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Drittes Buch


Erstes Kapitel.
Stille und bewegte Tage. Über Freundschaft und Charaktere. Ein Ständchen

Die Ereignisse der folgenden Tage, Wochen und Monate müssen aus mancherlei Gründen mehr übersichtlich als mit Ausführlichkeit verzeichnet werden; auch wird nun bald ein anderer Schauplatz unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.

Indessen sind uns die Personen und Verhältnisse, welche uns bisher beschäftigt haben, zu vertraut geworden, als dass wir allzu schnell ihnen weg zu anderen Gegenständen eilen sollten.

Die kleine Frauenwelt vor allem müssen wir noch eine Weile im Auge behalten.

Denn wie sollten wir nach dem, was bisher geschehen, annehmen können, dass in Mathildes Gemüte die letzten Wandlungen bereits vor sich gegangen oder dass Frau von Vollwarth mit ihrem scharfen Geistesauge, bei ihrer wachsamen Liebe zur Tochter in der Tat noch länger arglos neben dem Geheimnis der Tochter hergehen werde?

Auch bezüglich der Frau von Jeneveldt – sollten wir der letzten Worte halber versichert sein, dass sie nach Wochen und Monaten der Gefangenschaft ihres Sohnes noch dieselbe Resignation an Tag legen werde?

Schon die Ankunft des nächsten Briefes von Otte war geeignet, das Gleichgewicht ihres mütterlichen Herzens zu erschüttern.

Gerade weil in diesem Briefe wenig mehr stand als: ich bin wohl und denke Euer – gerade deshalb ahnte und besorgte Frau von Jeneveldt das schwerste Kerkerleiden, die bitterste Strenge der Behandlung.

»Redet mir nichts von absichtlicher Enthaltsamkeit meines Sohne«, rief sie aus, als man sie beruhigen wollte, »ein Sohn, der mit ganzem Herzen an der Mutter hängt wie Otte, der die ganze Liebe und Trauer der Mutter über seine Lage kennt, hätte so kurz sich nicht gefasst in seinem Schreiben! Da man ihm verwehrte zu sagen, was er leide, so hat er sich begnügt zu sagen, dass er gesund sei, unser liebend gedenke!

Vergebens bemühte sich ihr Mann, ihr vorzustellen, durch wie viele argwöhnische Hände die Zeilen eines Gefangenen gehen, wie bedenklich jede Andeutung aufgenommen und wie namentlich selbst im Falle, dass Otto gut behandelt werde, ein schriftlicher Bericht hierüber nicht gerne gesehen werde, da ein solches Zeugnis den Richtern, die es ihrer Meinung nach mit Hochverrat zu tun haben, nur Verlegenheit bereiten müsse.

Die Klagen der Frau von Jeneveldt kehrten in verstärktem Maße zurück, als es sich darum handelte, in einem Familienschreiben ihres Sohnes Brief zu erwidern.

Hierbei wollte sie sich in den Kundgebungen ihres Herzens durchaus nicht beschränken lassen.

»Wenn ich meinem Sohne nicht sagen darf, wie mir ist«, rief sie aus, »wenn ich ihm nicht bemerklich machen soll, worüber ich beruhigt werden möchte, so will ich lieber gar nicht schreiben.«

Nur mit großer Mühe gelang es, sie wenigstens so weit zu vermögen, dass sie den Entwurf eines Briefes, der im Namen aller abgefasst war und der die Stellung eines jeden zu Otto berührte, schließlich annahm nun mit unterzeichnete.

Nur begleiteten sie den Brief, als er abging, mit den kummervollen Worten:

»Was wird mein Kind von seiner Mutter denken, die sich auch nur herbeilassen kann, unter ein so saft- und kraftloses Aktenstück ihren Namen zu setzen!«

Mit einigem Verwundern hatte man beim Unterzeichnen des Briefes Friedrich Erbacher zurücktreten und seine Unterschrift verweigern sehen; aber er wusste seine Gründe bald einleuchtend zu machen. Der Name eines befreundeten jungen Mannes unter dem Briefe an einen Staatsgefangene – musste er nicht Verdacht erregen, dass zwischen beiden bedenkliche Beziehungen walten könnten?

War bis jetzt die Neigung der Frau von Jeneveldt zu Mathilde wie zu einem Kinde warm gewesen, so nahm diese Neigung jetzt eine steigende Herzlichkeit an.

