Autorenseite

 << zurück 

Achtes Kapitel.
Glückliche Lösung. Ein Mann, ein Wort!

An einem schönen Maimorgen des Jahres 1814 stand nicht weit vom Schlosse Jeneveldt ein junger Mann in Gedanken und sah eine Zeit lang unverwandt nach dem Dorfe Voralm hinab, das, vom jungen Grün der Gärten festlich geschmückt, im holden Frühlingssonnenscheine vor seinen Augen lag.

Nach einer Weile begann der junge Mann seine Schritte die Allee entlang nach dem Dorfe zu lenken, blieb dann wiederholt froh nachdenklich stehen, lächelte und ging wieder weiter.

Der junge Mann war niemand anderes als Friedrich Erbacher, der endlich nach der Heimat zurückgekehrt war und nun im Begriffe stand, sein Elternhaus zum ersten Male wieder zu betreten, seine lieben Eltern wieder zu sehen.

Er trug seine bürgerliche Kleidung wie vor dem Feldzug, und die heitere Ruhe, welche über seinem Angesichte lag, was kaum verschieden von jener, die er vor Zeiten, wenn er nach froh durchlebtem Tage vom Schloss herabkam, hatte sehen lassen.

Und doch – welche Tage, welche Gefahren, welche Schmerzen und Kämpfe waren zu bestehen gewesen, seitdem er unter dem Vorwande, eine kleine Lustwanderung ins Gebirge zu machen, vor beinahe einem Jahre aus dem Elternhause schied!

Seine Eltern wussten es heute noch nicht anders, als dass er zuerst eine harmlose Wanderung gemacht, dann einen Winter in der Hauptstadt zuzubringen beschlossen hatte, dass er endlich, wie fast alle jungen Männer, ins Feld gezogen war, um den allgemeinen Feind zu verdrängen.

Eine Strecke oberhalb dem Elternhause blieb Friedrich noch einmal stehen und betrachtete sich mit stillem Vergnügen alle Gegenstände rund herum.

Es war noch fast alles ganz so, wie er es verlassen hatte.

Nur dort an der Holunderstaude, wo das verschiedene Holzgerät, wie Pflugschleifen, Balken und Stangen, unter einem Vordach an der Mooswand lehnte, blinkte eine neue weiße Leiter herauf, die früher nicht dort gestanden hatte.

Von den Einwohnern sah Friedrich erst niemanden, nach einer Weile schritt ein Knecht mit einem großen Futterkorb über den Hof, und die jüngste Magd erschien auf der nahen Hauswiese, um die ausgespannten Züge Bleichleinwand zu begießen.

Hierauf kam auch Vater Erbacher zum Vorschein.

Einige Pflöcke in der Linken und ein Beil in der Rechten, schritt er über den Hof nach dem Obstgarten, um einige Lücken am Zaune auszubessern.

Aber er blickte während seines Marsches wenig herum, auch begann er an der bestimmten Stelle seine Arbeit sofort.

Erst das Geräusch eines pfeilschnell über seinem Haupt hin schießenden Fluges Tauben machte ihn aufblicken, und als er mit seinen Augen wieder zur Arbeit zurückkehren wollte – sah er in einiger Entfernung seinen Sohn stehen, der ihn stille betrachtete.

Er erkannte ihn nicht sogleich, aber da ihm doch augenblicklich eine Ahnung durch das Herz fuhr, so wendete er seine Blicke von der Erscheinung nicht mehr weg, ließ das Beil zu Boden sinken, trat am Zaune weiter vor, legte, immer ohne eine Silbe zu sagen, seine Hand über die Augen – und als er plötzlich seinen Sohn wirklich erkannte, da rief er ihn nicht bei Namen, rief nicht »willkommen« oder etwa: »Gott und alle Engel und Heerscharen seid uns gnädig!« – sondern wendete um, ging schweigend und mit weit ausgreifenden Schritten durch den Garten nach dem Hofe, war alsbald an der Haustüre, die er aufstieß, um ins Haus die Worte zu rufen:

»Mutter! Veronika! Mutter!«

Und damit blieb er starr vor Freude stehen, bis sein Fritz selber kommen würde, ihm Gruß und Hand zu bieten …

Während seiner Wanderung vom Schlosse nach dem Dorf hatten Friedrich zwei schöne Augen begleitet, die sich jetzt, da Friedrich hinter den Gebäuden seines Elternhauses verschwand, mit Tränen der Freude füllten.

