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Neuntes Kapitel.
In der neuen Zelle. Am Fenster. Die Geisterfamilie. Das Schönste der Wunder. Frei?

Das Gefangenenhaus sah im Innern womöglich noch schrecklicher aus als von außen.

Die mögliche Unsauberkeit und eine dichte Moderluft begegneten dem neuen Bewohner auf Schritt und Tritt; Otto war zuletzt nur froh, wenigstens aus den grauenvollen Gängen und Winkeln des Hauses in eine Zelle zu gelangen, wo er durch das Öffnen des Gitterfensters frische Luft und wenigstens einen menschlichen Ausblick ins Freie gewinnen konnte.

Die Zelle selbst war übrigens der bewohnbarste Raum des ganzen Hauses und machte auf den Gefangenen einen angenehmeren Eindruck als diejenige, welche er in der Zitadelle eben verlassen hatte.

Auch die äußere Umgebung vor dem Gitterfenster war schon dadurch angenehmer, dass man nicht wieder bloß Gefängnisse, Festungsmauern, Kanonen und Soldaten gewahrte, sonder die Wohnungen freier Menschen und etwas Weniges von dem öffentlichen Verkehr und von dem häuslichen Leben und Treiben derselben; nur linker Hand lehnte sich das Gefangenenhaus an einen massiven, altersgrauen Turm, welcher sehr unangenehm in den Halbkreis von Ottos Fensteraussicht fiel; dieser Turm war, wie Otto bald genug erfuhr, der Aufenthalt einer Brandstifterin, dreier Posträuber und etlicher zum Tode verurteilter westfälische Burschen, welche keine Lust am französischen Fahnendienste gefunden hatten.

Dieser Turm war es daher nicht, welcher Ottos Augen oft beschäftigte, vielmehr folgten seine Blicke größtenteils dem flüchtigen Verkehre auf der Straße unter seiner Gefängniszelle oder ruhten auf den Fenstern des Hauses gegenüber, wo ihm von Zeit zu Zeit ein menschliches Antlitz oder eine häusliche Szene sichtbar wurde.

Unsägliches Ergötzen verursachte ihm bereits am ersten Tage der Anblick einer Gruppe herrlicher Kinderköpfe am offenen Fenster gerade gegenüber, die alle, je nach Charakter und mehr oder weniger Gesetztheit des Alters, mit dem verschiedensten Ausdruck nach einem Ziele in der Luft blickten, wo sie entweder eine in der flüchtigen Abendsonne glänzende Turmspitze oder die Erscheinung eines ungewöhnlichen Vogels oder sonst eine Merkwürdigkeit sehen mochten.

Hinter den gedrängten Köpfen zwischen den Fensterrahmen stand noch eine dicke, rotwangige Magd mit einem kleinen Kinde auf dem Arme, das trotz der Winke der Magd nicht vermocht werden konnte, den anziehenden Gegenstand der übrigen Augen zu entdecken, vielmehr ein jubelndes Ergötzen daran fand, den größten Knaben im Fenster mit den dicken, unbeholfenen Fingerlein am Lockenkopf zu fassen und ihn derb hin und her zu zerren.

Während nun der Knabe, ohne sein Auge von dem Gegenstand seiner Aufmerksamkeit zu rücken, von Zeit zu Zeit einen absichtlich übertriebenen Schmerzruf ausstieß, schrie und zappelte der kleine Peiniger mit Händ' und Füßen vor Vergnügen.

Später kam eine »sorgsam waltende Hausfrau« hinzu, wahrscheinlich die Mutter aller dieser Kinder, und befehligte dieselben von dem offenen Fenster weg, da es draußen kalt und rau genug war, um den hereinbrechenden Winter anzukündigen.

War es nun Ottos Erscheinung am Gitterfenster überhaupt oder insbesondere die Bemerkung, dass der junge Gefangene, da er so oft und aufmerksam nach den Fenstern gegenüber blickte, ein wärmeres Interesse nehme an allem, was hier geschah; genug, es dauerte nicht lange, so hatte Otto, wie es schien, auch die Aufmerksamkeit der gegenüber wohnenden Familie auf sich gezogen und ohne Zweifel ihre Teilnahme erregt.

Die Folge war eine wehmütig-freundliche Augenfreundschaft, die umso lebhafter wurde, als die Familie durch den neuen Gefangenenwärter erfuhr, wer der Gefangene sei.

