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Fünftes Kapitel.
Stunden der Andacht

Es war wohl sehr natürlich, dass Otto in Erwägung aller Umstände nach und nach sein Leben doch für gefährdeter hielt, als es anfangs scheinen mochte.

Die Gefängniszelle, welche er bewohnte, die fast ungeheuerliche Wichtigkeit, mit der man ihn gefangen hielt, die unvermeidliche Melancholie, welche Otto nach einigen Tagen der Gefangenschaft befallen musste, alles das reifte bald die feste Überzeugung in ihm, er sei der eisernen Willkür einer fremden, siegreich über sein Leben hin schreitenden Gewalt als Opfer verfallen.

So erschütternd eine solche Überzeugung anfangs wirken mochte, eine so wunderbare Folie für ein neues, erhebendes Gefühls- und Gedankenleben sollte sie bald werden.

Der ganze Heroismus eines begeisterten Märtyrertums erwachte in ihm und vertrieb in Kurzem die kraftzerstörende Melancholie aus Ottos Herzen. Seiner Meinung nach bestand die ganze Aufgabe seines Lebens, wenn es verloren sein sollte, nur noch darin, es durch eine männliche Überprüfung in ein geläutertes Gesamtbild zusammen zu fassen und es dann mit Würde und Ehren aufzugeben.

Mit einem Lächeln der Ruhe und Wehmut ging er daher sein Leben von der Kindheit an bis auf die jüngsten Tage prüfend durch und konnte sich sagen: siehe da, nur Weniges wäre besser unterblieben! Kostete ihn die Erinnerung an die gute Mutter eine Träne, so verklärte sich doch bei dem Gedanken an seinen trefflichen Freund sehr bald sein Auge wieder; wollte auch das Bild der Braut seinen wildesten Schmerz von Neuem wecken und toben lassen, so wusste er doch schnell wieder Stärke aus dem erhebenden Bewusstsein zu holen, dass er für sein liebes Vaterland sterbe.

War er auch weit entfernt, sich für eine weitbekannte und politische bedeutsame Persönlichkeit zu halten, so durfte er sich dennoch sagen, dass der einmal aufgeregte und wider die französische Tyrannenherrschaft heimlich wütende Geist der Nation auch das geringste Opfer, dass noch fallen sollte, nicht übersehen werde; der Gedanke, für sein Vaterland und zum Besten einer schöneren Zukunft zu fallen, erfasste daher Ottos ganzes Herz, und er sagte nach einiger Zeit mit voller, ruhiger Kraft den Seinigen sowie den schönsten Lockungen des Lebens, ja dem Leben selber ernstlich Lebewohl!

Und dabei war er bescheiden genug, sich zu gestehen, dass er, wenn nicht leichter, doch ruhiger von dieser Erde scheiden könne als tausend andere, da er niemand von den Teuren allein in Sorgen um tägliches Brot und in hilfloser Lage verlasse. So gehoben fühlte sich in Augenblicken sein Herz, dass er dem Schicksale dankte, welches ihn gewürdigt hatte, einen so denkwürdigen, ehrenvollen Opfertod zu sterben …

Dass ein solcher Schwung der Empfindungen und Gedanken sich auch eine erhabenere Form sichte, um sich auszusprechen, war natürlich, und so mancher Vers der Begeisterung gelang in solcherlei Momenten.

Leider nur suchte Otto lange vergebens in seiner Umgebung nach einem Gegenstande, der geeignet war, diese Verse aufzunehmen, bis er endlich auf den Einfall geriet, seine poetischen Produkte auf das Innere von Birkenrinde zu schreiben, die er sich von dem Holze hinter seinem Ofen schälte; allein mit diesem Mittel sollte es bald ein Ende haben, da sich eine größere Anzahl solcher Stücke nicht verbergen ließ.

Bessere Dienste leistete bald eine andere Erfindung.

Otto erinnerte sich, dass größere Mangen Schnupftabak in Behältern von geschlagenem Blei verabreicht würden, er ließ sich daher unter dem Vorwande, dass ihm dieses Nervenreizmittel in der Einsamkeit gute Dienste leisten würde, von Zeit zu Zeit einen Vorrat Schnupftabak reichen, den er zu beseitigen wusste, während er sich das Blei sorgfältig glättete und darauf mit einem Holzgriffel seine Gedanken und Verse schrieb. Ein Mäuseloch hinter seinem Bette diente seinen poetischen Werken als geheimnisvoller Schrank.

Es lässt sich denken, dass Otto unmöglich immer sein Gemüt auf solcher Schwungeshöhe erhalten und dass er auch nicht immer bei denselben Gegenständen seiner Geistestätigkeit verweilen konnte; um daher seinen Geist bei ganz anderen Gegenständen sich gleichsam wieder erholen zu lassen, nahm er täglich wenigstens eine bis zwei Stunden seine Zuflucht zu mathematischen Problemen, die ihn äußerst wohltätig beschäftigten.

