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Drittes Kapitel.
Unerwarteter Besuch

Einige Tage nach den eben erzählten Vorfällen saß im Schlosse Jeneveldt, an einem Fenster des oberen Stockwerkes, ein Mann, den wir schwerlich sogleich als den Herrn des Schlosses erkannt haben würden.

Er war tief in einen mit Pelz verbrämten und bis auf die Fußspitzen reichenden Schlafrock gehüllt und blickte in die offene Gegend hinaus, die, so weit das Auge reichte, eine trostlose, weißgraue Schneewüste darstellte.

Nicht nur, dass die Schneemassen umliegende Ortschaften bereits bis an die Dächer begraben hatten, das Firmament schien noch immer unerschöpflich im Niedersenden neuer, unendlicher Flocken zu sein, und ein brausender Orkan trieb sowohl diese als auch endlose Wellen pfeilschnell über die Fläche hin und wirbelte an Orten, wo es Widerstand gab, getürmte Wehen zusammen, von denen es schien, dass die Kraft der kommenden Frühjahrssonne sie nimmermehr schmelzen könne.

Herr von Jeneveldt gedachte teils der Schauderszenen, welche man von der aus Moskau zurückziehenden Armee bereits vernommen hatte, teils malte er sich das entsetzensvolle Schauspiel des allmählichen Untergangs derselben weiter aus.

Wo nur hier und dort ein dunkler Gegenstand aus der unübersehbaren Schneedecke hervor sah, machte seine Phantasie Arme und Beine von Leichnamen, Stücke von zerbrochenen Rädern, Mähnen gefallener Pferde, Trümmer von Waffen daraus.

Auch an Bildern, geeignet das menschliche Herz aufs Tiefste zu rühren, fehlte es nicht bei dieser Schilderung von Schauderszenen; denn hier sah Jeneveldts Phantasie zwei Freunde, einst gewohnt, in blühender Lebensfülle freudig und mutig hoch zu Ross zu sitzen – unter einem Stück durchlöcherten Mantels, wund, ohne Fußbekleidung, von Hunger und Müdigkeit zum Gerippe geworden, auf ihren Waffen liegen, starr und geschlossenen Auges; vielleicht, dass noch ein leises Regen von Lebenskraft durch eine und die andere ihrer Nerven lief; dort ist soeben ein Reiter vom Pferd gesunken, getroffen von russischer Kugel aus dem Dickicht eines Gebüsches; das treue Pferd des Reiters, trostlos über seines Herrn und Meisters Los, befühlt mit einem Vorderhufe Hand und Fuß desselben, wie zur wehmütigen Probe, ob es denn wahr sei, dass der Freund und Gefährte dahin sein solle, um es allein zu lassen in dieser endlosen, trostlosen, tödlichen Winterwüste? Fragend blickt es dann nach der Stelle, wo der Schuss gefallen, um den Barbaren von Angesicht zu sehen, der einen wehrlos gewordenen Feind, statt ihn gefangen zu nehmen und ihn großmütig an den Quell des Lebens zurückzuführen – schlachtet für den Fraß der wilden Tiere dieser Wüste.

Dort wieder hat ein Trupp Fußvolk halb nackt eine Hütte erreicht, um einen Bissen zu essen, einen Tropfen zu trinken – ach, vor allem eine Flamme im Ofen zu finden, die ihre armen, erstarrenden Glieder aufs Neue beleben könnte; sie treten ein, sie finden Feuer, sie finden Brot – ihr Herz ist voll Liebe für einander – aber die Wutbegierde des Hungers ist mächtiger als sie; statt zu teilen wie Freunde, rasen sie tigerartig um die Beute, jeder nun für sich, keiner für den anderen, in der entsetzlichen Hast verwunden, erwürgen sie sich, häufen Brände in den Ofen – welche Tollheit – in Kürze steht die Hütte in Flammen, und die todverachtenden Mienen, die Schrecken der Kälte noch frisch im Angedenken, flieht keiner, sondern starr den Blick in die Schneewüste hinaus gerichtet, lässt er sich, Glied für Glied, lieber von dem Feuer verzehren! …

In Vorstellungen dieser Art und hierauf in die Ausmalung jener unaussprechlichen Jammerszenen, wie sie sich beim Übergang über die Berezina ereignet hatten, war Herr von Jeneveldt immer tiefer hinein geraten, als ihm gemeldet wurde, dass ein Fremder unten sei, der ihn dringend zu sprechen wünsche.

