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C. Die Bildwerke

I. Psychiatrische Vorbemerkung.

Über die Heidelberger Sammlung wurden in der Einleitung bereits einige allgemeine Mitteilungen gemacht. Es bleibt übrig, von der Zusammensetzung des Materials nach psychiatrischen Gesichtspunkten zu berichten und die Auswahl der Bildwerke für die vorliegende Untersuchung zu begründen. – Weitaus die Mehrzahl der Bildwerke, nämlich rund 75 %, stammt von Kranken, die der Schizophrenie-Gruppe Auf eine Stellungnahme zu den schwebenden Schizophrenieproblemen muß verzichtet werden. Mehr für Nichtpsychiater so viel: nachdem Kraepelin aus der großen Fülle der Geisteskrankheiten, für die wir eine körperliche Grundlage noch nicht kennen, die Gruppen des manisch-depressiven Irreseins und der Dementia praecox herausgehoben hatte, rückte die letztere mehr und mehr in den Vordergrund des Interesses. Man bemühte sich, an Stelle der früheren Zustandsbilder die Verlaufsformen immer klarer herauszuarbeiten, wobei denn natürlicherweise mehr und mehr psychologisch verständliche Zusammenhänge sich aufdrängten. Unter dem Einfluß von Freuds Lehren stellte dann Bleuler für die Dementia praecox-Gruppe den psychologisch konzipierten Schizophreniebegriff auf. Mit diesem Worte (Spalthirnigkeit oder Hirnspältigkeit) werden die verschiedenartigen Spaltungssymptome getroffen, die nie fehlen. Wurde der Begriff der Schizophrenie anfangs noch als gleichbedeutend mit Dementia praecox gebraucht, also rein als Krankheitsbegriff, so wurde er im Laufe der Jahre immer mehr psychologisch aufgelöst, bis neuerdings der Begriff des »schizoiden Typus« rein konstitutionell-charakterologisch von Kretschmer u. a. ausgebaut wurde. Eine Neuorientierung aller Schizophreniefragen ist gegenwärtig im Fluß. Auf der einen Seite stehen die Bemühungen, möglichst viele Verhaltungsweisen der Kranken psychologisch zu erfassen, wobei man sich in steigendem Maße der vergleichenden Betrachtung bedient. Man lernt also die früher kurzweg als Krankheitssymptome aufgefaßten Erscheinungen durch Vergleich mit ähnlichen Verhaltungsweisen der Primitiven, der Kinder und der Erwachsenen (besonders bei ungewöhnlichen Anlagen, ganz allgemein gesagt, und in Ausnahmezuständen) großenteils ganz gut verstehen. Das heißt man gelangt dazu, die seelischen Bedingungen aufzuzeigen, die für eine bestimmte Verhaltungsweise gegeben sein müssen, wobei man zugleich die eigene Fähigkeit weiterbildet, Einstellungen anzunehmen, die aus unserer rationalen, zweckhaft gerichteten Denkweise durch die zivilisatorische Entwicklung planmäßig ausgemerzt werden. Es ist klar, daß solche Bemühungen die Grenzen jedes Krankheitsbegriffes verwischen, da sie eben auf das Gemeinsame in allem seelischen Geschehen aus sind. Daher werden sie notwendig zu einer Auflösung der »Krankheitsbilder« führen und drohen ständig in allgemeine humanitäre Tendenzen zu münden. – Dem stehen nun auf der anderen Seite die Bestrebungen gegenüber, wirkliche Krankheitsbilder sicher abzugrenzen, was streng genommen eben doch wohl nur auf Grund körperlicher Symptome angeht. In der Tat erscheint dann von diesem klinisch-systematischen Standpunkt aus die rein psychologische Forschung leicht als eine »Verirrung«. Für unsere Probleme kam, nachdem wir erkannt hatten, daß die diagnostische und auch noch die psychopathologische Problemstellung unserem Material nicht gerecht zu werden vermöchten, nur die rein psychologische Untersuchung in Betracht. Es sei nochmals ausdrücklich betont, daß wir hier jegliche differentialdiagnostische Erwägung grundsätzlich ausgeschlossen haben, da sie das Betrachtungsfeld noch weiter komplizieren würde, ohne entsprechenden Erkenntnisgewinn zu bringen. Derartige Spezialuntersuchungen können an dem großen Material später leicht angestellt werden. angehören. Die übrigen 25 % verteilen sich so: auf manisch-depressives Irresein 7-8 %, Psychopathien 5-6 %, Paralyse 4 %, Imbezillität 4-5 %, Epilepsie 3-4 %. Ganz genaue Zahlen lassen sich nicht herausrechnen, da manche Diagnosen fehlen, andere sehr unsicher sind. 16 % Frauen sind in der Sammlung vertreten. Die statistischen Fragestellungen sollen im übrigen einer Sonderstudie vorbehalten bleiben. Hier handelt es sich um die psychologischen Grundlagen.

