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14. Kapitel.

In demselben Kabinett, in dem vor zwanzig Jahren sich Straußberg, Amadini und Wesenthal getroffen hatten, das furchtbare Verbrechen zu planen, sollten sie auch heute wieder zusammenkommen.

Das Zimmer lag auch außerordentlich bequem – im ersten Stock, am Ende des Korridors, ohne daß es rechts oder links von einem anderen Kabinett flankiert gewesen wäre.

Absichtlich hatten sich Straußberg und Amadini heute etwas zeitiger getroffen, um noch vor Wesenthals Kommen einiges miteinander besprechen zu können. Sie ließen sich nur einige kalte Assietten bringen und einige Flaschen Sekt frappieren, um so rasch als möglich die diensteifrigen Kellner los zu sein und unbehindert reden zu können.

Als sie endlich allein waren, fragte Amadini: »Und Sie glauben, daß er bestimmt kommen wird?«

»Ob er kommt! Eher zu früh als zu spät. Heute zittert er nicht bloß um seinetwillen, sondern noch viel mehr um seine Tochter.«

Amadini seufzte. »Wenn sich unser Plan verwirklicht, dann haben wir viel, viel gewonnen. Nur darf man die Sache nicht brüskieren. Wir könnten alles verlieren, wenn wir nicht zu warten verstünden. Nur ist die Frage: Wie sollen wir bis dahin leben?«

»Wir hatten doch wenigstens immer noch einige tausend Mark in der Kasse für die laufenden Ausgaben und Bedürfnisse, und heute sind kaum mehr tausend drin.«

»Und das ist für mich um so peinlicher, als mich wieder seit den letzten Tagen die Spielwut ganz namenlos gepackt hat, so daß ich nicht imstande bin, ruhig zu überlegen.«

»Mich quält etwas ganz anderes,« seufzte Amadini, einige Malagatrauben knuspernd. »Ah, diese Judith!« Er streckte die Arme voll sehnsüchtigen Verlangens in die Luft, als wollte er einen imaginären Körper umfassen.

»Also Judith! Das also ist der neue Stern!«

»Es hat ja so kommen müssen. Bis jetzt hatte ich Judith gegenüber meine ganze Haltung gewahrt. Denn bis jetzt hatte sie niemand angehört. Ich habe sie für ein gefühlloses, für jede Liebe unempfindliches Wesen gehalten, das bloß blindlings unseren Befehlen gehorcht. Jetzt aber liebt sie diesen Kleinthal. Todsicher. Ich fühl's! Ich seh's! Also ist sie ein Weib, das liebt. Und daß sie diesen Kerl liebt, das ist es eben, was mich rasend macht.«

»Ja, mein Lieber,« bemerkte der Graf mit seiner gewöhnlichen Ruhe. »Inzwischen können wir etwas anderes unternehmen.«

»Was denn? Ich bin fähig, alles zu tun, um Geld zu gewinnen.«

Eben als Straußberg im Begriff war, seine neuen Pläne zu entwickeln, meldete ein Kellner, daß den Herrn Grafen ein Herr zu sprechen wünsche.

Gleich darauf trat Wesenthal in das Zimmer. Nur mit Mühe hatte er die Kraft gehabt, das Lokal zu betreten und die Treppe hinaufzusteigen. Jetzt, da er sich mit seinen Genossen von damals allein sah, verließ ihn für einen Augenblick die Kraft, so daß er sich an der Wand festhalten mußte. Sein Blick schweifte durch das Zimmer, über den Kamin und die Spiegel – alles war noch wie damals. Endlich wies der Graf auf einen Stuhl:

»Bitte Platz zu nehmen, Herr von Wesenthal.«

Wesenthal setzte den ihm angebotenen Stuhl etwas abseits vom Tisch und ließ sich darauf nieder.

Nachdem sich Wesenthal und die beiden Herren niedergelassen hatten, begann Straußberg in beinahe amtlich formellem Tone:

»Ehe ich auf den eigentlichen Zweck Ihres Besuches eingehe, möchte ich nur konstatieren, Herr von Wesenthal, daß Sie sich – nach dem Empfange zu urteilen, den Sie mir bereitet hatten – über unsere Personen in einem kleinen Irrtum befinden. Gott, ich nehme Ihnen Ihre hochgradige Erregung über mein plötzliches Erscheinen nicht weiter übel. Das wäre schließlich jedem so gegangen. Nur möchte ich nicht, daß Sie auf Grund Ihres seit zwanzig Jahren geführten tadellosen Lebenswandels, den zu konstatieren ich das Vergnügen habe, etwas gar zu streng mit uns – Ihren Freunden von damals, Ihren Bundesgenossen und – offen gesagt – Ihren Mitschuldigen – ins Gericht gehen. Als ich mir vor zwanzig Jahren erlaubt hatte, in diesem Kabinett, das Ihr Blick sofort erkannt zu haben scheint, eine Fabel von drei Freunden zu erzählen, von denen sich der eine als Bedienter verkleidet, um den zweiten an dem bewußten Tage hereinzulassen und die von der millionenreichen Hausbesitzerin einkassierten Mieten und Gelder zu – nehmen, wodurch der betreffenden Millionärin gar kein so bedeutender Schaden erwachsen wäre – (ich hatte anfangs nicht einmal den Namen der Frau Melmström ausgesprochen, sondern nur im allgemeinen kombiniert) – da hatte ich nicht ahnen können, daß uns die Sache so weit führen, solche Konsequenzen haben würde. Bei all unseren Vorbereitungen und bis zur Stunde der Ausführung der Tat waren wir mit Sorgfalt sogar jedem Gedanken an eine Gewalttat aus dem Wege gegangen. Der Tod, der in der ganzen Episode niemals zu einem Faktor hätte werden sollen, war nur infolge unglücklicher Zufälle eingetreten, und unser Bedauern und unser Schmerz darüber war nicht geringer als der Ihrige. Das können Sie versichert sein. Wir haben also so ziemlich alle drei den gleichen Teil von Verantwortung zu tragen. Sie können sich wahrhaftig nicht über uns beklagen. Seit jenem Tage haben Sie von uns nie mehr etwas gehört als bis zum heutigen Tage. Wenn ich mich mit Ihnen beschäftigt habe, so geschah dies auf ganz diskrete Art. Ich habe auch den Zeitungsberichten entnommen, daß Sie Herrn Melmström Ihren Anteil von sechsmalhunderttausend Mark zurückerstattet haben, worum ich Sie, offen und ehrlich gestanden, beneidet habe, da ich daraus sah, daß es Ihnen gut ging, und ich leider nicht in der Lage war, Ihr Beispiel nachzuahmen, weil meine Bedürfnisse jedenfalls kostspieliger waren als die Ihrigen.«

