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Viertes Buch


Erstes Kapitel.
Brigitte

Einige Wochen nach den oben erzählten Ereignissen saß eines Morgens, ziemlich früh, die Frau Professorin Ernst in dem großen Lehnstuhle ihres Zimmers und war umringt von einigen ihrer schöne Kinder, während im anstoßenden Zimmer ihre älteste Tochter nebst der Wärterin noch mit den zwei jüngsten Sprösslingen der Familie beschäftigt waren.

Eine für die Kinder sehr wichtige Veränderung war seit drei Tagen in dem Huse vorgegangen – man hatte eine neue und in mancher Beziehung merkwürdige Köchin in Dienst aufgenommen.

Dieser Umstand war es denn auch, der die Kinder, welche um die Mutter im Sorgenstuhle versammelt waren, eben lebhaft beschäftigte.

»Mutter – Mutter!« sagte jetzt ein dunkelblonder Knabe von etwa fünf Jahren – »wird das wahr werden, was mit heute Nacht geträumt hat?«

Die Mutter strich ihm die Locken aus der Stirn und fragte: »Nun, wovon hat Dir denn geträumt, Fridolin?«

»Von zwei Bretzeln, die mit die neue Brigitte von Markte mitbringen wird!« erwiderte der Knabe.

»Nun, dieser Traum kann möglicher Weise in Erfüllung gehen«, sagte die Mutter, indem sie ein jüngeres Kind, ein Mädchen, näher an sich zog, um die verbogene Hemdkrause desselben zurechtzulegen.

»Mutter – wird – wird auch mein Traum ausgehen?« sagte das Mädchen nun auch, während die Mutter mit der Krause beschäftigt war.

»Was hat denn Dir geträumt, Flora?« fragte lächelnd die Mutter.

»Nichts; ich hab' g'schlafen!« erwiderte das Kind mit großen, erwartungsvollen Blicken.

»Das bedeutet Glück in der Eh'«, sagte die Mutter lachend und zum großen Ergötzen der älteren Kinder.

In diesem Augenblick wurde draußen an der Türe des Hausgangs geklopft, und der älteste Knabe, der bereits seine Schiefertafel für den Schulgang unterm Arm hatte, sprang mit dem Rufe aus dem Zimmer.

»Da ist sie! Da ist die Brigitte! Jetzt gehen die Träume aus!«

Die neue Köchin war es wirklich, welche vom Markte mit einem großen Korbe heim kam und bald darauf ins Zimmer trat.

»Guten Morgen, gnädige Frau; guten Morgen, Kinder!« sagte sie noch etwas schwer atmend von der Anstrengung, mit welcher sie den gewichtigen Armkorb weit vom Markte her und über die Treppe heraufgetragen hatte.

Ein kleineres Handkörbchen brachte sie mit in das Zimmer herein und fing nun an, kleine Geschenke an die Kinder auszuteilen: Fridolin erhielt in der Tat zwei mürbe Bretzeln, die kleine Flora aber, die »nichts« geträumt, aber dafür sehr gut geschlafen hatte, bekam einen frischen, rotwangigen Apfel, der mit großem Entzücken aufgenommen wurde.

Zwei der älteren Kinder hatten indessen der neuen Köchin einen Stuhl neben die Mutter hingerückt, sie setzte sich und erzählte, was ihr auf dem Markte hin und wieder bemerkenswert vorgekommen war. Dabei horchten die Kinder, teilweise ihre Präsente verzehrend, jedem Worte der »Brigitte«, als ob sie die anziehendsten Märchen erzähle, und fühlten ein tiefes Behagen über die herzliche Vertraulichkeit derselben mit der Mutter.

Denn obwohl die Frau Professorin ihre Dienerschaft von jeher würdig und menschenfreundlich behandelte, so war doch diese gar vertrauensvolle und gütige Art des Benehmens bisher noch nicht gesehen worden, und es ist ein eigener Zug der Kinderherzen, das Verhältnis der Eltern zu den Dienstboten bald und scharf herauszufühlen.

Indessen war auch die neue Köchin des Hauses keineswegs von gewöhnlichem Wesen.

Die durchaus schlichte Kleidung, die sie trug und die sorgfältige Mühe, die sie sich gab, ihr Betragen ganz der Stellung, die sie einnahm, entsprechend anzupassen, vermochten doch nicht, ein durch Bildung getragenes, vornehmeres Wesen zu verhüllen; schon die stattliche, etwas wohlbeleibte, ehrwürdige Erscheinung und das sichere Auftreten der Matrone widersprachen dem Amte, dem sie vorstand, sichtlich.