Otto selbst wollte anfangs keine Erkundigungen einziehen über den Stand und Ruf der gegenüber wohnenden Familie, um seiner Phantasie nicht vorzugreifen, die sich im Wechsel von allerlei selbstgeschaffenen, anziehenden Bildern gefiel; allein der Gefangenenwärter, der von Zeit zu Zeit ohne Begleitung in die Zelle kam, gab dem Gefangenen bald genug ohne Anfrage zu verstehen, dass sich die »Professorenfamilie« drüben sehr im ihn bekümmere.

Trotzdem ließ sich aber Otto nicht in seinen poetischen Träumereien stören und dachte lächelnd: »Nun, warum sollte sich eine Geisterfamilie, für die ich die schöne Mutter mit den schönen Kindern halte, nicht gerade in eine Gelehrtenfamilie verwandeln, um mir gegenüber zu wohnen und die wenigen Stunden meines Lebens durch Blicke und Lächeln zu versüßen? Gerade diese Verwandlung dünkt mir die beste und – ja, ich will daran glauben und freue mich auf den Augenblick, wo ich vom Todesblei getroffen, in Gesellschaft dieser Engelskinder da drüben von der Erde verschwinden und mich, aller Leiden bar, durch die Lüfte werde schwingen können.«

Es ist merkwürdig, wie oft der stärkste Charakter, der ausgeprägteste Geist, wenn er durch lange Leiden müde oder durch Mangel eines übenden Fechtbodens lass geworden ist, zuletzt in den kindlichen Träumereien seine Freude findet und sie umso begieriger aufsucht, je wunderbarer sie sind.

Bei diesem wehmütig-träumerischen Zustande seines Herzens war nun auch Otto Jeneveldt angekommen, so dass es ihm in Wahrheit Trost und Lust zugleich gewährte, in der schönen Familie gegenüber gute Geister anzunehmen, welche gleichsam als Vorboten des nahen künftigen Lebens gekommen waren, um mit ihm als holde Leibgarde die Grenze des Daseins zu überschreiten.

Otto lächelte selber über seine Phantasien, wenn er seines einstige Skeptizismus in Bezug auf überirdische Dinge gedachte, allein die neuen Schöpfungen seines poetischen Gefühls taten ihm jetzt herzlich wohl, und so hielt er sie denn ohne Weiteres mit Vergnügen fest.

Es war am dritten Tage nach Ottos Übersiedlung aus der Zitadelle, als er um die elfte Stunde morgens an sein Fenster trat, um zu sehen, was er denn drüben wieder für Winke und freundliche Zeichen ernten könnte.

Er bemerkte anfangs nichts als ein paar Kinderhändchen, die spielend an den Scheiben auf- und niedertappten, dann wischte von innen ein schneeweißes Tuch über die angelaufenen Scheiben, und es wurde die ganze Gestalt des Kindes samt der Mutter sichtbar, die das Kind auf den Armen hielt.

Otto meinte, die Mutter des Kindes ernst-heiter herüber lächeln zu sehen, er nickte und winkte daher seinen guten Morgen, der nun wirklich ganz gut erkenntlich erwidert wurde.

Dieser gegenseitige Gruß war kaum gegeben und erwidert, als die Mutter des Kindes das Gesicht nach dem Innern des Zimmers zurückwandte, wahrscheinlich weil im selben Augenblick jemand zu ihr eingetreten war; und wirklich erschien einige Sekunden später neben ihr am Fenster eine andere Gestalt, die Gestalt eines Mädchens, und streckte die Hände aus, um der Mutter das Kind von den Armen zu nehmen.

Die Mutter übergab das Kind und entfernte sich sofort vom Fenster, während die neue Wärterin an ihrer Stelle hinter den Glasscheiben stehen blieb.

Otto erbebte; ein wunderbarer Freudenschauer durchrieselte sein ganzes Wesen, als er nun das Gesicht des Mädchens deutlicher erblickte.

Eine Schönheit wie diese war ihm noch nie vorgekommen, er konnte von diesem überraschenden Anblick für einige Zeit wie verzaubert kein Auge verwenden.

Das Mädchen gehörte offenbar zu der schönen Professorenfamilie drüben; die Form des Kopfes, der Ausdruck des Gesichtes und das dunkelblonde Haar des Mädchens ließen die Familieneigentümlichkeit nicht verkennen.

Dass dieses etwa siebzehnjährige Kind bisher noch nicht am Fenster erschienen war, mochte in einer zeitweiligen Abwesenheit vom Hause seinen Grund gehabt haben.

Indessen sollte Otto für diesmal den Anblick des schönen Kindes nicht lange genießen, denn nachdem es mit ruhig lächelnder Würde dem Kleinen noch eine Weile die Lust, an den Fensterscheiben herumzutappen, gegönnt hatte, wendete es sich nach der Tiefe des Zimmers zurück und verschwand.