»Und wohl auch Ihre Gewissensbisse nicht so intensiv wie die meinigen,« warf Wesenthal bebend dazwischen, indes seine Augen feucht schimmerten.

»Ach, bitte, reden wir doch nicht von solchen Dingen! Das würde uns doch etwas zu weit führen. Es möchte Ihnen vielleicht gar gelingen, den Beweis zu führen, daß Sie besser wären als ich und Amadini. Wozu denn das? Wir hegen ja keine Zweifel darüber. Mit einem Wort, wir waren vollkommen im Laufenden über Ihr Leben, und weder Amadini noch mir ist auch nur im entferntesten eingefallen. Sie zu stören. Wir hätten Sie auch in Frieden das Zeitliche segnen lassen, ohne je wieder in Ihrem Gesichtskreis aufzutauchen, wenn nicht wichtige und schwerwiegende Ereignisse dazwischen getreten wären.«

Straußberg schlürfte in aller Gemütsruhe einige Züge aus dem Sektkelch, den er neben sich stehen hatte, indes Amadini die kurze Pause benützte, sich einen Kognak einzugießen und eine neue Zigarre anzustecken.

»Ich habe mir bereits erlaubt, Ihnen draußen in Ihrem entzückenden Heim mit einigen Worten anzudeuten, worum es sich handelt,« fuhr Straußberg fort, nachdem er sich mit einem Batisttaschentuch den kleinen, englisch gekürzten Schnurrbart betupft hatte. »Herr Melmström hat, nachdem er volljährig geworden war, also vor sieben Jahren, die Nachforschungen, uns drei wiederzufinden, von neuem aufgenommen. Wir aber hatten einen Vorteil über ihn: Er kannte uns nicht, wir aber kannten ihn. Dies hat uns ermöglicht, denen, die er zu seinen Nachforschungen verwendet, aus dem Wege zu gehen und sie auch öfters auf eine ganz falsche Fährte zu lenken. Er glaubte wiederholt, uns zu fangen; wir aber fingen ihn jedes Mal in seinem eigenen Netz?«

Während Wesenthal bleich, ohne Straußberg anzusehen, nur ab und zu sich die Stirne wischend, zuhörte, pflichtete Amadini mit einem verbindlichen Lächeln seinem Kompagnon bei, dem er seine sachliche Ruhe von Herzen neidete.

»Mehrere Jahre waren auf diese Art verstrichen, ohne daß uns Herr Melmström entdecken konnte, ohne daß er uns auch nur im entferntesten verdächtigte. Er wäre auch weiter in derselben Unkenntnis geblieben, wenn er sich nicht vor kurzem nach seiner Rückkehr aus Potsdam mit seinem Intimus Egon Kleinthal verbunden hätte. Sie kennen doch den Herrn, nicht wahr?«

Da Wesenthal immer noch schwieg, konnte Amadini nicht umhin, seinen früheren Komplizen heftig anzulassen:

»Geben Sie uns doch wenigstens gefälligst Antwort, wenn wir Sie fragen! Unser aller Leben steht auf dem Spiele!«

»Wenn es sich um nichts weiter handelte, als um unser Leben!« stöhnte Wesenthal mit einem verzweifelten Blick nach oben.

»Wenn Ihnen an Ihrem Leben nichts liegt, so haben aber wir immer noch die Schwäche, etwas an unserer Existenz zu hängen. Ich wiederhole demnach die Frage des Grafen, ob Sie Egon Kleinthal kennen?«

»Persönlich nicht. Aber ich kenne seine Familie.«

Darauf fuhr Straußberg in seiner Entwicklung weiter fort:

»Diesem Kleinthal also ist es gelungen, sich durch einen bösen Zufall in die Welt, in der wir leben, einzuschleichen; ich zweifle jedoch, daß er uns bereits entdeckt hat. Aber er ist klug und beobachtend – und wenn wir den geringsten Fehler begehen würden, so sind wir verloren, wir und Sie.«

»Und Straußberg glaubt nun das Mittel gefunden zu haben, uns dieses gefährlichen Beobachters zu entledigen!« sagte Amadini, dem es peinlich war, so ganz passiv sich verhalten zu müssen. Er legte seine Beine über einen Stuhl und ließ Straußberg seine Idee weiter entwickeln.

»Das Mittel, von dem Ihnen mein Freund sprach, besteht ganz einfach darin, Egon von Kleinthal zu bewegen, unsere Gesellschaftskreise nicht weiter zu besuchen – überhaupt dieses ganze Verfolgungssystem aufzugeben.«

»Und Sie haben dabei auf mich gerechnet?« fragte Wesenthal, der die Langsamkeit dieser Entwicklungen nicht länger ertrug und so rasch als möglich wissen wollte, was man von ihm verlangte.

