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III. Die Eigenart schizophrener Gestaltung.

Nach dieser kurzen Umschau über die Vergleichsgebiete kindlicher, primitiver, mediumistischer usw. Gestaltung dürfen wir uns endlich getrauen, die Frage nach der Eigenart schizophrener Gestaltung aufzuwerfen. Nicht die Häufigkeit von Merkmalen wollen wir zählen, um dann etwa zu vergleichen, wie oft dieselben Merkmale auf anderen Gebieten auftreten. Mit so einfachen Berechnungen läßt sich unseren verwickelten Problemen nicht beikommen. Grundsätzlich gilt uns ein Merkmal nur dann als unterscheidend eigenartig für eine Gattung, wenn es bei anderen Gattungen ungewöhnlich selten ist. Sonst hat das Merkmal nur die Geltung einer offen zutage liegenden beschreibbaren Eigenschaft. Den Umkreis dieser Eigenschaften unserer Bildwerke haben wir im ersten Abschnitt dieses Teiles zusammenfassend dargelegt. Nunmehr gilt es, mit Hilfe des Vergleichsmateriales die Merkmale auszusieben, die bei anderen Gattungen von Bildwerken vorzukommen pflegen, die wirklich »eigenartigen« davon zu sondern und von ihnen aus das Wesen schizophrener Gestaltung zu erschauen. Von vornherein sind wir dabei gewärtig, dieses »Wesens« nicht mehr im Bereiche sinnlicher Qualitäten habhaft zu werden, auch nicht im Bereich von Gestaltqualitäten, sondern lediglich im Bereiche des unmittelbar »Erschauten«, wo Ausdruckswerte uns gefühlsmäßig offenbar werden, die wir nur dem umschreibend näherbringen können, der sie an seinem Teile erlebt hat. Wir sind der Sphäre des Beweisbaren damit entronnen und lassen uns gern von »Positivisten« aller Art der Spekulation zeihen, wenn wir nur für die Gleichgesinnten den wesentlichen Kern des Phänomens treffen.

Von den Hauptmerkmalen fanden war das Überwiegen spielerischer Tendenzen im ganzen Bereiche des Gestaltens als Vorstufe: beim Kinde, beim ungeübten Erwachsenen, beim Primitiven und auch in der großen Kunst. Wir können dieses Symptom also nicht an sich pathognomisch verwerten, wohl aber das absichtliche Verweilen bei rein spielerisch einfallsmäßig Produziertem ohne jede Einfügung in übergeordnete Formgesetzlichkeiten. Doch weist das Symptom nicht etwa auf eine bestimmte Störung hin, sondern auf eine Gruppe von funktionalen Abweichungen, unter denen Ermüdung und Aufmerksamkeitsmangel die wichtigsten sind. Anders ausgedrückt: spielmäßige Betätigung auf zeichnerischem Gebiete zeugt nur dafür, daß ein motorischer Entäußerungsdrang vorhanden ist, auf den die intellektuellen Funktionen nicht regulierend gerichtet sind. Diese seelische Konstellation aber kann unter sehr verschiedenen Bedingungen eintreten und wird erst verdächtig, wenn ein erwachsener Mensch sich darauf festlegt, ohne daß andere Gestaltungstendenzen sich in ihm regen. – Ähnliches gilt von dem Wuchern des Schmucktriebes, das uns häufig auffiel – aber nicht nur in den Arbeiten Geisteskranker, sondern wiederum bei allen Vergleichsgruppen, besonders in mediumistischen Arbeiten. In dieser Üppigkeit, dieser Lust an ungehemmtem Ausschütten einer Formenfülle liegt etwas Barbarisches. Es wird darin ein Kultus der Quantität getrieben, wie er mancherorts im Anfange menschlicher Zivilisation und dann wieder, freilich nun durch traditionelle Schemata gestützt, in späten Verfallszeiten aufzutreten pflegt. Daher werden wir erwarten müssen, daß uns diese Tendenz überall begegnet, wo bei expansivem Naturell oder gehobener Stimmung keine Bindung durch feste kulturelle Tradition beschränkend und vereinheitlichend wirkt. Und dies kann unter anderem auch für einen psychotischen Zustand zutreffen. Spezifisch aber ist es dafür nicht.