Herr von Jeneveldt glaubte, einen geheimen Boten erwarten zu dürfen, der ihm Nachricht über das Befinden seiner Frau und seines Sohnes bringen würde, er ließ daher mit einiger Lebhaftigkeit den Fremden bitten heraufzukommen.

Er stand auf und ging einmal im Zimmer hin und wieder, blieb dann unweit der Türe stehen, um den Boten sogleich willkommen zu heißen.

Der Fremde, welcher eintrat, war niemand anders als – der wohlbekannte Judas seines Hauses: Herr Hetzfeld.

Bei diesem Anblicke blieb Herr von Jeneveldt eine Weile sprachlos stehen und starrte mit düster leuchtenden Augen vor sich hin.

Es war nicht mit Gewissheit zu unterscheiden, ob es diese Blicke oder ob es die Nachwirkung der eben bestandenen Kälte war, was den Fremden so ziemlich um alle chevaleske Haltung und Munterkeit brachte, die man an ihm gewöhnlich zu sehen pflegte; er blieb ebenfalls eine Weile regungslos stehen und schien schweigend die Einladung, vorzutreten, abwarten zu wollen.

Es blieb zweifelhaft, ob eine solche Einladung noch erfolgen würde.

Doch besann sich Herr von Jeneveldt endlich und sagte:

»Sie betreten mein Haus? … Nun, ich soll ja wohl erfahren, wie weit es menschliche Frechheit noch bringt; drum gut denn – treten Sie vor und sagen Sie, was Sie hergeführt.«

Nach diesen Worten ging er mit großen, gemessenen Schritten dem Fenster zu, ließ sich wieder in seinen Armstuhl nieder und erwartete, mit finsteren Blicken durch das Fenster sehend und ohne weitere Frage, was der Fremde sagen würde.

Dieser folgte ihm bis in die Nähe des Fensters und setzte sich, da er eine flüchtige Einladung dazu erhalten hatte, seitwärts nieder, indem e seinen Mantel von den Schultern über die Stuhllehne gleiten ließ.

»Ich hätte gedacht«, sagte er dann mit weit mehr Fassung und Zuversicht, als sein Äußeres anfangs hatte erwarten lassen: »Ich hätte gedacht, Herr von Jeneveldt, in Ihrem Hause diesmal mit etwas mehr Vertrauen und Herzlichkeit empfangen zu werden, als ich merke, dass es geschieht.«

Herr von Jeneveldt schwieg und veränderte auch seine Stellung nicht; so fuhr denn der Fremde fort:

»Ich habe allerdings Ihrem Hause schweres Leid angetan; aber seit ich mit bei dem Werke tätig gewesen bin, Ihrem einzigen Sohn zu befreien und ihn gegen Verfolgungen sicher zu stellen – nun dächte ich wohl, wenn nicht dankbare, doch erträglich freundliche Mienen verdient zu haben.«

Erst nach einer langen, schmerzlichen Pause erwiderte Herr von Jeneveldt mit vor Bitterkeit bebender Stimme:

»An Mienen ist Ihnen auf einmal etwas gelegen? Seit wann hat den das Herz bei Ihnen wieder ein so bescheidenes Verlangen? Haben Sie sich Ihre Mühe bezahlen lassen oder nicht?«