Von Ottos Dasein und Schicksal schien es noch keine Ahnung zu haben, denn es war nicht ein Blick ihres schönen Auges auf Ottos Zellenfenster herüber gefallen.

Otto dagegen stand noch einige Zeit am Gitter seines Fensters und blickte wie traumverloren nach der Stelle, wo »die neu angekommene Erscheinung eines so äußerst holden Geistes« noch eben gesehen worden war.

Otto lebte von jetzt an einige, wenigsten für seine Lage recht glückliche Tage, indem neben den wohltuenden, wenn auch noch so bescheidenen, geistigen Beziehungen zu der gegenüber wohnenden Familie auch noch der Umstand günstig auf ihn wirkte, dass er in seiner Überwachung keine Härte zu dulden hatte und in Bezug auf sorgfältigere Verpflegung eine große Verbesserung gewahrte. Otto schloss aus dieser zeitweiligen Änderung seiner Lage nicht auf eine günstigere Wendung seines Prozesses überhaupt, sondern schrieb sie bloß der ersten Verwirrung zu, welche in Folge der ungeheuerlichen Nachrichten aus Russland in allen militärischen Maßregeln vorübergehend eingerissen war. Darum gab er sich vorerst auch wenig mit neuen Lebenshoffnungen ab, sondern suchte vielmehr seinen letzten Stunden nur noch so viel Reiz des Lebens abzugewinnen, als die Umstände und sein empfängliches Herz gestatten wollten.

Zwei Umstände waren es zunächst, welche ihn eines Tages tief bewegten.

Otto erfuhr nämlich durch den Gefangenenwärter, dass die gegenüber wohnende Familie zu denjenigen gehöre, welche es kein Jahr am Johannistage daran fehlen ließen, den Gefangenen der Stadt eine zarte Blumenspende in die traurige Einsamkeit ihres Kerkers zu senden und – dass namentlich die drei Rosen, welche Otto vor einigen Monaten in seiner Zelle erhalten hatte, von eben dieser Familie herrührten.

»Ich dachte es ja«, sagte Otto leise vor sich hin, als er nach dieser Mitteilung wieder allein war, »ich dachte es ja, dass diese holden Geister drüben mit meinem Schicksale in wunderbarer Verbindung stehen, sie können mich nicht retten, aber sie versüßen mir die letzten Stunden meines Lebens!«

In diesem Augenblick war es, als sollte ihm von drüben en liebenswürdiger Wink der Zustimmung zuteilwerden; denn als er zwischen seinen Gittern zu holden Nachbarschaft hinüber blickte, stand das wundersame Töchterlein zwischen zwei kleineren Geschwistern am Fenster, blickte freundlich herüber und nickte grüßend, indem es etwas verlegen die weißen Hände rechts und links auf die blondlockigen Köpfe ihrer kleineren Geschwister legte; dann aber verschwand das Mädchen mit den Kindern sogleich wieder nach der Tiefe des Zimmers.

Otto trat nun auch vom Gitterfenster hinweg, lehnte seine Stirn an eine Mauerkante und konnte nicht verhindern, dass zwei heiße, schwere Tränen über seine Wangen liefen –

»O das Leben ist doch schön«, dachte er eben, des Dichters Worte wiederholend – als ihn ein neues, noch größeres Wunder heftig ergriff.

Denn aus der Wohnung gegenüber wurden jetzt dieselben Männerstimmen und Flötentöne vernommen, welche Otto einst in der Zitadelle aus der nachbarlichen Gefängniszelle mit so viel Freude und Rührung gehört hatte. Sie trugen nach einander auch dieselben Lieder vor wie damals, indem sie begannen: »Wach auf, mein Herz, und singe!«

Verwundert und erschüttert fragte sich Otto:

»Was soll ich dabei denken? Diese Sänger und Spieler sind dieselben, welche einst meine nachbarlichen Gefangenen waren; sind es nun Söhne, Verwandte oder nur Befreundete der Familie? Wie kam es, dass sie gefangen, gerade mir so nachbarlich in die Zelle gesperrt wurden? Schien es nicht, als hätten sie sich absichtlich eines kleinen Vergehens schuldig gemacht, um mir durch Spiel und Gesang einige Stunden der Gefangenschaft zu erleichtern? Dass ich gerade jetzt diese Lieder wieder höre – dass die drei Rosen aus den Händen jener Familie kamen – dass ich von diesem Gitterfenster aus so leicht eine Zeichensprache des Herzens anknüpfen konnte – hat das alles nicht notwendig einen tieferen Zusammenhang? Ach stille, stille, immer noch regsame Hoffnung des Lebens! Leichter ist es, poetischen Träumen vom Walten einer Geisterwelt das alles zuzuschreiben, als zu glauben, es sei ein tiefer Plan zu meiner Rettung ausgesonnen!«

Er schwieg und blickte wieder horchend nach dem Hause gegenüber.