Von den Merkmalen aus dem Bereich der Ordnungstendenzen, die mehrmals besonders charakteristisch schienen, wird man nach den Vergleichsbildern auch nicht mehr viele gelten lassen. Immerhin bleiben zwei eigenartig verschrobene Kombinationen als verdächtig bestehen: Aufbau eines konstruktiven Bildgerüstes für eine Art Schutt von Formenelementen und ferner die öfters aufgezeigte pointenlose Konsequenz in der Wiederholung von Detailformen oder in der Anwendung eines Ordnungsprinzips. Genau genommen handelt es sich dabei weniger um die formale Seite als um die inhaltliche. Was ausbleibt, ist die Setzung eines »Sinnes«, liege dieser nun in einer Beschränkung der räumlichen Elemente, folgerichtiger Durchgestaltung oder in der Zuspitzung auf stofflichen Gehalt, Bedeutung und ähnlichem. Wir müssen der Formulierung von Krötzsch zustimmen, daß »dauerndes Auftreten von Bewegungsrhythmen ohne Willen zur Formgestaltung oder dauerndes Abgleiten aus der Formgestaltung in Bewegungsrhythmus« nicht nur auf Ermüdung, Willensschwäche, Konzentrationsunfähigkeit, sondern auf »innere Störung« schließen lasse. Aber wir können diese »innere Störung« nicht etwa auf die schizophrene Störung beschränken, sondern würden diese letztere nur durch eine Kombination der genannten Merkmale mit anderen für wahrscheinlich halten Die klassische Schilderung des Seelenzustandes, der hier gemeint ist und zugleich eines Kritzelei-Verfahrens, das auf das lebhafteste an die Kritzeleien in unserem Material gemahnt, findet sich in Gottfried Kellers »Grünem Heinrich« Bd. 3, S. 270: »Aber kaum hatte ich eine halbe Stunde gezeichnet und ein paar Äste mit dem einförmigen Nadelwerke bekleidet, so versank ich in eine tiefe Zerstreuung und strichelte gedankenlos daneben, wie wenn man die Feder probiert. An diese Kritzelei setzte sich nach und nach ein unendliches Gewebe von Federstrichen, welches ich jeden Tag in verlorenem Hinbrüten weiterspann, so oft ich zur Arbeit anheben wollte, bis das Unwesen wie ein ungeheures graues Spinnennetz den größten Teil der Fläche bedeckte. Betrachtete man jedoch das Wirrsal genauer, so entdeckte man den löblichsten Zusammenhang und Fleiß darin, indem es in einem fortgesetzten Zuge von Federstrichen und Krümmungen, welche vielleicht Tausende von Ellen ausmachten, ein Labyrinth bildete, das vom Anfangspunkte bis zum Ende zu verfolgen war. Zuweilen zeigte sich eine neue Manier, gewissermaßen eine neue Epoche der Arbeit; neue Muster und Motive, oft zart und anmutig, tauchten auf, und wenn die Summe von Aufmerksamkeit, Zweckmäßigkeit und Beharrlichkeit, welche zu der unsinnigen Mosaik erforderlich war, auf eine wirkliche Arbeit verwendet worden wäre, so hätte ich gewiß etwas Sehenswertes liefern müssen. Nur hier und da zeigten sich kleinere oder größere Stockungen, gewisse Verknotungen in den Irrgängen meiner zerstreuten, gramseligen Seele, und die sorgsame Art, wie die Feder sich aus der Verlegenheit zu ziehen gesucht, bewies, wie das träumende Bewußtsein in dem Netze gefangen war. So ging es Tage, Wochen hindurch, und die einzige Abwechslung, wenn ich zu Hause war, bestand darin, daß ich, mit der Stirne gegen das Fenster gestützt, den Zug der Wolken verfolgte, ihre Bildung betrachtete und indessen mit den Gedanken in die Ferne schweifte.