»Dich hat man mir zurücklassen müssen, Du mein zweites Kind«, sagte sie nicht selten schmerzlich zu Mathilde, »wenn ich Dich nicht hätte, dem mein Leid so sehr zu Herzen geht, ich wüsste nicht, ob es so erträglich mit mir stände!«

Frau von Vollwarth wurde bei solchen Auftritten eine wohltuende Vermittlerin zwischen dem, ws sich hoffen ließ und den allerdings schweren Anzeichen über Ottos Schicksal.

Es gelang ihr endlich auch, die mütterliche Verzweiflung wieder auf ein sanfteres Maß von Weh zurückzuführen.

Eine eigentümliche Veränderung machte sich an Herrn von Jeneveldt bemerkbar.

Dieser einst so militärisch-heitere, so ernst-beredte und an Trostsprüchen für die Damen unerschöpfliche Mann erschien jetzt täglich schweigsamer, nachdenklicher und war in Folge dessen oft in einer Weise zerstreut, dass er manche Bemerkungen deshalb hören musste.

Mit dieser Verschlossenheit stimmte die Zurückgezogenheit überein, welche ich oft Tage lang in seinem Kabinett festhielt.

Hier war er freilich nicht untätig; mit angestrengtem Eifer nahm er seine Kriegskenntnisse wieder auf und schien sie an dem Fortschritt des Krieges in Spanien unter Wellington und in Russland unter Bonaparte zu erproben.

Eine große Karte von Europa bedeckte die Wandneben seinem Arbeitstische und – als wollte er das Schachspiel früherer Kriege recht anschaulich machen, hatte er mit Wachskügelchen die wichtigsten Schlachtfelder angedeutet; solche Markzeichen lagen für die weiteren Operationen, namentlich in Russland bereit, und schon gruppierten sich über die russisch-polnische Grenze hinaus die Stellungen in sehr bedeutsamer Weise.

Aber es schien beinahe, dass der Eifer des Herrn von Jeneveldt mit einem bloß neugierigen Verfolgen dessen, was auf dem Kriegstheater vorging, sich nicht genügen lasse, tiefer liegende Absichten wurden schon dadurch angedeutet, dass derselbe eine Karte Deutschlands auf dem Tische hatte, die er nicht nach einem Feldzug der Vergangenheit markierte.

War dies ein Feldzugsplan der Zukunft?

Dachte Jeneveldt im Voraus an den damals noch unfassbaren Fall, dass der korsische Eroberer durch ein riesiges Verhängnis an den Rand des Abgrunds kommen könne?

Jedenfalls waren diese Feldzugs-Studien nicht für jedermanns Auge, und Herr von Jeneveldt erschrak, wenn plötzlich an die Türe seines Kabinetts geklopft wurde, aber selten wagte jemand, ihn zu stören, nur Friedrich Erbacher erschien auf seinen Wunsch zuweilen, und mit diesem schloss er sich dann vertraulich ein, und niemand erfuhr oder ahnte, was sie zu verhandeln hatten.

Friedrich war es übrigens auch jetzt, der unter allen am wenigsten an Festigkeit verlor.

Er erschien beinahe täglich morgens im Schlosse und verließ es oft erst wieder mit Einbruch der Dämmerung.

Seine Erscheinung war die Stütze für das schwankende Gemüt der Frauen.

Denn, obwohl er es verschmähte, mit schwatzhafter Tröstung ihre Stimmungen zu mildern, so rief doch seine Festigkeit in andern eine Stimmung wach, die fast dem Troste gleich kam.

Am besten zeigte sich die Wichtigkeit seiner Person für die Frauen, wenn er dann und wann einen halben oder ganzen Tag zu Hause blieb, um den Plänen seiner Eltern Aufmerksamkeit zu erweisen. Da fühlte jedermann im Schlosse, dass ihm etwas fehle. Herr von Jeneveldt kam dann öfters aus seiner Studierstube und bemerkte:

»Es scheint, unser Fritz wird heute gar nicht kommen!«

Frau von Jeneveldt ließ dann nicht selten die Bemerkung fallen:

»Wär' es ein Wunder, wenn uns Fritz oft Tage lang nicht vor die Augen käme? Stellen wir seiner Fassung nicht mit ewigen Klagen und Seufzern nach?«

Aber Frau von Vollwarth wusste, wenn solche Bemerkungen fielen, am besten zu helfen, indem sie einen Spaziergang nach dem Dorfe vorschlug, um Friedrich, den major domus, wie sie ihn jetzt nannte, mitten in seien Bauplänen und wirtschaftlichen Verbesserungen zu überraschen. Dies hatte dann nicht selten die Folge, dass man in Begleitung Friedrichs nach dem Schlosse zurückkehrte und bis abends wie gewöhnlich beisammen blieb.