»Ja. Ich habe eine große Summe Geldes genommen. Ich habe auch nicht ohne Rechnung für die Zukunft gehandelt. Eine Empfindung ungewöhnlicher Art sagt mir, dass ein entscheidender Wendepunkt in dem Schicksale Napoleons eingetreten und das es ratsam sei, sich Freunde auf der Seite des künftigen Siegers zu erwerben. Dies war der zweite Grund, weshalb ich Erbachers wohlbedachtem Antrage zur Befreiung Ihres Sohnes nicht widerstand. Aber trotz dieser egoistischen Beweggründe – ist es ja doch Ihr einziger Sohn, der gerettet ist; bei einer solchen Tatsache dürfte es mir doch wohl erlaubt sein, über meine Motive das Urteil allein zu sprechen.«

»O ja! Ganz recht! Sie mögen zusehen, wie Sie Ihr Leben vor sich selber rechtfertigen; mir aber wird erlaubt sein nachzurechnen, wie viel von meiner Freude über die Rettung des Sohnes abzuziehen ist!«

Er stand heftig von seinem Stuhle auf, und indem die wenige Lebensfreude seines Angesichts plötzlich ausgelöscht wurde, sagte er mit dem allerschmerzlichsten Tone:

»Dass Ihr mir meinen Sohn nur wiedergegeben habt, um mir – den Erbacher zu nehmen; dass Ihr mir meinen jungen Freund, den ich so sehr geliebt habe, zur Opferbank habt führen können – das hat mir ein Weh bereitet, das ich Euch weder sagen noch vergessen kann!«

Er lehnte seine Stirn an die Scheibe des Fensters und blickte mit schwimmenden Augen in die Ferne.

»Die ganze Freudenernte meines Lebens ist dahin!« fuhr er lebhafter fort, »ich werde meines Sohnes nimmermehr froh werden, der ein solches Opfer gekostet hat!«

»Lieber Herr von Jeneveldt!« entgegnete der Fremde – wurde aber mit wachsender Heftigkeit unterbrochen:

»Hätte Ihr Geld verlangt, so viel Ihr wolltet, wir hätten es aufgebracht, denn mit solchen Dingen hat uns das Glück gesegnet; aber da musstet Ihr, gleichgültig gegen Menschenlos und Menschenleben, einem braven Elternpaar den einzigen Sohn, meinem Sohne und mir den liebsten Freund, dem Vaterlande einen seiner besten Söhne rauben – einen blühende, herrlichen jungen Mann, einen Weisen dieser Welt! Was wollt Ihr gegenüber dieser Tatsache sagen? Ich habe manchen Schmerz ertragen, aber ich weiß noch nicht, wie ich diesen verwinden werde!«

Der Fremde versuchte zu reden, aber vergebens –

Herr von Jeneveldt fuhr fort:

»Sagt an, sagt an – wie starb er? Starb er nicht wie einer, der von Kindheit auf vorbereitet wurde, frühzeitig für das Beste anderer zu sterben? Wenn Ihr das ertragen konntet – dann habt Ihr nichts mehr in dieser Welt zu fürchten!«

Nach diesen Worten ging Herr von Jeneveldt, ohne auf eine Antwort zu warten, aus dem Zimmer, augenscheinlich, um sich eine Weile ungestört seinem erneuerten Schmerze zu überlassen; er kam erst nach einiger Zeit etwas gefasster wieder zurück.

»Zu welchem Zwecke sind Sie nun eigentlich hier?« fragte er und ließ sich in seinen Armstuhl am Fenster nieder.

Der Fremde hatte indessen beinahe regungslos dagesessen und erwiderte nun mit vollkommener Ruhe:

»Die Lage Frankreichs fängt an, mit jeder Stunde bedenklicher zu werden. In Kurzem kann die Nachricht vom offenen Bruche mit Preußen da sein, denn Stein und sein Anhang haben die Oberhand an entscheidender Stelle gewonnen. Preußens Beispiel wird nicht ohne große Nachfolge bleiben, und es ist anzunehmen, dass mit dem einbrechenden Frühjahre fast ganz Europa gegen den Kaiser der Franzosen unter den Waffen stehen werde.«

Jeneveldt enthielt sich dieser Einleitung gegenüber aus guten Gründen einer Erwiderung. Der Fremde fuhr fort:

»Unter solchen Verhältnissen ist es kaum zu verwundern, dass man Sie, Herr von Jeneveldt, den einstigen preußischen Offizier, dessen Sohn man der peinlichsten Anklage überliefert hat, mit Argwohn beobachtet, ja dass man mir den Auftrag gab, Ihre Papiere zu untersuchen, um Sie, wenn schlimmere Indizien vorlägen, demselben Prozesse wie Ihren Sohn zu unterwerfen …«

»O, wenn es sich nur darum handelt – wenn man ohnehin den guten Willen hat, mich unschädlich zu machen, dann ist kein Zweifel, dass ich verloren bin«, sagte Herr von Jeneveldt gefasst – »Meine Papiere, so unschuldig sie auch einem gerechten Feinde gegenüber sein würden, werden mich bei dem Verfahren eines Davost ohne Bedenken verdammen.«

Der Fremde schwieg einige Augenblicke, dann sagte er weiter:

»Jedenfalls ist vor der Hand das eine unumgänglich, dass Sie mir Einsicht in Ihre Papiere gestatten.«

»Gewiss, gewiss«, sagte Jeneveldt und stand auf, um Schreibtisch und Schränke zu öffnen.

Ein Zug unbeschreiblicher Bitterkeit und Verachtung spielte um seine Lippen.

»Hier – und hier«, fuhr er fort, Fächer hervorziehend und Türen öffnend – »greifen Sie wacker zu und seien Sie Ihres Erfolges gewiss; denn mich wird kein Freund um jeden Preis zu retten suchen – und diesmal wird weder Geld geboten noch genommen werden!«

Der Fremde vertiefte sich, ohne eine Silbe zu bemerken, sofort in die Papiere, legte einige Stücke nach und nach auf den Tisch vor sich hin und blickte erst nach geraumer Zeit wieder auf, um das obige Gespräch fortzusetzen.

»Die Papiere, welche ich hier zum Mitnehmen zurechtgelegt habe«, sagte er, während Herr von Jeneveldt mit ernsten, keineswegs leidenschaftlichen Schritten auf und nieder ging – »diese Papiere werden Ihnen zeigen, inwieweit diesmal mein schlimmer Wille bei meinem schlimmen Amte war!«

Er stand auf und schob die Papiere etwas weiter auf dem Tische, zum Zeichen, dass er wünsche, Herr von Jeneveldt möchte sie einer flüchtigen Betrachtung würdigen.

Dieser folgte erst nach unwilligem Zögern dem Winke und sagte dann, erstaunt zu Hetzfeld aufblickend:

»Diese Schriften wollen Sie mitnehmen, um gegen mich zeugen zu lassen?«

»Ja, diese …«, erwiderte der Fremde mit einem Blicke, den man ihm kaum würde zugetraut haben, es lag wirklich Empfindung in diesem Blicke.

»Denn«, fuhr er fort, und seine Stimme entsprach der Bewegung, die in diesem Augenblicke in ihm vorgehen musste: »Sie werden doch nicht glauben, dass ich diesmal hier bin, um einen Akt – der Rache zu wiederholen?«

»Akt der Rache? Ein Akt der Rache gegen mein Haus? Wäre das Ihre erste Heldentat gewesen?«

»Nicht gegen Ihr Haus, im Grunde – gegen eine Dame, die im Begriffe stand, Ihrem Hause sehr verwandt zu werden!«

»Wie – doch nicht etwa gegen Frau von Vollwarth?«

»Gegen sie …«

»Gegen sie? Und weshalb? Habe ich doch mit Verwunderung zu fragen: Kennen Sie denn diese vortreffliche Frau? Es ist unmöglich, dass sie Ihnen Anlass geben konnte, eine so furchtbare Rache zu üben, wodurch Sie ihre künftigen Verwandten, mich, ihren Jugendfreund, noch tiefer treffen mussten als die Dame selbst!«