« Mit der letzten Wendung ist die Verbindung mit dem mehr passiven Formspiel hergestellt, für das wir S. 24 ff. vorwiegend Goethe und Lionardo als Zeugen aufriefen.. – Auch das willkürlich freie Schalten mit der Umwelt draußen, die nur Material ist, nicht mehr Wertobjekt, entzieht sich unserem Wunsche nach spezifischen Symptomen – denn in jeder Phantasiekunst und in jeder auf Abstraktion hinzielenden Gestaltung ist die gleiche Tendenz lebendig und oft genug viel konsequenter. Freilich herrscht in der Kunst meist überzeugend ein Gesetz formaler oder inhaltlicher Einheit trotz aller Lockerung der naturgegebenen Zusammenhänge. Man vermag einen »Sinn« in schwer zugänglichen Bildwerken wenigstens noch zu erfühlen. Für viele Zeichnungen von Kindern dagegen, von Medien und für manche Darstellungen Primitiver trifft dies Unterscheidungsmerkmal nicht mehr zu, wie denn andererseits nicht selten phantastische Werke Geisteskranker trotz weitgehender Realitätslockerung eines Sinnes durchaus nicht entbehren. Und ähnlich steht es mit der Symbolgestaltung. Absurde Diskrepanz zwischen dem anschaulich Gegebenen und dem damit Gemeinten weist am ersten auf schizophrene Störung hm. Aber im Grunde ist es nicht die schizophrene Seelenverfassung als solche, die sich in diesem Symptom äußert, sondern die kindlich spielerische Freude daran, einfallsmäßig Beziehungen zu stiften, wie sie außer dem Kinde auch dem Primitiven eigen ist, aber weiterhin dem »Schwachsinnigen« jeder Art und schließlich jedem phantasiebegabten Erwachsenen, der sich gelegentlich von den Fesseln der Ratio befreit und sich in freiem Form- und Deutespiel ergeht. Der großen Beispiele aus der Kunst: Bosch, Breughel, Kubin u. a. muß man dabei stets eingedenk sein.

Daß eine Deutung des zeichnerischen Linienverlaufs als Ausdrucksbewegung im Sinne der Graphologie noch nicht genügend vorbereitet ist, wurde schon dargelegt. Immerhin darf man aufrechterhalten, daß es eine Art ungestümer Rhythmik der Strichführung gibt, die uns rein durch ihre atemberaubende Dynamik so stark beunruhigt, daß wir unmittelbar anschauend den befremdenden seelischen Zustand des Urhebers erleben. Gerade dieses Unheimlichkeitserlebnis an der Rhythmik des Werkes bereiten jedoch vorwiegend geübte Künstler, die einer schizophrenen Erkrankung verfallen: aus unserem Material liefert der Kunstschlosser Pohl das überzeugendste Beispiel und gemahnt dann an Vincent van Gogh in seinen letzten Bildern. Wem diese vertraut sind, der bedarf keiner umschreibenden Erläuterungen mehr, die der Ungeheuerlichkeit dieses Eindrucks doch nie gerecht werden können. Uns sind zwei weitere Maler bekannt, bei denen die Krankheit eine völlig entsprechende dynamische Eigenbewegung in das Strichgefüge brachte. Und es ist höchst wahrscheinlich, daß die Weiterentwicklung solcher Selbstentflammung des Striches, wie man auch sagen könnte, zu einer anderen Eigenschaft überleiten würde, die wir wiederholt betonten: nämlich zu der ornamentalen Behandlung der Darstellungsmittel, die neben ihrer darstellenden Funktion eine Art Sonderexistenz zu führen beginnen. Eine solche Sonderexistenz hegt einerseits in den bewegten Kurven, die unzweifelhaft einer höchst gespannten Erregung entstammen. Und dem entspräche auf der anderen Seite das lockere ornamentale Spielen mit den Darstellungsmitteln als Ausdruck eines ruhigen Seelenzustandes. Der aber ist ebenso wie jener erregte in einer Richtung dissoziiert oder gespalten: es klaffen auseinander die zwei Tendenzen, die abbildende und die ordnende, jede sucht sich rücksichtslos an den Strichkurven durchzusetzen. Man ist versucht, von einer Demonstration schizophrener Mechanismen in solchem doppelt orientierten Liniengefüge zu reden. Daß man sich trotz dieser höchst überzeugenden Zusammenhänge vor Schematisierung hüten muß, beweisen die meisten Zeichnungen des Falles Beil (Abb. 135-138) mit ihrem vereinheitlichenden Zitterstrich, der ebenfalls bei unzweifelhafter Abbildetendenz sich in Ornamentspielerei ergeht. Es handelte sich aber dort mit einiger Sicherheit um Manie, nicht um Schizophrenie.