»Jawohl, und zwar in der festen Ueberzeugung, daß Sie uns, Ihren ehemaligen – Bundesgenossen, kaum diesen Wunsch verweigern dürften.«

»Nicht, daß ich mich weigerte, es zu tun; nur kann ich das nicht leisten, was Sie von mir verlangen. Denn ich habe durchaus keinen Einfluß auf die Person, von der Sie sprechen.«

»Auf Kleinthal allerdings nicht, jedoch auf Rudolf Melmström, der doch die Seele des Unternehmens ist und seinem Vertrauten jeden Augenblick sagen kann, daß er sowohl auf seine weiteren Dienste als auch auf die Rachegedanken überhaupt Verzicht leisten wolle.«

»Das wird Melmström niemals tun.«

»Doch – würde er es tun, wenn nur Sie es wollten, Herr von Wesenthal.«

»Ich?«

»Ja, Sie. Nichts leichter für Sie, als Rudolf Melmström von seinen Racheplänen abzulenken und seinem Ideengang eine ganz andere Richtung zu geben. Melmström ist verliebt, außerordentlich verliebt sogar. Leugnen Sie es nicht, ich weiß es. Lassen Sie ihn ganz nach seinem Belieben dem Zuge seines Herzens folgen, und seine Liebe wird ihn die Rache vergessen lassen.«

Das, was Wesenthal von Anfang an gefürchtet hatte, stand nun als drohendes Gespenst vor ihm. Er wußte nun, was die beiden bezweckten und von ihm haben wollten. In seiner hilflosen Angst versuchte er zwar, den Harmlosen zu spielen, sich der törichten Hoffnung hingebend, daß sie doch nicht so gut orientiert wären, als sie sagten. Trotzdem er wußte, wie lächerlich seine Worte klingen mußten, sagte er:

»Verliebt? Ich wüßte wirklich nicht … in wen …«

Amadini lächelte kalt. »Sie wissen es nicht? Ich habe Ihren Scharfblick besser taxiert. – In Ihre Tochter.«

Dunkle Röte färbte Wesenthals Stirn. Bebend und halb erstickt, rief er ihnen zu: »Wagen Sie es nicht, von meinem Kind zu reden.«

»Und doch müssen wir darüber reden,« nahm Straußberg mit höflicher, aber fester Stimme das Gespräch wieder auf. »Ihre Tochter allein ist imstande, uns drei zu retten, indem sie die Gedanken des Herrn Melmström derart in Anspruch nimmt, daß sie sich nur mit ihr allein beschäftigen und keine Zeit finden, uns weiter zu verfolgen.«

»Ich, der ich mit aller Mühe diese beiden Herzen bis jetzt auseinandergehalten habe, sollte sie auf einmal wieder einander nähern? Und an die Gefahr, die darin liegt, denken Sie wohl nicht?«

»Was denn für eine Gefahr? Da es sich doch um eine Heirat handelt.«

»Darin besteht sie ja eben.«

»Aus Zartgefühl und aus Rücksicht für Sie habe ich diesen Punkt nicht früher berühren wollen; aber da schon einmal das Stichwort gefallen ist, gestatten Sie mir zu bemerken, daß diese Heirat, der Sie sich bis jetzt ununterbrochen widersetzt haben, auf alle Fälle stattfinden muß. Sie müssen Ihre Einwilligung geben!«

Bis hierher hatte sich Wesenthal geduldig alles gefallen lassen. Ohne Einwendungen zu erheben, war er der Aufforderung gefolgt, sie hier aufzusuchen – allerdings war ihm nichts anderes übrig geblieben –, schweigend hatte er die Belastung hingenommen, daß er auf eine Stufe mit dem gemeinen Mörder Amadini gestellt wurde. – Mit der festen Absicht war er hergekommen, sich auf alle Fälle zurückzuhalten und gute Miene zum bösen Spiel zu machen, bloß um Zeit zu gewinnen. Nun aber auf einmal bäumte sich in ihm der ganze Trotz auf gegen jene, die ihn zu dem gemacht hatten, was er war – die ihn nun von neuem erniedrigen und zu elenden, feigen Zwecken verwenden wollten. Der dumpfe Schmerz, den er jahrelang mit sich herumgetragen hatte, mußte sich einmal elementar Luft machen.

Ja, er war Verbrecher – er wußte es. Er gehörte zu den Verworfensten der Verworfenen dadurch, daß er damals sich dazu hergegeben hatte, den Einflüsterungen Straußbergs zu folgen. Noch sah er das Mädchen, das er über alles in der Welt – bis zum Verbrechen liebte; noch hörte er die kalten Worte des Vaters der Geliebten, daß er seine Tochter nie einem Manne geben würde, der nicht mindestens eine halbe Million Mark hatte. Und da war der Wahnsinn über ihn gekommen und hatte seine Seele umnachtet. Da kam der Plan Straußbergs – die kluge, raffinierte Darlegung dieser Bestie in Menschengestalt, daß eine so immens reiche Frau, wie Frau Melmström, den Verlust von zwei Millionen kaum fühlen würde; zwei Mark zu stehlen – wie gemein! Millionen zu stehlen aber – genial! Damals war er jung, leicht zu überreden – die Verzweiflung, die an Wahnsinn grenzende Liebe zu jenem Mädchen, das später seine Frau wurde, hatten ihn dazu getrieben, die Tat zu begehen, und auch nur zu begehen, da dieser Satan, dieser Straußberg – die Tat beinahe als eine sozialistisch berechtigte hingestellt hatte. Nicht den Mord. Von dem war nie die Rede gewesen; denn ehe er in diesen eingewilligt hätte, würde er sich lieber das Leben genommen haben.