Es gibt Menschen, die nicht ernsthaft geistig tätig sein können, ohne sich hermetisch von der Welt abzuschließen, da sie jeder Laut, auch schon jeder Gedanke an bewegtes Leben in der Nähe stört, während andere, vielleicht in Folge langjähriger Übung, durch äußere Störung in ihrem Gedankengange kaum unterbrochen werden.

Letztere sind deshalb besonders geeignet, große und geheimnisvolle Ziele sich zu setzen und umso sicherer zu verfolgen, als sie undurchdringlich sind für ihre Umgebung und unter allen Umständen ihren Geist bei dem einen und nächsten Hauptzweck festzuhalten wissen; dieser entgeht ihnen nicht, ob sie, gewöhnliche Pflichten des Tages erfüllend, mitten im Tumult des Lebens stehen oder als heitere, witzige Gesellschafter der harmlosen Freude der Zerstreuung dienen.

Zu diesen Naturen gehörte Friedrich.

Denn je ruhiger seine Erscheinung nach außen auftrat, umso geschäftiger für bedeutende Ziele war sein Inneres tätig.

Zu dieser Ansicht war vielleicht Herr von Jeneveldt durch Andeutungen unter vier Augen schon gekommen, aber Mutter Jeneveldt und Frau von Vollwarth waren nicht entfernt auf solcher Spur; ja, Frau von Jeneveldt, die früher manchmal hinter Friedrichs ruhiger Stirne einen stillen Plan zu ihres Sohnes Befreiung geahnt hatte, ließ sich jetzt durch die undurchdringliche Ruhe dieses Angesichtes so sehr täuschen, dass sie fast versucht war, diese Ruhe doch als eine Folge von Mangel an tieferer Empfindung zu erklären.

Schärfer als alle sah das Aug' der Liebe.

Mathilde war nicht nur lange im Reinen über Friedrichs stillen, geheimnisvollen Zweck, sie war auch schon bedacht, die Mittel und Wege zu erspähen, welche er zur Ausführung jenes Zweckes vorbereite.

Gern hätte sie Friedrich selbst einmal auf einer unwillkürlichen Andeutung ertappt, allein sie merkte bald, ihr Hoffen sei vergebens.

Ein Zufall half indessen eines Tages eher zur Erfüllung ihres Wunsches als die bisherigen Versuche alle.

Denn als Friedrich eines Morgens in den Garten des Schlosses trat, um die Damen wie gewöhnlich da zu finden, entdeckte er Mathilde zuerst, einsam in einer Laube, wo sie sehr vertieft in einem Buche las.

Schon wollte er vorüber gehen, um sie nicht zu stören, als sie selbst aufblickte und nicht ohne sichtliches Erschrecken ihn gewahrte.

»Ich störe Sie, Fräulein, und bitte recht sehr fortzufahren«, sagte er, Mathildes Erschrecken einem andern Grunde zuschreibend, »ich will unterdessen die beiden Frauen aufsuchen, welche wohl auch schon im Garten sind.«

Mathilde war aufgestanden und kam aus der Laube.

»Sie müssen sich schon eine Weile mit meiner Gesellschaft allein begnügen«, sagte sie, indem ein leichtes Rot von ihren Wangen nicht weichen wollte, »die Frauen haben sich nach dem Frühstücke so sehr in ein Gespräch vertieft, dass sie wahrscheinlich noch beisammen sitzen, ohne Toilette gemacht zu haben.«

»Nun gut«, erwiderte Friedrich, »dann wollen wir uns wenigstens nicht weit von Ihrem traulichen Plätzchen und von dem Thema Ihres Buches entfernen; bleiben wir da! Was haben Sie gelesen?«

»Ein Kapitel aus Gellerts moralischen Vorlesungen«, sagte Mathilde, höher glühend.

»Ei! Und welches? Diese Vorlesungen sind voll schöner Ansichten und trefflich geschrieben«, bemerkte Friedrich, indem er mit Mathilde in die Laube trat.

Mathilde schien die Frage und Bemerkung zu überhören und sagte mit einiger Hast:

»Sie erlauben mir vor allem, meine Mutter und Frau von Jeneveldt zu benachrichtigen, dass Sie hier sind – ich habe versprechen müssen, dies zu tun.«

Und ohne Friedrichs Antwort abzuwarten, entfernte sie sich schnell nach diesen Worten.