Was uns von der stofflichen Seite eindeutig auf die Diagnose Schizophrenie führt, ist ebenfalls nicht gerade viel. Wir betonten und suchten auch nach Gründen dafür, wie selten Halluzinationen dargestellt werden. Man könnte geneigt sein, Unheimlichkeitserlebnisse als spezifisch anzusehen, wird aber finden, daß diese in der Kunst der Primitiven und in vielen Perioden der Kunstgeschichte eine bedeutende Rolle spielen. Wo dämonische Vorstellungen lebendig sind, wuchern gerade solche Darstellungen angsterregender Gestalten. Am weitesten hat es der asiatische Osten damit getrieben: Japan, China und besonders Tibet mit seinen typischen Gebetsfahnen, jenen Sammelstätten aller erschreckenden Geister und Dämonen. Auch ein flüchtiger Einblick in den Machtbereich solcher Unheimlichkeitsträger im westeuropäischen Mittelalter warnt uns nachdrücklich vor kurzsichtigen Verallgemeinerungen. So bleibt uns nur übrig, von einer Bevorzugung des Vieldeutigen, Geheimnisvollen, Unheimlichen zu reden und von einer Hinneigung zu magisch-zauberischen Beziehungen, wodurch wir wiederum die Verwandtschaft mit dem Primitiven auch auf stofflichem Gebiet anerkennen. Ausgeschlossen ist also kein Stoffgebiet. Vernachlässigt wird die schlichte Abbildung der realen Umwelt. Bevorzugt wird das für die eigene Person Bedeutungsvolle, das natürlicherweise vorwiegend auf religiösem und erotischem Gebiete wurzelt und gern mit magischen Vorstellungen verquickt ist.

Das Gesamtergebnis unserer Umschau ist bescheiden, Man kann nicht mit Sicherheit sagen: dies Bildwerk stammt von einem Geisteskranken, weil es diese Merkmale trägt. Dennoch drängte sich bei einer ganzen Anzahl unserer Bilder unmittelbar ein beunruhigendes Fremdheitsgefühl auf, das wir immer wieder auf die schizophrene Komponente glaubten beziehen zu müssen. Und zwar nicht nur per exclusionem, sondern weil wir ähnlicher Wirkungen von anderen Äußerungen unserer Kranken eingedenk waren. Messen wir solcher unmittelbaren Resonanz unserer aufnahmebereiten Person – anders formuliert: unserem spontanen Erfassen fremder Ausdrucksbewegungen – schon an und für sich die gewichtigste Bedeutung bei, wo immer wir uns bemühen, in fremdes Seelenleben einzudringen, so weist das magere Resultat unserer Merkmalprüfung uns zwingend darauf hin, unseren erlebten Gesamteindruck in Worte zu fassen. Es gilt mit möglichst geringer Schematisierung die Eigenart derjenigen Bildwerke zu kennzeichnen, die sich am stärksten von aller sonst bekannten Bildnerei unterscheiden. Und dies können wir nicht anders, als daß wir uns in den Bildner hineinversetzen und seiner Gesamthaltung in bezug auf Gestaltungstendenzen, Ich und Umwelt innezuwerden trachten. – Wir glauben dies zu finden (was auch aus dem Erlebnisgrunde heraufdrängen und in Gestaltetem Ausdruck suchen mag): Der Schizophrene richtet im Gestaltungsvorgang aus ungesiebten Zufällen und unbedachter Willkür eine Art von Formgesetzlichkeit auf, die nicht nach sinnvoller Einheit strebt. Indem sich Einfälle hemmungslos aneinanderreihen, entsteht aus der naiven Rhythmik der