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15. Kapitel.

Der Graf kannte die Menschen. Und auch darin hatte er wieder recht, daß Wesenthal sich nicht mehr so gegen eine Verbindung Käthes mit Melmström sträubte als zu Anfang. Monate waren vergangen, seitdem er Rudolf abgewiesen hatte. Und die ganze Zeit über hatte er beobachtet, daß Käthe auch keine Stunde die Hoffnung aufgegeben hatte, die Frau Rudolfs dereinst zu werden. Und daß Rudolf nicht anders dachte, bewiesen ihm die Besuche von Eva Kleinthal, die doch eigentlich nichts anderes als der postillion d'amour der beiden war. Wesenthal sagte sich selber, daß er auf die Dauer nicht werde dem zielbewußten Willen dieser beiden Herzen widerstehen können. Konnte und durfte er strenger sein als das Gesetz, das die Kinder nach Erlangung ihrer Volljährigkeit berechtigt, sich über den Willen der Eltern hinwegzusetzen und der Wahl ihres Herzens zu folgen? Konnte seine obstinate Weigerung nicht das Verhältnis zwischen ihm und seiner Tochter insofern trüben, daß es ihm mehr schaden als jemals nützen konnte? Und wenn die Heirat heute oder morgen doch gegen seinen Willen sich vollziehen könnte, war es nicht besser, lieber gleich seine Einwilligung zu geben?

Wenn Wesenthal auch seine moralischen Bedenken zurückhielten, das Kind eines der Verbrecher dem Sohne der Ermordeten zu geben, sagte er sich doch auch, daß alles Unmoralische einer solchen Vereinigung, sobald die beiden von der Vergangenheit nichts wußten, niemals auf das junge Paar, sondern nur auf ihn allein zurückfallen würde. War die Gefahr der Entdeckung eine geringere, wenn er Käthe Rudolf nicht zur Frau gab? Vermehrte er nicht nur das Uebel, wenn er seinem über alles geliebten Kinde und dem Manne, dem er ohnedies schon zu so unsagbar schwerem Leiden verhalfen, ihr Glück dauernd verwehrte?

Daß sich Wesenthal mit solchen Gedanken schon seit langem trug, hatte Straußberg instinktiv erraten. Nur in einem täuschte er sich: und zwar darin, daß er glaubte, Wesenthals Haß gegen sie beide, seine hochgradige Erregung würde sich in Bälde legen, und er sich nach und nach ihren Wünschen gefügiger zeigen, damit weder Melmström noch Käthe jemals von Wesenthals Mitschuld erführen.

Der Graf rechnete nicht mit der unendlichen Liebe Wesenthals zu seinem Kinde. Hatte ihn schon das plötzliche Auftauchen dieser beiden Verbrecher, die im Laufe der Zeit nur noch tiefer gesunken waren, und die es heute wagten, ihn mit Drohungen einzuschüchtern, empört, so empörte ihn nur noch mehr, daß sie sich nicht nur allein an ihn hielten, sondern auch seine Tochter in Mitleidenschaft ziehen wollten.

Nach und nach entwickelte sich aus seiner Empörung eine kaum unterdrückbare Sehnsucht, sich an den beiden, die sein grenzenloses Elend zum größten Teil verschuldet hatten, zu rächen und sie zu verhindern, neue Schandtaten zu unternehmen. Freilich würde er hierbei sich vielleicht opfern müssen. Jedenfalls wäre das Risiko für ihn nicht größer, als wenn er sich feige und passiv dem Willen jener Elenden fügen würde. Er wußte sehr wohl, daß der Graf und Amadini von der Heirat Käthes eine Sicherheit für ihre Existenz und einen großen pekuniären Vorteil erhofften. Denn wenn sie heute von ihm die Einwilligung in diese Heirat verlangten, wollten sie morgen die Millionen seines Schwiegersohnes durch ihn erlangen.

So war er nach und nach zu dem Entschluß gekommen, lieber das Mittel zu ergreifen, sich zu rächen. Dadurch, daß Rudolf sein Schwiegersohn wurde, konnte er dessen Interessen zu den seinigen machen, konnte er sich den Plänen Rudolfs, ihn an den Mördern seiner Mutter zu rächen, anschließen, ja, vielleicht die Rache Rudolfs ganz allein in die Hand nehmen, um das Glück der Jungvermählten nicht zu stören.