Aber die Frau hatte um Hilfe gerufen. Und auch das Kind. Amadini erdrosselte die Frau – er aber, nur imstande, den einen von den beiden zu retten – rettete das Kind. Noch sah er sich, wie er sich auf Amadini stürzte, den Gräßlichen von seinem Opfer loszureißen. Es war zu spät – die Frau war tot. – Und anstatt hinzugehen, sich und Amadini den Gerichten anzugeben, war er so feig, zu leben, das Geld zu nehmen und die Geliebte zu heiraten. Nach einem Jahre war sie tot. Das Kind aber lebte; und seinetwegen mußte er nun leben und leiden – leiden, wie kein Mensch je gelitten. Das Blutgeld hatte er zurückgesandt – aus Eigenem, als braver Mensch – und doch als Verbrecher – hatte er sich emporgerungen, täglich, stündlich, vor der Stunde der Wiedervergeltung zitternd.

Verbrecher war er gewesen. Aber Mörder nicht. Und diese nannten ihn Mörder. Er hatte es schweigend hingenommen. Aber nun, da sie ihn zu neuem Verbrechen anstiften wollten, – nun fand er sich wieder. Wie umgewandelt – ein ganz anderer Mensch – schleuderte er einen Stuhl zurück und ging drohend auf die beiden los, die erbleichend einige Schritte zurückwichen. Und mit einer Stimme, die er selber nicht an sich kannte, donnerte er sie an:

»Also, das ist es, was ihr herausgefunden habt! Um euch zu retten, soll ich mein Kind euch opfern? Solches wagt ihr, einem Vater anzubieten! Und was wollt ihr denn tun, wenn ich mich nicht dazu hergebe? Ihr werdet mich denunzieren, nicht wahr? Ihr werdet an Melmström einen Brief schreiben oder schreiben lassen – anonym natürlich – in dem ihr ihm mitteilt, weshalb ich ihm die Hand meiner Tochter verweigere. Nun denn, Graf von Straußberg – reden Sie doch – reden Sie doch. Sie Mann des klugen Wortes und der gewählten Ausdrücke, – Sie Schurke Sie, der heute noch genau derselbe ist wie seinerzeit! Reden Sie doch! Was für eine Gefahr sollte ich laufen, wenn ich nicht nach Ihrem Willen tue?«

»Wenn Sie uns als Feind gegenüberstehen,« erwiderte Straußberg, der doch ziemlich bleich geworden war, »werden wir kaum so naiv sein, Ihnen unsere Pläne mitzuteilen und unsere Karten aufzudecken. Ich kann Ihnen nur den sehr ernst gemeinten Rat erteilen, sich unserem Willen nicht zu widersetzen, sondern sich mit uns zu gemeinsamer Sache und gemeinsamem Heile zu verbinden.«

»Ihr Heil kümmert mich sehr wenig. Ich erkenne eine Solidarität mit euch nicht an. Ich war euer Mitschuldiger! Zugegeben! Ob ich so schuldig war wie ihr? Auch das lasse ich dahingestellt. Ich streite nicht darüber. Das ist eine Sache zwischen mir und meinem Gewissen. Aber seit jener unseligen Tat habe ich mich von Tag zu Tag emporgerungen, indes ihr von Tag zu Tag immer tiefer gesunken seid. Das ist es, was uns trennt. Und ich danke euch, daß ihr so tief gesunken seid und daß ihr mir so schamlos euren Zynismus enthüllt habt! Er hat mich heute erkennen lassen, welcher Abgrund uns voneinander trennt. Eure Existenz, die ihr seit zwanzig Jahren führt, macht euch zu nur noch größeren Verbrechern, als ihr es jemals gewesen seid. Die meinige aber wäscht mich zum Teil von jener Tat rein.«

»Nun, dann ist ja alles in Ordnung,« sagte Amadini höhnend, die Hände in die Hosentaschen steckend und nach der Wand zu retirierend. »Sie sind mit sich zufrieden. Das ist jedenfalls die Hauptsache. Aber das alles ist keine Antwort. Ja oder nein? Geben Sie Ihre Zustimmung zu dieser Heirat? Ja oder nein?«

Wesenthal stützte sich mit den Armen auf den Tisch, beugte seinen Oberkörper vor und antwortete ihnen, sein von Empörung entstelltes Gesicht dicht unter das seiner Gegner haltend:

»Ich werde nicht antworten. Jedenfalls sage ich euch das eine, daß diese Heirat, falls sie je aus noch nicht ersichtlichen Gründen zustande käme, euch von keinem Nutzen sein soll. Melmström wird und soll seine Pläne und Absichten jetzt erst recht nicht aufgeben. Und ich werde nichts tun, ihn darin aufzuhalten. Täte ich's, hieße das ebensoviel, als wenn ich neuerdings euer Mitschuldiger würde.«

»Dann werden wir eben alle drei zugrunde gehen,« erwiderte Amadini mit heiserem Lachen.

»Eine Anzeige unsererseits brauchen Sie nicht zu befürchten,« fuhr Straußberg in seinem süßlich höflichen Tone weiter fort. »Aber falls Herr Melmström uns entdecken sollte, dann würden wir uns natürlich genötigt sehen, Sie als Zeugen der Tat, wie sie sich damals zugetragen hat, anzugeben.«

»Und ich sage euch, daß ich, sobald ich erfahre, daß Melmström eure Spur entdeckt hat, nicht erst warten werde, bis ihr mich zum Zeugen anruft, – sondern, daß ich – ich selbst – das schwöre ich beim Leben meines Kindes – zuschlagen werde, ehe Melmström nur den Arm erhoben hat. Habt ihr mich bisher nicht aus den Augen verloren, werde ich euch fortan im Auge behalten. Entgeht ihr Melmström, so sollt ihr doch mir nicht entgehen. Wenn es schon sein muß und ich zugrunde gehen soll, dann sollt ihr es durch meine Hand.«