»… Es ist eine lange Kette von Umständen, die schwerlich ohne lange Erklärungen würden klar gemacht werden … Am besten, Sie fragen einst die Dame in vertraulicher Stunde nach mir – und es wird Ihnen manches einleuchtender werden.«

»Was werde ich erfahren? Frau von Vollwarth hat nie Ihren Namen genannt, keine Spur in ihrem Wesen deutet auf ein großes, folgenreiches Geheimnis hin – Was ist's? Was können Sie meinen?«

»Wenn ich mein leichtfertiges Naturell, alle meine Jugendstreiche auch noch so hoch im Schlimmen anschlage – Frau von Vollwarth wird noch immer große Schuld daran haben, dass ich bin, was ich bin!«

»Ist's möglich!«

»Ihr Gedächtnis wird mich wohl noch gut genug unter den ersten Bewerbern um ihre Hand aufbewahrt haben; ich war damals auf sehr guten Wegen – die Liebe hätte aus mir das Beste gemacht, und ich zweifle nicht, dass ich an Ehre und Glück Wenigen nachstehen würde, hätte Frau von Vollwarth meine Bewerbung damals nicht zurückgewiesen, um die einen Nebenbuhlers anzunehmen, den ich vielfach – vielfach übersehen durfte … Nicht die geringere Neigung zu mir – nicht das! – Spannungen kleinlicher, eigensinniger Art brachten uns auseinander – und was ich jetzt zu wenig habe, ein übertriebenes Ehrgefühl, ließ mich damals den ersten Schritt der Annäherung versäumen – und wir waren geschieden auf immer … Doch was soll auch dieser Hauch von Erklärung, der das Bild einer gewaltigen Leidenschaft nur noch trüber, dunkler machen kann! … Frau von Vollwarth wurde nach dem ersten Jahre ihrer Ehe – Witwe, und ich näherte mich ihr wieder – allein was bei mir nur Folge des ersten Unglücks gewesen, das diente ihrer Zurückweisung jetzt als Vorwand. Ich hatte, um mich vom ersten Schlage zu erholen, um mich zu zerstreuen, einen großen Teil meines Vermögens verschwendet, ich hatte das während ihrer ersten Ehe vor ihren Augen aus Übermut, aus Tollheit getan – jetzt, das sie Witwe war, ließ sie meine Bewerbung nicht zu, weil ich ihr als Verschwender bekannt geworden – sie heiratete nach zwei Jahren wieder – und diesmal allerdings den würdigsten Mann, den sie finden konnte … Ich lebte von nun an ein Leben, das seinesgleichen sucht – fiel und fiel – um endlich als vermögen- ja brotloser Wicht in der Welt da zu stehen … Ich muss über Zeiten weg eilen, die entsetzlich sind … Sage mir, Jeneveldt! Wo kann der Mensch nicht endlich ankommen, wenn er nach und nach einmal, hundertmal, tausendmal vom rechten Wege abgeirrt ist? … Nachdem ich zum vollständigen Schurken geworden war, um gewisse feinere Genüsse nicht auf einmal entbehren zu müssen, bin ich endlich Verfolgter und Verfolger, Verräter an Vaterland und Freunden geworden, an allem, was anderen Menschen heilig ist! … Ein schlimmer Zufall wollte, dass ich eines Tageshier herum im Interesse Frankreichs meine Tätigkeit entwickle und in Erfahrung bringe – eine Tochter der Frau von Vollwarth werde binnen Kurzem hier einem jungen Jeneveldt verheiratet werden; ich erfahre hierauf den Tag der Ankunft der Mutter und Tochter – und plötzlich ist meine ganze Wut, meine ganze Rache wieder lebendig – ich höre keine Vorstellung meines Gewissens mehr – ich wühle mich in die entsetzlichen Gedanken meines scheußlich zu Grunde gerichteten Glückes hinein; ich liefere Ihren Sohn aus – um die einstige, spröde, unselige Geliebte zu bestrafen! … Dies, dies«, fuhr der Fremde nach einer Pause großer Erschütterung fort, »dies wenigstens als geringe – sehr geringe Entschuldigung, wenn ich als vollendeter Schurke keine Gnade vor Eurem Herzen finden soll …«