Sobald der Entschluß in ihm gereift war – beschleunigt durch das Dazwischenkommen seiner früheren Mitschuldigen – ging er sofort zur Tat über.

Es war ein herrlicher Frühlingsmorgen, an dem er mit Käthe durch den in voller Baumblüte stehenden Garten wandelte. Seinen Arm um die Taille seiner Tochter schlingend, sagte er zu ihr: »Hör' mal, Käthe, das geht eigentlich nicht, daß du immer Eva Kleinthal zu dir herauskommen läßt.«

Käthe sah ihren Vater erschreckt, beinahe etwas trotzig an. Wollte er ihr nun auch noch diese einzige Aussprache nehmen?

»Das geht aus dem Grunde nicht,« fuhr Wesenthal fort, »weil man selbst bei Freunden einmal den Besuch erwidern muß. Du mußt auch ab und zu zu Kleinthals in die Stadt. Eva würde sich gewiß freuen – und auch der alte Herr – –«

Käthes Gesicht verklärte sich wie eitel Sonne. Jauchzend fiel sie ihrem Vater um den Hals: »Papchen, du wolltest – –!«

»Warum nicht? Ich fand, daß ich wirklich ein sehr egoistischer Vater bin, der sein Kind nicht von der Seite läßt. Das soll anders werden. Außerdem wollte ich schon lange den Besuch des Professors erwidern. Heute ist es so himmlisch schön. – Wollen wir zu Kleinthals in die Stadt? Meinen Besuch will ich dazu benützen, dich offiziell in die Familie Kleinthal einzuführen – –«

Käthes freudig verklärte Züge wurden ernst: »Papa, du weißt doch, daß bei Kleinthals Herr Melmström verkehrt. Es kann doch sein, daß ich ihm dort begegne – –«

»Nun, wenn du ihm begegnest, dann ist es doch weiter wohl kein Unglück. Du wirst ihn eben als Freund behandeln, nicht als Bräutigam. Du bist verständig und taktvoll genug, den Unterschied im Benehmen auszudrücken. Es war vielleicht unrecht von mir, die Beziehungen zu Melmström, von denen wir nur Angenehmes hatten, abzubrechen. Man hätte ja ruhig weiter freundschaftlich verkehren können. –«

»Vater!« Käthe warf sich an seine Brust und barg ihre mit Freudentränen gefüllten Augen an seiner Schulter. Dann sah sie mit gefalteten Händen – bittend, hoffend – zu ihm empor. »Du – du willigst also ein?« stammelte sie kaum hörbar.

Wesenthal lachte: »Nein, nein, mein Kind! So weit sind wir noch nicht. – Ich hatte allerdings gehofft, daß ihr euch vergessen würdet –«

»Du konntest das denken?« Vorwurfsvoll sah sie ihm in die Augen.

»Ich hätte eine bescheidenere Partie für dich vorgezogen, die mit deinen und meinen Verhältnissen mehr im Einklang steht. – Doch weiß ich noch garnicht, wie Herr Melmström darüber denkt. Er mag ja vielleicht den Gedanken an eine Heirat aufgegeben haben –«

Käthe schüttelte mit leisem Sinnen den Kopf. »Rudolf ist nicht der Mann, der seine Absichten von heute auf morgen ändert. Das weißt du. – Ich habe freilich seit damals nicht mehr mit ihm gesprochen, und er – deinen Willen kennend – hat mir niemals einen Brief geschrieben. Das einzige, was er tat, war, daß er mir durch Eva seine Grüße bestellen ließ. – –«

»Na, wir wollen sehen, wie er über alles noch denkt. Kleide dich indes um – Professor Kleinthal wird uns schon das weitere sagen.«

Ihren Vater noch einmal umarmend, flog sie wie ein lichter Schmetterling durch den Garten, in dem für sie heute nichts zu sehen war, – als Sonne und Blüten, Blüten und Sonne.