Ein Fenster war inzwischen geöffnet worden, und ein neues Lied begann.

Fast schien es, als habe man das Fenster drüben aufgetan, um Otto, der ebenfalls sein Gitterfenster geöffnet hatte, den bezugsvollen Inhalt des Liedes vornehmen zu lassen.

Es lautete:

»Freudenklänge, Festgesänge,
Rauscht empor zum Himmelszelt!
Von der Sorge losgerungen,
Von der Liebe sanft umschlungen,
Stehn wir fröhlich Hand in Hand!

Ernste Stunde, unserm Bunde
Bringe Segen und Gedeih'n –
Treue Liebe in dem Herzen
Achtet Opfer nicht und Schmerzen,
Wenn's das Glück des Freundes gilt!

Der dort oben fest gewoben
Unsers Bundes ew'ges Band,
Er, der Herr, blickt segnend nieder
Auf des deutschen Landes Brüder,
Wenn sie treu und bieder sind.

Nun ertöne Liebchens Schöne
Unsers Liedes Preisgesang!
Feder denk' sich treu die Seine,
Die er leibt als Einzigeine,
Der sein Leben er geweiht.

Sie bei Stürmen stark zu schirmen,
Stählt das Herz zu heißem Streit;
Und wenn Siege euch gelungen,
Legt den Kranz, den ihr errungen,
Froh auf ihr geliebtes Haupt!«

Wie oft hatte Otto als Student dieses Lied im belebten Kreise seiner Kameraden, an der Seite seines Freundes Erbacher mit angestimmt, ohne gerade anders als eben frisch und mutig angeregt zu werden; und wie tief und bedeutungsvoll bewegte dasselbe Lied ihn jetzt, da es einen wunderbaren Bezug zu seinem Leben gewonnen hatte!

Otto warf einen aufleuchtenden Blick auf das offene Fenster gegenüber, und es dünkte ihn, dass in der Tiefe des Zimmers eine Anzahl Menschen sich seltsam neugierig hin und wieder drückte, das Auge öfters nach ihm gerichtet; doch schrieb er die ungewisse Erscheinung einer Täuschung des hereinbrechenden Abenddunkels zu und ließ sein Auge bald nachdenklich von dem Fenster gegenüber auf die Straße sinken, wo ihm eine Mannsgestalt, tief in einen Mantel gehüllt, auffiel.

Diese Gestalt schritt am gegenüber stehenden Hause immer nur eine bestimmte Strecke hin und wieder, blieb von Zeit zu Zeit wie nachdenklich stehen und warf nicht selten einen Blick nach Ottos Gitterfenster empor.

Fast unwillkürlich durchliefen Schauer einer Ahnung Ottos Herz; wie? Musste er denn nicht auf den Gedanken kommen, dass am Ende dieses wunderbare Zusammenspiel von Umständen die Bedeutung einer nahen Erlösung aus seinem Kerker habe?

Eine steigende Röte färbte Ottos blasse Wangen, und von einem hellen Freudenfeuer erglänzten seine Augen.

Die Gestalt im Mantel hielt jetzt unter dem Tore des gegenüber stehenden Hauses; es war trotz der Dunkelheit zu erkennen, dass die Gestalt jetzt feste und dauernde Blicke herauf warf, sie ließ ein leises Husten hören wie zum Zeichen, dass man aufmerksam sein solle; Otto klammerte sich atemlos an das Gitter seines Fensters und beobachtete genau, was geschah und was nun kommen sollte – es presste ihm die Brust vor Bewegung und Entzücken, denn jetzt glaubte er fest überzeugt sein zu dürfen, dass die Gestalt im Mantel niemand anderer sei als – sein einziger, auserwählter Freund, Friedrich Erbacher – der ihn zu befreien komme!

In diesem Augenblick erscholl aus dem Fenster gegenüber die Melodie des Liedes: »Nun habet alle acht!« und Otto blickte unwillkürlich von der Straße wieder nach dem gegenüber befindlichen Fenster empor.

Er sah nun deutlich, dass sich viele Menschen in dem Zimmer drüben versammelt hatten und nach und nach an das offene Fenster vortraten.

Mit steigender Erwartung und Verwirrung hielt sich Otto fester und fester an sein Fenstergitter, um den weiteren Verlauf all' dieser seltsamen Dinge im Auge zu behalten – als plötzlich drüben mitten aus den versammelten Menschen eine schwarz gekleidete Dame rasch ans offene Fenster vortrat und beide Arme nach Otto hinüberstreckte.