Die Kinder freilich wussten sich hierüber kaum eine andere Rechenschaft zu geben, als dass sie »die neue Brigitte« eben angenehmer fanden als jede frühere; die Frau Professorin hingegen schien ein Geheimnis, welches hier obwaltete, entweder bereits zu wissen oder stark zu ahnen.

Denn nicht selten geschah es, dass sie, wenn Brigitte von dieser oder jener dringenden Arbeit, die sie vorhatte, sprach, eine abwehrende, entschuldigende Bemerkung auf der Zunge hatte; namentlich lag in den Augen der Professorin, während sie auf den Mienen der Brigitte ruhten, eine bedeutsame nachdenkliche Wehmut.

Es kamen nun auch die beiden jüngsten Kinder an der Hand des ältesten Töchterleins der Familie aus dem Nebenzimmer und wurden allseitig froh und lebhaft empfangen.

Indem auch sie ihre Präsente aus den Händen der Brigitte jubelnd entgegennahmen und dann mit großen, prüfenden Augen herum sahen, was ihre Geschwister empfangen hatten, sagte die Mutter ernst:

»Nun aber, Kinder, soll es mit dem Geschenkebringen vom Markt ein Ende haben. Denn was meint ihr denn? Die gute Brigitte hat ohnehin keinen großen Lohn, und soll sie diesen für eure Näschereien ausgeben? Das wollt ihr gewiss nicht. Seid also künftig mit dem zufrieden, was sie sonst für uns alle mitbringt; sie sorgt ja alle Tage für unser gutes Mittag- und Abendessen!«

Die Kinder waren mäuschenstill, und einige blickten, verlegen fragend, zur Brigitte auf, ob sie etwa böse sei, dass man schon zu oft von ihr Geschenke angenommen habe.

Brigitte legte einem und dem anderen der Zunächststehenden ihre Hand lächelnd auf die Locken und sagte dann:

»Was eure Mutter sagt, ist wahr; aber wenn ihr brav und bescheiden seid wie bisher, dann wird euch Brigitte schon von Zeit zu Zeit wieder was bringen, was euch freut.«

Auf einen Wink der Frau Professorin machten sich drei der bejahrten Kinder nun vollständig marschfertig für die Schule, küssten der Mutter die Hand und gingen mit einem Knicks vor Brigitte fort.

Brigitte nahm nun das jüngste Kind auf den Arm, und indem sie es sanft an das Herz drückte, fragte sie plötzlich über das Haupt des Kindes hinüber mit einem tiefen, schmerzlichen Zuge im Gesicht:

»Wie geht es dem Kranken? Ist er noch viel wach geworden?«

»Er ruht noch immer fieber- und traumlos, wie es scheint«, erwiderte die Professorin Ernst.

»Ein diesem Augenblick wurde an die Türe des Hausgangs geklopft, und Brigitte sagte mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit:

»Das wird der Doktor sein!«

»Aline, geh', sieh' nach!« rief die Professorin ihre älteste Tochter; allein diese war schon, bevor die Aufforderung ganz gesprochen war, an der Türe und eilte hinaus, um zu öffnen.

Es war der Doktor wirklich, welcher kam.

»Guten Morgen, guten Morgen, Alinchen«, sagte er, einen Blick tiefen Behagens auf das schöne Angesicht des Haustöchterleins richtend: »Nun, ist der Kranke ruhig geblieben seit gestern Abend?«

»Es ist die ruhigste Nacht gewesen, die der Kranke bisher noch gehabt hat«, erwiderte Aline.

Die Professorin und Brigitte traten nun ebenfalls aus dem Zimmer, und indem der Doktor, ein hochgewachsener, sehr ehrwürdig aussehender Mann mit einem schneeweißen Kopfe, sich an erstere wandte und mit ihr, freundlich sprechend, den Hausgang nach dem Krankenzimmer weiter ging, gesellte sich Aline, zu der bescheiden, aber nicht ohne sichtbare Bewegung zurückbleibenden Brigitte und sagte, mit unbeschreiblicher Herzlichkeit und Rührung ihre Hand ergreifend:

»Wir gehen mit – wir müssen wenigstens an der Türe hören, was der Doktor zum Zustande des Kranken sagt – kommen Sie! Kommen Sie!«

Hand in Hand folgten sie nun in bescheidener Entfernung dem Doktor und der Professorin, die am äußersten Ende des Hausgangs hinter einer Türe verschwanden.

Aline und Brigitte stellten sich nun horchend an dieselbe Türe – als sie leise abermals aufging und die Professorin die Horchenden vorsichtig auch ins Zimmer winkte.