Und erst die Fahrt nach Berlin! Noch nie war ihr die Gegend so sonnig und freudig erschienen als heute! »Man weiß gar nicht, wie schön die Umgegend Berlins ist!« sagte sie, ihren Arm in den des Vaters schmiegend und durch die Kupeefenster blickend.

»Weil wir zu Kleinthals fahren – was?« lächelte er leise.

Eva Kleinthal, die eben im Begriff war, nach Potsdam zu fahren, öffnete selbst, als Wesenthals klingelten. Sie traute ihren Augen kaum, und konnte einen Ruf der Ueberraschung nicht unterdrücken.

»Ja, wir sind es,« sagte Käthe, ihre Freundin umarmend und ihr rasch ins Ohr flüsternd: »Es gibt eine Menge Neuigkeiten: ich werde gleich alles erzählen.«

»Gute?«

»Oh, ich glaube sehr gute, da wir persönlich hier sind.«

»Ist der Herr Professor zu Hause, liebes Fräulein? Wird er mich empfangen können?« fragte Wesenthal.

»Aber gewiß, Herr von Wesenthal. Ich werde es ihm sofort sagen. Wollen Sie bitte gütigst einstweilen in den Salon eintreten.«

Gleich darauf trat Professor Kleinthal, von seiner Tochter geführt, in das kleine Wartezimmer. Obzwar sie ihm immerzu versicherte, daß er allein ginge, leitete sie seine Schritte noch kaum merklich.

»Papa, hier ist Herr von Wesenthal.«

»Was mußt du mir denn das erst sagen?« brummte er sie an. »Sehe ich ihn denn nicht vor mir? Wenn man dich hört, könnte wirklich einer auf den Gedanken kommen, ich sei stockblind. – Guten Tag auch, liebster Kollege! … Grüß Gott auch, Fräulein Käthe,« fügte er hinzu, durch Eva wissend, daß Wesenthal von seiner Tochter begleitet war, ohne sie jedoch zu sehen.

Wesenthal ging dem alten Herrn entgegen und sagte:

»Ich möchte gerne einige Augenblicke mit Ihnen sprechen.«

»Dachte ich mir's doch! Na, nichts leichter als das. Den jungen Leutchen wird es ja sehr recht sein, wenn sie in einem anderen Zimmer ungestört miteinander schwatzen können. Geht also inzwischen in Evas Zimmer und seht zu, daß wir nicht gestört werden. So – und nun bin ich ganz Ohr für Sie, verehrter Herr! Und ich habe so die Vorahnung, daß wir uns heute besser verstehen werden als das erste Mal.«

»Ich glaube es fast selbst. Ihre Worte haben mich viel nachdenken lassen. – Sie haben mich des väterlichen Egoismus geziehen. Sie hatten mir vorgeworfen, daß ich das Glück meiner Käthe meiner Vaterliebe zum Opfer brächte, dem selbstischen Glück, mein Kind bei mir zu behalten.«

»Das haben Sie mir ja auch selbst eingestanden. Na und heute? Sagen Sie pater peccavi?«

»Ich muß es wohl; ich gestehe ein, daß ich vielleicht gewisse Befürchtungen übertrieben habe.«

»Bloß übertrieben? Bestehen sie denn überhaupt noch immer? Als mir Eva ihren Besuch meldete, hegte ich die geheime Hoffnung, daß sie überhaupt nicht mehr bestünden.«

»Ihr Pflegesohn wird sie vielleicht dauernd zerstreuen können.«

»Dann lassen wir ihn uns nur rasch holen.«

»Ich wollte Sie gerade darum bitten.«

Der alte Herr tastete sich nach der Tür, rief Eva und ersuchte sie, zu Melmström hinüberzuspringen und ihn zu bitten, daß er einen Augenblick herüberkommen möge. Nach einigen Minuten war sie wieder da mit der Meldung, Rudolf käme sofort. Unmittelbar darauf klingelte es auch, und Eva ließ Rudolf in das Zimmer zu den beiden Herren ein, indes Käthe klopfenden Herzens im Nebenzimmer wartete.

Als Rudolf bei seinem Eintreten Käthes Vater erkannte, hemmte er unwillkürlich seinen Schritt. Wesenthal, dem diese Bewegung nicht entgangen war, ging ihm mit verbindlichem Lächeln, mit der ganzen gewinnenden Art seiner vornehmen Persönlichkeit entgegen.