Auch an bestimmten Rechtsfällen, deren verwickelte Behandlung die juridische Welt kurz vor seiner Verhaftung sehr beschäftigt und sogar zu öffentlichen Kämpfen fortgerissen hatte, versuchte sich Ottos Scharfsinn von Zeit zu Zeit; war ihm aber diese Haarspalterei über Privatfälle aus dem Leben der Menschen überdrüssig geworden, dann konnten ihn die merkwürdigen Schicksale der Staaten und Völker wieder lebhaft ergreifen: die Weltgeschichte, deren Begebenheiten ihm geläufig waren, ging zu gewaltigen, leider oft so alles höhere Vertrauen schmerzhaft beugenden Erscheinungen an seiner Phantasie vorüber. Und da geschah es denn nicht selten, dass sich Ottos ganzer philosophischer Eifer den unnatürlichen Erfolgen der Geschichte entgegenwarf und mit seinen schiedsrichterlichen Urteilen grausam dagegen hauste.

Es fehlte dann auch nicht, dass derselbe große Mann der Geschichte, welcher nächstens von Otto Rechenschaft über seine politischen Ansichten und Bestrebungen verlangen sollte, vor Ottos Richterstuhl zitiert und in einer Weise abgekanzelt wurde, das er sich nicht ohne Verlegenheit und Verwirrung aus dem Verhöre hätte ziehen können.

Ein Schlachtengott sei nichts, hieß es dann am Ende des Urteil immer, wenn er nicht Sorge trage, dass zwei Engel des Friedens die Taten des Krieges überbieten; man dürfe im Kriege nur groß sein, um größeren Frieden zu schaffen; ein Sohn der Revolution habe Napoleon nur noch Anwandlungen von dem Blute der Mutter, aber sein Auge habe längst das hohe, herrliche Ziel verloren, für welches er zum Wohle der Welt bestimmt gewesen schien.

Otto musste in solchen Fällen seien stürmischen Gedanken oft mit Gewalt Einhalt tun und wusste sich nicht anders zu helfen, als dass er in seiner Zelle auf- und niederging und dabei die Schritte zählte, bis er fühlte, dass er müde und ruhig geworden.

Ein Talent hätte er sich vor allem gerne gewünscht, das Talent großer poetischen Gestaltung; es hätte, abgesehen von der Wonne des Schaffens, seinen Geist, indem es ihn mit großen und mannigfaltigen Begebenheiten und Ideen beschäftigte, zugleich mit einem solchen Schwerpunkte versehen, das er weder hierin noch dorthin seine Kräfte einseitig erschöpfte.

Denn alle Richtungen des Lebens führen zu schroffen, leicht erschöpfenden Einseitigkeiten, in der Kunst aber ist, wie erst wieder im All der Welt, bei aller Mannigfaltigkeit der widerstreitenden Dinge Übereinstimmung, Harmonie in allen noch so bunt erklingenden Tönen!

Wie herrlich, dachte Otto, müsste es sein, sich eine erhabene Idee in einem menschlich schönen Helden zu verkörpern, ihm die bösen Feinde alles Trefflichen zu erwecken, den Kampf um die schönsten Ziele der Menschen beginnen zu lassen, aus denen der Held der Dichtung, ein glänzendes Beispiel zur Nachahmung, hervorgehen würde. selbst in dem traurigen Falle, dass der Poet sein Ideal des Lebens müsste leiblich unterliegen lassen, wäre der erhabene Ausweg gefunden, den Helden als Sieger im Geiste, als verklärten Bannerträger der Idee über den Rubikon des Lebens shreiten zu lassen.

»Wie eine Stellvertreterin, wie eine Ehrenretterin der Vorsehung«, sagte Otto lebhaft vor sich hin, »erscheint mir die Poesie, welche im Stande ist, den verstümmelten Torso irdischer Begebenheit zu herrlichen Gestalt eines Gottes zu ergänzen, die ein redender Zeuge wird von jener höheren Ordnung, an welcher der Mensch in Verzweiflung über die Unvollkommenheiten großer und kleiner Schicksale so gerne irrewird! …«

Mitten in solchen Gedanken geschah es einst, dass Otto durch einen gefährlichen Vorfall plötzlich peinlich aufgeschreckt wurde.

Es fiel ein Schuss und eine Kugel schlug durch sein Fenster in die Wölbung der Zelle.

Otto hatte seine schönen Gedanken zum Glücke in ruhender Lage auf dem Bette gedacht und kam mit dem bloßen Schreck davon.

Der Schuss war zufällig gefallen.

Die Wache vor seinem Fenster hatte in Gedanken mit dem scharf geladenen Gewehr gespielt, es war zu ihrem eigenen Schrecken losgegangen und hatte glücklicher Weise keine Schaden getan.


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