Friedrich trat in die Laube und begann die Stelle zu lesen, welche eben aufgeschlagen wr.

Sie lautete:

»… Man hat der Moral der Religion den Vorwurf gemacht, dass sie die Freundschaft nicht gebiete, und insonderheit hat sie der Graf Schaftbury deswegen der Unvollkommenheit beschuldigt. Man kann auf diesen Vorwurf sehr leicht antworten. Betrachtet man nämlich die Freundschaft als ein Werk der Natur und des Umgangs, das gegenseitige Neigungen und Dienstpflichten in sich schließt, so kann sie nicht eine allgemeine Pflicht aller Zeiten und Örter sein. Insofern sie aber eine natürliche Neigung ist, hat sie da, wo sie ist, nicht erst dürfen, und da, wo sie nicht angelegt ist, nicht können geboten werden. Sieht man hingegen die Freundschaft von der Seite der Tugend an, so sind ihre Pflichten in der Pflicht der allgemeinen Menschenliebe ebenso gewiss enthalten als die Früchte eines tragbaren Astes in dem Stamme und seiner Wurzel. Ist es eine Frage, ob ich meinen Freund treu und aufrichtig lieben soll, wenn ich alle Menschen also zu lieben verbunden bin? Und kann ich zweifeln, dass ich dem, für den mein Herz in mir spricht, dessen Tugenden und Bedürfnisse ich genau kenne, der sich mir mit seinen Gesinnungen, mit seinem Mitleiden, mit seiner Freude über mein Glück und mit seiner Bemühung dafür vor andern nähert, dass ich dem insbesondere das leisten soll, was ich mir nach den Regeln der Billigkeit von ihm wünsche und verspreche? Was ist endlich die Bruderliebe der Religion als die edelste und erhabenste Freundschaft? Was heißen Brüder in der christlichen Religion? Diejenigen, die einerlei heiligen Glauben und Tugend haben. Und was heißten Freunde nach der Vernunft? Menschen, die in ihren Meinungen, Neigungen und guten Absichten mit einander übereinstimmen und übereinzustimmen suchen. Also ist die Bruderliebe eine Art höherer Freundschaft; denn sie setzt gleiche göttliche Gesinnungen voraus und schließt die natürliche Gleichheit, wo sie zugegen ist, nicht auf. Die Schrift gebeut, die Wohltäter insbesondere zu lieben und dankbar gegen sie zu sein; und ist nicht der wahre Freund mein beständiger Wohltäter? Werde ich ihm also nicht eine besondere Dankbarkeit schuldig sein? Liebte nicht unser Erlöser den Johannes wegen seines sanften und leutseligen Charakters vorzüglich und Paulus den Timotheus, weil niemand, wie er selbst sagt, so gar seines Sinnes war als er? Das Gebot der Bruderliebe geht so weit, dass wir verbunden sind – auch das Leben für die Brüder zu lassen …«

Mathilde kam zurück.

Friedrich hatte bei den letzten Worten das Buch schnell bei Seite gelegt und wartete nicht, bis Mathilde in die Nähe der Laube kam; er trat heraus und ihr entgegen, indem er sagte:

»Nun, bin ich schuld, dass die Damen in einer wichtigen Verhandlung unterbrochen werden?«

»Sie sind erfreut, Sie hier zu wissen; gleich werden sie erscheinen, da sie eben selbst beschlossen hatten, sich nach Ihnen umzusehen«, erwiderte Mathilde, von ihrer vorigen Verwirrung wieder erholt.

»Nun, dann wollen wir uns in der Nähe des Garteneingangs halten, um sie gleich zu sehen«, sagte Friedrich, der offenbar nicht Lust hatte, in die Laube zurückzukommen und es auf eine Besprechung jener Gedanken des Buches ankommen zu lassen, auf welche er eben getroffen war.