»Ich hatte soeben dem Professor den Wunsch ausgesprochen, Sie zu sehen, verehrtester Herr Melmström,« begann Wesenthal, nicht ohne eine leichte Verwirrung. »Ich möchte mich gern ein Weilchen mit Ihnen unterhalten, und es wäre mir am liebsten, wenn diese Unterredung in Gegenwart jenes Mannes stattfände, den Sie am meisten auf der Welt lieben und verehren.«

Rudolf verbeugte sich und sagte herzlich: »Und ich danke Ihnen dafür, Herr von Wesenthal, Sie wissen, daß ich mich stets gefreut habe, wenn ich mich mit Ihnen unterhalten durfte. Leider hat dies nicht auf Gegenseitigkeit beruht,« schloß er mit leicht zitternder Stimme.

»Vor allem gestatten Sie mir eine Frage,« fuhr Wesenthal weiter fort. »Sie hatten mir die Ehre erwiesen, mich im letzten Sommer um die Hand meiner Tochter zu bitten. Einige Zeit später wurde diese Bitte in anderer Form durch Herrn Professor Kleinthal an mich gerichtet. Aber seitdem sind wieder mehrere Monate vergangen, Ihre Pläne und Absichten könnten sich geändert haben, so daß ich begreiflicherweise erst gerne wissen möchte …«

Rudolf ließ ihn nicht erst endigen, sondern unterbrach ihn mit den Worten: »Wie ich heute noch darüber denke? Wenn ich wüßte, daß ich Aussicht hätte, würde ich den Versuch zum dritten Male nicht scheuen.«

Wesenthal ging auf Rudolf zu, legte ihm die Hände auf die Schultern und sagte herzlich: »Also scheuen Sie sich nicht, lieber Rudolf, und versuchen Sie zum dritten Male ihr Glück. Sie sollen diesmal keinen Korb bekommen, denn ich würde mich freuen, Sie als Schwiegersohn begrüßen zu können – das heißt, wenn wir uns über gewisse Punkte einigen, die wir gleich bereden wollen.«

In impulsivem Drange ergriff Rudolf Wesenthals Hand und führte sie, ehe er es verhindern konnte, an die Lippen. Wesenthal umarmte den jungen Mann voller Herzlichkeit, welchem Beispiel dann auch der alte Kleinthal folgte.

»Müssen wir denn bei der Konferenz ausgerechnet stehen?« fragte der Professor. »Wir stehen uns ja die Beine in den Leib! Das mag ja für junge Leute ganz gut sein, aber für mich …«

Er wies auf einen Fauteuil und nahm selbst Platz an der Seite seines Pflegesohnes. Ohne zu zögern, nahm Wesenthal sofort die zu besprechenden Punkte in Angriff:

»Das eigentliche Motiv meiner Weigerung, in diese Ehe zu willigen, ist Ihnen hinlänglich bekannt. Ich fürchtete mich für meine Tochter vor gewissen Nachforschungen und Plänen, von denen Sie mir mitgeteilt hatten. Diese Befürchtungen sind heute keineswegs verschwunden. Nur glaube ich, das Mittel gefunden zu haben, die Gefahr, die ihr beide als Ehegatten laufen könntet, abschwächen zu können.«

»Na, da bin ich aber gespannt,« rief der Professor dazwischen, seine Brille zurechtrückend.

»Zuerst eine Frage,« wandte sich Wesenthal direkt an Melmström. »Ich möchte nämlich gerne wissen, wie weit sich Ihre Rache erstrecken soll. Sie haben mir gesagt, und ich habe es auch in den Zeitungen gelesen, daß man drei Personen verdächtigt hat, an dem Morde teilgenommen zu haben. Beharren Sie darauf, alle drei ausfindig zu machen und zu bestrafen? Haben Sie nicht etwa in Ihrem tiefsten Innern zugunsten des einen – des Dieners, der Ihnen das Leben gerettet und dann das Geld geschickt hat – eine Ausnahme gemacht? Nach seinem Brief, den Sie uns zu lesen geschickt haben, nach dem tiefen Weh und der tiefen Reue, die daraus sprechen, scheint er mir doch einigen Mitleides wert zu sein. Er scheint mir, je mehr ich über diesen Fall nachdachte, doch mehr oder weniger das Opfer jener beiden anderen geworden zu sein. Meinen Sie nicht auch, Rudolf?«

»Allerdings. Und ich würde bezüglich jenes Menschen auch gern Gnade für Recht ergehen lassen, wenn ich nur seine beiden anderen Genossen finden könnte,« versicherte Rudolf.