»Das ist ja Wahnsinn!« rief Straußberg halb unterdrückt. »Um Gotteswillen, man kann Sie ja hören!«

»Was liegt mir daran? Heute oder später! Wenn man der Gnade von Bestien, wie ihr seid, anheimgegeben ist, da hat man keine Hoffnung mehr. Ich aber werde mich dann wenigstens an einen Menschen gerächt haben, der vor vielen Jahren in diesem Kabinett in meinem fiebernden, halbwahnsinnigen Hirn die ersten Keime zu einem Verbrechen hat entstehen lassen! Ich werde mich an jenen gerächt haben, die mich gegen meinen Willen und trotz meines Sträubens zu jenem Verbrechen gezwungen haben, die mich zum Mitschuldigen eines Mordes gemacht haben, als ich nur glaubte, einen Diebstahl zu begehen – und die heute, ohne Rücksicht auf meine Reue, auf meine Gewissensbisse, auf mein Leben voll Arbeit und Ehrenhaftigkeit – die ohne Mitleid für mein Kind, dem mein ganzes Leben geweiht war, das mich liebt und achtet – plötzlich vor mich hintreten und mir drohen, mich zu verraten! So! Wir wären zu Ende! Ich verbiete Ihnen, auch nur den geringsten Versuch zu machen, mich wiederzusehen oder mir zu schreiben. Wenn ich euch je wiedersehen sollte, wird es nur sein, um mich und Melmström an euch zu rächen.«

Und ehe noch Straußberg oder Amadini zur Besinnung kamen, hatte sich Wesenthal entfernt.

Einen Augenblick blieben sie bleich und regungslos, an der Unterlippe nagend, den Blick starr auf die Tür geheftet, als müßte Wesenthal wieder erscheinen. Allmählich aber legte sich das lähmende Entsetzen, das sie bei den letzten Worten Wesenthals ergriffen hatte. Amadini war der erste, der wieder zu sich kam.

»Na, was sagen Sie dazu?«

Die Stimme und die Worte Amadinis riefen den Grafen wieder in die Wirklichkeit zurück. Man merkte ihm seinen Schrecken kaum mehr an. Mit gewohnter Ruhe – sich eine Zigarette rollend – sagte er:

»Ich glaube doch, daß die Heirat zustande kommen wird. Und das ist doch das Wesentliche. Jedenfalls haben wir doch etwas erreicht. Ich dachte, der Kampf würde heißer werden, und wir würden den Sieg schwer erlangen.«

»Sieg? Sie träumen wohl, mein Lieber? Ich wüßte wahrhaftig nicht, was Wesenthal versprochen hätte, daß wir schon an einen Sieg glauben dürften.«

»Allerdings hat er nichts Positives versprochen. Jedenfalls hat er schon von der Möglichkeit einer Heirat gesprochen. Und das erscheint mir mehr, als ich erwartet habe. Sie haben gehört, wie er gesagt hat: »Falls diese Heirat aus noch nicht ersichtlichen Gründen zustande käme.« Es war also kein apodiktisches Nein. Welche Motive ihn leiten, die Heirat zustande kommen zu lassen, bleibt sich ja für uns ganz gleich. Daß er etwas heftig wurde, ist schließlich ganz erklärlich. Und auch, daß er nicht gleich Ja und Amen gesagt hat. Alles, was er sagte, hatte so ziemlich seine Richtigkeit. Wenn er sich mit uns vergleicht und sich für besser hält als wir, so hat er recht. Auch daran hat er recht, wenn er nicht zugeben will, daß er an dem Morde teilgenommen hat. Wir hatten ja auch garkeinen Mord beabsichtigt. Sie waren damals etwas zu lebhaft. Kurz und gut, er erklärt sich nur an der Tatsache des Raubes schuldig; denn er hat ja die gestohlene Summe seinem Eigentümer wieder zurückerstattet.«

»Man möchte wirklich glauben,« bemerkte Amadini nervös, »daß Sie die Absicht haben, ihn reinzuwaschen und die Schuld auf mich allein abzuwälzen?«

»Ich lasse bloß jedem seine Gerechtigkeit widerfahren und rede offen.«

»Ihre Offenheit sieht einem Rückzüge frappant ähnlich. Sollten Sie sich vielleicht vor den Drohungen dieses Menschen fürchten?«

»Vielleicht, wenn wir es an Vorsicht fehlen lassen. Ich dachte eben darüber nach, ehe Sie mich unterbrachen. Wesenthal war sehr aufgebracht. Das war vorauszusehen! Die Reaktion nach so vielen Jahren stummen Sichfügens mußte notwendigerweise eintreten. Aber jede weitere Minute wird diese Erregung abschwächen, bis er schließlich nicht begreift, wie er sich zu einer solchen Heftigkeit hatte hinreißen lassen können. Wenn man lange geknechtet war, so bedeutet das Sichaufrichten nichts anderes als eine momentane Anwandlung. Vorhin dachte er eben nur an sich, an seine Gewissensbisse und Selbstbuße, sich in den illusorischen Wunsch hineinredend, sich an uns zu rächen. Bald aber wird er wieder an seine Tochter denken – und die Furcht wird ihn aufs neue packen.«

»Und gerade deshalb wird er nie in eine Heirat einwilligen.«

Der Graf lächelte: »Das verstehen Sie nicht. Sie sind ein leidlich guter Frauenkenner; von Männern, insbesondere Vätern, verstehen Sie nicht die Bohne. Wesenthal muß sich schon seit langer Zeit gesagt haben, daß diese Heirat heute oder morgen doch stattfinden wird. Seine Tochter wird allmählich an dieser Liebe hinwelken, ohne sie je zu überwinden – Wesenthal wird sich sagen, daß es mit der Zeit doch gefährlich werden könnte, seine Grausamkeit und seinen Eigensinn bis auf den Punkt auszudehnen. Man könnte doch schließlich Verdacht schöpfen, wenn er Anträge eines Melmström beharrlich abschlägig bescheidet.«

»Mag sein,« warf Amadini nachdenklich ein, da ihm das von Graf Gesagte ziemlich plausibel erschien.