Überwiegt die Schizophrenie-Gruppe schon prozentual, so zieht sie durch Mannigfaltigkeit, Reiz und Ergiebigkeit ihrer Produktion und schließlich auch durch Qualität im Sinne der Kunst den Betrachter so stark an, daß für den Rest nur mehr der Rang des Vergleichsmaterials übrig bleibt. Wir betonen eigens, daß auch der unbefangene Betrachter in dieser Weise beeindruckt wird, da dem Psychiater ja heutzutage fast zwangsmäßig die Psychologie der Schizophrenie am meisten am Herzen liegt. Unter diesen Verhältnissen war es natürlich, schizophrene Bildnerei unbedingt in den Mittelpunkt der Untersuchung zu stellen, wodurch denn wenigstens in einem Punkte die Problemstellung sich erheblich klären und vereinfachen läßt. Wir werden also zwar einzelne Zeichnungen von Nicht-Schizophrenen mit heranziehen, vor allen im Bereich der einfachsten Kritzeleien, an denen die Gestaltungstendenzen erläutert werden. Die psychopathologische Problemstellung jedoch, die sich im Verlauf der Untersuchung in den Vordergrund schiebt, rechnet ausschließlich mit dem »schizophrenen Weltgefühl«.

Jeder Psychiater weiß, daß dieser vage Ausdruck zwar ein peinlicher Notbehelf ist, aber in der Vielgestaltigkeit der schizophrenen Symptome seine Berechtigung hat. Wir werden daher nicht ein Programm aus Einzelsymptomen aufsetzen und die Bildwerke danach abfragen, sondern wir suchen lediglich die psychologischen Grundzüge uns gegenwärtig zu halten, die als charakteristisch für Schizophrene gelten. Sie seien hier kurz zusammengefaßt, vor allem mit Rücksicht auf psychiatrisch nicht vorgebildete Leser, die übrigens an den zehn ausführlich mitgeteilten Fällen Gelegenheit haben, Einzelsymptome kennen zu lernen.