»Und Sie würden sich damit begnügen, nur jene beiden zu bestrafen?«

»Jawohl.«

»Können Sie mir dies mit einem Schwur, mit Ihrem heiligen Ehrenwort versprechen, Rudolf?« fragte Wesenthal beinahe feierlich.

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, jenem zu verzeihen, der uns unter dem Namen Joseph Kammgarn bekannt ist, wenn es mir glückt, die Tat sowohl an jenem zu sühnen, der aller Wahrscheinlichkeit nach das Verbrechen ausgeheckt und dirigiert hat, sowie an jenem Elenden, der mit seinen eigenen Händen meine arme Mutter getötet hat.«

»Ich danke Ihnen, Rudolf. Sie begreifen, daß Ihren Nachforschungen durch dies von mir abgeforderte Versprechen engere Grenzen gezogen worden sind. Ihr Rachewerk ist präzisierter. Zwei zu finden ist leichter als drei und dauert nicht so lange. Wenn es uns glückt, die beiden Hauptübeltäter zu entdecken, so hat Ihr Suchen ein Ende und Ihre Rache ist befriedigt. Ich habe Sie doch recht verstanden?«

Rudolf nickte bejahend.

Wesenthal mußte einen Augenblick innehalten, um seiner inneren Erregung Herr zu werden, worauf er fortfuhr:

»Und nun eine andere Frage, die letzte. Welche Strafe sollen die beiden Mörder erhalten, wenn Sie sie in Händen haben?«

Festen Tones, wie ein Mann, der einen Eid schwört, sagte Rudolf:

»Aug' um Auge, Zahn um Zahn. Das heißt: den Tod!«

»Sie sind dazu fest entschlossen?«

»Felsenfest. Denn es ist mein moralisches Recht, das ich mir eben nehme, wenn es mir die Gesetze nicht geben.«

»Das ist Gewissenssache. Das geht Sie allein an. Jedenfalls bin ich mir im klaren, was Sie wollen, wohin und wie weit Sie gehen wollen; und als Ihr Schwiegervater nehme ich auch im Namen meiner Tochter alle Konsequenzen dieser Situation auf mich.«

Voll Wärme und Tränen des Dankes im Auge ergriff Rudolf Wesenthals Hand, die ihm dieser spontan entzog:

»Erlauben Sie noch einen Augenblick. Ich sprach Ihnen von einigen Bedingungen, ehe ich meine endgültige Zusage gebe. Meine Tochter hat sich in der letzten Zeit zu viel mit Ihren Nachforschungen und Dispositionen beschäftigt. Das regt sie zu sehr auf und zerrüttet vollkommen ihre Nerven. Ich will das nicht. Sie soll fürs erste von dem allen nichts hören und nichts sehen, ehe sie als Ihre Frau von neuem an Ihren Arbeiten teilnimmt. Ich verlange deshalb von Ihnen das Versprechen, daß Sie von heute ab bis nach Ablauf von sechs Monaten mit ihr kein Wort über Ihre Pläne wechseln, und daß auch Sie selbst während dieser Zeit nichts weiter unternehmen. Geht auf Reisen, – tut, was ihr wollt; aber geben Sie Käthen Zeit, sich erst gründlich zu erholen.«

»Sie wissen vielleicht nicht,« rief Rudolf dazwischen, »daß ich augenblicklich Hoffnung habe, Licht in die Affäre zu bringen. Egon und ich, wir glauben auf der richtigen Fährte zu sein.«