Doch bemerkte er später gelegentlich einmal:

»Es ist doch merkwürdig genug, dass die Religion in ihren reinsten Sätzen mit der Gemüts- und Gedankenblüte der Philosophie und Poesie zusammenfällt; was die eine nach höheren Eingebungen zu offenbaren vorgibt, schöpfen die anderen aus dem reinen Quell des menschlichen Gemütes –wobei es sich nicht selten trifft, dass derlei Lehr- und Glaubenssätze unser Herz bereits in praktischer Durchführung ihrer Wahrheiten treffen, ohne dass wir ihrer theoretischen Hilfe oder Anfeuerung bedurften … Ich habe da«, fuhr er nach einer Pause fort, »nur eine kurze Stelle Gellerts über die Freundschaft gelesen; es ist nicht zu leugnen, dass es eigentümlich eindringlich wirkt, wenn uns so einfach im Gewande einer sanften Philosophie und Religion das Wesen und die Pflichten der Freundschaft dargelegt werden, allein ich zweifle auch, ob der wahre Freund erst abwarten wird, bis sie ihm so dargelegt werden, um als Freund zu handeln …«

Mathilde hatte schon gehofft, dieses Thema weiter besprechen zu hören, als die beiden Frauen in den Garten traten und Friedrich, der sich eben auch besann, guten Vorwand gaben, im Verlauf des Tages hierüber nichts mehr zu bemerken …

Einige Tage später saßen die Frauen des Schlosses wieder im Garten beisammen, und es kam die Frage zur Erwägung, ob die Verschlossenheit oder die Mitteilsamkeit, überhaupt die strenge Ruhe oder das gefällige Feuer an einem Manne vorzuziehen sei.

Frau von Jeneveldt entschied sich ohne Bedenken für die Lebhaftigkeit des Temperaments, dessen Wärme und offenherzige Mitteilsamkeit einer Frau Bedürfnis sei, da hingegen durch die strenge Verschlossenheit des Mannes leicht eine schroffe Sondierung zwischen Mann und Frau zur Folge habe, wodurch alles Behagen, alles erfreuliche Leben eines Hauses bedroht sei; Frau von Vollwarth gab von dieser Ansicht einen Teil wohl zu, neigte aber doch auch sehr zu der Meinung, dass ein gewisses Maß des Temperaments, ja ein gut Teil verschlossenen Ernstes sowohl Pflicht als Zierde des männlichen Charakters sei.

Mathilde dagegen hob mit Vorliebe, ja mit steigendem Feuer hervor, wie es namentlich bei einem jungen Manne oft von großer Bedeutung sei, wenn ein würdiger Ernst, ja etwas mehr als Ernst, in seinem Betrage Platz greife, denn es sei dann unter zehn Fällen neun Male gewiss, dass sich aus einem solchen Charakter Vortreffliches entwickle, wie es dagegen äußerst selten sei, dass bei Männern redselige Offenheit mit Tiefe der Empfindung und Gedanken sich paare.

Mathilde stattete diese ihre Ansicht mit so vielWärme und Beredsamkeit aus, dass Frau von Vollwarth fast betroffen zu ihr aufblickte; denn es war nicht zu verkennen, dass dieser allgemeinen Würdigung ein bestimmtes und nicht zu verkennendes Charakterbild zu Grunde lag.

Zum Glück war Frau von Jeneveldt mit ihrer Aufmerksamkeit nicht ganz gegenwärtig, ein wunderlicher Gedanke hatte sich wahrscheinlich aufgedrungen; indessen entging auch Mathilde der forschende Blick der Mutter, sonst würde sie nicht noch länger mit Vorliebe bei dem angeregten Thema verblieben sein.

In Folge dieser Verhandlung lagen einzelne Worte Mathildes ihrer Mutter den ganzen Tag in den Ohren; wie es oft mit musikalischen Akkorden der Fall ist; auch Mathilde ging noch lange, nachdem die Unterredung zu Ende war, mit stillen Gedanken um, welche geeignet waren, ihre Ansicht folgerichtig auszuschmücken und zu vervollständigen.

Noch abends waren einige Worte, ja zwei Verse in ihrem Tagebuche der schöne Nachhall jenes lebhaften Gespräches …

In der folgenden Nacht geschah etwas, das die Gemüter der Damen im Schlosse, wenn auch jede in anderer Weise, tief bewegte.

Ein leiser, schöner Gesang von drei Männerstimmen erhob sich unter den Fenstern des Schlosses, begleitet von einer Flöte und Gitarre, und des Liedes Inhalt, den man ziemlich gut verstehen konnte, lautete ungefähr so:

»Steh' fest, mein Mut, vertraue, o Herz; der Liebe steht die Hoffnung, der festen Hoffnung das Glück zur Seite. Unbeirrt in den Stürmen hebt der Fels sein festes Haupt empor, die Treue der Liebe gleiche ihm – Fasse Mut! Vertraue! …«


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