Das Bett des Kranken befand sich hinter einer großen spanischen Wand, und der Doktor stand bereits beobachtend an demselben.

Die Professorin stellte sich in einiger Entfernung von dem Bette so, dass sie einen Blick hinter die spanische Wand werfen konnte, während Aline und Brigitte sich knapp an der Türe und fast atemlos stille hielten.

Aline umschlang dabei zitternd und mit vertraulicher Zärtlichkeit den Hals Brigittes, und alles deutete darauf hin, dass sie besorge, Letztere könne einem heftigen Schmerz verfallen.

Einige Augenblicke hörte man fast keinen Laut im ganzen Zimmer als das Knarren des Stiefels, wenn der Doktor über den schlummernden Kranken sich vor oder zurück neigte; nach einer Weile aber schien der Kranke sich unruhiger zu werden und dem Erwachen nahe zu sein, er stöhnte einmal aus tiefster Brust und sprach dann einige unverständliche Worte in leichtem Fieber; aber es ließ in Kurzem wieder nach, und der Kranke erwachte plötzlich vollkommen klar und bewusst.

»Nun, das muss ich sagen, mein Lieber, Guter«, bemerkte der Doktor liebevoll – »Sie schlafen ja, dass wir Gesunden Sie beneiden dürften!«

»Ach, wie gut, wir gut habe ich geschlafen, Doktor – und was für schöne, süße, schöne Sachen habe ich geträumt!« sagte der Kranke mit schwacher, etwas wehmütig bebender Stimme.

»Und was ist denn der Inhalt dieser schönen Träume gewesen?«

»Ich habe meine Mutter gesehen und bin wieder daheim gewesen – ich habe so viel in meiner Freude mit allen meinen Bekannten geredet, dass ich meine, ich müsste ganz trockene Lippen haben.«

»Nun, und was haben Sie Ihrer Mutter und Ihren Bekannten denn erzählt? Wahrscheinlich von Ihren Leiden während der Haft, und was Sie alles getan und gedacht haben!«

»Ich habe noch mehr gefragt als erzählt – ich hätte gar so gerne so vieles erfahren, was mir auf dem Herzen liegt – aber mir scheint, lieber Doktor, Sie haben sich mit allen verabredet, mit nicht reinen Wein einzuschenken, denn gerade wie Sie hat mir niemand recht offen antworten wollen, wenn ich fragte.«

»Was hätten Sie denn so gerne erfahren, mein Lieber?«

»Wo ich bin.«

»In Ihrem Traume waren Sie ja zu Hause – wie haben Sie da fragen können, wo Sie sind?«

»O – das ist das Merkwürdige! – Ich habe mitten im Traum wohl gewusst, dass ich nur träume, und hätte gern gewusst, wohin ich wieder kommen würde, wenn ich erwachte. Ich bin einmal wenigstens eine halbe Stunde lang an der Seite meiner Mutter durch den Garten gegangen und habe sie mit aufgehobenen Händen gebeten, mir zu sagen, in welcher Gegend, in wessen Hause, bei welchen guten Leuten ich krank läge – meine Mutter ist stille neben mir hergegangen, eine Träne um die andere ist auf ihren Augen gedrungen, sie sagte mir aber nicht, wo ich wäre!«

»Dies war es denn also nicht, was Ihnen den Traum so angenehm gemacht hat – was ist denn hierauf zu Ihrer so großen Freude erfolgt?«

»Ja – hierauf habe ich meine Mutter beruhigt und ihr gesagt, dass ich mich ja drein ergeben wolle, nicht zu erfahren, wo ich sei, namentlich, da der Doktor es ohnehin nicht haben wolle – Sie sehen, dass Sie auch in meinem Traum vorkamen! – Hierauf ist meine Mutter wieder heiter geworden und hat mir eine Menge schöner Sachen erzählt, und da habe ich mich auf einmal etwas müde gefühlt und habe gesagt: Mutter, ich meine, ich werde ein wenig schlummern müssen; wir sind hierauf in das kleine Gartenhaus gegangen, ich habe mich in einen Armstuhl niedergelassen und bin in einen Zustand zwischen Schlaf und Wachen verfallen. Die Mutter hatte sich neben mich gesetzt, hat mir den Kopf bequemer gelegt und hat allerlei Sanftes dabei gelispelt; darauf haben sich auch alle anderen um mich versammelt, mein Vater, mein Freund, meine Braut und ihre Mutter; sie haben angefangen, leise mit einander zu sprechen, und jedes Wort ist mir wohlig durch das Herz gedrungen. Alles, was mir im Leben schon Liebes und Gutes widerfahren, ist in diesem Gespräche vorgekommen, und es war eine solche Seligkeit in meiner Brust, die ich nicht beschreiben kann. Endlich fühlte ich mich stärker, ich schlug aber die Augen nicht auf, sondern sprach nur wie aus einem Halbschlummer zu den Lieben um mich her und sagte ihnen, dass ich alles gehört habe und wie sehr ich glücklich sei, wieder in Frieden und Freuden unter ihnen zu sein Und wie ich so angefangen hatte zu reden, konnte mein Herz kein Ende mehr finden, ein Wort drängte das andere, ich fühlte ein brennendes Freudenreich auf meinen Wangen, und meine Lippen waren trocken – bis ich plötzlich fühlte, dass ich werde scheiden müssen – ich sagte nur noch: Lebt wohl, ihr Lieben alle – die Stunde schlägt! Ich muss wieder hin, wo ich selbst nicht wissen darf, welcher Ort es ist – der Doktor muss mich wieder in dem Bette finden!«