»Sie soll deshalb keineswegs aufgegeben werden. Im Gegenteil, wir werden sie weiter verfolgen. Ich habe ziemlich genau Ihren ganzen Fall studiert und kenne ihn heute von Grund aus. Und deshalb werde ich Ihren Freund Egon Kleinthal in seinen Nachforschungen mit meinen Ratschlägen unterstützen, als ob ich selbst der Rächer Ihrer Mutter wäre.«

»Wie! Sie wollten …!«

»Ja. Wenn ich Ihnen meine Tochter zur Frau gebe, trete ich doch in Ihre Familie ein, um nicht nur mit Ihnen die Freuden, sondern auch die Leiden zu teilen. Somit habe ich das Recht, mit Ihnen gemeinsame Sache zu machen.«

»Oh, Herr von Wesenthal!«

»Also – es ist abgemacht! Sie gewähren den Verbrechern für Ihre Person auf einige Monate Strafaufschub und treten mir Ihre diesbezüglichen Rechte ab. Da Sie jedoch, wenn Sie hier in Berlin bleiben würden, doch in die Versuchung kommen könnten, sich in unsere Nachforschungen zu mischen, uns Ratschläge zu erteilen und uns leiten zu wollen, verlange ich von Ihnen das weitere Versprechen, sofort nach der Hochzeit mit Ihrer jungen Frau auf Reisen zu gehen.«

»Das ist sehr richtig! Das ist durchaus vernünftig!« rief der alte Professor dazwischen. »Und ich habe diesen Mann des Egoismus geziehen! Annehmen, Rudolf! Und kein Wort weiter reden.«

»Ob ich Ihre gütigen Vorschläge und Bedingungen annehme, mein Vater!« rief Rudolf voll heißen Dankes. »Nur – darf ich Ihnen noch eine Frage vorlegen, Vater?«

»Aber gewiß.«

»Wenn die, die wir suchen, nach meiner Rückkehr noch nicht aufgefunden sind – was wohl anzunehmen ist – werde ich dann nicht das Recht haben …«

»– – die Nachforschungen selbst weiter fortzusetzen?« ergänzte Wesenthal. »Natürlich doch. Ich verlange ja nichts weiter von Ihnen als bloß für eine kurze Zeit – in eurem beiderseitigen Interesse – einen Waffenstillstand Ihrerseits und das Recht, als Ihr Vertreter, Bundesgenosse, als Vater Ihrer Gattin, mich mit Ihrer … Angelegenheit während Ihrer Abwesenheit zu befassen. Geben Sie mir daraufhin Ihr Wort?«

»Mit tausend Freuden!«

»So. Und nun komm in meine Arme, Sohn! Von heute ab steht dir unser kleines Haus in Potsdam zu jeder Stunde des Tages offen, und ich bin stolz darauf, dich dort als meinen Sohn begrüßen zu können.«

»Bravo!« rief der alte Professor, sich die Hände reibend. »Bravo! Das nenne ich mir eine Rede! Sagen Sie mir, wollen wir nicht die Kleine davon verständigen? Sie wird ja allerdings schon etwas ahnen, daß man hier über ihr Glück verhandelt; aber sie ist ihrer Sache doch nicht so sicher. Na, ich werde sie mal hereinholen.«

Er tastete sich unsicher nach der Tür des Salons und rief in das Nebenzimmer: »Eva, führe deine Freundin herein.«

Käthe, von Eva unterstützt, da sie vor Erregung kaum die Kraft fand, sich aufrecht zu halten, blieb im Türrahmen stehen, angstvoll und doch hoffend von einem zum andern sehend. Das strahlende Gesicht Rudolfs verhieß ihr so unsagbar Gutes, das ihr schwindelte. Wie im Traum hörte sie die muntere Stimme des alten Herrn:

»Rudolf, tritt her und gib mir deine Rechte,« sagte der Professor. »So, die habe ich. Eva, führe deine Freundin auf diese Seite herüber und lege ihre Hand auf die meinige. Oh, oh, wir zittern ja etwas! Na ja, das läßt sich begreifen! Also, meine Kinder, mit der Erlaubnis des Vaters Nummer eins lege ich, der Vater Nummer zwei, diese beiden Hände zum ewigen Bunde ineinander! Werdet glücklich und macht auch uns alte Leute glücklich. Amen. – So! und jetzt habe ich eine Tochter mehr.«


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