Er stand auf; und da Herr von Jeneveldt nicht sobald eine Erwiderung finden konnte, fuhr er ruhiger fort:

»Ich muss hinweg … Noch mancherlei Angelegenheiten sind es, die ich hier herum zu besorgen habe … Ich hätte vielleicht nicht sagen sollen, was gesagt ist; denn es gibt Dinge, die erlebt sein wollen, um begriffen zu werden … Auch habe ich mich anders besonnen; ich bitte nun doch – erwähnen Sie gegen Frau von Vollwarth nichts von dem, was Sie nun wissen; nennen Sie ihr auch meinen Namen nicht! Wozu auch alles? … Frau von Vollwarth war stets eine vortreffliche Dame, und was sie einst gegen mich getan hat, konnte und kann sie wohl noch vor sich selber rechtfertigen …«

Er steckte die Papiere ein und nahm seinen Hut.

»Etwas anderes ist es, was ich Ihnen noch zu sagen habe, Jeneveldt – und dieses wird Sie näher angehen … Friedrich Erbacher …«

»Wollen Sie meinen Schmerz erneuern?«

»Nicht erneuern – ihn lindern, ihn beseitigen vielleicht – Friedrich Erbacher, die Sie als tot beweinen – ist nicht tot …«

»Ist nicht tot?«

»Sondern lebt – lebt in Sicherheit – und wird, wenn es Zeit ist, seinen Freunden wieder vor Augen treten!«

Der Fremde wollte nach diesen Worten sich schnell entfernen, aber er wurde von Jeneveldt so heftig angefallen und zurückgehalten, dass er nicht von der Stelle konnte.

»Fritz ist nicht tot? Lebt? Ist in Sicherheit? Wird seinen Freunden wieder erscheinen?« rief er wie rasend und im Fieber vor Freude – »Mensch! Und dieses Geständnis auf den Lippen willst Du auf und davon? – Wo, wo lebt Friedrich? Wie wurde er gerettet? Durch wen? O, ich verliere meine Sinne vor Freude!«

»Ich darf nicht mehr sagen – ich habe schon zu viel gesagt. Niemand, niemand erfahre davon – denn noch manches schwere Verhältnis ist vorerst zu lösen – und wenn es Zeit ist, wird alles offenbar werden!«

Er wand sich aus Jeneveldts krampfhaft bebenden Armen los und eilte davon …

In der großen Stube Johann Erbachers saßen um diese Stunde mehrere Nachbarn um den eichenen Ecktische beisammen.

Die ungeheuren Nachrichten über das Schicksal der großen Armee seit dem Rückzuge aus Moskau waren einige Zeit der Hauptinhalt des Gespräches gewesen; nun ging man auf die damals sehr übliche religiös-phantastische Art zu politisieren über, wobei besonders die wunderlichsten und dunkelsten Stellen der Offenbarung Johannis eine Hauptrolle spielten.

Nachbar Sieber hatte deshalb auch das Neue Testament in Voraussicht dieser großen Bedeutsamkeit für den Grundton des Gespräches mitgebracht, und er las nun eben folgende Stelle Johannis Offenbarung über Napoleons Wesen und Aufgabe:

»… Und hatten über sich einen König, einen Engel aus dem Abgrund, des Name heißt auf Hebräisch Abbadon und auf Griechisch hat er den Namen Apollyon. Ein Wehe ist dahin; siehe, es kommen noch zwei Wehe nach dem …«, als an der Türe geklopft wurde und ein Fremder im Mantel hereintrat.