Mathilde Vollwarth war es, die ihm, auf der Plattform des Schlossdaches stehend, stille nachgesehen hatte.

Sie malte sich nun die frohen und rührenden Szenen der Begrüßung zwischen Sohn und Eltern lebhaft aus, und ein Gefühl ganz eigener, glückseliger Art mischte sich in ihre Teilnahme; es war ihr, als würde mit Friedrich zugleich der beste Teil ihres Wesens dort triumphierend empfangen und mit rührendem Jubel begrüßt.

Als Mathilde eine Weile so bewegt und nachdenklich dagestanden, fielen ihre Blicke unwillkürlich in den Schlossgarten hinab.

Eine neue, frohe Bewegung, ein Lächeln überkam sie.

Drunten auf dem breitesten Sandwege gingen zwei junge Leute auf und nieder, die, wie es schien, sich in diesem Augenblick viel, sehr viel und ganz besonders eindringlich zu sagen hatten.

Es waren Otto Jeneveldt und Aline Ernst.

Alines Wangen glühten, während ihr Mund weniger zu sagen wagte; allein Otto, der weniger gesonnen schien, mit dem zurückzuhalten, was sein Herz auf das Lebendigste aussprach, redete umso eifervoller.

Nicht lange – es war nicht weit von der rotblühenden Fliederstaude – da schien das letzte entscheidende Wörtlein gesprochen zu werden. Otto blieb auf einmal vor Aline stehen, ergriff mit seinen beiden Händen ihre rechte Hand – ließ sich auf ein Knie nieder – und wie auch das letzte Wörtlein von Alines Antwort lauten mochte – es konnte für Otto nicht ungünstig sein; denn obwohl sie höher errötend sich den Händen Ottos bald entwand und sich ihm in holdseliger Flucht entzog, so war nur zu deutlich zu sehen, wie glücklich, wie verklärt ihr Otto Jeneveldt folgte …

Denselben Tag noch sagte Friedrich Erbacher zu seinen Eltern:

»Da nun alles soweit wieder in Friede und Ordnung ist, wollen wir bald Anstalt machen, das neue Haus zu bauen. Nur muss ich Euch sagen, dass ich dafür bin, es noch etwas größer anzulegen, als Ihr eigentlich angegeben habt … Denn – was meint Ihr, Mutter? Ich habe Euch vor zwei Jahren, als im Schloss die Verlobung gefeiert werden sollte, wohl angesehen, wie sehr Ihr gewünscht habt, ich möchte doch auch endlich eine Braut finden und in mein Elternhaus einführen! – wisset also kurz und gut, meine Braut ist gefunden und ist gar nicht weit; und wenn wir uns heute noch aufmachen und sie besuche wollen, so werden wir sie – im Schlosse droben finden, wo sie mit ihrer Mutter sich aufhält!«

Diese Worte machten den außerordentlichen Eindruck, und es wurde natürlich beschlossen, die Braut noch heute zu besuchen.

Dass dieses dieselbe Braut sei, welche vor zwei Jahren nahe daran war, des jungen Schlossherrn Frau zu werden, konnten sie natürlich nicht ahnen – es sollte ihnen auch ein für alle Mal Geheimnis bleiben, was umso leichter möglich war, als ja Otto wieder Bräutigam war und, wie Friedrich erwähnte – jetzt mit ihm zugleich Hochzeit feiern würde …

Wir könnten nun von dem Leben im Schlosse und in Erbachers Hause vieles und Erbauliches erzählen, da es dort und hier bewegt und freudig herging!

Allein wessen Phantasie wäre hier nicht besser daran und lebendiger als die Feder des Autors?