Wie von Zauberschlage getroffen, rief Otto bebend aus:

»Meine Mutter! Meine Mutter!«

Er riss mit Heftigkeit am Gitter, er wankte, seine Füße versagten ihm den Dienst, er sank in die Knie und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, als hätte er in blendendem Zauberlichte eine himmlische Erscheinung gesehen.

Der Gedanke, dass in den nächsten Stunden der Nacht seine Befreiung mit List oder Gewalt durchgesetzt werden würde, war auf einmal so fest und mächtig in ihm geworden, dass er von nun an nur noch überlegte, wie von seiner Seite das Unternehmen auf jede mögliche Weise unterstützt werden könne.

Er raffte sich daher bald wieder auf, um von seinem Fenster aus zu beobachten, welche Winke und Zeichen ihm zu diesem Zwecke von den Befreiern gegeben würden.

Allein er fand jetzt überall alles verändert.

Der Gesang war verstummt; die Gestalt auf der Straße war verschwunden, das Fenster gegenüber war geschlossen, und ein dichter Vorhang dahinter verbarg ihm gänzlich, was dort vorging.

Doch beirrte ihn das in seiner überwältigenden Hoffnung auf Erlösung nicht.

Denn er dachte, die Befreier hätten ihm durch die bisherigen Kundgebungen vor der Hand nur Winke über das geben wollen, was kommen würde, sie müssten aber Vorsicht halber jedes weitere Zeichen ihres Vorhabens nun sorgfältig vermeiden.

Voll von dieser festen Überzeugung überließ sich Otto währen der nächsten Abendstunden ganz der schwelgerischen Freude, seine Mutter, seinen Freund gesehen zu haben, und konnte auch des süßen Gedankens nicht los werden, dass mit der Mutter und dem Freunde auch Mathilde, seine Verlobte, in der Nähe sei.

Es waren einige selige, bewegte Stunden, die Otto auf solche Weise dahin brachte.

Er sah sich schon auf einer Strickleiter aus dem Fenster steigen, die Stadtmauer erreichen von da durch weitere Vorkehrung auf die Straße gelangen, glaubte schon seinen Friedrich hier, im Mantel bis ans Kinn, wartend zu erblicken und seine Arme an dem Halse zu fühlen; er sah sich in ein bereitstehendes Gefährte steigen, das im Fluge von dannen eilt – im nächsten Gehölz angekommen, trifft er einen zweiten Wagen, aus welchem ihn Mutter und Braut mit Tränen der Freude grüßen, dann eilt man der Grenze zu, über welche Frankreichs Macht noch nicht allmächtig reicht, während seine Teuren: Mutter, Freund und Verlobte eine andere Straße eilen, froh des glücklichen Erfolges und voll Hoffnung auf ein Wiedersehen nach den ärgsten Stürmen –

Soweit hatte Otto bereits seine nahen und fernen Hoffnungen im ersten Feuer der Freude gestaltet, als er Schritte in den Gängen des Gefängnisses vernahm, die Schlüssel in der Türe seiner Zelle klirren hörte und bald darauf zwei Offiziere mit dem Gefangenenwärter eintreten sah.

Die Mienen und das Betragen dieser Männer taugten wenig zu den süßen Hoffnungen unseres Freundes, am allerwenigsten aber stimmte der Befehl, mit dem diese Männer kamen, zu Ottos Aussicht auf Befreiung.

Denn kurz und barsch kündigte man ihm an, dass man Auftrag haben, ihn in die Zitadelle zurückzubringen, und das sofort!

Bei dieser Ankündigung war Ottos erster schrecklicher Gedanke: »Der Versuch meiner Befreiung ist entdeckt und vereitelt; nun bin ich doppelt verloren und die Meinigen mit mir!«

Fast bewusstlos vor Verwirrung und Schmerz folgte Otto den Offizieren, stieg unten im Vorhof des Gefängnisses in einen Wagen, der, als er nebst den beiden Offizieren kaum darinnen saß, sorgfältig geschlossen wurde und wie von einer Windsbraut gezogen dahinflog …

Nach einer Viertelstunde trat Otto Jeneveldt durch die Falltüre in dieselbe Zelle, welche er schon früher in der Zitadelle bewohnt hatte; nur sah es jetzt noch ärmlicher und trostloser darin aus als früher, es schien, als sollte alles darauf hindeuten, dass einer, dessen Stunden gezählt sind, ohnehin wenig mehr von den Bequemlichkeiten des Lebens bedürfe …


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