jetzt finden?«

»In der Welt, in der er damals verkehrt hat und die ich leider nicht gründlich genug habe durchforschen lassen.«

»Lieber Freund, die Gewohnheiten eines Menschen ändern sich in zwanzig Jahren wie die Gesichter. Man kann sich ganz leicht vor zwanzig Jahren für Fächerdamen interessiert haben, ohne sie heute noch ausstehen zu können.«

»Dann liebt man sie heute eben in einer anderen Form. Bedenke doch, daß der, von dem wir reden, heute höchstens 48 bis 50 Jahre alt sein kann. Und in diesem Alter läßt man noch nicht von dem, was man mit dreißig verehrt hat.«

»Du möchtest also –«

»Ich möchte weniger ungeschickt sein, als ich es bisher gewesen bin. Die Mörder dürften den besseren Gesellschaftsschichten angehören. Das ist zweifellos. Eine Million achtmalhunderttausend Mark wurden damals meiner Mutter entwendet. Drei Mörder waren es – so kam auf jeden sechsmalhunderttausend Mark, was auch die Rücksendung dieser Summe von seiten des einen, den sein Gewissen nicht schlafen ließ, beweist. Wenn ein kleinerer, einfacher Mann oder Kaschemmenverbrecher so plötzlich mit einer solchen Summe auftaucht, oder urplötzlich üppig zu leben anfängt, so wäre dies unbedingt aufgefallen. Es war dies der Koup einer gewissen Sorte von Gesellschaftshyänen, die in der Gesellschaft der falschen Hermeline, der verkappten Halbwelt verkehren. Bisher habe ich ihn an öffentlichen Orten und in den belebtesten Straßen Berlins, in den Theatern, in den Bars gesucht, am hellichten Tage oder am Abend, des Nachts bloß in großen Vergnügungslokalen, welche glänzend erleuchtet waren.«

»Wo aber willst du ihm ausgerechnet im Finstern begegnen? Du müßtest dich höchstens in sein Schlafgemach schleichen, und das erscheint mir unmöglich.«

»Unmöglich für dich und für mich. Aber andere haben es gekonnt und können es vielleicht heute noch.«

»Und wer sollten die anderen sein?«

»Er kann doch geheiratet oder eine Geliebte haben. Lebemänner waren sie fast zweifellos. Das hat die Untersuchung erwiesen. Es handelt sich nun darum, die Welt zu entdecken, in der er vorübergehende oder bleibende Damenbekanntschaften gemacht hat. Es ist von Wichtigkeit, diejenigen geschickt auszufragen, die – sich an ihn noch erinnernd – uns auf seine Spur führen könnten.«

»Du willst also mit einem Wort eine Frauenpolizei organisieren?«

»Ganz recht. Du billigst also meinen Plan?«

»Das schon. Nur scheint mir das Resultat immer noch sehr fraglich. Und wann willst du mit deinen Nachforschungen beginnen?«

»Ich will sie nicht selbst in Szene setzen, mein Junge. Du weißt, daß ich mich stets von jener Welt ferngehalten habe, die in diesem Falle zu ergründen ist. Ich würde bloß eine ungeschickte und lächerliche Rolle spielen, da ich absolut nicht das Zeug in mir fühle, mich in dieser Welt zu bewegen und mich mit all ihren Eigentümlichkeiten vertraut zu machen. Doch was ich nicht tun werde, kann ein Freund für mich tun, ein wirklicher, ein ergebener Freund, namentlich, wenn ich dies als einen Freundschaftsdienst von ihm erbitte, als den größten Dienst, den er mir leisten könnte.«

»Ich verstehe jetzt. Du hast dabei auf mich gerechnet?«

»Sollte ich mich verrechnet haben?«

»Das will ich nicht sagen. Jedenfalls war ich nicht darauf vorbereitet. Auch glaube ich, es gibt keinen ungeeigneteren Menschen für dieses Geschäft, als mich. Meine Jugend hat vollkommen der deinigen geglichen. Mein Leben war immer gleichmäßig – wenn du willst: ereignislos.«

»Das war vielleicht unrecht.«

»Wieso? Ich verstehe nicht –«

»Du hast dich durch dein ausschließlich der Arbeit gewidmetes Leben zu sehr von aller Welt zurückgezogen und bist beinahe menschenfeindlich geworden. Du hast zu sehr meinem Beispiel nachgestrebt. Reden wir ernsthaft, Egon. Du hast ein Rechtsanwaltsbüro. Du behauptest, daß du eine zahlreiche Klientel hast und damit viel Geld verdienst. Ich will es dir glauben, um dich nicht zu beleidigen. Gut! Du hast Erfolg. Du würdest aber viel reicher sein, viel mehr Erfolg haben und rascher zum Ziele gelangen, wenn du deine Lebensweise ändern würdest. Die Leute jener Welt, in der du verkehrtest, deren Leben ebenso regelmäßig ist, wie das unserige, haben keine Streitigkeiten, keine Prozesse. Die anderen jedoch, im Gegenteil, liegen sich ununterbrochen in den Haaren und wissen vor Prozessen weder ein noch aus. Dort gibt es immer die mehr oder weniger berechtigten Interessen des einen oder des anderen zu vertreten. Mit einem Wort: Das sind die Leute, die uns etwas zu tun geben. In dieser Art von Welt wirst du die Anzahl deiner Klienten vergrößern und mit ihnen auch die Anzahl der Prozesse.«

»Ja, ja – du hast recht,« erwiderte Egon nachdenklich. »Und ich danke dir. Ich werde versuchen, deinen Rat ins Praktische zu übersetzen.«


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