Wir begnügen uns nur zu erwähnen, dass Frau von Vollwarth mit ihrer Tochter sowie die gesamte Familie des Professors seit der Schlacht bei Leipzig bei der Frau von Jeneveldt auf dem Schlosse gelebt hatten und sich so monatelang gegenseitig ein unschätzbarer Trost gewesen waren.

Es wurde nun beschlossen, dass der Professor oder, wie wir ihn auch nennen könnten, Major Ernst, mit seiner Familie fortan im Schlosse leben solle, da ihm nach gänzlich geendigtem Kriege eine Pension gewiss und die Wahl seines Aufenthaltes freigestellt war.

Auch wurde ausgemacht, dass Friedrich Erbacher während des Neubaues seines Elternhauses mit Frau und Schwiegermutter in einem besonderen Flügel des Schlosses sollten untergebracht werden. Der Neubau aber sollte ein artiges Schlösschen geben, da nun durch ein ziemlich ansehnliches Vermögen der Frau von Vollwarth Erbachers Besitztum um ein sehr Wesentliches vermehrt wurde.

Anfangs September desselben Jahres wurde die Doppelheirat der beiden vielgeprüften und aus den Prüfungen rein hervorgegangenen Freunde an Einem Tag im Schloss gefeiert.

Brauche wir zu erwähnen, wie großartig, wie freudvoll, wie belebt es da herging?

Leider fehlten an diesem frohen Tage zwei liebe, werte Gäste – des Professors ältester Sohn und sein Universitätsfreund, genannt der Romanophobe.

Denn beide waren, dem Lützow'schen Freikorps eingereiht, aus den vielfachen und verwegenen Streifzügen desselben im Laufe weniger Wochen geblieben.

Auch ein anderer Vorfall sollte wenigstens die Frau von Vollwarth einige Stunden wunderlich verstimmen.

Denn Herr von Jeneveldt erhielt gerade am Tage der Doppelhochzeit ein paar Zeilen von Hetzfelds Hand mit Beischluss an diese Dame.

Hetzfeld nahm in diesen Zeilen Abschied von Jeneveldt, da er in wenigen Stunden nach Absendung des Briefes – von den Franzosen erschossen werden würde.

Nach dem Datum des Briefes war dies schon Ende Juli vorigen Jahres geschehen; er war über Einverständnissen mit der deutschen Armee ertappt und so ohne Umstände geopfert worden. Die Frau von Vollwarth bat er um Verzeihung, und wenn sie nicht verzeihen könnte – wenigstens um gänzliches Vergessen …

Wie es nun aber schon zu geschehen pflegt, die glücklichen Verhältnisse der Menschen ruhen selten so ganz auf granitenen Säulen, dass nicht, wenn auch nur vorübergehende Stürme sie erschüttern könnten.

Napoleon verließ am 26. Februar 1815 die Insel Elba wieder, bestieg Frankreichs Boden, riss Heer und Bevölkerung wieder mit sich fort, kam am 20. März in Paris an und drohte die Welt aufs Neue von Grund aus zu erschüttern.

Die Stimmung in Frankreich und namentlich auch die schroffe Uneinigkeit der Alliierten auf dem Wiener Kongress, schienen Napoleons Unternehmungen allen Vorschub zu leisten.

Allein die gemeinsame Gefahr brachte unerwartet gemeinsame Schritte der Alliierten zu Stande.

Sie erklärten einstimmig den Krieg gegen ihn.

Unsere Freunde, obwohl in den Armen des Glücks und der Ruhe, waren gehalten und mannigfach verstimmt durch das, was der Wiener Kongress offen zum Besten gab und für die Zukunft ahnen ließ – sie bedachen sich keinen Augenblick, auf ihre Posten zu eilen und die frisch aufgeschlagenen Kriegsflamme sofort wieder löschen zu helfen.

Es folgte die Schlacht von Waterloo, welche Blücher so unerwartet und rühmlich entscheiden half; Napoleon wurde zum zweiten Male und für immer bezwungen; diesmal führte ihn seine Verbannung nach St. Helena, wo ihn der Tod erreichte und nur seine Asche in der Folge wieder nach Frankreich zurückkehren sollte.

