Autorenseite

 << zurück weiter >> 

5. Kapitel.

Auf einen Wink des Grafen war Anastasia ihrem Schützling in das anstoßende Zimmer gefolgt; nachdem sie daselbst einige Minuten verweilt hatte, trat sie wieder in den Salon zurück.

»Der Paradiesvogel ist in seinem Käfig, das heißt, in seinem Bettchen,« grinste das widerliche Weib. »Ich hatte Angst, sie könnte auf den Einfall kommen, auf einem kleinen Umweg nach dem anstoßenden Kabinett zu gehen und von dort unser Gespräch zu belauschen. Zur Vorsicht habe ich hinter ihr das Zimmer abgesperrt.«

»Um so besser,« erwiderte der Graf, »denn wir haben ernsthaft miteinander zu reden. Ich möchte doch wieder einmal, selbst auf die Gefahr hin, von euch wieder als weitläufig und weitschweifig gescholten zu werden, ganz genau und präzise unsere Situation klarlegen, einer dem anderen gegenüber, wie ich eben Judiths Lage uns gegenüber klargestellt habe.«

»Wozu?« fragte Amadini. »Wir kennen sie ja.«

Anastasia, die gern sich selbst reden hörte und das längere Reden eines Dritten nicht vertrug, unterbrach ihn etwas nervös:

»Das ist alles recht gut und schön, lieber Graf; aber Sie wollten uns doch, wie mir scheint, von etwas anderem reden. Sie wollten …«

»Ich wollte,« unterbrach er sie, »unsere Existenz seit dem Anfang unserer Bekanntschaft etwas rekapitulieren, um ja kein Moment der Vergessenheit anheimzugeben, das für uns von Wichtigkeit sein könnte. Ich will sofort mit jenen Tagen beginnen, die auf den Tod der Frau Melmström folgten.«

»Weshalb von jener Zeit sprechen?« fragte Frau von Keßler-Arolstein etwas geniert.

»Um von Ihnen zu reden, meine Liebe,« erwiderte der Graf. »Es ist dies ein sehr lehrreiches Konversationsthema. Sie waren damals in der Lindenstraße Fächerverkäuferin, und in einem Hinterzimmer empfingen Sie ab und zu mehrere Freunde, um denselben ihre Zukunft aus den Karten vorherzusagen. Amadini gehörte zu ihnen. Eine Ihrer Verkäuferinnen schwatzte die Sache aus, und eines schönen Tages beehrte Sie der Chef der Sicherheitspolizei mit seinem Besuch, entdeckte Ihr geheimnisvolles Hinterzimmer, zu dessen Existenz Sie keine Konzession hatten, und ließ Sie verstehen, daß er darüber ein Auge zudrücken würde, jedoch unter der Bedingung, daß Sie Nachforschungen nach unserem lieben Amadini anstellen würden, dem Sie unvorsichtigerweise den Beinamen gegeben hatten: »Der Herr mit den Katzenaugen.«

»Du lieber Gott, das liegt ja alles so weit zurück,« seufzte Anastasia.

»Gerade Sie sollten mir danken, daß ich Sie an Ihre Jugend erinnere. – – Nach einigen Tagen des Nachforschens begegneten Sie unserem Freunde Unter den Linden, er fuhr in einer eleganten Equipage. Sie fuhren damals gleichfalls in einer Droschke die Linden entlang, als Sie mit einem Male unserem lieben Freunde Amadini begegneten, ohne daß er seine – – Dalila bemerkte. Sie gaben Ihrem Kutscher sofort den Auftrag, zu wenden und jenem Wagen zu folgen, den Sie ihm bezeichneten. Er gehorchte. Amadini kehrte ahnungslos in seine Wohnung zurück. Seitdem wußten Sie seine Adresse und seinen wirklichen Namen, den er Ihnen bisher verheimlicht hatte, worauf Sie mit sich zu Rate gingen, was Sie anfangen und ob Sie Amadinis Adresse denen angeben sollten, die den Mann mit den Katzenaugen suchten.«

»Ich war absolut nicht in Verlegenheit darüber,« unterbrach ihn Anastasia lebhaft. »Ernst gefiel mir, ich fand ihn originell, – der Blick, der anderen Grauen einflößte, gefiel mir außerordentlich, so daß ich sofort entschlossen war, Ernst zu heiraten.«

»Und das war auch sehr klug von Ihnen, meine Liebe, denn er wäre sicher in eine etwas peinliche Situation geraten, wenn Sie gesprochen hätten. Sie haben sich gesagt: »Mein Freund ist vielleicht irgendwie in die Sache verwickelt.« Und Sie hatten sehr recht. Durch eine kolossale Geschicklichkeit gelang es Ihnen, indem Sie ihm von Ihrer Mission erzählten und ihm Ihre Diskretion nur gegen ein volles Geständnis zusicherten, daß er Ihnen alles gestand.«

»Nun, und habe ich dieses Geheimnis vielleicht nicht zu bewahren gewußt?« fragte Frau von Keßler-Arolstein.

