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IV.

Unsere Darstellung soll vom Material ausgehen. Die Bildwerke sollen nicht nach einem festen Maßstabe gemessen und geprüft werden. Sondern so vorurteilslos, wie irgend möglich, wollen wir sie schauend zu erfassen suchen, und analysieren, was wir erschauen. So ernsthaft wir auf eine vorurteilslose Betrachtung ausgehen, so überlassen wir uns doch keineswegs der Illusion, als sei solchem Bemühen etwas wie eine voraussetzungslose Betrachtung möglich. Wir schicken daher in einem theoretischen Teil kurz voraus, was uns an psychologischen Grundlagen für jede Betrachtung von Bildwerken gesichert erscheint. Wie schon angedeutet, steht der Begriff der Gestaltung mehr als in den meisten kunsttheoretischen Erörterungen für uns im Mittelpunkte. Und zwar letzten Endes nicht aus einem psychologischen, sondern aus einem metaphysischen Grunde. Weil wir nämlich das Leben überhaupt als eine Hierarchie von Gestaltungsvorgängen auffassen, und nur auf solcher Grundlage zu stichhaltigen Wertungen irgendwelcher Art glauben gelangen zu können. Indem wir die psychologischen Wurzeln des Gestaltungstriebes beim Menschen aufsuchen, erkennen wir in dem Ausdrucksbedürfnis das Zentrum der Gestaltungsimpulse, die aber aus dem ganzen Umkreise des Seelischen genährt werden. Von diesem Mittelpunkte aus werden die Gestaltungstendenzen entwickelt, deren mannigfache Mischung die Art des entstehenden Bildwerks bestimmt. Entscheidend bleibt aber die Grundlage, daß alles Gestaltete Ausdrucksbewegungen des Gestalters verkörpert, die als solche unmittelbar, ohne Zwischenschaltung eines Zweckes oder sonst einer rationalen Instanz erfaßbar sind. Wenn auch bis heute die Theorie der Ausdrucksbewegungen nur in der Graphologie zu einem System geführt hat, so hängt doch für eine fruchtbare Erforschung bildnerischer Tätigkeit viel davon ab, wieweit es gelingt, solche Erfahrungen auch hier nutzbar zu machen. Nur dann nämlich wäre es möglich, geistige Störungen aus Bildwerken sicher zu erkennen. Was wir in dieser Hinsicht beibringen können, sind erste Anfänge. Es fehlt durchaus an Vorarbeiten. Und das ist sachlich bedingt. Gehören doch dazu seltene instinktmäßige Fähigkeiten und viel Erfahrung und Kritik. Obendrein stehen solche Forschungen heute nicht hoch im Kurs, weil sie eben nicht auf exakt Meßbares ausgehen.

Die kurze Vergegenwärtigung einer Theorie der Gestaltung in ihren Hauptzügen wird ergänzt durch den Abschnitt über »Anschauungsbild und Gestaltung«, der wiederum nur Notwendigstes zu erfassen versucht. Wir versprechen uns von dieser Vorbereitung als Gewinn, daß man unser Bestreben, unvoreingenommen, ohne formulierte Fragen, und zunächst ohne Wertung an jegliches Gebilde heranzutreten, darnach eher gelten lassen oder gar annehmen wird. Unsere Einstellung hat stets einen im weitesten Sinne phänomenologischen Zug, wenn sie auch nicht geradezu mit der strengen Methodik Husserlscher Prägung in Beziehung gebracht werden soll. Aber letzten Endes suchen auch wir nicht psychologische Erklärungen, sondern Wesensschau.


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