In der Schlacht von Waterloo verlor Herr von Jeneveldt seinen linken Arm, und Major Ernst brachte aus dem Feldzug ein steifes Bein mit heim. Aber die beiden jungen Ehemänner hatte auch diesmal ein wohlwollender Schutzgeist geschirmt, so dass sie wohlbehalten in die Arme ihrer Lieben heimkehrten …

Es wurde in der Folge von den Damen oft beklagt, dass diese letzte Affäre nicht auch die beiden bejahrten Väter glücklich verschont hatte; namentlich als sich später die politischen Verhältnisse Deutschlands nichts weniger als erfreulich entwickelten, wurden wiederholt die Klagen der Frauen laut, dass dieser Erfolg so großer Opfer und Schmerzen wert gewesen.

Diese Äußerungen verstummten aber auf immer, als Vater Ernst eines Tages mit einer Lebhaftigkeit, die man nie an ihm gesehen hatte und mit einer Gewalt der Stimme, die durchaus jede Erwiderung im Keime erdrückte, Folgendes bemerkte:

»Macht mir das Vaterland nicht noch verwirrter als es schon ist! Der Fremde ist hinaus – und das ist und bleibt auf ewig das Erste und Unerlässliche! Das deutsche Volk ist groß und ist nachhaltig und ist unverwüstlich. Wäre es zu Grunde zu richten gewesen, so wäre es durch den dreißigjährigen Krieg zu Grunde gegangen. Der Deutsche ist tapfer, ist fleißig, er hat Geist, hat guten Willen, besitzt Liebe für Recht, wird endlich auch einsehen, was ihm als wackerem Ganzen frommt. Wir haben große Zeiten gehabt und werden wieder große Zeiten haben. Aber um keinen Preis lasse man je wieder eine fremde Macht oder fremden Einfluss herein. Wir Deutsche müssen uns anstellen wie eine wahre Familie, die, so sehr sie auch Ursache hat, unter einander in Zwist zu geraten, doch augenblicklich fest geschlossen Front macht gegen jeden Angriff, jede Verleumdung von außen. Jedes Volk hat schöne und wieder herzlich schlechte Zeiten, warum sollen nur uns die Klagen gleich abtrünnig machen? Das ist ein liederlicher, abgeschmackter und verräterischer Sohn, der, weil er mit Vater oder Mutter nicht in allem zufrieden ist, ins nächste Wirtshaus läuft und jedem Saufaus seinen Familienzwist zuträgt! Deutschlands Gesamtentwicklung ist der wahre Arzt der Heiles, der nach und nach nicht nur seinen Organismus von innen und außen kuriert, sondern auch Herz und Geist gesunden macht; der fremde Einfluss aber, er komme woher er wolle, er heiße, wie er wolle – er komme als gewappneter Feind am hellen Tage oder um Mitternacht als verkappter, diplomatischer Verräter – er ist und bleibt nur ein herzloser, eigensüchtiger Feldscheer, dem es zu tun ist, dem deutschen Körper Arm und Bein anzunehmen und den Kadaver dann im diplomatischen Seziersaal zu verschachern oder, wenn es das nicht vermag, bei seinem Scheiden dem Patienten wenigstens Ohrgehänge, Fingerringe, Sackuhr und goldene Brustnadeln mitzunehmen! War etwas gefährlich für die Neigung der Deutschen, so war es der glänzende Name Napoleons und die Nation der Franzosen. Aber, auf deutschem Boden – was war die Folge? Unausstehlich haben sich beide gemacht! Wollen die Franzosen freundnachbarlich mit uns leben – wohlan denn, sie seien geehrt und wohl behandelt; als Feinde aber seien sie bekämpft auf Tod und Leben! Und mehr noch, heißer noch bekämpft sei jeder andere Feind, er komme, woher er wolle! …

Ende des zweiten und letzten Bandes.

*


 << zurück