Das zentrale psychologische Phänomen wird immer noch am besten mit dem Begriff des »Autismus« getroffen, obwohl das Wort leider von seinem Urheber selbst durch normalpsychologische Verwendung für Eigensinn (in der Richtung der Selbstherrlichkeit, Eigenbrötelei) abgenutzt worden ist. Auch der Begriff der »Introversion« hat eine ähnliche Wandlung durchgemacht vom psychopathologischen zum charakterologischen Gebrauch. Wir nehmen diese Wandlung als einen Hinweis, daß selbst solche anfänglich fast als spezifisch für die kranke Psyche erscheinenden funktionellen Eigenheiten sich eben auf normalpsychologischem Boden reichlich finden, wenn man darauf eingestellt ist. Es handelt sich nie um Einzelsymptome bei der kranken Psyche, sondern um eine Änderung im Gesamthabitus, und vor allem im Verhältnis zur Umwelt, im Weltgefühl. Der schizophrene Autismus hat das Besondere, daß er unbeeinflußbar, keiner Sachbesinnung zugänglich ist. Im Augenblick, wo er dies ist, muß er als durchbrochen, wo nicht als überwunden gelten. Nachdrücklich muß betont werden, daß Autismus bei Intaktheit der einfachen seelischen Funktionen (Wahrnehmung, Erinnerung, logische Verknüpfung) nicht nur vorkommt, sondern daß gerade diese Intaktheit für ihn wesentlich ist. Der Begriff bezieht sich lediglich auf die Verknüpfung und Verwertung der in ihrer Funktion als »Mechanismen« ungestörten seelischen Vorgänge unter dem Willkürgesetz eines selbstherrlichen, von der Außenwelt unabhängig gewordenen Ichs. Dazu gehört vor allem, daß die herkömmliche Scheidung in »wirklich« und »unwirklich« aufgehoben und diesem Ich unterstellt ist. Dieses Ich schaltet frei mit allen Erlebnissen, seien es Sinneseindrücke, Einfälle, Erinnerungsvorstellungen, Träume, Halluzinationen, Gedankenkombinationen – alles hat gleiche Anwartschaft, als real existent zu gelten, wenn das Ich, der niemandem verantwortliche Autokrat, es so will. Aus dieser Selbstherrlichkeit nährt sich, was wir als Größenwahn kennen: das Gefühl, begnadet zu sein, eine Mission zu haben, die Welt erlösen zu müssen, ein Fürst, Christus, Gott zu sein. Aus dieser zwangsmäßig erlebten Selbstherrlichkeit entspringt auch das Verlangen, aktiv auf die Umwelt einzuwirken, sie mit magischen Gewalten nach Belieben zu modeln – wobei wiederum eine kritische Einschätzung des tatsächlichen Erfolges nicht in Frage kommt. Die würde ja aus der autistischen in die reale Welt führen. So baut sich der Schizophrene in völliger Vereinzelung, ganz in sich selbst gekehrt, aus triebhaftem Einfall in hemmungsloser Willkür seine eigene Welt – das ist sein Autismus. In-sich-selbst-verkrampft-sein könnte man es übersetzen.

Aus den sinnlichen Daten der Umwelt, die nach unseren Ausführungen schon normalerweise der Bearbeitung im Wahrnehmungsakt unterliegen und zu persönlich bestimmten Anschauungsbildern werden, macht sich der autistisch-selbstherrliche Schizophrene natürlich eine ganz andere, reichhaltigere Welt, die er nicht durch logische Konventionen sichert und mit anderen Menschen in Einklang bringt, sondern die ihm eben Rohmaterial für seine Einfälle, seine Willkür, seine Bedürfnisse bleibt. Die reale Umwelt wird als solche entwertet, sie verpflichtet zu keiner Anerkennung – man kann sie benutzen oder ausschalten, ganz nach Belieben.

Während die Stellung des Schizophrenen zur Umwelt, seine Abkehr, seine Wendung auf sich selbst, nicht schwer typisch zu schildern ist, läßt sich sein affektives Verhalten kaum auf einfache Formeln bringen. Es geht einerseits dem Umweltsverhältnis parallel: die Dinge draußen gelten nicht mehr das Gleiche wie früher, sie sind auch nicht einfach entwertet, sondern sie sind verfügbar für jede Wertung, die sich aus einer Gefühlsregung ergeben kann, – das ist der Sinn der »affektiven Ambivalenz«. Unerwartete Ausbrüche bei nichtigem Anlaß haben zu der groben Metapher der »Gefühlsstauung« geführt, der eine Lahmheit der Affekte entgegengesetzt wird –, das ist die andere Seite der affektiven Veränderung. Für den Beobachter jederzeit unmittelbar zu erleben ist die Unmöglichkeit, mit einem Schizophrenen in gefühlsmäßigen Kontakt zu kommen. Und auch die inadäquaten Äußerungen sind alltäglich: daß etwa der Kranke freundlich lächelnd Ungeheuerlichkeiten berichtet und gleich darauf über eine dargebotene Hand in einen Wutanfall ausbricht. Jedenfalls liegen in der affektiven Sphäre die fremdartigsten und normalpsychologisch am schwersten zugänglichen Veränderungen.