»Jawohl.« vollkommen – und Sie haben auch davon ganz schön profitiert.«

»Wieso?«

»Ach Gott, in jeder Hinsicht. Amadini wurde nicht nur Ihr Gatte, sondern auch Ihr Sklave. Seit zwanzig Jahren halten Sie ihn an eisernen Ketten fest. Dieser Schürzenjäger von damals, der von Blüte zu Blüte flatterte, hält sich heute nur mehr an eine Blume.«

»Nun, was? Haben Sie vielleicht die Absicht, mich zu beleidigen?«

»Aber ganz und gar nicht. Und es könnte nur eines Tages Ihrem Sklaven einfallen, zu revoltieren, wonach dann unser schöner, friedlicher Klub unangenehm zerrissen würde.«

»Es scheint Ihnen also doch viel an diesem Klub zu liegen?«

»Gewiß. Und auch Ihnen, die durch ihn aus einer einfachen Fächerverkäuferin zu einer Frau von Keßler-Arolstein wurde, einer Frau, die ein großes Haus führt, die prunkvolle Toiletten trägt, deren spiritistischer Salon außerordentlich besucht ist und die sich keine Laune mehr zu versagen braucht. Die Erpressung hat ihre guten Seiten; sie ist produktiv. Nun ist die Frage: »Werden wir auf diese Art und Weise reüssieren? Hat diese Vereinigung auf Grund ihrer Erpressungsstatuten Zukunft? Wirft sie uns augenblicklich auch gute Dividenden ab? Was versteht man eigentlich unter Erpressung? Eine Handlung, die darin besteht, von einer gewissen Person Geld oder gewisse positive Dienste zu erlangen, indem man sie bedroht, eine Skandalaffäre, in die der zu Erpressende verwickelt war oder ist, an die Öffentlichkeit zu ziehen. Allerdings ist die Sache strafbar, nach dem Gesetz, jedoch entgeht sie in den meisten Fällen der Justiz.«

»Das ist also strafbar?« fragte mit verblüffender Naivität Anastasia. »Ach Gott, ach Gott!«

Der Graf schien diesen Einwurf nicht zu beachten, sondern fuhr weiter fort:

»Unser Klub hat es sich zur Aufgabe gestellt, die, die sich fälschlich mit fleckenloser Ehre und Tugend brüsten, aufzustöbern. Eine delikate, schwierige und auch oft gefahrvolle Mission. Wir haben bisher fast nur Erfolge zu verzeichnen gehabt. Die beste Kundschaft geben die Frauen ab. Wir hatten bereits eine ganz stattliche Anzahl kleinbekommen.«

»Aber nicht aus allen Verbrechen sind Vorteile zu ziehen. Wenn der fragliche Mensch ein kräftiger und entschlossener Kerl ist, riskiert man eventuell seine eigene Haut, wenn nicht gar das Leben. Was kommt denn darauf an, noch einen mehr ins Jenseits zu befördern, wenn der ihm im Wege steht?«

»Das riskiert man freilich; man muß ihm deshalb auch einen kräftigen, robusten Kerl gegenüberstellen,« erwiderte der Graf.

»Der fehlt uns aber augenblicklich,« bemerkte Anastasia; »bisher haben wir immer nur allein operiert. Und sowohl Sie wie mein Mann – seid beide von schwacher Konstitution.«

»Wir dürfen eben fortan nicht mehr allein operieren. Man könnte sich einmal recht ordentlich die Finger verbrennen. Für die neuen Operationen, die ich im Sinne habe, taugen wir nicht. Bei mir ist bloß noch der Kopf das einzig Solide. Und was Amadini anbetrifft – –«

»Wenn wir aber niemand anderen dazu haben?« fragte Anastasia.

