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VI. Zusammenfassung

Dies sind in knappen Worten die Ergebnisse unserer Untersuchung und die Probleme, die dadurch aufgeworfen wurden: Ungeübte Geisteskranke, besonders Schizophrene, schaffen nicht selten Bildwerke, die weit in den Bereich ernster Kunst ragen und im einzelnen oft überraschende Ähnlichkeiten zeigen mit Bildwerken der Kinder, der Primitiven und vieler Kulturzeiten. Die engste Verwandtschaft aber besteht zu der Kunst unserer Zeit und beruht darauf, daß diese in ihrem Drange nach Intuition und Inspiration seelische Einstellungen bewußt erstrebt und hervorzurufen sucht, die zwangsläufig in der Schizophrenie auftreten. Erleichtern uns solche Zeitströmungen, deren kulturelle und biologische Wertung hier außer Betracht blieb, den verstehenden Zugang zu dem schizophrenen Seelenleben, so gewinnen wir vielleicht rückläufig aus diesem Einblick Hilfsmittel zu einer Wertung der Zeitströmungen. Dabei ist jedoch der Fehlschluß von äußerer Ähnlichkeit auf seelische Gleichheit zu vermeiden. Nur im Lichte einer biologisch begründeten Norm und bei tiefdringender Wesensschau aller Faktoren ist eine sachliche und fruchtbare Kritik beider Vergleichgebiete möglich.

Für die Schizophreniefrage sind psychologische und indirekt auch systematische Erkenntnisse zu buchen. Wir haben mit Hilfe der Bildwerke einen neuartigen Einblick in das Seelenleben der Kranken gewonnen, besonders die Haltung des schizophrenen Weltgefühls in verschiedenen Spielarten verkörpert gesehen, wobei häufig auch Einzelsymptome sozusagen illustriert erschienen. Von erheblicher Bedeutung ist der Nachweis eines produktiven Faktors, der sich entgegen dem allgemeinen Verfall einer Persönlichkeit in der Gestaltung noch geltend macht. Die außerordentliche Mannigfaltigkeit der Bildwerke erlaubt nicht die Aufstellung einiger charakteristischer Merkmale und spricht dafür, daß in dem weiten Begriff der Schizophrenie recht verschiedenartige Zustände lose zusammengefaßt sind. Sehr entschieden tritt die persönliche Note noch bei dem spätesten Endzustand hervor. In der Neigung zu symbolartigen Gestaltungen drängt sich immer wieder die enge Verwandtschaft des schizophrenen Seelenlebens mit dem Traumleben und andererseits mit dem Weltgefühl und der Denkweise des Primitiven auf, was ja auch durch auffallende Ähnlichkeit mancher Bildwerke gestützt wird. Damit ist ein neuer Hinweis auf den in letzter Zeit schon öfters empfohlenen Umweg über die Völkerpsychologie gegeben, über den wir bei kritischer Verwertung analoger Erscheinungen zur Klärung und Lösung manches psychopathologischen Problems werden gelangen können.

Wie die unbestreitbare enge formale Verwandtschaft von Bildwerken so verschiedenen Ursprungs zu erklären sei, läßt sich mit den hier verwendeten methodischen Mitteln nicht zeigen. So bleibt denn die tiefe Frage in der Schwebe, wie Zeichen, Symbole und Bilder ursprünglich entstanden, wiefern sie im heutigen Menschen noch lebendig wenn auch verborgen wirken, und wie sie aus dem veränderten Weltgefühl des Geisteskranken leichter hervorsprießen – vorausgesetzt, daß wir überhaupt die Annahme aufrecht erhalten können, es handle sich in allen Fällen um den gleichen Vorgang. Wenn wir es vermieden haben, von phylogenetischen Resten, von Regression, von archaischem Denken zu reden, so geschah das, weil diese Schemata uns den Tatsachen nicht völlig gerecht zu werden scheinen, wieviele sie auch zu sinnvollem Zusammenhang gefügt haben. Vielleicht wird es gelingen, die realistisch-naturwissenschaftliche Denkweise, die solchen vorwiegend kausal gerichteten Erklärungsversuchen zugrunde liegt, zu überwinden durch eine Betrachtungsweise, in der den schöpferischen Faktoren des Seelenlebens wieder die Stelle zugewiesen wird, die ihnen gebührt.

Psychologische Fragen im engeren Sinne sind durch die vorliegende Untersuchung erst vorbereitet. Sie richten sich einmal auf die Theorie der einfachsten Ausdrucksbewegungen und ihrer Niederschläge, dann auf die Symbolbildung und schließlich allgemein auf die Psychologie des primitiven Seelenlebens, seiner Parallelerscheinungen beim Kinde und beim Schizophrenen, seine Rudimente in allen Kulturen.

Die Abgrenzung unserer Bildwerke von bildender Kunst ist heute nur auf Grund einer überlebten Dogmatik möglich. Sonst sind die Übergänge fließend. Von der These ausgehend, daß bildnerische Gestaltungskraft in jedem Menschen angelegt ist, müssen wir Tradition und Schulung als äußere kulturelle Verbrämung des primären Gestaltungsvorganges ansehen, der unter günstigen Umständen aus jedem Menschen hervorbrechen kann. Diesen Kernvorgang, in dem die unbewußten Komponenten der Gestaltung sich fast rein verkörpern, können wir an keinem Material besser studieren als an diesem. Daß die Geisteskrankheit in den Bildner nicht eigentlich neue Komponenten hineinträgt, ließ sich mit Hilfe des Vergleichsmaterials zeigen. Es entstehen nur Varianten des sonst Üblichen, und aus diesen läßt sich das Wesentliche um so überzeugender herausschälen. Wie weit die Theorie der bildnerischen Gestaltung von einer Nachprüfung der geltenden Anschauungen an unserem Material Vorteil ziehen wird, bleibt abzuwarten. Doch spricht manches dafür, daß der Ertrag reicher sein würde, als der aus der Kunst der Kinder und der Primitiven bereits gezogene.

Bei allen diesen Ausblicken ist das Problem im Auge zu behalten, das geradeaus auf dem Wege dieser Arbeit liegt und der Richtpunkt für alle Bemühungen bleibt: die Beziehungen zwischen dem Weltgefühl des Schaffenden und des Geisteskranken, die freilich erst auf dem Boden einer Metaphysik der Gestaltung zum Austrag zu bringen sind, zu der in jüngster Zeit die ersten Bausteine zusammengetragen werden. Vielleicht daß bis dahin unser mattes »Ignoramus«, das keine festen Grenzen zu setzen sich getraute, von einer zukunftsfroheren, lebensvolleren Generation in ein instinktsicheres »Sic volumus« gewandelt wird, das alle skeptische Erkenntnis übertönt.


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