Zu dem Namen Schizophrenie haben die Spaltungserscheinungen geführt, die in den vorigen Abschnitten schon zur Sprache kamen. Die affektive Ambivalenz gehört dahin: es ist, als ob zwei Personen in verschiedenem Gefühlsverhältnis zu demselben Objekt stünden – und doch spielen sich beide Gefühlserlebnisse in einem Menschen ab. Oder derselbe Gegenstand wird zugleich in ganz verschiedener Weise aufgefaßt und benutzt, so daß es logisch völlig unverständlich bleibt, wieso die eine Auffassung die andere nicht zwangsmäßig ausschließt. Dasselbe geschieht mit Personen. Der Arzt wird etwa begrüßt als Briefbote, der immer die Kohlen bringt. Und am stärksten gespalten erscheint die Person des Kranken selbst, der bald als Gott die Welt regiert und bald als Kranker die Stube fegt.

Was man als »assoziative Lockerung« bezeichnet hat, kann psychologisch wohl nur als Folgesymptom aus den skizzierten Grundzügen abgeleitet werden. Es ist eben der Ausdruck des autistischen Verhältnisses zur Umwelt. Mit den Dingen draußen wird ganz frei geschaltet, entweder spielerisch einfallsmäßig, oder unter einseitiger Regie affektbetonter psychischer »Komplexe«. Wir alle erleben ähnliches im Traum, für dessen Ablauf ja ganz entsprechend die Freiheit von der Führung durch eine allgemein verbindliche Obervorstellung wesentlich ist. Übrigens ist es nicht gar so schwer, sich auch im Wachen eine ähnliche Assoziationslockerung einzuüben. Das Produzieren freier Einfälle, das zur psychoanalytischen Methode gehört, führt ebenfalls in die gleiche Richtung. Entscheidend für diese Vergleichsgebiete ist jedoch, daß es sich bei ihnen um vorübergehende, außer beim Traum auch um willkürlich erzeugbare seelische Einstellungen handelt. Während die schizophrene Assoziationslockerung zwangsläufig, fast unbeeinflußbar und als Dauerzustand auftritt – solange eben die primäre autistische Veränderung der Persönlichkeit dauert.

Als Zentralbegriff bleibt bestehen die autistische Veränderung der Persönlichkeit in ihrer Stellung zum Ich und zur Umwelt, die mit tiefgreifenden Störungen des affektiven Verhaltens einhergeht und zu Spaltungen in mehreren seelischen Sphären führt. Diese Veränderung geschieht nun gewöhnlich unter der Wirkung von Wahnvorstellungen, von Ausnahmeerlebnissen, besonders Halluzinationen im Gebiete der Sinnesorgane und des Körpergefühls und damit zusammenhängenden Erregungszuständen. Schreitet die Krankheit fort, so wird die Verschrobenheit oder Verrücktheit zu einem »Zerfall der Persönlichkeit«, der in das Dauerstadium des »schizophrenen Endzustandes« einmündet. Die »Verblödung«, die der frühere Krankheitsname Dementia praecox betonte, ist etwas völlig anderes, als die organische Demenz bei groben Gehirnkrankheiten, weshalb man von Pseudodemenz gesprochen hat. Wir haben selten Zugang zu der Psyche des stark verschrobenen Endzustandes. Einen solchen Zugang eröffnen jedoch die Bildwerke, denen wir uns nunmehr zuwenden.


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