»Und der junge Mann von heute abend?«

»Wer? Egon Kleinthal?«

»Ja doch. Außerdem gebe ich Ihnen nur Ihre eigenen Gedanken wieder. Weshalb hätten Sie sich doch so viel Mühe gegeben, ihn herauszufinden und hierher zu locken, wenn Sie ihn nicht für unsere Zwecke erziehen wollten? Jetzt haben wir ihn. Versuchen Sie's, ihm eine Schlinge um den Hals zu werfen, auf daß er uns gehorchen muß. Ich habe ihn ziemlich scharf aus meiner Ecke beobachtet. Er ist jung, kräftig gebaut und hat in seinem Blick etwas Energisches. Er kennt das Leben nur ziemlich oberflächlich und wird sich um so leichter übertölpeln lassen. – Außerdem ist er arm, wie Sie mir gesagt haben, und hegt nur den Wunsch, sich zu bereichern. Alles das ist ausgezeichnet. Falls er aber ›Gewissen‹ hat, was unbequem wäre, gibt es nur ein Mittel, dieses zu übertönen: die Liebe. Ihr vergeßt, meine lieben Freunde, unsern Stern aus dem Morgenlande, – die schöne Judith. Er hat sie den ganzen Abend nicht aus den Augen gelassen; sie muß ganz entschieden auf diesen naiven Jüngling und armen Teufel einen ganz gewaltigen Eindruck gemacht haben. Bringen Sie doch die beiden einander etwas näher, wie Sie es ja so ausgezeichnet verstehen, seien Sie ihm Lehrerin und unterrichten Sie Judith, wie sie sich zu verhalten hat. Sie wird Ihnen jetzt gehorchen. Ich gehe jede Wette ein, daß Ihr Egon noch vor Ablauf eines Monats den Kopf völlig verloren hat und unserer Judith blind gehorcht, das heißt: uns durch Judith gehorcht. Wir müssen ihn eben genau so kompromittieren und verderben, wie wir Judith kompromittiert und verdorben haben.«

»Ja, wenn er sich verderben läßt.«

»Beruhigen Sie sich – er wird sich verderben lassen! Wenn unsere Operationen prosperieren sollen, so verschafft mir gefälligst einen Helfershelfer oder Handlanger, einen jungen und kräftigen Mitarbeiter, den oder einen anderen. Wenn ich ihn nicht habe, ist nicht nur unser Dreibund erschüttert, sondern wir laufen sogar persönlich Gefahr.«

»Was wollen Sie damit sagen? Was heißt das?« fragte Anastasia erbleichend.

»Daß wir ernstlich Gefahr laufen.«

»Was für eine Gefahr?« Auch Amadini wurde unruhig.

»Rudolf Melmström erscheint wieder auf der Bildfläche. Er sucht uns immer noch. Ich weiß es. Vergeßt nicht, daß er geschworen hat, seine Mutter zu rächen. Er ist zähe, entschlossen und verfügt über immense Hilfsmittel. Wie gesagt, Rudolf Melmström läßt nicht nach, wird auch niemals nachlassen. Und auf Grund seiner Beharrlichkeit und Umsicht kann er doch heute oder morgen sein Ziel erreichen.«

»Und die Verjährung?« fragte Amadini.

»Sie schützt uns nur vom Rechtsstandpunkt aus, sie schützt uns aber nicht gegen ihn selbst. Sie schützt uns vielleicht vor dem Zuchthaus, nicht aber vor seiner Kugel.«

»Sie glauben also …«

»Ich glaube, daß er Sie wie einen Hund über den Haufen schießen würde, mein lieber Amadini, wenn er wüßte, daß Sie der Mörder seiner Mutter sind.«

»Und Sie?«

»Ich? Ich ziehe es vor, trotz meiner Unschuld, mich seinem Zorn nicht auszusetzen, und deshalb namentlich bedarf ich eines Bundesgenossen, eines jungen, kräftigen, entschlossenen und uns aus Zwang ergebenen Menschen.«

»Wie sollte er uns denn schützen?«

»Indem er ihn angreift. Das ist das beste Mittel. Indem er uns unseres furchtbarsten Feindes entledigt.«

Straußberg zog in aller Ruhe seine Uhr.

»Es ist fünf Uhr morgens. Ich glaube, es ist Zeit, uns zurückzuziehen. Ueberlegt alles das, was ich euch gesagt habe. Ich komme dieser Tage wieder mit heran. Lassen Sie indes Judiths Reize spielen, teure Anastasia. Und – – – vor allem, seid vor Rudolf Melmström auf der Hut! Ich versichere euch, daß der Mann gefährlich ist, und ihr wißt, daß ich nicht der Mann bin, vor chimärenhaften Gefahren zu zittern.«


 << zurück weiter >>