»Nun, das war brav, mein wackerer Patient! So lange Sie nicht ganz hergestellt sind, müssen Sie meine Gegenwart nicht nur ertragen, sondern auch wünschen. Ich hoffe, es ist gut, dass Sie sich über den Traum ausgesprochen haben, nun aber denken Sie nicht zu lebhaft mehr daran. Von den Ihrigen sind Grüße und gute Nachrichten da – und was die Gewissheit über Ihren Aufenthalt anbelangt, so erlauben Sie mir, nur noch acht Tage zu schweigen; nach acht Tagen werden Sie alles erfahren.«

»Gott sei Dank!« sagte der Kranke. – »Nur etwa Gewisses! Jetzt weiß ich wenigstens die Zeit, wann ich aufgeklärt werde, nun ist mir schon wohl, ich will nun gern warten!«

Während dieser Unterredung, die auch von den übrigen Anwesenden im Zimmer vernommen worden, ergoss sich ein Strom von Tränen über Brigittes Wangen, sie hielt es vor Weh nicht länger in der Nähe des Kranken aus, gestützt und mit Blicken der holdesten Teilnahme von Aline betrachtet, ging sie aus dem Zimmer und entfernte sich in der Richtung nach der Küche; die Professorin folgte ihnen.

Der Doktor blieb noch eine Weile bei dem Kranken und begab sich dann auf das Zimmer des Professors Ernst.

Dieser stand eben, sein Heft unter dem Arm, marschfertig für seine Vorlesungs-Stunde mitten im Zimmer da und ließ sich in Kürze noch über den Zustand des Kranken Bericht erstatten.

Es war kein Zweifel, dass es ihm großes Vergnügen machte, aus der Mitteilung des Arztes einen guten Fortschritt der Genesung zu entnehmen.

Die beiden Männer waren mit ihrer Unterredung noch nicht zu Ende, als die Professorin mit verstörten Mienen in das Zimmer trat und ausrief:

»Vom Polizeiamt sind zwei Herren draußen, sie wollen alle Personen des Hauses notieren und ihre Verhältnisse wissen.«

Professor Ernst behielt seine vollkommene Ruhe und sagte zu seiner Frau:

»Man hat Dich hoffentlich draußen nicht so – in dieser Besorgnis – gesehen?«

»Mich haben die Herren noch gar nicht gesehen – Brigitte hat mir eben davon gesagt.«

»War sie gefasst?« fragte der Professor etwas rasch.

»Ja; die schien augenblicklich ihrer Rolle mächtig zu werden, als sie die Gefahr sah.«

»Gut – geh' den Herren entgegen – oder wart' – erhole Dich erst ganz, ich will den Herren selbst entgegenkommen und ihnen die Auskunft geben, die sie wünschen – Doktor«, wendete er sich zu diesem: »Sie wissen, was zu tun ist, bleiben Sie gefälligst hier und schreiben Sie Rezepte oder erwarten Sie uns im Krankenzimmer, ich gehe!«

Und ruhig, mit dem Hut auf dem Kopfe und sein Heft unter dem Arme, ging er zum Zimmer hinaus, den zwei Herren entgegen, welche draußen an der Türe des Hausganges warteten.