»Außerdem hat unsere Drohung, so formvollendet sie auch ausgedrückt war, doch auf ihn Eindruck gemacht,« fuhr Straußberg fort. »Denn heiratet Melmström die Tochter Wesenthals nicht, so ist doch immer die Möglichkeit vorhanden, daß uns Melmström bei seinem weiteren Spürsystem doch findet, und daß wir dann Wesenthals Namen nennen – darüber wird er sich wohl keinen Illusionen hingeben. Sollte Käthe aber den Melmström doch heiraten und würde Wesenthal seinen Einfluß als Schwiegervater nicht in unserem Interesse verwenden, würden wir ihn eben erbarmungslos seinem Schwiegersöhne ausliefern. In diesem zweiten Falle ist für uns die Gefahr eine weit geringere, da wir Wesenthal erst denunzieren würden, nachdem wir uns in Sicherheit gebracht haben. Er sitzt demnach in einer Zwickmühle, aus der er am leichtesten herauskommt, wenn er in die Heirat einwilligt – schon um der Ruhe und des Friedens seiner Tochter willen?

»Ja, ja, schon möglich. Aber – wenn Melmström die Wesenthal heiratet und trotzdem, wie Wesenthal behauptet, von seinen Nachforschungen nicht ablassen wird.«

Der Graf lächelte skeptisch. »Und das glauben Sie? Gerade wir haben an Wesenthal einen Beweis, daß Liebe bis zum Verbrechen treiben kann. Da sollte die Liebe nicht imstande sein, auch ein solches – oder einen Racheplan – zu verhüten? Vielleicht glaubt Wesenthal, was er sagt. Ich aber glaube es nicht. In den Armen seiner angebeteten jungen Frau wird er schon ruhiger werden. Momentan, da er sie nicht hat, bleibt ihm ja mangels jeder Beschäftigung nichts anderes übrig, als sich mit uns abzugeben.«

»Wenn sie sich aber dann als seine Frau an seinen Nachforschungen beteiligt?«

Der Graf stutzte einen Augenblick. Dieser Einwurf hatte ihn verblüfft.

»Der Gedanke ist mir bis jetzt allerdings noch nicht gekommen. Frauen lieben es, Intrigen zu flechten und zu lösen und Geheimnisse zu durchdringen. Es ist nicht unmöglich, daß sie die Neigungen ihres Gatten auch in dieser Hinsicht teilen würde. Aber ich rechne dann auf die Klugheit des Vaters. Es ist wohl kaum anzunehmen, daß er seine Tochter gegen uns arbeiten ließe. Ganz abgesehen, daß sie bei einer Entdeckung unsererseits ihre Stellung in der großen Welt als die Tochter eines Mörders verlieren würde, müßte und würde er doch auch sein Kind verlieren, das ihn wie einen Gott verehrt und ihn für den edelsten und vortrefflichsten Menschen der Welt hält. Lassen Sie ihn sich heute nur ruhig austoben und uns drohen, soviel er Lust hat. Sobald die Heirat geschlossen ist, wird er uns wohl zu beschützen und auch zu bereichern wissen?

»Also Sie meinen …«

»Daß wir das Geld von ihm erhalten werden? Und ob! Beruhigen Sie sich. Das kommt dann ganz von selbst. Gerade, weil er dann in verwandtschaftlichen Beziehungen zu Melmström steht, wird er sich nicht entlarven lassen wollen und alles tun, um das zu verhindern. Glauben Sie ja nicht, daß ich etwa um die Sorge für unser Leben die Vermögenslage vergessen habe. – Wieviel ist die Uhr jetzt?«

»Bald Mitternacht.«

»Donnerwetter! Das Jeu wird schon im besten Gange sein. Ich werde einen Sprung nach dem Klub machen. Ein paar hundert Mark werden sich immer schon noch für mich dort finden, trotz der Niederlage, die ich gestern erlitten habe. Gehen Sie nach Hause?«

»Leider. Anastasia erwartet mich.«

»In der Spandauer Straße?«

»Nein, bei mir in der Bendlerstraße. Sie behauptet, sie schliefe ruhiger im Tiergartenviertel.«

Amadini seufzte tief auf.

»Ach, Graf! Was ist das für ein Leben! Wenn Sie mich von dieser Kette befreien könnten!«

»Ja – wenn! Aber wie?«

»Mir egal. Bei der Wahl der Mittel in diesem Falle wäre ich nicht engherzig; mögen sie sein, wie sie wollen, ich würde sie mit Freuden begrüßen.«

»Ja, mein Lieber, in der Sache kann ich nichts tun. Sie wissen, daß es schon viel ist, wenn ich mal von ihr die Erlaubnis erhalte, wie heute abend, Ihnen etwas Freiheit für unsere geschäftlichen Angelegenheiten und sonstigen Rendezvous zu erwirken. Das ist aber auch alles. Wehe aber, wenn Sie die Kette etwas straffer ziehen und versuchen wollten, etwas flotter zu leben oder sich bloß den Anschein eines flotten Lebemannes zu geben. Anastasia würde Zetermordio schreien, daß die ganze Stadt zusammenliefe. Und wenn Sie sie gar verraten oder sitzen lassen würden, dann wäre es um Sie geschehen, lieber Freund. Ich muß Ihnen offen gestehen, daß mich Ihre Widersetzlichkeit gegen Anastasia oft mehr erschreckt als alle Drohungen Wesenthals. Um Gottes willen, vergessen Sie nicht, daß wir alle verloren sind in dem Augenblick, wo Sie die Kugel Ihrer Kette über Bord werfen.«