Strichführung eine äußere formale Einheitlichkeit. In günstigen Fällen schließen sich die beiden an sich divergenten Tendenzen (Stoffgestaltung und formale Einheitstendenz) ohne bewußte Führung zusammen – dann entstehen Werke, die auf dem Boden ernsthafter Kunst gewertet werden müssen. Meistens aber macht der Gestaltungsvorgang sozusagen kurz vor der eigentlichen Schöpfung halt – die Einfälle bewahren sich noch ihr selbständiges Dasein, ohne sich einer Obervorstellung einzuordnen, die Eigenbewegung der Kurven hält sich noch unabhängig von dem Rhythmus des Gesamtwerkes – oder aber dieser setzt sich rücksichtslos durch und vergewaltigt jede Einzelform. Mögen auch verschiedene Nuancen dieses Kampfes von autonom sich gebärdenden Einzeltendenzen auftreten, von zentraler Bedeutung ist wohl nur diese eine: das Verweilen auf dem Augenblick vor der Entscheidung, das denn allerdings in jeder Beziehung für den Schizophrenen kennzeichnend ist und in jeder Spaltungserscheinung, in jeder ambivalenten Einstellung steckt.

Man kann dies Verweilen in einem Spannungszustande vor der Entscheidung leicht in Verbindung bringen mit dem Autismus und der mangelnden Wirklichkeitsanpassung des Schizophrenen. Jedes Sichabwenden von der Umwelt, die sich doch in zahlreichen sinnlichen Eindrücken ständig aufdrängt, führt zu der Doppelorientierung, von der öfter die Rede war – der Kranke ist Gott, fegt aber willig die Stube, der Arzt ist Postbote und Kohlenträger. Wenn man auch heute in solchem Spiel nicht mehr eine Intelligenzstörung sieht, so wird doch vielleicht nicht genügend betont, daß offenbar in dem Spannungsgefühl solcher ambivalenten, gespaltenen, doppelt orientierten Phänomene das Weltgefühl des Schizophrenen gipfelt. Von hier aus ist auch schließlich der letzte, vielleicht allein ganz stichhaltige Unterschied typisch schizophrener Gestaltung von aller übrigen Gestaltung zu verstehen: alles Gestaltete rechnet seinem Wesen nach damit, in dem Mitmenschen Resonanz zu finden, so aufgefaßt zu werden, wie es gemeint ist. Die Gewißheit solcher Resonanz trägt jeden Künstler und nährt seinen Schaffensdrang. Auch hinter der verzerrtesten negativen Einstellung nicht nur zu dem Publikum, sondern auch zu der Menschheit, die das eigene Werk nie verstehen würde, lebt die Zuversicht, »die Welt« werde eines Tages beglückt aufnehmen, was der Verkannte voll Welt Verachtung schafft. Auch der Einsamste lebt auf dem Grunde seines Weltgefühls noch im Kontakt mit der Menschheit – sei es auch nur durch Wunsch und Sehnsucht. Und dieses Grundgefühl spricht aus allen Bildwerken »Normaler«. Dagegen nun ist der Schizophrene allerdings aus diesem Menschheitskontakte gelöst und seinem Wesen nach weder geneigt noch fähig, ihn herzustellen. Könnte er das, so wäre er geheilt. Von dieser völligen autistischen Vereinzelung, dem über alle Schattierungen psychopathischer Weltentfremdung hinausgehenden grauenhaften Solipsismus spüren wir in den typischen Bildwerken den Abglanz, und hiermit glauben wir die Eigenart schizophrener Gestaltung im Kern getroffen zu haben.