»Meine Herren«, sagte er zu diesen, »Sie sind hier in der Wohnung des Professors Ernst; war es Ihre Absicht, hierher zu kommen? Und was steht zu Ihren Diensten?«

Der eine der Herren, offenbar der Höhergestellte, erwiderte ziemlich kurz und trocken:

»Es soll angegeben werden, welches Personal zu Ihrer Familie gehört und wer sich sonst in Ihrer Wohnung befindet.«

»Gut, Herr Kommissar«, sagte der Professor, »wollen Sie durch das Zimmer geführt sein, oder wünschen Sie, dass von unserem Personal jedes besonders vor Ihnen erscheine?«

»Führen Sie uns durch die Zimmer, dann wollen wir einzeln sehen, wer da ist!«

Der Professor schritt sofort den beiden Männern voraus, um sie durch das Zimmer zu führen.

Man traf hier auf einzelne Kinder des Professors nebst der Wärterin; dann ging es weiter, und an einer verschlossenen Tür hieß es:

»Ist dieses Gelass hier unbewohnt?«

»Nein«, erwiderte der Professor – »hier liegt der Hofmeister meiner Kinder, Wilhelm Reiterlein, seit einigen Wochen in gefährlichem Nervenfieber.«

»Sie werden so gefällig sein und uns in das Zimmer führen; auch müssen wir den Pass des jungen Mannes sehen.«

»Gut, gut«, sagte der Professor immer ganz ruhig: – »Es ist der Doktor eben her, er wird uns sagen, ob es ratsam sei, dass wir in das Zimmer gehen.«

Der Professor führte sie nun durch den Hausgang an die letzte Türe und klopfte leise.

Der Doktor öffnete von innen, winkte zum Zeichen, dass der Kranke Ruhe brauche, mit der Hand und sagte beinahe lispelnd, indem er dem Professor ein Rezept herausreichte:

»Lassen Sie das sogleich besorgen!«

»Wir müssen den Kranken sehen«, sagte der Kommissar, »es soll in aller Stille geschehen.«

»Wenn es von Amts wegen geschehen muss, will ich nicht dagegen protestieren, mein Her«, erwiderte der Doktor, »indessen muss ich Sie nur aufmerksam machen, dass das Fieber ansteckend ist.«

»So? … Seit wann liegt der junge Mann?« sagte der Kommissar, der plötzlich wenig Begierde zeigte, in das Zimmer zu treten.

»Seit sieben, acht Wochen«, erwiderte der Doktor.

»Wo ist sein Ausweis, sein Heimatschein oder Pass?«

»Der liegt bei mir – damit kann ich dienen«, sagte der Professor, indem er nach seinem Zimmer ging, und die Papiere zu holen.

Der Kommissar folgte dem Professor in Begleitung seines Kollegen und des Doktors langsam nach, und da man an der Küche vorüberkam und hier eine Matrone in einfachen Kleidern geschäftig sah, Feuer im Herde anzumachen und allerlei Töpfe zurechtzustellen, so blieb der Kommissar stehen und fragte:

»Wer ist die Person? – Wer seid Ihr, Frau?«

Brigitte sah auf, machte einen Knicks, setzte ihre Arbeit emsig fort und erwiderte:

»Brigitte Fähnle, Köchin.«

»Wie lange seid Ihr hier im Dienst?«

»Zehn Jahre, elf Monat, drei Tage«, erwiderte Brigitte, das Blechtürchen am Herde öffnend und noch ein Stück Kleinholz hineinschiebend.

»Hat Sie Pass oder Heimatschein?«

»Ja, ja – o ja! Wollen Sie ihn sehen, Herr?«

»Allerdings.«

Brigitte deckte noch geschwind einen Wassertopf ab, deckte ihn wieder zu, knickste, und indem sie sich die Hände an der Schürze wischte, eilte sie zu einem versteckten Küchenbrette an einem Balken, wickelte ein Halstuch auseinander, rollte Papier um Papier von einer Rolle, so dass der Doktor und die beiden Beamten sich des Lächelns nicht enthalten konnten; endlich kam der Kern des Knäuels an das Licht – und das war der Heimatschein der Brigitte Fähnle, Köchin.

Sie überreichte das Dokument mit einem abermaligen Knicks, sagte bloß: »Hier!« und trat wieder an den Herd zurück.

Der Kommissar fand die Figur ungefähr zutreffend, und da ihm augenscheinlich nicht gerade an einem weiblichen Individuum des Hauses lag, so faltete er den Heimatschein wieder zusammen, gab ich zurück und wendet sich an den Professor, der mit dem Ausweis des nervenkranken Hofmeisters zurückkam.

Das Papier war in Ordnung, und erst vor Kurzem zur Aufenthaltsbewilligung der Behörde vorgezeigt worden, wie die Bemerkung darauf bezeugte; man beendete nun in Kürze die Durchsuchung der Wohnung und entfernte sich ohne weiteres Bedenken.


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