»Bin ich hier recht im Hause Johann Erbachers?«

Erbacher erhob sich vom Tische, legte Hut und Pfeife weg und erwiderte:

»Der Erbacher bin ich!«

»Gut … Lasst Euch nicht stören, Männer – ich komme, Erbacher, um Euch von Amtswegen über einige Dinge zu vernehmen … Lasst Euch nicht stören, Männer«, wiederholte der Fremde, indem er einen der schnell frei gewordenen Stühle ohne Umstände einnahm, auf dem großen Tische einige Bogen Papier zurecht legte und Tinte verlangte.

Ein allgemeiner Schreck schien die Versammlung einige Augenblicke zu lähmen, dann erhoben sich alle und machten Anstalt sich zu entfernen; aber die unbezwingbare Begierde, zu vernehmen, was en ganz fremder Beamter »am Erbacher zu protokolieren« haben könne, hielt jeden besonders, wenn auch in bescheidener Entfernung vom Tische, zurück.

Erbacher hatte Tinte auf den Tisch gestellt, und das Verhör begann: es handelte sich um den Aufenthalt des Sohnes und um dessen Beziehungen zu dem jungen – abgeurteilten, verstorbenen Schlossherrn!

Mit Entsetzen vernahmen die Nachbarn diese Fragen und hielten Sohn, Vater, Haus und Hof so gut als verloren.

Weit zuversichtlicher stellte der Erbacher seinen Mann.

Er hielt sich einfach an Tatsachen, die ihm bekannt waren und von denen, wie er sich sagen durfte, unmöglich Übles kommen konnte.

Er sagte, dass sein Sohn seit Herbst schon nicht mehr daheim gewesen sei, das er erst eine kleine Lustreise, dann Besuch in größeren Städten gemacht habe und dass er dann, weil der Winter so schnell und stark hereingebrochen, seinen Eltern geschrieben habe, sie möchten ihm nicht übel nehmen, dass er bei solcher Gelegenheit gleich in Dresden oder wo überwintern werde, es sei dann ohnehin für lange der letzte Aufenthalt in einer großen Stadt. Dies, sagte Erbacher, hätten er und sein Weib ihrem einzigen gern geglaubt. Die Beziehung Friedrichs zum Hause Jeneveldts zu leugnen, wäre dem Erbacher als heller Verrat erschienen, nur stellte er dieselben überhaupt als Folge des guten Einvernehmens zweier Familien hin.

Als das Protokoll zu Ende war, blickte der Fremde den Erbacher eine Weile mit strengen Augen an, als wollte er ihm tief ins Gewissen schauen und ihn bedenklich verwirren, aber Erbacher hielt Stand und dachte mit großem inneren Vergnügen:

»Schau Du immer zu! Gott sei Dank, dass mein Fritz über allen Bergen ist!«

Einer halben Andeutung Erbachers, die in der Tat nicht ganz von Herzen kam, ob der Fremde vielleicht etwas zu genießen wünsche, entgegnete dieser, er habe nicht Zeit und werde erst auf der nächsten Post sich zum Essen und Trinken nehmen können.

Er ging.

Kaum war er fort, so belebten sich die marmornen Nachbarn ringsum wieder, sammelten sich um den eichenen Ecktisch, setzten ihre Hüte wieder auf, zündeten ihre Pfeifen wieder an, stemmten ihre Ellenbogen schwer vor sich auf die Tischplatte und machten abwechselnd Glossen, wie der und jener blass und erschrocken dagestanden hätte!

Der Erbacher verwies ihnen aber solche wohlfeile Späße, indem er sagte, es sei Sünd' und Schande, in der Gefahr sich wie ein Kind zu gebärden!

Dann suchte er, seinem Weib und auch sonst niemand im Dorfe von dem Verhöre zu sagen:

»Die Leute meinen gleich«, bemerkte er, »es sei ein Balken vom Himmel gefallen, wenn ein Beamter nach dem und jenem im Hause fragt.«

Man ging nun wieder auf die Offenbarung Johannis über, und je tiefer sich die Gedanken in die vorgelesene Stelle hineinzubohren versuchten, desto mehr verdunkelt sich die Stube von den wahrhaft barbarischen Wolken, welche aus den Pfeifenröhren mit Macht gezogen wurden!


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