Es bleibt noch übrig, eine psychopathologische Frage aufzuwerfen, die auf Grund unserer Studien anders beantwortet werden muß als bislang. Den meisten Autoren, die sich über Bildwerke Geisteskranker geäußert haben, galt es von vornherein als ausgemacht, daß die Krankheit nur destruktiv wirke, daß man also nur Verfallserscheinungen an den Bildwerken feststellen könne und höchstens manche psychotischen Inhalte in unmittelbar eindrucksvoller Weise dargestellt finden würde. Bei Künstlern aber sollte stereotype Wiederholung des Gewohnten den Verfall einleiten. Demgegenüber lehren unsere Erfahrungen folgendes.

Wenn man die unbeholfenen mehr kindlichen Arbeiten ausschaltet, die mancher gesunde Erwachsene ähnlich machen würde, so kann man unter dem Rest mehrere Gruppen bilden, die sich jedoch keineswegs ausschließen, sondern jedesmal nur einen Gesichtspunkt zur Geltung bringen. Eine Art von Bildwerken entsteht nämlich durch starkes Überwiegen einzelner Gestaltungs- (zumal Ordnungs-)tendenzen, wobei nicht selten ganz originelle Leistungen herauskommen. Eine andere Art ist bestimmt durch die Verschrobenheiten des Urhebers und bringt daher schwer durchschaubare wirre Kombinationen von Formteilen, deren Beziehung sich nicht aus dem sinnlichen Eindruck entnehmen läßt. Hierbei sind Werke von wirklichem Gestaltungsniveau sehr selten. Anders würde eine dritte Gruppe aussehen, in der man die konsequente Darstellung von Erlebnissen der Kranken vereinigte. Unter diesen gibt es eine große Zahl, die der Grundforderung aller Gestaltung vollkommen entspricht – nämlich dem Beschauer eindeutig ein Erlebnis zu vermitteln. Und solche Gestaltungsaufgaben zu lösen, zeigen sich die ungeübten Leute oft genug auch bei technischem Ungeschick sehr wohl befähigt. Man muß darin den Beweis erblicken, daß eben solche Erlebnisse, die den Kranken sehr nahe gehen, geeignet sind, ihre Gestaltungskräfte zu aktualisieren. Am stärksten drängt sich das in der Tat auf, wo es sich um Unheimlichkeit handelt. – Schließlich muß man unter dem Gesichtspunkt der angeborenen formalen Begabung das Material durchmustern und wird mit großer Wahrscheinlichkeit die Mehrzahl unserer ergiebigen Fälle in einer solchen Gruppe vereinigen. Überschlägt man dann, wie groß der Prozentsatz der überhaupt zeichnenden Kranken ist – er beträgt an dem ziemlich gründlich durchsuchten Material der Heidelberger Klinik noch nicht zwei Prozent – und wie viele ausgesprochene Begabungen sich darunter finden, so scheinen die Verhältnisse durchaus denen bei Nichtkranken zu entsprechen. Das heißt also, daß die Geisteskrankheit nicht etwa aus Unbegabten Begabte macht und mit größter Wahrscheinlichkeit niemanden zum Gestalten veranlaßt, der nicht eine konstitutionelle Bereitschaft dazu besitzt. Infolgedessen kann man bei wirklich Ungeübten nur von einer in der Krankheit auftretenden Mobilisierung eines latenten Gestaltungsdranges reden, ohne daß für die Verwendung des Verfallsbegriffes ein Anhaltspunkt sich böte. Und man muß zugeben, daß dabei im Ornamentalen wie in der Schilderung von Erlebnissen manche starke und originelle Leistung zustande kommt.