»Wenn sie uns ins Verderben bringt, stürzt sie sich doch selbst mit ins Unglück.«

»Warum denn? Weshalb denn? Wenn ich auch öfters versuche, ihr klarzumachen, daß sie sich allmählich zur Mitschuldigen der verjährten Tat gemacht hat, ist sie doch viel zu schlau, mir das zu glauben. Was hat sie denn getan, was man ihr so schwer zur Last legen könnte. Die Polizei hatte ihr den Auftrag erteilt, uns aufzusuchen. Gut; sie hat Sie entdeckt und sagte nichts. Wer könnte ihr denn beweisen, daß sie Ihre Katzenaugen – die Glühwürmchen – gesehen hat? Zum Schluß heiratet sie Sie. Nichts beweist, daß ihr miteinander das Geld von Frau Melmström verzehrt habt – nichts beweist, daß sie von dem Gelde überhaupt etwas weiß. Selbst in dem Falle, daß Sie verhaftet würden, könnte sie antworten: ›Ich habe ihn geliebt und ich habe ihn für unschuldig gehalten!‹ Armer Engel! Sie wäre imstande, selbst den Richtern Tränen der Rührung zu erpressen.«

»Schön! Aber alle die Unternehmungen, die wir seit unserer Ehe in Szene gesetzt haben, und durch die wir unsere Kasse bereicherten?«

»Lieber Freund, erst müssen wir entdeckt werden! Und schließlich, was haben wir denn getan? Die kleinen Erpressungen. Was steht denn darauf; höchstens ein paar Jahre Zuchthaus. Sie ist nicht die Frau, davor zu zittern. Und trotz meiner schönen Phrasen schläft sie an der Seite ihres Gatten den Schlaf des Gerechten.«

»Reden Sie mit ihr nicht manchmal von Melmström?«

»Natürlich. Das rührt sie aber nicht weiter. Warum sollte sie sich meinetwegen beunruhigen? Er beschäftigt sich doch nur mit dem Verbrechen von damals; nicht aber mit dem, was später geschehen ist. Sollte er sie etwa in seine Rache mit einschließen und dafür bestrafen, weil sie Ihnen anhänglich war? Das würde er kaum tun. Und die Leute, die ihn reinwaschen würden, daß er uns getötet hat, würden es ihm kaum vergeben, wenn er gegen Ihre Frau etwas Gewalttätiges unternähme. Ich wiederhole es Ihnen, mein lieber Amadini, daß Anastasia von keiner Seite etwas zu befürchten hat, wie wir aber alles von ihr zu befürchten haben. In einem Augenblick des Zornes und der Verzweiflung ist sie fähig, zwanzig Jahre eines diskreten Stillschweigens vollkommen zu vergessen und einem Melmström alles aufzutischen. An diese Gefahr denke ich öfter als Sie glauben. Wenn ich mit Ihnen darüber spreche, geschieht es, um Sie nicht unnötig zu erschrecken. Sie sind ohnedies derjenige, der bei der geringsten Kleinigkeit zu Tode erschrickt. Aber, da Sie mir von Ihrer Sehnsucht, sich von Anastasia zu trennen und von Ihrer exorbitanten Leidenschaft für Judith erzählen, fange ich an, mich zu fürchten und sehe mich deshalb genötigt. Ihnen reinen Wein einzuschenken. – Also ergeben Sie sich in Ihr Schicksal. So viele Menschen bleiben ihr ganzes Leben lang an Frauen gefesselt, die – dem Gewicht nach – der Ihrigen nicht gleichkommen und die ihnen nicht das Leben gerettet haben. Denn das hat sie doch schließlich getan. Wenn sie an jenem Tage, da sie Sie entdeckt hatte, Sie ausgeliefert hätte, würden Sie vermutlich drei Monate später, nachdem der Beweis erbracht worden wäre, daß Sie mit Ihren schönen Händen Frau Melmström erdrosselt haben, in aller Gemütsruhe hingerichtet worden sein. Also – – entre nous – – sind Sie ihr immer noch ein klein wenig Dank schuldig, daß sie Ihnen diese kleine – – Unannehmlichkeit erspart hat.« –

Der Graf klingelte und beglich die Rechnung, worauf sie beide das Restaurant verließen. Es war noch ziemlich kalt, und die Herren stellten ihre Pelzkragen hoch. In der Charlottenstraße sagte Straußberg, als er sich eben von Amadini trennen wollte:

»Ich will Sie doch lieber erst nach Hause begleiten, damit Sie nicht auf den Gedanken kommen, bei der angenehmen Aussicht, mit Ihrer Frau zusammenzukommen –, durchzubrennen und Ihre Nacht in anderer Gesellschaft um die Ohren zu schlagen.«

»Beruhigen Sie sich,« erwiderte Amadini. »Ich weiß, daß jede Flucht unmöglich ist. Sie haben mir jetzt nur zu deutlich die Gefahr gezeigt.«

Sie gingen langsam die Charlottenstraße hinunter und bogen dann in die Leipziger Straße ein. Als sie an der ›Traube‹ vorübergingen, warf Amadini einen Blick durch die zarten Vorhänge des Weinrestaurants. Mit einem Male blieb er stehen und starrte durch die Scheiben.

»Was haben Sie denn?« fragte sein Begleiter. »Haben Sie jemand bemerkt?«

»Sie ist da … dort an jenem Tisch …«

»Wer, sie?«

»Sehen Sie nur.«

Der Graf näherte sich der Scheibe und blickte durch den Spalt der Vorhänge in das Lokal.