Anders stellt sich das Produzieren bei Geübten dar. Hier müssen wir unterscheiden zwischen einem Gestalten in gewohnten Bahnen, wobei lange Zeit keine Veränderung zu bemerken ist, und den Bemühungen, für das neue psychotische Weltbild – in dem autistische Vorstellungen jedem »Wirklichkeits«anspruch überlegen sind – bildnerischen Ausdruck zu finden. So verstiegen und sonderbar der Niederschlag dieser Bemühungen aussehen mag, so konnten wir in dem Falle Welz doch sicher nachweisen, daß gleichzeitig völlig harmlose Naturstudien in gewohnter Manier angefertigt wurden. Ein anderer Fall machte als verschrobener Endzustand zahlreiche ernsthafte Naturstudien wie früher, und der Fall Pohl entwickelte seine geläufige Technik weiter, während er schon vollkommen sprachverwirrt war. Es fehlt nicht an weiteren Belegen für die gleiche Erscheinung. Bestehende bildnerische Fähigkeiten werden also nicht notwendig von dem schizophrenen Prozeß zerstört, sondern können lange Zeit unverändert erhalten bleiben, soviel ist gewiß.

Damit hat es aber nicht sein Bewenden, sondern wir haben überdies bewiesen, daß im Verlaufe seines schizophrenen Prozesses, während der Kranke zu einem völlig verschrobenen, unzugänglichen Endzustande mit allen typischen Symptomen in höchster Steigerung verfällt, seine Produktion sich von äußerlicher kunstgewerblicher Gewandtheit zu einer Gestaltungskraft großen Stils entwickelt, die ihm Bildwerke von unbestreitbarer guter Qualität im Sinne der Kunst gelingen läßt. Und dies nicht nur in dem einen Falle Pohl, sondern bei mehreren anderen Fällen (besonders Moog und Brendel) drängte sich die gleiche Beobachtung auf. Dagegen war ein stufenweise auftretender Verfall, der dem Verfall der Persönlichkeit parallel gegangen wäre, bei keinem der begabten Bildner zu erkennen. Vergleichen wir damit, was wir von schizophrenen großen Künstlern wissen, so passen die Tatsachen nicht schlecht zusammen. Niemand wird bestreiten, daß van Gogh in seiner Krankheit einen Zustrom von produktiver Potenz erhielt, der ihn auf eine früher unerreichbare Gestaltungsstufe hob. Das gleiche gilt von zwei anderen, uns bekannten Fällen. Bei dem Schweden Josephson Veröffentlicht wurden von Zeichnungen Josephsons aus der Zeit seiner schizophrenen Erkrankung etwa 40 Blätter in einer Mappe, herausgegeben von Paulson, Stockholm 1919 (»Josephsons Teckningar«). Einige Blätter davon sind reproduziert in dem Aufsatz von Hartlaub »Der Zeichner Josephson« Genius Bd. 2. 1920. Eine zusammenfassende Bearbeitung der Werke von sicher geisteskranken Künstlern hoffen wir in einiger Zeit vorlegen zu können. liegen die Verhältnisse dagegen verwickelter, weil keine Arbeiten aus den ersten Jahren seiner Krankheit veröffentlicht worden sind, sondern erst Spätwerke, die trotz eines großen morbiden Reizes in der ornamentalen Sonderexistenz des Strichgefüges und ähnlichen Zügen etwas lahm wirken und allzu enge an Arbeiten ganz Ungeübter gemahnen. Nur die »Erschaffung Adams« läßt gegen seine früheren Werke aus gesunden Tagen einen starken Zuwachs an Gestaltungsintensität erkennen, während zugleich eine gewisse Lockerung der Mittel zusammen mit der Neigung zu ungewöhnlichen Raumverhältnissen dem Bilde etwas Befremdendes, Unheimliches verleiht. – Bleiben also gelegentlich trotz des schizophrenen Verfalls einer Persönlichkeit ihre bildnerischen Fähigkeiten ungestört, so erfahren sie in manchen Fällen nicht nur in der akuten Phase, sondern sogar im Stadium des Endzustandes eine Steigerung. Die Gestaltungskraft vermag aus dem schizophrenen Abbauprozeß eine produktive Komponente zu ziehen.


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