»Sieh da! Judith! Ich hätte es an dem erregten Ton Ihrer Stimme erkennen können! Mit wem sitzt sie denn da? Nanu! Das ist ja der Kleine, Anastasias Günstling.«

»Jawohl, Egon Kleinthal. Er geht ihr nicht mehr von den Fersen!« zischte Amadini durch die zusammengekniffenen Zähne.

»Das ist doch ganz natürlich,« beruhigte ihn Straußberg. »Entweder hält sie der Kleinthal trotz der Geschichte mit den Diamanten immer noch für eine anständige und begehrenswerte Frau, oder er hofft immer noch, etwas von ihr herauszubekommen, weshalb er sich nur noch fester an sie schließt. Seien Sie vernünftig, Mensch, und kommen Sie! Es ist nicht gut für Sie, hier draußen zu stehen.«

»Nein, nein, lassen Sie mich nur noch einen Augenblick. Gott, ist das Weib schön! Sie ist mir noch nie so schön vorgekommen wie heute.«

»Das sagen Sie jedes Mal, wenn Sie sie sehen. Kommen Sie!«

Amadini jedoch hörte ihn nicht. An der Scheibe klebend, blickte er begehrlich auf Judith von Rastori, die – wohl nicht ahnend, daß sie von außen beobachtet wurde – mit Egon an einem der Marmortischchen sah und gerade an einem Glas Sekt nippte. Ihr prachtvoller Hut – nach einem Pariser Modell – der ihr wundervolles, dichtes Haar außerordentlich gut zur Geltung brachte, gab ihrem feinen Köpfchen nur noch mehr Ausdruck und Reiz. Ihre ganze Erscheinung hatte so etwas Weiches und Hingebendes, daß Amadini kaum mehr Herr seiner Sinne war.

Straußberg berührte seinen Arm.

»Haben Sie sie nun lange genug betrachtet?« fragte er endlich ungeduldig.

»Nein, und ich will sie mir noch näher betrachten,« erwiderte Amadini.

»Sie wollen sie am Ende gar ansprechen?«

»Warum nicht? Die ›Traube‹ ist ein öffentliches Lokal, in das sich jeder Mensch hineinsetzen kann. Der Tisch neben ihnen ist gerade frei. Warum soll ich nicht hineingehen?«

»Anastasia wartet.«

»Dann soll sie warten.«

»Mensch, bedenken Sie doch, was Sie sich selbst für einen Auftritt bereiten werden!«

»Um so schlimmer für mich. Adieu, lieber Freund!«

»Auf Wiedersehen, alter Narr!«

Ohne diese schmeichelhafte Benennung zu hören, trat Amadini bereits in das Lokal, dessen Türe ihm der Portier mit höflichem Gruß öffnete.

»Der Esel mit seiner Leidenschaft ist imstande, noch irgendeine Dummheit zu begehen!« brummte der Graf, nahm sich eine Droschke und fuhr direkt in den Klub, in dem sich schon mehrere Spiele etabliert hatten.

Bei seinem Eintritt in den Spielsaal verschwanden wie durch einen Zauberschlag alle seine Sorgen, seine Befürchtungen und Beunruhigungen. Er trat direkt an den Kassierer heran und fragte, wieviel er der Kasse schuldete.

»Achttausend Mark,« erhielt er zur Antwort.

»Fügen Sie noch tausend hinzu,« sagte Straußberg, den ihm vorgewiesenen Bon dem Kassierer zurückgebend. »Ich werde heute die Sache kaum regeln können, aber morgen.«

Der Kassierer wagte nicht, ihm den Kredit dieser tausend Mark zu verweigern. Hatte er ihn doch schon seit langen Jahren so viel verlieren, so viel gewinnen und zahlen sehen! Er war allgemein als ausgezeichneter Spieler bekannt und man sagte sich unwillkürlich, daß er, wenn er Glück hatte, in fünf Minuten das Doppelte gewinnen und der Kasse mit einem Male die Schuld zurückerstatten konnte.

Durch zwei Stunden waren diese Vermutungen auch nicht getäuscht worden: Straußberg, der nicht genug Geld hatte, um mit so hohen Summen wie gewöhnlich zu pointieren, setzte sorgfältig und behutsam eine kleine Summe nach der anderen, allmählich mit dem Gewinnst wieder etwas kühner werdend, so daß er nach kurzer Zeit eine ganz ansehnliche Summe gewonnen hatte. Ein Raubzug eines Mitspielers jedoch nahm ihm mit einem Male seinen ganzen Gewinnst wieder weg, so daß er um fünf Uhr in der Frühe genau so auf dem Trockenen war wie vorher.

Eine neue Anleihe, die er beim Kassierer versuchte, hatte keinen Erfolg. Die Kasse, die sich in ihren Erwartungen getäuscht sah, zeigte sich diesmal unerbittlich.

Woher Geld nehmen? In der Kasse war – infolge seiner letzten öfteren Anleihen und ungeheuerlichen Verluste in letzter Zeit und auch infolge der an Laura Pernel ausgefolgten Summe kein Pfennig mehr. Und er mußte Geld haben! Sein Spielteufel verlangte es. Hätte er das an die Pernel gezahlte Geld jetzt zur Verfügung gehabt, so hätte ihm die gewesene Verkäuferin drohen können so viel sie wollte, sie hätte doch keinen Pfennig bekommen. Auch die Diamantengarnitur, die bei Amadini in der Kasse eingeschlossen war – wenn er sie augenblicklich in Händen gehabt hätte – würde er ohne weiteres um den vierten Teil ihres Wertes hingegeben haben. In seiner Leidenschaft war dieser sonst so kalt überlegende und weitsichtige, fast logisch-pedantische Mensch nicht wiederzuerkennen und ganz gut imstande, während er sonst den anderen immer die besten Lehren zu erteilen wußte, sie alle drei mit einem Schlage ins Verderben zu stürzen.


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